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Petronsupplemente von 1585 bis 2005: Eine Erganzungsgeschichte der Satyrica.

Petronius Bononiae integer asservatur, egoque ipsum meis oculis non sine admiratione vidi. (1) Diesen Satz soll Heinrich Meibom der Jungere (1638-1700) irgendwann vor 1675 in einer Reisebeschreibung aus Italien gelesen haben. Sofort machte er sich auf den Weg, doch als er in Bologna anlangte, wurde seine Hoffnung auf intakte Satyrica enttauscht. Man fuhrte ihn zu einer Kirche und zeigte ihm den unversehrten Leichnam des heiligen Petronius ([dagger] spatestens 450). (2)

Meibom war nicht der einzige Gelehrte der fruhen Neuzeit, der jede Muhe auf sich genommen hatte, um ein vollstandiges Petronmanuskript lesen zu durfen. Leo Allatius berichtet sogar, jemand habe sich mit diesem Anliegen an den Teufel gewandt. (3) Allein es war vergebens. Nur dem Protagonisten von Giovan Battista Marinos Adone (1623) war es vergonnt, ein solches Manuskript zu finden--auf dem Planeten Merkur. (4) Gewohnlichen Menschen blieb nichts anderes ubrig, als dem fragmentarischen Zustand der Satyrica durch eigene Supplemente abzuhelfen.

Auch andere antike Werke, die unvollstandig erhalten waren (z. B. Livius, Curtius, Tacitus) oder inhaltlich unvollstandig wirkten (z. B. Vergils Aeneis), wurden in der Neuzeit mit Supplementen versehen, (5) doch die Erganzungsgeschichte der Satyrica ist mit Abstand die langste und vielfaltigste. Uber einen Zeitraum von 420 Jahren entstanden lateinische und neusprachliche, knappe und umfangreiche, teils hochst kreative Supplemente mit einem breiten Spektrum von Intentionen und literarischen Ansatzen.

Die Forschung hat diese Vielfalt bisher kaum gewurdigt. Es gibt keine Gesamtdarstellung der petronischen Erganzungsgeschichte und nur unzureichende Sekundarliteratur zu vielen einzelnen Erganzungen. Man hat sich bisher vor allem fur die Erganzer Nodot und Marchena, in geringerem Ausmass fur Regi und Schnur interessiert; die verlorenen Supplemente von Linage wollte man mit denen Nodots gleichsetzen. Nur an entlegener Stelle knapp behandelt wurden die Ausfullungen in zwei fruhen Petronausgaben und die supplementierte Ubersetzung in einem Manuskript des 17. Jahrhunderts. Zu den vier neusprachlichen Supplementen des 20. und 21. Jahrhunderts von Dettore, Gillette, Nest und Dalby gibt es gar noch uberhaupt keine Forschung.

Im vorliegenden Artikel sollen nun erstmals alle Erganzungen (6) der Satyrica der Reihe nach besprochen werden. Dabei werden nicht bloss die bisher vernachlassigten Supplemente zu ihrem Recht kommen. Auch die Druck- und Ubersetzungsgeschichte Nodots und Marchenas wird vervollstandigt und die Frage der Urheberschaft der von Nodot publizierten Supplemente, die zu Unrecht als geklart gilt, wieder zur Debatte gestellt. Als Fazit soll schliesslich ein vergleichender Uberblick uber die Supplemente geboten werden.

1. Richard (1585) und Gonzalez de Salas (1629)

Die altesten hier zu behandelnden Petronerganzungen stammen aus dem Jahr 1585. Damals publizierte Jean Richard aus Dijon in Paris eine Edition der Satyrica (noch ohne den Grossteil der Cena Trimalchionis), die 34 kurze Einfugungen enthielt. (7) Keine von ihnen umfasste mehr als zehn Worter, aber es war der erste gezielte, uber vereinzelte Konjekturen im Rahmen der Textrezension hinausgehende Versuch, den Petrontext zu supplementieren. Tauschung war nicht im Spiel: schon der Untertitel der Ausgabe wies auf die Ausfullung von Lucken (Cumulate magnam partem lacunae) und die Kennzeichnung der betroffenen Stellen mit einem besonderen Zeichen hin (prefixa hac nota ").

Richards Vorhaben wurde von Jose Antonio Gonzalez de Salas (1588-1654) weitergefuhrt. (8) Seine kommentierte Petronausgabe erschien 1629 in Frankfurt und prasentierte sich als Edition mit teils eigenen, teils aus einer 'Pariser Ausgabe von 1595' stammenden Erweiterungen (Satiricon serio castigatum, & nonnullis locis auctum, partim ex ingenio, partim ex Lutetiana editione ann. 1595). (9) Auf die Unechtheit (spurium genus) der kursiv gedruckten Erganzungen wurde im Kommentar ausdrucklich hingewiesen. (10) Die meisten dieser Erganzungen waren von Richard ubernommen, und auch die neuen waren von gleicher Art. (11)

In der modernen Forschungsliteratur sind die Erganzungen der beiden Gelehrten bisher offenbar nur dreimal erwahnt worden. (12) Dabei waren sie in Hinblick auf Zahl und Gute der Ausgaben, in die sie Eingang fanden, die erfolgreichsten aller Petronsupplemente.

Erganzungen von Richard und Gonzalez de Salas finden sich nicht nur in samtlichen seit 1691 von Francois Nodot herausgegebenen oder von Nodots Text abhangigen Petronausgaben, (13) sondern sogar in der lange Zeit massgeblichen Edition Pieter Burmans des Alteren (1668-1741). (14) Manchmal wurden sie durch Kursivdruck oder andere typographische Mittel kenntlich gemacht (so bei Burman), manchmal nicht vom echten Petrontext unterschieden (so bei Nodot).

Auch in den meisten einsprachigen Petronubersetzungen des 18. und 19. Jahrhunderts mussen durch den Einfluss Burmans und Nodots zumindest manche der Supplemente von Richard und Gonzalez de Salas enthalten sein. Von neueren, auf kritischen Texten beruhenden Ubersetzungen ist die W. C. Firebaughs zu nennen, die auch die Supplemente Nodots und Marchenas aufnahm und bei ihrem Erscheinen eine ganz unphilologische Petronkontroverse ausloste. (15)

2. Regi (wohl vor 1664; gedruckt 1678)

Im Jahr 1678 erschien bei Antonio Bulifon in Neapel ein Werk mit dem Titel Successi di Eumolpione, portati nella nostra lingua da Ciriaco Basilico; hinter diesem Pseudonym verbarg sich der Kamillianerpater Domenico Regi (1608-nach 1681). (16)

Auf dem Vortitelblatt dieses Duodezbandes befindet sich die Abbildung eines Bildhauers, der einer unvollstandigen Statue der Thalia einen Arm anfugt; daruber flattert ein Spruchband mit dem Satz VEL TENTASSE IVVABIT. (17) Im Vorwort heisst es dann, es handle sich bei den Successi um die Ubersetzung eines (nicht mit Namen genannten) romischen Autors, die--nach dem Vorbild der Sauberung und Erganzung antiker Statuen--zugleich um alles Obszone bereinigt und mit nachempfundenen Texten vervollstandigt worden sei.

Regi lasst den Roman unter den Konsuln C. Laecanius und M. Licinius (64 n. Chr.) beginnen. Die freigeborenen Burger Eumolpio (= Encolpius (18)), Ascyltos und Giton brechen gemeinsam von Rom nach Neapel auf. In der Grotte von Pozzuoli, wo die Asche Vergils ruht, (19) finden sie einen teuren Mantel, werden falschlich fur Diebe gehalten und mit Steinwurfen verscheucht, wobei Eumolpio die Tunica verliert, in die er sein Bargeld eingenaht hat (vgl. Sat. 12-15, wo der Mantel allerdings wirklich Diebesgut ist). Nach einem Thermenbesuch stossen sie auf den vor seiner Schule deklamierenden Agamemnon; um ihn zu provozieren, beginnt Eumolpio die--von Regi am Anfang erganzte und am Ende ausgeweitete--Invektive, mit der der erhaltene Teil der Satyrica einsetzt.

Regis Umgang mit dem echten Petrontext schwankt zwischen weitgehend getreuer Ubersetzung (z. B. Sat. 3-5), Ubersetzung mit Kurzungen und anderen Anderungen (z. B. Sat. 12-15) und freier Nachschopfung (z. B. Sat. 83-90), die vor allem in den spateren Kapiteln uberwiegt. Zu drastischen Streichungen kommt es bei als anstossig empfundenen Passagen. So werden die Bordell-Episode und der erste Streit um Giton (Sat. 6-11) durch eine kurze Uberleitung von der Schulzur Marktszene ersetzt. Auch der Grossteil der Quartilla-Episode fallt weg (Sat. 18,5-26,6): Quartilla schickt vielmehr die Hauptpersonen zum Gastmahl bei ihrem Freund Trimalchio. Ahnlich wird spater noch mit mehreren weiteren Stellen verfahren (z. B. Sat. 79,8-82,6 und 85-87; 111-112).

Von der Cena Trimalchionis (Sat. 26,7-78,8) sind nur diejenigen Teile enthalten, die vor der Wiederentdeckung des Codex Traguriensis bekannt waren (Exzerpte aus Sat. 27-37,5 sowie Sat. 55), was wohl bedeutet, dass die Successi vor dessen Erstdruck (1664) verfasst wurden. (20) Dies passt zur Bemerkung des Autors in seiner Widmung, er habe das Werk viele Jahre unveroffentlicht gelassen. (21)

Die Erbschleicherepisode am Ende des Erhaltenen wird von Regi nach Sybaris verlegt (22) und sehr frei bearbeitet, wobei die sexuellen Abenteuer ebenso weggelassen werden wie das makabre Testament.

Die erste der danach folgenden Episoden, die nicht mehr auf dem Petrontext beruhen, handelt vom Besuch einer Akademie ausserhalb von Sybaris (mit Rezitationen klassischer Dichtung und einer Beschreibung des Hauses). (23) Bald verlassen Eumolpio und seine Kameraden aus Angst, als Schwindler entlarvt zu werden, die Stadt. Wahrend der Seereise trennt sich Alipio (= Eumolpus) von ihnen, so dass Eumolpio, Giton und Ascyltos (24) zu dritt bei Paestum landen und nach Rom weiterreisen (auf dem Weg sehen sie u. a. Ciceros Villa in Tusculum). Nach ihrer Heimkehr beschliessen sie jedoch, sich ins Faliskerland zum Apollonheiligtum des Bergs Soracte (25) zuruckzuziehen: la dunque condottici, [...] come scordati delle dure vicendevolezze, che oggi di si vedono nelle Citta, trovammo quella quiete, (che tanto gia s'era allungata da noi) pratticando con le fiere, per i boschi, e nella solitudine. (26)

Die Successi di Eumolpione wurden nie nachgedruckt und wohl auch wenig rezipiert. In der Forschung haben sie etwas mehr Beachtung gefunden als die spateren neusprachlichen Petronsupplemente. (27) Seit 1995 liegt eine grundliche Untersuchung in Form eines Artikels vor. (28) Zuletzt wurde versucht, das Werk als roman a clef zum neapolitanischen Geistesleben der 1670er Jahre zu erweisen, der sich insbesondere gegen Leonardo Di Capua (1617-1695) und die antiaristotelische Accademia degli Investiganti richte. (29)

3. Linage (verloren; vor 1681, vielleicht vor 1647)

In den bis 1681 reichenden Memoiren des Advokaten und Schriftstellers Nicolas Chorier (1612-1692) heisst es uber Pierre Linage de Vauciennes ([dagger] zwischen 1678 und 1682):(30)

Senecam fideli et erudita interpretatione, familiarem hominibus nostris fecerat, et gallica civitate donaverat. Omnes, quae ejus nomine circumferuntur, gallice tragaedias reddiderat, et locupletibus notis, quae pro commentariis essent, illustraverat: Petronii-Arbitri satyricon gallice quoque interpretatus erat, et lacunas insuper, quae incomparabile deformavere opus, insertis de suo, quae convenire intelligebat, ingeniose impleverat. Exire tamen in manus hominum noluerat.

