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Lucius bei den Phaaken: zum [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]-Motiv in Apuleius, Met. 11.

Der Verweis auf die ausgepragte intertextuelle Praxis in Apuleius' Eselsroman gehort fast schon zur Standard-Einleitung in Arbeiten zu diesem Werk, in denen eine weitere Anspielung, sei es auf eine einzelne Stelle eines Subtextes oder allgemeiner als Formzitat auf ein literarisches Genre, erlautert wird, und er kann beinahe selbst schon als Ausdruck intertextueller Praxis gelten. Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte hat erhellt, wie Literaten der zweiten Sophistik die Klassiker der griechischen Literatur in kreativer Rezeption zur Identitatsstiftung nutzten. (1) Unter den rezipierten Dichtern sticht Homer besonders hervor (2), der in argumentativen Kontexten wegen seiner Vermittlung althergebrachten Wissens und wegen des Umfangs seines Werks gerne als Autoritat herangezogen wird. In rein literarischer Rezeption verkorpern Homers Ilias und Odyssee prototypisch die Gattung des Epos, das in den Roman, die neue Gattung fiktionalen Erzahlens, ubergefuhrt wird.

Auch Apuleius' Oeuvre tragt die Zuge der zweiten Sophistik (3), und er teilt mit dieser den steten Ruckbezug auf Homer. (4) In der fruhen Verteidi gungsrede Apologia vel Pro se de magia dient er als Referenz bei der Widerlegung verschiedener Anklagepunkte. So verweist Apuleius zum Vorwurf seiner Schonheit in Apol. 4,3 auf Paris' an Hektor gerichtete Worte in Il. 3,65f., verteidigt in Apol. 18,7 seine Armut, die bei Homer (durch Odysseus) redegewandt daherkomme, und belegt in 30,4, 31,5 und 40,4 die Harmlosigkeit seines Interesses an seltenen Fischen mit dem wiederholten Verweis auf Homer, der sich in Magie ausgekannt habe, ohne je ein Zaubermittel zu nennen, das aus dem Meer gewonnen werde. (5) Ebenso finden sich HomerVerweise in De deo Socratis, Florida, De mundo und im Roman Metamorphoses (6) In letzterem beschranken sich die intertextuellen Bezuge nicht auf einzelne argumentativ eingesetzte Zitate, Paraphrasen, Vergleiche und Reminiszenzen, sondern bieten daruber hinaus ein Muster fur die Handlungsstruktur, indem die Abenteuer des Esels an die Irrfahrten des Odysseus anklingen. Graverini 2007 halt fest, dass es einer gangigen Praxis im antiken Roman entspricht, in einem der Protagonisten Odysseus' Zuge erkennen zu lassen oder auf die ersten Verse der Odyssee anzuspielen. (7) Wie die Beschreibung der Rauberhohle in Met. 4,6 vor dem Hintergrund von Odysseus' Abenteuer bei den Kyklopen gelesen werden kann, hat Frangoulidis 1992 gezeigt. Harrison 1990 sieht in einzelnen Protagonisten Zuge von Vorbildern aus der Odyssee. So sei Meroe in Met. 1,5-19 als Kirke dargestellt. In Met. 1,12,4 beschreibt sie sich selbst als Kalypso. Lucius' Begegnung mit Photis kontrastiere in Met. 1,7,4-6 mit dem ersten Zusammentreffen von Odysseus und Nausikaa. Tlepolemos, der sich in Met. 7 bei der Rauberhohle einfindet, um seine Verlobte Charite zu befreien, weise Eigenschaften von Odysseus auf. Graverini 2007 erkennt in Lucius' an Photis gerichteten Worten in Met. 3,19,6 dessen Selbstidentifikation mit Odysseus bei Kalypso, wobei er sich unter Heraufbeschworung der gleichen Situation und Aktualisierung der literarischen Vorlage zugleich von ihm abhebt und beteuert, dass er nun, da er in ihren Armen liege, uberhaupt nicht mehr nach Hause wolle. Dass in dieser intertextuellen Maskerade Photis als Nausikaa und ihr Partner Lucius zugleich als Odysseus bei Kalypso erscheinen kann, zeugt vom spielerischen Charakter im Umgang mit der Vorlage.

Im Gegensatz zu dieser Vielzahl von Anspielungen auf die Odyssee nehmen deutlich weniger Szenen Bezug auf die Ilias. So wird in Met. 10,29,4-34,2 zwar ein Tanzspiel beschrieben, in dem das Urteil des Paris und damit der Anlass fur den in der Ilias geschilderten Krieg aufgefuhrt wird. In Met. 10,29,4-34,2 wird allerdings keine Episode aus der Ilias aufgegriffen, sondern ein mythischer Stoff inszeniert, der zum Bestand des epischen Kyklos gehort. Es kann also festgehalten werden, dass die intertextuelle Adaptation von Homers Epen auch fur das literarische Schaffen von Apuleius einen wichtigen Bestandteil bildet. In Met. zeigt sich ferner eine deutliche Bevorzugung der Odyssee gegenuber der Ilias! (8)

Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden dafur argumentiert werden, in drei Kapiteln von Met. 11 eine Anspielung an Odysseus' Aufenthalt bei den Phaaken zu lesen. Das literarische Modell des Phaaken-Aufenthalts tragt zum Verstandnis der in der Deutung bisher ratselhaft gebliebenen Stelle in Met. 11,1 bei, in welcher sich der Esel Lucius beim Anblick der Isis-Erscheinung ins Meer sturzt, um siebenmal seinen Kopf in die Wogen zu tauchen. Das Erfassen der Anspielung verspricht ferner, den in der Forschung vieldiskutierten Zusammenhang des elften Buches mit den vorangegangenen Buchern zu erhellen. (9)

Lucius und Odysseus

Auch wenn Lucius in wesentlichen Zugen eher von Odysseus, den etwa seine Klugheit vor einer Verwandlung durch Kirke bewahrt hat, abweicht (10), als dass er ihm ahnlich ware, wandelt er, nachdem die Abenteuer der vorangegangenen Bucher uberstanden sind, in der ersten Halfte des elften Buches doch deutlich in seinen Spuren. Dies soll ein Uberblick uber die geschilderten Ereignisse veranschaulichen.

Am Ende des zehnten Buches gelingt Lucius wahrend Umbauarbeiten an der Buhne die Flucht aus einer Veranstaltung, in deren Verlauf er offentlich mit einer mehrfachen Morderin hatte kopulieren sollen. Er rennt in einem Zug sechs Meilen weit bis nach Kenchreai, einem Vorort von Korinth. Met. 10,35,4f. beschreibt, wie er sich erschopft an einer ruhigen Stelle am Strand niederlasst und in einen tiefen Schlaf fallt:
   vitatis ergo turbulis et electo secreto litore prope ipsas
   fluctuum aspergines in quodam mollissimo harenae gremio
   lassum corpus porrectus refoveo. nam et ultimam diei metam
   curriculum solis deflexerat et vespernae me quieti
   traditum dulcis somnus oppresserat. Nachdem ich also dem
   Larm entkommen bin und mir einen verborgenen Strand nahe
   der Gischt der Fluten ausgesucht habe, erquicke ich so
   ausgestreckt meinen muden Korper auf einem ganz weichen
   Sandlager. Denn der Lauf der Sonne war zum letzten Punkt
   des Tages hinabgelenkt und ein susser Schlaf hatte mich, der
   ich mich der abendlichen Ruhe hingegeben hatte, ubermannt.


