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Kreativer umgang mit der demenzerkrankung und dem leben --arno geigers Der alte Konig in seinem Exil--.

1. Einleitung

Der junge osterreichische Schriftsteller Amo Geiger veroffentlichte 1997 seinen Debutroman, 2005 wurde ihm nach Erscheinen seines Familienromans uber die osterreichische Geschichte mit dem Titel Es geht uns gut der erste Deutsche Buchpreis (1) verliehen. Es ging ihm in dem Roman, wie er sagte, ausser der Darstellung der "typisch osterreichische(n) Lebensverhaltnisse", um den "Typ des Zauderers", der "ratlos ist, nach Halt sucht, aber wenig erfolgreich" ist, also um einen fur ihn reprasentativen Typus, der das eigentlich "Private, Alltagliche" widerspiegelt. (2) 2007 erschien ein Prosaband mit zwolf Erzahlungen mit dem Titel Anna nicht vergessen. Es werden Gluck, Scheitern und Grenzsituationen im Leben thematisiert. Ein Jahr spater wurde Arno Geiger in einem Werkstattgesprach von Maribel Hart und Alexander Wolter interviewt. (3) 2008 erhielt Geiger den Johann-Peter-Hebel-Preis. (4) 2010 erschien der Roman Alies uber Sally, ein Roman uber die Liebe und die Ehe. 2011 erhielt er den Friedrich-Holderlin-Preis (5) fur seine Romane und das autobiographische Buch Der alte Konig in seinem Exil. Fur das Buch wurde Arno Geiger mit dem Ehrenpreis des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes (DHPV) ausgezeichnet. (6) Im Buch schreibt er uber seinen seit einigen Jahren an Demenz leidenden Vater; er beschreibt seine Personlichkeit, seinen trotz der Demenzerkrankung unverandert heiteren und amusanten Charakter, und dabei wird die in Vergessenheit geratene Familiengeschichte Stuck fur Stuck in die Erinnerung zuruckgerufen. Es ist ein Buch, von dem der Leser lernen kann, wie man mit dem dementen Kranken umgeht und wie Arno Geiger als Schriftsteller sein Hauptanliegen beim Schreiben zur Anschauung bringt, indem er stets das unerwartete Schicksal des Einzelnen, die Wahrnehmungsfreiheit eines Jeden in einer Konsumgesellschaft sowie die Wurde des Menschen thematisiert wie er dies in der Eroffnungsrede bei den Bregenzer Festspielen im Jahre 2006 erortert hat. (7)

Es geht ihm in dem Buch Der alte Konig in seinem Exil nicht lediglich darum, die langsam sich entwickelnde Demenzkrankheit seines Vaters darzustellen, sondern eher darum, uber den Vater, seine Komplexitat, seine Klugheit und Vitalitat zu schreiben. Wahrend des Annaherungsprozesses an den Vater wird dessen Vergangenheit, die in Vergessenheit geraten ist, wieder vergegenwartigt, wobei das Erzahlen der Geschichte des Vaters dem Sohn Arno Geiger selbst zur Wiederentdeckung seiner eigenen Kindheit und Jugend verhilft, so dass er den Vater Schritt fur Schnitt emeut kennen lemt. Amo Geiger versucht, durch die Figuren in seinen Werken erkennen zu lassen, dass der Mensch ein Mensch "mit seiner Vergangenheit, Eigenheit und Wurde" (8) bleibt. Was ein Mensch ist, woher er kommt, wohin er geht, was ihn bis zum Tod ausmacht und was ihm wichtig erscheint, wie er mit dem Alter konfrontiert wird, das alles wird in dem Buch im Umgang mit dem dementen Vater von Geiger durch verschiedene Ereignisse, Vorkommnisse und unerwartete Schicksalsschlage gestaltet und kommentiert. Vor diesem Hintergrund ist es fur mich lohnend, das Buch Der alte Konig in seinem Exil naher zu betrachten, nicht nur weil "Demenz" seit einigen Jahren in der Literatur ein beliebtes Thema ist, (9) sondern auch weil das Buch schliesslich mit der elementaren Existenz des Menschen zu tun hat und das Leben eines Jeden betrifft. Die Ergebnisse meiner Recherchen zeigen, dass es bis 2013 nur wenige wissenschaftliche Veroffentlichungen uber das Buch Der alte Konig in seinem Exil gibt.10 Es liegen vorwiegend Rezensionen, Buchbesprechungen, Buchkritiken, Interviews mittels CDs oder auch DVDs sowie Reden von dem Autor selbst anlasslich der verschiedenen Preisverleihungen vor.11 Umso wichtiger erscheint es mir, das Buch unter literaturwissenschaftlichen Fragestellungen zu behandeln,12 um erstens Themenbereiche wie Alltag, Schicksal und Menschenwurde darzustellen, und zweitens um den kreativen Umgang mit der Demenzerkrankung Arno Geigers herauszuarbeiten. Wie gelingt es ihm als Schriftsteller mit seinem Buch, die Aufmerksamkeit fur den Mitmenschen, genauer gesagt fur den Demenzpatienten, zu erregen, wie kann er das leisten in einer anscheinend zivilisierten und rational orientierten Leistungsgesellschaft, die fur die Entfremdung, die Ratlosigkeit des Einzelnen und den Verlust der Menschenwurde mitverantwortlich ist.

