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The Finnic tuttV, titt and tita/Ostseefinnisch tuttV, titt und tita.

Die Nomina tutto, tutti, titt und tita dienen in den ostseefinnischen Sprachen als Bezeichnung fur ein kleines Kind, Madchen oder Puppe. Es erhebt sich nun die Frage, ob die auffallige Ahnlichkeit in der Lautgestalt und Bedeutung dieser Worter nur reiner Zufall ist und welche Beziehungen zwischen diesen Wortern untereinander bestehen. In vorliegender Forschung bin ich auf der Suche nach entsprechenden Antworten, indem der Gebrauch dieser Ausdrucke in den Dialekten analysiert, Bezeichnungen mit der gleichen Funktion in anderen Sprachen verglichen werden und ihr etymologischer Hintergrund untersucht wird. Als Quellenmaterial dienten neben verschiedenen Druckwerken die Datensammlungen des Europaischen Sprachatlasses "Atlas Linguarum Europae" (ALE), das Dialektarchiv im Institut fur estnische Sprache (EMSA) in Tallinn sowie das finnische Dialektarchiv im Forschungszentrum fur die Landessprachen Finnlands (SMSA) in Helsinki. Um das Lesen zu erleichtern, wurde die ostseefinnische Transkription ein wenig vereinfacht und angeglichen: lange Vokale und Konsonanten werden mit zwei Buchstaben wiedergegeben (z. B. u = uu, i = ii), der finnische Buchstabe y wurde in den Dialektbelegen durch u ersetzt.

In den Nomina tutto, tutti, tuttu und in phonetischen Varianten werden Ableitungen des Wortes tutar gesehen, das selbst in den ostseefinnischen Sprachen als baltisches Lehnwort gilt, vgl. lit. dukte (Stamm: dukter-), preuss. duckti 'Tochter' (Hakkinen 2004 : 1375; SKES 1463; SSA 3 : 349). Die Umwandlung der Konsonantenverbindung -kt- > -tt- konnte sich bereits beim Entlehnen vollzogen haben (Hakulinen 1979 : 58). Aufier dass bei diesen Nomina auf eine baltische Herkunft verwiesen wird, fuhrt man auch ihre Verwandtschaft mit ahnlichen indoeuropaischen Wortern an, wie etwa schwed. dotter, dt. Tochter, got. dauhtar, slaw. donepb-, sanskrit duhita, avesta duyoar, neupers. du%tar, weswegen als Alternative fur den Ursprung dieser ostseefinnischen Worter auch das Indoiranische oder Arische in Frage kame (Ahlqvist 1875 : 87; Kalima 1936 : 173-174; Thomsen 1931 : 286). In samtlichen ostseefinnischen Sprachen, ebenso im Sudlappischen und in den mordvinischen Dialekten bezeichnen tutar, tytar oder ihre lautlichen Entsprechungen den Begriff 'Tochter'. Unter kar. tutar und salis-liv. tuuder ist in den Worterbuchern ebenso die Bedeutung Madchen angegeben (Kettunen 1938 : 417; KKS 6 : 349; Winkler, Pajusalu 2009 : 206). Lauri Hakulinen (1979 : 174, 354) hat fi. tytto als ein vom Lehnwort tytar mit dem Suffix -o, -o abgeleitetes denominales Derivat definiert. Julius Magiste (1928 : 196) erlautert die Herkunft der Ableitung tytto etwas genauer, das Wort tutar- mit Anfugung des Diminutivsuffixes -oi wurde zum Stamm verkurzt, was das Affix vordervokalisch werden liefi: *tutt(are)-oi > *tuttoi. R. E. Nirvi (1952 : 60) fasst die finnische Diminutivform tytto (< tytar) als Kosenamen von Madchen, Fraulein auf. Die kurze Stammform lasst sich damit begrunden, weil -tar/-tar als ein eine weibliche Person bezeichnendes Suffix bekannt ist (Kalima 1936 : 174).