'Seneca hatte er mit einer treuen und kundigen Ubersetzung den Unseren vertraut gemacht und ihm das franzosische Burgerrecht verliehen. Alle Tragodien, die unter seinem Namen umgehen, hatte er ins Franzosische ubersetzt und mit reichhaltigen Anmerkungen, die als Kommentar dienen sollten, erlautert. Das Satyricon des Petronius Arbiter hatte er ebenfalls ins Franzosische ubersetzt und uberdies die Lucken, die das unvergleichliche Werk entstellten, geistreich ausgefullt, indem er selbst einfugte, was er als passend empfand. Eine Veroffentlichung hatte er aber nicht gewollt.'

Die Passage hat Choriers Begegnung mit Linage bei einem Aufenthalt in Paris 1647 zum Anlass. Das Plusquamperfekt scheint darauf hinzuweisen, dass Ubersetzung und Supplemente damals--17 Jahre vor dem Erstdruck des Codex Traguriensis--bereits vorlagen; zwar werden sie gemeinsam mit der erst 1651 veroffentlichten Seneca-Ubersetzung genannt, doch ware nicht auszuschliessen, dass auch sie 1647 bereits geschrieben war.

Dass Linage Supplemente und eine Ubersetzung verfasste, bezeugt auch der 1681 verstorbene Gelehrte Michel de Marolles in einem postum als Anhang zu seinen Memoiren veroffentlichten Personenkatalog:(31)

Pierre Lignage [sic], de Chaalons en Champagne, a fait des Vers latins que jai [sic] recus de sa main. Il avoit dessein de remplir les lacunes de Petrone, & s'est persuade qu'il en etoit venu a bout; ce que j'eus de la peine a croire, tenant la chose impossible pour la faire heureusement. Il disoit aussi d'avoir fait une Version entiere de cet Auteur assez difficile, ce qui n'a pourtant point paru: [...]

Ist also Linage--unter dessen Namen nichts Petronisches erhalten ist--unter die lateinischen Petronerganzer zu rechnen? Die bisherige Forschung tat dies bedenkenlos,32 doch aus den beiden Zeugnissen geht nicht explizit hervor, dass Linage lateinische Supplemente verfasst habe. Die naherliegende Deutung ist wohl, dass die Supplemente bloss Teil seiner franzosischen Ubersetzung waren. Dafur spricht auch das vollige Fehlen von Hinweisen auf anderweitige lateinische Prosaschriften von Linage.

An die Meinung, Linage habe lateinische Petronsupplemente verfasst, knupft sich jedoch seit jeher die weiter unten zu besprechende These, dass diese Supplemente mit denen identisch seien, die spater von Francois Nodot veroffentlicht wurden.

4. Das Pariser Manuskript NAF 333 (ungedruckt; wohl nach 1677)

Das Manuskript, das unter der Signatur NAF 333 in der franzosischen Nationalbibliothek bewahrt wird, enthalt eine anonyme franzosische Petronubersetzung mit--durch Kreuze gekennzeichneten--Supplementen (pp. 1-381) und daran anschliessend (pp. 382-387) eine von dem Marseiller Advokaten Marc-Antoine Chalvet verfasste alternative Ubersetzung der 'Pharsale de Petrone' (Sat. 119-124,1). Die Supplemente fullen die Lucken zwischen den erhaltenen Partien; einen Anfang gibt es nicht, und das von Nodot zum Schluss umgedeutete Petron-Fragment 1 (Nam Massilienses [...] sic proiciebatur) wird hier zwar ebenfalls angehangt, aber nur als Teil der Rede aus Sat. 141,6-11. Terminus post quem fur das Manuskript als solches ist das Erscheinen der Petronausgabe von Boschius, deren Seitenzahlen am Rand angegeben werden, im Jahr 1677.

Ein Monsieur Herbert--Gymnasiallehrer in der Vendee--erwarb das Manuskript im April 1860 bei einem Antiquitatenhandler in Aix-en-Provence. Er stellte seinen Fund in einer Broschure vor, legte den Schwerpunkt aber klar auf die Verse Chalvets, die er auch abdruckte. Die anonyme Ubersetzung besprach er auf wenigen Seiten, (33) wobei er bedauerte, aus Grunden des Anstandes nicht aus den Supplementen zitieren zu konnen. Selbstverstandlich konnte eine solche Behandlung den Text nicht der Obskuritat entreissen. (34) Erst im Jahr 2000 wurde er von Jean-Claude Feray einer etwas eingehenderen Besprechung gewurdigt, jedoch abermals an entlegener Stelle--im Anhang zu einer in einem Nischenverlag erschienenen Petronubersetzung ohne Cena Trimalchionis. (35) Bis auf die dort abgedruckten Auszuge (36) ist er nach wie vor unediert. (37)

Den anonymen Ubersetzer und Erganzer identifizierte Herbert mit Francois Galaup de Chasteuil ([dagger] 1672 oder 1678), einem Offizier aus der Provence, von dem uberliefert ist, dass er Petronius ubersetzt hat. (38) Insgesamt weiss man von funf franzosischen Petronubersetzern der fraglichen Zeit, deren Werke verschollen sind: Linage (siehe oben), Galaup, Chalvet, Nicolas Venette (1633-1698, Arzt und Verfasser eines Tableau de l'amour conjugal) und Alexandre Lainez (auch Laisne, [dagger] 1710). (39) Als Erganzer benennen die Quellen nur Linage; daneben wird behauptet, der Arzt Guy Patin (1601-1672) berichte in einem seiner Briefe von einem nicht namentlich genannten Erganzer, der eine zweisprachige Ausgabe habe veranstalten wollen. (40) Dies bezog Herbert irrtumlich auf Galaup, (41) womit die Erganzungen im Manuskript zu einem Argument fur dessen Verfasserschaft wurden. Ein weiteres Argument waren Sprachstil und Rechtschreibung des Ubersetzers, die laut Herbert--wie der Fundort--auf die Provence verwiesen.

Feray hat die Zuschreibung an Galaup mit dem Hinweis widerlegt, dass 1729 eine Versstelle (Sat. 5) aus seiner Ubersetzung veroffentlicht wurde, (42) die nicht mit dem Manuskript NAF 333 ubereinstimmt. Die naheliegende Vermutung, dass es sich bei dem Anonymus um den bekannten Erganzer Linage handle, wird von Feray--im Gegensatz zu Herbert--in Betracht gezogen, aber letztlich als unwahrscheinlich beurteilt, unter anderem wegen sprachlicher Unterschiede zwischen dem Manuskript und Linages publizierten Prosaschriften. (43) Fur Feray bleiben Ubersetzung und Supplemente anonym.

Aussichtsreicher als die Suche nach dem Urheber scheint der Versuch einer Datierung, denn hier bieten die Verweise auf Boschius' Edition von 1677 einen Anhaltspunkt. Dass sie auf den Ubersetzer selbst zuruckgehen und seine Vorlage verraten, ist zwar nicht beweisbar, aber doch die plausibelste Annahme. Ein strikter terminus ante quem ist nicht ersichtlich, aber es lasst sich argumentieren, dass das Bedurfnis, die Lucken mit eigenem Text zu fullen, vor 1693 am grossten war. Die in diesem Jahr einsetzende Popularitat Nodots konnte auch ein Grund gewesen sein, warum das Werk des Anonymus ungedruckt blieb.

Im ubrigen ist seine Ubersetzung nicht nur ungenauer als die Nodots, (44) sondern stellenweise geradezu widersinnig oder unverstandlich, (45) und die Erganzungen lassen im Gegensatz zu Nodot erzahlerisches Talent und Einfuhlung in das Werk vermissen. Zu einem grossen Teil bestehen sie aus geschwatzigen motivierenden und moralisierenden Reflexionen, und der Geist, der aus ihnen spricht, ist unverkennbar zeitgenossisch.

5. Nodot (Erstdruck 1691)

Am 12. Oktober 1690 wandte sich Francois Nodot (ca. 1650-ca. 1710), ein Offizier der Heeresversorgung, brieflich an den Sekretar der Academie francaise, Francois Charpentier, um diesem mitzuteilen, er sei im Besitz der fehlenden Teile der Satyrica. (46) Ein gewisser Dupin habe bei der Eroberung Belgrads durch die kaiserlichen Truppen (1688) ein vollstandiges Manuskript gefunden, und Nodot habe es durch die Vermittlung eines Frankfurter Kaufmanns erwerben konnen. Anders als im Fall der Cena Trimalchionis werde sich niemand finden, der die Echtheit der neuen Texte in Zweifel zoge. (47) Eine breitere Offentlichkeit erfuhr von der Entdeckung im Februar 1691, als Nodot sie in einer Zeitschrift kundtat.

Im selben Jahr erschien in Grenoble, wo Nodot damals lebte, der erste Druck, der aber noch kaum Verbreitung fand. Erst die drei lateinischen Ausgaben von 1693 und die franzosische Ubersetzung von 1693/94 brachten die Debatte um den 'Belgrader Petronius' in Gang. In einer Rezension einer dieser Ausgaben wurde bereits die Moglichkeit erortert, dass die Supplemente ein modernes Produkt seien. (48) 1694 erschienen dann zwei vernichtende Kritiken in Buchform, wahrend die Akademien von Arles und Nimes sich fur die Echtheit aussprachen.

Im Laufe der 1690er Jahre erschienen noch mehrere weitere, meist zweisprachige Ausgaben. 1700 publizierte Nodot eine etwas verspatete Contrecritique. An die Echtheit des 'Belgrader Petronius' wurde damals kaum noch geglaubt. Nodots Ausgabe letzter Hand ist vermutlich die von 1709, die bis 1756 seitenidentisch nachgedruckt wurde; 1798/99 erschien ein weiterer Nachdruck, in dem das aristokratisch konnotierte Wort Dame dem Zeitgeist entsprechend durch femme ersetzt wurde. (49)

In der neueren Sekundarliteratur wird angenommen, die Kette der lateinischen Ausgaben sei gegen Ende des 18. Jahrhunderts abgerissen, (50) doch in Wirklichkeit wurden Nodots vervollstandigte Satyrica zwischen 1803 und 1934 noch in sechs zweisprachigen Petronausgaben--mit jeweils neuen Ubersetzungen--auf Latein nachgedruckt.