2. Demenzkrankheit als Erzahlmotor fur die Menschenwurde

Ulrike Vedder weist darauf hin, dass sich ein "vermehrtes Interesse am Vergessen fur die jungere Zeit" konstatieren lasse, das heisst, ein Vergessen, das u.a. "im Format der Familien- und Generationenromane [...] das vielfach an Demenzerkrankungen der Protagonisten" gebunden sei ("Erzahlen vom Zerfall" 274). In dem Buch Der alte Konig in seinem Exil wird deutlich gezeigt, wie die Generationenerzahlung als der Erzahlmuster dient und wie sich Arno Geigers Gedanken angesichts der Demenzkrankheit des Vaters entwickelt haben. In den ersten drei Kapiteln wird deutlich, dass ein konventioneller Umgang mit dem Vater ihm und seinen Familienangehorigen nicht gelingt. Er schreibt: "Die Anfange der Krankheit waren eine schreckliche Zeit, ein vollkommener Fehlschlag. Ausserdem waren sie die Zeit der grossen Verluste" (AK 26). (13) Ab dem vierten Kapitel wird dargestellt, wie der Erzahler die Verhaltensweise des Vaters beobachtet und wie er zu der Erkenntnis kommt, dass diese Krankheit "neue Fahigkeiten" hervorbringt (AK 51) und dass der Vater sogar seine "Privatlogik" (AK 52) hat, z.B. wie der Vater versucht, zu rechtfertigen, dass das Zuhause doch kein Zuhause ist: "Zu Haus sieht ganz ahnlich aus wie hier--nur ein wenig anders" (AK 57). Die Beobachtung fuhrt ihn zu der grossen Entdeckung, dass die "Heimatlosigkeit eines Menschen, dem die ganze Welt fremd geworden war" (AK 55), den Vater bedruckt, daher gibt es fur ihn die "Unmoglichkeit, sich geborgen zu fuhlen" (AK 56). Die Konsequenz ist, dass der demente Vater nicht ruhig bleibt und nicht entgegenkommend ist.

Der Ausdruck "Heimatlosigkeit" enthalt fur Arno Geiger "etwas zutiefst Menschliches" (AK 56), der Begriff "Heimat" fur den Vater einen "nicht weniger existentiellen Sinn" (AK 57). Diese Beobachtung an dem dementen, traurigen Vater laBt den Erzahler nicht mehr los und veranlaBt ihn, mit Bedauern, Sorgfalt und mit groBem Verstandnis uber den Begriff "Alzheimer" nachzudenken. Er erkennt z. B., dass auch "menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten" (ebd.) sich in dieser Krankheit spiegeln. Er fugt weiter hinzu, dass Alzheimer ein "Sinnbild fur den Zustand unserer Gesellschaft" ist:

Der Uberblick ist verlorengegangen, das verfugbare Wissen nicht mehr uberschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsangste. Von Alzheimer reden heisst, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. (AK 58)

Die Krankheit des Vaters lasst ihn wahrend der Jahre des Nachdenkens nicht nur zu einer "heraufdammernden Erkenntnis" (ebd.) kommen, dass er immer mehr Verstandnis fur den Zustand des Vaters aufbringt, sondern es entwickeln sich sogar eine gewisse "Anteilnahme" und ein "wachsendes Interesse fur das Schicksal" (AK 59) des Vaters bei ihm und den Familienangehorigen. Was heisst aber hier "Nachdenken" fur Arno Geiger? In seiner Eroffnungsrede fur die Bregenzer Festspiele 2006 hat er das Wort folgendermassen interpretiert:

Nachdenken heifit kritisch denken, heifit Uberzeugungen unterminieren, heifit versuchen, in Dingen, die nebulos erscheinen, etwas mehr Klarheit finden, [...] Dinge aus dem Schatten ziehen, sie blossstellen im guten Sinn des Wortes, ihnen ihre Masken abstreifen, Schicht fur Schicht. (Geiger, "Hinsehen macht leichter" 2)

Die Einsicht Geigers hinsichtlich der Demenzerkrankung ist der Beginn des Prozesses einer neuen "Wahrnehmung", die ihm die Moglichkeit gibt, vielseitige Perspektiven fur das Leben und fur die Welt zu gewinnen, indem er den Spuren der Vergangenheit des Vaters nachgeht. An anderer Stelle vertritt Arno Geiger die Meinung, dass die Demenzkrankheit haufig nicht die Verbindungen mit den Menschen stort, wie er feststellt: "Das ist sozusagen das Gegenteil von dem, was der Alzheimerkrankheit normalerweise nachgesagt wird--dass sie Verbindungen kappt. Manchmal werden Verbindungen geknupft" (AK 179). Im letzten Kapitel wird die Haltung derjenigen Menschen, die aufgrund ihrer Hilfslosigkeit und mangelnder Geduld im Umgang mit den Kranken und Alten Ohnmacht zeigen, von Arno Geiger vorwurfsvoll kritisiert, indem er sich mit dem kranken und alten Menschen solidarisch fuhlend, gegen das Propagieren des Themas "Sterbehilfe" protestiert und dabei folgendermafien argumentiert:
   Sosehr die Menschen am Leben hangen: Wenn sie finden, dass ein
   Leben nicht mehr ausreichend Lebensqualitat bietet, kann das
   Sterben plotzlich nicht schnell genug gehen. Dann wird dasThema
   Sterbehilfe aufgebracht von Angehorigen, die besser darantaten,
   uber die eigene Unfahigkeit nachzudenken, mit der veranderten
   Situation umzugehen. Die Frage ist: Will man den Kranken von der
   Krankheit befreien oder sich selbst von der Hilflosigkeit?
   Schuldig, weil man noch lebt!--noch immer! (14)


In einer Lesung im Stuttgarter Literaturhaus uber das Buch Der alte Konig in seinem Exil redet der Schriftsteller von seiner weiteren Erkenntnis: "Das Ende des Lebens ist auch Leben" (Abelein 15). Auch in seiner Rede zur Verleihung des Liteaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung 2011 pladiert er dafur, das Beste aus dem Leben zu machen, wie er uber das vergangliche Leben sagt:

Doch wenn wir auch hundertmal wissen, dass auf den Tag die Nacht folgt und auf den Sommer der Herbst, dass der Menschen Tage wie Gras sind und wir sterben mussen und dass selbst die Sterne vergluhen: Wir versuchen trotzdem, hinuberzukommen, hineinzukommen, als Schreibende, als Reisende: in die Erkenntnis des Unbekannten. (Geiger, Grenzgehen 15)

Er konstatiert, dass im Umgang mit der Krankheit Alzheimer "die grosste Autoritat das Klischee" (Abelein 15) sei. Die Kritik uber das Buch war besonders durch die "Alzheimer-Kontroverse" gespalten, wie Anne Abelein dokumentiert:

Wahrend einige Forscher glauben, dass der Erkrankte mit dem Fortschreiten der Demenz seine Personlichkeit verliert, erkennen andere bis zum Schluss individuelle Zuge. (ebd.)