Tutto ist uberwiegend im nordlichen Teil der ostseefinnischen Sprachen verbreitet: fi. und kar. tutto (lud. tutto), wepsS tutoo, tutoo, tuhtoo, tuhtoo (-oo < -oi), ingr. tyttoi, wot. tutto, tsutto, in der Vaivara- und KuusaluMundart des Estnischen tutto oder tuttu, im nordlichen Teil des Ostdialekts tut u meistens in der Bedeutung 'Madchen, Fraulein, Unverheiratete', kar., weps. wot. und in Mundarten Nordost-Estlands auch 'Tochter' (EMSA; Kettunen 1922 I : 125, II : 60; KKS 6 : 347; Nirvi 1971 : 615; SMSA; VKS 6 : 362). Davon wurden seinerseits Diminutivformen gebildet, wie etwa kar. tuttoine, fi. tyttonen und wot. tutokkoin, tsutokkain, tutukkoin 'Madchen, Tochterchen' (vgl. tuttarikkoin), das karelische Verb tutoistea 'MadchenZeit verbringen, wie eine unverheiratete Frau leben' u. a. (KKS 6 : 347, 349; NS 6 : 111; VKS 6 : 363-364). Es gibt auch eine ganze Anzahl Komposita, in denen tutto als erster Komponent vorkommt, wie beispielsweise fi. und kar. tuttolapsi und wot. tuttolahs = tuttarikkolahsi 'minderjahriges Madchen', ingr. (Laukaansuu) tuttopaa und wot. tuttopaa 'unverheiratete Frau' (z. B. Rajo ucps tutar on veel tuttopaa 'eine Tochter ist noch unverheiratet'), kar. vanhatutto, ingr. vanhatuttoi 'alte Jungfer' u. a. (KKS 6 : 348, 489; Nirvi 1971 : 615, 638; NS 6 : 111; VKS 6 : 362-363).

Als phonetische Entsprechungen fur fi. und kar. tytti werden noch angefuhrt: weps. t'ut'ei und t'ut'iim, est. tute und salis-liv. tutti (Hakkinen 2004 : 1375; Magiste 1928 : 196; SKES 1463; SSA 3 : 349). Im Nord- und Mittelwepsischen wurde das o im oi-Diphthong der unbetonten Silbe delabialisiert (-ei < -oi), so dass die phonetischen Entsprechungen des sudwepsischen tutoo das nordwepsische tut ei und die mittelwepsischen tuteim, tutein sind (Tunkelo 1946 : 870). Andererseits gibt es im Nord- und Mittelwepsischen in einer Silbe ohne Hauptton oft ei > ii ~ i, weswegen in der nordwepsischen Soksu-Mundart tutii und tutei als regulare Lautvarianten gelten (Tunkelo 1946 : 873-874). Das sudestnische tute mit der Anmerkung Dimin. von tutar 'Tochter' und tutt Gen. tute 'kleines Kind', hat man sowohl in fruheren Forschungen als auch in etymologischen Worterbuchern dem "Estnisch-Deutschen Worterbuch" von Ferdinand Johann Wiedemann (1973 : 1239), dessen Erstauflage im Jahre 1869 erschien, entnommen. In den Sammlungen zum estnischen Dialektwortschatz finden sich die im Voru-Dialekt (Sudost-Estland) auftauchenden tutekono (Polva) und tutikene (Setu) sowie die in West-Estland vorkommenden tuti (Muhu, Karuse, Hanila) als Kosename fur ein kleines Kind. Diese sind naturlich alles nur Einzelangaben, auf deren Grundlage keine aussagekraftigen Schlussfolgerungen gezogen werden konnen. Das in der Polva-Mundart verzeichnete tutekono ist dem Worterbuch von F. J. Wiedemann zufolge das Ergebnis einer Befragung und konnte demnach gewissen Einflussen unterlegen haben. Der Stamm der setukesischen Ableitung tutikene ahnelt dem Dialektwort tuttrik, mit dem ein Madchen bezeichnet wird. Die gleichen Diminutive haben in den estnischen Dialekten einen Lenisklusil tudi, tudu und tudu 'Madchen, kleines Madchen', die ebenso in Komposita auftreten, z. B. vanatudi 'alte Jungfer', vgl. tudrik, tudruk 'Madchen' < dial. tudar 'Tochter'. Eine eigenstandige i-stammige Ableitung vom Nomen tutar (oder tutto) konnte tutti/tuti sein, folglich im Finnischen und Karelischen sowie Salis-Livischen und in mancher Mundart des westestnischen Dialekts.

