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Schwarz, Egon. Wien und die Juden. Essays zum Fin de siecle.

Schwarz, Egon. Wien und die Juden. Essays z um Fin de si'ecle. Munich: C. H. Beck, 2014. 173 pp. 22.95 [euro] (hardcover).

"Ich war also Jude! Ich war ein anderer! Ich war nicht ein Mensch wie alle!"--diese Ausserung aus Franz Werfels Erzahlung "Pogrom" (1926) konnte gut als Motto uber dieser Sammlung beeindruckender Analysen des 1922 in Wien geborenen, doch dann aus Osterreich vertriebenen Doyens der amerikanischen Germanistik, Egon Schwarz stehen. Dieser schmale, aber gewichtige Band--mit seinen sechs Beitragen zu Aspekten der judischen literarischen Kultur um 1900 im osterreichischen Raum und zwei autobiographisch grundierten wissenschaftsreflexiven Beitragen--ist in mehrfacher Hinsicht ein Schatz, der in die Hande aller Interessierten gehorte.

Die in diesem Band enthaltenen Aufsatze sind zuvor in den vier Jahrzehnten seit den fruhen 1970er Jahren hauptsachlich in Sammelbanden erschienen und liegen nun--von Jochen Bloss kundig geordnet und mit einem Nachwort versehen--in einer sich in der Zusammenschau gegenseitig potenzierenden Form vor. Sie zeigen einen methodisch ausge--sprochen bewussten Forscher, einen auf vielen Gebieten kenntnisreichen, erhellende Vergleiche anstellenden sowie stilsicher formulierenden Literatur--und Zeithistoriker auf der Hohe der Antisemitismus--und judischen Kulturgeschichtsforschung.

In den beiden abschliessenden Essays--"Die Vertreibung aus Wien, perspektivisch gesehen" (1987/88) und 'Wie ein Wiener Gymnasiast in den Anden zum Pikaro wurde" (1995)--werden Aspekte seiner in zwei Fassungen vorliegenden Autobiographie--Keine Zeitfur Eichendorff. Chronik unfreiwilliger Wanderjahre (Konigstein/Taunus: Athenaum, 1979) bzw. Unfreiwillige Wanderjahre (Munchen: C. H. Beck, 2005)--aufgegriffen. Leser erhalten so bewegenden Aufschluss uber Schwarz' durch die Exilerfahrung gepragtes politisches, geistiges und wissenschaftliches Profil, das sich in einem selbstbewussten und jederzeit kritischen Verhaltnis zur Geschichte der "Germanistik" und ihren theoretischen Modeerscheinungen zeigt. Diese von Schwarz in einem langen Prozess erworbene Haltung gegenuber dem Geschichtsprozess und dem Verhaltnis von Welt und Literatur ist das Fundament, das seinen analytischen Blick in samtlichen in diesem Band vereinten kultur- und literaturwissenschaftlichen Beitragen tragt: "Dass ich [...] das Poetische mit dem Sozialpolitischen in Zusammenhang gebracht habe," schreibt Schwarz,
   belastet mein Gewissen nicht. Niemals hat sich die Germanistik
   gescheut, von anderen Fachern, von der Anthropologie bis zur
   Zoologie, zu borgen. Diesen Tatbestand kann man auch anders
   ausdrucken: Als hochst fluchtige Substanz ist die Germanistik
   selten im "Naturzustand" anzutreffen, sondern hat eine
   unmissverstandliche Neigung, sich mit anderen, oft gar nicht
   solideren Stoffen zur Bildung neuer Verbindungen
   zusammenzuschliessen. Die gleichen Leute, die heute entsetzt sind,
   wenn man sich Hilfe bei den Sozialwissenschaften holt, fanden alles
   in schonster Ordnung, solange man sich an Theologie oder Asthetik
   anlehnte (144).


So habe er sich bald "in der Rolle eines Vermittlers zwischen der deutschen und der amerikanischen Szene" befunden, "zwischen denen, die in der Literatur eine Kunst sehen, und denen, fur die sie vor allem die Geschichte widerspiegelt, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das eine das andere nicht ausschliesst" (146).

