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Science policy in motion. Looking back at research policy in the year 2013/Bewegung in der wissenschaftspolitik: ein forschungspolitischer ruckblick auf das Jahr 2013.

Das Wissenschaftsjahr Zukunftsprojekt ERDE hat 2012 die Diskussion uber Nachhaltigkeit und Transdisziplinaritat im deutschen Wissenschaftssystem gepragt. Was hat sich im Folgejahr getan?

Das 2012 vom Bundesministerium fur Bildung und Forschung (BMBF) ausgerufene Wissenschaftsjahr Zukunftsprojekt ERDE unterschied sich in mancher Hinsicht von anderen Wissenschaftsjahren. So stiefien die NaWis-Runde und das Ecological Research Network (Ecornet) in dem Jahr mit der Veranstaltungsreihe Transformatives Wissen schaffen die Diskussion an, wie sich das Wissenschaftssystem selbst verandern muss, damit sich Forschung und Lehre an gesellschaftlichen Herausforderungen orientieren konnen. Im Rahmen von 14 Veranstaltungen diskutierten rund 1600 Teilnehmer(innen) daruber, wie die Rolle der Wissenschaft bei der Trans formation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung gestarkt werden kann. Was ist seitdem passiert?

Insgesamt war das Wissenschaftsjahr mehr als ein Schaufenster aktueller Nachhaltigkeitsforschung. Der Tenor unter den Teilnehmenden bei den zahlreichen Veranstaltungen war (auch aufierhalb der NaWis-Veranstaltungsreihe), dass zur Starkung von Nachhaltigkeitsforschung und -bildung die institutionelle Transformation wissenschaftlicher Einrichtungen und ein langfristiges capacity building in Hochschulen, Forschungseinrichtungen sowie bei den Forderstrukturen notwendig sei.

Ein Jahr nach Ende des Wissenschaftsjahrs bietet sich ein Blick darauf an, wo das capacity building gelungen ist und wo sich besonders viel bewegt.

Impulsgeber BMBF

Mit dem Symposium Sustainability in Science im April 2013 hat das BMBF seine Rolle als Impulsgeber fur eine strukturelle Verankerung der Nachhaltigkeitsorientierung im Wissenschaftssystem gestarkt und einige Anregungen aus dem Wissenschaftsjahr aufgegriffen. Mit einem jahrlichen Symposium will das Ministerium die Diskussion uber die Nachhaltigkeitsorientierung in wissenschaftlichen Einrichtungen fortsetzen. Eine eigene Forderrichtlinie fur Sustainability in Science im neuen Forschungsrahmenprogramm Forschung fur Nachhaltige Entwicklungen (FONA) ab 2015 wird diskutiert. Auch Studierendeninitiativen und- netzwerke werden durch die verstarkte Kooperation mit dem BMBF unterstutzt: So soll zum Beispiel das Wandercoaching -ein Projekt des bundesweit aktiven Netzwerk n--2014 umgesetzt werden, um ein flachendeckendes empowerment von studentischen Nachhaltigkeitsinitiativen zu erreichen.

Im Rahmen der Sozial-okologischen Forschung (SOF) hat das BMBF mit der Fordermafinahme Umwelt-undgesellschajtsvertragliche Transformation des Energiesystems im Jahr 2013 uber 30 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 30 Millionen Euro zur Forderung ausgewahlt. Damit hat das Ministerium eines der grofiten SOFProgramme aufgelegt und ein wichtiges Zeichen fur transdisziplinare Forschung im Bereich der Energiewendeforschung gesetzt. Im September 2013 erfolgte eine weitere Ausschreibung zum Themenfeld Nachhaltiges Wirtschaften--die Antrage befinden sich derzeit in der Begutachtung. Sowohl die Sozial-okologische Forschung als auch die gesamte FONA-Strategie diskutierte das BMBF 2013 intensiv und in einem offenen Agendaprozess mit Akteuren aus der Nachhaltigkeitswissenschaft und gesellschaftlichen Akteuren; die Ergebnisse werden in das bereits erwahnte neue Rahmenprogramm einfliessen.

