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Rechtspopulismus als Desiderat der sozial-okologischen Transformationsforschung.

Seien es die Etablierung nachhaltiger Mo bilitätsysteme, Veränderungen im Agrarsektor oder die Transformation des Energiesystems--der Erfolg in unterschiedlichen Feldern einer sozial-ökologischen Transformation ist nicht allein von Wissensbeständen, der Qualität von Konzepten oder technischen Schlüsselinnovationen abhängig. Entscheidend sind vielmehr politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die weit über die benannten Themen hinausreichen. Ohne politische Unterstützung und eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung werden sich eine "Agrar-", "Energie-" und "Mobilitätswende" oder gar die "GroBe Transformation zur Nachhaltigkeit" (WBGU 2011) nicht gestalten lassen. Zwei gesellschaftliche Entwicklungen sind in diesem Kontext besonders relevant: 1. ein erstarkender Rechtspopulismus sowie 2. unterschiedliche Ausprägungen sozialer Ungleichheit.

Vor diesem Hintergrund hatte das Leitungsteam des Projekts Politiken der Nicht-Nachhaltigkeit (PONN), Miriam Schad und Bernd Sommer, im Zuge des Agendaprozesses der Sozial-ökologischen Forschung (SÖF) einen Vorschlag zu diesen Themen und ihrer Bedeutung für eine sozial-ökologische Transformation eingebracht. (1) Im Rahmen von PONN analysieren die Autor(inn)en dieses Beitrags den aktuellen Forschungsstand und führen zudem auf Basis des European Social Survey von 2016 und des GESIS-Panels (2018) eine Sekundärdatenanalyse zu diesbezüglichen Fragestellungen durch. (2)

Rechtspopulismus und Klimawandel

Die Literaturauswertung im Rahmen der Metastudie zeigt ein doppeltes Desiderat: Erstens bestätigt sich, dass die sozial-ökologische Transformations- und Nachhaltig-keitsforschung sich bislang nur vereinzelt mit Fragen des Rechtspopulismus beschäftigt (zu den wenigen Ausnahmen zählen etwa Haas 2020 oder Reusswig et al. 2020). Zweitens spielen auch in den Forschungen zum Populismus (verstanden als "dünne Ideologie", vergleiche Mudde und Rovira Kaltwasser 2019, S. 25) und dem Rechtspopulismus die Themen Klimawandel, Umwelt(schutz)politik und ökologische Nachhaltigkeit (noch) kaum eine Rolle. Es bleibt bislang unklar, ob die zu beobachtenden Einstellungen zum Klima- und Umweltschutz populistischer Akteure nur eine Art "Kollateralschaden" (Lockwood 2018, S. 714) der Ablehnung kosmopolitischer Einstellungen, der Sorge um steuerliche Mehrlasten oder etwa auch von Wissenschaftsskeptizismus darstellen oder ob sie inhärent zum ideologischen Kern entsprechender Strömungen und Phänome zählen.

Aus einer zeitdiagnostischen Perspektive stellen Blühdorn et al. (2019) die These auf, dass der Rechtspopulismus Ausdruck einer dritten und vor allem nichtnachhaltigen Moderne ist, die bisher keine grundlegenden Transformationsanstrengungen aufweist und etwa durch Konsumismus gekennzeichnet ist. Aus dieser Perspektive ist das Zusammenspiel von (Nicht-)Nachhaltigkeit und Rechtspopulismus nicht zufällig. Auch Eversberg (2018) sieht im Rechtspopulismus eine rabiate Variante der Verteidigung der Privilegien einer "imperialen Lebensweise" (Brand und Wissen 2017) im Globalen Norden. Auf empirischer Ebene ist kaum untersucht, welche Bedeutung die Themen Klimawandel und Klima- und Umweltschutzpolitik sowie insgesamt Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit in den Agenden und der Wählerschaft der populistischen Rechten zukommt. Dies ist insofern überraschend, da in jüngerer Vergangenheit verschiedene Spielarten der Leugnung des anthropogenen Klimawandels und die Ablehnung von UmweltschutzmaBnahmen fast überall bei Rechtspopulist(inn)en einen besonderen Stellenwert einnehmen (Götze und Kirchner 2016, Götze 2019, Schaller und Carius 2019, Radtke und Schreurs 2019).