In der finnischen Schriftsprache erscheinen die beiden Worter tytto und tytti spater als der Ausdruck tytar, der bereits in den ersten finnischsprachigen Druckwerken (etwa um 1545) auftritt. Erstmalig kommt tytto in einem Hochzeitslied von Georgius Kihl aus dem Jahre 1693 vor und tytti fand sich fast einhundert Jahre spater, so um 1787 im Worterbuch "Nytt Finskt Lexicon" von Christfried Ganander (Jussila 1998 : 280). In den finnischen Dialekten hat tutto mehr im sudlichen Teil des Ostdialekts seine Verbreitung gefunden, hingegen tutti scheint uberhaupt wenig im Gebrauch zu sein (Jussila, Nikunen, Rautoja 1992 : 299). Im Nationalepos "Kalevala" werden die Bezeichnungen tytto und tytar als Synonyme mit der Bedeutung 'Madchen, Tochter' gebraucht, jedoch der Begriff tytti wird einzig fur Madchen oder Fraulein benutzt (Jussila 2009 : 441). Im heutigen Finnisch bezeichnet tytto vor allem 'das Madchen' und 'die ledige Frau', daneben aber auch 'die Tochter', jedoch tytti wird gewohnlich als Kosewort fur ein kleines Madchen verwendet (NS 6 : 110). Es ist nicht auszuschliefien, dass tutto gerade uber die Folklore im ostlich gelegenen Sprachraum des Ostseefinnischen weiter verbreitet wurde.

Alle vorn genannten wepsischen Worter werden mit 'Tochterchen' und/oder 'Fraulein/Madchen' ubersetzt, zumal diese Bedeutungen sich teilweise decken, kann damit auch ein Madchen oder eine junge Frau, die keine leibliche Tochter sein muss, von einer alteren Person angesprochen werden (Kettunen 1922 I : 125, II : 60-61; SVJ 590). Die Ausdrucksweise, bei der man sich mit dem eine Tochter ausdruckenden Wort an eine jungere oder fremde Frau niedrigeren Ranges wendet, gibt es ebenso in anderen Sprachen (vgl. russ. donehbka, fi. tytar, tyttareni) und dies konnte wohl durch die Bibel ihre Verbreitung gefunden haben (NS 6 : 111). Als Entsprechung fur salis-liv. tutti ist im Worterbuch 'Tochterchen, Madchen' ver zeichnet und fur tut(t)a sowie andere Varianten 'Madchen, Tochter' (Kettunen 1938 : 417, 445; Winkler, Pajusalu 2009 : 206-207). Belege fur die Anwendung des Wortes gibt es keine und aus diesem Grunde lasst sich die Semantik der Worter nicht naher erlautern. Im Karelischen besitzt tut't i zwei Bedeutungen: 1) 'Puppe', 2) 'Madchen' (KKS 6 : 347). Die zweite Bedeutung kann mit aus der Folklore stammenden Belegen illustriert werden, was zu der Schlussfolgerung fuhrt, dass diese in der angewandten Dialektsprache kaum zum Einsatz kommen.

