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Mari Must, Vene laensonad eesti murretes, Eesti Keele Sihtasutus 2000.

Mari Must, Vene laensonad eesti murretes, Eesti Keele

Sihtasutus 2000. 660 S.

Der uberwiegende Teil jungerer russischer Entlehnungen sind Un 18.-19. Jahrhundert in den estnischen Dialekten heimisch geworden, wobei ein und dasselbe Lehnwort auf verschiedene Weise und zu unterschiedlichen Zeiten dorthin gelangt sein kann. Die zunehmende Verdichtung russischer Besiedlung im Osten und Nordosten Estlands verursachte ab dem 17. Jahrhundert eine mehrfache Entlehnung verschiedener Worter. Obwohl sich russischer Einfluss besonders im Osten des Sprachraums offenbart, ist russisches Lehngut auch in andere estnische Dialekte vorgedrungen. Dieser Prozess wird in der vorliegenden Forschung anhand von 30 Dialektkarten (S. 627-656) deutlich veranschaulicht. Den Hauptteil des Werkes (S. 13-485) macht jedoch das alphabetische Worterverzeichnis jungerer russischer Lehnworter aus. Die Wortartikel (a--cirmak; Umlaute stehen im estnischen Alphabet am Ende) enthalten reichlich Informationen und sind im Allgemeinen wie folgt aufgebaut: 1. Stichwort (in der schriftsprachlich angepassten Form); 2. Dialektangaben, geografische Verbreitung in den Dialekten; 3. Wortbedeuturtg(en); 4. vom Lehnstamm gebildete Ableitungen sowie deren Verbreitung und Bedeutungen; 5. Artgaben uber das Vorkommert in der Schriftsprache; 6. Everttuelles Auftreten in nah verwandten Sprachen (Wotisch, Ishorisch, Finnisch) und im Deutschbaltischen; 7. Etymologie; 8. Artmerkungen; 9. Literaturverweise; 10. Bei Mehrfachentlehnung wird am Artikelertde auch auf fruhere Lehnwurter hingewiesen. Die Lange des jeweiligen Artikels hangt vom Umfang des vorhandenen Beleg-materials ab und reicht von wenigen Zeilen bis zu einer Seite oder daruber hinaus. Typisch sind solche Falle, wo die Bedeutung(en) des russischen Lehnwortes Abwandlungen und Erweiterungen erfahren haben. Diese bedeutungsmassige Vielfaltigkeit soll an eirtigen Beispielen illustriert werden: ravi(ta)ma, ravima, raavima, traavitama u.a.: 1. 'ernahren, futtern, masten; dungen; essen bereiten'; 2. 'Borgen, verrichten'; 3. 'kurierert, pflegen'; 4. 'reparieren; instandsetzen, reinigen': Karksi ta akab tubasid ravitsema 'er (sie) beginnt die Zimmer aufzuraumen'; 5. 'vermittelrt, vereinbaren; lehren, schelten, tadeln'. Im Sudestnischen gibt es auch das verbstammige Substantiv ravi 'Nahrung, Essen; Dunger' u.a. Der Schriftsprache kann die Wortfamilie ravi 'Behandlung', ravim 'Medikament', ravima 'behandeln, heilen', ravitsema 'heilen', ravitama 'behandeln' u.a., uberwiegend aus dem Bereich Medizin, zugeordnet werden < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

