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Weiser and Wesir: Studien zu Vorkommen, Rolle and Wesen des Gottes Thot am agyptischen Toten-buch.

Weiser and Wesir: Studien zu Vorkommen, Rolle and Wesen des Gottes Thot am agyptischen Toten-buch. By MARTIN ANDREAS STADLER. Orientalische Religionen in der Antike, vol. 1. Tixbingen: MOHIZ SIEBECK, 2009. Pp. xvi + 541, illus. [euro] 99.

Fast zwanzig Jahre ist es her, seit mit Herbert SpieB',,Aufstieg eines Gottes" die letzte groBere Studie zum Gott Thot publiziert wurde; vor dieser hatte es bereits drei weitere monographische Abhandlungen aus der Feder Boylans, Bleekers and Derchain-Urtels gegeben, die sich mit dieser zentralen Gottheit des agyptischen Pantheon beschafftigen. Die nun von Martin A. Stadler im Druck vorgelegte Habilita-tionsschrift ist das bislang umfangreichste Werk zu Thot, das sich sowohi im Quellenschwerpunkt als auch dem methodischen Ansatz deutlich von semen Vorgangern unterscheidet. Gerade daB Uberhaupt dezidierte Ausfuhrungen zur gewdhlten Methodik and eine kritische Auseinandersetzung mit den speziellen Herausforderungen and Problemstellungen einer Gottermonographie einleitend vorangestellt werden, ist als ein Pluspunkt des Buches hervorzuheben. Stadlers prinzipiellen Erwagungen zu dieser Thematik, die Ober den Tellerrand der Agyptologie hinausblicken and Losungsstrategien der Altorien-talistik auf Brauchbarkeit fur das eigene Unterfangen prufen, eignet Modellcharakter, zumindest bieten sie wertvolle Impulse fur die Ausarbeitung kunftiger Gottermonographien.

Nach der Analyse von Starken and Schwachen der bisherigen Untersuchungen zu Thot entscheidet sich Stadler dazu, das Wesen des Gottes auf Basis der funeraren Spruchcorpora, insbesondere des Totenbuches, herauszuarbeiten; Pyramiden- und Sargtexte werden erganzend herangezogen. Dieser methodische Ansatz scheint--zumindest fur einen Gott wie Thot--noch der praktikabelste: Statt sich in der schier unuberblickbaren FUlle von Quellen zu verzetteln, entwirft der Verfasser ein aussagekraft-iges Portrat des Thot auf einer klar umrissenen Materialgrundlage von noch dazu vergleichsweise langer chronologischer Reichweite.

Freilich sind mit einer uber lange Zeit hinweg and in so vielen Textzeugen tradierten Spruch-sammlung wie dem Totenbuch besondere methodische Probleme verbunden, welche die Textuberlief-erung and damit zusammenhangend die Bewertung der jeweiligen Einzelquellen betreffen. Stadler warnt hier vor zu strikt angewandten Auflagen and Restriktionen, was die Verwendbarkeit der Quellen angeht: Probleme wie etwa die schwierige Frage nach dem Alter and damit der Ursprunglichkeit eines Textes durften nicht dazu fuhren, daB diese Quellen aus methodischen Erwagungen ausgeschlossen werden. Nach Meinung des Rezensenten geht der Verfasser in die richtige Richtung, wenn er erst gar nicht versucht, Uber die Textkritik einen--letztlich hypothetisch bleibenden--Urtext zu generieren (zu Stadlers eingeschrankter Anwendung von Textkritik vgl. jedoch p. 44), sondern Veranderungen im Wortlaut der konkreten Spruche durchaus Rechnung tragt; letztere konnen fur die Entwicklung and das Wesen des Gottes Thot durchaus relevant and aufschlussreich sein. Textemendationen werden von ihm entsprechend mit Zuruckhaltung vorgenommen (ein Beispiel auf p. 122).

Ehe sick der Verfasser mit dem Wesen des Thot im Totenbuch auseinandersetzt, erortert er einleitend die Bedeutung des Hauptkultortes des Gottes, Hermupolis, als einer der moglichen pragenden geistigen Ursprungsorte des Totenbuches; Thots haufiges Auftreten in diesem Spruchcorpus scheint in diesem Zusammenhang nicht das unmittelbare Resultat eines dominanten, auswahlenden hermupoli-tanischen Einflusses bei der Redaktion des Totenbuches zu sein, sondern ist viel eher auf die groBe uberregionale Bedeutung and Wertschatzung des Gottes zuruckzufuhren (pp. 68-115).

In etwa einem Drittel der Tb-Spruche kommt Thot vor; diejenigen, in denen der Gott eine gewich-tigere Rolle spiels, bezeichnet der Verfasser als, Thotspruche"; einige davon sind als solche auf Anhieb zu erkennen, bei anderen ist dies zunachst weniger evident. Em Hauptteil des Buches werden die Aspekte, Funktionen und, in gewissem Rahmen, auch die Entwicklung des Gottes auf der Grundlage von hauptsachlich drei Dutzend Totenbuch-Spriichen erarbeitet; Tb 1, 4, 5, 8, 9 (73), 18, 20, 31c, 60, 62, 69, 70, 92, 94-97, 114, 116, 123/139, 124, 125, 130, 131, 134, 135, 144-47, 149, 161, 175a, 182, 182, 183. (Die Spruche werden in Transkription and Ubersetzung geboten, beides mit einem Anmerkungsapparat, der Varianten der Sargtexte einschlieBt, versehen.)