Das elfte Buch beginnt mit Lucius' abruptem Erwachen, als er durch die Erscheinung der ihm zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Gottin Isis geweckt wird. Er erkennt in Met. 11,1,3 die Gunst der Stunde und beschliesst, die Gottheit um Hilfe anzurufen:
   ... fato scilicet iam meis tot tantisque cladibus satiato
   et spem salutis, licet tardam, subministrante augustum
   specimen deae praesentis statui deprecari.

   ... Das Schicksal war nun voll von meinen so vielen und
   so schweren Schlagen und gab mir--wenn auch spate--Hoffnung
   auf Rettung, und so beschloss ich, die erhabene Erscheinung
   der anwesenden Gottin anzuflehen.


Bevor Lucius sich an die Gottin wendet, springt er, so heisst es in 11,1,4, ins Meer und wascht sich rein, indem er siebenmal den Kopf untertaucht:
   confestimque discussa pigra quiete alacer exurgo meque protinus
   purificandi studio marino lavacro trado septiesque summerso
   fluctibus capite, quod eum numerum praecipue religionibus
   aptissimum divinus ille Pythagoras prodidit, laetus et alacer
   deam praepotentem lacrimoso vultu sic adprecabar:...

   Und nachdem ich eiligst die behagliche Ruhe abgeschuttelt habe,
   erhebe ich mich munter und sturze mich unverzuglich zur
   Reinigung ins See-bad, wobei ich siebenmal den Kopf in die
   Fluten tauche, weil jener gottliche Pythagoras erklart hat,
   dass diese Zahl fur religiose Sachverhalte besonders passend
   sei, und so schickte ich mich froh und munter (11) an,
   mit tranenuberstromtem Antlitz zur allmachtigen Gottin zu
   beten: ...


Die Deutung der Stelle wird in der Forschungsliteratur unter Hervorhebung zweier gegensatzlicher Aspekte diskutiert. Deren Geltung soll in dieser Arbeit nicht unterschlagen, sondern durch die Berucksichtigung der narrativen Struktur erganzt werden. Wahrend die alteren Kommentare wie diejenigen von Medan, Fredouille und Griffiths Lucius' Bad vor dem Hintergrund kultischer Reinigung ernst nehmen und sich darauf konzentrieren, Belege fur die Zahl 7 als heilige Zahl anzufuhren, betont Harrison den komischen Effekt, den der Anblick eines Esels, der sich in der geschilderten Weise kultisch reinigt, haben muss. (12) Harrison liest damit die Passage im Kontext seiner Deutung des elften Buches als Mischung zwischen ernsten und komischen Elementen ([TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (13)), welche die Gesamtinterpretation der Isis-Handlung so schwierig machen.

Auf die Reinigung folgt Lucius' Gebet an die ihm fremde Gottheit, das er nach der Nennung verschiedener Gottheiten, die er in ihr erkennt, in Met. 11,2,4 mit der Bitte um Ruckverwandlung abschliesst. An die Bitte geknupft sind zwei Dinge, die im vorangegangenen Verlauf der Handlung keine Rolle spielten. So wird hier zum einen die Bitte um Heimkehr zu den Seinen genannt und zum anderen der Grund fur die Verwandlung nicht einfach in Photis' Missgeschick, sondern im Zorn einer beleidigten Gottheit gesehen (14):

'... sit satis laborum, sit satis periculorum. depelle quadripedis diram faciem, redde me conspectui meorum, redde me meo Lucio. ac si quod offensum numen inexorabili me saevitia premit, mori saltem liceat, si non licet vivere.'

' ... Das Mass der Muhen und Gefahren sei voll. Wirf die furchterliche Gestalt des Vierhufers von mir, gib mich dem Anblick der Meinen wieder, gib mich meinem Lucius wieder. Und wenn mich irgendeine beleidigte Gottheit mit unerbittlichem Zorn bedrangt, sei mir wenigstens zu sterben erlaubt, wenn es schon nicht erlaubt ist zu leben.'

Die Gottheit, die sich in ihrer Antwort als Isis zu erkennen gibt, geht auf Lucius' Bitte ein und kundigt die Erlosung im Rahmen einer Prozession zu ihren Ehren an, an der Lucius Rosen aus der Hand eines Priesters fressen soll. Met. 11,14,4 beschreibt den uberraschenden Moment der Verwandlung, nach der Lucius als Mensch vollig unbekleidet, mitten in der Menge der Prozessionsteilnehmer und Schaulustigen steht:
   nam me cum primum nefasto tegmine despoliaverat asinus, compressis
   in artum feminibus et superstrictis accurate manibus, quantum nudo
   licebat, velamento me naturali probe muniveram.

   Denn als mich der Esel meiner unsaglichen Hulle beraubt
   hatte, hatte ich mich mit einer naturlichen Bedeckung
   geziemend geschutzt, soweit es einem Nackten moglich war,
   indem ich die Oberschenkel eng zusammengepresst
   und die Hande genau daruber gefaltet hatte.


Der in die Ruckverwandlung involvierte Priester reagiert als erster in dieser Situation und wirft Lucius sein Oberkleid uber. Danach spricht er mit verklartem Blick (sacerdos vultu geniali et hercules inhumano ... attonitus) wohl unter gottlicher Eingebung zu Lucius. Seine Worte lassen in Met. 11,15,1-3 Lucius' Leidensgeschichte Revue passieren:

'multis et variis exanclatis laboribus magnisque Fortunae tempestatibus et maximis actus procellis ad portum Quietis et aram Misericordiae tande<m>, Luci, venisti. nec tibi natales ac ne dignitas quidem, vel ipsa, qua flores, usquam doctrina profuit, sed lubrico virentis aetatulae ad serviles delapsus voluptates curiositatis inprosperae sinistrum praemium reportasti. sed utcumque Fortunae caecitas, dum te pessimis periculis discruciat, ad religiosam istam beatitudinem inprovida produxit malitia. eat nunc et summo furore saeviat et crudelitati suae materiem quaerat aliam; nam in eos, quorum sibi vitas <in> servitium deae nostrae maiestas vindicavit, non habet locum casus infestus. quid latrones, quid ferae, quid servitium, quid asperrimorum itinerum ambages reciprocae, quid metus mortis cotidianae nefariae Fortunae profuit?'

'Nachdem du von vielen und mannigfachen Muhen, die du erduldet hast, und von Fortunas grossen Unwettern und heftigsten Sturmen herumgetrieben wurdest, bist du endlich, Lucius, zum Hafen der Ruhe und zum Altar der Barmherzigkeit gekommen. Nirgends hat dir dein Stand und nicht einmal dein Ansehen oder selbst die Bildung, durch die du dich hervortust, genutzt, sondern du hast, weil du in der unsicheren Zeit grunen Jugendalters knechtischen Gelusten verfallen warst, den zweifelhaften Preis unglucklicher Neugierde davongetragen. Aber soll dich Fortunas Blindheit nur in kurzsichtiger Bosheit zur religiosen Gluckseligkeit gefuhrt haben, wahrend sie dich in schlimmsten Gefahren zermartert hat. Nun soll sie sich davonscheren, in hochstem Zorn wuten und anderen Stoff fur ihre Grausamkeit suchen; denn bei denen, deren Leben die Erhabenheit unserer Gottin in ihren Dienst gestellt hat, ist kein Platz fur den bedrohlichen Zufall. Was haben der ruchlosen Fortuna die Rauber, die wilden Tiere, die Knechtschaft, was die wechselvollen Irrgange des beschwerlichen Weges, was die tagliche Todesfurcht gebracht?'

