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Salis-livisches Worterbuch.

Salis-livisches Worterbuch. Herausgegeben von Eberhard Winkler und Karl Pajusalu, Tallinn, Teaduste Akadeemia Kirjastus, 2009 (Linguistica Uralica. Supplementary series / Volume 3). 272 S.

Dr. Eberhard Winkler, Professor der finnisch-ugrischen Sprachen an der Universitat Gottingen, widmete sich mehr als zehn Jahre der Erforschung alter, im Salis-Livischen verfasster Handschriften. Diese Sprache wurde einst am Fluss Salis (lett. Salaca) im historischen Livland (heute Nord-Lettland) gesprochen und verschwand um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem aktiven Sprachgebrauch (s. z. B. Winkler 1994).

Im Jahr 2009 erschien nun in Zusammenarbeit mit Karl Pajusalu, Professor der estnischen Sprache und Dialekte an der Universitat Tartu, das hier vorliegende "Salis-livische Worterbuch". Beide Autoren versprechen, dieses Projekt fortzufuhren und weitere Bande zur synchronischen und historischen Grammatik des Salis-Livischen zu veroffentlichen.

Das im Worterbuch vereinte Material wurde den bis heute insgesamt elf erhaltenen Quellen des Salis-Livischen aus den Jahren 1665-1846 entnommen. Andreas Johan Sjogren (1794-1855) gilt als Letzter, der 1846 umfangreiches Sprachmaterial aufzeichnete, obwohl zu seinen Lebenszeiten diese Sprache bereits im Aussterben begriffen war. In der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts erlosch diese Sprache endgultig, in anderen Gebieten Livlands schon wesentlich fruher. Einstige Sprachsammler, meist Deutsche, aber auch ein Este war unter ihnen, brachten lediglich einen Bruchteil des Wortschatzes der damals noch ziemlich vitalen salis-livischen Sprachgemeinde zu Papier. Das Salis-Livische wurde als Sprache in der Belletristik bekanntlich nur vom lettischen Sprachwissenschaftler Laimonis Rudzitis (1906-1973) gebraucht, indem er im livischen Kalender des Jahres 1934 die vierseitige Geschichte "Libma" (Livland) publizierte, wo er einen Einblick in die Lebensweise der Bewohner des einstigen Livlands gibt (s. Pajusalu 2010).

Winkler und Pajusalu erfassten im vorliegenden Worterbuch das gesamte bekannte Sprachmaterial des Salis-Livischen. Ungefahr 8500 grammatische Formen, die in ca. 1500 Wortartikeln systematisiert und ihrerseits unter 660 etymologisch zu begrundenden Stichwortern zusammengefasst wurden. Die Flexionsformen sind in der Mehrzahl mit grammatischen Erlauterungen versehen. Das Sprachmaterial ist zwar nicht so sehr umfangreich, doch in diesem Werk wurde das gesamte salis-livische Sprachgut zwischen zwei Buchdeckeln vereint. Teile dieses Wortschatzes finden sich auch in dem von Lauri Kettunen herausgegebenen "Livischen Worterbuch" (1938).

Das Worterbuch setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen: Vorwort; Einleitung (unterteilt in vier Kapitel, in denen die Stellung der Salis-Liven innerhalb der ostseefinnischen Sprachfamilie beschrieben wird, die Herkunft und die Quellen des Wortschatzes dargelegt werden, auf das Wirken von Sjogren bei der Erforschung der Salis-Liven eingegangen wird, u. a. erganzt mit der aus dem Schwedischen ins Deutsche ubersetzten Zusammenfassung des Tagesbuches uber Sjogrens Feldforschungen bei den Salis Liven vom 17.06. bis 04.07. 1846, Erlauterungen zur Aufzeichnung des Sprachmaterials, zu seiner Semantik sowie zur Erforschung dieser Sprache), der Aufbau des Worterbuchs (Erklarungen zum Alphabet und zu seiner Reihenfolge, zur Verwendung des Stichwortes, zum Aufbau eines Wortartikels, zur Herkunft des Vergleichsmaterials und zu den Abkurzungen). Dem schliefit sich das Literaturverzeichnis an. Den Hauptteil der Forschung bildet naturlich das eigentliche salis-livische Worterbuch, gefolgt von dem Verzeichnis der deutschsprachigen Bedeutungen und als Anhang werden dem Leser funf von August Georg Pezold gefertigte Zeichnungen vorgestellt, die Salis-Liven und ihren Lebensraum darstellen.

