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Studies on Livonian, Tartu 2014 (Eesti ja soome-ugri keeleteaduse ajakiri.

Studies on Livonian, Tartu 2014 (Eesti ja soome-ugri keeleteaduse ajakiri. Journal of Estonian and Finno-ugric Linguistics. ESUKA--JEFUL 5--1 2014. Special issue. Guest editors Valts Ernstreits and Karl Pajusalu). 292 S.

Der hier vorzustellende beachtenswerte Sammelband "Studies on Livonian" besteht aus 15 Beitragen, die der livischen Sprache gewidmet sind, wobei es sich bei einigen um Konferenzvortrage aus dem Internationalen Livischen Jahr (2011) handelt, andere sind Forschungen jungeren Datums.

Thematisch gesehen teilt sich das Werk in drei Teile. Dem ersten Teil sind Abhandlungen uber die Geschichte des livischen Volkes und seiner Sprache zugeordnet. Im Eroffnungsbeitrag "Personal names and denomination of Livonians in early written sources" (S. 13-26) konstatiert Enn Ernits, dass zwei aus dem fruhen 11. Jahrhundert aus Schweden stammende Runensteintexte wohl ganz offensichtlich als Nachweis der Ersterwahnung der Liven gelten durfen. Obwohl die Namen, die vielleicht dem Livischen zugeordnet werden konnen, auch noch in fruheren Quellen auftauchen, konnte es sich nach Ansicht von E. Ernits bei dem im Dativ festgehaltenen ko Moctoke (Nominativ *Mostoka) um den altesten livischen Personennamen handeln, der auf einer um 1040--1050 aus Novgorod stammenden Urkunde auf Birkenrinde zu finden ist. Der Autor unterzieht auch in verschiedenen alteren Quellen auftauchende, moglicherweise livische Namen und deren Bedeutung einer Analyse und unternimmt den Versuch, entsprechende Etymologien vorzulegen.

In der folgenden Studie 'Livonian landscapes in the historical geography of Livonia and the division of Livonian tribes" (S. 27-36) setzt sich Urmas Sutrop mit dem 'Versuch einer alten Geographie von Liefland, zu besser'm Verstand der alten (lieflandischen) Geschichtschreiber. Nebst etlichen Anmerkungen zu dieser Geographie" (1792) aus der Feder von Johann Christoph Schwartz auseinander und vergleicht dessen Standpunkte uber die Aufteilung des Lebensraums der Liven mit denen zu unterschiedlichen Zeiten publik gewordenen Meinungen anderer Forscher, wie Jannau im Jahr 1828, Laakmann im Jahr 1954, Mugurevic in den Jahren 1965 und 1990, Tonisson im Jahr 1970 und Koski im Jahr 1997.

Im Fokus des Artikels "Metsepole Livonians from the 14th to the 17th century" (S. 37-60) von Aldo Vunk stehen auf der Grundlage von sowohl ab dem 17. Jahrhundert im Druck veroffentlichten Schriften als auch aus bisher unerforschten Quellen gewonnene Erkenntnisse, die aufgeschlusselt nach Gebieten, Gutshofen und Dorfern Zeugnis davon ablegen, wie sich die Identitat der Liven aus Metsepole und Salis sowie der Status ihrer Sprache ab dem 17. Jahrhundert wesentlich abschwachten. Die Grunde fur den allmahlichen Ruckzug des Livischen vor dem Lettischen sind in erster Linie darin zu sehen, dass nach dem im 13. Jahrhundert erlittenen Freiheitsverlust der bisherige Status der Liven und ihrer Sprache verlorengingen. Danach wurde Livisch, das im Vergleich zum Lettischen von wenigen Menschen benutzt wurde, als Kirchen- und Gerichtssprache aus dem Alltag verdrangt, und zu dem Zeitpunkt, als es zur Entstehung von Schriftsprachen und zur Grundung von Schulen fur das Bauernvolk kam (16.--17. Jh.), war Livisch langst die Sprache einer Minderheit geworden.

Christopher Moseley, Chefredakteur des Atlas der bedrohten Sprachen der Welt erlautert in seinem Beitrag "Livonian--the most endangered language in Europe?" (S. 61-75) die Grundprinzipien fur die Einteilung der Sprachen fur diesen Atlas und vergleicht aus soziolinguistischer Sicht das Livische und das einst auf Isle of Man gesprochene ManxGalische sowie die bisher unternommenen Anstrengungen und weitere Massnahmen zum Wiederaufleben dieser beiden Sprachen. Er macht auf Ahnlichkeiten und Unterschiede aufmerksam, von denen im Hinblick auf eine Wiederbelebung von ganz besonderer Bedeutung ist, dass sowohl das Livische als auch das Manx-Galische uber eine Schriftsprache und uber zahlreiche schriftliche Quellen verfugen.