Die durch die zitierten Passagen herausgehobene Handlungsstruktur von a) Schlaf am Strand, b) Bad im Meer, c) offentlicher Nacktheit und d) Anhoren der eigenen Geschichte folgt auffallend prazis derjenigen der bekannten Phaaken-Episode in den Buchern 5-8 der Odyssee. So strandet Odysseus am Ende des funften Buches, nachdem Poseidon ihn in seiner Wut ein letztes Mal im Meer gebeutelt hat, auf der Insel der Phaaken. Bevor er auf das sichere Land gelangt, muss er sich in Od. 5,424-435 noch zweimal gegen eine Woge behaupten, die uber ihn hereinbricht und ihn wieder ins Meer zuruckzieht:
   [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

   Als er dies bei sich im Geist und im Herzen uberlegte,
   da trug ihn eine grosse Woge an das felsige Gestade.
   Dort hatte er sich die Haut abgerissen
   und ware mit den Knochen zerschmettert, wenn die blauaugige
   Athene seinem Geist nichts eingegeben hatte: Mit beiden
   Handen ergriff er rasch einen Felsen, und stohnend klammerte
   er sich an ihn, als eine grosse Woge heranrollte. Und so
   entkam er, doch sofort zuruckwogend traf sie ihn hart und
   warf ihn weit ins Meer hinaus. Wie in den Falten bei
   den Noppen eines wunden Tintenfisches viele Steinchen sind,
   so wurde am Felsen die Haut an den kuhnen Handen zerrissen;
   die grosse Woge verschluckte ihn.


Die letzten Verse des Buches in Od. 5,491-493 beschreiben, wie Odysseus nur noch die Kraft hat, sich am sicheren Strand auf einem verborgenen Lager aus Laub niederzulassen, bevor er in einen tiefen Schlaf fallt:
   [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

   So verbarg sich Odysseus in den Blattern. Athene goss
   ihm Schlaf in die Augen, damit er sich schnell von der
   beschwerlichen Not erhole, und schloss ihm auf
   beiden Seiten die lieben Augenlider.


Spater wird Odysseus vom Ballspiel Nausikaas' und ihrer Gefahrtinnen geweckt und hofft auf eine gastfreundliche Aufnahme durch wohlgesinnte Menschen. Seine Annaherung an die Madchen wird in Od. 6, 127-129 und 135f. allerdings durch den Umstand seiner Nacktheit erschwert:
   [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

   ...

   [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]

   Indem er das sagte, schlupfte der gottliche Odysseus
   unter den Buschen hervor, brach mit seiner starken
   Hand aus dem dichten Geholz einen jungen Zweig mit
   Blattern, um am Korper das mannliche Geschlecht zu
   verbergen. ... So wollte sich Odysseus trotz seiner
   Nacktheit unter die Madchen mit den schonen Zopfen
   mischen; denn die Not drangte ihn dazu.


Odysseus findet Aufnahme bei den Phaaken und nimmt an zwei Abenden an einem Gastmahl teil, an dem er jeweils dem Sanger Demodokos lauscht, der--durch gottliche Eingebung der Muse [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] in Od. 8,73 bzw. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] in Od. 8,499)--von der Eroberung Trojas, und zwar genauer von Odysseus' Streit mit Achilles und Odysseus' List vom holzernen Pferd singt. Er hort damit, wie spater Lucius in Apuleius' Met., seine eigene Geschichte.

Dieser Uberblick uber die Handlung in Od. 5-8 zeigt, wie genau die Handlungsstruktur mit derjenigen in Met. 10,35,4-11,15,3 ubereinstimmt. In der Odyssee konnen wir die Struktur in Anlehnung an die bereits herausgearbeitete des Eselsromans als b) Bad im Meer, a) Schlaf am Strand, c) offentliche Nacktheit (15) und d) Anhoren der eigenen Geschichte fassen. Im Eselsroman treten also dieselben narrativen Stationen auf, wobei im Vergleich mit den Ereignissen in der Odyssee nur der Schlaf am Strand und das Bad im Meer in ihrer Abfolge geandert wurden. Bei allen diesen Stationen handelt es sich, wie beim elften Buch uberhaupt, um Erganzungen gegenuber dem von Apuleius als Vorlage herangezogenen, pseudo-lukianischen

Roman [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. (16) Die Gestaltung einer Anti-Odyssee in Met. XI ist damit nicht durch die Vorlage gegeben, sondern kann als intendierte literarische Positionierung von Met. gelten.

Als weitere strukturelle Ubereinstimmung, welche die gegebene Analyse stutzt, fallt auf, dass in Met. die gleiche Aufteilung von Handlungs- und Buchstruktur wie in Od. berucksichtigt ist. Wie Odysseus am Ende des funften Buches vom Schlaf ubermannt wird, wiederfahrt Lucius dasselbe am Ende des zehnten Buches. (17) In beiden Texten eroffnet die fremdartige Erscheinung Nausikaas' bzw. der Gottin Isis das neue Buch. Beide, Odysseus und Lucius, sind sich in der Anrede ihres Gegenubers unsicher. So wahnt Odysseus in Od. 6,149-152 Artemis vor sich zu haben, und Lucius deckt in 11,2 mit den Anreden an Ceres, Venus, Diana und Proserpina gleich mehrere Gottinnen ab. Dadurch wird nicht zuletzt nahe gelegt, dass es sich bei Isis um die alles umfassende Gottheit handelt. (18) Zugleich zeigt sich in diesem 'Rundumschlag' aber auch Lucius' im Sinne eines Anti-Odysseus (19) wenig heldenhafte Unsicherheit im Verkehr mit dem Gottlichen.

Weitere Verweise auf Homers Epen in Met. 11,1-11,20

Stilistische Anlehnungen an Homers Epen vermogen diesen inhaltlichen Bezug zusatzlich zu untermauern. So mag die wortreiche Redeeinleitung in 11,1,4 (deam praepotentem lacrimoso vultu sic adprecabar) auf Apuleius' archaisierenden Stil zuruckzufuhren sein. Ferner ist sie durch die beiden Epitheta von praepotens und lacrimosus aber fur den Stil homerischer Epen genau angemessen, zumal lacrimosus ("tranenreich") in der Odyssee formelhaft verwendet wird. (20) In 11,2,4 wird Lucius auch zum Dulder, der nach dem Sinn seines Uberlebens fragt. In einem ahnlichen Gestus klagt Odysseus in Od. 5,299-312 uber sein Schicksal, wenn er den Tod auf dem Schlachtfeld dem Ertrinken im Meer vorzieht.

Zum odysseischen Charakter der ersten Halfte des elften Buches tragt auBerdem die Wortwahl von sit satis laborum, sit satis periculorum in 11,2,4 und fato scilicet iam meis tot tantisque cladibus satiato in 11,1,3 (21) bei. Durch die zweimalige Nennung des Quantitatsattributs, mit Variation zwischen tot und tantis, ist 11,1,3 vergleichbar mit Od. 5,223f.: [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Der Parallelismus von sit satis laborum, sit satis periculorum findet eine Entsprechung in [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Beide Stellen klingen ferner an Odysseus' Beschreibung als [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ("viel beschlagen", d.h. "weit herumgekommen" und im ubertragenen Sinn "geistig wendig") (22) im ersten Vers des Epos an.