Etwaige Bedenken hinsichtlich ciner zu, einseitigen" oder zu stark fokussierten Materialgrundlage, die sich zunachst regen mogen, werden durch die Vielseitigkeit des Portrats, das Stadler von Thot mit Hilfe des Totenbuches entwickelt, zerstreut. Der Autor stellt nicht nur altbekannte Wesensseiten des Gottes in neues Licht (etwa seine Rolle als Mondgott, seine Funktion als Schreiber" oder seine Urhaftigkeit"), sondern kommt auch auf weniger prominente Aspekte zu sprechen, etwa im Zusam-menhang mit Tb 18 auf die kriegerische Seite des Thot. Stadler differenziert auch in adaquater Weise zwischen Thot als originarer, handeinder Autor and Thot als Sekretar der Gotter (p. 79); trotz gegen-teiliger Sichtweise innerhalb der Agyptologie bestehen beide Rotten des Gottes nebeneinander.

Zu den im positiven Sinne originellsten Teilen des Buches zahlen sicherlich die neuen Ausfuh-rungen zu Thot-wer (pp. 172-86), die ErschlieBung des mythisch-rituellen Hintergrundes von Tb 5 ( Pavianopfer"; pp. 193-99), der Vergleich der Thot-Aretalogie" von Tb 182 mit den (Ideal-)Auto-biographien u.nter Benennung ihrer strukturellen Verwandtschaft (z.B. jnk NN-Formel; pp. 227-34), vor allem aber die Sektion, in der die Torspruche des Totenbuches mit den Augensagen (Ruckfiih-rung der Fernen/Gefahrlichen Gottin and Millen des Udjat-Auges) in Zusammenhang gebracht. werden (pp. 2351.); besonders erleuchtend sind hier die Vergleichstabellen mit den Beschreibungen der gef ihrlichen Tore aus Spruch Tb 145 auf der einen Seiten and begrifflich ahnlichen Beschreibungen der Fernen Gottin auf der anderen (pp. 282-94). Trotz gewisser Bedenken des Verfassers selbst dUrften seine Thesen richtungsweisend fur die wei.tere Erforschung der Torspruche sein; die augenfallige Ver-wandtschaft der Epitheta Iegt zumindest eine ahnliche Auffassung vom Wesen der Jenseitstore and dem der Gittin nahe, beide mussen durch zu rezitierendes, thothaftes" Wissen besanftigt and als Gefahr uberwunden werden.

Eingeflochten in die eigentlichen Ausfuhrungen zur Thot-Theologie und -Mythologie im Spiegel des Totenbuches sind immer wieder kleinere Einzelstudien (etwa zu lexikalischen Problemen (z.B zu islt3s. [pp. 144-45] and den Schreibungen von 'w, Deuter, Dolntetscher" [app. 387-91 ] und kontrovers interpretierten Stellen in altbekannten Texten), die die Lekture Uber das eigentliche Thema des Werkes hinaus bereichern. GewissermaBen nebenher setzt sich Stadler zudern kritisch mit festem agyptolo-gischen Inventar, wie etwa dem von Brunner-Traut gepragten Begriff der Aspektive auseinander (vgl. pp. 19-20).

Ebenso gelingen ihm wichtige Korrekturen zu bisherigen Einschatzungen religionshistorischer Fragen, s. etwa die Beobachtung, daB die Kosmogonie von Hermupolis contra Bickel keine Schbp-fung erst des Neuen Reiches ist, sondern wohl schon auf das Mittlere Reich zuruckgeht (pp. 90 and 186-88). Sehr niitzlich ist die Zusammenfassung der Diskussion um Mythosbegriff and Geschichte des Mythos innerhalb der Agyptologie; Stadler spricht rich mit guten Argumenten iur einen Primat des Mythos gegeni bcr dem Ritual aus (p. 60); auch nach Uberzeugung des Rezensenten sind Rituale in einem bestimmten mythologischen Hintergrund verankert, somit im Verhalt.nis zum Mythos sekundar.

Angesichts der sorgsamen and tiefschUrfenden Auswertung der Texte des Totenbuches bedauert man es cin wenig, daB die thotrelevanten Vignetten in Stadlers Arbeit nicht ebenso systematisch erschlossen werden; im Interesse einer moglichst vollstiindigen Studie zu That in Totenbuch ware dies ungeachtet der, betrachtliche[n] Erweiterung des Untersuchungsgegenstandes" (p. 53) willkommen gewesen. Nichtsdestotrotz darf man den Verfasser wie auch das Fach zu der neuen, ebenso erkenntnis-reichen wie wohliiberlegt konzipierten Abhandlung begluckwunschen.

HOLGER KOCKELMANN UNIVERSITAT TUBINGEN
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Author:Kockelmann, Holger
Publication:The Journal of the American Oriental Society
Article Type:Book review
Date:Apr 1, 2011
Words:1119
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