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Titillantia: neue alte lateinische worter aus fruhmittelalterlichen handschriften. Beitrage zum Latein und zu den Romanischen sprachen zwischen spatantike und fruhmittelalter.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Autor stellt eine Reihe von bisher unbekannten Wortern vor und bringt kritische Beitrage zu anderen, bereits bekannten.

Schlagworter: neue Worter, manteca, filicicula, titillus, fitta, callipodium, crama, tussilluli, Prafix spo-.

ABSTRACT: The author discusses a number of Latin words, some of them not listed before, collected from early medieval manuscripts.

Key words: new words, manteca, filicicula, titillus, fitta, callipodium, crama, tussilluli, prefix spo-.

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Titillantia: New old Latin words from manuscripts of the early Middle Ages. A contribution to the study of Latin and the Romance languages between late antiquity and the early Middle Ages

Bernhardo Paulo Titillatori LXXX annos nato die 16 Aug. 2009 (i)

Nach der Publikation einer Reihe von Antidotarien durch Henry E. Sigerist (2) und dreier fruhmittelalterlicher Rezeptarien durch seinen Schuler Julius Jorimann (3) hatten sich einige wenige klassische Philologen mit dem Ertrag dieser Editionen fur die Lexikographie der klassischen und (in geringerem Masse) der romanischen Sprachen beschaffigt. Wie im Fall der von Georg Gotz herausgegebenen Glossarien wurde falschlich angenommen, damit sei die vorhandene Uberlieferung erschlossen und zuganglich gemacht. Das trifft bekanntlich nicht zu, und es ist zu hoffen, dass jetzt, ira beginnenden 21. Jahrhundert, diese Arbeit fortgesetzt wird, die ohne Zweifel den Interessen des 19. verpflichtet ist, aber gleichwohl unverandert notwendig bleibt als Grundlage kunftiger Forschung, auf philologischem Gebiet genauso wie in der Geschichte der Wissenschaften.

Rezepttexte erscheinen noch weniger interessant als sonstige medizinische Schriften des fruhen Mittelalters. Auf jeden Fall erfordern sie zusatzlich Vertrautheit mit der griechischen Uberlieferung, die ebenfalls in vielen Fallen nicht zufriedenstellend ersehlossen ist. Nur als Beispiel sei darauf hingewiesen, dass wir noch immer nicht uber eine vollstandige griechische Ausgabe des Actios verfugen (denn im Corpus medicorum Graecorum sind allein die Bucher 1 bis 8 publiziert), und dass wir uns fur Alexander von Tralles auf die des Medizinhistorikers Theodor Puschmann stutzen mussen, erschienen, in zwei Banden, in Wien 1878 und 1879, also vor einhundertdreissig Jahren! Fur den Latinisten wird die erste kritische Ausgabe der lateinischen Ubersetzung dieses Werks, ah der unser Kollege David Langslow arbeitet (4), von noch grosserer Wichtigkeit sein, nicht allein wegen der grossen Verbreitung dieser Schrift im gesamten Mittelalter (was eher den Medizinhistoriker angeht), sondern wegen seiner Bedeutung fur die Kenntnis des Spatlateins.

1. MANTECA

Das etymologische Worterbuch von COROMINAS S.V. nennt als erste Belege fur dieses Wort solche aus dem 12. Jahrhundert, genauer: von 1155 und 1181. Wir treffen es jedoch bereits rund 350 Jahre zuvor an, in einer ausserst interessanten medizinischen Handschrift, die nach Bernhard Bischoffs Urteil aus einem westgotischen Zentrum in Sudfrankreich stammt (5) und aro Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts geschrieben wurde (Glasgow, University Library, Hunter. 96 bzw. T.4.13). Dort finden wir es in einem Rezept fur Husten und Schwindsucht, und zwar in einem unedierten Rezeptar (6) auf fol. 118v:
   Item ad tussem et ad tissicos
   sucus de marrubio ouo I [als Masseinheit = eine Eierschale voll]
   uitellus ouarum II uino uetere ouo I (7) mel cocl. I butiro aut
   mantaica oua dua tolle quod tres digiti leuere(!) posint piper
   grana V aut (8) Vil hec omnia missus in unum in olla rude coquis et
   tepefacta ieiuno dabis;


Die Bedeutung von mantaica hangt an der von aut: ist es, wie normalerweise, disjunktiv und suggeriert eine Alternative, oder fuhrt es hier ein Synonym ein? Auch wenn mantaica hier nicht dasselbe bedeutet wie butyrum, muss es sich trotzdem um etwas eng Verwandtes handeln, d.h. eine fettige, aus Milch hergestellte Substanz.