In der Ausgabe von Durand (1803) wurden die Supplemente im lateinischen Text durch Anfuhrungszeichen kenntlich gemacht. (51) Vincenzo Lancetti druckte sie 1806/07 ohne Kennzeichnung ab und verteidigte in seiner Vorrede sogar die Echtheit der von Nodot 'entdeckten' Textstucke; allerdings sei auch Nodots Fassung noch nicht das vollstandige Werk. (52)

Charles Heguin de Guerle, der 1834/35 eine der meistrezipierten franzosischen Petronubersetzungen veroffentlichte, setzte die Supplemente im lateinischen Text in Klammern. (53) Ebenso verfuhren ein anonymer deutscher Ubersetzer von 1845, von dessen Ausgabe nur ein Probeheft erschien, (54) und--im Jahr 1871--Giambatista Cely Colajanni, der ahnlich wie Lancetti die Unechtheit der Supplemente bezweifelte. (55) Die wohl letzte zweisprachige Petronausgabe, die die Nodot-Supplemente enthielt, war die von Maurice Rat (1934); sie verwendete ebenfalls Klammern--diesmal auch in der Ubersetzung. (56)

Auf diese 'vergessenen' Ausgaben folgte 1998 eine wissenschaftliche Edition im Rahmen eines Artikels, die die Einfugungen durchgezahlt und ohne den echten Petrontext wiedergibt; hinzu kommen ein detaillierter Kommentar und einige sprachliche Bemerkungen. (57) Leider fehlen in dieser Edition zwei kurze Passagen. Sie lauten (mit von mir erganzter Zahlung):(58)

10a (zwischen Sat. 79,7 und 8): Cubiculum ingressus cum fratre lectum petii; & opipare epulatus, ardensque tentigine, me totum voluptatibus ingurgitavi.

12a (zwischen Sat. 86,7 und 87,1): Difficultas, inquam, elegantem nanciscendi, munus differre coegit, sed intra paucos dies promissis stabo. Quid hoc sibi vellet scite intellexit Ephebus, & motus internos prodidit vultus. Interim,

Einige langere Passagen aus der franzosischen Fassung werden in einer Monographie von 2010 wiedergegeben, die den 'Belgrader Petronius' von der inhaltlichen und erzahlerischen Seite beleuchtet und sich auch eingehend mit Nodots Vorwort und seiner 'Vie de Petrone' auseinandersetzt. (59)

Von diesen Ausschnitten abgesehen, ist Nodots franzosische Ubersetzung offenbar nach 1798/99 nie wieder gedruckt worden. Seine Supplemente haben allerdings--meist durch Klammern vom echten Text abgetrennt--in zahlreiche andere Petronubersetzungen Eingang gefunden. Allein auf deutsch, englisch, franzosisch und italienisch sind es uber zwanzig. (60) Das jungste mir bekannte Beispiel ist eine rumanische Ubersetzung von 2003. (61) Eine systematische Prufung aller Ubersetzungen der Satyrica war mir freilich nicht moglich--nach meinen Recherchen existieren mindestens 143 Komplettubersetzungen in 27 Sprachen.

Obwohl sich unter den Erganzungen Nodots auch langere, kreative Textstucke befinden, ist der Gesamteindruck der einer sparsamen Ausfullung der Lucken. Recht unbefriedigend sind Anfang und Schluss, die trotz Anfugungen unvermittelt und abrupt bleiben. Zeitgenossischen Kritikern ging es freilich neben der Unglaubwurdigkeit der Entdeckungsgeschichte vor allem um sprachliche Fehler und inhaltliche Anachronismen.

Unter den Zeitgenossen, die die Unechtheit des 'Belgrader Petronius' durchschaut hatten, herrschte keine Einigkeit daruber, ob man die Supplemente ihm selbst (62) oder einem anderen (63) zuschreiben sollte. Im 19. Jahrhundert hat schliesslich J.-E. Petrequin (64) die Annahme, Nodot hatte als Soldat nicht uber die erforderliche latinistische Bildung verfugt, mit dem vermeintlichen Wissen um eine lateinische Petronerganzung von Pierre Linage de Vauciennes (65) zu einer interessanten Hypothese verbunden: An der Abfassung der Supplemente Linages habe der beruchtigte Nicolas Chorier (66) mitgewirkt, der 1690 Nodot begegnet sei (in Grenoble, wo von 1690 bis 1692 beide Manner lebten) und ihm die Supplemente verkauft habe. Walter Stolz hat diese Hypothese in seiner 1987 erschienenen Abhandlung aufgegriffen (67) und dahingehend modifiziert, dass Chorier nicht Mitverfasser der Supplemente gewesen sei, sondern uber Michel de Marolles (den er seit 1673 kannte) von ihnen erfahren und sich daraufhin eine Abschrift besorgt habe. Im Gegensatz zu Petrequin neigt Stolz zu der Vermutung, dass Nodot von Chorier betrogen worden sei, also selbst an die Echtheit der 'Entdeckung' geglaubt habe.

Nichts von alledem ist mehr als Spekulation. Davon, dass sich diese Rekonstruktion der Ereignisse 'hart an [der] Grenze der Gewissheit' befinde, (68) kann wohl keine Rede sein. Wir haben oben bereits festgestellt, dass nicht einmal die Existenz einer lateinischen Petronerganzung von Linage gesichert ist--den Zeugnissen nach konnte es sich mindestens ebensogut nur um eine franzosische gehandelt haben--, und auch die Begegnung Choriers und Nodots ist in keiner Weise belegt.

Wenn aber Linage nicht der Autor der Nodot-Supplemente gewesen sein sollte, wer dann? Nodot selbst ist trotz aller Bedenken wegen seines Berufs und der geringen Qualitat seiner sonstigen--ausschliesslich franzosischen--literarischen Versuche (69) zumindest als Mitautor nicht vollig auszuschliessen. Von seiner Ubersetzung behauptet er, dass mehrere hochgestellte und gelehrte Freunde (de mes Amis gens de Cour & scavans) mitgewirkt hatten, (70) was auch auf den lateinischen Text der Supplemente zutreffen konnte. Sein Kritiker Mongenet will durch Befragung des Grenobler Verlegers herausgefunden haben, dass gegenuber diesem nur Nodot in Erscheinung getreten sei, (71) doch dies liesse sich mit dem Wunsch der Mitarbeiter nach Anonymitat erklaren. Zu bedenken ist allerdings die Absicht hinter Nodots Aussage: es geht ihm darum, die Verantwortung fur die ihm von Mongenet vorgeworfene Ubersetzung der obszonen Stellen von sich zu weisen. Letztlich muss wohl bei der Ubersetzung wie bei den Supplementen der Anteil Nodots unbestimmt bleiben.

6. Marchena (1800) und Eloi Johanneau (verloren; wohl um 1801)

Im Jahr 1800, also 110 Jahre nach Nodots erstem Brief an Charpentier, erschien bei Decker & Schoell in Basel ein 75 Oktavseiten umfassendes Buchlein mit dem Titel Fragmentum Petronii ex Bibliothecae Sti. Galli antiquissimo mss. excerptum, nunc primum in lucem editum: Gallice vertit ac notis perpetuis illustravit Lallemandus, S. Theologiae Doctor. (72) In der Vorrede hiess es, dem Herausgeber sei im Zuge der Einnahme St. Gallens durch die franzosische Revolutionsarmee 1798 eine aus der Stiftsbibliothek stammende Pergamenthandschrift aus dem 11. Jahrhundert in die Hande gefallen, die sich als Palimpsest herausgestellt habe. Mit grosser Muhe habe er den Text entziffern konnen, den er nun der Offentlichkeit vorlege.

Den nur 283 Worter langen, lateinisch und franzosisch abgedruckten Text--eine reichlich obszone Erweiterung der Quartilla-Episode (Sat. 16,1-26,6)--begleitete ein mehr als 50 Seiten umfassender franzosischsprachiger 'Kommentar', dem der Text lediglich als Ausgangspunkt fur Ausfuhrungen uber verschiedene Themen der Sexualitat diente.

Das neue Fragmentum Petronii erregte nicht annahernd so viel Aufsehen wie Nodots 'Belgrader Petronius', aber immerhin fand sich im August 1801 ein Rezensent, der die Echtheit fur unzweifelhaft erklarte. Freilich kam er schon eine Woche spater noch einmal auf das Fragment zu sprechen und ausserte nun den Verdacht, 'dass vorzuglich dieser Noten halber das ganze Fragment von einem zweiten Nodot erdichtet und untergeschoben sey'. Im November gab schliesslich der Verleger Johann Decker bekannt, dass 'das Ganze ein Scherz' gewesen sei. Der Autor des Fragments und der Noten, so erfuhr man jetzt, war Jose Marchena y Ruiz de Cueto (1768-1821), (73) der 1800 mit dem Heer des Generals Moreau in Basel gelagert hatte.

Eine--reale oder fiktive?--Episode aus dem Nachleben des Fragmentum Petronii uberliefert Paul Lacroix im Nachwort zu einem 1865 erschienenen Nachdruck. (74) Der Gelehrte Eloi Johanneau (1770-1851), so heisst es dort, wandte sich personlich an den nach Paris zuruckgekehrten Marchena, um ihm mit ernster Miene zu erklaren, das von ihm edierte Fragment stamme aus dem 12. Jahrhundert und sei zustande gekommen, indem ein Monch den entsprechenden echten Text verkurzt aus dem Gedachtnis wiedergegeben habe; er selbst habe in einer Handschrift der Bibliotheque imperiale den Originaltext aufgefunden, der trois fois plus long et cent fois plus erotique sei. Der Text, den Marchena sogleich neugierig begutachtete, stellte sich als eine von Johanneau verfertigte erweiterte Fassung des Fragmentum Petronii heraus.

Lacroix nennt keine Quelle und gibt auch nicht prazise an, wann sich die Begegnung zugetragen haben soll. Die Formulierung Lorsqu'il [Marchena] revint a Paris muss sich aber auf seine Ruckkehr aus dem Krieg im Jahr 1801 beziehen. (75) Eine 'Bibliotheque imperiale' konnte es erst seit 1804 geben, doch die Bezeichnung war 1865, als Lacroix schrieb, aktuell und lasst sich darum als Versehen erklaren. Terminus post quem fur die Begegnung ware Deckers Erklarung vom November 1801, die erstmals Marchenas Namen nannte. Johanneaus erweitertes Supplement wurde nie veroffentlicht und ist--falls es je existierte--langst verlorengegangen. Lacroix gibt an, eine Abschrift mit franzosischer Ubersetzung sei im cabinet de M. le baron de Schonen vorhanden gewesen. (76)

Marchenas Fragmentum Petronii wurde--jedenfalls verglichen mit Nodot--recht selten abgedruckt oder ubersetzt. Es existiert bereits seit 1996 eine Aufstellung, die fast vollstandig ist. (77) Danach ist noch eine Ausgabe erschienen, die den lateinischen Text und eine spanische Ubersetzung des Ganzen (Vorwort, Text, Kommentar) enthalt, (78) ausserdem ein Artikel, der das Supplement lateinisch und franzosisch abdruckt. (79) Die Bibliographie bis 1996 ist freilich noch um drei Punkte zu erganzen.