vaal, vual u.a.: 1. 'Mit einem grossen Rechen zusammengerechter Heuwall, -rolle; dicker Strohwall', Luganuse 'kun ni 'vaalud 'vort beiden Seiten hoch-gepflugte Ackerfurche'; 2. 'Rinne, Rille'; 3. Setu 'grosse Welle'. Ableitungen: Luganuse 'vaalandane 'bogenfurmig gemahte Gras- oder Getreideschwade', 'vaalama 'ein zweites Mal Pflugen', vaalu(s)-tam(m)a, und Rouge vaalitama 'das Heu zusammenrechen'. Als Neuentlehnung in der Bedeutung 'Heuwall, Heurolle' fand das Wort vaal, -u in der sowjetischen hen im estnischen Alphabet am Ende) enthalten reichlich Informationen und sind im Allgemeinen wie folgt aufgebaut: 1. Stichwort (in der schriftsprachlich angepassten Form); 2. Dialektangaben, geografische Verbreitung in den Dialekten; 3. Wortbedeutung(en); 4. vom Lehnstamm gebildete Ableitungen sowie deren Verbreitung und Bedeutungen; 5. Angaben uber das Vorkommen in der Schriftsprache; 6. Eventuelles Auftreten in nah verwandten Sprachen (Wotisch, Ishorisch, Finnisch) und im Deutschbaltischen; 7. Etymologie; 8. Anmerkungen; 9. Literaturverweise; 10. Bei Mehrfachentlehnung wird am Artikelende auch auf fruhere Lehnworter hingewiesen. Die Lange des jeweiligen Artikels hangt vom Umfang des vorhandenen Belegmaterials ab und reicht von wenigen Zeilen bis zu einer Seite oder daruber hinaus. Typisch sind solche Falle, wo die Bedeutung(en) des russischen Lehnwortes Abwandlungen und Erweiterungen erfahren haben. Diese bedeutungsmassige Vielfaltigkeit soll an einigen Beispielen illustriert werden: ravi(ta)ma, ravima, raavima, traavitama u.a.: 1. 'ernahren, futtern, masten; dungen; essen bereiten'; 2. 'sorgen, verrichten'; 3. 'kurieren, pflegen'; 4. 'reparieren; instandsetzen, reinigen': Karksi ta akab tubasid ravitsema 'er (sie) beginnt die Zimmer aufzuraumen'; 5. 'vermitteln, vereinbaren; lehren, schelten, tadeln'. Im Sudestnischen gibt es auch das verbstammige Substantiv ravi 'Nahrung, Essen; Dunger' u.a. Der Schriftsprache kann die Wortfamilie ravi 'Behandlung', ravim 'Medikament', ravima 'behandeln, heilen', ravitsema 'heile', ravitama 'behandeln. u.a., uberwiegend aus dem Bereich Medizin, zugeordnet werden < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

vaal, vual u.a.: 1. 'Mit einem grossen Rechen zusammengerechter Heuwall, -rolle; dicker Strohwall', Luganuse 'kunni 'vaalud 'von beiden Seiten hochgepflugte Ackerfurche'; 2. 'Rinne, Rille'; 3. Setu 'grosse Welle'. Ableitungen: Luganuse 'vaalandane 'bogenformig gemahte Gras- oder Getreideschwade', 'vaalama 'ein zweites Mal Pflugen', vaalu(s)-tam(m)a, und Rouge vaalitama 'das Heu zusammenrechen'. Als Neuentlehnung in der Bedeutung 'Heuwall, Heurolle' fand das Wort vaal, -u in der sowjetischen Zeit uber die Kolchosen seine Verbreitung uber ganz Estland, obwohl dies die Dialektkartotheken unzureichend widerspiegeln < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Wall, Erdwall, hohe Welle'.

In der Bedeutung 'Gewalt; Recht; Willkur, Erlaubnis; Freiheit, Belieben u.a.' voli verbreitete sich in der gesamten estnischen Sprache--sowohl in den Dialekten wie auch in der Gemein- und Schriftsprache: oma voliga 'eigenmachtig', Komposita wie voli/kogu 'Abgeordnetenversammlung', Tostamaa volimees 'bevollmachtigte Person, Gemeinderatsmitglied'; Ableitungen: voli/nik, volitus, voliline, Haademeeste oma/volilikult, Kadrina voli/ldasa 'frei, ausreichend'. In alteren Worterbuchern sucht man diesen Ausdruck vergebens, jedoch zu Anfang des 19. Jahrhunderts tauchte er in der Schriftsprache auf < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Wille; Gewalt; Willkur; Freiheit; Befreiung von Frondiensten; Macht'.