Winkler begrundet in der Einleitung die Notwendigkeit der Erforschung des Salis-Livischen und bemerkt mit Recht, dass der Schwerpunkt der Erforschung der livischen Sprache bisher stets auf dem in Kurland gesprochenen Livischen lag, obwohl die geografisch getrennt gelegenen Sprachvarianten ziemlich grosse Unterschiede aufweisen. Nach Winklers Ansicht nimmt das Salis-Livische gegenuber dem Kurland-Livischen die vorrangige Stellung ein und er meint, man sei noch auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum zwischen den geografisch und sprachlich gesehen so nahen Nachbarn--wie den Esten und Salis-Liven--eine Sprachgrenze bestand, obwohl es doch zwischen beiden weder eine politische noch religiose Grenze gab. Auf Grund der Tatsache, dass Salis-Livisch unzureichend erforscht war, meinte man samtliche sprachliche Erscheinungen, die im Kurland-Livischen fehlten, dem Einfluss der estnischen Sprache zuschreiben zu konnen, so dass Winkler eine Untersuchung des Ausmafies der Sprachkontakte der Salis-Liven, ebenso von sprachlichen Entwicklungen, auf die sich die Kurland-Liven nicht einliefien oder wo diese neuen Innovationen zufolge untergegangen sind, fur vordergrundig ansieht.

Auffallig fur das Salis-Livische sind verkurzte Wortformen, in deren Ergebnis eine geradezu radikale grammatische Homonymie zustandekam, was besonders bei den Verbformen ausgepragt ist. Auch fur jemanden, der das Kurland-Livische beherrscht, sei es oft schwierig ohne die deutsche Ubersetzung die Bedeutung des salis-livischen Belegmaterials zu erschliessen. Leider bleibt in so manchen Fallen trotz dieser Ubersetzung die Bedeutung doch im Unklaren. Im Worterbuch werden die Sprachbelege so wiedergegeben, wie sie einst zu Papier gebracht worden sind. Die beiden Sprachforscher des Livischen aus dem 19. Jahrhundert--Sjogren und Wiedemann--haben das Belegmaterial aus dieser Sprache unifiziert und demzufolge sind phonetische Nuancen verlorengegangen, wie z. B. Verweise auf die Stossintonation. In der Phonetik des Salis-Livischen zeigt sich starker Einfluss des Lettischen. So ist ganz offensichtlich ein Ausbleiben der Labialisierung von u und o eine Folge dieser Beeinflussung: u > ju-, dennoch nicht konsequent, weil zu berucksichtigen ist, dass die Belege zu verschiedenen Zeiten erfasst wurden, z. B. uks > juks/juk 'ein, eins' (68). Zur Delabialisierung kam es im Kurland-Livischen erst spater und diese verlief anders als im Salis-Livischen. Unter lettischem Einfluss wurden Velarklusile meist zu Dentalklusilen palatalisiert: k > t (z. B. keiser/keiser 'Kaiser' 96) und g > dd (z. B. gim/dim 'Gesicht' 59, vgl. lett. gimis). Im Wortanlaut kam es zur Palatalisierung von k und g und anschlieiend wurden diese ersetzt (oder ausgetauscht); dies geschah recht oft mit t' resp. d' vor vorderen Vokalen, im Auslaut jedoch vor dem einst vordervokalischen Stammvokal (z. B. let' 'Witwe' 107, vgl. est. lesk id.; sed'd', sed'ub 'mischen, vermischen, verwirren; irremachen; truben 174, vgl. est. segada 'mischen; umruhren; verwirren; storen).