Wenn man den Gebrauch der Worter tutto und tutti in finnischen und karelischen Dialekten miteinander vergleicht, werden Bedeutungsunterschiede ersichtlich. Im Unterschied zum Wort tutto bezeichnet in finnischen Dialekten tutti (stellenweise tuttu, tutu), im Olonetzischen tutti und die Diminutivform tuttine sowie im Suistamo-Dialekt tutt'i die Puppe, meist eine selbstgefertigte Stoffpuppe und das karelische, der Kindersprache entnommene frequentive Verb tutisltella, -sella hat die Bedeutung 'mit einer Puppe spielen' (KKS 6 : 347; Makapob 1990 : 396). Zur Puppenbezeichnung tutto findet man im ALE lediglich in dem zum Karelischen gehorenden Olonetzischen (Kard'aizet) eine Angabe. Das kann durchaus eine Neuheit oder ein Zufall sein, denn laut olonetzischer Worterbucher hat tutto die Bedeutung 'Fraulein/Madchen', tuttoine und tuttolapsi 'Madchen' (MaicapoB 1990 : 396). Fi. tutto ist mehr in sudostlichen Dialekten verbreitet, tutti erscheint mehr im westlichen Sprachraum, so mit der Bedeutung 'Puppe' in Sud-Ostbottnien, Satakunta, zentraler und nordlicher Teil von Hame und im Kymenlaakso-Dialekt (s. Karte).

August Ahlqvist (1875 : 87) neigt dazu, dass fi. tutto, tutti 'Madchen' "als genuin zu betrachten, aus einer alteren form *tutta, dem tat. tuta altere schwester entsprechend". Diese Vermutung scheint dennoch kaum glaubwurdig, denn tat. tuta ist offensichtlich ein russisches Lehnwort: kasantatarisch tuta 'altere Schwester, Tante', tytakaj, tutaj, tutakaj, kurdisch tutaj 'Geschwister' < russ. rern 'Tante' (Rasanen 1969 : 502). In Anbetracht des sprachhistorischen Lautwandels und der Semantik ist tutto < tutar in jedem Fall der Logik entsprechend und als eine auf den gleichen Stamm zuruckgehende Ableitung lasst sich auch die Herkunft von tutti erklaren. Nach der Bedeutung und Verbreitung zu urteilen, konnte tutti auch ein eigenstandiges Lehnwort aus dem Schwedischen oder Niederdeutschen sein. In schwedischen Dialekten kennt man tutta als verbreiteten Kosenamen fur ein kleines Madchen und das gleichstammige mannliche Wort tutte als Kosenamen fur einen kleinen Jungen (Rietz 1867 : 765; SAOB s.v. tutta). Der Wortstamm wird in Verbindung gebracht mit der alten skandinavischen Bezeichnung fur einen Zwerg oder Daumling tuttr, heutiges island. tatr (Hellquist 1922 : 1033; Kobler 2003 : 223).

Die nordfriesischen Kosenamen dutte, dut 'Tochterchen, Liebchen, Schatz, Puppchen' gelten als niederdeutsche Lehnworter. Die daraus im Sylt-Dialekt gebildete diminutive Ableitung dutji bezeichnet 'ein Baby, Kleinkind' (Doornkaat Koolman 1 : 368-369; Hogerheijde 1986 : 347). In niederdeutschen Dialekten gab es fur dutte, dutte, tutte, tute, tutte usw.) die Bedeutungen: 1) brustwarze des menschen, papilla; 2) die weibliche brust, mutterbrust in ihrer gesamtheit; 3) zitze, euter; 4) in scherzhafter ubertragung: 'saugling' (Grimm, Grimm 1838-1960 22 : 1946-1948). Andererseits werden im Niederdeutschen die Begriffe 'Zitze, Euter; weibliche Brust, Brust warze' mit ditte, titte (dem dittichen, tittchen) und tiss ausgedruckt (vgl. z. B. dt. Zitze, est. tiss), beispielsweise (Hessen) die mutter gibt dem kind das dittichen (Gutzeit 1892 III 2 : 27; Grimm, Grimm 1838-1960 2 : 1197 und 21 : 527). Darauf basieren ebenso die Puppenbezeichnungen ditjen im nordfriesischen Helgoland-Dialekt (vgl. weiter vorn nordfries. dutji) und diti, titti in deutschen Dialekten der Schweiz, die in den Belegmaterialsammlungen des ALE auftauchen.