Den Willen zu mehr Beteiligungsprozessen unterstreicht das BMBF auch mit der Nationalen Plattform Zukunftsstadt. Diese im Sommer 2013 gestartete Initiative bindet zahlreiche interdisziplinare Expert(inn)en und Praktiker(innen) in Gesprache um eine nachhaltige Stadtforschung ein. Erste Ergebnisse sollen im Fruhjahr 2015 vorliegen. Bemerkenswert ist dabei die enge Kooperation des Forschungsministeriums mit dem Bundesministerium fur Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, dem Bundesministerium fur Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und dem Bundesministerium fur Wirtschaft und Technologie. Mit dem Prozess starkt das BMBF die Ansatze einer transdisziplinaren Nachhaltigkeitsforschung und kommt den gestiegenen Partizipationsanspruchen gesellschaftlicher Stakeholder nach.

Best Practice auf Landerebene

Die Bundeslander bleiben wichtige Motoren im Vordenken und Umsetzen eines an den gesellschaftlichen Herausforderungen orientierten Wissenschaftssystems. Die Expertenkommission Wissenschajt fur Nachhaltigkeit hat im Sommer 2013 den Bericht Wissenschajt fur Nachhaltigkeit an die baden-wurttembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ubergeben (siehe Abbildung). (1) Neben einem kontinuierlichen Fortschrittsmonitoring zur Starkung einer "Wissenschaft fur Nachhaltigkeit" empfiehlt die Kommission,

* Reallabore einzurichten,

* Lehre und Studium fur nachhaltige Entwicklung auszubauen,

* Nachwuchsgruppen im Wissenschaftssystem mit struktureller Wirkung zu fordern,

* die freien Institute transdisziplinarer Wissenschaft als Partner fur das baden-wurttembergische Wissenschaftssystem zu starken und

* den Hochschulbetrieb als integrierten Forschungs- und Lernort fur Nachhaltigkeit zu nutzen.

Daruber hinaus empfiehlt die Expertengruppe der Landesregierung von BadenWurttemberg, als bundesweite Vorreiterin fur eine Wissenschaftspolitik fur Nachhaltigkeit zu wirken. Eine erste groRere Tagung zum Thema Reallabore veranstaltete das Ministerium Ende September 2013. Aktuell hat es eine Ausschreibung zur Forderung von Projekten an baden-wurttembergischen Hochschulen veroffentlicht, die den Aufbau von Reallaboren vorsehen.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat das Programm Fortschritt NRWim Jahr 2013 forciert und in einer landesweiten Ausschreibung aus 120 Vorschlagen 19 Orte des Fortschritts ausgewahlt. Bis Mitte Dezember 2013 erfolgt die Ausschreibung von Fortschrittskollegs NRW an nordrheinwestfalischen Hochschulen, die Mitte 2014 starten sollen. In diesen inter- und transdisziplinaren Graduiertenkollegs werden Doktorand(inn)en zu Fragen der grossen gesellschaftlichen Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung forschen. Neben dem nordrhein-westfalischen Ministerium fur Innovation, Wissenschaft und Forschung tragt nun auch das dortige Wirtschaftsministerium die Initiative Fortschritt NRW. Beide Ministerien veranstalteten den Kongress Fortschritt gestalten am 2. Dezember 2013 in Dusseldorf.