Das Lettische hat logischerweise auch die Derivation des Salis-Livischen beeinflusst. Am auffalligsten kommt das darin zum Ausdruck, dass dort samtliche lettische Verbprafixe vorhanden sind, die ebenso vor salis-livische Wortstamme traten und sich offensichtlich immer an den lettischen Vorbildern orientieren, indem sie folglich partielle Lehnubersetzungen bildeten: ais/laed / aiz/laed 'aus-, weg-, hin-, vergehen, abmarschieren, vgl. lett. aiz/iet 'weggehen, hingehen' (ME I 29); ais/kield, -ub / ai/kieldub 'absagen, leugnen, verbieten, untersagen, vgl. lett. aiz/liegt 'versagen, verbieten; verleugnen' (ME I 37); ap/oid / ab/oid 'bewahren, behuten', vgl. lett. ap/sargat 'beschutzen, bewachen (ME I 117); ap/ot besuchen, vgl. lett. ap/meklet besuchen (ME I 106); at/ast weichen, zurucktreten', vgl. lett. at/spert 'hin-, wegschlagen, wegwerfen, zuruckstossen (ME I 194-195); ee/wigatub 'zugrunde richten', vgl. lett. ie/vdinuot 'verletzen, verwunden' (ME II 85); ie/ann 'eingeben, einhandigen ,vgl. lett. ie/duot (in die Hand) geben; eingeben (von einer Medizin) (ME II 12); is/ann /iz/ann 'ausgeben; gedeihen, glucken; hervorbringen, vgl. lett. iz/duot herausgeben, abgeben; ausgeben, hervorgeben, wachsen lassen (ME I 730-731); nuo/panna anberaumen, festsetzen; tadeln, verachten, vgl. lett. nuo/likt 'ab-, weg-, niederlegen; bestellen, anstellen, hinstellen; herabsetzen, heruntermachen (ME II 810-811); pa/ lask 'loslassen', vgl. lett. pa/laist 'frei-, loslassen (ME III 55); pa/kan(n)at ertragen, dulden', vgl. lett. pa/ciest 'ertragen, erdulden (ME III 13); par/kannat ertragen; vertragen', vgl. lett. par/ciest 'uberstehen, ausdulden, ausdauern (ME III 152); par/opat 'strafen, zuchtigen', vgl. lett. par/macit 'rugen, zuchtigen' (ME III 166): pie/ann 'vergeben; verfaulen', vgl. lett. pie/duot 'verzeihen, vergeben' (ME III 247); sa/korr 'sammeln, aufsammeln', vgl. lett. sa/lasit zusammensuchen, sammeln (ME III 666); us/ast 'aufsteigen', vgl. lett. uz/spert 'in die Luft sprengen' (ME IV 381).

Das fur die Ableitung von Antonymen geeignete lettische Prafix ne-/nasowie ein Anfugen von lettischen Nachsilben an salis-livische Wortstamme lassen sich nicht nachweisen. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht soll onzig 'glucklich, selig' (139) sein, wo sich dem salisliv. omi 'Gluck' die im Lettischen fur die Bildung von Adjektiven uberaus produktive Nachsilbe -ig- anfugt. Die mit -nika gebildeten und hauptsachlich Personen bezeichnenden Substantive konnten vielleicht nach dem Vorbild entsprechender lettischen Ableitungen auf -nieks entstanden sein, wie etwa kavalnika/kovalnika 'listig, verschmitzt; naseweis; Schlaukopf' (81 sub kaval), vgl. lett. gudrinieks, gudri-niece 'der (die) Kluge, ein Klugling, ein schlauer, geriebener Mensch, ein Schelm (ME I 675); sugnika 'Verwandter' (180 sub sug), vgl. lett. radinieks, rad(e)nieks 'der Verwandte' (ME III 461) usw.

Erstaunlich ist auch die Vielzahl der salis-livischen Deminutive auf -ki/-t'i, beispielsweise kanki/kant'i 'Huhnchen, Kuchel' (77 sub kana), kutki Hundchen' (93), nurmki 'Feldstuck' (133 sub nurm), pinnki 'Hundchen' (150 sub pinn) u. a. Mati Hint kam in dem Zusammenhang die fur den sudestnischen Dialekt typische Vielzahl an Deminutiven in Erinnerung (Hint 2010 : 780; zum Einfluss der lettischen Sprache bei der Bildung von sudestnischen Deminutivableitungen s. auch Vaba 2011 : 236). Sehr oft stosst man im Worterbuch auch auf nach lettischem Vorbild gebildete syntaktische Ableitungen, wo das ajektivische Partizip Prasens Passiv in Wortverbindungen entweder das Objekt, den Ort oder den Zeitpunkt der Handlung angeben, wie etwa ratstau ubbi 'Pferd' (163-164 sub ratzt), vgl. lett. jajams zirgs Pferd (ME II 106 sub jajams), pazdu troug 'Waschbecken (199 sub trauk), vgl. lett. mazgajamais trauks, magdu tuba / magdau tuba Schlafzimmer (200 sub tuba), vgl. lett. gulam/ istaba, ummeldau nugl 'Nahnadel' (208 sub ummeld), vgl. lett. ujam/adata u. a.