Dass sich der Charakter eines Menschen nicht notwendigerweise verandert, wenn er an Alzheimer erkrankt, zeigt Arno Geigers Buch. Meike Fessmann weist auf den Ausdruck "Charakter schlagt Intellekt" (27) hin, das sei "eine der trostlichen Botschaften" (ebd.) dieses Buches. Geiger pladiert fur einen durch Geduld, Gute und Verstandnis gepragten Umgang mit den dementen Kranken, weil er selber mit der Zeit zu der Erkenntnis gekommen ist, dass der adaquate Umgang mit den dementen Menschen ein Zeichen fur die Menschwurde bedeutet. Sein Annaherungsversuch an seinen Vater wird im Buch gezeigt, wie im Folgenden eingehend dargestellt wird.

3. Arno Geigers Annaherungsversuch an seinen dementen Vater

"Da mein Vater nicht mehr uber die Brucke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinuber zu ihm" (AK 11). So schreibt der Schriftsteller Geiger uber die durch die Erkrankung bedingte Fremdheit zwischen ihm und dem dementen Vater. Die Satze machen gerade den Reiz des Buches aus. Denn erst nach anfanglicher Irritation bei der Pflege und nahezu volligem Unverstandnis fur das Leben des 1926 als drittes von zehn Kindern in eine Kleinbauernfamilie geborenen Mannes August Geiger, dem die Welt gleichbedeutend ist mit seinem Heimatdorf Wolfurt, nahe Bregenz in Voralberg, werden die guten Eigenschaften des Vaters Schritt fur Schritt erneut entdeckt. Die naheren Grundzuge seines Charakters werden dargestellt, z.B. dass der Vater die Fahigkeit besitzt, "frohlich zu sein und zu lachen und rasch Freundschaften zu schliessen" (AK 185), dass er das Talent besitzt, wiederholt "Sympathien zu gewinnen" (ebd.). Die positive Auswirkung des Umgangs mit seinem Vater auf die Zuversicht des Sohnes hinsichtlich der Zukunft wird durch folgende Passage uberzeugend zum Ausdruck gebracht:

Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm gebe, kann er nichtfesthalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest. Solche Stunden ziehen sich in die Lange, und ich habe Zeit, auf vieles achtzugeben. Kaum etwas entgeht meiner Aufmerksamkeit, ich bin klar und geistesgegenwartig, alle Dinge stromen mit einer Deutlichkeit auf mich ein, als verbreite sich plotzlich ein starkesLicht um mich her [...]. Es gibt da etwas zwischen uns, das mich dazu gebracht hat, mich der Welt weiter zu offnen (AK 178-179).

Wie der Protagonist Philipp Erlach in dem Familienroman Es geht uns gut--ein ratloser Junge--, sehnt sich der Sohn nach Zuneigung und braucht jemanden, der ihn umarmt. (Geiger, "Der Schwamm ist leer" 21) Fur Arno Geiger ist jeder ein Philipp, dem die Entwicklungsmoglichkeiten im Leben wichtig sind. Mit einer solchen Einstellung versucht Geiger im Buch Der alte Konig zu zeigen, dass es, nachdem ein gegenseitiges Sich-Annahern mit dem Vater stattgefunden hat, fur ihn Moglichkeiten gibt, anders zu leben, dass eine "Befreiung" (AK 144) moglich ist, indem er wieder "Lebensfreude" (ebd.) spurt, dass er in der Lage sein werde, "den Tag zu genieben--das war eine elementare Veranderung" (ebd.); und er erkennt, dass er sich in einer fur ihn "ungewohnten Klarheit der Verhaltnisse, familiar, privat, beruflich" befindet (ebd.). Die Zuversicht fur den leichteren Umgang mit dem Vater andert das Verhaltnis zwischen den beiden, so dass sie , jetzt bestimmt anders miteinander reden, offener, umganglicher, kluger" (AK 186). Es ist die "spate Freundschaft" (Moritz IX) mit dem kranken Vater, wie Rainer Moritz in seinem Bericht hervorgehoben hat.

Ein gegenseitiges Sich-Annahern und der vertraute Umgang mit dem dementen Vater laufen parallel mit Geigers erfolgreicher schriftstellerischer Tatigkeit, und er schaut jetzt "nicht mehr so angstlich in die Zukunft wie am Anfang", er sieht das alles "nicht mehr so duster" (AK 188). Mit der Einsicht in die veranderten Verhaltensformen des Vaters beginnt der Erzahler, den dementen Vater als ganzen Menschen zu akzeptieren, da Geiger erkennt, dass die Menschen "bis ins kleinste Detail hinein so unglaublich verschieden [sind]. Erst wenn man genauer hinschaut, wird er wirklich interessant." (Geiger, "Der Schwamm ist leer" 23). Das ausgesprochen enge Verhaltnis von Geiger zu seinem Vater kommt am Schluss zur Sprache:

Es trifft mich immer unvorbereitet, wenn mir der Vater mit einer Sanftheit, die mir fruher nicht an ihm aufgefallen ist, seine Hand an die Wange legt, manchmal die Handflache, sehr oft die Ruckseite der Hand. Dann erfasse ich, dass ich nie enger mit ihm zusammensein werde als in diesem Augenblick. Ich werde mich immer daran erinnern. Immer, immer! (AK 183)

Arno Geiger als Schriftsteller weist in seiner Eroffoungsrede fur die Bregenzer Festspiele auf die Funktion der Kunst hin, die unmittelbar mit dem Individuum und dem Leben zusammenhangt. Er sagt dazu:

Es ist--allen voran--die Kunst, die die unantastbare Wurde des Menschen verteidigen sollte jenseits der Frage nach der okonomischen Rentabilitat dieser Wurde. Es ist--allen voran--die Kunst, die mit einer widerstandigen, beharrlichen Aufmerksamkeit versuchen sollte, den Weg an einen souveranen Ort vorauszudenken, an dem der Mensch mundig ist und wo er nicht allein gelassen ist mit seinem Leid. Es ist die Kunst, die den Menschen zur Sprache bringen, die das Individuum beim Wort nehmen mufi [...] in der Hoffnung auf mehr Perspektive, auf ein menschenwurdigeres Leben. (Geiger, "Hinsehen macht leichter" 2)

In seiner Rede zur Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung 2011 erinnert uns Geiger daran, dass ,jedes Grenzgehen existenziell" sei, "jeder Grenzganger weiss, dass er sterben wird. Das Grenzgehen ist eine Erinnerung an den Tod" (Geiger, Grenzgehen 14). Christine Lieberknecht zeigt in ihrer Ansprache, wie Geiger damit "die in uns wohnende solidarische Gute zu unserem Nachsten" (Lieberknecht 16) bestatigt. Fur Michael Braun ist das Buch nicht bloss ein "literarischer Krankheitsbericht", sondern ein "poetisches Vaterdenkmal zu Lebzeiten" (Braun 9).

4. Das Erinnern an das Vergessene als Stutze fur die Gegenwartsbewaltigung

Wie in dem Familienroman Es geht uns gut geht es in dem Buch Der alte Konig in seinem Exil um das Erinnern und das Vergessen--ein in jungster Zeit beliebtes Thema der Gegenwartsliteratur 15--, die Vergangenheit der Familie, die Tradition, das Elternhaus, das Erlebnis des Vaters und das der eigenen Kindheit und Jugend. Es geht um die Suche nach der in Vergessenheit geratenen Familiengeschichte; es geht zugleich um die Suche nach dem eigenen Ich, den pragenden Faktoren im Familienverhaltnis, und schliesslich geht es darum zu zeigen, dass die Familie eine Bindung fur die Angehorigen und deren vernetzte Beziehungen zueinander bedeutet, auch wenn sie manchmal "einem auf die Nerven" (AK 60) geht und als Belastung empfunden wird. Das Erinnern und das Vergessen der Vergangenheit werden aufgrund der Krankheit des Vaters erneut wahrgenommen--eine Wuhlarbeit, aber auch eine zartliche Begegnung, wie Arno Geiger konstatiert: "Die Krankheit machte etwas mit uns allen" (ebd.), aber durch die "Arbeitsteilung", die "kraftezehrende Aufgabe" (AK 64) hinsichtlich der Betreuung des Vaters verstarkt sich das "Zusammengehorigkeitsgefuhl" (ebd.) innerhalb der Familie, und die Krankheit des Vaters hielt den "Familienzerfall" (ebd.) auf.

Arno Geiger arbeitet in dem Buch an der Geschichte des Vaters und des Elternhauses. Er stellt die Konvention von "Frommigkeit, Biederkeit und Anstand und nichts als Arbeit" (AK 77) in Frage. Wie der Leser beobachten kann, werden ab dem vierten Kapitel die Reflexion Arno Geigers sowie sein Verstandnis fur das vergangene Leben des Vaters deutlich erkennbar. Fur den Vater seien "Zuhause, Sicherheit, Geborgenheit" (AK 82) ein grosses Thema. Daher weiss man, "wo man hingehort" (ebd.), und dieses Gefuhl ist schoner als Verliebtsein. Ereignisse im Leben des Vaters, seine Gewohnheiten im dorflichen Dasein und die in Vergessenheit geratenen Ereignisse und Erlebnisse in der Familie werden Stuck fur Stuck ausgegraben, erinnert und erzahlt, z.B. wie er als Heranwachsender fruher seinem eigenen Vater Desinteresse vorwarf, ihm gegenuber Distanz aufbaute, rebellierte und "Anschuldigungen" (AK 87) gegen den Vater vorbrachte, und wie er jetzt die Grosszugigkeit seines Vaters ihm gegenuber zu schatzen lernt. Dies alles hilft Arno Geiger, den gegenwartigen Zustand der Demenz des Vaters und die Verzweiflung beim Umgang mit ihm zu bewaltigen, indem er immer mehr Geduld und Verstandnis aufbringt, zumal der Vater wahrend der Kriegszeit ein schweres Dasein gefuhrt, schliesslich uberlebt und muhsam die eigene Familie gegrundet hat. Die Recherchen in der Vergangenheit des Vaters bedeuten zugleich fur Arno Geiger einen Prozess des Erwachsenwerdens, denn er lasst erkennen, dass er vielseitiger uber die Dinge nachdenkt, mit anderen Perspektiven ihnen nachgeht und dass er mit immer grosserer Distanz und grosserer Einsicht an die Unzulanglichkeiten des Lebens herangeht und sie differenzierter interpretiert. Seine differenziertere Wahrnehmung des Alltagslebens fliesst auf diese Weise in den Prozess seines Schreibens ein.