In Niedersachsen hat die neue Landesregierung nach der Landtagswahl im Januar 2013 die besondere Bedeutung einer Wissenschaft fur Nachhaltigkeit im Koalitionsvertrag verankert. Im November 2013 wurde in Hannover bei der ersten grosseren offentlichenVeranstaltung die entsprechende Forderstrategie vorgestellt. DieVerantwortung ubernimmt die Ministerin fur Wissenschaft und Kultur Gabriele HeinenKljajic. Die Landesregierung wird mit der Volkswagenstiftung ein Forderprogramm zu Wissenschajt jur Nachhaltigkeit auflegen. Dadurch werden die niedersachsischen Hochschulen, von denen einige schon lange Projekte und Initiativen im Feld nachhaltiger Entwicklung umsetzen(Leuphana Universitat Luneburg, Georg-August-Universitat Gottingen, Universitat Oldenburg und die Stiftungsuniversitat Hildesheim) Ruckenwind erhalten.

Engagement der Zivilgesellschaft

Auch die Zivilgesellschaft engagiert sich weiter. Die 2012 geschaffene Plattform Forschungswende hat Mitte dieses Jahres einen umfassenden Katalog mit zehn wissenschaftspolitischen Forderungen der zivilgesellschaftlichen Verbande vorgelegt. An vorderster Stelle steht hierbei der Ausbau von Partizipationsmoglichkeiten bei der Formulierung von Forschungsfragen und -programmen, die Einrichtung eines Forschungsfonds fur die Zivilgesellschaftund die Entwicklung und Etablierung transparenter Agendaprozesse. (2) Die entsprechenden Forderungen fanden auch Eingang in die Wahlkampfeckpunkte der zivilgesellschaftlichen Organisationen. Der Bund fur Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat eine eigene Kommission Wissenschaftspolitik seines wissenschaftlichen Beirats eingerichtet. Sie hat unter anderem zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Zukunftdes Wissenschaftssystems die Stellungnahme Zukunftspakt ohne Nachhaltigkeit veroffentlicht. (3)

Mit dem Symposium Transformationsforschung -Pioniere des Wandels schufen die Heinrich-Boll-Stiftung und der Verein Research in Community im Oktober 2013 eine weitere Plattform fur den kreativ-kritischen Austausch mit der Wissenschaft.

Hochschulen fur Nachhaltigkeit

Zudem zeigen viele Hochschulen ein verstarktes Engagement fur Nachhaltigkeit in Forschung und Lehre. Nachdem wenige Hochschulen mit einem Nachhaltigkeitsschwerpunkt wie die Leuphana Universitat Luneburg oder die Hochschule fur nachhaltige Entwicklung Eberswalde vorangegangen waren, scheint sich nun eine zweite Generation von Hochschulen auf denWeg zu machen. Unter den Fachhochschulen hat die Hochschule Bochum Nachhaltigkeit in den Leitlinien verankert, einen grundstandigen Bachelor Nachhaltige Entwicklung eingefuhrt und vor Kurzem das Themenheft Auf dem Weg zur nachhaltigen Hochschule herausgegeben. Die Hochschule Kiel veranstaltete im November 2013 ein Symposium Die Hochschule Kiel auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung.

Auch bei den in der Exzellenzinitiative ausgezeichneten Universitaten ist Bewegung zu spuren: So eroffnete die Humboldt-Universitat zu Berlin im Oktober 2013 das Integrative Research Institute on Transformations of Human-Environment Systems (IRI THESys), das interdisziplinar im Bereich der Transformation von Mensch-Umwelt-Systemen arbeiten wird. Die Universitat hatte das Institut im Zukunftskonzept ihres Exzellenzantrags beantragt und den Zuschlag erhalten.

NoW/s-Aktivitaten

Nicht zuletzt in den vier NaWis-Institutionen und dem NaWis-Netzwerk selbst haben sich die Projekte einer Wissenschaft fur Nachhaltigkeit 2013 weiterentwickelt: Die Leuphana Universitat Luneburg hat mit dem Projekt Deutschland--Europa Welt 2042. Transformation ist moglich ein groRes Forschungsvorhaben angestoRen, das ein konzeptionelles, theoretisches und methodologisches Verstandnis der Bedingungen, Mechanismen und Moglichkeiten von Nachhaltigkeitstransformationen untersuchen soll.