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Die in finnischen Dialekten und in der alten finnischen Schriftsprache 'weibliche Brust, Brustwarze, Sauger' bezeichnenden titti, titu, titta hat man fur Ableitungen aus der Kindersprache gehalten, es wurde aber auch auf ahnliche germanische Worter verwiesen, wie etwa auf schwed. titt (tiss), norw. titta 'Kuheuter', angelsachs. titt, mittelniederdt. titte und dt. Zitze (SKES 1314). Im Hinblick auf das Karelische ist t'it'i als 'weibliche Brust, Zitze' im Olonetzischen und im Tver-Dialekt verzeichnet, t'it't'i aber als 'Patenonkel' oder 'Patentante' im Eigentlichen Karelischen, im Olonetzischen und im Tver-Dialekt (KKS 6 : 118; MaiapoB 1990 : 382; [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 1994 : 298). Im Estnischen gebraucht man das Nomen titt Gen. titi fur 'Zitze, Brustwarze' auf den Inseln Saaremaa und Muhumaa und in der Bedeutung 'Geschlechtsglied eines kleinen Jungen' uberwiegend in Sudestland. Im Nordestnischen benutzt man sowohl fur ein Kleinkind (zumeist Neugeborenes oder Saugling) als auch fur die Puppe titt (Gen. tite), im Ostteil des Nordostlichen Kustendialekts und im westwotischen Dialekt titte, titti, titi (EMSA; VKS 6 : 118). Vergleicht man nun die hier aufgefuhrten Nomina mit den in Europa weit verbreiteten Puppenbezeichnungen, wie mit der dt. Puppe (franz. puppa u. a.) oder germanischen dock-stammigen Wortern, stellt man fest, dass auch diese gleichzeitig die Begriffe '(Klein-)Kind' und 'Mutterbrust' bezeichnen (Hogerhejde 1986 : 343; Oja 2011).

Der estnische Begriff fur Puppe und Kind titt wird als russisches Lehnwort angesehen, indem es mit dem anderen Nomen tita, das auch ein Kind bezeichnet, in Zusammenhang gebracht wird, vgl. russ. durn (EEW : 3190; Magiste 1924 : 8; 1928 : 16, 30). Als Bezeichnung fur Puppe ist tita weder in wotischen noch in russischen Dialekten verzeichnet, in estnischen Dialekten lassen sich dazu einige Belege aufspuren, die eher mehr zufallig auftreten. In den Sammlungen des ALE gibt es einen Beleg, der aus der sudkarelischen Sprachinsel im Novgoroder Gebiet stammt: kar. Valdai d it a 'Puppe', jedoch laut dem Worterbuch des Karelischen ist nicht sicher, ob dieser der Ausdruck fur die Puppe ist (KKS VI 118). F. J. Wiedemann (1973 : 1162) halt das estnische, auf a-auslautende Nomen tita fur die Diminutivform des Wortes titt. Als primare Bedeutung des Letztgenannten wird im Worterbuch 'Puppe, Puppchen' und als sekundare, bildhaft 'kleines Kind' gegeben. Die Nomina, die die Brustwarze und Euter ausdrucken, titt, titi 'Zitze am Euter' werden als Dialektform oder Wort aus der Kindersprache interpretiert, die auf das Wort tiss zuruckgehen, aber auch eine mogliche Entlehnung kann nicht ausgeschlossen werden: < mittelniederdt. titte (EEW 3191). Im 17. Jahrhundert wurden in der estnischen Sprache titto und der Diminutiv tittoken nur als Bezeichnung fur Puppe und das Kompositum Titte Emma 'kindbetterin (Eheweib)' aufgezeichnet (Goseken 1660 : 159, 256; Kingisepp, Ress, Tafenau 2010 : 665). Das Worterbuch von Salomo Heinrich Vestring, das den Sprachgebrauch zu Anfang des 18. Jahrhunderts wiedergibt, verzeichnet die i-stammige Form Tit/Tittike gerade in der Bedeutung 'Ein Pupchen' (http://www.folklore.ee/~kriku/VESTRING/vest_t.htm). Die estnische Gegenwartssprache und die meisten Dialekte kennen tita als Ausdruck fur Baby und Kleinkind und in ubertragener Bedeutung abschatzig auch fur einen ungeschickten Erwachsenen (EKSS VI 796; EMSA).