2. WORTER FUR, GURGEL'

Inzwischen steht gargalio auch im ThlL (vgl. s.v. praecedentia, ein Zitat aus Alex. Trall. 2, 10, und gargalia, ae), doch kann es nicht schaden, nochmals verschiedene Belege aufzulisten, die auch uber das bei Andre (9) Gebotene hinausgehen. Im Recept. Bamb. 19 (Bamb. med. 2 [10]) werden verschrieben cerui pulmones cum suis gargalionibus, ein Rezept, das wir auch bei Plin. phys. Bamb. 82, 40 wiederfinden (im Conspectus fontium bei Onnerfors p. 173 hinzuzufugen) und wo die Anderung von Onnerfors von gargalionibus zu gurgulionibus mit der Handschrift P der Plin. phys. Florentino-Pragensis, wie schon Andre in seiner Besprechung der Ausgabe anmerkte, zu verwerfen ist. Dabei hat gargalio zwei verschiedene Bedeutungen: 1. Luftrohre (aspera arteria quae dicitur gargala Orib. eup. 4, 75, 1 La p. 597), im Beispiel aus dem Bambergensis bzw. Plin. phys. Bamb. samt den Luftrohrenasten; 2. Zapfchen (Orib. eup. 4, 69, 1 La p. 587 gargalio, Aa p. 588 gargalionem im selben Kapitel, allerdings ohne Vorlage im griechischen Oribasios); vgl. ferner FEW 4, Basel, 1952, garg- = pp. 54-63, hier p. 60, und die altere, allerdings in ihrem Materialreichtum meines Wissens bislang nicht ersetzte Arbeit von ZAUNER, Adolf, <<Die romanischen Namen der Korperteile>>, Romanische Forschungen 14, 1903, 339-530, hier pp. 429-430.

Im Fragment eines therapeutischen Textes in der Handschrift Uppsala C 664 p. 292 finden wir gurgo feruescit, offensichtlich in anderer Bedeutung ais das im ThlL belegte gurgo 'Schwatzer, Schreier'.

Ebenfalls mit -u- gebildet ist gurtia in der lateinischen (gewohnlich als ravennatisch bezeichneten) Ubersetzung der hippokratischen Aphorismen (aph. 6, 37): De sinance capto tumore foris in gurtia nasci bonum. Diese Textfassung entnehme ich allerdings der Handschrift Prag. Capituli Metropolitani 1358, die gewohnliche Lesart ist die hier nach dem Aug. CXX zitierte: De synnance capto.' tumores in gutture aforis nasci. 'bonum est.,. gurgulum bzw. gurgulium treffen wir in dem von de Moulin nach Brux. 3701 (fol. 14v) veroffentlichten Brennstellentext (11), der den auf den ersten Blick irritierenden Titel epistola Apollinis de incisione tragt, der sich aus der vulgaren Form incisio = incensio erklart:

Tissicus in scalpolio et ante gurgulum cocis (12).

In der wesentlich spateren Handschrift Par. lat. 6837 fol. 39v ist scalpolio (also scalpulium, i, m. W. nicht belegt) durch das gewohnlichere Wort scapula ersetzt und gurgulum durch gurgulium:

Tisicos in scapulis et ante gurgulium cocis.

Ohne weiteres Material durfte es schwerfallen, zwischen gurgulum und gurgulium zu entscheiden und die jeweils andere Form als Verschreibung einzustufen.