Das den zweiten Teil der Ausgabe vereinende Thema bezieht sich auf das Livische im baltischen Kontaktraum und wird eingeleitet mit der von Valts Ernstreits und Gunta Klava verfassten Arbeit "Grammatical changes caused by contact between Livonian and Latvian" (S. 77-90). Die Autoren betonen, dass sowohl Livisch als auch Lettisch als einflussausubend sowie als einflussaufnehmend anzusehen sind und bei der Erforschung des linguistischen Outputs der lettisch-livischen Kontakte, (1) die zu unterschiedlichen Zeiten erfolgte gegenseitige Beeinflussung zu berucksichtigen sei. Betrachtet werden ebenso die unter lettischem Einfluss stattgefundenen Veranderungen im livischen Kasussystem, der Gebrauch lettisch gepragter Prafixverben, Prafixe und Verneinungsaffixe sowie der Austausch des Impersonals mit dem Passiv; im Hinblick auf Lettisch der livische Einfluss beim Ersetzen von Verbalprafixen durch Adverbien und schliesslich einige nach livischem Vorbild gebildete Komposita.

Santra Jantunen widmet sich in ihrer Forschung "The order between productivity and non-productivity--are Livonian frequentative verbs derivatives or lexicalised?" (S. 91-116) 15 livischen Verben mit l-Suffix und gelangt zu dem Schluss, dass die meisten davon entweder lexikalisiert sind oder keine frequentative Bedeutung haben, was die Vermutung zulasst, im Livischen ist das frequentative Ableiten nicht mehr produktiv. Sowohl die Frequentativableitung als auch die Knappheit an livischen Verbalableitungen im Allgemeinen -verglichen mit anderen ostseefinnnischen Sprachen--bringt die Autorin damit in Verbindung, dass man im Livischen zur Modifizierung der Bedeutung eines Verbs Adverbien und dem Lettischen entlehnte Prafixe einsetzt. Damit hat sich eine sprachliche Veranderung vollzogen, die somit auch auf eine typologische Veranderung verweist.

Miina Norvik schreibt in ihrem Beitrag "Change-of-state predicates and their use for expressing the future: the case of Livonian" (S. 117-148) uber sprachliche Veranderungen und uber die potenziell die Zukunft ausdruckenden Verben Bdo 'werden', scdo 'senden, schicken' und wdo 'bleiben, erhalten', tu/da 'kommen' und lado 'gehen', von denen das Verb wdo am haufigsten zur Anwendung kommt. Zu einem die Zukunft ausdruckenden Kopulaverb hat sich lediglich Bdo entwickelt.

In der Studie "The relationship between Salaca Livonian and Courland Livonian dialects" (S. 149-171) richtet Karl Pajusalu sein Augenmerk auf phonologische, morphologische und lexikalische Ahnlichkeiten, Unterschiede und Neuerungen in den Dialekten von Salis und Kurland. Er gelangt zu den Schlussfolgerungen: Der Ostdialekt von Kurland habe im Vergleich zu anderen livischen Dialekten Neuerungen rascher angenommen; archaische Sprachzuge hingegen seien vielmehr in den Westdialekten von Kurland und im Salis-Dialekt erhalten, obwohl in diesen die Beeinflussung seitens des Lettischen deutlicher zu spuren ist.

Lembit Vaba befasst sich in seiner Untersuchung "Curonian linguistic elements in Livonian" (S. 173--191) mit den Spuren der einst in West-Kurland und im Nordwesten Litauens gesprochenen, jedoch im 17. Jahrhundert ausgestorbenen kurischen Sprache, die sich zweifellos im Livischen noch aufspuren lassen und die neben der Erforschung der Geschichte des Livischen und Ostseefinnischen auch fur die Erforschung der baltischen Sprachen und der Ethnogenese dieser Volker enorme Bedeutung besitzen. Der Autor konzentriert sich dabei vor allem auf das System der Vokale und Konsonanten, auf kurische Suffixe und stellt vermutliche kurische Lehnworter im Livischen vor.

Tiit-Rein Viitso analysiert in "Expressions of obligation, duty, and necessity in Livonian" (S. 193-214) die im Livischen Zwang, Pflicht und Notwendigkeit ausdruckenden Konstruktionen, die anhand der Hilfsverben pidim 'mussen (Indikativ)' undpidiks 'musste', tulda 'kommen', la'do 'gehen', volda 'sein' und lido 'werden' gebildet werden, und schlussfolgert, solche Konstruktionen lassen sich auf zehn dreiteilige Grundmodelle reduzieren.

