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Transformationsforschung: wirtschafts- und sozialwissen-schaftliche Perspektiven.

Das Buch Chancen und Grenzen der Nachhaltigkeitstransformation. Okonomische und soziologische Perspektiven verdeutlicht, wie facettenreich der Transformationsbegriff ist. Letztlich bleibt kein gesellschaftlicher Bereich ausgeklammert, wenn eine "gro[sz]e Transformation" in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung angestrebt wird.

Transformation Research: Economic and Social Sciences Perspectives | GAIA 27/2 (2018): 257- 259

Keywords: economics, social sciences, sustainability, transformation

Transformation als Schlusselbegriff der Nachhaltigkeitsdebatte

Das Transformationsthema ist in der Mitte des Wissenschaftsbetriebs angekommen. Auch an der Wirtschaftsuniversitat Wien (WU), Europas gro[sz]ter Wirtschaftsuniversitat, forschen und lehren zahlreiche Wissenschaftler(innen) zu Feldern wie Nachhaltigkeit, Verantwortung und Transformation. Im Sinne der third mission der WU wird angestrebt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Diskussionen den Weg in die Offentlichkeit finden.

So versteht sich auch das Buch Chancen undGrenzen der Nachhaltigkeitstransformation. Okonomische und soziologische Perspektiven (Luks im Erscheinen). Die Beitrage sind gro[sz]teils von Mitgliedern des WUKompetenzzentrums fur Nachhaltigkeit verfasst, aber auch vonNachwuchswissenschaftler(inne)n und Forschenden anderer Wissenschaftsinstitutionen.

Transformation ist heute ein Schlusselbegriff des Nachhaltigkeitsdiskurses. Nachhaltige Entwicklung hat sich nicht nur als umwelt- und entwicklungspolitisches Ziel weitgehend etabliert, sondern ist mittlerweile ein weithin akzeptiertes Leitbild, das praktisch alle Bereiche von Wirtschaft und Politik (mit-)pragt. Dieser gro[sz]e Erfolg ist zugleich ein gro[sz]es Risiko fur das Leitbild "Nachhaltigkeit": Die Akzeptanz ist deutlich auf Kosten der Scharfe des Begriffs gegangen.

Der Transformationsbegriff verspricht, wieder mehr Klarheit, Kraft und Unterscheidbarkeit in den Diskurs uber Nachhaltigkeit zu bringen und vor allem den mit diesem Leitbild verbundenen gro[sz]en und tiefgreifenden Reformbedarf explizit zu thematisieren. "Transformation" steht fur den umfassenden gesellschaftlichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit, und zwar einen Wandel, der nicht nur technologische, sondern auch politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Veranderungen einschlie[sz]t.

Die internationale Transformations-agenda: gro[sz]e Ziele

Wesentliche Grundlagen des gegenwartigen Transformationsdiskurses sind neben (wirtschafts-)historischen Texten zu gro[sz]en Wandlungsprozessen wie Karl Polanyis Great Transformation (1944) und dem einflussreichen 2011er Gutachten des deutschen Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveranderungen (WBGU 2011) vor allem die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Mit diesen Zielen hat die internationale Nachhaltigkeitsdebatte seit 2015 sozusagen eine "offizielle" Transformationsagenda, die heute zentraler Bezugspunkt vieler zivilgesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Beitrage ist.

Die von der UN-Generalversammlung beschlossenen 17 Ziele (und 169 Unterziele) sind ausdrucklich als Transformationsagenda identifiziert--was in der (Fach-)Offentlichkeit den Kurztitel Sustainable Development Goals (SDGs) tragt, hei[sz]t vollstandig Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 fur nachhaltige Entwicklung. Darin hei[sz]t es--und es lohnt sich, dies ausfuhrlich zu zitieren (UN-Generalversammlung 2015, S. 1f.):

"Diese Agenda ist ein Aktionsplan fur die Menschen, den Planeten und den Wohlstand. Sie will au[sz]erdem den universellen Frieden in gro[sz]erer Freiheit festigen. [... ]

Wir sind entschlossen, die Menschheit von der Tyrannei der Armut und der Not zu befreien und unseren Planeten zu heilen und zu schutzen. Wir sind entschlossen, die kuhnen und transformativen Schritte zu unternehmen, die dringend notwendig sind, um die Welt auf den Pfad der Nachhaltigkeit und der Widerstandsfahigkeit zu bringen. Wir versprechen, auf dieser gemeinsamen Reise, die wir heute antreten, niemanden zuruckzulassen. [... ] Die Querverbindungen zwischen den Zielen fur nachhaltige Entwicklung und deren integrierter Charakter sind fur die Erfullung von Ziel und Zweck der neuen Agenda von ausschlaggebender Bedeutung. Wenn wir unsere Ambitionen in allen Bereichen der Agenda verwirklichen konnen, wird sich das Leben aller Menschen grundlegend verbessern und eine Transformation der Welt zum Besseren stattfinden."