Ungeachtet der lautlichen Nahe konnten est. titt und tita 'Kind' sogar aus unterschiedlichen Quellen entlehnt worden sein: tita < russ. dura, und titt < niederdt. titt(e), wobei eine fernangesetzte Herkunft beider Worter mit Begriffen in Verbindung gebracht werden kann, deren ursprungliches Bezeichnungsmotiv 'Zitze, Sauger' oder 'saugen' war (Oja 2011 : 138-140). In russischen Dialekten und in der Umgangssprache werden dafur analoge Bezeichnungen benutzt: russ. TUTbKA 'Zitzchen' (Gutzeit III 2 : 27). Russ. dura sowie Entsprechungen aus westslawischen Sprachen, wie etwa slow. dete, slowak. dieta, pol. dziecie (vgl. kirchenslaw. *dete, *detb) haben die Bedeutungen 'Kind' und/oder 'Baby'. Diese slawischen Worter gehen auf den indoeuropaischen Stamm *dhei- (dhe- dhi- usw.) zuruck, von dem auch das Saugen ausdruckende Verben abstammen, wie altind. dhatave, got. daddjan, sanskrit dhayati, lat. felare, irisch denim u. a., ebenso wie russ. dourtb 'melken' < kirchenslaw. dojiti 'saugen, stillen' (Buck 1949 : 91; [??]acMEP 1986 1 : 516). In anderen indoeuropaischen Sprachen werden die Begriffe 'Zitze, weibliche Brust, Sauger' und '(Kind) stillen; saugen' mit Wortern ausgedruckt, die auf den gleichen Stamm zuruckgehen, z. B. engl. teat (< altengl. titt), span. teta, franz. tette 'Zitze, Sauger' (> span. tetar, franz. teter 'saugen, stillen'), rum. tata, ital. tetta (Buck 1949 : 248-249, 334; Meyer Lubke 1935 : 8759; W-P 1 : 704).

Worter, die ein Kind, eine Puppe und eine Zitze bezeichnen, hat man oft als Gebilde der Kindersprache aufgefasst. Trotzdem mochte man nicht glauben, dass die Kinder in verschiedenen Landern von sich aus fur diese Begriffe ahnliche Lautkombinationen hervorgebracht haben. Hier scheint man doch eher den Grund anzunehmen, dass die uralten Kulturkontakte eine wesentlich grofiere Rolle als bisher angenommen gespielt haben. Bei der Bezeichnung der Puppe ist wichtig zu wissen, dass im mittelalterlichen Europa Deutschland die fuhrende Position in der Puppenherstellung einnahm und deshalb liegt die Vermutung nahe, dass sich auch von dort aus die Bezeichnung in anderen Regionen verbreitete (s. http://www.britannica. com/EBchecked/topic/168246/doll). Die Karte zeigt, dass die Nahe der Handelswege entlang der Ostseekuste Einfluss auf die Verbreitung von titt- und tutt-stammigen Puppenbezeichnungen ausgeubt haben kann und deswegen eine niederdeutsche Herkunft dieser Worter wahrscheinlich ist. Eine nicht zu unterschatzende Rolle oblag naturlich den Vermittlern, in dem Fall den Kaufleuten, die die Puppen den hier lebenden Volkern verkauften. Folglich liefie sich auch eine Entlehnung der Begriffe aus dem Schwedischen nicht ausschliefien, was besonders fur Finnland und die Westkuste Estlands zutreffen konnte.

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doi: 10.3176/lu.2011.3.02

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Addresse

Vilja Oja

Institute of the Estonian Language

E-mail: viljaoja@eki.ee

* Die vorliegende Forschung wurde finanziert durch SF0050037s10 und Stipendium 7717 der Estnischen Forschungsstiftung ETF.
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Author:Oja, Vilja
Publication:Linguistica Uralica
Article Type:Report
Date:Sep 1, 2011
Words:3219
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