Transformationskonflikte

Inwiefern ist für die Zukunft eine weitere Verschärfung beziehungsweise Kontinuität des skizzierten Zusammenspiels anzunehmen? Unseres Erachtens können wir nicht davon ausgehen, dass der Rechtpopulismus für die Erreichung gesellschaftlicher Klima- und Nachhaltigkeitsziele an Bedeutung verliert, wie es beispielsweise die Abwahl Donald Trumps implizieren könnte. Soll das Pariser Klimaziel erreicht werden, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius (UN 2015, Artikel 2, Satz 1a) zu begrenzen, stehen in den kommenden Jahren tiefgreifende Veränderungen im Mobilitäts-, Ernährungs-sowie im Energiesystem an, die potenziell jeweilige Transformationskonflikte provozieren (Dörre et al. 2020). Hierdurch werden auch Anpassungsprozesse in der alltagspraktischen und lebensweltlichen Dimension dieser Systeme notwendig werden, die sich von Rechtspopulist(inn)en politisieren lassen.

Verdeutlichen lässt sich dies exemplarisch am gerichtlichen Vorgehen der Alternative für Deutschland (AfD) gegen die sogenannten Pop-up-Fahrradwege in Berlin, die im Zuge der COVID-19-Pandemie geschaffen wurden. Vertreter(innen) des parteiförmigen Rechtspopulismus wie Alexan der Gauland von der AfD haben angekün digt, dass nach der "Eurorettung" und Migrationspolitik die Klimadebatte das nächste groBe Schwerpunktthema der Partei sein werde (Quent 2020, S. 82). Daher erscheint es auch weiterhin relevant, den Rechtspopulismus als gesellschaftliche Rahmenbedingung im Kontext des politischen Ziels einer Nachhaltigkeitstransformation zu untersuchen (vergleiche auch Friedrich et al. 2021, in diesem Heft).

Schlussfolgerungen

Unsere empirischen Sekundäranalysen haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen rechtspopulistischen Haltungen und Klimawandeleinstellungen gibt. Im gleichen Zuge hat sich eine Reihe themati-scher Leerstellen offenbart: Zum Beispiel operationalisiert das vom Wissenschafts-zentrum Berlin (WZB) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erhobene Populismusbarometer (zuletzt Vehrkamp und Merkel 2020) Populismus im Sinne der Definiti-on von Mudde und Rovira Kaltwasser als "dünne Ideologie", kommt aber gänzlich ohne Fragen zu Klima und Umwelt aus. Ela borierte Standarderhebungen wie die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozial-wissenschaften(ALLBUS) oder das Sozioöko-nomische Panel (SOEP) beschäftigen sich mit Einstellungen zu Klimawandel und Um-weltschutz, verfügen aber nicht über geeignete Items zur Erhebung (rechts-)populistischer Einstellungen.

Vielversprechend scheint uns, etablierte "Fragebatterien" zum Populismus (für ei ne Übersicht: Castanho Silva et al. 2020, Hameleers und Vreese 2020, Wuttke et al. 2020) in Kombination mit rechten Einstellungen (siehe Huber 2020) et wa in die Erhebung der zweijährigen Umweltbewusst-seins- und Umweltverhaltensstudien von Bundesumweltministerium (BMU) und Umweltbundesamt (UBA) zu integrieren. Ein Austausch zwischen Rechtspopulismusforschung und sozialwissenschaftlicher Umwelt- und Nachhaltigkeitsfor-schung sowie eine inhaltliche Bezugnahme aufeinander verspricht neue Erkenntnisse und Perspektiven--für beide Forschungsfelder gleichermaBen. Kooperationen von Wissenschaftler(inne)n beider Communities eröffnen die Chance, Lücken des doppelten Desiderats--also die Nichtbehandlung des Rechtspopulismus in der Transformations-und Nachhaltigkeitsforschung sowie das Fehlen von Fragen des Klima-und Umweltschutzes in der Rechtspopulismusforschung--zu schlieBen.

Das Projekt Politiken der Nicht-Nachhaltigkeit wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert(Förderkennzeichen 01UV2071 A+B).

Literatur

Blühdorn, I., F. Butzlaff, M. Deflorian, D. Hausknost, M. Mock. 2019. Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit: Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839445167.

Brand, U., M. Wissen. 2017. Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. München: oekom.

