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Rein Taagepera, Soomeugri rahvad Venemaa Foderatsioonis.

Rein Taagepera, Soomeugri rahvad Venemaa Foderatsioonis,

Tartu, "Ilmamaa", 2000. 472 S.

Obwohl dieses estnischsprachige Buch von einem Esten geschrieben wurde, ist es dennoch kein Originalwerk, sondern eine vom Verfasser erstellte Ubersetzung des Manuskripts der vor einigen Jahren publizierten englischsprachigen Ausgabe "The Finno-Ugric Republics and the Russian State". Ubersetzungen ins Finnische und Ungarische sind in Arbeit. Der Autor hegt dabei die Hoffnung, dass ein Erscheinen seines Buches in vier Sprachen Anregung sein wird, dieses dann auch in die ostlichen finnisch-ugrischen Sprachen zu ubertragen.

Von den bisher veroffentlichten Schriften uber verwandte Volker zahlt das aus der Feder von Valev Uibopuu "Meie ja meie hoimud" (Lund 1984) zu den gelungensten Abhandlungen. Gute Uber- und Einblicke stammen auch von finnischen und ungarischen Wissenschaftlern (Toivo Vuorela, Peter Hajdu, Seppo Lallukka u.a.), die aber allesamt vor dem Zerfall der Sowjetunion vorlagen und somit unweigerlich nicht in der Lage waren, sich mit neuen, postsowjetischen Ansichten auseinanderzusetzen. Da die im Osten lebenden Finnougrier uber Jahrzehnte hinweg politisch unsichtbar gewesen sind, ist es nach Ansicht des Autors der richtige Augenblick "ihr Portrat" der Weltoffentlichkeit zu prasentieren.

Zum besseren Verstandnis gegenwartiger Ereignisse zeichnet R. Taagepera ein Bild von der komplizierten und schweren Geschichte dieser Volker. Bei Darlegungen zur Gegenwart stutzt er sich auf verschiedene Pressemeldungen, auf direkte oder indirekte Informationen und auch auf direkte Ortskenntnisse. Mehr Beachtung schenkte er somit der Kulturgeschichte und der Gegenwartsliteratur, um auf deren Hintergrund das soziopolitische Schaffen erlautern zu konnen. R. Taagepera hat versucht, historische Ereignisse nicht aus der Sicht der Eroberer und Unterdrucker zu betrachten, sondern aus dem Blickwinkel der finnisch-ugrischen Volker selbst. So kann sich hinter einem unpersonlichen Modus ein personlicher Inhalt verbergen, wie der Autor selbst dieses Stilmittel am folgenden Beispiel zu erlautern weiss: "Man hat die Dorfer der Chanten "bombardiert", weil sie sich weigerten, ihre Kinder in die personlichkeitszerstorenden Internatsschulen zu stecken, so bedeutete dies in Wirklichkeit, dass "sowjetische Flieger" auf chantische Dorfer Bomben abwarfen" (S. 10).

Diese ausfuhrliche, fast 500 Seiten umfassende Schrift besteht aus zehn einzelnen Kapiteln. Das erste Kapitel "Uber die ostlichen Finnougrier im Weltkontext" unterteilt sich in mehrere Unterkapitel, deren Uberschriften man doch wegen einer besseren Ubersichtlichkeit in das Inhaltsverzeichnis hatte aufnehmen konnen.

Bei den finnisch-ugrischen Volkern sind zunehmende politische und kulturelle Aktivitaten zu beobachten. Dass sie begonnen haben, ihr Schicksal in die eigenen Hande zu nehmen, offenbart sich deutlich darin, dass sich in den Jahren 1990-1991 von den funf Republiken vier fur unabhangig erklart haben: Komi am 29.08.1990, Udmurtien im September 1990, Mari am 22.10.1990 und Karelien am 13.11.1991. Lediglich Mordwinien hat auf Souveranitat verzichtet. In den ersten vier Republiken steht die ortliche Gesetzgebung uber den in der Forderation verabschiedeten Gesetzen. In allen finnisch-ugrischen Republiken ausser in Mari El verkorpern die russische Bevolkerung und die russischen Fuhrungskrafte die absolute Mehrheit, was Probleme aufwirft. Wenn in den anderen Republiken die Mehrzahl der Parlamentssitze den russischen Kolonisten zufielen, so gelang es den Mari, auch in der Regierung bedeutende Stellen zu besetzen und sogar den Prasidenten zu stellen.