Die Transformationsagenda der Vereinten Nationen reklamiert eine Art Allzustandigkeit, die eine Operationalisierung der Inhalte zu einem anspruchsvollen Unterfangen macht. Fehlende Prioritatenklarheit sowie Fulle und Breite der Ziele sind prob lematisch--was durch ihre Widerspruchlichkeit und den au[sz]erst knappen Zeithorizont bis zum Jahr 2030 noch potenziert wird.

Ein Beispiel ist das Verhaltnis von Ziel 8 (Wachstum) und 13 (Klimaschutz): Nach Stand der Dinge ist es zumindest nicht trivial, beide Ziele simultan erreichen zu wollen. Wie bei vielen internationalen Dokumenten zu Nachhaltigkeitsfragen ist auch hier ein tiefer Glauben an die Segnungen der Technologie zu spuren. Dass deren potenzieller Beitrag zur Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Umweltverbrauch moglicherweise (weit) uberschatzt wird, ist ein wissenschaftlich breit diskutiertes Thema und wird auch in Chancen und Grenzen der Nachhaltigkeitstransformation. Okonomische und soziologische Perspektiven angesprochen. Auf der internationalen politischen Ebene spielen technikskeptische Positionen so gut wie keine Rolle.

Wie die mit den SDGs angestrebten anspruchsvollen und weitreichenden Anderungen in einer globalen, arbeitsteiligen und hoch komplexen Gesellschaft tatsachlich erreichbar sind, ist freilich eine offene Frage.Verschiedene Einordnungs- und Systematisierungsversuche verfolgen das Ziel, die Fulle und Widerspruchlichkeiten der UN-Ziele gleichsam "einzufangen" und so dazu beizutragen, den Zielkatalog wirklich "transformativ" werden zu lassen.

Es gilt also--dazu gibt es wohl keine ernsthafte Alternative -, die Offenheit von Nachhaltigkeit und der an diesem Leitbild ausgerichteten Transformationsagenden "auszuhalten", zu reflektieren und gleichzeitig konkrete Schritte zu setzen. Gro[sz]e Plane sind dabei weniger wichtig als innovative Suchprozesse und weiterfuhrende Fragestellungen. Diese Gemengelage an He rausforderungen, die sich bei Transformationsprozessen in Richtung Nachhaltigkeit ergeben, spiegelt sich in den Beitragen des Bandes wider.

Themenfelder des transformativen Wandels

Die Beitrage zeigen auch die Komplexitat dieser Herausforderungen. Sie geben einen guten Einblick in Vielfalt und Breite des Transformationskonzepts. Die Autor(inn)en verdeutlichen, wie unterschiedlich man sich diesem Thema wissenschaftlich nahern kann. Letztlich bleibt kein gesellschaftlicher Bereich ausgeklammert, wenn eine "gro[sz]e Transformation" in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung angestrebt wird. Die Pluralitat der in diesem Band prasentierten Zugange zum Transformationsthema macht auch deutlich, dass unter das Dach "Transformation" ganz unterschiedliche Zugange zum Thema passen: Das Spektrum reicht von soziologischen Analysen des gesellschaftlichen Wandels uber die Befassung mit technologischen Trends und Organisationsfragen zu Transformationsaspekten des taglichen Lebens.

Dass sich angesichts globaler Herausforderungen grundlegende Dinge andern mussen, ist schwer zu bestreiten.Geht es darum, diesen Wandel zu gestalten statt nur zu erleiden, kommt der Wissenschaft eine zentrale Bedeutung zu. Wie paradox diese Herausforderung ist, zeigen die Beitrage. Es gibt Transformationsnarrative und fundierte Kritik an der westlichen Lebensweise - die Wirksamkeit bisheriger Narrative und kritischer Analysen ist allerdings alles andere als eindeutig: Zwischen Transformationsforderungen und -schritten besteht eine Lucke. Naturlich gibt es auch treibende Krafte, die bereits deutlich in Richtung einer Transformation zur Nachhaltigkeit wirken. Intersektorale Kooperationen, Aktivitaten von Bildungseinrichtungen, Veranderungen im (Personal-)Management --all dies sind Entwicklungen, die auf eine Gestaltung des Wandels gerichtet sind.