Als knappe Odyssee-Anspielung wird ferner in 11,20,6 der Verweis auf die Irrfahrten gelten, in die Photis den Lucius durch ihr Missgeschick verwickelt hat: cum me Foti[di]s malis incapistrasset erroribus. Diese Anlehnungen auf der Wortebene, die alle aus der ersten Halfte des Isis-Buches stammen, konnen dem an Homer geschulten Leser der zweiten Sophistik den odysseischen Subtext signalisieren.

Met. 9,13 und 10,30: Vorbereitung der Anspielung

Die durch die Phaaken-Episode vollzogene Annaherung von Lucius an Odysseus findet ihre Vorbereitung in Met. 9,13,4f. durch eine explizite Reflexion des Ich-Erzahlers Lucius, der auf seine Erlebnisse zuruckblickt und sie als Bereicherung seines Erfahrungsschatzes einordnet:
   nec inmerito priscae poeticae divinus auctor apud Graios summae
   prudentiae virum monstrare cupiens multarum civitatium obitu et
   variorum populorum cognitu summas adeptum virtutes cecinit.
   Nam et ipse gratas gratias asino meo memini, quod me suo celatum
   tegmine variisque fortunis exercitatum, etsi minus prudentem,
   multiscium reddidit.

   Und als er einen Mann hochster Klugheit zeigen wollte, hat der
   gottliche Gewahrsmann alter Dichtkunst bei den Griechen nicht zu
   Unrecht davon gesungen, dass er durch den Besuch vieler
   Stadte und die Bekanntschaft mannigfaltiger Volker die
   hochsten Tugenden erreicht habe. Denn auch ich selbst
   danke meinem Esel sehr, dass er mich, weil ich in seiner Haut
   verborgen gewesen bin und verschiedene Abenteuer erlebt habe,
   wenn auch nicht gerade klug, so doch vielwissend gemacht hat.


Hier vergleicht sich Lucius ausdrucklich mit Odysseus. (23) Er ubertragt in dieser Annaherung auch eines der bekanntesten Epitheta fur Odysseus auf sich, in dem er sich als multiscius, d.h. "viel wissend", bezeichnet. Das Adjektiv multiscius ist nur bei Apuleius belegt und kommt nach Kenney 2003 durch die Entsprechung von multum und [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] einer Ubersetzung von [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] im Sinne von "geistig wendig" nahe. (24) Anders setzt Graverini 2007 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] mit prudens gleich und lasst multiscius ohne griechisches Pendant. (25) Er stellt [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] und multiscius in Gegensatz zueinander. Lucius sei eben gerade nicht [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], sondern nur multiscius. Auch wenn man versucht, die Bedeutung von multiscius im Zusammenhang mit anderen Epitheta fur Odysseus wie [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ("gedankenreich"), [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ("erfindungsreich") und [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ("vielduldend") zu verstehen, bleibt offen, ob sich prudens hier auf [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] oder eben gerade auf ein anderes Epitheton bezieht. Vielversprechender scheint es daher, sich fur die Deutung auf die Bildungsweise, die allen genannten Epitheta und multiscius gemeinsam ist, zu stutzen. Die vier Epitheta fur Odysseus haben als erstes Kompositionsglied alle [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], und es ist diese Bildungsart, die mit multiscius aufgenommen wird. Indem das lateinische Adjektiv in formaler Intertextualitat homerische Wortbildung aufnimmt, tragt es uber diese stilistische Anspielung zu einer Anlehnung von Lucius an Odysseus bei. Lucius ist--so muss der Leser folgern--wie Odysseus, nicht nur, weil er ungewollt viele Abenteuer erlebt, sondern auch weil fur Odysseus' und Lucius' Beschreibung gleich gebildete Epitheta herangezogen werden konnen. (26) Ein weiterer Beleg fur multiscius findet sich in Apol. 31, wo es ebenfalls in homerischem Kontext auftritt und den Dichter Homer selbst beschreibt. (27) Hier erfahrt der Leser durch die Umschreibung auch mehr uber die Deutung: ... meminerat Homerum, poetam multiscium vel potius cunctarum rerum adprime peritum.

Der Dank an die Eselshaut, die ihm diese Abenteuer erst ermoglicht habe, und das Zugestandnis, dass sie ihn nicht viel kluger gemacht hatten, sprechen im Vergleich selbst die Unvereinbarkeit der Verglichenen an. Wissensdurst, der gepaart mit Klugheit bei Odysseus zu Weisheit fuhrt, verkommt bei Lucius zu Neugier, die im Kleid der Eselshaut Erfahrungen akkumuliert. Indem Lucius mit Odysseus verglichen wird, weil er in ahnlichen Situationen genau nicht wie Odysseus ist, erscheint er als dessen Parodie bzw. als Anti-Odysseus. Es ist dieses Paradox von der Ungleichartigkeit des Verglichenen, das den komischen Effekt der Parodie hervorruft.

Neben dieser Gegenuberstellung von Odysseus und Lucius wird noch ein weiteres Mal vor der Phaaken-Anspielung auf Homers Epen referiert. In Met. 10,30-34 schildert Lucius, wohl weil er ganz unter dem Eindruck des Spektakels steht, ausfuhrlich die aufgefuhrte Pantomime, die das Urteil des Paris inszeniert:
   erat mons ligneus, ad instar incliti montis illius, quem
   vates Homerus Idaeum cecinit, sublimi[s] instructus fabrica,
   consitus virectis et vivis arboribus, summo cacumine, de
   manibus fabri fonte manante, fluvialis aquas eliquans. capellae
   pauculae tondebant herbulas et in modum [Paridis] Frygii
   pastoris, barbaricis amiculis umeris def<l>uentibus,
   pulchre indusiatus adulescens, aurea tiara contecto capite,
   pecuarium simulabat magisterium. (28)

   Da war ein Berg aus Holz, mit den Proportionen jenes
   beruhmten Berges, den der Sanger Homer Ida nannte, in gekonnter
   Ausfuhrung aufgeschichtet, bepflanzt mit Gras und lebenden
   Baumen, und von ganz zuoberst am Gipfel lieB er, von einer
   kunstlichen Quelle, Bachlein stromen. Einige Zicklein grasten,
   und ein schon nach Art des phrygischen Hirten gekleideter
   Jungling mit einem exotischen Umhang, der von seinen
   Schultern floss, und mit einer phrygischen Mutze auf dem
   Kopf, mimte den Herrn der Herde.


Hier wird durch die anschauliche Schilderung des Paris-Urteils der trojanische Krieg mit seiner Vorgeschichte in Erinnerung gerufen, bevor am Ende des Buches die Begegnung des von Troja heimkehrenden Odysseus mit den Phaaken anklingt. Die Darstellung des Paris-Urteils bereitet den Leser darauf vor, auf Motive aus den Mythen rund um den trojanischen Krieg zu achten. Das elfte Buch bildet damit in ahnlicher Weise die Fortsetzung des vorangegangenen zehnten Buches, wie die Odyssee die Ilias fortsetzt, auch wenn das Paris-Urteil selbst nicht in der Ilias geschildert wird und noch vor diese zuruckgreift. Indem das Paris-Urteil als ein erstes Signal fur die folgenden Odyssee-Anspielungen dient, bleibt die chronologische Abfolge der Mythen erhalten.