Fesselnd und luzide schildert Schwarz die gesellschaftlichen Voraussetzungen literarischer Produktion, konkret: die im osterreichisch-ungarischen Kaiserreich verspatet einsetzende Modernisierung in all ihren Erscheinungsformen. Er charakterisiert diesen Prozess als einen "Zusammenstoss zwischen den Elementen einer alten Ordnung mit den dynamischen Machten der Industrialisierung, Sakularisierung, Demokratisierung und Rationalisierung," der sich "explosionsartig und mit unmenschlichen Folgen fur breite Bevolkerungsschichten" abgespielt habe (29-30). Letzteres ist nicht zuletzt ein Verweis auf den sich in der Folge herauskristallisierenden, sozial-darwinistisch und biologistisch argumentierenden und mit "ungeahnter Virulenz" einsetzenden "ganz neuartigen Antisemitismus" (9).

Sogar dort, so Schwarz, wo man antijudische Stereotypie nicht erwartet hatte, sei sie fassbar gewesen (beispielsweise bei Rainer Maria Rilke oder Marie von Ebner-Eschenbach). So zeigte sie einen machtigen Zeit- und Diskursgeist an, dem man sich, wie Schwarz in seiner differenzierten Darstellung zeigt, nur schwer entziehen konnte. Neben der direkten Abwehr des Antisemitismus reagierten Juden auf ihn, indem sie "bei einer langen Reihe von psychologischen Strategien Zuflucht" suchten, "die vielleicht Einzelnen existenzielle Sicherheit, aber keine dauerhafte und keine kollektive Losung brachten". Dazu gehorten zum Beispiel die Haskala, das ostjudische Streben nach westlicher Aufklarung, Ubersiedlung in den Westen, Assimilation entweder mit partiellem Festhalten an der judischen Tradition oder unter Aufgabe derselben, manchmal mit einem Rest judischen Bewusstseins, manchmal aber auch mit dem Versuch, es so gut wie moglich zu vergessen und zu verdrangen, nichtjudische Ehe und Taufe. Andere meinten, in Wissenschaft, Rationalismus, Atheismus, stoischem Ausharren, Marxismus, Sozialismus oder Ruckkehr zum bewussten Judentum und Zionismus Heilung zu finden. Psychologische Schaden wohnten all diesen Prozessen haufig inne. Wer gar keine Hoffnungen mehr hatte, vom Leiden am malheur d'etre juifzn genesen, dem blieb immer noch der Freitod (103).

Doch bleibt Schwarz nicht bei der zeitgeschichtlichen Ursachenforschung stehen. Wiederholt fuhrt ihn eine tiefenhistorische Spurensuche in die Fruhe Neuzeit und ins Mittelalter. Dadurch kann er auch wirkungsmachtige altere Traditionen antijudischen Ressentiments als "Keime des modernen, dem Hochkapitalismus entsprechenden Judenhasses" (9) dingfest machen. Kurzum, bei Schwarz gibt es keine Gegenwart ohne das "Vergangene"--"Man kann naturlich Germanistik mit ihnen [den Schriftstellern] betreiben, ohne derlei Uberlegungen anzustellen," schreibt er, "aber dann fehlt meiner Meinung nach eine Dimension" (105).

Die sechs nichtautobiographischen Beitrage setzen sich zusammen aus zwei Uberblicksbeitragen --"Schmelztiegel oder Hexenkessel? Juden und Antisemiten im Wien der Jahrhundertwende" (1983) und "Das Judische Selbstverstandnis judischer Autoren im Fin de siecle (2003)--und vier textnahen Einzelstudien, die sich mit einschlagigen literarischen Widerspiegelungen und mit thematisch relevanten lebensgeschichdichen Zeugnissen von Joseph Roth (inter alia, Juden auf Wanderschaft), Karl Emil Franzos (Der Pojaz), Arthur Schnitzler (Der Weg ins Freie, Professor Bernhardt) sowie, wie schon erwahnt, mit Franz Werfel (Jakubowsky und der Oberst, "Pogrom") beschaftigen. Diese vier Aufsatze stellen das literaturwissenschaftliche Herzstuck der Sammlung dar. Stets auf dem letzten Stand der jeweils einschlagigen Forschung und in kritischem Verhaltnis zu ihr formuliert Schwarz in ihnen bis heute gultige Einsichten. Bei naherer Betrachtung decken sich seine Charakterisierungen der vier Autoren zugleich mit vier Paradigmen judischer Identitatsformierung in der Konfrontation mit der judenfeindlichen Umwelt.