Am wichtigsten ist wohl die erste englische Ubersetzung des Fragments, die um zwanzig Jahre alter ist als die erste genannte. (80) Es handelt sich um die falschlich Oscar Wilde zugeschriebene Petronubersetzung von Alfred R. Allinson, (81) die 1902 bei dem in Paris ansassigen Charles Carrington--sonst vor allem Verleger von Pornographie--erschien und in den 1920er und 1930er Jahren mindestens zehnmal nachgedruckt wurde.82

Die Petronubersetzung W. C. Firebaughs, die in ihrer ursprunglichen, von Sittenwachtern bekampften Fassung von 1922 nicht nur Marchenas Supplement, sondern im Anhang auch seine 'Notes' enthielt, wurde von 1927 bis 1943 in einer vom Verlag bearbeiteten Ausgabe nachgedruckt, die die 'Notes' wie auch Firebaughs eigene Ausfuhrungen uber 'Prostitution', 'Paederastia' und 'The Cordax' als den anstossigsten Teil des Buches wegliess und auch das--nach wie vor enthaltene--Supplement durch Kurzungen reinigte. (83)

Als Kuriositat zu erwahnen ist schliesslich ein ausserst rarer, 1866 erschienener New Yorker Raubdruck von Walter K. Kellys 1854 in London erschienener Petronubersetzung, die Marchenas Fragment nur auf Latein in einer Fussnote wiedergegeben hatte. Verleger dieses Nachdrucks84 war der etwas exzentrische Pamphletist Calvin Blanchard (1808-1868), ein Kampfer gegen 'ignoranceengendered mysticism, and its resulting theo-moral quackery and governmental brigandage', (85) der auch Boccaccios Decameron in einer ahnlichen Ausgabe auf den Markt brachte. (86) Blanchard versah die Petronubersetzung nicht nur mit ausgiebigen, fur das Verstandnis des Textes irrelevanten Kommentaren, sondern erganzte sie zudem um eine 'Ubersetzung' des auch von ihm in einer Fussnote wiedergegebenen Marchena-Supplements, die--mit Kurzungen--wie folgt lautet:(87)

TRANSLATION.

The first creatures on the earth were monsters. Simultaneous with the advent of mankind, a monster was brought forth that extended throughout the entire globe. [...] Every little while, the monster got so corrupt that certain parasites, composed of clear virus, seceded out of him; they carried on like all possessed till they had to "dry up," leaving behind them a most awful stink. One of these parasites happened to rot clear off and become detached from, or, as he called it, "independent" of the parent monster, whose worst viciousness he carried along with him, of course. [...] He threatened to make a tobacco quid of Cuba, stick Mexico and Canada into his breeches pockets, and gobble up all creation! But his furious excitement brought on a terrible bowel complaint. [...] His whole belly [...] would have burst, if his skin hadn't been as tough as an anaconda and a banker's conscience, combined. [...] and he thinks the best way to divert attention from his most shameful predicament is to plunge into a fight with Maximilian and a raid on Brigham Young! If he stinks Maximilian out he will recommunicate his dreadful intestine disorder to poor unfortunate Mexico, [...] And if he sends his bullet and bayonet missionaries to Utah in sufficient force, he'll convert Brigham's extra wives to Water street harlots, and death garret shirt stitchers, and that won't make the mess any better. [...] the United States, a "Republic," that, in only eightyfive years, has had, all within itself, the most horrible conscription and military rule, ever before known [...] And the bullet and bayonet missionaries have assured the Negroes of the said "Republic" the cruelest annihilation that a race ever met with.

The foregoing, though written in the present tense, is prophetic. [...]

What's the monster's name? Well, he has several names; but his true name is Ignorance. His most infernally insinuating and fatally alluring name is that all but indetectable disguisement of brute force and cruelty, "Moral Principle." His great allies are Hypocrisy, Sanctity, Habit, Fanaticism and NOTHINGISM.

N. B.--If any Latin scholar says this isn't a good translation, don't believe him. True, I never studied Latin particularly--what's the use? don't I know the meaning of all the languages? Read my Appendix to this book, and see if I don't.

CALVIN BLANCHARD.

New York, Year of Grace, "1866;" being the fifth year of the Great Sqwnmux.

7. Ugo Dettore (1943)

Erst zweieinhalb Jahrhunderte nach Nodot wagte sich wieder jemand an eine vergleichbare Vervollstandigung der Satyrica, freilich nicht mehr in der Originalsprache.

Ugo Dettore (1905-1992) (88) war langjahriger Mitarbeiter der Verlage Bompiani und Garzanti und Initiator des Dizionario letterario Bompiani, das von 1947 an erschien und spater die Grundlage fur Kindlers Literatur-Lexikon bildete. Seine Karriere als Autor begann 1931 mit einem preisgekronten Roman. Es folgten zwei weitere Romane (1936 und 1959), ein Band Erzahlungen (1940) sowie mehrere Sachbucher, darunter eine Storia d'Italia von der Antike bis zum ersten Weltkrieg (1954) und ein Atlante storico per la scuola media (1965/66); von 1973 bis 1989 verfasste er zudem mehrere Bucher aus dem Bereich der 'Parapsychologie'. Am produktivsten war er jedoch als Ubersetzer. Er veroffentlichte mehr als dreissig Ubersetzungen englischer und franzosischer Klassiker, von denen einige bis heute neu aufgelegt werden.

Seine Ubersetzung der Satyrica--anscheinend die einzige aus dem Lateinischen--erschien im November 1943 bei Bianchi-Giovini, einem eher kurzlebigen Verlag, den Dettore selbst gemeinsam mit seiner Frau betrieb. (89) Den Text begleiteten 28 Illustrationen von Salvatore Fiume (1915-1997), einem angesehenen Kunstler. (90) Im November 1944 erschien eine revidierte und neu gesetzte Auflage, (91) die im Mai 1945 noch einmal unverandert nachgedruckt wurde. (92) Die Anderungen im Wortlaut waren bis auf eine Passage im Vorwort minimal; dagegen wurden von den 28 Illustrationen nur 12 aus der Erstauflage ubernommen und 16 durch neue Zeichnungen desselben Kunstlers ersetzt (davon 12 uber dieselben Sujets). Zumindest von der ersten Auflage wurden nur 499 Stuck gedruckt.

Im Vorwort kommt Dettore auf Nodot zu sprechen und rechtfertigt seine eigenen Erganzungen, die entstanden seien, weil ihm Nodots Versuch misslungen erschienen sei, er dem Leser seiner Ubersetzung aber dennoch einen zusammenhangenden Text habe bieten wollen. (93) Er legt Wert darauf, hierbei so zuruckhaltend wie moglich verfahren zu sein: seine 'Falschung' bestehe lediglich aus einem Anfang von 4 Seiten, einer Passage von 16 Seiten sowie einer Anzahl kleinerer Ausfullungen. (94) Der Versuchung, den wissenschaftlichen Rekonstruktionsversuch Ettore Paratores (95) umzusetzen, habe er widerstanden.

Die Satyrica nach Dettore geben sich als Ruckblick eines alter gewordenen Encolpius auf seine Jugend:

Se ho intrapreso questo racconto della mia agitata giovinezza, non e stato per rievocare immagini ed episodi conturbanti, ma piuttosto per dar modo di meditare al lettore, e meditare io stesso una volta di piu, su quanto sia facile, in tempi come questi, il traviarsi delle indoli piu caste e delle intenzioni piu sincere.

So der erste Satz des erganzten Anfangs, der der Erzahlung zugleich eine erbauliche Absicht zuschreibt. Auf einen weiteren Satz in diesem Sinne folgt eine Reflexion uber die Rolle der Gotter im Leben des Menschen, besonders die Macht des Priapus, den Encolpius zu achten gelernt habe. Sodann berichtet Encolpius von seinem Bildungsstreben in jungen Jahren, das sich besonders auf die Kunst der Rede bezogen habe; diesbezuglich gibt er ein kurzes Gesprach mit seinem alten Freund Ascyltos wieder. (96)

Die Haupthandlung beginnt, als Encolpius 'eines Tages' von dem Redelehrer Agamemnon in seine Schule in der Nahe von Neapel eingeladen wird, wohin er gemeinsam mit Ascyltos und Giton reist (der Ausgangspunkt bleibt unbestimmt). Die Schule enttauscht ihn, und im Gesprach mit Ascyltos klagt er bereits uber die Unbrauchbarkeit der Schulrhetorik. Die Invektive Num alio genere furiarum, mit der der petronische Text einsetzt, wird dann als Reaktion auf den Spott einiger Schuler Agamemnons uber eine ortliche Seherin (una sibilla delle vicinanze) und deren furore profetico prasentiert.

Das im Vorwort angekundigte Supplement von 16 Seiten steht zwischen Sat. 11,4 und 12,1, also an derselben Stelle wie das mit Abstand langste Supplement Nodots, (97) und dient wie dieses der Rekonstruktion von Ereignissen, auf die an spateren Stellen der Satyrica zuruckverwiesen wird. Beide Supplemente enthalten einen Besuch bei Lycurgus, der bestohlen wird (vgl. Sat. 83,6 und 117,3), erotische Abenteuer mit Lichas und Tryphaena (Sat. 100-115) und Doris (Sat. 126,18) sowie den Verlust einer Tunica mit eingenahten Goldmunzen (Sat. 12-15). Dettore ist mit seinem Vorganger sogar darin einig, Doris zur Ehefrau des Lichas zu machen. Die Ubereinstimmung beschrankt sich freilich auf die Grundkonzeption. Die konkrete Erzahlung ist von Dettore frei gestaltet und weder dem Wortlaut noch der Handlung nach eine Nacherzahlung Nodots.

Die 81 kleineren Supplemente (deren langstes ca. 490 Worter umfasst, wahrend manche nur aus einem Wort bestehen) konnen hier nicht im einzelnen besprochen werden. Auch sie konkurrieren oft direkt mit denen Nodots (98) und sind wie die beiden langeren durch eckige Klammern kenntlich gemacht. (99)

An das Ende des erhaltenen Petrontexts fugt Dettore wie Nodot das bei Servius uberlieferte Petron-Fragment 1 (Nam Massilienses [...] sic proiciebatur) an. Doch wahrend Nodot es durch eine dazwischen eingefugte Passage zum dramatischen Schlusspunkt des Romans umdeutet--der als Schwindler enttarnte Eumolpus wird von den Burgern Krotons nach dem Vorbild des im Fragment geschilderten Brauches in den Tod gesturzt--, aussert Eumolpus bei Dettore bloss die Befurchtung, ihn konnte dieses Schicksal ereilen. Der letzte Satz des Erzahlers lautet: Io guardavo assorto dinnanzi a me, il nostro incerto destino. Es folgen Auslassungspunkte, entsprechend der Ankundigung im Vorwort, auf die Oktroyierung eines Schlusses verzichten zu wollen.