Besondere Aufmerksamkeit sei dem polysemantischen Lehnwort sohk, soht zuteil, dessen umfangreiches Bedeutungsspektrum im vorliegenden Verzeichnis auf zwei vollen Seiten abgehandelt wird: 1. 'Betrug, Unrecht; Ungerechtigkeit; Falschheit; dunkles Geschaft', 'sohki tegema 'betrugen, hereinlegen, Unrecht tun, unehrlich handeln'; 2. 'Betr uger, Falscher., Poide sohimees 'Betruger'; 3. 'sohki minema (gewohnlich fur Madchen, das uneheliches Kind bekommt; auch fur Betrugerin), sohi/eit, -naine, -tudruk 'alleinerziehende Mutter, Unverheiratete mit Kind; Geliebte', sohi/laps, -poeg 'uneheliches Kind, -sohn'; 4. 'Dienstleistung, Ware, Geschaft'; 5. 'zeitweilige Nebenbeschaftigung, Zusatzverdienst', sohimaa 'einst dem Bauernknecht als Zusatzeinnahme zur Verfugung gestelltes Land oder Feld'; 6. 'heimlich getane Sache', Reigi sohijutt 'geheime Gesprache, Geheimniskramerei'; 7. 'Familie, Verwandtschaft, Sippschaft; Rasse, Sorte, Art', Poide oma 'sohti 'eigenmachtig'. Ableitungen: 'sohkima 'bestechen, dunkle Gesch afte machen, spekulieren'; seltener im Gebrauch 'betrugen, stehlen', auch in Bezug auf eine Frau mit schlechtem Lebenswandel': Haademeeste naisterahvas on ennast ara 'sohkinu, uhega elab 'siia, teisega 'senna 'die Frau hat ihren Ruf verdorben, einmal lebt sie mit dem einen, ein andermal mit einem anderen'; Kuusalu sohulane ~ sohu/naine 'Geliebte'. Dieses Wort war bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Estnischen verbreitet; so bei Hupel 1818 sohhilaps, sohhi hobbone 'ein Pferd, das der Knecht fur sich unterhalten darf. < [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Schwindler, Schelm, Gauner, Betruger u.a.'. Die Etymologie dieses so vielbedeutenden und weitlaufigen Wortes war lange Zeit ungewiss. J. Magiste gab als Entsprechung den deutschbaltischen Ausdruck Schoch an, A. Raun meinte, es sei ein genuine Deskriptivgebilde. M. Must halt sich an die von P. Ariste im Artikel "sohk ja sohitegemine" (KK 1984) vorgelegte Etymologie.

Auch die Herkunft so manch anderen Lehnwortes ist nicht eindeutig. Als Entsprechung fur porgand 'Mohre' bringt M. Must unter Vorbehalt russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], dessen Verbreitung sich im Wesentlichen auf die mittelrussischen Dialekte der Pskover und Novgoroder Gruppe beschrankt. V. M. Illic-Svityc halt den baltischen Ursprung des russischen Wortes fur moglich. Dieser Ansicht schliesst sich auch L. Vaba an, nach dessen Angaben der lettische Gelehrte K. Karulis vermutet haben soll, dass burkans, burkants 'Mohre' aus dem Lettischen ins Estnische und Russische gelangt sei und offensichtlich uber das Russische weiter in andere ostseefinnische Sprachen kam. Das Wort kulak 'wohlhabender Bauer' hat in einigen estnischen Dialekte die Zusatzbedeutung 'Faustschlag', was es im Russischen nicht gibt, dafur aber im Deutschbaltischen und im Lettischen. Die Meinung, hinter kulakas der Kihelkonna- und Halliste-Mundart verbirgt sich lett. kulaks 'Faust, Faustschlag', scheint in jeder Hinsicht gerechtfertigt. Beim Lexem kupits 'Grenzmarkierung, Grenzstein' zweifelt kaum ein Forscher an dessen russischer Herkunft ([TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]), aber auch hier wurde wegen des Lautwandels o > u eine Vermittlung der lettischen Wortformen kupaca, kupica, kupice .Grenzmarkierung, Grenzstein. vermutet, was sich besonders anschaulich in den estnischen Dialektformen kupats, kupits, -e zeigt. Russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Knopf' schimmert in puugnits aus dem Voru-Dialekt durch; im nordostlichen Kustendialekt und im Nordestnischen kennt man aber die Form puguvits, -a. Wenn man es im Sudestnischen in diesem Fall mit einem alteren russischen Lehnwort, dessen Form pognits, pugnits bereits in der ersten Halfte des 18. Jahrhunderts in Gebrauch war, zu tun hat, so handelt es sich beim puguvits des Nordestnischen um ein jungeres, auf andere Weise eingedrungenes Lehnwort. Bei der Mulgi-Form poogen 'Pelzknopf des Pelzmantels' vermutet A. Viires wieder die Vermittlung des Lettischen (puoga). L. Vaba sieht hier eher die Kurzform des russischen Lehnwortes 'poognits ~ [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Vermutlich ist die Mulgi-Form eine Ruckableitung des russischen Ausdrucks. Im Lexem kapsas, kapust(a) 'Kohl, Weisskohl' u.a. hegten J. J. Mikkola und J. Kalima ihre Zweifel an einer russischen Herkunft und boten ihrerseits dt. kappes und lett. kaposts 'Kohl. als Ursprungsform an. M. Must sieht aber keine besonderen Schwierigkeiten bei der Ableitung est. kapsas u.a. von russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (> kapusta > kap(u)st > kapst > kapstas > kapsas) 'Kohl'. Ein Anhangen des Suffixes -as an Lehnw orter kommt haufig vor. Karahvin 'Karaffe' ist ein jungeres Lehnwort, das sich im Bestand des entsprechenden Tischgeschirrs auch rasch auf dem Lande verbreitete, wobei es in verschiedenen Dialekte eine unterschiedliche Gestalt annahm. Direkt von russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] stammt setukesisch krahvin ab, in den meisten Dialekten und in der Schriftsprache gibt es die Formen karahvin, karavin, karaviin, karavimm u.a., die sich entweder auf umgangssprachlich russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] oder auf dt. Karaffine zuruckfuhren lassen.

