Printer Friendly

Vogel, Ilse-Margret. Uber Mut im Untergrund: Eine Erzahlung von Freundschaft, Anstand und Widerstand im Berlin der Jahre 1943-1945.

Vogel, Ilse-Margret. Uber Mut im Untergrund: Eine Erzahlung von Freundschaft, Anstand und Widerstand im Berlin der Jahre 1943-1945. Berlin: Lukas, 2014. 220 pp. 19.80 [euro] (hardcover).

Warum kauft eine junge Frau, die die Nazis hasst, in ganz Berlin Hitler-Bilder? Weil sie die Rahmen braucht. Rahmen bekommt man in den letzten Kriegsjahren aber nur noch sehr beschrankt. Fuhrerbilder dagegen in rauen Mengen. Die junge Kunstlerin Ilse Vogel wiederum halt sich uber Wasser, indem sie Kitsch-Gemalde malt, die sich sehr viel besser verkaufen, wenn sie gerahmt sind. Also ...

Also kann Ilse Vogel auch mal jemanden durchfuttern: Einen zum Beispiel, der keine Lebensmittelkarten hat. Und auch keine bekommt. "Mut im Untergrund" ist ein erstaunliches und ein sehr rares Buch. Unter Widerstand gegen das NS-Regime versteht man gemeinhin den (wie auch immer) organisierten Widerstand. Es gab aber im Deutschen Reich auch Menschen, die den Nationalsozialismus und seine Politik verabscheuten und quasi privat, als Einzelne und mit vertrauenswurdigen Freundinnen und Bekannten, ihrem Abscheu Ausdruck verliehen: Indem sie Verfolgten halfen, sich dem Wehrdienst entzogen, verbreiteten, was sie heimlich beim BBC gehort hatten, oder auch "nur" den Hitlergruss verweigerten und standig neue Varianten fanden, um nicht "Heil Hitler" sagen zu mussen. Wissend, dass all das bittere Folgen fur sie haben konnte.

Ilse Vogel, die Autorin dieses Buches, war so ein Mensch. Aufgewachsen in Gorlitz, nach Berlin gezogen, um dort Kunst zu studieren, kam sie bei einer Vermieterin unter, der sie, wie sich herausstellte, trauen und vertrauen konnte. Heute, genauer gesagt: seit 65 Jahren, lebt Ilse Vogel in den USA. Und da wird sie, so schreibt sie in "Mut im Untergrund," oft gefragt, warum sie das dauerbombardierte und damit hochst gefahrliche Berlin nicht verlassen habe, um in die vergleichsweise ruhige Provinz zuruckzuziehen: "Die Antwort lautet, dass kleinere Stadte zwar nicht so heftig bombardiert wurden, dort aber andere ernsthafte Gefahren drohten. Jeder, der hier nicht die Regeln und Vorschriften der Nazis befolgte, der nicht fur Hitler zu sein schien, machte sich verdachtig. [...] In den Grossstadten kamen Menschen mit einem unangepassten Verhalten eher davon" (6).

Es waren anfangs tatsachlich nur "Unbotmassigkeiten," die sie sich leistete. Doch dann versteckte sie Verfolgte in ihrem kleinen Untermietzimmer und unterstutzte die illegalen Aktionen anderer, die gleichfalls auf eigene Faust handelten--wie der Falscher Oskar Huth zum Beispiel, der ihr zu einem engen Freund wurde. Huth falschte alles, was man brauchte, um als Illegaler/Versteckter uber die Runden zu kommen: Lebensmittelmarken, Wehruntauglichkeitsbescheinigungen, Geld, Passe. Seine Chuzpe ist noch immer legendar, doch Ilse Vogel erzahlt auch von seinem lastenden Schweigen. Und von seinem virtuosen Flotenspiel, mit dem er sich selbst aus der Depression zog--und auch ihr neuen Mut machte.

Das Ungewohnliche und Anruhrende an diesem Buch sind die kleinen Geschichten, die von Frauen und Mannern erzahlen, die teils ihr Leben riskierten, ohne sich selbst als Widerstandlerinnen oder Widerstandler zu begreifen; die auch Menschen beistanden, die sie nicht leiden konnten aber trotzdem vor der Gestapo retten wollten; und die manchmal alle Vorsicht vergassen und sich Erleichterung verschafften, indem sie Messer in ein Hitler-Gemalde rammten, bis nur noch der Rahmen ubrig bleib.