5. Schreiben als Prozess der Wahrnehmung

Alltag und Schreiben gehoren fur Arno Geiger zusammen, sie sind nicht voneinander zu trennen. In vielen Interviews hat er darauf hingewiesen, dass er sich uberall, wo er sich befindet, Gedanken uber den Stoff macht. Man kann unmittelbar entdecken, dass Schreiben fur ihn einen Prozess bedeutet, in dem er sich im Alltagsleben entwickelt, zu sich zu kommen hofft und schliesslich die Fluchtigkeit des Daseins begreift, das fur viele nicht erkennbar ist, aber doch unser Alltagsleben ausmacht. Es geht um die grundlegenden Fragen unseres Lebens, das von jedem einzelnen Menschen unterschiedlich erfahren wird, bedingt durch unterschiedliche, oft unerwartete Schicksalswendungen. Fur Aussenstehende erscheinen dann die von der Norm abweichenden Denkformen und Verhaltensweisen oft unlogisch, besonders derjenigen Menschen, die mit der ublichen Realitat nicht zurechtkommen, hier im Buch dargestellt am Beispiel des Alterns oder der Demenzerkrankung. Arno Geiger sagt beim Werkstattgesprach: "Ich schreibe immer auch uber die Komplexitat unserer Gesellschaft, die Komplexitat von Gefuhlen und uber unterschiedliche Formen von Abhangigkeit" (Geiger, "Der Schwamm ist leer" 24). Er behauptet, dass er beim Schreiben sich selbst wieder finde und als Person davon profitiere und Freude an dem habe, was er schaffe (vgl. Geiger, ebd., 8). Insofern ist es seine Intention, dass er das, was er im Alltagsleben beobachtet, durch die Sprache einzufangen versucht, wobei die Sprache eine zentrale Rolle spielt, denn Geiger ist fest davon uberzeugt, dass ohne Artikulation die Wahrnehmung des Moments "unerlost" bleibe und eine "Welt ohne Worter die Welt voller Wunden" sei (Geiger, "Ohne Worter" 32).

Das Besondere an Arno Geigers Schreiben ist, wie es im Buch Der alte Konig in seinem Exil auch an verschiedenen Stellen zu finden ist, dass er Aussagen, Weisheiten oder Spruche von Schriftstellem, Denkem (16) oder auch von seinem Vater in seinen Texten einzusetzen pflegt, um seine eigenen Gedanken zu bekraftigen und um von anderen Positionen zu profitieren--und er weib dann, "so ist es" (Geiger, "Der Schwamm ist leer" 18); es ist genau dieses Gefuhl, mit einer anderen Person ubereinzustimmen. Die sprachliche Wahrnehmung von Wirklichkeit zeigt sich im Buch und zwar in der Erzahlung von der im Sterben liegenden Tante Berti, die sich von dem Geistlichen durch seinen inadaquaten Wunsch "gute Besserung" gekrankt fuhlt; der Autor lasst uns als Leser das Gefuhl haben, dass man manchmal "in einem Augenblick mehr als in einem ganzen Jahr Schule"(AK 180) lernt. Die Autoritat der Sprache, wie Geiger im Interview mit Peter Schneeberger geaubert hat, besitzt in gewisser Weise auch "Herrschaft uber das eigene Leben" (Schneeberger 133).

Die Wahrnehmung der Eigenheiten und Differenzen der Menschen und das Interesse daran zeigen sich auch in seiner Bemuhung um den Umgang mit ihnen, um das gegenseitige Sich-Annahern der Menschen, wie er sich uber sie Gedanken macht: "Vielleicht wird einem jeder Mensch, wenn man sich nur lange genug mit ihm auseinandersetzt, auf die eine oder andere Art sympathisch" (Geiger, "Der Schwamm ist leer" 18). Kein Wunder, dass Meike Febmann den Schriftsteller Arno Geiger fur seine "Artistik der Einfuhlung" (17) lobt. Die Alltagswahrnehmung ahnelt privaten Erinnerungsfotos, die Geiger auf dem Flohmarkt auf dem Wiener Naschmarkt findet und die ihn als Motiv beeindrucken. Er begrundet sein Interesse daran folgendermaben:
   Der Mensch wird ganz geboren, und uberall wird sein Leben
   zerstuckelt. Was er tut, ist unvollstandig, was er wahrnimmt,
   bruchstuckhaft. (18)


Das Herausarbeiten der Demenzlage des Vaters, die Geduld, die er zeigt, das Verstandnis, das er aufbringt fur das Altern und Wenig-leisten-konnen sowie die Einsicht in das Gefuhl der Heimatlosigkeit des Vaters und in das Schicksal jedes Einzelnen tragen zu seiner eigenen Wahrnehmungsfreiheit und Menschenkenntnis bei. Er schreibt: "Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden uber die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind" (AK 189). Was bedeutet hier "Wahrnehmungsfreiheit"? Arno Geiger erlautert folgendermaben:

Es ist die Moglichkeit, das Geschehen um mich herum in einem Zustand weitgehender Unbefangenheit zu betrachten, in der Geborgenheit des Verborgenseins. (Geiger, "Hinsehen macht leichter" 2).

Die Wahrnehmung des Lebens bedeutet fur ihn, dass er uber das Alter und uber den Tod nachdenkt, indem er die unausweichliche Tatsache vergegenwartigt, dass zum Leben der Tod gehort sowie der Tod auch zum Leben: "Das Alter geht nicht zuruck, es ist eine Rutschbahn, und eine der groberen Sorgen, die einem das Alter machen kann, ist die, dass es gar zu lange dauert" (AK 14). Trotz des unvermeidlichen Lebensendes wird jedoch die Realitat einer nicht zu besiegenden Hoffnung entgegengesetzt. So richtet er im letzten Kapitel des Buches seine Gedanken auf das Schicksal, das unser Leben ausmacht, "das wir nicht erklaren und auch nicht aufhalten konnen. Zufallig trifit es die einen, die anderen zufallig nicht. Warum? Das bleibt ein Ratsel" (AK 180). Arno Geiger nimmt das Schicksal an und betrachtet es als Lauf der Natur und die Sterblichkeit des Menschen als Chance, das Leben bewusster wahrzunehmen, das schon sein konnte mit all seinen Moglichkeiten, indem er konstatiert:

Wenn die Menschen unsterblich waren, wurden sie weniger nachdenken. Und wenn die Menschen weniger nachdenken wurden, ware das Leben weniger schon (AK 182).