3. FILICICVLA, -AE

Im Thesaurus ist (s.v. filicula, ae) fur die Wortform filicicula ausser zwei Stellen bei Marcell. med. nur Gloss. angegeben. Andre (Les noms de plantes) hat einen eigenen Artikel filicicula und fugt Recept. Sang. I 72 (dort filcicula) hinzu. Die vermutlich etwas altere Handschrift Par. lat. 11218 bringt einen weiteren Beleg fur dieses seltene Wort auf fol. 92v in einem Rezept:
   ad epar filicicula, qui dicitur capillus <ueneris aut ad> i<ant> us
   et inde mel cum uino bib.;


4. TITILLVS, -1; TITILLICO, -ARE = TITILLO; TITILLAGO, -INIS

Jene lateinische Ubersetzung der Synopsis des Oribasios, in der handschriftlichen Uberlieferung oft unter dera Namen des Democritus (weshalb ich, mit dem ersten Bearbeiter, Josef Heeg, von Pseudo-Democritus spreche), bringt die (abgesehen von einer Stelle im Codex Theodosianus 8, 5, 3 (13)) fruhesten Belege eines in der Romania gut bezeugten Wortes, titillus (14), als Bezeichnung eines Korperteils:
   Ps. Dem. 10, 2 Tunc alba oculorum liuida aut nigra efficiuntur. Hi
   ambulando subito moriuntur, praeterea (= imprimis) si coeperit sub
   sinistro titillo pulsus esse.

   Ps. Dem. 53, 1 Quando in parte sinistra mamillae pulsum fecerit
   cor, ita ut nimium saliat, hunc conuenit Martio mense flebotomare
   et murram accipere, in titillo ne sudor prouocetur. Quia qui
   negligunt hanc causam, aut in epilepsiam aut in cardiacam aut in
   paralysin cadunt passiones, quibus salus adempta est.


Neben der Bedeutung 'Achselhohle', die das REW 8757 2. (vgl. auch ebenda 8756) ansetzt, kann man mit Emout-Meillet auch an 'bout de sein' denken, zumindest fur Ps.Dem. 10, 2.

Es gibt neben dem haufigen titillare auch ein Verb titillieare 'kitzeln' (intransitiv) (15), das ich aus der Epistula de peetoris causa im Brux. 3701 fol. 13r kenne (16). Ich gebe zunachst nur die Umschrift:
   Infla<mma> tus pulmo quando ligor patitur corriciae id est reuma
   frigida discendit desuper distillat uua qui infundir pulmonis
   languiscent. Ergo pulmonis titillicant tusillae per treumatizie
   concitantur tussis inasprigantur faucis liquidiscunt Pulmonis
   leucofleumacice uieice sanicoe:


Den Text wurde ich in etwa wie folgt herstellen:
   Inflammatus pulmo quando liquorem patitur, coryza id est reuma
   frigida descendit; desuper destillat uua, quae infundir pulmoni.
   Languescunt ergo pulmones, titillicant tusillae, per treumatizie
   concitatur tussis, inasperantur fauces, liquidescunt pulmones
   leucoflegmatiae uitio sanie.


Nach dem Augiensis CXX zitiere ich auch den Kommentar Lat-A zu den hippokratischen Aphorismen (zu Hipp. aph. 2, 9):

uentrem et umores in illo congregatos prouocat titillicat et deponit humorem.

Dort lesen wir titillat an folgender Stelle (aph. 3, 21), wo der zweite, spatere Teil (s. XI ex.) des Brux. 3701 fol. 43rb titillicat schreibt (hier ist titillicare transitiv verwendet):

Solutiones uentris ex colerico sunt quia titillicat.

Da Isidor in den Etymologiae diesen Kommentar benutzt hat (17), haben wir einen sehr respektablen terminus ante quem, allerdings nicht unbedingt fur die Form titillicare gegenuber titillare.

Das Wort titillago, inis ist anscheinend allein bei Chiron 393 bezeugt (angefuhrt bei Ernout-Meillet):
   cicatrices eorum locorum stricturam faciunt quorum titillaginem
   assiduanam (Basil., om. Monacensis lat. 243) passi perpetuam tussim
   patiuntur (die erkrankten Tiere).


