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Totenbuch-Forschungen: Gesammelte Beitrage des 2. Internationalen "Totenbuch-Symposions 2005.

Totenbuch-Forschungen: Gesammelte Beitrage des 2. Internationalen "Totenbuch-Symposions 2005. Edited by BURKHARD BACKES, IRMTRAUT MUNRO, and SIMONE STOHR. Studien zum Altagyptischen Totenbuch. vol. 11. Wiesbaden: HARRASSOWITZ VERLAG, 2006. Pp. viii + 370. illus. [member of]68 (paper).

In diesem Sammelband finden sich 27 von 32 Beitragen, die anlasslich des zweiten Symposions des Totenbuch-Projektes in Bonn 2005 als Vortrage gehalten warden und deren Druck in lobenswerter Weise zugig und mit einem optisch sehr gelungenen Layout realisiert wurde. Wie im Vorwort be-merkt, decken die jetzt alphabetisch geordneten Beitrage eine grobe thematische Bandbreite ab. Im Folgenden seien sie nach inhaltlichen Gesichtspunkten zusammengefasst.

Uber die zehnjahrige Forschungsgeschichte des inzwisehen an der Nordrhein-Westfalischen Aka-demie der Wissenschaften angesiedelten Projekts berichlet H. Kockelmann. Das produktive und erfolg-reiche Team des Bonner Projektes hatte es meines Erachtens nicht notig gehabt, die Beteiligung des Kolner Seminars fur Agyptologie auf S. 161 lediglich in einer FuBnote zu erwahnen (die Kooperation bezog sich im Ubrigen nicht nur auf die Startphase, sondern existierte von August 1994-Juli 2001). Es ware zudem in diesem Beitrag die Gelegenbeit gewesen die Personen einmal namentlich zu nennen, die groBere Bestande ihrer privaten oder aus anderen Projekten stammenden Totenbuch-Fotos und -Daten in das Projekt eingebracht haben.

B. Luscher stellt in ihrem Aufsatz eine vom Bonner Totenbuch-Projekt vollig unabhangige Editionsreihe vor, aus der inzwischen die ersten Bande erschienen sind (1) und die. herausgegeben von G. Lapp, eine andere Politik verfolgt, namlich die synoptische Prasentation ausgewahiter Quellen des Neuen Reiehes, mit der die Arbeit am Text fur alle zukunftigen Benutzer erleichtert wird: ein Sehritt auf dem Weg zu einem neuen Naville. Die im Gegensatz zur HAT-Reihe computergestutzte Wieder-gabe der Zeichen erleichtert die Vergleichbarkeit des Textbestandes und prasenliert zugleich Zeichen-drehungen, bestimmte Anordnungen u.a., wie von Luscher anschaulich geschildert wird.

Gleich funf Aufsatze beschiiftigen sich mit Matcrialfragen und Restaurierungslechniken von Papyrus. R. Fuchs hat sich der lange vernachlassiglen, umfangreichen Teile eines Totenbuches aus der 26. Dynastie in der Portheim-Stiftung Heidelberg angenommen und berichtet Liber deren Res-taurierung an der FH Koln im Jahre 2004/05. Die dabei angewandten Methoden bezogen sich auf Lesbarmachung des Textes (leider ergebnislos beim ursprUnglichen Namen des Besitzers, der erfolg-reich getilgt worden war, vgl. S. 39) sowie auf Farbanalysen der brillant erhaltenen Vignettenmalerei wobei erstmals orangerotes Realgar und Gips als Farbmittel in Papyri ausgemacht wcrden konnten. D. Oltroggc stellt in ihrem Beitrag die Bandpassfilter-Reflektographie als Hilfsmittel zur Lesbarkeit von Papyri vor. S.-E. Geiseler von der Papyrussammlung Berlin hat die Verwendung und Auswirkungen verschiedener textiler Tragermalerialicn untersucht, die friiher bei der Restaurierung von fragmentierten Papyri zum Einsatz kamen, und demonstriert die Ergebnisse u.a. an einem Munchner Papyrus des Neuen Reiehes (im Zuge der Restaurierung stellte sich ein Tnventarisierungsfehler heraus. der zeigte, dass AS 818 nicht, wie lange vermutet, im Krieg verloren ging).