Den Gesetzmassigkeiten in der Anpassung der Lehnworter hat M. Must ein ganzes Kapitel gewidmet (S. 489-554), wobei die phonetische, morphologische und semantische Anpassung wiederum gesondert behandelt werden. Russische Lehnworter sind meist der estnischen Sprachstruktur angepasst worden. In Abh angigkeit von der Anpassungsstufe und von den in den Dialekten und Mundarten geltenden Regeln hat das Lehnwort verschiedene Abwandlungen und Vereinfachungen erfahren. In Mundarten, die in ihrem phonetischen Aufbau dem Russischen naher stehen (wie etwa Setukesisch, Sprachinseln, das zweisprachige Gebiet um Iisaku u.a.), haben die Entlehnungen mehr ihre Eigenschaften der Herkunftssprache, d.h. des Russischen, beibehalten als solche Lehnworter, die eine weite Verbreitung erlangt haben und in entlegenere Mundarten vorgedrungen sind.

Die Substitution der Konsonanten widerspiegelt sich vor allem darin, dass die stimmhaften russischen Klusile am Wortanlaut durch die stimmlosen p, t und k ersetzt worden sind. Beim Ersetzen der russischen Sibilanten gibt es im Wortanlaut, im Inneren und im Wortauslaut verschiedene Moglichkeiten. Dazu gibt es im Buch auf S. 502 eine ausfuhrliche Tabelle. Die ubliche und zu erwartende Entsprechung fur die russischen Sibilanten ist im Wortanlaut meistens s oder s. Bei der Betrachtung der Substitution der Vokale ist der Tatbestand zu berucksichtigen, ob der diesbez ugliche Laut in der Herkunftssprache in betonter oder unbetonter Position auftritt. Der russische Vokal in der betonten 1. Silbe wird in den estnischen Dialekten in der Regel mit einem langen oder kurzen Laut wiedergegeben, so wie in ladna ~ (')laadna 'in Ordnung, o.k.' < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'gut'. Die russischen Dialekte teilen die unbetonte Silbe in Hinsicht auf den Vokalismus in zwei Gruppen und zwar in die okanje- und akanje-Dialekte. Unter den angepassten Lehnwortern herrscht ein richtiges Kunterbunt, ein Wechsel zwischen den o- und a-Varianten; wie z.B. (')kaldun ~ 'koldun < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Hexe'. In Dialekten, wo Vokalharmonie herrscht, gibt es diese auch in den adaptierten Lehnwortern, wie Voru lesitamma < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'legen', Vaivara raadu < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Reihe', Kuusalu saru < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'heiss'. Eine wesentliche Tatsache, die bei der Anpassung von aus dem Russischen entlehnten Wortern im Estnischen geholfen hat, ist die Verlegung der Betonung auf die 1. Silbe, wie in kraavat ~ kroovat < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Bett', tuurak(as) < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Dummkopf' u.a. Diese Ubertragung der Betonung auf die 1. Silbe hat auch zur Wortverkurzung beigetragen, wie bei kamp : kamba < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Besser adaptierte Lehnworter unterliegen dem Stufenwechsel, wie polk : (')polgu < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Regiment'.