Diese Stelle bringt ausserdem den ersten Beleg fur assiduanus, a, um als Doublette des gewohnlichen assiduus, vielleicht in (falscher) Analogie zu biduanus und triduanus.

Nur (hoch-)mittelalterlich scheint das Adjektiv titillaris, e zu sein, das wir bei Gilbertus Anglicus (ca. 1250) antreffen (Buch 2 fol. CCXXXIV col. III, wohl die Quelle fur titillares uene 'veins under arm-pits' bei LATHAM, R. E., Revised medieval Latin word-list from British and Irish sources, London, 1965):

si uene titillares in coxis abseidentur, homo moritur ridendo.

Battaglia, Grande Dizionario della Lingua Italiana s.v. titillare (adi.), vermutet, dass die uenae titillares mit den iliacae gleichzusetzen seien, was mir noch nicht ausgemacht zu sein scheint.

In der lateinischen Ubersetzung des chirugischen Teils von Abu-'l Qasim's grossem medizinischen Werk handelt ein Kapitel (27 des lateinischen, 25 des arabischen Textes) De cautericatione titillici, wobei es um die Behandlung einer Dislokation geht. Es heisst:
   deinde resupinetur infirmus super dorsum suum aut super latus
   sanum, deinde eleua curem que est in interiori titillici ad
   superiora cum digitis manus tue sinistre.


Damit bestatigt sich die Vermutung bei Battaglia, Grande Dizionario della Lingua Italiana s.v. titilico, dass ein mittellateinisches Wort titil(l)icum zugrunde liegt.

5. FITTA, -AE 'SCHEIBE'

Im dritten der von Riccardo Simonini aus einem Manuskript in Modena (O.I.II) herausgegeben Rezeptare (18) lesen wir auf fol. 54r (Nr. 35)
   facis fittas de pane mundo et assas eas in foco modico et intingis
   eas in ipso medicamine et pones super oculos infirmos.


Damit erledigt sich die Ableitung von *offetta.

6. CALLIPODIVM, -1

Ein unveroffentlichtes Rezept im Sang. 751 p. 489 bringt ein Mittel gegen die Fussgicht:
   Antid. podagricum quod dicitur calipodium
   quod ego terentius eoticianus accepi


[TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII] ist bis jetzt, soweit ich sehe, nicht bezeugt, findet aber eine Parallele in dem relativ haufigen [TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII] 'Mittel zur Verschonerung der Augenlider' (LSJ ist zu lesen Dsc. 1.69.3 statt 1.69.1). Die genannte Person durfte identisch sein mit jener in der Uberschrift von Antidot. Brux. 14, Decomai antidotos Terentii Eutychiani diatessaron. Es konnte sich um den nur Eutychianus genannten archiater bei Marcell. med. 14, 70 handeln (19) (quod medicamentum ab Eutychiano archiatro primum traditum fertur).

7. CRAMA, -ATIS ([TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII]) UND CRAMATVM, -1

Souter belegt das Wort cramatum, i 'mixture of wine and water' aus Orib. 171.21, d.h. syn. 7, 30, 3 La sorio solo usto cum modico cramato ([TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII]) et mel (Aa hat, weniger genau, sorio solo usto curo mulsa). Das Wort fehlt im ThlL, weil seinerzeit La noch nicht ausgewertet wurde (der Verweis von crama auf cramum betrifft ein ganz anderes Lemma). Wir treffen dieses griechische Wort ausserdem in dera Antidotar des Cass. 69 p. 290a dedi enim et cum cramatos. fit enim crama, quemadmodum nectar. In Anbetracht dieser Stelle zweifle ich an der Existenz von cramatum und vermute, dass auch bei Orib. syn. 7, 30, 3 La der griechische Genitiv Singular transkribiert wurde, wir also crama, atis n. ansetzen mussen.