Castanho Silva, B., S. Jungkunz, M. Helbling, L. Littvay. 2020. An empirical comparison of seven populist attitudes scales. Political Research Quarterly 73/2: 409-424. https://doi.org/10.1177/1065912919833176.

Dörre, K., M. Holzschuh, J. Köster, J. Sittel (Hrsg.). 2020. Abschied von Kohle und Auto? Sozial-ökologische Transformationskonflikte um Energie und Mobilität. Frankfurt am Main: Campus.

Eversberg, D. 2018. Innerimperiale Kämpfe: Drei Thesen zum Verhältnis zwischen autoritärem Nationalismus und imperialer Lebensweise. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozial-wissenschaft 48/190: 43-54. https://doi.org/10.32387/prokla.v48i190.31.

Friedrich, J., J. Zscheischler, H. Faust. 2021. Social-ecological transformation and COVID-19: the need to revisit working-class environmentalism. GAIA 30/1: 18-22. https://doi.org/10.14512/gaia.30.1.5.

Götze, S. 2019. Heimat, Boden und Natur: Warum die AfD für den Tierschutz, aber gegen die Energiewende ist. In: Die AfD--psychologisch betrachtet. Herausgegeben von E. Walther, S. D. Isemann. 81-103. https://doi.org/10.1007/978-3-658-25579-4_4.

Götze, S., S. Kirchner. 2016. Die Umweltpolitik der Alternative für Deutschland (AfD): Eine politische Analyse. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.

Haas, T. 2020. Die Lausitz im Strukturwandel: Der Kohleausstieg im Spannungsfeld zwischen autoritärem Populismus und progressiver Erneuerung. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 50/198: 151-169. https://doi.org/10.32387/prokla.v50i198.1853.

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Lockwood, M. 2018. Right-wing populism and the climate change agenda: exploring the linkages. Environmental Politics 27/4: 712-732. https://doi.org/10.1080/09644016.2018.1458411.

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Schaller, S., A. Carius. 2019. Convenient truths: Mapping climate agendas of right-wing populist parties in Europe. Berlin: adelphi.

Schulz, T. 2019. Gesellschaftliche Forschungs-bedarfe zur Nachhaltigkeit partizipativ identifizieren. Der Agendaprozess der Sozial-ökologischen Forschung. GAIA 28/1(2019): 66-67. https://doi.org/10.14512/gaia.28.1.17.

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Vehrkamp, R., W. Merkel. 2020. Populismusbarometer 2020: Populistische Einstellungen bei Wählern und Nichtwählern in Deutschland 2020. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundes-regierung Globale Umweltveränderungen). 2011.Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine GroBe Transformation. Berlin: WBGU.

Wuttke, A., C. Schimpf, H. Schoen. 2020. When the whole is greater than the sum of its parts: On the conceptualization and measurement of populist attitudes and other multidimensional constructs. American Political Science Review 114/2: 356-374. https://doi.org/10.1017/S0003055419000807.

Dr. Bernd Sommer | Europa-Universität Flensburg | Norbert Elias Center for Transformation Design and Research | Flensburg | Deutschland | bernd.sommer@uni-flensburg.de

Dr. Miriam Schad | Technische Universität Dortmund | Fakultät Sozialwissenschaften | Dortmund | Deutschland | miriam.schad@tu-dortmund.de

SÖF: Dr. Frank Betker | Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR)Projektträger | Umwelt und Nachhaltigkeit | Heinrich-Konen-Str. 1| 53227 Bonn | Deutschland | +49 228 38211975 | frank.betker@dlr.de | www.fona.de/de/9883

Right-wing populism as a desideratum of social-ecological transition research | GAIA 30/1(2021): 62-64

(1) Eine Zusammenfassung des Agendaprozesses findet sich in den SÖF-Mitteilungen von GAIA 1/2019 (Schulz 2019).

(2) Weitere Informationen zum Projekt: www.uni-flensburg.de/nec/forschung/ponn sowie https://su.sowi.tu-dortmund.de/forschung/forschungsprojekte/bmbf-projekt-ponn-1.

https://doi.org/10.145 12/gaia.30.1.14
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Title Annotation:COMMUNICATIONS
Author:Sommer, Bernd; Schad, Miriam; Möstl, Christian; Humpert, Ranziska; Kadelke, Philipp
Publication:GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society
Geographic Code:4EUGE
Date:Mar 1, 2021
Words:1476
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