Dass die Digitalisierung ebenfalls eine Form der "gro[sz]en Transformation" ist, scheint heute au[sz]er Frage zu stehen. Die Beitrage zu diesem Themenfeld machen deutlich, dass man es mit Blick auf die "nachhaltige" Wirkung auch hier mit Paradoxien und Ambiguitaten zu tun hat. Digitalisierung kann sich gleichzeitig okologisch vorteilhaft und sozial desastros auswirken - genauso wie der umgekehrte Fall nicht auszuschlie[sz]en ist. Klar ist, auch das wird deutlich, dass die digitale Transformation die westliche Lebensweise sehr wahrscheinlich profund verandern wird und dies bereits tut, nicht zuletzt auch das Alltagsleben.

Schlie[sz]lich werden Faktoren beleuchtet, die als Hindernisse einer Nachhaltigkeitstransformation wirken: eine "Produktion" immer neuer Bedurfnisse, die negativen Auswirkungen einer unreflektierten "Magie" meritokratischer Prinzipien und der gesellschaftliche Umgang mit nachhaltigen Praxen wie dem Veganismus. Hier wird wohl besonders deutlich, wie wichtig fur eine gelingende Transformation der Faktor Wissen ist--und damit auch die Wissenschaft.

Samtliche Texte des Bands sind Teil eines umfassenden wissenschaftlichen Diskurses uber Chancen und Grenzen eines gesellschaftlichen Wandels zur Nachhaltigkeit. Dieser Diskurs uberschreitet zunehmend traditionelle disziplinare Denkweisen. Die Beitrage sind wohl nicht in einem strikten Sinne reprasentativ fur diesen Diskurs. Aber in ihren unterschiedlichen Themenstellungen und vielleicht mehr noch in ihrem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Zugriff auf die Inhalte spiegeln sie doch auf instruktive Art und Weise den Diskurs uber gesellschaftlichen Wandel wider und die Diskussion daruber, wie dieser Wandel zukunftsfahig gestaltet werden kann. In den Beitragen finden sich abstrakt-theoretische Gesellschaftsanalysen ebenso wie kritische Zeitdiagnosen und die Beschreibung und Bewertung organisatorischer und technischer Praktiken. Die Heterogenitat der hier prasentierten wissenschaftlichen Positionen zeigt die Vielfalt von Zugangen, mit denen an der WUzum Themenkomplex "Nachhaltigkeitstransformation" geforscht wird.

Wandel ist stets in vollem Gange, im Rahmen einer auf "schopferische Zerstorung" angelegten Wirtschaftsweise kann dies auch kaum anders sein. Ob dieser Wandlungsprozess nun in Richtung Nachhaltigkeit lauft (und "gro[sz]" genug ist) oder nicht (oder die Veranderungen zu "klein" sind), bleibt naturlich eine offene Frage. All das zeigt auch: Mit dem Leitbild eines Wandels zur Nachhaltigkeit stehen nicht (nur) einzelne Handlungsfelder zur Diskussion. Eine "gro[sz]e" Transformation betrifft die Art und Weise, wie im Westen gewirtschaftet, gemanagt, organisiert, innoviert, konsumiert, gelehrt und geforscht wird. Das zu reflektieren und Anregungen fur den gesellschaftlichen Diskurs zu liefern, gehort Anfang des 21. Jahrhunderts zu den zentralen Aufgaben der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Literatur

Luks, F. (Hrsg.). Im Erscheinen. Chancen und Grenzen der Nachhaltigkeitstransformation. Okonomische und soziologische Perspektiven. Wiesbaden: Springer Gabler.

Polanyi, K. 1944. The great transformation: The political and economic origins of our time. Boston, MA: Beacon.

UN-Generalversammlung. 2015. Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 fur nachhaltige Entwicklung. Resolution der Generalversammlung, verabschiedet am 25. September 2015. A/RES/70/1. www.un.org/depts/german/gv-70/band1/ar70001.pdf (abgerufen 28.05.2018).

WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveranderungen). 2011. Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag fur eine Gro[sz]e Transformation. Berlin: WBGU.

Kontakt Autor: Dr.Fred Luks | Wirtschaftsuniversitat Wien(WU) | Kompetenzzentrum fur Nachhaltigkeit | Wien | Osterreich | fred.luks@wu.ac.at

Kontakt Osterreich-Konsortium GAIA (Allianz Nachhaltige Universitaten in Osterreich): O.Univ.Prof.Dr. Josef Glossl | Universitat fur Bodenkultur Wien (BOKU) | Department fur Angewandte Genetik und Zellbiologie (DAGZ) | Muthgasse 18 | 1190 Wien | Osterreich | +43 1 4765494122 | josef.gloessl@boku.ac.at

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Title Annotation:COMMUNICATIONS / MITTEILUNGEN
Author:Luks, Fred; Bohunovsky, Lisa; Holtl, Andrea
Publication:GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society
Date:May 1, 2018
Words:1589
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