8. TVSSILLVLI, -ORVM (TVSSEL-) = TO(N)SILLAE

Nach dem unvollstandigen Beginn der Epistola de pectoris causa, die wir oben fur titillico, are herangezogen hatten, heisst es im Ups. C 664 p. 291 titillant tusselluli. Vielleicht ist tussellulae herzustellen, doch an der Existenz dieser erweiterten Form ist nicht zu zweifeln (fur die anderen Ausdrucke s. Andre 1991, 66-68).

9. SPO [TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII]

Der erste Kommentar zum Pentateuch, den Bernhard Bischoff und Michael Lapidge herausgegeben haben (20), bringt unter Ziffer 16 als Anmerkung zur Einfuhrung des Hieronymus das bekannte alexandrinische Schema des accessus ad auctores mit acht Punkten. Dort heisst es:
   octauum spotimeo I anafora ... (viii) spotimeo I anafora est si in
   actiua uel in contemplatiua est.


Bischoff-Lapidge bemerken dazu (21): <<the Greek phrases in this entry have been badly mutilated in transmission (22); no attempt has been made to correct the orthography, but cf. above, p. 273>>, Dort geben beide Forscher zwar als griechische Fassung [TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII], sagen aber kein Wort zu dem ungewohnlichen spo fur [TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII].

Meiner Ansicht nach handelt es sich nicht um eine gewohnliche Korruptel, sondem um die Wiedergabe eines ursprunglich in griechischen Lettern (Majuskeln selbstverstandlich) geschriebenen Textes, in dem das Ypsilon mit dem folgenden Pi in einer Ligatur verbunden war; Y[??] wurde dann als C[??] verlesen. Dazu darf das Ypsilon nicht unter die Zeile reichen. Der Schreiber wurde oben links beginnen, nach unten fortfahren und den Strich ohne abzusctzen, nach oben bis zur ersten Haste des Pi durchziehen (23). Ein Sigma konnte dann damit verwechselt werden. wenn man nicht gleich an eine Verwechslung der Ypsilons mit der halbunzialen Forro des S denken mochte (24).

Auf diese Weise (25) erklart sich das bei Gargilius Martialis med. 60 uberlieferte De spomelidibus, dessentwegen schon viel Tinte geflossen ist. Rose hatie De hypomelidibus hergestellt, eine Graphie, die durch Pallad. 13, 4, 1 gestutzt wird, wie wir Roses Apparat entnehmen konnen; im Kommentar der neuen Gargilius-Ausgabe von Brigitte Maire (Paris, 2002, p. 161) ist die Literatur aulgefuhrt. Ich vermute somit, dass Gargilius Martialis dieses Wort in griechischer Schreibweise in seinen Text (die Kapiteluberschrift) gesetzt hatte, die bei Palladius korrekt in lateinische Lettem umgesetzt wurde, wahrend der Zweig der Uberlieferung, den sowohl die medicinae wie Isidor (orig. 17, 7, 12) reprasentieren, auf Schreiber zuruckgeht, deren Kompetenz im Griechischen geringer war (26).

Derselbe Fall liegt meines Erachtens vor bei der Wiedergabe von Y[??]EPIKON mit sper-. Alle vier Handschriften der Curae herbarum (27) haben im Kapitel 32 sperund nicht, wie zu erwarten, yper- bzw. iper-. Gleiches gilt fur ein Rezept, das im Antidotar des Vindoc. 109 (Nr. 6, fols. 98va-99rb, hier fol. 98va) uberliefert wird. speriti kann wegen der Vorlage, Gal. de antidot. 2, 9. XIV 155, 10-158, 3 Kuhn, hier p. 157, 16 K., mit ausreichender Sicherkeit als [TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII] (yperici, c verlesen als t) identifiziert werden (28).

Ein weiteres und, wie ich meine, genauso eindeutiges Beispiel gewinnen wir aus der Handschrift Chartres 62 der pseudosoranischen Quaestiones medicinales, 103C, deren Edition ich vorbereite:
   Quid est spezocos, id est subcingulus (29) uocatur in inferioribus
   autem extensus circa subiacentia perit[i]oneum uocatur.