Aus eigener Erfahrung wissen wir ja, dass die Sowjetmacht den angestammten Volkern ihre Rechte nur vorgaugelte und Honig ums Maul schmierte, in Wirklichkeit diese aber von Zeit zu Zeit einschrankte. Sie ermunterte die russischsprachige Bevolkerung finnisch-ugrische Regionen zu besiedeln, indem dort Arbeitsplatze geschaffen wurden, die nicht mit ortlichen Arbeitskrafte besetzt werden konnten bzw. sollten. Die althergebrachte Lebensweise wurde unterdruckt oder mit Verboten niedergehalten, viele Menschen wurden in die Verbannung geschickt oder mit anderen Mitteln gezwungen, ihre historische Heimat aufzugeben. Bei der Auflosung finnisch-ugrischsprachiger Schulen ging man sogar so brutal vor, dass auf Schulhofen alle eigensprachigen Lehrbucher verbrannt wurden. Die Sowjetmacht forderte in jeder Weise die russischsprachige Schulbildung und machte sie zum Schlussel fur ein Vorankommen auf dem weiteren Bildungsweg. Da eine Entwicklung der Sprachen der Urvolker bewusst behindert wurde, begannen viele Finnougrier ihre eigene Sprache als primitiv zu empfinden und wegen fortlaufender Verhohnungen sich auch ihrer eigenen Volkszugehorigkeit zu schamen.

Eine Wiederbelebung der finnisch-ugrischen Sprachen kam etwa Ende der 1980er Jahre auf. Russland galt nicht mehr als Wiege aller Errungenschaften der Menschheit. Man grundete zentrale nationale Organisationen, wie etwa die Karelier Karjalan Rahvahan Liitto, die Mari Mari Usem, die Udmurten Kenes, die Komi Komi Kotor, die Komi-Permjaken Jugor, die Chanten und Mansen Spassenie Jugro und die Nenzen Jasavei. Diesen folgten spezifische Jugend-, Kultur-, Umwelt- und Glaubensorganisationen.

Beim Knupfen internationaler Kontakte schritten die Schriftsteller voran. Auf Initiative von marischen Schriftstellern fand bereits vom 22.-27. Mai 1987 in Joskar-Ola der erste Kongress finnisch-ugrischer Schriftsteller statt. Auch das Erste internationale finnisch-ugrische Folklorefestival 1990 in Joskar-Ola kam auf Initiative der Mari zustande. Das Treffen finnisch-ugrischer Journalisten im Jahre 1991 markiert einen folgerichtigen Schritt, das TV-Monopol Moskaus und der ortlichen russischsprachigen Presse zu durchbrechen, indem direkte Fernsehkanale zwischen den Republiken und uber Ungarn und Finnland auch ins Ausland eingerichtet wurden. In die Tat umgesetzt wurden jahrlich stattfindende internationale Festivals des finnischugrischen Fernsehfilms und der -programme: 1991 in Joskar-Ola, 1992 in Syktyvkar, 1993 in Izevsk.

Unter strenger Aufsicht hatte es bereits zu Sowjetzeiten wissenschaftliche Konferenzen uber die Finnougrier betreffende Themen (Archaologie und Sprachwissenschaft) gegeben. Auf fruheren internationalen Finnougristenkongressen vermied man fur die Sowjetfuhrung unbequeme Themen auch dann, wenn die Kongresse im Ausland, wie in Ungarn und Finnland, abgehalten wurden. So manche Veranderung erlebte schon der siebte Kongress 1990 in Debrecen, jedoch auf dem achten Kongress 1995 in Jyvaskyla gab es unmissverstandliche Gegenwartsprobleme in die Hauptdiskussion. Auf der Tagesordnung standen einige unbequeme Probleme der Gegenwart und Vergangenheit. Zu einem Hohepunkt gestaltete sich der Erste Weltkongress der finnisch-ugrischen Volker 1992 in Syktyvkar. Dort wurde das jetzt noch bestehende Internationale Konsultationskomitee der finnisch-ugrischen Volker mit seinem Sitz in Helsinki gegrundet. Das Komitee verfugt uber Koordinierungsmitglieder in Estland, Ungarn und in den meisten ostlichen finnisch-ugrischen Republiken. Sowohl gemessen an der Zahl der Veranstaltungen als auch an ihrem Niveau kommt der Republik Mari El eine fuhrende Rolle zu, gefolgt von Udmurtien. Nicht ein einziges gemeinsamen finnisch-ugrisches Unternehmen fand bisher in Mordwinien statt.