Mit dem Zentrum fur Transformationsforschung TransZent als gemeinsame Initiative der Bergischen UniversitatWuppertal und des Wuppertal Instituts fur Klima, Umwelt, Energie wurde im Oktober 2013 eine Pioniereinrichtung gegrundet, die sich der Erforschung von Transformationsprozessen in ausgewahlten gesellschaftspolitischen, soziookonomischen und okologischen Bereichen widmen wird. Das TransZent will hier unter anderem ein urbanes "Transformationslabor Wuppertal" aufbauen, das Transformationsprozesse in enger Abstimmung mit stadtischen Akteuren aus Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft erforschen soll.

In der SOF-Ausschreibung zur Transformation des Energiesystems sind die NaWis-Institutionen an vielen der geforderten Projekte beteiligt. Die NaWis-Runde will dies fur eine noch engere Vernetzung im Feld der Energieforschung nutzen.

Der Elan des Wissenschaftsjahrs 2012 ist nicht verebbt und die deutschen Initiativen greifen die europaische Ausrichtung der Forschung an den groRen gesellschaftlichen Herausforderungen im Rahmenprogramm Horizon 2020 auf. Auch die neue globale Forschungsinitiative Future Earth des International Science Council (ICSU), in die zahlreiche NaWis-Wissenschaftler(innen) eingebunden sind, passt in das Agenda-Setting der NaWis-Runde.

Ausblick

Wenngleich die Wissenschaft zu den besonders veranderungsresistenten gesellschaftlichen Systemen gehort, dessen festgefahrene Routinen und Strukturen nur schwer zu durchbrechen sind, lassen die Entwicklungen der letzten beiden Jahre auf Veranderung hoffen: Die neuen oder transformierten Institutionen zeigen, dass andere Vorgehensweisen moglich sind, und erkunden entsprechende Wege.

Wie geht es weiter? Welche Meilensteine sind absehbar? Die Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats Bedeutung der Grand Challenges fur das deutsche Wissenschaftssystem wird im Fruhjahr 2014 ihre Empfehlungen vorlegen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveranderungen (WBGU) beschaftigt sich in seinem nachsten Hauptgutachten mit Urbanisierung. Dieses Thema bietet vielfaltige Anknupfungspunkte auch fur transdisziplinare Wissenschaftsdesigns und -empfehlungen. Und auch der Rat fur Nachhaltige Entwicklung (RNE) plant fur die kommende Arbeitsperiode einen Wissenschaftsschwerpunkt. Zusammen mit den Initiativen auf Landerebene bildet all dies eine vielversprechende Kulisse fur die Arbeit der neuen Bundesregierung im Bereich einer Wissenschaftspolitik fur Nachhaltigkeit.

Keywords: science year, sustainability, transformation, transformative science

WEITERE INFORMATIONEN:

www.nachhaltigewissenschaft.blog.de

Kontakt Autor(in): Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Mandy Singer-Brodowski, MA | E-Mail: mandy.singer-brodowski@wupperinst.org

beide: Adresse siehe unten

Kontakt NnWis-Runde: Prof. Dr. Uwe Schneidewind | Wuppertal Institut fur Klima, Umwelt, Energie GmbH 1 Doppersberg 19 1 42103 Wuppertal1 Deutschland | Tel.: +49 202 2492100 |

E-Mail: uwe.schneidewind@wupperinst.org 1 www.wupperinst.org

(1) http://mwk.baden-wuerttemberg.de/hochschulen/ wissenschaft-fuer-nachhaltigkeit

(2) www.forschungswende.de

(3) www.bund.net/wissenschaft
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Title Annotation:MITTEILUNGEN DES VERBUNDS FUR NACHHALTIGE WISSENSCHAFT
Author:Schneidewind, Uwe; Singer-Brodowski, Mandy
Publication:GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society
Date:Dec 1, 2013
Words:1545
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