Die Handschrift Lincoln Cathedral 220, Ps.Sor. quaest, med. 14L liest fur dieses Wort epozogotus (30), meines Erachtens die Form des Genitiv Singular von [TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII]

Eine dann unabweisbare Schlussfolgerung aus dem Dargelegten ist, dass griechische Worter vor dem Ende der Antike mit griechischen Lettern geschrieben wurden; zweifelhaft ist allein, welchen griechischen Worter nicht mehr als solche empfunden und deshalb auch lateinisch geschrieben wurden. Denken wir an ein Beispiel wie arteria, das sich naturlich auch nur durch einen einzigen Buchstaben in griechischer bzw. lateinischer Schreibweise unterscheidet, genauso wie das zitierte Y[??]IEPIKON; bei anderen Wortern (wie TETANON oder MANIAN) fallt der Unterschied sogar ganz weg, denn schliesslich ist das lateinische Alphabet aus dem griechischen abgeleitet.

Klaus-Dietrich Fischer

Johannes Gutenberg-Universitat

(1) Die Arbeit entstand wahrend eines Studienaufenthaltes am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, ira Rahmen des Projektes Textos medicos latinos de los siglos VI-XI: transmision, edicion critica y estudio lexico des Ministerio de Educacion y Ciencia-FEDER (HUM2006-13605-C02-01); herzlichen Dank fur die Forderung!

(2) SIGERIST, Henry E(rnest), Studien und Texte zur fruhmittelalterlichen Rezeptliteratur, Leipzig, 1923 (Studien zur Ge schichte der Medizin. 13; Nachdr. Vaduz, 1977). Dies stellt die von Sigerists Mentor Karl Sudhoff angeregte Zurcher Habilitationsschrift Sigerists dar, der spater in Leipzig zunachst an der Seite Sudhoffs wirkte und spater sein Nachfolger wurde, ehe er Anfang der dreissiger Jahre einem Ruf in die USA folgte und Professor an der Johns Hopkins Universitat in Baltimore, Maryland wurde. Das Mittellateinische Worterbuch zitiert diese Antidotarien als Antidotarium Augiens. (Aug. CXX), Bamb. (Bamb. med. 2), Berolin. (Phillipp. 1790), Cantabr. (Cantabr. Gg. V 35), Glasg. (Glasguens. Hunter. 96) und Lond. (Harl. 5792).

(3) JORIMANN, Julius, Fruhmittelalterliche Rezeptarien, Zurich-Leipzig, 1925 (Beitrage zur Geschichte der Medizin. 10; Nachdr. Vaduz, 1977). Damit begrundete Sigerist eine neue medizinhistorische Reihe. Das Mittellateinische Worterbuch zitiert die drei Rezeptarien als Recept. Bamb. (= Bamb. med. 2 fols. 22r-45v, C bei Jorimann) und Recept. Sangall. I (= Sang. 44 pp. 337-354, A bei Jorimann) und II (= Sang. 44 pp. 354-368, B bei Jorimann). Bei ANDRE, Jacques, Les noms de plantes dans la Rome antique, Paris, Les Belles Lettres, 1985 (Collection d'etudes anciennes) --im folgenden zitiert als Andre 1985 erscheinen sie als Recept. A, B und C.

(4) Siehe einstweilen seine Studie The Latin Alexander Trallianus. The text and transmission of a late Latin medical book, London, 2006 (Journal of Roman Studies Monograph no. 10).

(5) BISCHOFF, Bernhard, Katalog der festlandischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen). Teil I: Aachen-Lambach, Wiesbaden, 1998 (Bayerische Akademie die Wissenschaften. Veroffentlichungen der Kommission fur die Herausgabe der mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz), Nr. 1396, p. 292: <<Wahrscheinlich Narbonensis, VIII./IX. Jh>>. Vgl. ferner Manuel C. DIAZ Y DIAZ, <<La trasmision de los textos antiguos en la Peninsula Iberica en los siglos VII-XI>>, in XXII Settimana di Studio del Centro italiano di Studi sull'Alto Medioevo (Spoleto 1974), Spoleto, 1975, pp. 133-175, hier p. 148: <<sintomas paleograficos indubitables de tipo hispanico, lo que podria ser indicio de que su modelo era peninsular>>. CLA II (2).156.