K. Janis aus Miinchen legt einen allgemeinen Beitrag zur Konservierung und Restaurierung von Papyrus vor, der auf die Methoden des 19. und 20. Jahrhunderts eingeht. Bahnbrechend sind die Ergebnisse von M. Krutzsch, die sich mit den Falttechniken von altiigyplischen Handschriften be-schaftigl hat, wie sie insbesondere bei magischen Texten, Briefen und diversen dokumentarischen Papyri benutzt wurden. Tenninologisch unterscheidel sie Faltung, Wicklung und Rollung, die mitunter auch kombiniert vorkommen. Aus den Papyri konnen Faltstangen (nur in eine Richtung gefaltet) oder Faltpackchen (in zwei Richtungen gefahel) entstehen. Nur die detailgenaue Kenntnis der verschiedenen Techniken konne bei der Reslaurierung fragiler Papyrusgebilde zu einer Rekonstruktion des urspriing-lichen Textbestandes flihren, wie sie anhand einiger Beispiele darlegt. (2)

Ein weiteres Thcma ist die Traditionsgeschichte des Totenbuches. L. Gestermann befasst sich sehr inspirierend mit den Anfangen und dem "Zustandekommen" des Totenbuches, als dessen Fixpunkl sie das Theben der spaten 12. oder 13. Dynaslie ansieht. Als textexlerne Aspekle benennt sie folgende: die Nut/erschicht des friihen Totenbuches in der 2. Zwischenzeit gebe sich als deutlich konigiich zu crkennen und zeige daher einen Bruch zu den rein privat verwendelen Sarglexten. Friiheste Texttriiger seien Surge, Sargmasken und Leichentucher, dann auch Uschebtis und Skarabaen. Die Schriftform zeige sowohl Kolumnen wie Zeilen. Rubra gebe cs von Anl'ang an, retrograde Schreibweise setze sich erst allmahlich durcb, Hicratisch stehe neben Kursivhieroglyphen. Bereits zu Beginn tier Totenbuch-Uberlieferung zeichneten sich bestimmte Sequenzen ab. Vignetten fehlten noch weitestgehend. Text-intern sei festzuhalten, dass nur etwa jeder sechste Sargtexlspruch ins Totenbuch iibernommen wurde, undersherum etwa die Hulfte tier Totenbueb-Spruche Vorlaufer in den CT oder PT habe. Inwieweit die textkritische Methode beim Totenbuch Anwendung finden konnte, ist ihr cbenso ein Anliegen wie die Frage nach tiem eigentlichen Sinn und den Themen des Gesamtcorpus Totenbucb im Vergleich zu anderen funeriiren Spruchsammlungen, auBerdem nach der im Totenbucb agierenden Gotterwelt und den zugrundeliegenden Jenseitsvorstellungen.

A. Niwinski behandelt Tolenbuchexzerple in Form von Vignetten auf Sargen der 21. Dynastie, die er in fiinf "sub-periods" unterteilt. Nach Vorstellung zahlreicher Quellen gelingen ihm Aussagen zur Wage- und zur Mumifizierungsszene, zu den vier Rudern aus Tb 148, zur Kuh im Westgebirge, zu solaren Szenen und Opferdarsteilungen, zur Sykomore sowie Abbildungen von Amenophis I. und Thulmosis III. auf den Sargen, in denen er verschiedene Beziige zum Areal von Deir el-Bahari erkennt. Mil dem Ende der Totenbuch-Tradicrung befasst sich B. Lejeune am Beispiel des pLouvre N. 3125, dessen Besitzer aus einer bekannten thebaniscben Priesterfamilic stammt und in die erste Halfte des 1. Jh. v. Chr. datiert werden kann. Der Papyrus enthalt am Ende einen Text, der auf die Thematik des Buches vom Atmen verweist und zeigt in den Totenbuchspruchen mehrfach Verkur-zungen, andererseits den seltcncn Spruch Tb 54 "urn atmen zu konnen". Diese Besonderheiten mbchtc Lejeune nichf als Zeugnisse fur Niedergang unt! Unverstandnis deuten, sondern fur kreativen Umgang mit alten Texten einerseits und den Wunsch, beide Textcorpora miteinander zu verflechten, andererseits.

Einzelne Totenbuch-Quellen oder Sammlungen werden zum einen von A. Gasse behandelt, die die neue Editionsreihe "Papyrologiea Orienlalia Monspeliensia" (POM) vorsteilt, in der vor allem die Kurz- oder Miniatur-Totenbiicher der 3. Zwischenzeit aus dem Vatikan, aber auch spiitzeitliche Mumienbinden eines Djedhor publiziert werden sollen. In der Anlage ahniich der Rcihe HAT solle hier jedoch viel Raum fiir Paliiographie und Ikonographie reserviert sein. G. Rosati veroffentlicht dankenswerterweise unkollationierte Handkopien von Totenbuch-lnschriften, die sie im zweiten Hof der Grabanlage von Monthemhat in Theben (TT 34) im Jahre 1994 aufnehmen konnte, so dass ein erster Eindruek vom Layout, dem Bestand und lextlichen Besonderheiten moglich wird. J. Janak und R. Landsgrafova prasenticren hicratisch beschriftete Holztafeln der Spatzeit, die im Sarg des Nefer-ibreseneb Nekau in Abusir gefunden wurden. Textlich stiinden die Spruche dem saitischen Totenbuch pLondon BM EA 10558 am nacbsten, einzigurtig sei aber die Verwendung von Holztafeln, wofur Papyrusmangel als Grund in Erwagung gezogen wird. I. Munro fuhrt das "internationale Totenbuch-puzzle" weiter, insbesondere was den o.g. ptolemaischen Heidelberger Portheim-Papyrus betrifft.