In der Forschung "Loanword strata in Livonian" (S. 215-227) von Eberhard Winkler geht es um die Herkunft von Lehnwortern im Vergleich zwischen dem Kurland-Livischen und dem Salis-Livischen, der zu entnehmen ist, dass es im Letztgenannten prozentual mehr direkte, ohne Vermittlung des Lettischen aus dem Niederdeutschen stammende Lehnworter und weniger dem Hochdeutschen und Russischen entlehnte Worter als im Kurland-Livischen gibt. Am meisten trifft man in beiden jedoch lettische Lehnworter (darunter sogar uber das Lettische eingedrungene deutsche Lehnworter). Mit Blick auf die Wortarten lassen sich keine besonderen Unterschiede feststellen, in beiden Sprachen wurden-wie es eigentlich ublich ist--am haufigsten Substantive entlehnt und dabei noch in gleichem Umfang. Die Analyse des Autors zur Semantik der lettischen Lehnworter lasst erkennen, dass der lettische Einfluss im Hinblick auf solche zentrale semantische Bereiche, wie beispielsweise Mensch, Natur, Umwelt, Farben, Begreifen der Welt, physische Bedurfnisse des Menschen, ungeachtet der ziemlich grossen Anzahl an Lehnwortern doch recht bescheiden ausfallt.

Der dritte Teil umfasst das Thema der livischen Sprachsammlungen und Sprachressourcen und beginnt mit dem Artikel von Renate Blumberga 'Livonian language texts in the Estonian Literary Museum 175th or Oskar Loorits fund" (S. 229-242). Die Autorin hebt hervor, dass es derzeit, wo die Moglichkeit Sprachinformanten, die Livisch von Geburt an gesprochen haben, direkt zu befragen, nicht mehr besteht, fur die Erforschung und Auseinandersetzung mit dieser Sprache ausserst wichtig ist, samtliche von livischen Muttersprachlern aufgezeichneten Texte einzubeziehen. Eine sehr wesentliche und bisher noch nicht publizierte Sammlung livischen Sprachguts (etwa 1200 S.) ist der im Estnischen Literaturmuseum in Tartu aufbewahrte OskarLoorits-Bestand, den Renate Blumberga in ihrer Abhandlung ausfuhrlich prasentiert. Darin findet sich u. a. eine Vielzahl livischsprachiger Briefe von livischen Schriftstellern, Personlichkeiten des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens und von Sprachinformanten.

Ojars Buss gibt in seiner Studie "Dundaga parish oronyms (hill names) of Livonian origin in Juris Plakis' Latvian toponym publication" (S. 243-250) eine Quelle preis, die nicht besonders viel livisches Sprachmaterial beinhaltet, aber in jeder Hinsicht als wertvoll einzustufen ware. Unter den von J. Plakis genannten Bergnamen in Kurland trifft man nach Ansicht von O. Buss sowohl sicherer als auch solche Toponyme, deren livische Herkunft anzuzweifeln ware.

In "The Livonian-Estonian-Latvian Dictionary as a threshold to the era of language technological applications" (S. 251-259) erlautert Jack Rueter einige Moglichkeiten, die uns gemeinsam die offentlich nutzbare sprachtechnologische Software und das elektronisch zugangliche Sprachmaterial bieten, das als solches auch fur das livisch-estnisch-lettische Worterbuch zur Verfugung stand. Damit sind in relativ kurzer Zeit verschiedene fur Forschung und Lehre nutzliche Anwendungen geschaffen worden, siehe die im Internet veroffentlichten Worterbucher (Livisch-Finnisch, LivischEstnisch, Livisch-Lettisch und FinnischLivisch), die morphologische Informationen enthalten.

Das Werk wird abgeschlossen mit der Forschung von Tuuli Tuisk "Survey of research on Livonian prosody" (S. 261--292). Wie die Autorin bekennt, stellt das System der Prosodie des Livischen unter den uralischen Sprachen in mancher Hinsicht eine Ausnahme dar, auf die bereits Ferdinand Johann Wiedemann und Vilhelm Thomsen im 19. Jahrhundert hingewiesen haben. In einzelnen Unterkapiteln verschafft T. Tuisk einen Einblick in den heutigen Stand der Forschung in Bezug auf Lautstruktur, Silbenstruktur und Stufenwechsel, Quanti tat und Ton, Lautlangen, Stosston sowie Intonation des Livischen.

Abschliessend sollte durchaus hervorgehoben werden, dass dieser Sammelband "Studies on Livonian" die erste Publikation ist, mit der nun ein recht ausfuhrlicher wissenschaftlicher Uberblick uber die livische Sprache und ihre Erforschung auf Englisch vorgelegt wird, wobei jeder Beitrag mit einer estnisch und livischsprachigen Zusammenfassung versehen ist.

VAINO KLAUS (Tallinn)

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Vaino Klaus

Linguistica Uralica

E-mail: lu@eki.ee

(1) Im Satz "When researching the linguistic expressions of Latvian-Livonian conflict ... " (S. 79) wird es sich wohl um einen Druckfehler handeln: Gemeint sind sicher Kontakte.
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Author:Klaus, Vaino
Publication:Linguistica Uralica
Date:Dec 1, 2014
Words:1678
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