(6) Es ist von geringerem Umfang als das bei Sigerist pp. 99-160 (fols. 137r-177r nach seiner Angabe, nach meiner Zahlung 133r-171v) gedruckte. Ein weiteres beginnt fol. 116r, und noch eines reicht von fol. 175v (meiner Zahlung) bis zum Ende der Handschrift.

(7) ouo I ss.

(8) au ml.

(9) ANDRE, Jacques, Le vocabulaire latin de l'anatomie, Paris, 1991 (Etudes anciennes. 59), p. 68, im folgenden zitiert als Andre 1991. Nur geringe Uberschneidungen gibt es mit dem Aufsatz von Armelle Debru, <<La gorge et le poumon: les organes respiratoires en latin>>, in DEFOSSE, Paul (ed.), Hommages a Carl Deroux, tome II - Prose et linguistique, Medecine, Prose et linguistique, Medecine, Bruxelles, 2002 (Collection Latomus. 267), pp. 477-488.

(10) Dieses Stuck anscheinend nicht uberliefert im Sang. 217 in seiner heutigen Gestalt, der sonst dieses Rezeptar bringt, heute allerdings eine Reihe von Lucken aufweist. Der Hinweis auf den Sang. 217 findet sich bei Jorimann, der auch Lesarten abdruckt, wurde aber von KOPP, Peter, Vademecum eines fruhmittelalterlichen Arztes (Veroffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft fur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. 34), Aarau, 1980, nicht berucksichtigt; s. meine Rezension, Mittellateinisches Jahrbuch 18, 1983, 348-350.

(11) DE MOULIN, Daniel, De heelkunde in de vroege middeleeuwen, Leiden, Brill, 1964, pp. 107-109, hier p. 107.

(12) coquere 'eine therapeutische Brandwunde setzen' (Der Beleg Ps.-Sor. quaest, med. 252 coquitur incisio ist zu streichen und stattdessen consuitur incisio zu lesen). Gurgulium ebenfalls im selben Text in Vat. Palat. lat. 1098 fol. 60r und Par. lat. 11219 fol. 36 bzw. 39ra.

(13) <<Flagrum, cuius in cuspide infixus breuis aculeus pigrescentes artus (sc. animalis publici) innoxio titillo poterit admonere>>. Ich frage mich allerdings, ob nicht stimulo zu lesen ist.

(14) ZAUNER, p. 439: <<Flechia hat Arch. gl. II, 319 eine Bildung vom Stamme titillare "kitzeln" vorgeschlagen, die dann erst volksetymologisch umgestaltet worden sei. Die unterital. Formen sprechen fur diese Herleitung. Dieses Wort ist hauptsachlich in Mittel- und Unteritalien zuhause. Der Norden scheint es gar nicht zu kennen>>. Vgl. auch P 64 Quare in subascellis et plantis pedum patitur quis titillum magis quam alibi? der Prose Salernitan Questions, ed from a Bodleian manuscript (Auct. F. 3.10) ... by Brian LAWN, London, 1979 (Auctores Britannici medii aeui. 5).

(15) Ernout-Meillet zitieren CGL 3, 132, 55-57 (1., 2. und 3. Pers. Ind. Pras. Aktiv von titillico).

(16) Dieser Teil fehlt im Sang. 751 p. 318, wird aber im Ups. C 664 uberliefert (s. unten), wo freilich der Beginn fehlt.

(17) Siehe die Beitrage von Manuel Enrique VAZQUEZ BUJAN und mir in dem Sammelband Isidorus medicus. Isidoro de Sevilla y los textos de medicina. Edicion a cargo de Arsenio FERRACES RODRIGUEZ, A Coruna, 2005 (Universidade da Coruna. Monografias no. 113).