Deshalb richtet sich seine Aufmerksamkeit beim Schreiben auf den einzelnen Menschen, der die Zuneigung und Geborgenheit sucht, indem er versucht, jedem die Moglichkeiten zu bieten, zur Erkenntnis zu kommen und auf ein menschenwurdigeres Leben zu hoffen, besonders in einer "sich den Gesetzen des freien Marktes ausliefernden Gesellschaft" (Geiger, "Hinsehen macht leichter" 2). Dies kann man hier mit Milan Kunderas Worten, die Geiger im Buch Der alte Konig zitiert, verdeutlichen: "Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu versteheri" (AK 8). Die Aufgabe der Literatur fur Arno Geiger als Schriftsteller ist es, "fur das Individuum einzutreten und nicht fur das Grobereignis" (Schneeberger 132), daher faszinieren ihn, "die vermeintlichen Banalitaten des Alltags" (ebd.). Als Schriftsteller spricht er von der Bereitschaft, "sich zu verausgaben und nicht zu rechnen", und er sagt weiter, dass sich etwas hinter der Arbeit auftut, in dem wir uns selbst finden und in dem wir als Person weiterkommen konnen und in dem auch die Leser weiterkommen konnen. (19)

Arno Geiger bringt das Schreiben mit seinem Aussenseitertum als "Randfigur" in Verbindung, in der er oft die Rolle eines Beobachtenden hat. Aus diesem Grund hat sein Schreiben viel mit diesem Beobachten zu tun, so wie er schreibt:

mit einem fortgesetzten, nicht nachlassenden Staunen, wie merkwurdig unsere Existenz ist. Es hat auch damit zu tun, daB diese Merkwurdigkeit, wenn man sie in Sprache uberfuhrt, nichts von ihrer Merkwurdigkeit verliert, aber zusatzlich an Bedeutunggewinnt (Geiger, "Der schmale Grat" 6).

So hat Christine Lieberknecht in ihrer Ansprache zur Literaturpreisverleihung der Konrad-Adenauer-Stiftung20 die Leistungen von Geiger in seinem Buch Der alte Konig gelobt, dass er als Schriftsteller seinen Lesern nahe gebracht hat, "wie wunderbar es sein kann, die Unzulanglichkeiten seiner Mitmenschen zu ertragen", wie "menschliches Zusammenleben" gelingen kann und wie das Buch die "Kommunikation zwischen den Generationen" (Lieberknecht 18) anregt. Das Buch zeigt eine "beeindruckende Originalitat" (Lieberknecht 14). Schreiben ist so gesehen fur Geiger ein "Erzahlen und Nachdenken im kleinen Grenzverkehr zwischen Nicht-verstehen, Verstehen-wollen und Trotzdem-nicht-verstehen" (Geiger, "Der schmale Grat" 6) in dem zwischenmenschlichen Umgang und in unerwarteten Alltagserlebnissen.

6. Schluss

Der alte Konig in seinem Exil wird aufgrund der sich entwickelnden und zum Positiven verandernden Haltungen des Erzahlers gegenuber dem dementen Vater als ein Prozess des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung betrachtet, in dem Arno Geiger sich durch Nachdenken und Wahrnehmen mit der Demenzerkrankung, der Unzulanglichkeit der Menschen und dem Alter beschaftigt. Er kommt schliesslich zu der Erkenntnis, dass jeder Mensch als grundlegende Bedurfnisse Geborgenheit, Zuneigung und Wurde im Leben braucht. Zwar behauptet er, er wurde dem Leser nie vorschreiben, wie er das Dargebotene aufzufassen habe, doch der Appell an die Menschlichkeit gegenuber den Kranken und den alternden Menschen in einer immer starker rational orientierten Konsum--, und Leistungsgesellschaft kann nicht ubersehen werden, in der der Wert des Menschen sich nach der Position, der Rolle und dem Erfolg richtet, in der der einzelne Mensch leicht in Ratlosigkeit und Verlorenheit gerat. Es ist ein Schrei nach einem menschenwurdigen Leben--deshalb ist eine Diskussion uber das Thema Sterbehilfe fur Geiger unmenschlich und unerwunscht.

Arno Geiger versucht in seinem Werk, die Begriffe elementarer Existenz wie Heimat, Heimatlosigkeit, Geborgenheit und Krankheit (Alzheimer) zu erlautern und durch Spruche und Worte von Schriftstellern und Denkern praziser zu ergrunden. Er lernt und profitiert von dem eigenen Schreiben und vermittelt dem Leser, wie der Alltag auch fur den Kranken seine Bedeutung nicht verliert. Er versucht durch sein Erzahlen fur uns alle eine Brucke des Verstandnisses aufzubauen. Er bemuht sich stets, der Aufgabe eines Schriftstellers nachzukommen, namlich das Schickal des Einzelnen zu erzahlen und die Wurde des Menschen darzustellen. Dabei muss die Wahrnehmungsfreiheit gewahrt bleiben, die in der Konsum- und Leistungsgesellschaft durch inadaquate Lebensformen leicht zerstort wird, so dass man als eindimensionaler Mensch ohne Denk- und Urteilsvermogen und ohne tieferes Verstandnis des Lebens bleibt. Auch die Bemuhung um eine moglichst prazise Sprache, wie sie in dem Buch um dem dementen Vater erkennbar wird, macht deutlich, wo Arno Geiger der Aufgabe eines guten Schriftstellers gerecht werden will, namlich so, wie es die amerikanische Erzahlerin und Literaturkritikerin Susan Sontag (1933-2004) einmal auf die Frage, was einen Schriftsteller ausmache, gefordert hat: "Er solle die Sprache lieben, um das richtige Wort ringen. Und aufmerksam sein fur die Welt" (Geiger, "Hinsehen macht leichter" 2). (21) Der alte Konig in seinem Exil kann als ein Buch uber Geigers kreativen Umgang mit der Alzheimererkrankung, mit dem Leben und auch als ein Buch uber die Menschenwurde betrachtet werden, das uns Zukunftshoffnung fur das Leben anbietet. So wird das Exil des alten Konigs--des alternden Vaters--, der sein Herrschen verloren hat, in einer neuen Qualitat begriffen, als eine andere, menschenwurdige Daseinsform, in der das Odium der Exil-Isolation aufgehoben ist. Mit dem Verstandnis fur seine Situation wird ihm, statt der vorschnellen Ausgrenzung, mit Respekt--und vielleicht sogar Ehrforcht--ein Platz in gesellschaftlichen Gefuge reserviert.