Aufnahme und Nachleben von Dettores Satyrica waren wenig beeindruckend. 1946 erhob ein Rezensent den Vorwurf, seine Ubersetzung beruhe nicht auf dem Originaltext, sondern plagiiere bloss die Petronubersetzungen von Limentani und Ernout--was Dettore energisch bestritt. (100) 1953 wurde die Ubersetzung im Verlag Rizzoli wieder aufgelegt, allerdings ohne die Supplemente und mit entsprechend angepasstem Vorwort. (101) Von 1981 bis 2000 brachte Rizzoli schliesslich mehrere Neuausgaben heraus, in denen Dettores Vorwort wegfiel und durch eine Einleitung von Luca Canali ersetzt wurde. (102) Die Supplemente sind--wie auch die Illustrationen von Fiume--seit 1945 nicht mehr gedruckt worden und vollig in Vergessenheit geraten. (103)

8. Paul Gillette (1965)

Nur 22 Jahre nach Dettore kam in Los Angeles das nachste in einer modernen Sprache vervollstandigte Satyricon heraus. (104)

Der Autor, Paul J. Gillette (1938-1996) aus Pennsylvania, hatte an einer katholischen Universitat Psychologie studiert und sich nach zwei Jahren beim Militar hauptberuflich der Schriftstellerei zugewandt. (105) Neben Ubersetzungen verfasste er in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche populare Sachbucher--oft uber Sexualitat--, eine Handvoll eigener Romane, von denen einer fur den Pulitzer-Preis nominiert wurde, und eine Romanadaptation eines Hollywood-Thrillers. Er arbeitete auch fur das Fernsehen und trat 1974 mit einer eigenen Sendung im offentlichen Netzwerk PBS auf: Enjoying Wine with Paul Gillette. In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens war er vor allem als Kenner des Weinhandels und Herausgeber des Branchenblattes Wine Investor bekannt.

Im Translator's Preface der Erstausgabe seines Satyricon weist er auf die Verschiedenheit der Interpretationen und Wertungen hin, die das petronische Werk erfahren hat, (106) macht einige Angaben zur Textgeschichte (107) und erwahnt dabei die Falschungen Nodots und Marchenas. Zu seiner eigenen 'Rekonstruktion' schreibt er, das Erfinden der Supplemente sei die einfachere und die Ubersetzung des echten Texts die schwierigere Aufgabe gewesen. Um dem Leser meaning and feeling des Originals zu vermitteln, habe er oft paraphrasieren oder nacherzahlen mussen, statt den Wortlaut zu ubersetzen.

In der Tat erlaubt er sich vollige Freiheit darin, den erhaltenen Text umzuschreiben und mit seinen eigenen Erfindungen zu amalgamieren. Eine genaue Abgrenzung echter und erganzter Stellen ist daher nicht immer moglich.

In Gillettes Bearbeitung wird aus den Satyrica ein Bericht des Encolpius von einer anfanglich mit Ascyltos unternommenen, von Rom ausgehenden Reise. Am Ende des Romans wird Encolpius nach Rom zuruckkehren, wahrend Giton mit 'Grotus'--einer von Gillette erfundenen Figur--davonsegelt.

Das mit 'Titus Petronius Arbiter' unterzeichnete Author's Preface108 ist aus der Perspektive des Erzahlers verfasst, der im Haupttext aber wieder Encolpius heissen wird; seine Erzahlung, heisst es, wolle zugleich der Unterhaltung und der Belehrung dienen. In das Vorwort werden ein paar Formulierungen aus Encolps Invektive gegen die Redelehrer (Sat. 1-2) eingeflochten. Kapitel 1 beginnt dann mit der Feststellung, die Reise mit Ascyltos sei schon lange geplant gewesen, habe sich aber durch Encolps eigene Tragheit verzogert. Von hier leitet Gillette zu einer frei nacherzahlten Horsaalszene (Sat. 3-6) uber, die ohne langere direkte Reden auskommt. Es folgt die Bordell-Episode (Sat. 7-8), die auf uber funf Seiten ausgedehnt und zum Ausloser eines fluchtartigen Aufbruchs aus Rom gemacht wird: am Ende des Kapitels gesteht Ascyltos, dass er den Vorfall inszeniert und Encolpius absichtlich in Schwierigkeiten gebracht hat, um die Abreise zu beschleunigen.

Damit genug. Auf die Frage der literarischen Qualitat von Gillettes Satyricon soll hier nicht naher eingegangen werden. Es genugt die Feststellung, dass es als englisches Prosawerk unbeachtlich und der im selben Jahr (1965) publizierten Petronubersetzung des Philologen John P. Sullivan stilistisch weit unterlegen ist.

In einer Neuausgabe von Gillettes Satyricon, die 1970 in Los Angeles und--erstmals--in Grossbritannien erschien, (109) blieb der Text des Romans derselbe, aber das Translator's Preface wurde durch ein vollig neues ersetzt. (110) Der fragmentarische Erhaltungszustand der Satyrica wird in diesem Vorwort gar nicht angesprochen. Dass das vorliegende Buch nicht das originale Werk, sondern eine Rekonstruktion ist, erfahrt der Leser der Neuauflage nur auf dem Cover und--in der britischen Ausgabe--dem ersten Vortitelblatt. (111)

9. Schnur (1976-1979; gedruckt 1992)

Der angesehene Petronforscher Harry C. Schnur (1907-1979), (112) der 1968 eine deutsche Ubersetzung der Satyrica mit Nodot-Supplementen veroffentlicht hatte, meinte 1972, die Rekonstruktion der Satyrica konne auf keinen Fall mehr sein als a pleasant and innocuous pastime. (113)

Mit genau dieser Intention arbeitete er in den letzten Jahren seines Lebens an einem lateinischen Petronsupplement mit dem Titel Encolpi casus. Das Ziel war recht anspruchsvoll: die Satyrica sollten--mindestens bis zum Beginn des Erhaltenen--in ihrem ursprunglichen Umfang wiedererstehen. Doch versuchte Schnur nicht, den tatsachlichen Inhalt des Verlorenen zu erraten, sondern liess seiner Phantasie freien Lauf. Seine Erzahlung begann mit der Geburt des Encolpius und nahm damit Zuge einer fiktiven Autobiographie an.

Als Schnur starb, hatte er noch nicht den Anschluss an den echten Petrontext gefunden. (114) Sein Supplement, das auch in unvollendetem Zustand immerhin langer ist als die Cena Trimalchionis, (115) wurde erst 13 Jahre spater ediert, (116) niemals in eine andere Sprache ubersetzt und erst einmal zum Gegenstand einer philologischen Untersuchung gemacht, deren Autor es--ungeachtet einiger absichtlich eingebauter Anachronismen--als das mit Abstand beste Petronsupplement feiert. (117) In der Tat war es wohl das bedeutendste Werk fiktiver Erzahlprosa in lateinischer Sprache seit dem 18. Jahrhundert. (118)

10. Nest (2004)

In einem Zuschussverlag in den USA erschien 2004 das englischsprachige Petronsupplement eines unbekannten Autors, der unter dem Pseudonym Ellery David Nest--Emeritus einer inexistenten Universitat--auftrat. (119) Eine Einleitung berichtet von der Entdeckung neuer Petronfragmente in einer Ortschaft namens 'Morazla' in Bosnien nach dem 1995 beendeten Bosnischen Krieg. Die Pergamentrollen seien uber einen amerikanischen Soldaten in die Hand eines--fiktiven--deutschen Gelehrten gelangt und befanden sich heute in der Deutschen Bibliothek. Damit wird naturlich auf Nodot angespielt, dessen vollstandige Handschrift ja 1688 im Zuge des Grossen Turkenkriegs (1683-1699) in Belgrad entdeckt worden sein sollte. (120)

Der ca. 280 Druckseiten lange neue Text--in den gelegentlich 'Lucken' eingebaut sind--soll aus den Buchern 7-15 der Satyrica stammen und die unmittelbare Vorgeschichte des bisher Bekannten sein. (121)

Die Erzahlung beginnt unvermittelt auf dem Schiff des Lichas, das nach Ostia unterwegs ist; Encolpius reist allein als--bereits entdeckter--blinder Passagier. Nach der Ankunft verliebt er sich in Tryphaena, die Prostituierte im Dienst eines Zuhalters namens 'Dagas' ist. (122) Durch sie lernt er Giton kennen, mit dem er abreist, nachdem die Affare mit ihr schlecht geendet hat. Es folgen u. a. eine Affare mit Hedyle, ein Prozess gegen Encolpius und ein Besuch von Gladiatorenspielen; zwischendurch wird immer wieder das in der Petronforschung oft diskutierte Motiv vom Zorn des Priapus aufgegriffen. Nach ungefahr zwei Dritteln der Erzahlung erscheint Ascyltos, bald darauf Lycurgus, der Senator ist und von dessen Ermordung den entsetzten Hauptpersonen berichtet wird. In Neapel kommt es zu einer fluchtigen Begegnung mit Doris, die Encolpius einst nach einer Affare in Marseille verlassen hat. Das letzte Kapitel ist der--in Puteoli angesiedelten--Begegnung mit dem Redelehrer Agamemnon gewidmet und stellt so den Anschluss an den erhaltenen Petrontext her.

Wie man sieht, macht sich der pseudonyme Autor die im erhaltenen Petrontext zu findenden Anspielungen auf verlorene Episoden zunutze, mit denen schon mehrere seiner Vorganger gearbeitet hatten. Auf eine gewisse Vertrautheit mit der Sekundarliteratur lasst neben der Entdeckungslegende im Vorwort auch die Erwahnung Marseilles schliessen, wo viele Forscher den Ausgangspunkt von Encolps Reise vermuten. (123)

Dennoch uberzeugt dieses Petronsupplement viel weniger als Nodot, Dettore oder Schnur. Inhaltlich enttauscht besonders die Grobheit, die an die Stelle der encolpischen urbanitas tritt: der pseudonyme Autor hat eine Vorliebe fur skatologische Vokabeln und Situationen, und sein Umgang mit Sexualitat ist durchwegs zotenhaft oder derb-pornographisch. Was die Diktion angeht, ist sein Text kompromisslos der aktuellen amerikanischen Umgangssprache verpflichtet.

11. Dalby (2005)

Andrew Dalbys englischsprachiges Supplement The Satyrica Concluded, das als Artikel in Gastronomica: The Journal of Food and Culture erschien, (124) ist als Epilog zu den Satyrica gestaltet. Erzahler ist nicht mehr Encolpius selbst, sondern Agamemnon als Herausgeber seiner 'Memoiren', was auch den abweichenden Stil rechtfertigt. Das Ende des erhaltenen Petrontexts wird als das tatsachliche Ende von Encolps Erzahlung behandelt. (125)

Agamemnon ist Encolpius in Kroton wiederbegegnet. (126) Nachdem die erhoffte Bereicherung ausgeblieben und Eumolpus mit Giton abgereist ist, fliehen Encolpius und Agamemnon vor ihren Glaubigern nach Kampanien, wo sie von Trimalchio als Hauslehrer angestellt werden. Encolpius gibt Fortunata Tanzunterricht, dient ihr aber, da ihm Priapus nicht mehr zurnt, auch sexuell; Agamemnon erzieht Trimalchios Sohn. Nach mehreren Jahren machen sich die beiden mit ihrem Ersparten und Trimalchios Kasse davon.