Das Belegmaterial wurde in etymologische Lemmata gebundelt. Schon ein fluchtiger Blick auf die Wortartikel des Werkes lasst erahnen, dass auf diesem Gebiet noch viel Arbeit ansteht. Auch Winkler selbst hebt in der Einleitung (S. 32) hervor, dass ein etymologischer Zusammenschluss der Worter oft nicht in jedem Fall eindeutig ist. Etymologische Entsprechungen finden sich in den folgenden Sprachen: Kurland-Livisch, Finnisch, Estnisch, Lettisch, Deutsch (Mittelniederdeutsch, Niederdeutsch, Deutschbaltisch, Hochdeutsch), Russisch. Karl Pajusalu betont (2010), dass Besonderheiten des Salis-Livischen--wie etwa Wortschatz--im Haademeeste-Kustendialekt des estnischen Landkreises Parnumaa uberlebt haben. Derartige Worter mit lokalen Eigenheiten wurden im etymologischen Teil des Werkes auch vorgestellt. Die dargebotenen Entsprechungen besitzen eine genetische Verbindung zu den Stichwortformen; ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Salis-Livischen und dem in eckigen Klammern gebrachten Vergleichsmaterial muss gar nicht bestehen oder dieses hat auch in etymologischer Hinsicht nichts mit dieser Sprache zu tun. Manchmal ist unklar, nach welchen Grundsatzen und zu welchem Zweck das genetische Vergleichsmaterial uberhaupt angefuhrt wird. Auffallig ist dies u. a. bei der Einbeziehung von verschiedenen, in der estnischen (Dialekt-)Sprache vorkommenden jungeren lettischen Lehnwortern: zu dem Beleg riba (luu) Rippe bringt man auch das im sudostestnischen Hargla-Dialekt registrierte lettische Lehnwort riba, vgl. lett. riba (165) oder zu vel (2) 'wunschen; erlauben' das in Haademeeste und Saarde verzeichnete lettische Lehnwort veelida id., vgl. lett. velet, dagegen beim Beleg runts 'Kater' (167) wird das estnische dialektsprachige lettische Lehnwort runts id., vgl. lett. runcis nicht wie andere analoge Falle dargeboten. Zu den jungeren lettischen Lehnwortern zahlt auch ta'lk 'Bauern schmaus' (s. Posti 1974 : 198).

Lettisch ist fur die livische Sprache die dominierende Kontaktsprache und dies widerspiegelt sich in einer umfangreichen Beeinflussung der Lexik, der Aussprache und des grammatikalischen Aufbaus. Dem Livischen fehlt mindestens ein Drittel der ostseefinnischen Wortstamme, die Entsprechungen im Finnisch-Ugrischen und Finnisch-Permischen besitzen. Im Kurland-Livischen und in lettischen Dialekten von Kurland muss man mit einem eventuellen kurischen Substrat rechnen (s. auch Walchli 2000 : 213), wie dieses im kur land-livischen Wortschatz durch palandoks 'tuvi' reprasentiert wird, die salis-livische Bezeichnung fur Taube balad/ balaz ist aber ein lettisches Lehnwort. Zahlreiche lettische Entlehnungen sind dennoch im Kurland-Livischen und Salis-Livischen gleich. Schon Kettunen hat in seinem Worterbuch recht systematisch auf lettische Lehnworter hingewiesen (Kettunen 1938). Seppo Suhonen (1973) hat uber das gleiche Thema eine tiefgrundige Abhandlung veroffentlicht, die aber im Literaturverzeichnis des vorliegenden Worterbuchs nicht auftaucht. Winkler ist ein herausragender Sprach-forscher, jedoch sei die Anmerkung gestattet, dass er hin und wieder zu leichtfertig den von Kettunen vorgelegten etymologischen Interpretationen Vertrauen schenkt.