Die morphologische Anpassung der Lehnworter zeigt sich vor allem darin, dass sie sich unter den Deklinations- und Konjugationstypen der estnischen Dialekte eingeordnet haben. Bei russischen Feminina wird der Vokal a im Nominativende einfach weggelassen: aasbuuk < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Alphabet', kuurits < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Huhn'. In einer Vielzahl wurden auch Adjektive entlehnt. Ihre Zahl belauft sich in den estnischen Dialekten auf ca. 85, denen sich noch weitere 45 substantivierte Adjektive anschliessen. Unter den jungeren russischen Lehnwortern finden sich 200 Verben, wobei der entlehnte Verbstamm dem entsprechenden Verbtypsystem des Dialekts angepasst wurde. Die meisten solcher Verben gehoren dem kirjutama-Typ an, wobei es nicht immer leicht zu entscheiden ist, ob sich dem entlehnten Verbstamm das Kausativsuffix -ta + -ma angeschlossen hat oder ob t vom russischen Infinitivmerkmal abstammt, so z.B. bei igrata(m)a < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'spielen'.

Die Integrationsstufe der Lehnworter ist auch daran abzulesen, inwieweit sie an der Wortbildung der lehnnehmenden Sprache beteiligt sind. Besser adaptierte und weit verbreitete Lehnworter haben mit ihren vielzahligen Ableitungen die estnischen Dialekte bereichert. Anschauliche Belege dafur sind die auf der Grundlage der Worter 'looder ~ loodor ~ loder < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'faulenzen' gebildeten Substantive looderik ~ loderik 'faul', looderus ~ loderus 'Faulenzer', das Adjektiv looderlik ~ loderlik 'faul', die Adverbien loderlikult 'faul', loderigust, die Verben looderdama ~ looderdam(m)a ~ loderema 'faulenzen' und die Deverbalnomina looderdis ~ loderdes ~ looderdus 'Faulenzer; Faulheit'.

Nach Schatzungen von M. Must gibt es etwa 2015 jungere russische Lehnw orter, von denen 180 Wortstamme, d.h. 9%, auf Ableitungen verweisen konnen. Als ausserst produktiv hat sich das fruhrussische nik-Suffix (in verschiedenen Dialekten auch -nik(k)a, -nikko, -nieka) erwiesen. Neben Substantive wurden damit auch substantivierte Adjektive gebildet. Das auf russische Herkunft deutende Suffix -ts erscheint in einigen Lehnwortern: kirb(i)ts ~ 'kirbits < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Ziegelstein', ranets ~ ranits < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'Ranzen'. Den russischen Verbst ammen konnten sich in den estnischen Dialekten auch eigene Kausativ-, Kontinuativ-, Frequentativ- und in Einzelf allen auch Momentansuffixe der Gestalt hu und hut anschliessen.

Bei den entlehnten Adverbien wurden etwa 50 gezahlt. Auch hier haben sich estnischsprachige Adverbialsuffixe anfugen konnen, wie bei 'laadnalt ~ 'laadnahe < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'gut', 'loo(h)vkahe ~ lohvkast ~ 'lovkalt 'leicht' < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'fein', sivasti 'schnell' < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'beweglich'. Unter 31 Interjektionen lassen sich etliche verwurzelte Lehnworter aufspuren, wie etwa davai ~ tai < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'lasst uns., pastoi < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'warte', vot < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'na also' usw. Der russischsprachige Abschiedsruf pakaa < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'tschuss' (umgangssprachlich, familiar) verbreitete sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts als wucherndes Slangwort auch im Sprachgebrauch der Landjugend und gelangte sogar in Dialektsammlungen und Worterbucher.

Bei manchen Lehnwortern lasst sich eine Beteiligung der Volksetymologie nicht abstreiten, so bei kaalastokk ~ kalstukk (kaal 'Hals' + tokk, tukk) 'Halstuch' < russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

Fur die setukesische Mundart ist das Auftreten mehrerer bedeutungsmassig identischer Wortpaare, die absolute Synonyme darstellen, typisch, so wie jaama ~ haud 'Grube, das Loch in der Erde', saposnik ~ kangsepp 'Schuster'. Im Verlaufe des Entlehnungsprozesses kann die semantische Anpassung sowohl zur Verengung als auch Erweiterung des Bedeutungsumfanges des Wortes gefuhrt haben. Bei einer Verengung kam es zur Entstehung eines bedeutungsmassigen Unterschiedes zwischen dem russischen Lehnwort und dem ursprunglich die gleiche Bedeutung aufweisenden eigensprachlichen Wort, so z.B. kaap 'kleiner Schrank' ~ kapp 'grosser Schrank', solk 'Seidenstoff' ~ siid 'Seidenband'.