Zur interpretatorischen Leistung der Anspielung an die Phaaken-Episode

Liest man die odysseeische Phaaken-Episode als Subtext zu Lucius' Erlebnissen am Beginn des elften Buches, so erhalt auch das Bad im Meer eine neue Motivation. Wahrend es textimmanent mit dem Zweck der Reinigung vor dem Gebet an die Gottheit begrundet wird und einen komischen Effekt erzielt, gewahrleistet es im intertextuellen Spiel nach Art der zweiten Sophistik fur den gebildeten Leser (pepaideumenos) (29) die Assoziation mit der Phaaken-Episode. Lucius erscheint als zweiter Odysseus (oder unter Berucksichtigung des komischen Effekts der Eselsgestalt eher als Anti-Odysseus), der, am Ende seiner Abenteuer angekommen, vor seinem letzten Erlebnis in der Fremde bzw. als Esel dem Meer entsteigt. Indem sich die Szene als weiteres Element in die Anspielung zur Phaaken-Episode einfugt, tragt sie zu deren Einfluss auf die Handlungsstruktur bei.

Die Anspielung an die Phaaken-Episode erhellt aber nicht nur die Gegenuberstellung von Lucius und Odysseus. Der Protagonist Lucius korrespondiert auch innerhalb des Eselsromans mit Psyche, der Protagonistin der Binnenerzahlung in Met. 4,28-6,24. Die Beziehung, in die Lucius und Psyche als neugierige Charaktere, die wegen dieser Schwache viele Muhen auf sich nehmen mussen, zu setzen sind, ist in der Apuleius-Forschung allgemein anerkannt. (30) Harrison 1998 erkennt fur den Ubergang zwischen Met. 4 und 5 strukturelle Ahnlichkeiten mit dem Ubergang zwischen Od. 5 und 6 (31): Wie Psyche, die am Ende von Buch 4 mit gottlicher Hilfe Venus' Zugriff entkommt und einschlaft, wird Odysseus am Ende von Buch 5 durch Athena vor Poseidons Rache gerettet. Beide Protagonisten fallen in einen erholsamen Schlaf und wachen zu Beginn des folgenden Buches in fremdartiger Umgebung auf. In Od. folgt auf die Begegnung mit Nausikaa Odysseus' Gang in die Stadt und die Beschreibung von Alkinoos' Palast, die in Met. eine Entsprechung in der Beschreibung von Amors Palast findet. Harrisons Beobachtung stutzt die in der vorliegenden Arbeit verfolgte Argumentation, das Ende von Buch 10 und die ersten Kapitel von Buch 11 vor dem intertextuellen Hintergrund der Phaaken-Episode in der Odyssee zu lesen. Versteht man die Phaaken-Episode als Vorlage fur die ersten Kapitel der IsisHandlung, so werden die beiden Protagonisten Lucius und Psyche einander noch deutlicher angenahert und der intratextuelle Bezug zwischen der Erzahlung von Amor und Psyche und der Romanhandlung um ein weiteres sophistisches Element bereichert.

Vor dem Hintergrund der Odyssee-Anspielung erhalten weitere Details in Met. 11 eine Erklarung. So ist der Priester in Met. 11,14,5 wohl nicht nur deshalb so verklart, weil er unter dem Einfluss der Gottin Isis spricht, sondern er wird vielmehr durch die Betonung seiner Verzuckung ferner als Sanger aus homerischen Epen und homerischen Stoffes charakterisiert. Auch Demodokos singt seine beiden Lieder in gottlicher Gewalt stehend unter Eingebung der Muse. Griffiths stellt fest, dass der Erzahler den Grund fur die Verzuckung des Priesters nicht ausdrucklich angibt, sieht ihn aber in Lucius' Ruckverwandlung in seine menschliche Gestalt. (32) Der Schlussel zu diesem Verstandnis liegt fur Griffiths in der Verwendung des Wortes perhumanus. (33) Allerdings lesen Helm, Medan und Fredouille der Handschrift F folgend inhumano im Sinne von divino.34 Folgt man der Lesung inhumano, so wird der Grund der Verzuckung im Einfluss der Gottheit liegen, unter welcher der Priester wie ein Sanger steht. Gerade wenn ein solcher Einfluss wie beim Sanger vorausgesetzt wird, kann die Verzuckung unbegrundet bleiben, da sie auf ein bekanntes Muster zuruckgeht. Die Ubertreibung im Ausdruck (vultu geniali et hercules inhumano in aspectum meum attonitus), welche im Vergleich mit den zitierten Stellen Od. 8,73 und 8,499 festzustellen ist, mag der Verdeutlichung des Musters dienen.

Die in Met. 11,2,4 so nah am Ende des Romans neue und etwas unmotivierte Verknupfung der Bitte um Ruckverwandlung mit der Bitte um Heimkehr zu den Seinen findet vor dem Hintergrund der Phaaken-Vorlage ihre Erklarung als weitere Odyssee-Anspielung ebenso wie die Spekulation uber den Grund der Verwandlung, der im Ruckblick als Zorn einer Gottheit gesehen wird. Lucius' Vermutung findet in 11,15 ihre Bestatigung durch die Rede des Priesters, der Lucius' Abenteuer auf die Gottin Fortuna zuruckfuhrt. (35) Wahrend sich Odysseus gegen Poseidons Zorn behaupten muss, hadert Lucius also mit dem profaneren Schicksal, dem sich alle ausgesetzt finden. Eine Reminiszenz an Poseidon gibt ferner die Metapher fur Fortunas Wirken, das mit Unwettern und Sturmen (tempestatibus et maximis ... procellis) beschrieben und in die Nahe zu Poseidon, der Odysseus in Sturmen beutelt, gesetzt wird. Fortuna gilt als Isis' direkte Gegenspielerin. Zu ihren Symbolen zahlt das Steuerruder (36), das in der Metapher vom Unwetter und im intertextuellen Bezug auf Poseidons Wirken eine narrative Umsetzung erfahrt. Die Seefahrtsmetaphorik erweist sich in ihrer Uberhohung der Erlebnisse Lucius' (maximis actus procellis) und in ihrem erhabenen Stil (ad portum Quietis et aram Misericordiae tandem) als angemessene Wahl fur den 'epischen Helden' Lucius. Sie verleiht der Szene ebenso homerisches Geprage wie die Verzuckung des Priesters.