In der internationalen Arena haben die ostlichen finnisch-ugrischen Volker ihren Bestatigung in der UNPO gefunden, die 1990 in Den Haag als Weltorganisation fur die Volker, die nach Autonomie und Unabhangigkeit streben, gegrundet wurde. In den Blickpunkt der Weltoffentlichkeit ruckten diese Volker als der ungarische Prasident Arpad Goncz 1993 den Republiken der Mari, Komi, Udmurten, Mordwinen sowie Chanten und Mansen einen Besuch abstattete. Erwahnenswert ist wohl auch die Tatsache, dass dem Prasidenten der Republik Mari El, Vladislav Zotin, im Mai 1992 in Estland alle Ehren einen Staatsoberhauptes zuteil wurden; in Finnland hingegen wurde er nur als Privatperson empfangen.

Die Regionen, in denen die ostlichen Finnougrier ihre angestammte Heimat haben, gehoren zu den altesten Kolonien Russlands, die schon vor 400 bis 700 Jahren dem russischen Zwang unterlegen waren. Die Russen hegen keine historische Feindseligkeit gegenuber den Finnougriern, denn sie haben ja niemals fur Russland eine Bedrohung dargestellt. Aber Russen haben eine Abneigung gegenuber den Finnougriern und die Fehlvorstellung ist verwurzelt, finnisch-ugrische Territorien seien "seit eh und je russische Gebiete gewesen". Sie sind ja auch von russischsprachigen Provinzen umringt und die Mehrheit der Bevolkerung sind Russen. Nun konnte man vermuten, dass dieses Ubergewicht ein Hindernis fur die Autonomiebestrebungen darstelle. Aber das ist eigentlich nicht der Fall. Denn sogar Karelien, wo Karelier und andere Finnougrier lediglich 13% der Bevolkerung ausmachen, und die Republik der Komi (23% Komi) erklarten 1990-1991 ihre Souveranitat. R. Taagepera hebt hervor: Die ostlichen finnisch-ugrischen Republiken werden zum Prufstein dafur werden, ob sich Russland in Richtung Tolerenz und Rechtsstaatlichkeit bewegen wird, ohne die Demokratie nur leeres Geschwatz bedeutet. Und das allein ist schon Grund genug, warum die Zukunft der dortigen finnischugrischen Volker fur die ganze Welt von Bedeutung ist.

Im zweiten Kapitel geht es um eine historischen Abriss. Die Verwandtschaft unter den uralischen Sprachen erklart R. Taagepera auf traditionelle Weise anhand des Sprachbaumes, indem er erganzt, dass die sprachlichen Vorfahren genetisch gesehen ganz unterschiedlich gewesen sein konnen.

Historische Quellen belegen, dass sowohl slawische als auch turksprachige Volker im 5. bis 8. Jahrhundert in den Waldgurtel der Finnougrier vordrangen. Die weitere Geschichte dieses nordosteuropaischen Gebiets wird vom Aufeinandertreffen dieser drei Volksgruppen bestimmt.

Von den die Zeiten uberlebten ostseefinnischen Volkern ubte Novgorod einen unmittelbaren Einfluss auf die Woten aus, deren Siedlungen bis an die Stadt heranreichten. Vermischt mit den Woten lebten die Ishoren und Karelier. Im Osten kamen die Wepsen fast bis an Novgorod heran. Nicht ein ostseefinnisches Volk hatte sich von einer losen Stammesverbindung zu einem festen Staatsgefuge und zu einem ernstzunehmenden Gegener des russischen Furstenstaates entwickelt.

Das Schicksal der ostlichen finnischugrischen Volker hing von den Ergebnissen der Auseinandersetzungen zwischen dem Moskauer Staat und dem tatarischen Khanat Kasan ab. Aus der Geschichte wissen wir, dass noch bevor die russische Armee Kasan im Jahre 1552 eroberte, die Russen Tausende von udmurtischen Kriegsgefangenen in den Tod trieben und das Land der Mari dem Erdboden gleichmachten. In den sog. tscheremissischen Kriegen (1553-1587) waren Frauen und Kinder zur Zielscheibe erklart worden und die Russen toteten mehr als die Halfte der marischen Bevolkerung.

Um 1600 waren alle finnisch-ugrischen Volker, die sich ostlich von Estland und Finnland befanden, der russischen Unterdruckung ausgesetzt. In den folgenden Jahrhunderten hatten sie unsagliche Veruste zu beklagen; die wotische Sprache starb praktisch aus; Sprecher des Wepsischen, Ishorischen und Kolalappischen gibt es bestenfalls noch einige Tausend, Karelisch halt sich mit Muh und Not zwischen dem Russischen und Finnischen. Die Mansen und Chanten wurden wahrend der Sowjetzeit sehr geschwacht, jedoch die Komi, Udmurten, Mari und Mordwinen haben durchgehalten, ebenso wie die zu den Samojeden gehorenden Nenzen.