Auf diesen knappen Bericht im Plusquamperfekt folgt das Hauptstuck des Supplements, ein Gastmahl, das Encolpius in Marseille gibt, wo er und Agamemnon sich niedergelassen haben. Zugegen sind neben Agamemnon auch die alten Bekannten Ascyltos, Quartilla und Eumolpus. Das Tischgesprach dreht sich um das nun schon 20 Jahre zuruckliegende Gastmahl bei Trimalchio; Dalby--ein vielseitiger Kulturhistoriker mit besonderem Interesse fur Kulinarisches (127)--erklart uns auf diese Weise zahlreiche Einzelheiten der Cena. In das Gesprach schaltet sich auch eine Sklavin und angehende Arztin (Dalby gebraucht das Wort doctor) namens Lachesis ein, die Ernahrungskundliches beitragt. Dank einem von Quartilla zubereiteten Trank (satyrion) geht das Mahl in eine sexuelle Orgie uber (u. a. Encolpius/Quartilla, Agamemnon/Lachesis, Eumolpus/Tanzerin).

Plotzlich treten drei Pratorianer ein, und Encolpius, der diesen Besuch erwartete, nimmt todliches Gift. Wie sich herausstellt, wurde er von Nero personlich zum Tode verurteilt, weil seine Memoiren--die Satyrica--diesen verachtlich machten. Dalby greift also die beliebte Interpretation Trimalchios als satirisches Zerrbild Neros auf und lasst den taciteischen Petronius als Autor der Satyrica sein eigenes Schicksal vorwegnehmen.

Fazit

Mit Dalbys originellem Einfall endet bis auf weiteres die Erganzungsgeschichte der Satyrica, die reicher ist als die jedes anderen fragmentarischen Werks, das wir aus dem Altertum besitzen.

Abschliessend soll nun eine kurze Gegenuberstellung der besprochenen Supplemente mit Hinblick auf die verwendeten Sprachen, die Art der Erganzung und die zugrundeliegenden Intentionen versucht und auch noch ein Wort zu ihrer zeitlichen Verteilung gesagt werden.

Es gibt vier sicher lateinische Petronsupplemente (Richard/Gonzalez de Salas, Nodot, Marchena, Schnur), ein sicher franzosisches (NAF 333), ein franzosisches und vielleicht auch lateinisches (Linage), zwei italienische (Regi, Dettore) und drei englische (Gillette, Nest, Dalby). Wahrend sich in der fruhen Neuzeit lateinische und neusprachliche Erganzungen noch die Waage hielten, sind die des 20. und 21. Jahrhunderts stets in modernen Sprachen verfasst--mit Schnur als einziger Ausnahme.

Die Art der Erganzung, die am haufigsten versucht wurde, ist--wenig uberraschend--die Verbindung der erhaltenen Fragmente zu einem zusammenhangenden Text: Richard und Gonzalez de Salas fullten einige kleinere Lucken mit knappen Konjekturen; das Manuskript NAF 333, Nodot, Dettore und wohl auch Linage fullten ebenfalls Lucken aus, aber in grosserer Zahl und mit mehr Inhalt; Marchena schloss eine einzige Lucke mit einer lebhaften Szene. Doch man blieb nicht bei der Luckenfullung stehen. Dettore konstruierte zusatzlich einen Anfang, Nodot sogar Anfang und Schluss. Schnur und Nest konzentrierten sich ganz auf die Vorgeschichte des Erhaltenen, wahrend Dalby einen Epilog vorlegte. Durch freieren Aus- und Umbau des Erhaltenen entstanden schliesslich die abgeschlossenen, inhaltlich recht eigenstandigen Romane von Regi und Gillette (denen die Idee gemein ist, die Geschichte in Rom beginnen und enden zu lassen).

So verschieden wie die Herangehensweisen waren auch die Intentionen. Fur Richard und Gonzalez de Salas ergab sich der Versuch der Supplementierung aus der editorischen Arbeit. Das Manuskript NAF 333, Nodot und Dettore standen im Dienst auch des nicht fachlichen Petronlesers, wobei Nodot zugleich den Ruhm eines Wiederentdeckers suchte. Regi und Gillette richteten sich an das allgemeine Romanpublikum, der erste moglicherweise mit einem roman a clef, der zweite mit trivialer Unterhaltungslekture. Linage, Schnur und Nest hatten--auf sehr unterschiedliche Art--wohl vor allem ihr eigenes Vergnugen im Sinn. Die Erganzung der Satyrica konnte aber auch fur weiterfuhrende Zwecke instrumentalisiert werden. So ging es Marchena--neben der Mystifikation--um einen Vorwand fur seine 'Notes' uber sexuelle Themen, wahrend Dalbys Epilog als literarische Einkleidung einer kulturgeschichtlichen Erlauterung der Cena Trimalchionis diente.

Betrachtet man die zeitliche Verteilung der elf erorterten Projekte, so ergibt sich ein grosses Ungleichgewicht. Das 17. Jahrhundert und die Zeit seit 1943 haben je funf Erganzer hervorgebracht, die zweieinhalb Jahrhunderte dazwischen nur einen einzigen. Man wird dies als Beleg fur einen generellen Wandel in der Wertschatzung der Satyrica zu deuten haben. Unsere Zeit, so scheint es, teilt mit dem Grand Siecle eine besondere Affinitat zu Petronius, die sein Werk immer wieder vom Gegenstand der Forschung und Ubersetzung zum Gegenstand kreativer Bearbeitung avancieren lasst.

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THOMAS TSCHOGELE

Wien

(1) 'Petronius wird in Bologna vollstandig bewahrt, und ich habe denselben mit eigenen Augen nicht ohne Bewunderung gesehen.'

(2) Die Anekdote steht bei Menage 1715, 127-129 (nicht in fruheren Ausgaben), und wurde auch von Voltaire nacherzahlt: Voltaire 2007, 69. Der heilige Petronius ist Stadtpatron von Bologna, wo er von ca. 432 an Bischof war: vgl. PLRE, II (1980), 863.

(3) Allatius 1640, 3 (recentiorum nescio quis, d. h. 'irgendein Moderner'). Das Gerucht findet sich auch bei Joubert 1851, 702, bei Rini 1937, 58, und--ohne Angabe einer Quelle--bei Schnur 1968, 258.

(4) Marino 2013, 1024 (Buch 10, Oktave 158): Petronio v'ha, di cui gran parte ascose / torbido Lete in nebbie oscure e cieche ('Es gibt dort Petronius, von dem einen grossen Teil versteckte / die trube Lethe in Nebeln dunkel und blind'); erwahnt bei Evenhuis 1982, 157.

(5) Vgl. Schmidt 1964 und Korenjak/Zuenelli 2016.

(6) Gemeint sind Erweiterungen des Textes, nicht blosse Bearbeitungen des Stoffes; die beiden Filme von 1969 (Gian Luigi Polidoro, Satyricon; Federico Fellini, Fellini Satyricon) kommen also nicht in Betracht (zu Fellini Satyricon vgl. Sutterlin 1996, 169-228). Ebenso unberucksichtigt bleiben Rekonstruktionsversuche in der Sekundarliteratur (vgl. Schmeling 2011, xxii-xxv, mit Verweisen) und petronische Pseudepigraphie jenseits der Satyrica (z. B. Gratian 1743, Erskine 1785 und Altamura 2004; vgl. auch die von McElroy 2000/01 besprochenen Falle).

(7) Petronius 1585 (Einfugungen finden sich auf den Seiten 36-37, 50-55 und 71-79). Die Ausgabe gehort zu den weniger bedeutenden unter den Petronausgaben des 16. Jahrhunderts, im Gegensatz etwa zu denen von Tornaesius und Pithoeus. Zur Person Richards siehe Moreri 1759, t. IX, 1e partie, 184.

(8) Seine Abhangigkeit von Richard hat Blaya 1991, 223-225, aufgezeigt. Zeitlich zwischen den beiden liegt die Petronausgabe Jean Bourdelots (Petronius 1618), die ebenfalls kreative Erweiterungen aufweisen soll (vgl. Gaselee 1910, 149, und Schmeling/Stuckey 1977, 15). Nahere Prufung ergibt, dass sie vor allem lose Gedichte aus dem Petronkorpus und (uber Florilegien bekannte) Sinnspruche aus der Cena in den Text einschaltet. Das nicht aus dem Petronkorpus stammende Material ist kaum der Rede wert: zwei eigene Ausfullungen von insgesamt sieben Wortern (zwischen Sat. 37,6 und 55,4 sowie Sat. 114,7 und 8) und ein mittelalterliches Distichon (nach Sat. 112,8).

(9) Petronius 1629 (ein Nachdruck erschien 1643). Das Zitat stammt aus dem Inhaltsverzeichnis.

(10) Petronius 1629, 286.

(11) Blaya 1991, 229-235.

(12) In einer ungedruckten Dissertation (Blaya 1991) sowie beilaufig bei Gaselee 1910, 150, und Rose 1966, 286, die freilich beide nur Gonzalez de Salas nennen. Dieser wurde--ausserhalb des akademischen Schrifttums--auch 1922 von dem Petronubersetzer Firebaugh als Erganzer rezipiert (vgl. Petronius 1966, xxi).

(13) Vgl. neben Nodots eigenen Ausgaben auch Petronius 1701, 1781, 1790, 1796-1800, 1803, 1806/07, 1834/35, 1871 und 1934.

(14) Petronius 1709a und 1743.

(15) Gegen die 1922 in kleiner Stuckzahl als Luxusausgabe erschienene Ubersetzung wurde von der New York Society for the Suppression of Vice erfolglos ein Verfahren angestrengt. Siehe Dardis 1995, 158-161 (Auszuge davon bei Boroughs 2000). Die Supplemente wurden im Prozess anscheinend nicht thematisiert. Nach dem Urteil, das die Erlaubtheit der Satyrica bestatigte, wurde die Ubersetzung in einer vom Verlag 'adaptierten' Fassung fur ein grosseres Publikum neu aufgelegt (1927, 1929, 1932, 1943). Eine unzensierte Taschenbuchausgabe erschien 1966.

(16) Regi 1678. Zu Identifikation und Biographie des Autors vgl. Munzi 1995, 179-181.

(17) 'Auch der blosse Versuch verspricht Befriedigung.' Das Bild wird reproduziert bei Munzi 1995, nach 192, und Onelli 2014, 121.

(18) Eumolpus wiederum heisst in den Successi Alipio. Warum diese zwei Namen geandert wurden, ist ratselhaft. Eine (wenig uberzeugende) Erklarung versucht Onelli 2012, 17.