Finkelpearl 1998 diskutiert die Bedeutung des Isis-Festes, in dessen Zusammenhang Lucius' Ruckverwandlung moglich wird, im Kontext der Romanhandlung. Im Rahmen des Festes wird nach Met. 11,17 die Eroffnung der Seefahrt [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] gefeiert. Das Kollegium der Priester zieht sich zuruck und als letzter Akt der Feierlichkeiten verliest ein Schreiber (grammateus) Segensspruche, die insbesondere fur die Matrosen und die Seefahrt gelten. Fredouille 1975 zeigt zur Stelle, dass der die Eroffnung der Seefahrt bezeichnende Begriff [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] bereits in seiner ersten Bezeugung in einer Inschrift aus Byzanz vom Beginn des 1. Jhs. n. Chr. mit Isis und Serapis verbunden ist. (37) Es ist daher davon auszugehen, dass Apuleius mit der Schilderung des Anlasses zum Fest wohl der zeitgenossischen religiosen Praxis des Isis-Kults folgt. Doch bleibt mit Finkelpearl nach dem Grund fur die Wahl gerade dieses Anlasses zu fragen. Nach Finkelpearl symbolisiert die Eroffnung der Seefahrtsaison die Wiedergeburt oder Erneuerung, die Lucius in seiner Ruckverwandlung erlebe. Mit dem Hinweis, dass die Seefahrt in der augusteischen Literatur als Bild fur dichterische Unternehmungen herangezogen wird, erwagt sie auch eine poetologische Deutung. Ohne diese Deutungsmoglichkeiten auszuschliessen, scheint im Rahmen der Phaaken-Anspielung eine Erklarung, die das intertextuelle Spiel berucksichtigt, naherliegend. Die auf einer entlegenen Insel wohnenden Phaaken gelten in Od. 6,271f., 7,34-36 und 327f. sowie 8,34-36 als bekannte Seefahrer. In 8,96 werden sie als "ruderliebend" [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] beschrieben, und in 7,39, 8,191, 13,166 und 15,415 sind sie beruhmt fur ihre Schiffe [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Wenn sich Lucius bei den Isis-Adepten wie Odysseus bei den Phaaken aufhalt, so ist die Schilderung der 7rXoia(pecna und ihrer begeisterten Aufnahme von der Menge fur den pepaideumenos eine weitere Spur, anhand derer die Anspielung erkannt und das intertextuelle Spiel nachvollzogen werden kann.

Wie die Phaaken-Episode schlieBlich als Deutungsrahmen fur den Zusammenhang von Lucius' Abenteuern als Esel und seiner Bekehrung durch den Isis-Kult zu lesen ist, soll im Folgenden ausgefuhrt werden. Dazu gilt es zunachst, die Bedeutung der Phaaken-Episode fur Odysseus' Irrfahrt zu vergegenwartigen. Fur Odysseus stellt die Begegnung mit den Phaaken den endgultigen Abschluss seiner Abenteuer in der Fremde dar. Als Volk, das in der Seefahrt herausragt, sind die Phaaken gemass Od. 5,37 von Zeus pradestiniert dafur, Odysseus uber das Meer in die Heimat zu bringen. AuBerdem bringen sie dem Fremden soviel Wohlwollen entgegen, ihm diesen Dienst auch zu leisten. Odysseus ist bei den Phaaken zwar noch nicht an seinem Ziel, aber doch an dem entscheidenden Punkt angelangt, der ihm die langersehnte Heimkehr [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] bringen wird. Odysseus' unbeirrtes Streben nach der Heimkehr ist das prominente Motiv der Odyssee (38) und das Moment, das die Handlung aufrecht erhalt. Das Phaakenland selbst stellt ein Bild der Insel der Seligen (39) dar. Die Bewohner sind "den Gottern nahe" [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] yeyaaaw), wie Zeus in Od. 5,35 gegenuber Hermes anfugt. Odysseus taucht bei ihnen in eine bunte, exotische Welt ein.

Diese Zuge der Phaaken-Episode konnen mutatis mutandis auf die IsisHandlung in Met. 11 ubertragen werden. Lucius hat mit der Isis-Erscheinung den Abschluss seiner Abenteuer erreicht. Isis ermoglicht ihm die Heimkehr in seine menschliche Gestalt. (40) Die Hoffnung auf Ruckverwandlung hat die Handlung bis zum elften Buch, mit dem der Roman endet, vorangetrieben. Zu dieser korperlichen Heimkehr kommt mit dem ausfuhrlichen Portrat des Kultes und der Beschreibung, wie Lucius immer wieder zu einer weiteren Initiation aufgefordert wird, auch die spirituelle Heimkehr des neugierigen und geistig unsteten Lucius durch die religiose Offenbarung des Isis-Kults. Im Schoss der Isis-Gemeinschaft ist Lucius nach der Aussage des Priesters in Met. 11,15,2 in religioser Gluckseligkeit angekommen: ... te ... ad religiosam istam beatitudinem ... produxit. Die Mysten des Isis-Kultes stehen ihrer Gottin naher als Laien. Lucius befindet sich also wie Odysseus wenn nicht auf einer Insel der Seligen, so doch in einem Umfeld, dem eine Mittlerposition zwischen der gottlichen und der profanen Welt zukommt. Die Welt des Kultes wird mit der Prozession als bunt und exotisch beschrieben. Sie bleibt ferner fur Lucius bis zur letzten beschriebenen Initiation nicht ganzlich durchschaubar, zeigt er sich doch in Met. 11,27,1 sowie 11,28,3f. und 11,29,1 erstaunt uber die immer neuen Aufforderungen zu weiteren Initiationen. Auch Odysseus ist bei den Phaaken staunender Gast. (41)

Durch die Anspielung an die Phaaken-Episode wird das HeimkehrMotiv des elften Buches betont und fur den pepaideumenos leichter erkennbar. Odysseus' Heimkehr dient als literarische Metapher und als Deutungsrahmen fur Lucius' Erlebnisse im elften Buch. Die durch die ruckblickende Reflexion in 9,13,4f. explizite Entsprechung zwischen Odysseus und Lucius wird hier zu einem Abschluss gebracht.

Die Ausfuhrungen abschlieBend soll angesprochen werden, was der vorgelegte intertextuelle Befund fur eine Deutung des Isis-Buches aus dem Zusammenhang der Eselshandlung leisten kann. Es wurde deutlich, dass Homer-Anspielungen in verschiedenen Formen, wie der Lexik und der Handlungsstruktur, im ganzen Roman zu finden sind. Dass die Anspielungen nicht auf Homer beschrankt bleiben, sondern auch Vergil und daneben Lukrez und Seneca, die dramatische und die satirische sowie die neoterische und die elegische Dichtung umfassen, haben zahlreiche Studien zur Intertextualitat in Apuleius' Roman gezeigt. (42) Finkelpearl 1998 sieht eine Steigerung des Rekurses auf uberlieferte literarische Stoffe in Met. 10, in der die Tradition geradezu als Last erscheine. (43) Dieser Reproduktion bekannter Stoffe stellt sie die relative Freiheit von literarischen Bezugen in Met. 11 gegenuber. (44) Mit dieser Einschatzung folgt sie Callebat 1978, (45) der das elfte Buch aus linguistischem Blickwinkel als einheitlich und originell beurteilt, sowie Westerbrink 1978, der nur fur dieses Buch keine Parodien feststellt. Der Vergleich zwischen der Phaaken-Episode in der Odyssee und einzelnen Szenen am Ende von Met. 10 und besonders in Met. 11 hat dagegen gezeigt, dass Apuleius sich auch in dem Buch intertextueller Praxis bedient, das mit der Isis-Handlung die religiose Bekehrung des Protagonisten schildert.