Die Christianisierung der Finnougrier wurde gewaltsam vollzogen, so z.B. drohte das Russische Reich im Land der Chanten und Mansen mit dem Tode (Ukas von 1706 und 1710). Um 1740 wurden an der Wolga ganze Dorfer in den Fluss getrieben; dies nannte man Christianisierung. Gelockt wurde aber auch mit Versprechungen (frei von Kopfsteuer und Kriegsdiensten), die spater jedoch wieder zuruckgenommen wurden. Der wirtschaftliche Druck setzte sich unvermindert fort.

Infolge der Starkung des nationalen Bewusstseins im 19. Jahrhundert und mit dem Erscheinen der ersten Druckerzeugnisse in der eigenen Sprache (Karelien 1804, Nordkomi 1815, Mari 1821, Mokschamordwinen 1861, Chanten und Mansen 1868, Solkupen 1879, Nenzen 1895) sowie m Ergebnis der Russischen Revolutionen und der Errichtung der Sowjetmacht gelangte man zu autonomen Gebieten. Diese umfassten im wesentlichen das Territorium, in dem das angestammte Volk in der Mehrzahl lebte. Fur Moskau war die Autonomie ohne Belang. Die Politik der Industrialisierung begunstigte die Zuwanderung von Russen und so gelangten die dortigen Volker in die Minderheit.

Die meisten zahlenmassig grosseren finnisch-ugrischen Volker (Karelier, Udmurten, Mari, Komi) besassen anfangs noch den Staatus einer autonomen Oblast, die spater formell in eine sog. ASSR (Autonome Sozialistische Sowjetrepublik) umgewandelt wurde. Die kleinen Volker hatten sich mit nationalen Kreisen zufrieden zu geben. Nationale Rajone und Dorfer gab es fur die Wepsen und Tver-Karelier, ebenso fur Mordwinen und Mari, die ausserhalb ihrer ASSR siedelten. Eigensprachliche Schulen liessen die Sowjets nur in den grossflachigen nationalen Gebieten zu, was besonders fur die Mordwinen ein schwerer Schicksalsschlag war.

Die Kulturautomonie stellte fur die ostlichen Finnougrier (wie auch fur andere nichtrussische Volker) in den 1920er und 1930er Jahren eine ausgesprochen gunstige Epoche ihres Daseins dar. Ihre Sprachen nd Nationalitaten fanden offizielle Anerkennung und besassen eine territoriale Grundlage. Die Entwicklung von Schriftsprachen und die Herausgabe von Lehrbuchern fur die nationalen Schulen erlebten einen nie dagewesenen Aufschwung. Das Erlernen der Muttersprache wurde bei den Mari bis zur 7. Klasse fortgesetzt, in manchen mordwinischen Schulen sogar bis zur 10. Klasse. Ein Ubergang zum lateinischen Alphabet setzte ein.

Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft begang 1929 und das traf die finnisch-ugrischen Bauernvolker schwer. Von der mordwinischen Landbevolkerung wurde ein Viertel in die Verbannung geschickt. Der Ausrottungsfeldzug wurde auch gegen die Intelligenz gefuhrt: 1937 verbot Moskau prompt das lateinische Alphabet und eine Welle von Repressionen setzte ein. In einer einzigen Schicksalsnacht des Jahres 1937 wurden alle in Joc skar-Ola lebenden marischen Schriftsteller erschossen.

Eine politische und wirtschaftliche Autonomie der Sowjetrepubliken hat es im eigentlichen Sinne des Wortes nie gegeben, jedoch in den dreissiger Jahren wollte man auch der Kulturautonomie die Luft abdrehen. Mit der Industrialisierung ging eine Kolonisierung der finnisch-ugrischen Gebiete einher. Das Anwachsen der russischsprachigen Bevolkerung in diesen Gegenden liess die Russifizierung der Finnougrier vorantreiben. So wurden in den 1970er Jahren auf Moskaus Befehl hin alle udmurtischsprachigen Lehrbucher verbrannt.

Das kurzgehaltene Kapitel uber die westlichen Finnougrier: die Ungarn, Finnen und Esten schliesst sich nur lose und teilweise dem Grundtenor des Buches an (Ungarn ist nie Bestandteil des Russlands gewesen).

Es ist interessant zu erfahren, dass es uber Ansichten und Vorgehen der Finnen gegenuber den Lappen zu einer Zeit, als die Finnen selbst unter Autonomiestatus im Russischen Reich lebten, sowie im Laufe der gesamten Geschichte wenig Lobenswertes zu berichten gabe (S. 111). Ein und daselbe Volk kann einerseits Opfer der Unterdruckung sein und andererseits in dieser Situation ein anderes, noch schwacheres--dazu noch sprachverwandtes--Volk unterdrucken. Erst in den vergangenen Jahren habe sich die Einstellung der Finnen zu den Lappen verbessert.