(19) Dieser im 1. Jhd. v. Chr. kunstlich angelegte Tunnel heisst auch Crypta Neapolitana und ist vielleicht mit der bei Petronius (Sat. 16,3) erwahnten crypta des Priapus zu identifizieren (vgl. Schmeling 2011, 47). Seit dem Mittelalter zeigt man dort ein 'Grab Vergils'.

(20) So schon Munzi 1995, 199, der sie fur ein Jugendwerk Regis aus den 1630er Jahren halt. Onelli 2012, 2, deren Interpretation des Werks eine Abfassung in den 1670er Jahren voraussetzt, wendet ein, dass Regi die neu entdeckten Teile der Cena auch bewusst habe weglassen konnen, da ihre Echtheit umstritten war.

(21) Questa opera, che gia tanti anni sono fu da me condennata al perpetuo carcere d'un fosco oblio, [...]. Die Widmung (an den Dichter Giovanni Giacomo Lavagna) steht unpaginiert zwischen Titelblatt und Vorwort. Onelli 2012, 2, halt die Bemerkung fur absichtliche Tauschung.

(22) Bei Petronius wird die Stadt dreimal explizit als Kroton identifiziert (Sat. 116,2; 124,2; 125,1).

(23) Regi 1678, 197-253.

(24) Ascyltos tritt bei Petronius nach Sat. 97-98 nicht mehr auf. Regi 1678, 129, lasst ihn vor der Reise auf dem Schiff des Lichas wieder hinzukommen.

(25) Vgl. zu diesem Kult Rissanen 2012.

(26) Regi 1678, 312.

(27) Vgl. etwa schon Rini 1937, 85-88.

(28) Munzi 1995 (vgl. bes. 192-199 zur narrativen Struktur, 199-201 zur Textgrundlage und 201-205 zur Ubersetzungsmethode).

(29) Onelli 2012 und 2014, 120-125.

(30) Chorier 1846, 165 (= 1853, 32). Es liegt auch eine franzosische Ubersetzung vor: Chorier 1868, 43.

(31) Marolles 1755, 301-302 (nicht Teil der eigentlichen Memoiren, die schon 1656/57 gedruckt wurden). Der Eintrag uber Linage stammt fruhestens von 1674, da ein Werk aus diesem Jahr erwahnt wird (vgl. schon Stolz 1987, 78).

(32) Vgl. Petrequin 1868/69, 101-110; Stolz 1987, 67-81; Smarius 1996, 16-17; Laes 1998, 364-365.

(33) Herbert 1864, 43-49.

(34) Beilaufige Erwahnungen finden sich bei Collignon 1905, 66-67; Gaselee 1910, 197, Anm. 1; Stolz 1987, 96, Anm. 333; und Smarius 1996, 19, Anm. 42.

(35) Petronius 2000, 165-181.

(36) Petronius 2000, 183-214.

(37) Mir liegt ein auf Bestellung angefertigtes Digitalisat des Manuskripts vor.

(38) Vgl. Goujet 1747, 240; Moreri 1759, t. V, 2e partie, 24; Biographie universelle 1844, 101. Er darf nicht verwechselt werden mit seinem gleichnamigen Onkel (1586-1644).

(39) Vgl. die Aufstellung bei Petronius 2000, 148.

(40) Zuerst bei Mongenet 1694, 155; doch erst seit Deguerle 1798/99, 94, ist von einer edition latine et francaise die Rede. Ich habe (wie Stolz 1987, 96, Anm. 333) die Stelle in Patins veroffentlichten Briefen nicht finden konnen.

(41) In die Irre gefuhrt hat ihn der von ihm zitierte Deguerle, der Galaup (mit Verweis auf Goujet) und den namenlosen Erganzer (mit Verweis auf Patin) unmittelbar hintereinander erwahnt und die beiden Satze nur mit einem--von ihm als Doppelpunkt wiedergegebenen--Semikolon trennt.

(42) Bougerel 1729, 305-307.

(43) Siehe Petronius 2000, 171 und 180, Anm. 18.

(44) Vgl. Sat. 2,1 = p. 2 (Jugez de la s'il ne seroit point aussy surprenant que des jeunes gens eleves de cette facon ayent le bon goust que de voir prendre les manieres d'un honeste homme parmy la fumee et les emplois les plus vils et les plus-rebutans des bas offices). Gedichte sind manchmal kaum wiederzuerkennen.

(45) Vgl. Sat. 1,3 = p. 1 (En effect on n'y entend parler que de ces corsaires qui croisent incessemment sur la coste dans leur chaines), 2,3-4 = p. 2 (Est-ce que la jeunesse s'estoit amusee a ces declamations, quand Sophocle et Euripide ont trouve des mots asses justes pour s'expliquer dans la poussiere d'une classe eust corrompu le bon naturel des enfans, Homere n'avoit point parle, il avoit pourtant porte le sublime dans un degre si eleve que Pindare et les neuf Lyriques ne regarderent ses ecrits qu'avec un [sic] crainte respectueuse et prirent une autre routte pour l'immortalite) oder 87,10 = p. 176 (Eumolpus zum Epheben: je m'en va [sic] le dire a mon pere).

(46) Meine Darstellung beruht--bis zum Ende des 18. Jahrhunderts--auf Stolz 1987, der massgeblichen Arbeit zu Leben und Werk Nodots. Vgl. zur Geschichte der Nodot-Supplemente auch Petrequin 1868/69, 86-111.

(47) Zur Echtheitsdebatte um die Cena in den 1660er Jahren siehe Petrequin 1868/69, 65-85, und Rini 1937, 59-79, sowie Pace 2007 und 2011.

(48) Die Rezension (Basnage 1692) wurde im November 1692 in der Histoire des Ouvrages des Scavans publiziert--im selben Verlag wie die besprochene Ausgabe und vielleicht als Vorabrezension. Der Rezensent gibt als Erscheinungsjahr des Buches 1692 an, wahrend auf dem Titelblatt 1693 steht.

(49) Nodots eigene Ausgaben und die vor 1800 in Frankreich und den Niederlanden entstandenen Nachdrucke und Bearbeitungen hat Stolz 1987, 100-104, zusammengestellt. Nur zwei sind nachzutragen: ein Amsterdamer Druck (Petronius 1700) und die unterdruckte Ausgabe von La Porte du Theil (Petronius 1796-1800; vgl. Schmeling/Stuckey 1977, 93, und Lanni 2005). Zudem gibt es drei britische Nachdrucke von Nodot-Ausgaben (Petronius 1693, 1707, 1711). Auch in Deutschland wurden die Nodot-Supplemente in drei Ausgaben aufgenommen (Petronius 1731, 1781, 1790). Dem Satyricon puritate donatum (Petronius 1701) waren sie nur unvollstandig als Fussnoten beigegeben.

(50) Vgl. Laes 1998, 359: 'the Latin text of these fragments is relatively difficult to trace down, the last edition dating from about 1800'. Auch Stolz 1987 und Stucchi 2010 erwahnen keine spateren Ausgaben.

(51) Petronius 1803. Nodot und andere altere Herausgeber hatten meist Kursivsatz zur Differenzierung benutzt.

(52) Petronius 1806/07, lii-lviii. Er berief sich dabei auf Ignarra 1770, 188-189. Seine Ausgabe wurde 1826 und 1843 nachgedruckt.

(53) Petronius 1834/35. Zwischen 1861 und 1923 entstanden zahlreiche zweisprachige Nachdrucke, daneben auch rein franzosische.

(54) Petronius 1845. Das Heft umfasst ungefahr die ersten 20 Kapitel.

(55) Petronius 1871, 32-35, ebenfalls mit Berufung auf Ignarra 1770; er ist wahrscheinlich der spateste Verteidiger des 'Belgrader Petronius'.

(56) Petronius 1934.

(57) Laes 1998.

(58) Im Text folge ich Nodots vermutlicher Ausgabe letzter Hand (Petronius 1709b, 320, 346). Die Stellen sind aber auch in den von Laes benutzten Ausgaben enthalten (Petronius 1694, 6, 46, 48, und 1790, 108, 118), wobei die zweite das Wort Interim weglasst.

(59) Stucchi 2010. Vgl. auch Stucchi 2008 und 2011.

(60) Dazu zahlen neben den bereits zitierten zweisprachigen Ausgaben auch die stets einsprachig erschienenen deutschen Ubersetzungen von Wilhelm Heinse (1773), Adolf Groninger (1796), Gaston Vorberg (1923) und Harry C. Schnur (1968); die englischen von William Burnaby (1694), J. Addison (1736), Walter K. Kelly (1854), Alfred R. Allinson (1902) und W. C. Firebaugh (1922); die franzosischen von 'M. de Boispreaux' [= Benigne Dujardin] (1742), Joseph Baillard (1842; echter Text zweisprachig), Laurent Tailhade (1902), J.-M. Glomeau de Redni (1910) und Louis de Langle (1914); sowie die italienischen von Umberto Limentani (1912) und Raoul Vivaldi (1945). Die Supplemente in der Ubersetzung Heinses sind auch in der Petronubersetzung von Carl Fischer (1962) abgedruckt.

(61) Petronius 2003. Die Supplemente sind nicht gekennzeichnet.

(62) So z. B. Mongenet 1694, 106-107.

(63) So z. B. Brugiere de Barante 1694, 12.

(64) Petrequin 1868/69, 101-110.

(65) Siehe oben (Abschnitt 3), wo auch bereits von Chorier und Marolles die Rede war.

(66) Er war Verfasser einer Histoire generale du Dauphine, doch man kennt ihn vor allem wegen eines pornographischen lateinischen Prosawerks, dessen Urheberschaft er erfolglos leugnete (Aloisiae Sigeae Toletanae satyra sotadica de arcanis Amoris et Veneris, spater auch unter dem Titel Joannis Meursii Elegantiae latini sermonis gedruckt).

(67) Stolz 1987, 66-81. Zuvor hatte sich Revay 1913, 224, in knappen Worten skeptisch gezeigt (dazu Smarius 1996, 17-18).

(68) Dies behauptet Stolz 1987, 67. Vgl. auch Laes 1998, 364-365 ('an abundancy of proof').

(69) Siehe Stolz 1987, 61-65 und 82-93. Zu seinem Feenroman Histoire de Melusine vgl. jetzt auch Berger 1996 und 1997 sowie Trivisani-Moreau 2001.

(70) Brief von Nodot, zitiert bei Mongenet 1694, 59-60. Dazu Stolz 1987, 39.

(71) Mongenet 1694, 64-66.

(72) Ich folge zunachst Smarius 1996, der Marchenas Falschung unter historischem wie philologischem Aspekt vorbildlich aufgearbeitet hat. Leider ist diese Edition und Monographie nur im Privatdruck erschienen und in wenigen Bibliotheken vorhanden. Ich danke Herrn drs. Alexander Smarius fur die Uberlassung eines Exemplars sowie zahlreicher Photokopien wichtiger Literatur zu Nodot und Marchena.