Die Anspielung an die Phaaken-Episode ist nicht ohne parodistischen Effekt. Sie unterscheidet sich darin nicht von anderen Odyssee-Anspielungen in den vorangegangenen Buchern. Statt des erschopften Helden Odysseus, der--gleichsam mit Poseidon ringend--seine ganze Kraft und seinen ganzen Willen aufbringt, um sich mit Athenas Hilfe dem Meer zu entreiBen, sehen wir einen Esel, der am Strand planscht. Statt des nackten Helden Odysseus, der sich im Bewusstsein seiner Blosse in umso geziemenderem Gebaren Nausikaa nahert, sehen wir einen Anti-Helden, der mitten in der Menschenmenge von seiner Nacktheit uberrumpelt wird. Statt der Heldentaten Odysseus' horen wir von Schicksalsschlagen, die zwar in ihrer Menge aussergewohnlich, doch im einzelnen, von der Verwandlung selbst abgesehen, mehr oder weniger banal und der Alltagswelt zuzuordnen sind. Auch in Met. 11 wird mit Dissonanzen gespielt, die sich ergeben, wenn in intertextueller Praxis verschiedene Stilebenen gemischt werden und einer banalen Situation ein epischer Subtext untergeschoben wird. Das elfte Buch unterscheidet sich also auch hinsichtlich parodistischer Effekte kaum von den vorangegangenen Buchern, sondern setzt eine fur den Eselsroman bekannte Praxis fort. Damit scheint eine ausschliesslich ernste, dem [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] folgende Lesart, die nicht uber die Feststellung von Lucius' Bekehrung hinausgeht, dem intertextuellen Spiel des Buches wenig gerecht zu werden. Auch im letzten Buch des Romans findet der gelehrte Literat der zweiten Sophistik eine unterhaltsame Erganzung seiner Homer-Lekture.

Literatur

Textausgaben und Kommentare

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(1) Vgl. Bowie 1970, Anderson 1993 und Whitmarsh 2001.

(2) Anderson 1993, 75-78 und 174-176, bes. 174: "The basis of literary education in Greece was still Homer, and he remained a correspondingly central source of diversion."

(3) Vgl. Harrison 2000 und Sandy 1997.

(4) Dies ist insofern bemerkenswert, als es sich bei Apuleius um einen lateinisch schreibenden Autor handelt. Doch finden sich bereits in Petrons Satyrica und damit im lateinischen Roman vor Apuleius Odyssee-Reminiszenzen. Petron schickt seinen Anti-Helden Encolpius auf eine Odyssee, die ihn Abenteuer etwa bei Trimalchio, mit Eumolp sowie bei einer Dame namens Circe (!) und bei Oenothea erleben lasst. Ausserdem wird in Petron. wiederholt die Odyssee als Verstandnishilfe aufgerufen; so in Petron. 97,4f., 98,5, 105,10 und 127,6; vgl. Muller, Konrad und Wilhelm Ehlers (eds.) 1965: Petronius: Satyrica--Schelmengeschichten, Munchen: Ernst Heimeran Verlag, 439.

(5) Vgl. die Diskussion dieser Stellen bei Hunink 2008.

(6) Vgl. Socr. 11; 17f.; 20 und 24;flor. 2,7 und 15,20; mund. 13.

(7) Graverini 2007, 159 zu Met. 9,13,4: " ... accostare piu o meno esplicitamente un personaggio all'eroe viaggiatore di Omero e una pratica comune nei romanzi antichi.... Come nel brano di Apuleio, in Eliodoro e Senofonte l'allusione ai primi versi dell' Odissea e molto chiara, ma ovviamente si tratta di un brano poetico che conosce infinite revisitazioni. " Westerbrink 1978 fuhrt mehrere Stellen auf, in denen griechische (d.h. bei Apuleius homerische) und lateinische Epik parodiert werden; zu Homers Epen vgl. Met. 1,5,1 (zu Il. 3,277) und 3,1,1 (zu Od. 4,576; 17,1 (u.a.): [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]

(8) Vgl. Harrison 2009, 169, der besonders auf Ilias-Anspielungen in der Binnenerzahlung von Amor und Psyche aufmerksam macht.

(9) Vgl. dazu z. B. Merkelbach 1962, Tatum 1979, 88-91, Shumate 1996 und Frangoulidis 2008, die mehr oder weniger ausgepragt dazu tendieren, die Isis-Handlung ernst aufzufassen und von der Eselshandlung abzuheben; anders Winkler 1985 und Harrison 2000, der Winklers Deutung folgend die subversiven und komischen Momente in der Isis-Handlung hervorhebt und zugleich Ambivalenzen gelten lasst; vgl. 240: "As suggested earlier, my own view is that Book 11 is ultimately comic and parodic, that the satirical material in the end outweighs the 'serious ' elements, following Winkler's own powerful analysis of the subversive and comic elements in Book 11." Zuruckhaltend gegenuber Winkler und Harrison hat sich zuletzt Graverini 2007, 63-70 geaussert.

(10) Dazu ausfuhrlich Graverini 2007, 158-173, bes. 169: "Lucio e dunque una versione degradata, o meglio (ancora una volta) estremizzata, dell'Odisseo di Omero, come un Odisseo che ha bevuto la pozione di Circe senza assumere alcun antidoto o ha ascoltato il canto delle Sirene senza legarsi all'albero maestro della nave."

(11) Wegen des Widerspruchs, in dem lacrimoso vultu mit laetus et alacer in der Ausgabe von Helm 1955 (so auch bei Fredouille 1975) steht, wird laetus et alacer von Medan 1925 und Griffiths getilgt und dafur laetus et vor alacer exurgo erganzt; vgl. zur Lesart mit Tilgung auch Brandt, Edward und Wilhelm Ehlers (eds.) 41989: Apuleius: Der goldene Esel. Metamorphosen, Munchen und Zurich: Artemis.

(12) Harrison 2000, 240.

(13) Zur Charakterisierung der Texte der zweiten Sophistik mit dem Begriff des spoudaiogeloion vgl. Anderson 1993, 171-199.

(14) Unmittelbar nach der Verwandlung richtet sich Lucius' Zorn allein gegen die ungeschickte Photis; vgl. Met. 3,26. Meines Wissens wird vor Met. 11,2 der Zorn einer Gottheit nicht als Grund in Erwagung gezogen.

(15) Vander Poppen 2008, 171 hat die Anspielung an die erste Begegnung von Odysseus und Nausikaa in Met. 11,14 erkannt: "He is described as being in a highly vulnerable state that echoes Odysseus' appearance to Nausicaa upon the island of Phaiakia in the Odyssey (Apul. Met. 11,14,3-5)." Die von den beiden Nackten eingenommene Haltung stimmt ferner im Detail uberein. Odysseus bedeckt sein Geschlecht, indem er mit den Handen einen Zweig davor halt. Lucius halt seine Hande daruber (superstrictis accurate manibus) und greift auf diese Weise zu einer ebenfalls naturlichen Bedeckung (velamento me naturali probe muniveram).

(16) Einen kurzen Uberblick uber die Forschungsliteratur zum Verhaltnis der beiden Eselsromane bietet Niklas Holzberg [sup.5]1998 in: Brandt, Edward und Wilhelm Ehlers (eds.): Apuleius: Der goldene Esel. Metamorphoseon libri XI, Dusseldorf/ Zurich: Artemis & Winkler Verlag, 571.

(17) Zur Bedeutung der Buchubergange und zu ihrem Potential, intertextuelle Anspielungen zu markieren vgl. Harrison 1998, 58-63 und ders. 2000, 222f.

(18) Vgl. die Anrede als dea praepotens in 11,1,4.