Die zahlreichen Beitrage zu einzelnen Spruchen des Totenbuches konnen hier nicht im Einzelnen referiert werden: M. Tarasenko untersucht mythologische Aussagen zur Kosmogonie in Tb 17; J. E Borghouts berichtet uber die inzwiseben erschienene Monographie uber den Apophis-Spruch Tb 39;(3) M. Heerma van Voss schlagt eine neue Leserichtung von unten nach oben fur die Vignette von Tb 110 vor;(4) A. Wuthrich behandelt die Zusatzkapitel Tb 162-67, die das Thema ihrer Dissertation darstellen, wahrend M. Perraud die 16 Textquellen zu einer Monographie iiber den Kopfstiitzen-Spruch Tb 166 vorsteilt; N. Billing untersucht die heterogene (Composition von Tb 181; O. Illes schlieBlich widmet ihren Beitrag Amuiettpapyri, die jeweils nur einen Tb-Sprueh verwenden, und liefert eine Quellenlisle, die u.a. zehn Papyri mit Tb 166 enthalt, die von M. Perraud nicht genannt werden.

SchlieBlich gibt es eine Gruppe von Beitritgen, die ubergrcifende Themen, die das Totenbuch be-treffen, behandeln: J. Gee stellt zahlreiche Passagen zusammen, die die Verwendung des Totenbuchs fiir die Lebenden beinhalten, speziell sieht er Beziige zwischen Tb 137B und dem taglichen Tempelritual, so dass er hierin einen "Sitz im Leben" fur das Totenbuch vermutet. R. Lucarelli beschaftigt sich mit Damonen im Totenbuch, T. DuQuesne mit der Verbindung von Osiris and Re. H. Milde behandelt Schwierigkeiten, die bei der Vignctten-Forschung auftreten konnen. M. Smith arbeitet heraus, dass die Nennung des Verstorbenen immer im Genitiv "Osiris des NN" zu verstehen sei. zunachst im direktcn, ab der 21. Dynastie mitunter auch im indirekten Genitiv. J. Taylor fuhrt eine bestimmte Variante der Hieroglyphe Gardiner V28 als Datierungskriterium fur funerare Texte der 25. Dynastie vor.

Am Ende des Bandes vermisst man (eider einen Index, zumindest fur Totenbuch-Quellen und -Spruche.

Insgesamt belrachtel ergibt sich eine Fulle von neuen Beobachtungen und zukiinftigen Frage-stcllungen, die die internationale Totenbuch-Forsehung bewegl und beweist, dass Einzelcditionen, synoptisehe Prasentationen und ubergreifende Untersuehungen zu alien relevanten Thcmenbercichen unbedingt Hand in Hand gehen mussen.

(1). Bereits erschienen sind: G. Lapp, Totenbttch Spruch 17, sowie B. Lusdier, Die Verwatidlutigsspruche (Tb 7688). Totenbuchtexte 1 und 2 (Basel: Orientverlag, 2006), G. Lapp, Totenhuch Spruck 125. Totenbuchtexte 3 (Basel: Orientverlag. 2008).

(2). Siehe zu dieser Gesamtthematik jetzt den informativen Sammelband Agypten lesbar macheit: die Hassische Konservientng/Restaurierung von Papyri und neuere Verfahren: Beitrage des I. Internationalen Workshops der Papyrusrestauratoren, Leipzig 7.-9. September 2006, cd. J, Graf und M. Krutzsch. Archiv fur Papyrusforschung und verwandte Gebiete. Beiheft 24 (Berlin: de Gruyter, 2008),

(3). J. E Borghouis, Book of the Dead [39]: from Shouting to Structure. SAT 10 (Wiesbaden: Harrassowitz, 2007).

(4). Vgl. dazu jetzt auch seinen Artikel: "Von unten nach oben gelesen," JEOL 40 (2006-7): 41-42.

URSULA VKRHOEVEN

UNIVERSITAT MAINZ
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Author:Vkrhoeven, Ursula
Publication:The Journal of the American Oriental Society
Article Type:Book review
Date:Jan 1, 2009
Words:1518
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