(73) Uber ihn liegen mehrere Biographien vor (zuletzt Fuentes 1989). Er betatigte sich in Spanien und Frankreich als Poet, Publizist und Ubersetzer. Im Laufe der Jahre wurde er vom Atheisten zum Deisten und vom Girondisten zum Bonapartisten. Man kennt ihn auch als 'abate Marchena', obwohl er kein Kleriker war. Sechs Jahre nach dem Fragmentum Petronii veroffentlichte er ein Fragmentum Catulli, das aus Herculaneum stammen sollte, aber niemand zu tauschen vermochte.

(74) Lacroix 1865, 4; erwahnt bei Smarius 1996, 40-41.

(75) Er traf im Marz 1801 in Paris ein (vgl. Fuentes 1989, 192) und blieb dort bis 1808. Nach sechs Jahren in Spanien lebte er von 1814 bis 1820 noch einmal in Frankreich, aber nicht in Paris. Smarius aussert sich nicht explizit zur Datierung der Episode, bringt sie aber mit dem Amt des Plagiatzensors in Verbindung, das Johanneau von 1811 bis 1814 innehatte (Smarius 1996, 40, Fn. 43).

(76) Gemeint ist wohl Auguste/Augustin de Schonen (1782-1849), ein Politiker mit philologischen Interessen. Vgl. zu ihm Querard 1836, 543-544.

(77) Smarius 1996, 43-45. Leicht zuganglich ist der lateinische Text bei Rose 1966, 286-288, und in der Petronausgabe von Diaz y Diaz (Petronius 1968, ciii-cv).

(78) Marchena 2007. Der Herausgeber, Joaquin Alvarez Barrientos, kennt Smarius 1996 nicht und wiederholt manche seiner Recherchen zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte ('Introduccion', 11-66). Im ubrigen ist er bemuht, das Fragmentum Petronii in sein thematisches Umfeld einzuordnen (ahnlich Alvarez 2014).

(79) Manchon 2006, 87-88.

(80) Nach Smarius 1996, 45, ware die alteste englische Ubersetzung die 1922 erschienene von W. C. Firebaugh.

(81) Boroughs 1995 hat die Geschichte dieser Ubersetzung--sowie der schwindelhaften Zuschreibung an Oscar Wilde--erschopfend untersucht und offenbar als erster darauf hingewiesen, dass neben den Nodot-Supplementen auch das Fragmentum Petronii enthalten ist (die Supplemente sind in keiner Weise gekennzeichnet).

(82) Vgl. z. B. die New Yorker Ausgabe der 'Book Collectors Association' mit der Ubersetzerangabe 'ascribed to Oscar Wilde' (Petronius 1934).

(83) Vgl. Petronius 1943a, 76-77 (dagegen ungekurzt: Petronius 1966, 36-40). Siehe zur wechselvollen Publikationsgeschichte dieser Ubersetzung bereits oben Fn. 15. Smarius 1996, 45, nennt nur die unzensierten Ausgaben von 1922 und 1966.

(84) Petronius 1866 (fehlt bei Smarius 1996, 43; erwahnt bei Boroughs 1995, 43, Anm. 18). WorldCat &lt;www.worldcat.org&gt; kennt nur sechs Exemplare dieses Buches; ein weiteres findet sich in der Library of Congress.

(85) Vgl. Blanchard 1860 und 1861, zwei seiner zahlreichen Manifeste. Siehe zu ihm auch Sargent 2013.

(86) Siehe dazu Armstrong 2013, 256-258.

(87) Petronius 1866, 30-33.

(88) Vgl. zu ihm den Nachruf in La Repubblica (Anonymus 1992) sowie Maglione 2014.

(89) Petronius 1943b. Zum Verlag vgl. den Eintrag bei Caccia 2013, 72.

(90) Vgl. zu ihm &lt;http://www.fiume.org&gt; (Fondazione Salvatore Fiume).

(91) Petronius 1944.

(92) Petronius 1945.

(93) Vgl. Petronius 1943, 12-14, und 1944/45, xvi-xviii.

(94) So Petronius 1943, 12. In der neu gesetzten Ausgabe sind es 6 und 22 Seiten (Petronius 1944/45, xvii). Das sind ca. 1300 und ca. 5000 Worter.

(95) Vgl. Paratore 1933, 109-178, bes. 165-178.

(96) Dies widerspricht der in der Forschung vorherrschenden Ansicht, dass Encolpius den Ascyltos erst im Laufe der Romanhandlung kennenlerne; vgl. aber Paratore 1933, 149, der das Gegenteil zumindest fur moglich halt.

(97) Vgl. Petronius 1709b, 30-61 = fr. 6 Laes. Es ist mit ca. 1900 Wortern nicht einmal halb so lang wie das Dettores.

(98) Auch die Zahl der Einfugungen stimmt ungefahr uberein. Laes 1998 zahlt zwar nur 42 Nodot-Supplemente, fasst dabei aber oft mehrere im selben Kontext stehende Einfugungen zusammen. Einzeln sind es 89.

(99) Allerdings scheint Dettore auch vor gelegentlichen ungekennzeichneten Abweichungen vom Originaltext nicht zuruckzuschrecken. Vgl. den Beginn der Cena Trimalchionis (Sat. 26,7): Eravamo giunti al terzo giorno, quello in cui, secondo un comune accordo fra Ascilto e me, avremmo dovuto celebrare con una cena d'addio la nostra definitiva separazione.

(100) Vgl. Rizzo 1981, 185-187, und Dettore/Rizzo 1946.

(101) Petronius 1953. Schmeling/Stuckey 1977, 114-115, kennen nur diese Ausgabe.

(102) Vgl. z. B. Petronius 1990.

(103) Die einzige mir bekannte 'Rezeption' besteht in ihrer Erwahnung bei Rizzo 1981, 184.

(104) Gillette 1965 (ein Taschenbuch fur 95 cents mit dem Vermerk for adults).

(105) Siehe die biographischen Notizen bei Gillette 1965, 7, sowie im Journal der University of Scranton (Anonymus 2004, 20). Weitere Angaben entnehme ich einem Nachruf in den Los Angeles Times (Puzo 1996).

(106) Gillette 1965, 11-22. Er selbst will es als gesellschaftskritische Satire verstehen (the object of the Satyricon's satire [...] is a society in which the individual lacks a sense of purpose). Diese Intention rechtfertige auch die sexuell expliziten Passagen, denn loveless and therefore ungratifying sex gehore zu den Phanomenen, die Petronius kritisiere. Mehrmals vergleicht er die Satyrica mit zwei erfolgreichen Satiren seiner eigenen Zeit, dem Roman Catch-22 von Joseph Heller (1961) und dem Film Dr. Strangelove von Stanley Kubrick (1964).

(107) Dass er nur massig gut informiert ist, zeigt sich darin, dass er die Echtheit der Cena Trimalchionis fur fraglich halt und ihm die gesamte Text- und Rezeptionsgeschichte der Satyrica vor dem Erstdruck von 1482 unbekannt ist (vgl. Gillette 1965, 21: It was not until a full fourteen centuries after the death of Petronius that the first fragments of the Satyricon were discovered).

(108) Gillette 1965, 23-24.

(109) Gillette 1970a (Taschenbuch fur 1,50$ mit dem Vermerk adult reading) und 1970b (Taschenbuch fur 8s. oder 40p).

(110) Gillette 1970a, 7-10, und 1970b, 7-9. Dieser kurze Text, der wie der ursprungliche mit dem Namen Gillettes unterzeichnet ist, enthalt keinerlei Fakten und stellt die Satyrica auf karikatural uberspitzte Weise als Satire gegen sexuelle Ausschweifung dar. Nicht nur habe Petronius over-sensuality als the Empire's terminal cancer angesehen, sondern er habe schlechthin jeden Sexualakt, der nicht der Fortpflanzung diene, als Perversion verurteilt--und ahnele damit Thomas von Aquin!

(111) Dort wird das Werk beworben als The first complete and uncensored reconstruction of the classic novel depicting the full moral depravity (bzw. in der britischen Ausgabe: the vice) and decadence of Ancient Rome.

(112) Zu seinem Leben und Gesamtwerk siehe Tournoy/Sacre 1992 und Muller 2007. Er verfasste auch eine Erganzung der 16. Satire Juvenals, die in der Annee philologique als echter Fund gemeldet wurde. Siehe dazu Sacre 1992a, 74-75; den Text findet man zweisprachig in Schnurs deutscher Juvenalubersetzung (Juvenal 1969, 221-230).

(113) Schnur 1972, 15 (es ging um wissenschaftliche Rekonstruktionen der Handlung).

(114) Trotzdem enthalt sein Text die Begegnungen mit Lichas und Lycurgus, die Nodot und Dettore zwischen Sat. 11,4 und 12,1 unterbrachten. Tryphaena und Doris kommen ebenfalls vor, aber (im Gegensatz zu Nodot und Dettore) nicht so, dass damit den Anspielungen in Sat. 100-115 und 126,18 bereits Genuge getan ware.

(115) Ungefahr 13.120 vs. 11.330 Worter (so Smarius 1996, 21).

(116) Sacre 1992b.

(117) Laes 2000 (mit ausfuhrlicher Zusammenfassung der Handlung).

(118) Eine Ubersicht uber die Romane, Novellen, Prosasatiren und Fabeln des 18.-21. Jhds. findet man bei Sacre 2014, 884-886; hinzuzufugen sind eine Novelle aus dem 20. Jhd., mit der sich Lather 2013 befasst, sowie ein 2011 erstmals erschienener umfangreicher Roman (Berard 2013).

(119) Nest 2004.

(120) Daneben konnte auch an die Wiederauffindung der Cena Trimalchionis (in Dalmatien, aber ohne Krieg) und die Entdeckungslegende Marchenas (im Krieg, aber nicht in Sudosteuropa) gedacht sein.

(121) Dass die erhaltenen Teile der Satyrica aus den Buchern 15 und 16 stammten, ist dem Codex Traguriensis zu entnehmen (test. 22 Muller). Dem widerspricht freilich ein Zeugnis aus dem 11. Jhd. (test. 13), wonach die Quartilla-Episode Buch 14 angehore.

(122) Dieser ist eine von vielen vom pseudonymen Autor hinzuerfundenen Personen--und auch nicht die einzige, die einen unplausiblen Namen tragt; vgl. 'Straba' (intendiert als Femininum zu 'Strabo'?), 'Evias', 'Doran' und 'Catrice'.

(123) Vgl. Schmeling 2011, xxiv.

(124) Dalby 2005.

(125) Dabei unterlauft Dalby (im Supplement und in seiner Vorbemerkung) der erstaunliche Irrtum, Encolpius et al. fur Erbschleicher zu halten, wahrend sie doch vielmehr mit vorgetauschtem Reichtum die Erbschleicher betrugen.

(126) Agamemnon verschwindet mit dem Ende der Cena Trimalchionis (78,8) aus den Satyrica und taucht dann im echten Text nicht mehr auf.

(127) Vgl. Dalby 1996 und 2003 sowie mehrere weitere Bucher.
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Author:Tschogele, Thomas
Publication:Ancient Narrative
Date:Jan 1, 2016
Words:13313
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