Eine interessante Kategorie bilden die isolierten Wortstamme, von denen etwas mehr als zweihundert hier erfasst worden sind. Im Folgenden sollen einige dieser Worter, von denen keine Entsprechungen uber die Grenzen des Salis-Livischen hinaus bekannt sind, vorgestellt werden, wie beispielsweise Ahn Mond (40), kourapild kleiner Heuschober' (86), laskud 'hell' (104), lod, -ub 'behuten' (110), nupsta, -t ' Glied ' (136), Orr lit Bett (140), Pigga stehen (149), piant, -ub mieten (151), pugub zugleich (153), rad i Wund, denn an einen etymologischen Zusammenhang mit dem Wort aus dem estnischen Karksi-Dialekt rahkine in Stucken (162) kann man nicht glauben, worauf auch die Worterbuchautoren verweisen, sur, -ub 'strafen' (182), schuht Frosch (188), telki Bachstelze (194), toub, -ub fuhlen (198), tulpiga ungefahr, beinahe (201), tu Grille (202), ui (keel) Livisch (207), uijis klein (207), vatt Schloss (218), vast, -ab eilen (227) u. a. In realen Fallen scheint es sich dennoch um imaginare Isolate zu handeln: die Worter konnen mit Fehlern behaftet bzw. ungenau aufgezeichnet sowie ihre Semantik unvollstandig oder sogar falsch beschrieben worden sein. Im Worterbuch lassen sich einige solche Beispiele aufspuren, bei denen sowohl die Wortform selbst als auch die Bedeutung nicht eindeutig aufzufassen sind, wie z. B. kriebi (87), zerbak 'fett werden (190)', verem (219), arjki '? druckend, stickig, schwul, heiss (228) usw.

Fur die hier folgenden Beispiele kann eine glaubwurdigere etymologische Interpretation vorgelegt werden: as 'Streu; Kehricht' wurde verglichen mit mittelniederdt. as Speise der Tiere (40), vgl. ausserdem mit sudest. ask : aso 'Mull, Abfall. pilg 'stachelig' (149) gilt eher als lettisches Lehnwort, vgl. lett. spila, spile eine Gabelung; eine zweizinkige Mistgabel u. a.' ME III 1003-1004; EH II 553.

Das ohne Etymologie angegebene klants/klants 'Tasche' (83) ist eine Entlehnung aus dem lettischen Original klancis der Schubsack und das Brot darin; die Tasche wie auch das estnische Dialektwort lants Brottasche (Vaba 1997 : 116), struk, -ub 'schleudern' (180) < lett. Struoket 'prugeln, 'schelten' (ME III 1098); titilbi Roggenvogel (197) < lett. titilbis ein Vogel mit langen Beinen; der Roggenvogel' (ME IV 198-199). Ein lettisches Lehnwort resp. durch das Lettische phonetisch beeinflusst ist korst sengen, brennen' (85: sub korb) < lett. kurstit ' oft ein wenig heizen, schuren (ME II 326); struonat, -ed 'Trompete' (180) < lett. struona die Saite (ME III 1098). Interessante Falle fur eine Entlehnung aus dem Lettischen sind beispielsweise nehnest 'langsam' < lett. lens (129) (wo l- > n-, wie in den livischen Belegen niem Kuh, vgl. est. lehm id. oder nin Stadt, sudest. liin id.) oder vabr/vabr/vaber 'Biber' < lett. bebrs (226), in denen das wortanlautende b-Substitut ein v- ist.