Ilse Vogel erzahlt von Mut und Ubermut, von Angst und Erfindungsgeist, und zugleich vom Alltag zwischen brennenden Hausern und rauchenden Trummern, von Hunger und Obdachlosigkeit und dem nachtlichen Schrillen der Sirenen. Das Elend der letzten Kriegsjahre wurde schon von vielen beschrieben. Aus dem Mund beziehungsweise der Feder einer Frau wie Ilse Vogel, die weiss, wer all das letztlich verursacht hat, kann man davon lesen, ohne Beigaben von Larmoyanz und deutscher Opfermentalitat schlucken zu mussen.

Man wird hineingezogen in die verruckte Situation, in der sich die Autorin und ihre Freunde befanden: Standig vom Tod bedroht durch die Bomben der kunftigen Befreier, deren Ankunft sie so verzweifelt herbeisehnten. Nicht wissend, ob etwas dran war, an den Geschichten, dass "die Russen" vergewaltigten, oder ob es sich dabei um Gobbelssche Propagandalugen handelte. Konfrontiert mit der Angst und dem Grauen von halben Kindern, die Deutschland als "letztes Aufgebot" retten sollten.

"Es klingelte an der Haustur. Ich offnete. Vor mir stand ein Junge, [...] bekleidet mit einer zerknitterten Uniform, viel zu gross fur seinen mageren Korper, der eine Panzerfaust umklammert hielt. 'Entschuldigung,' sagte er, 'konnte ich ein Glas Wasser haben?'" (161). Ilse Vogel gab ihm das Wasser. Er heisse Gunter, erzahlte er, sei dreizehneinhalb und beim Volkssturm. Und er habe sich feige verhalten. Er sei davon gerannt, statt, wie die Kameraden, fur das Vaterland zu kampfen. Ilse Vogel wies ihn an, sich hinzulegen und liess ihn erst einmal ausschlafen. Dann versteckte sie ihn bei sich, bis er ging, um zu Mutter und Schwester zuruckzukehren. Ihr Freund Oskar Huth zerriss vorsorglich die Papiere des Jungen, damit er nicht in letzter Minute noch als Deserteur gehenkt wurde.

Und dann kamen sie, die sowjetischen Soldaten. Und vergewaltigten. Ilse Vogel berichtet, mit welchen Tricks sie selbst sich retten konnte. Wie die Frau eines untergetauchten Freundes, Wehrmachtsdeserteur, von zwanzig Rotarmisten hintereinander vergewaltigt wurde. Wie der nachste Trupp schon bereit stand. Wie ein Offizier der Roten Armee in den Raum sturmte, sie verjagte und ihnen befahl, sofort einen Krankenwagen zu rufen. Wie sie selbst und ihr Freund Oskar mit sowjetischen Soldaten die Befreiung feierten.

Damit endet dieses Buch, das von einer Zeit und Situation berichtet, in der Heldentaten wie gefahrlicher Leichtsinn anmuteten und Selbstverstandliches eine Heldentat sein konnte. In der vieles eindeutig war, vieles aber auch widerspruchlich und vielschichtig.
   In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich nichts mehr besass.
   Alles, was ich hatte, war mein Korper. Und ein dickes Bundel
   deutsches Papiergeld, da ich in den letzten Monaten viele meiner
   Gemalde verkauft hatte. Beim Gedanken an diese Bilder durchzuckte
   mich ein Gefuhl der Freude: Diese Bilder, die ich nie mit meinem
   richtigen Namen signiert hatte, weil ich mich fur sie schamte,
   hatten, so hoffte ich, die Schlacht um Berlin nicht uberstanden
   (186).


INGRID STROBL

Independent Scholar
COPYRIGHT 2016 American Association of Teachers of German
No portion of this article can be reproduced without the express written permission from the copyright holder.
Copyright 2016 Gale, Cengage Learning. All rights reserved.

 
Article Details
Printer friendly Cite/link Email Feedback
Author:Strobl, Ingrid
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Mar 22, 2016
Words:958
Previous Article:"Keiner wage mir zu sagen: Du sollst!:" Thea Sternheim und ihre Welt.
Next Article:Werner, Meike G., Ed. Eduard Berend and Heinrich Meyer. Briefwechsel 1938-1972.
Topics:

Terms of use | Privacy policy | Copyright © 2018 Farlex, Inc. | Feedback | For webmasters