(19) Mit Encolpius in Petrons Satyrica wird auch der Protagonist des zweiten uberlieferten lateinischen Romans als Anti-Odysseus dargestellt. Besonders Harrison 1990 betont Lucius' Gestaltung als Anti-Odysseus und weist auf die verschiedenen Spielarten hin, mittels derer sich Met. der odysseischen Charaktere als Modelle bedient.

(20) Vgl. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] in Od. 4,801; 17,8 und 24,323.

(21) Fredouille 1975 versteht die Stelle als Ausdruck intellektueller und mystischer Einsicht, dass die Prufungen fur Lucius nun beendet seien.

(22) Zur Bedeutung vgl. LSJ, wo es als Ableitung von Tpenro mit "much turned" erklart wird. Dazu werden die Ableitungen I. "much travelled", "much wandering", II. "shifty", "versatile", "wily" und III. "various", "manifold" genannt.

(23) Hijmans et al. 1995, 131f. heben die Unentschiedenheit bezuglich des Sprechers hervor. Lucius spricht aus der distanzierten Position des auf die Ereignisse zuruckblickenden Ich-Erzahlers. Damit wird nach Hijmans et al. nicht nur Lucius mit Odysseus sondern auch Homer mit dem Ich-Erzahler verglichen: "But Lucius is also telling the tale: he is auctor like Homer, actor like Odysseus."

(24) Vgl. Kenney 2003, 174: "It was indeed for his resourcefulness and practical wisdom in action, not always scrupulously employed, that Odysseus was best known in literary tradition."

(25) Graverini 2007, 167f.

(26) Die Bildung multiscius in Met. 9,13 ist ein Beispiel dafur, wie formale Intertextualitat argumentativ eingesetzt werden kann.

(27) In flor. 3,9; 9,24 (beide erganzt durch arte) und 18,19 (zur Beschreibung des Sophisten Protagoras) finden sich weitere Belege fur multiscius, welche die Deutung in Apol. 31 als cunctarum rerum adprime peritus stutzen.

(28) Met. 10,30,1f.

(29) Der gebildete Leser kann nach Whitmarsh 2001, 101 als Adressat der antiken Romanliteratur gelten. Martin Korenjak: Publikum und Redner. Ihre Interaktion in der sophistischen Rhetorik der Kaiserzeit Munchen: Beck 2000, 57-61 beschreibt anhand eines typologischen Modells die Rezipienten einer sophistischen Rede und sieht die Gebildeten (7ie7iai5eruevoi) als die zumindest zahlenmassig bedeutendste Gruppe unter der Horerschaft. Zur Bedeutung der Bildung bei Apuleius vgl. Riess 2008.

(30) Vgl. Harrison 1998, 52.

(31) Harrison 1998, 59f.

(32) Vgl. Griffiths 1975, 240: "... the reason for his astonishment is omitted. "

(33) Griffiths 1975, 240: "perhumanus ... provides the clue".

(34) Vgl. Medan 1925, 38 zu inhumano: "Il ne signifie "divin" que chez Apulee." Ebenso Fredouille 1975, 82: "inhumano = divino".

(35) Vgl. in Met. 11,15,1-3 Fortunae tempestatibus, Fortunae caecitas und schliesslich: quid metus mortis cotidianae nefariae Fortunae profuit? In 5,9 sehen Psyches Schwestern Fortunas Wirken gegen sich gerichtet, und ebenso wird Fortuna in 10,24 fur die Verdorbenheit der Verbrecherin verantwortlich gemacht.

(36) Fritz Graf 1998: Fortuna, in: Cancik, Hubert und Helmuth Schneider (eds.): DNP 4, Stuttgart/ Weimar: Verlag J.B. Metzler, 601.

(37) Bricault, Laurent (ed.) 2005: Recueil des inscriptions concernant les cultes isiaques (RICIS) Paris: Boccard, 183, frg. 114/0703; vgl. auch die umfassenden Ausfuhrungen von Griffiths 1975, 31-17.

(38) So sehnt sich Odysseus in Od. 5,215-220 im Wissen um die Vorzuge der Kalypso gegenuber seiner Frau Penelope jeden Tag danach, zu Penelope zuruckzukehren. Ein Teilepos des epischen Zyklus, Nostoi, erzahlt von der Heimkehr anderer uberlebender achaiischer Troja-Helden wie etwa Agamemnon, Menelaos oder Diomedes. Zum Verhaltnis der Nostoi zur Odyssee vgl. Suidae Lexicon. Graece et Latine, post Thomam Gaisfordum recensuit et annotatione critica instruxit Godofredus Bernhardy (Halis et Brunsvigae 1853) tomi alterius, pars prior, 1008: [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Die Bedeutung der Heimkehr fur die Odyssee schlagt sich auch im fur Nacherzahlungen beliebten Titel "Die Heimkehr des Odysseus" nieder; vgl. auch U. von Wilamowitz-Moellendorf 1927: Die Heimkehr des Odysseus. Neue homerische Untersuchungen, Berlin: Weidmann.

(39) Vgl. die Beschreibung der Phaaken in De Jong 2001, 149-151, bes. 149: "At the same time, their isolation (they are never visited by others) and unheroic existence (they never wage war) make clear to him by contrast--as when Calypso offered him immortality--why home is to be preferred to this paradise; staying with the Phaeacians 'would be a living death'."

(40) Vgl. Tatum 1979, 82: "Most of Book 11 is given over to a celebration of Lucius' return to human form and the beginning of a new life in the service of Isis."

(41) Od. 7,43-45 und 81-135.

(42) Vgl. etwa Harrison 2000, 220-226 (zu Vergil), Finkelpearl 1998 (zu Vergil sowie Lukrez und Seneca, Petron), May 2006 (zum Drama), Greene 2008 (zur satirischen Dichtung), Tilg 2008 (zur neoterischen Dichtung), Hindermann 2009 (zu Ovid), Mathis 2008 (zur elegischen Dichtung).

(43) Finkelpearl 1998, 149-183.

(44) Finkelpearl 1998, 183: "The oppressive nature of tradition in Book 10 makes the book ripe for the sort of literary release and discovery that occurs in the final scenes. In Book 11, Apuleius breaks away from the Onos completely and from Latin tradition to a great extent and creates something rather new. Immediately before Book 11, however, literary tradition is just another trap."

(45) Callebat 1978, 181-183 erkennt in Met. 11 eine Entsprechung in der gegenuber den anderen Buchern ausgepragteren Verwendung metrischer Klauseln und konsistenteren Anlehnung an poetische Sprache zur im Inhalt dargestellten Religiositat und mystischen Transzendenz. Im Gegensatz dazu komme in Met. 1-10 die Unsicherheit weltlicher Dinge in einer uneinheitlichen Sprache zum Ausdruck, die sich an verschiedenen sprachlichen Registern orientiere.

BEATE BEER

University of Zurich

Beate Beer is currently assistant at the institute of Classics at the University of Zurich. She has worked on Epicureanism and published on Lucretius and Philodemus. In her recently published monograph she investigates Lucretius' poetics in the context of Philodemus' poetological theory (Lukrez und Philodem: Poetische Argumentation und poetologischer Diskurs, Basel: Schwabe 2010).
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Author:Beer, Beate
Publication:Ancient Narrative
Date:Jan 1, 2011
Words:8147
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