Das vierte Kapitel uber das Karelische hat der Autor in Zusammenarbeit mit Ott Kurs verfasst. Karelien ist in mehrfacher Hinsicht der orthodoxe Zwilling von Finnland, entstanden auf Veranlassung der russischen Eroberer vor 800 Jahren, etwa in der gleichen Art und zu der gleichen Zeit wie die Schweden den Westteil Finnlands eroberten und dem katholischen, spater lutherischem Glauben zum Siegeszug verhalfen.

Dies lasst sich auch mit Setumaa im Osten Estlands vergleichen, wobei Karelien aber territorial gesehen wesentlich grosser ist. Wegen der russischen Kolonisierung stellen gegenwartig die ethnischen Karelier nur 10% der Landesbevolkerung. Historisch gesehen haben die Karelier ihre Wurzeln in der Bevolkerung aus der jungeren Steinzeit, die ca. vor 6000 Jahren am Ostufer des Finnischen Meerbusens siedelte. Karelisch ist dem Finnischen sehr ahnlich. Veranderungen zwischen den finnischen Westdialekten und dem Karelischen und von da weiter zum Wepsischen sind augenscheinlich sichtbar. Auf Karelisch ist der alteste, aus dem 13. Jahrhundert stammende ostseefinnische Text. Der in umstandlich kyrillischer Schrift gemalte Dreizeiler ist in Borke geritzt, den man 1957 bei Ausgrabungen in Novgorod entdeckt hatte. Vermutlich wird darin ein olonetzischsprachiger, den Blizt betreffender Spruch.

Westlich von den Kareliern lebt das kleine Volk der Wepsen, das 1939 noch ca. 35 000 Seelen zahlte. Unter dem Druck der Russifizierung sank diese Zahl bis 1979 auf 8100, die in den nachsten Jahren wieder geringfugig zunahm. Im Hinblick auf ein Uberleben der Wepsen aussert sich selbst der Buchautor nicht sehr optimistisch.

Das dem Estnischen sehr nahestehende Wotische sprachen 1989 lediglich noch 30 altere Personen. In historischen Quellen gibt es bereits im 9. Jahrhundert Hinweise auf die Woten. In der ersten Novgoroder Chronik ist im Kapitel uber den Beginn der Rus unter dem Jahr 854 etwas uber die Zusammenarbeit und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen slawischen Vertretern sowie den Wepsen und Woten zu lesen (s. S. 160). Die Assimilation und der zahlenmassige Ruckgang der Woten wurde wahrend der Christianisierung im 14. Jahrhundert beschleunigt, dazu kamen noch Missernten und von den Russen veranlasste Verbannungen. 1848 gab es noch 5147 Woten, 1976 wurden 706 gezahlt, 1942 lag die Zahl bereits unter 500 und 1982 um 50. Der Autor vermerkt wehmutig, dass dieses Volk zu Beginn des neuen Jahrtausends wohl aussterben wird.

In den Kapiteln funf bis zehn kommt R. Taagepera erneut auf die ostlichen finnisch-ugrischen Volker zuruck und wendet sich weiteren Fragen der Wirtschaft und Kultur zu, wobei die Sprache, Bildung, Literatur und Presse im Mittelpunkt stehen. Interessante Tatsachen finden sich dort auch aus der Geschichte.

In Abwagung der Zukunftsaussichten dieser Volker im Bestand der Russischen Forderation aussert R. Taagepera die Uberzeugung, dass die Existenz von Republiken der einzige Garant fur das Fortbestehen der angestammten Kulturen ist: "Falls es sich erweisen sollte, dass Moskau nicht einmal eine Kulturautonomie solcher Volker, denen ganz offensichtlich jegliche Kraft zu einer politische Abspaltung fehlt, ertragen kann, was vermag es dann uberhaupt zu ertragen?" (S. 438).

Rein Taageperas Werk zeichnet sich aus durch Faktenreichtum und seine pragnante Darstellungsweise. Es ist nicht immer notwendig, die Geschichte bloss aus der Sicht der Chronisten, d.h. der grossen Eroberer, zu beschreiben, sondern es kann ausserst interessant sein, dies aus dem Blickwinkel der Opfer zu tun. Dieses Buch sollte seinen Platz unter den Studienmaterialien der Hochschulen finden.

PAUL ALVRE (Tartu)
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Author:Alvre, Paul
Publication:Linguistica Uralica
Date:Dec 1, 2002
Words:2653
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