Notes

(1) Der Borsenverein des Deutschen Buchhandels gab die Auszeichnung am 17. Okt. 2005 bekannt. Der Deutsche Buchpreis soll alljahrlich zur Frankfurter Buchmesse die beste literarische Neuerscheinung im deutschsprachigen Raum pramieren; siehe http://www.Spiegel.de/kultur/ literatur/0,1518,380247,00.html (2012-01-15)

(2) Interview in Die Presse, 1. Okt. 2005.

(3) Es hat den Umfang von 45 Seiten und ist das langste Interview mit Arno Geiger; siehe "Der Schwamm ist leer, jedenfalls dort, wo man gedruckt hat". Werkstattgesprach mit Arno Geiger im Atelier. Autoren des Gesprachs Maribel Hart und Alexander Wolter. Herausgeberinnen: Sabine Doering und Monika Eden. Beitrage zur Poetik der Gegenwartsliteratur. Werkstattgespruche zur LiteraTour Nord 07. 2008: 5-50.

(4) Dieser Preis des Landes Baden-Wurttemberg wurde am 10. Mai 2008 verliehen. Der mit 10 000 Euro dotierte Preis wird in zweijahrigem Turnus Schriftstellern verliehen, die dem alemannischen Sprachraum oder dem Dichter Hebel verbunden sind. Die Jury zeichnete Geiger aus mit den Worten: "Einfuhlungsvermogen, Sprachkultur und Intelligenz"; siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 51, 29. Febr. 2008, 35.

(5) Arno Geiger erhielt 2011 den mit 20 000 Euro dotierten Friedrich-Holderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (Kulturtheater). Mit seinen Romanen und dem jungst veroffentlichten Vater-Bericht Der alte Konig in seinem Exil habe Geiger, so die Jury, unter Beweis gestellt, dass er in die erste Erzahlungsreihe der Gegenwartsliteratur gehore. "In der ersten Reihe. Arno Geiger erhalt Holderlin-Preis." Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 39, 16. Febr. 2011, 7.

(6) Am 10. Okt. 2011 in Limburg an der Lahn. Das Buch wird zu einem "auberordentlich wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion, der wir uns alle stellen mussen und ein Thema, das vor allem auch fur die Hospizbewegung und Palliativmedizin eine grobe Herausforderung bedeutet", so in der Pressemitteilung; siehe http://www.dhpv.de/ presseerklaerung_detail/items/2011_10_10_DHPV-Ehrenpreisverleihung. html

(7) Arno Geiger war siebzehn Jahre lang jeweils im Sommer Buhnenarbeiter bei den Bregenzer Festspielen; siehe "Hinsehen macht leichter. Arno Geiger erzahlt vom Buhnenarbeiter, vom Sehen und Gesehenwerden, von der Literatur und den Bregenzer Festspielen". Die Welt, Nr. 169, 22. Juli 2006, 2.

(8) Sigrid Loffler, "Die Suche nach dem verlorenen Vater". Falter 24, 10/11, 9. Marz 2011. Literatur Beilage "Bucher Fruhling 2011".

(9) Speziell mit Demenz befassen sich: Martin Suter, Small World. Zurich: Diogenes Verlag, 1997; Inge Jens, Unvollstundige Erinnerungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2009; Tilman Jens' Demenz. Abschied von meinem Vater. Gutersloh: Gutersloher Verlagshaus, 2009; oder ausserhalb des deutschsprachigen Raums Bucher wie Cyrille Offermans, Warum ich meine demente Mutter beluge, aus dem Niederlandischen von Walter Kumpmann. Munchen: Kunstmann, 2007; Yuichi Okano, Pekorosu Nohahani Ainiku, japanische Originalausgabe Tokyo: Nishinippon Shimbun, 2012; Chines. Ubersetzung: [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] Verfilmungen wie Amour (Regie und Drehbuch v. Michael Haneke 2012), in dem Alzheimer Erkrankung und aktive Sterbehilfe zum Inhalt werden, und auch Iris (Regie: Richard Eyre, 2001), ein Film uber die Geschichte des Verfalls der anglo-irischen Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch (1919-1999) durch die Alzheimer Krankheit, basierend auf der literarischen Vorlage: John Barley, Elegie fur Iris. Ubers. v. Barbara Rojahn-Deyk. Munchen: Beck, 2000 (English 1999).