Personen, die die baltischen Sprachen kennen, beherrschen und erforschen, empfinden es wahrscheinlich als etwas storend, dass bei etlichen Fallen, die sich als lettisches Lehnwort erweisen, eine noch zutreffendere Lehngrundlage hatte angefuhrt werden konnen, wie beispielsweise fur apglabd 'behuten' < lett. glabt (47), zutreffender ware: apglabt 'retten; lindern, sistieren' (EH I 82); bal u. a. bleich < balgans (50), zutreffender ware: bals 'blass, bleich' (ME I 272); muodrig munter < lett. muodrs (124), zutreffender ware: muodrigs wachsam, mun ter, lebhaft (ME II 682); plitnika Plun derer < lett. plities beharrlich verlangen, fordern (151), zutreffender ware: plitnieks ein Prasser, Schwelger, Zechbru der, Saufbruder (ME III 350); red Nar be < lett. redit (164), zutreffender ware: reda 'der Rand ', redas ' Lumpen, Fetzen' (ME III 517); tsirp Holzwurm < lett. cirmis (200), zutreffender ware: cirpenis (ME I 386); tukst, -ub zischen, sausen, flustern, zischeln' < lett. cuzet (200), zutreffender ware: cukstet 'zischen' (ME I 424-425) u. a. Eine ganze Reihe von Wortern, die zweifelsfrei lettischer Herkunft sind, wird gar nicht als solche ausgewiesen, wie etwa adin Sommerroggen (41) < lett. adini, atdieni id. (ME I 154), avat: avat mared Himbeere (49 sub avat 'Quelle') < lett. aviei, avei, avetenes (ME I 232 sub avene; EH I 190; LVDA 22. Karte), pakst, -ud/paakst 'Schote, Hulse', jarn paakst 'Erbsenschote' (141) < lett. paksts die Schote (ME III 146), pumper/pumper Knopf; Knospe; Zapfen (an Nadelbaumen)' (254) < lett. pumpur(i)s ' die Knospe (ME III 411), amal 'Klee' (228) < lett. emuols, amuols 'der Klee' (ME I 569; s. auch EH I 69, 369). tsirlirki Lerche ist ein Mischgebilde: lett. cirulis + lind + Deminutivsuffix -ki (s. Magiste 1931 : 136-137; Kettunen 1938 : 434).

Von grossem Interesse sind lettische Lehnworter, die archaische, im Lettischen bereits ausgestorbene Wortformen bewahrt haben, wie beispielsweise apsnikub (PRS3SG) 'uberdrussig werden', apsnikumi/apsnikumi 'Uberdruss' (47), wo das in diesen Wortformen vorkommende -sunumstritten das Reflexivinfix ist, das zwischen dem Stamm sowie dem Prafix von Reflexivverben und entsprechenden Verbalnomina auftritt. Lediglich die im Salis-Livischen registrierte, ganz offensichtlich aus dem Lettischen stammende Fischbezeichnung plouzen Brachse (151) ist im gegenwartigen Sprachgebrauch des Lettischen nicht mehr vorhanden, sie erscheint aber noch in Quellen des 17. Jahrhunderts in der Wortgestalt plauznis (s. ausfuhrlich Laumane 1973 : 167).

Viele deutsche (mittelniederdeutsche, deutschbaltische und hochdeutsche) Lehnworter stimmen im Salis-Livischen und Kurland-Livischen uberein. Sicher hegt wohl niemand daran Zweifel, dass die meisten dieser uber Vermittlung des Lettischen ins Salis-Livische ubernommen wurden. Jedoch gibt es ausreichend Belege, bei denen wahrscheinlich eine direkte Entlehnung aus dem Deutschen vorliegt, wie etwa bei arker 'Anker' < mittelniederdt. anker (46), vgl. lett. ankuris (EH I 70); pukki Bock, Ziegenbock; Kutschbock < mittelniederdt. buck (154), vgl. lett. buks der Bock, ein Schafbock mit grossen Hornern, buka der Kutsch bock (ME I 346-347; EH I 249, 250); grents, -id 'Grenze' < mittelniederdt. grense/grentze (58); kajut Kajute < mittelniederdt. kajute (76); knuop Knopf < mittelniederdt. knop (83), vgl. lett. knuo pa u. a. der Knopf (ME II 251, 254), knepes zwei verbundene Knopfchen, um Hemdsarmel u. dgl. zusammenzuhalten (ME II 245); kopper/kopr Kupfer < mittelniederdt. kopper (84-85), vgl. lett. kopars, kopurs 'Kupfer' (ME II 254); konig 'Konig, Kaiser' < dt. Konig (95), vgl. lett. kenin (ME II 374); luod Bleilot < mittelniederdt. lode/lot (116), vgl. lett. luode die Kugel; das Lot, Beilot (ME II 523-524); opper Opfer < mittelniederdt. opper (149), vgl. lett. upuris id. (ME IV: 301); rot't' 'Ratze, Ratte' < mittelniederdt. rotte (166), vgl. lett. rateste, rate id. (ME III 480; EH II 355); torm 'Sturm' < mittelniederdt. storm (198), vgl. lett. sturme, sturmis (ME III 1108); tropp 'Tropfen' < mittelniederdt. drope (199), vgl. lett. drapes, drapas Pl. id. (ME I 490); tuk 'Tuch' < mittelniederdt. tuch (202), vgl. lett. tuks 'ein gewisser Kleiderstoff (EH II 707) usw.