Was ihn veranlasst habe, trotz der reichlich vorhandenen Literatur zu Joseph Roth, "einen zagen Schritt in den illustren Kreis der Roth-Philologie zu wagen," erklart Schwarz in seinem 1975 zuerst veroffentlichten Aufsatz "Joseph Roth und die osterreichische Literatur," sei "nicht die Uberheblichkeit des Besser- oder Mehrwissens, sondern die Gelegenheit, etwas Allgemeineres zu einer Frage zu aussern, die mich schon lange interessiert: Was ist osterreichische Literatur? Genauer: Wie lasst sich sinnvoll uber osterreichische Literatur sprechen?" In ironischer aber praziser Weise kritisiert er dann die etablierte essentialistische "nationalcharakterologische Mode" (35), die sich in Osterreich vor allem deshalb weiter behaupte, weil dort "die Auseinandersetzung mit dem Faschismus, stark behindert durch den offiziellen Mythos, das Land sei ein Opfer und nicht einer seiner Agenten gewesen, noch weniger grundlich betrieben wurde als in Deutschland" (35). Der nationalcharakterologischen Deutung Roths setzt Schwarz eine historisierende entgegen. Roth war "ein Schriftsteller des Zusammenbruchs der osterreichisch-ungarischen Monarchie" und seine "ganz besondere Note" im "komplizierten Konzert" jenes Zusammenbruchs "ist seine judische Herkunft aus dem ostlichen Grenzland der Monarchie" (41). Roth gehore zur osterreichischen Literatur, so Schwarz,
   nicht weil er es behauptet hat oder weil er in einem zufallig von
   Osterreich annektierten Landstrich aufgewachsen ist, auch nicht
   weil er osterreichische Themen verwendet oder weil seine
   Beziehungen zu anderen osterreichischen Schriftstellern besonders
   intensiv gewesen waren, sondern weil sein Weltverstandnis zunachst
   mit seinem Verstandnis der sich auflosenden Donaumonarchie
   zusammenfiel, in der Juden und Slawen, Aristokraten und
   Antisemiten, Technik und Nationalismus, Ordnung und Chaos in einer
   einmaligen, unverwechselbaren Weise zusammentraten, weil das
   Osterreichische, d.h. das von ihm erfahrene und erlebte, zu seinem
   Selbstverstandnis wurde, und das alles zur dichterischen Schopfung
   zusammenschoss, in der sich ein Stuck osterreichischer Wirklichkeit
   spiegelte, das aber gleichzeitig auch ein Stuck europaischer
   Kultur- und Sozialgeschichte war (48-49).


Roths und Schnitzlers literarische Reaktionen auf den (nahenden, dann vollzogenen) Zusammenbruch vergleichend, stellt Schwarz fest, Schnitzler sei "nuchterner, Roth pathetischer" gewesen: "Schnitzler schreibt kalter, kahler, rationaler, Roth bunter, blumiger, apokalyptischer, vielleicht weil sich hier der medizinisch geschulte Diagnostiker und der von Kindheit an mit dem Mythischen vertraute Visionar gegenuberstehen" (44).

Zum Profil des aus dem Judentum kommenden osterreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler ist bis heute kaum Trefflicheres gesagt worden als hier von Egon Schwarz, indem er Autobiographisches (Jugend in Wien), Erzahlerisches und Dramatisches hinsichtlich der Thematisierung von Judischem brillant analysiert. Dabei wird ein (selbst-)kritischer und bis in das unbewusste Unterfutter der Gesellschaft und seines Ichs leuchtender Autor fassbar, dem fast nichts entgeht, nicht einmal die Wirkungskraft des antijudischen Diskurses im Judentum selbst. Und doch mussen auch die "zeit- und klassenbedingten Grenzen von Schnitzlers Weltverstandnis" berucksichtigt werden, so sein "verzweifelter Versuch [...], an einer zentralen Auffassung des Liberalismus festzuhalten, namlich an dem um die Jahrhundertwende in eine Krise geratenen autonomen Ich" (65-66). Schwarz beschreibt die in einigen Schnitzler-Figuren fein ziseliert dargestellte Verletzlichkeit eines hochst rationalen und sensiblen Schriftstellers, der sich des mit rationalen Argumenten nicht beizukommenden "Irrsinns des Antisemitismus" --so kommentierte Schnitzler 1904 eine entsprechende briefliche Ausserung von Peter Altenberg (60)--vollauf bewusst ist.