(10) Einer der wenigen Aufsatze uber Arno Geigers Werk ist der von Ulrike Vedder: "Erblasten und Totengesprache. Zum Nachleben der Toten in Texten von Mariene Streeruwitz, Arno Geiger und Sibylle Lewitscharoff". Literatur im Krebsgang. Totenbeschworung und Memoria in der deutschsprachigen Literatur nach 1989. Hg. v. Arne de Winde und Anke Gilleir. Amsterdamer Beitrage zur neueren Germanistik. Bd. 64. Amsterdam: Rodopi, 2008: 227-241. Im Jahre 2012 erschien: Dirk Kretzschmar, "Alzheimertexte der deutschen Gegenwartsliteratur". Alter(n) in Literatur und Kultur der Gegenwart, hg. von Rudolf Freiburg und Dirk Kretzschmar. Wurzburg: Konigshausen und Neumann, 2012:117-145; 2013 erschienen ausserdem: Christina Dehler, Vergessene Erinnerungen die Auseinandersetzung mit Alzheimer-Demenz in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur am Beispiel von Martin Suters "Small World" im Vergleich mit Arno Geigers "Der alte Konig in seinem Exil", Bamberg: University of Bamberg Press, 2013; Marie Gunreben, "Das weise Alter: zur Neuinszenierung eines traditionsreichen Modells in deutschsprachigen Gegenwartstexten". Gegenbilder--literarisch, filmisch, fotografisch, hg. v. Corina Erk und Christoph Naumann. Bamberg: Univ. of Bamberg Press, 2013: 81-96; Die Diplom-Arbeit von der Universitat Wien von Stefanie Kahr, Demenzerkrankungen in der zeitgenossischen osterrei chischen Literatur, 2013. Leider konnte ich diese Publikationen fur die vorliegende Arbeit nicht mehr berucksichtigen.

(11) Es ist lohnend, in der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs Marbach die CDs zu horen und die DVDs anzuschauen, in denen Arno Geiger sich artikuliert.

(12) 2011 erschien die chinesische Ubersetzung des Buches in Taiwan: [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

(13) Arno Geiger, Der alte Konig in seinem Exil. Munchen: Hanser Verlag, 2011, 26. Die in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe, die mit AK gekennzeichnet ist.

(14) AK, 183. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung steht der Artikel "Eine unnotige Sterbehilfe-Debatte " von Arno Geiger; siehe FAZ, Sonntagszeitung, 31. Mai 2009. Nr. 22 (Politik 3).

(15) Autoren und Werke wie Eva Menasse: Vienna (2005); Arno Geiger: Es geht uns gut (2005); Erinnern und Vergessen spielen auch eine Rolle in Monika Marons oder in Uwe Timms Werken. Es sind Familien- und Generationenromane in der neueren Literatur uber Familienkonstruktionen und Familienidentitat, um nur einige Beispiele zu nennen.

(16) Wie beispielsweise Milan Kundera, Andrej Belyj, Franz Kafka, Thomas Bernhard, Julien Green, Jacques Derrrida, Marcel Proust, James Joyce, Felix Hartlaub, Susan Sontag u.a.

(17) Vgl. Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V an Arno Geiger, 19ff.

(18) Julia Schroder (StZ-Literaturredakteurin). "Schone Schnappschusse". "Betrifft"--Reihe: Arno Geiger kommt heute ins Literaturhaus. Arno Geiger spricht uber Fotos. Uber den Menschen und Fotos unterhalt Arno Geiger sich im Anschluss an seinen Vortrag mit der StZ-Literaturredakteurin Julia Schroder und dem Publikum; Stuttgarter Zeitung, Nr. 218, 17. Sept. 2008, 30.

(19) "Meinung--Arno Geiger uber gute Grunde zu schreiben." Borsenblatt, 2006, 26, 11.

(20) Der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ehrt Schriftsteller, die sich der wichtigsten Themen unserer Zeit annehmen, "die uns heute auf den Nageln brennen", so Christine Lieberknecht in ihrer Ansprache: "Verwurzelung in der Geschichte und Gegenwart, verlorene und neu gewonnene Heimat, Erinnerungsarbeit und Liebesbeziehung, Menschenwurde und die Gestaltung einer freiheitlichen zivilen Lebensweise". C. L., "Ansprache", 12.

(21) Geiger, 2006, 2. Wo das Bemuhen um prazise Sprache am ehesten erkennbar wird, das sind die Reflexionen des Erzahlers oder das Aufbrechen von Klischees durch eine sprachliche Entlarvung. Ein Beispiel ware etwa: "Die Konvention verlangt, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man beschlieBt, ein enges Familienmitglied ins Heim zu geben" (AK 133). Geiger sagt nicht, dass man ein schlechtes Gewissen hat, sondern das erwartet wird, dass man ein schlechtes Gewissen zu haben hat und das man das selbst sogar so verinnerlicht. Sprache dringt durch die konventionelle Oberflache, sie entlarvt--Klischees, Vorurteile, Allgemeinplatze, festgefahrene Konventionen etc.

Benutzte Literatur

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--. "MENSCHEN--Fragebogen--Arno Geiger--13 Antworten des Buchpreistragers". Borsenblatt: Wochenmagazin fur den deutschen Buchhandel; Frankfurt am Main und Leipzig. Frankfurt, M.: MVB Marketing- und Verl.-Service des Buchhandels, Bd. 172, 52, 2005. 25.

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[Received 9 May 2014; accepted 21 Jun. 2014]

Luzia Mei-ling Wang is professor in the Department of German at Fu Jen University. She holds a Ph.D. degree from Friedrich-Wilhelms-University of Bonn, Germany. Her research focuses on China as Symbol in German Literature, German Literature in the Age of Emperor William II., Youth in German Literature, Alcoholism and Heredity in the works of the naturalistic Period, Dying and Death in German Literature 19th-20th Century, Max Frisch, W. G. Sebald, Arno Geiger, and Contemporary German Literature.
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Author:Wang, Luzia Mei-ling
Publication:Fu Jen Studies: literature & linguistics
Date:Jul 1, 2014
Words:6207
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