Eine nicht zu unterschatzende Lehnquelle des Salis-Livischen ist der am Fluss Salis gesprochene ortliche lettische Dialekt, der sogar solches salis-livisches Sprachmaterial aufbewahrt hat, was im Salis-Livischen selbst nicht mehr vorhanden ist, in erster Linie naturlich Lexik. Schon ein fluchtiger Blick auf die Beschreibung des beispielsweise SvetciemsDialekts (Sveiciems) lasst erkennen, was fur tiefe Spuren die livische Sprache in der Morphologie und Lexik der ortlichen Dialektsprache hinterlassen hat (s. Putnin 1935 : 55ff.). Die folgenden Belege sind vorwiegend im lettischen SalacaDialekt festgehalten und entstammen vermutlich dem Sprachgebrauch lettisierter Salis-Liven: iuket 'wutend' wiehern (EH I 432), vgl. est. (Mulgi u. a.) iukama, iuk(u)ma (bose) wihern ; koiba der Fuss (das Bein) eines Menschen od. Tieres (pejorativ) (EH I 637), vgl. kurland-liv. kuoiba 'ein Schuh aus Seehundsfell; Seehundsfuss, est. koib id.; kolaties durch Luftspiegelung (Strahlenbrechung) sich uber den Horizonten erhebend, sichtbar werden (EH I 638), vgl. kurland-liv. ko'llo, ko'lto 'eine Bucht nach oben bilden', est. (Insel- und Westdialekt) kolama, kolatama id.; konksis eine zweizinkige Mistgabel (EH I 639), vgl. kurland-liv. ko'nrk' Keule ', est. konks 'Kartoffel-, Mistharke u. a.' ; narcaks 'einer, der in zerlumpten Kleidern einhergeht (EH II 5), vgl. est. nartsak(as) zerfetzte Lumpen'; nuzinat 'schnuffeln' (EH II 29), vgl. est. nuus(k)ima stobern, schnuffeln ; ors ' Ende des Bootshakens ' (EH II 117), vgl. kurland-liv. vgra ' eiserner Stachel, Nabe ', est. ora; olaties ' blandities ' (EH II 117) ja oleties sich in der Ferne (zu) bewegen (scheinen) (EH II 117), vgl. est. holjuma, sudest. hol'joma schweben, schwanken, taumeln, sich bewegen ; ponturs kleiner Hugel; moosige Stelle (EH II 311), vgl. est. pondak ' Hugel'; pozni ' Waldmoder, Verwittertes', poznans 'Faulnis enthaltend, verfault' (eH II 311-312), vgl. est. dial. (westestnisch) posu, poss Moder; moderndes, vermodertes Stuck Holz ; roiska Schutt, Graus (EH II 380), vgl. est. dial. roisk ' allerlei Abfalle, Schutt, Graus, Geroll, Kehricht' (EKMS III 246 Puru, 633 Risu); umma ' ein abgeschlossener Raum, ein zugedecktes Gefass (EH II 713), vgl. est. ummik ein (aus einem Holzklotz gefertiges) Gefab mit Deckel usw.