Die Annahme neuer Bedeutungen und Bedeutungsnuancen ist ein Zeichen fur die Adaptionsstufe des Lehnwortes in der lehnnehmenden Sprache. In gewissen Fallen haben sich in der Semantik des Lehnwortes in verschiedenen Dialekten derart bedeutsame Umwandlungen und Weiterentwicklungen vollzogen, dass die Wortbedeutung eine ganz andere geworden ist, so wie etwa in Kihelkonna arhangelski 'grosser dunner Dorsch' vgl. mit russ. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 'aus Archangelsk stammend'.

Im dritten Kapitel der Forschung (S. 555-591) geht es um die Lehnworter als eine Art Spiegel der russisch-estnischen Kontakte. Alle russischen Lehnworter werden einer begrifflichen Gliederung--von der Landwirtschaft uber die Viehwirtschaft bis hin zu den Namen fur Volker und Lander--unterzogen. Unter den verschiedenen Volkswirtschaftszweigen fallt das Fischereiwesen mit seinen zahlreichen Lehnwortern auf. Mit den russischen Fischern kamen bessere Fangnetze und ausgefeiltere Fangweisen nach Estland und verbreiteten sich uber den gesamten Sprachraum: vom Peipussee zum See Vortsjarv, an die Nord- und Westkuste und schliesslich auch auf den in der Ostsee gelegenen Inseln. Ausserordentlich viel hat man im Hinblick auf die Organisierung des winterlichen Fischfangs sowie das Fangen mit Zugnetzen und Treibnetzen von den Russen gelernt. Starker russischer Einfluss lasst sich auch in Bereichen, die mit dem Fahren auf Wasserstrassen zu tun haben, und im Bootsbau feststellen.

Interessante Tatsachen ergeben sich aus der Lehnwortchronologie und den damit im Zusammenhang stehenden Zahlenangaben. Man geht von ca. 160 sehr alten russischen Lehnwortern aus, die bereits vor dem 18. Jahrhundert ins Estnischen ubernommen worden waren. J. Magiste meinte, in der alten estnischen Schriftsprache ca. 130-135 solcher Lehnw orter aufgespurt zu haben. Von diesen altesten Lehnwortern gibt es schon fast 25, die allein in sudestnischen Dialekten zu finden sind, ohne dass sie von dort weder in andere Dialekte noch in die Schriftsprache eingedrungen sind. Zu diesen Wortern gehoren: holst 'irgendeine Uberbekleidung', kaits 'Fischbarriere', kari ~ kahr 'Motte', korets ~ karits 'Kippe', (haina)kadsak 'Heuschrecke', lohets ~ luhits ~ luits 'Loffel' u.a. Die Zahl der altesten russischen Lehnworter belauft sich tatsachlich auf etwa 135, wie etwa aken 'Fenster', astel 'Stachel', hirs 'Balken', hurt 'Windhund, Windspiel', ike 'Joch', jaam 'Bahnhof, Station', kabak 'Kneipe, Schanke', kalits 'Tasche', kaltsad 'Hosen', kama 'Getrank aus Sauermilch mit grobem und gerostetem Getreidemehl', karman 'Tasche' u.a. Mit den slawischen, fruhrussischen und bis zum 18. Jahrhundert entlehnten alteren russischen Lehnwortern, von denen es etwa 120 in der estnischen Schriftsprache gibt, sind uber die hiesigen Dialekte und die Umgangssprache annahernd 500 russische Lexeme in neuzeitliche Worterb ucher gelangt.

In diese sehr grundlich abgefasste Forschung hat sich leider ein storender Lapsus eingeschlichen. Die Textverweise, die auf die Teile des 2. Kapitels verweisen sollen, sind irrtumlicherweise fortlaufend mit dem Merkmal des 3. Kapitels bezeichnet worden, was ein Auffinden des diesbezuglichen Verweises sehr umstandlich und zeitraubend macht. Da hilft es auch nicht, dass im Inhaltsverzeichnis (S. 659) das 2. Kapitel dublierend als 3. Kapitel bezeichnet wird.

Die hier besprochene ausfuhrliche und vielgestaltige Untersuchung uber die russischen Lehnworter in den estnischen Dialekten von Mari Must ist es wert, nicht nur von Philologen studiert zu werden, sondern bietet auch Erforschern der Volkskultur und Historikern interessanten Lesestoff, so dass sich dieses Werk die Bezeichnung Handbuch verdient hat.

PAUL ALVRE (Tartu)
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Author:Alvre, Paul
Publication:Linguistica Uralica
Date:Sep 1, 2001
Words:3017
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