Von ebensolcher Qualitat sind schliesslich Schwarz' Analysen von Texten Franz Werfels und Karl Emil Franzos'. Sie zeichnen sich durch einen in die Tiefe der Schriftsteller-Personlichkeiten und der poetischen Konstruktionen ihrer Erzahlwerke leuchtenden Blick aus. So betont Schwarz etwa--exemplifiziert insbesondere an Werfels Fragment gebliebener Erzahlung "Pogrom" (1926)--, dass Werfel in seinen Werken die "sozio-psychologische Existenznot der Juden [...] mit fast monomanischer Insistenz" vorgetragen habe (89), ebenso wie die Tatsache, dass die Generation Werfels, "im Gegensatz zu ihren Vatern [...] die Augen vor dem Scheitern ihrer Integration" nicht langer habe verschliessen konnen (88). Schwarz zufolge ist der Hang des Erzahlers in "Pogrom" zum Rationalismus nicht so sehr als Widerspiegelung des traditionellen Klischees vom Judischen Rationalismus zu verstehen, sondern als Ergebnis eines "Verlust[s] an lebensnotwendiger Metaphysik als Strafe fur Assimilation und Anbiederung an eine wesensfremde Gesellschaft" (84).

Schwarz' Analyse des 1905 veroffentlichten Pojaz-Romans von Karl Emil Franzos--einem der "Vater"--bildet gewissermassen einen Kontrapunkt zu der Werfels. Dabei gelingt es Schwarz mit seinem ideologiekritischen Blick glanzend, Franzos' judisch-aufklarerischen Bildungs- und Kunstlerroman geistig im soziohistorischen Kontext als Produkt einer assimilationseuphorischen, ja geradezu germanophilen und ghetto-satirischen Zeit zu verorten. Klar benennt er die--wie auch immer zu erklarenden--Scheuklappen, die Franzos' Optimismus ermoglichten und dessen Konsequenzen fur die Poetik und Stilistik des Romans:
   Der Kontrast zwischen der realistischen Aufmachung des Buches und
   einem unterschwelligen, naturalistischen Lebensgefiihl konnte
   erklaren, wieso sich neben aller zivilisatorischen Resolutheit die
   Resignation behauptet und warum der etwas forcierte Frohsinn des
   liberalistischen Realismus dem Ansturm dusterer deterministischer
   Gewalten nicht standhalten kann. So konnte man auch den
   problematischen Ton des Werkes, die kuriose Mischung aus Ironie,
   Humor, Ernst und Sentimentalitat als die Folge eines Schwankens
   zwischen realistischer Hoffnung und naturalistischer Verzweiflung
   auslegen (126).


Der Vorstellung, dass die Hoffnung auf eine vollstandige Akkulturation und Integration der Juden in Deutschland und Osterreich unweigerlich zum Scheitern verurteilt war, widerspricht Schwarz allerdings vehement:
   [W]enn die These richtig ist, dass es in der Geschichte einen
   Funken Freiheit gibt, dass nicht die ganze deutsche Vergangenheit
   von Urbeginn an auf den Sieg des Nationalsozialismus angelegt war,
   dass bewusste Bosheiten begangen wurden, vermeidbare Fehler und
   ungluckliche Zufalle geschehen mussten, um diesen Triumph in Szene
   zu setzen, dass es an jedem Kreuzweg eine Alternative gibt [...],
   dann ist man zu dem Analogieschluss berechtigt, dass die
   apodiktische Behauptung von der zum Versagen verdammten
   Assimilation falsch ist. Sie scheint in anderen Landern zu gelingen
   und hatte bei gunstigerer Entwicklung, deren Moglichkeit man
   einraumen muss, wenn man nicht auf die Idee einer offenen,
   hochstens partiell vorgepragten Zukunft verzichten und einem kruden
   Determinismus erliegen will, auch in Deutschland gelingen konnen
   (114-15).


Geistig und sprachlich bereitet die Lekture dieses schmalen aber reichhaltigen Bandes V ergnugen. Er wird eine Art Kompass auf dem Gebiet der judischen Literatur- und Kulturgeschichtsschreibung bleiben, nicht zuletzt deswegen, weil wir es hier mit den Arbeiten eines exakten Forschers und Germanisten zu tun haben, der, gleichzeitig ausgestattet mit dem differenzierenden Blick auf die eigene Exilerfahrung, "das Poetische mit dem Sozialpolitischen" (144) zu verschwistern versteht.

Karl Muller

University of Salzburg

Karl Muller is Associate Professor of Modern German Literature and member of the Center for Jewish Cultural History at the University of Salzburg.
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Author:Muller, Karl
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Sep 22, 2015
Words:1936
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