Lexikologen der lettischen Sprache finden aber im Salis-Livischen wichtiges (zusatzliches) Belegmaterial, das bei der Klarung von Lehngrundlagen fur ostseefinnischen Wortschatz behilflich ist, wie z. B. nuskat 'schnuffeln' (EH II 29), vgl. salis-liv. nuk, -ub riechen an etwas, beriechen; blasen mit der Nase, schnuffeln; sich schneuzen (134); pidi(ni) Fichtenaste, aus denen man Zaunspricken anfertigt': pidinu seta (EH II 230) < salis-liv. pide tara 'Sprickenzaun' (193 sub tara), vgl. auch est. (Haademeeste und anderswo) pida : pea 'Ast im Staketenzaum'; puga ein stossweiser Wind, ein Windstoss' (ME III 445), puka eine Art Sturm auf dem Meer; ein Windstoss (EH II 341) < kurland-liv. pu'go, pu'kto, salis-liv. pugg, pugub 'blasen'; somiuoties '?mit Schafbocken hin und her laufen (EH II 544), vgl. salis-liv. sonn Schafbock.

Der lexikalische und semantische Isomorphismus der lettischen und livischen Sprache ist beachtenswert. So uberrascht nicht, dass das vorliegende Worterbuch Belege fur von Lehnubersetzungen herstammenden Wortverbindungen sowie direkte, aus dem Estnischen, Lettischen und Deutschen ubernommene Lehnworter aufzeigt, wobei jedoch offensichtlich auch eine lettisch-livische Konvergenztendenz in Betracht zu ziehen ist.

Weder Lehnubersetzungen noch Lehnbedeutungen werden im Worterbuch hervorgehoben. Schon ein Uberfliegen des Materials zeigt, dass es im Salis-Livischen erwartungsgemass viele Lehnubersetzungen und Lehnbedeutungen zu geben scheint. Dazu einige Belege fur Lehnubersetzungen: kulde tob Schwindsucht' (91; falschlicherweise aufgefuhrt unter dem Lemma kuola/kuol sterben, eigentlich gehort es zum Verbstamm kull, kulub 'sich abnutzen'), vgl. lett. delama kaite id., dilt ' verschleissen, sich abtragen; abnehmen, mager, kleiner, weniger werden; dunn, stumpf werden (ME I 467); lu mared Schellbeere, Steinbeere (119 sub mare, -d Beere), vgl. lett. kaulene ' die Steinbeere ', kaulenaji ' Steinbeerpflanzen (rubus saxatilis)' (ME II 174); luumari id. ist nach EKMS III 1125: Taimed ebenso in dem in Sudost-Estland gesprochenen Hargla-Dialekt verzeichnet, wo es gleichfalls ganz offensichtlich eine lettische Lehnubersetzung ist. Das unter tul/tul/ tull 'Feuer, Licht' (201) aufgefuhrte tul'kul' 'Sperber' ware treffender bei tul 'Wind' (203) einzuordnen, denn auch hier wird es sich wohl um eine lettische Lehnubersetzung handeln, vgl. lett. veja vanags 'der Sperber' (ME IV 468: vanags). Ein Beleg fur eine Lehnbedeutung ware udali herzlich, sehnsuchtig; bose, streng' (186 sub ud/uda ' Herz, Gemut; Mut; Mitte; Magen; Kern im Holz '), vgl. lett. sirdigs 'eifrig; mutig; heftig, zornig', sirdigi 'herzlig' (ME III 843).

Das sorgfaltig erstellte deutschsprachige Register, das 30 Seiten mit jeweils drei Spalten umfasst, tragt dazu bei, in Kurze das Gesuchte aufzufinden.

Abkurzungen

EH--J. Endzelins, E. Hauzenberga, Papildinajumi un labojumi K. Mulenbacha Latvieu valodas vardnicai I-II, Riga 1934-1946; EKMS I-IV--A. Saarest e, Eesti keele moisteline sonaraamat I--IV, Stock holm 1958--1963; LVDA--Latvieu valodas dialektu atlants. Leksika, Riga 1999; ME--K. Milenbacha Latvieu valodas vardnlca I-IV. Redigejis, papildinajis, turpinajis J. Endzelins, Riga 1923-1932.

LITERATUR

Hint, M. 2010, Peaaegu usutamatu liivi sonaraamat.--KK, 776-783.

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Author:Vaba, Lembit
Publication:Linguistica Uralica
Date:Mar 1, 2012
Words:3797
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