(18) SIMONINI, Riccardo, <<Formulario in "Medicinae Varia", codice Mss. dell'VIII secolo conservato nella Metropolitana di Modena (O.I.II)>>, in Atti e Memorie della Accademia di Storia dell'Arte Sanitaria, serie II, 6, 1940, pp. 301-320; 7, 1941, pp. 10-34.

(19) Vgl. WELLMANN, Max, "Eutychianos 8", RE VI, Stuttgart, 1907, 1532. Nichts zu seiner Person in PIR (2) und der Prosopography of the Later Roman Empire.

(20) BISCHOFF, Bernhard-LAPIDGE, Michael, Biblical commentaries from the Canterbury school of Theodore and Hadrian, Cambridge, 1994 (Cambridge Studies in Anglo-Saxon England. 10). Sie schreiben die Kommentare der Schule des 690 verstorbenen Erzbischofs von Canterbury, Theodor, und seines Gefahrten Hadrian, des Abts des Klosters St. Petrus und Paulus, ebenfalls in Canterbury (spater nach dem HI. Augustinus benannt), der 709 verstarb, zu. Beide Manner kamen aus dem ostlichen Mittelmeerraum und waren deshalb griechische Muttersprachler. Vgl. Bischoff-Lapidge, pp. 1-3 und p. 274 (Conclusions).

(21) Bischoff-Lapidge p. 301, Anm.

(22) Haupthandschrift (vgl. p. 287) ist Mailand, Ambros. M. 79 sup.; <<it appears to have been written in northern Italy in the second half of the eleventh century>>, p. 275. Die beiden anderen Zeugen (p. 287f.) haben die fragliche Passage nicht.

(23) Vorletztes Beispiel auf p. 2 in TURNER, E. G., Greek Manuscripts of the Ancient World, 2nd ed., BICS Supplement 46, London, 1987.

(24) Ann E. Hanson hat mit grosser Freundlichkeit einige Literatur durchgesehen und verweist auf TURNER, besonders #63, p. 109, #85, p. 144, und CAVALLO, G.-MAEHLER, Herwig, Greek Bookhands of the Early Byzantine Period, A.D. 300-800, BICS Supplement 47, London, 1987, #21c.

(25) Anderer Meinung ist mein Kollege Arsenio Ferraces Rodriguez, dem ich das Beispiel aus den Curae herbarum verdanke. Er denkt an eine phonetische Entwicklung im Lateinischen. Eine Entscheidung, welche Erklarung mehr fur sich hat, kann wohl nur auf einer breiteren Materialgrundlage getroffen werden. (Weitere Beispiele, Plin. nat. 4, 84 und 27, 93 sowie CGL 3, 406, 27 bei ANDRE, Jacques, <<Un mot fantome: *pomelida>>, RPh 53, 1979, 241-243, hier p. 241 unten.) Jedenfalls liegt bei spo- fur [TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII]- kein einfacher Abschreibefehler vor.

(26) Die Umschrift kann selbstverstandlich bei Gargilius und bei Isidor unabhangig voneinander erfolgt sein, und damit ist noch nicht gesagt, dass dieses Wort in Isidors Etymologien in griechischer Schreibweise erschien.

(27) Eine Edition dieses Textes bereitet Arsenio Ferraces Rodriguez vor; er hat ihn mir freundlicherweise im Manuskript zuganglich gemacht.

(28) Moglicherweise hierher gehorig: ferramentum quod dicitur sipospatister ([TEXTO IRREPRODUCIBLE EN ASCII]) in der lateinischen Ubersetzung von Ps.Gal. introd., zitiert nach DE MOULIN, Daniel, De heelkunde in de vroege middeleeuwen, Leiden, Brill, 1964, p. 65, 8.

(29) Zur maskulinen Form, die die altere zu sein scheint, vgl. ThlL s.v. cingulum, l; dort auch der Hinweis auf das Kompositum succingulum. Beide fehlen bei Andre 1991.

(30) Vgl. in epizogoto membrano Agnellus in Gal. de sectis p. 10, 13 Westerink et al.
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Title Annotation:texto en aleman
Author:Fischer, Klaus-Dietrich
Publication:Voces
Date:Jan 1, 2007
Words:4020
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