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Kaesler, Dirk. Max Weber. Preusse, Denker, Muttersohn. Eine Biographie.

Kaesler, Dirk. Max Weber. Preusse, Denker, Muttersohn. Eine Biographie. Munich: C. H. Beck, 2014. 1007 pp. 38.00 [euro] (hardcover).

Punktlich zum 150. Geburtstag Max Webers am 21. April 2014 legte Dirk Kaesler seine lang angekundigte grosse Biographie vor. Es ist ein massloses, aus der Form geratenes Buch von 1000 Seiten, geschrieben in einem teils grausam unbeholfenen, teils peinlich pathetischen Deutsch, das die Lekture zu einer Qual macht. Aber man erfahrt in dieser grossen "Erzahlung" mancherlei neue Details aus dem Leben Webers und seiner Familie und muss dem Autor fur seinen langjahrigen Sammlerfleiss Respekt zollen. Einige Deutungen zentraler Texte Webers, die Kaesler in ebenso langen wie langweiligen Paraphrasen ohne Problembewusstsein nachzeichnet, uberraschen durch den Mut zur Eigenwilligkeit. Immer wieder grenzt Kaesler seine "vermeintlich allwissende Erzahlerstimme" vom polyphonen Chor anderer Weber-Forscher ab. Sehr ausfuhrlich lasst er zudem viele Stimmen aus Webers Leben ertonen, "die uber die Hauptfigur berichten, allen voran die Stimme seiner Ehefrau, Marianne Weber" (11). Deren erstmals 1926 erschienenes "Lebensbild" ist neben Webers eigenen Veroffentlichungen und den im Rahmen der kritischen Gesamtausgabe gedruckten Briefen Kaeslers wichtigste Quelle. Mit grosser Intensitat stutzt er sich zudem auf die reichlich vorhandene Sekundarliteratur. Allein das Verzeichnis der von ihm benutzten Forschungsliteratur umfasst uber 50 Druckseiten. Allerdings hat sich der Autor im Umgang mit den Leistungen anderer fur ein hochst fragliches, wenig serioses Vorgehen entschieden. Bisweilen nennt er die Namen von Weber-Forschern, auf die er sich bei der Erstellung seines "Erzahltexts" stutzt, wie Wilhelm Flennis, Gunther Roth und Flubert Treiber. Aber er verzichtet darauf, die aus der weltweit boomenden Deutungsindustrie ubernommenen Behauptungen und Zitate pragnant, nach den ublichen wissenschaftlichen Standards nachzuweisen--mit einer eigenartigen Begrundung: "auch so soll zur aufmerksamen Lekture jener Arbeiten ermuntert werden, die mir gewissermassen als Zuarbeiten dienten" (1006). Auch fur die ausfuhrlichen, in Kursivsatz dargebotenen Quellenzitate gibt es keinerlei Belege. Auf knapp 1000 Seiten Biographie findet sich keine einzige Anmerkung. Man kann dies als akademisch illegitimen Mangel an Transparenz beklagen. Aber es mag auch ein Zeichen dafur sein, dass Kaesler seine grosse "Erzahlung" gar nicht als Wissenschaft, sondern als Unterhaltungsliteratur furs bildungsburgerliche Publikum versteht. Gangolf Hubinger, in der Nachfolge Wolfgang J. Mommsens einer der Herausgeber der grossen kritischen Gesamtausgabe, hat Kaeslers Vorgehen in einer in der Neuen Zurcher Zeitung vom 19. April 2014 erschienenen Rezension so beschrieben: 'Wer diese tausendseitige Biographie aufschlagt, sollte mit dem Kleingedruckten im Anhang beginnen. Aus stilistischen Grunden, steht dort, wurde fur diese Lebensschilderung darauf verzichtet, die Fundorte der Zitate nachzuweisen. Den wissenschaftlichen Wert des Werkes schmalert das gewaltig. Denn kaum zu prufen ist, was aus primaren Quellen geschopft und was aus zweiter und dritter Hand ubernommen wurde. Die Leser mussten, nicht anders als bei einem Plagiatsverdacht, Software einsetzen, um die exakten Nachweise zu finden. Ist das die Lekture der Zukunft?"

Gern benutzt Dirk Kaesler die Sprache des Theaters. Die "vielfaltigen Buhnen fur das Leben, das hier erzahlt werden soll, mussen vorbereitet, eingerichtet und beschrieben werden" (11). Auch will er die "entscheidenden sechs Buhnenbilder" (45) malen. So deutet er den grossen Salon der Ziegelhauser Landstrasse 17 als "geeignete Buhne" fur die vielfaltigen "sozialen Verpflichtungen" der Webers und spricht gar von der "Buhne des Heidelberger Milieus" (684). Auf seinen Buhnen will der Biograph ein "Spiel" inszenieren, und so beginnt er ganz klassisch "Vor dem Vorhang". "Max Weber ist nicht unser Zeitgenosse" (10), lautet die zentrale These dieses Prologs. Weber habe niemals ein Auto selbst gesteuert, sei wohl nur einmal im Leben Fahrrad gefahren und auch niemals mit einem Flugzeug geflogen. Sind dies hinreichende Kriterien dafur, Max Weber eine bleibende Aktualitat zur Deutung der Gegenwartsmoderne abzusprechen? Konnte es nicht sein, dass Zeitgenossenschaft nur wenig mit Fahrradfahren aber viel mit Problembewusstsein und analytischer Pragnanz zu tun hat? Warum wird Weber denn so intensiv gelesen, wenn er nur der Reprasentant einer vergangenen, fernen Epoche ist?

Nach dem Prolog wird der Vorhang geoffnet. "In diesem Spiel geht es um Leben, Schicksal undWerkeines preussischen Burgers in Deutschland im Zeitraum von 1864 bis 1920" (11). Mit allzu grosser Ausfuhrlichkeit entwirft Kaesler deshalb Buhnenraume, die die relevanten lebensweltlichen Kontexte Webers darstellen sollen. Doch hilft es zum besseren Verstandnis von Max Webers Werk und Leben, wenn seitenlang uber die Konstellation der europaischen Grossmachte im Geburtsjahr 1864 oder die Machtverhaltnisse in der Erfurter Stadtverordnetenversammlung berichtet wird? Oft wirken die Buhnen, die Kaesler zimmert, eher bruchig. Seitenlang berichtet Kaesler uber die Geschichte der kleindeutschen Reichsgrundung und die wirtschaftliche Lage Erfurts, wo Max Weber senior seit dem Herbst 1862 dritter bezahlter Stadtrat war. Gewiss ist es interessant zu erfahren, was der Vater in diesem Amte alles zu tun hatte und welchen Vereinen er angehorte. Aber braucht es zu Max Webers Vater uber 50 Seiten, auf denen vom Sohn niemals die Rede ist? Auch der Gewinn, den die sehr breite Darstellung der europaischen und speziell deutschen Welt um 1864 fur die Erfassung des intellektuellen wie politischen Profils des jungen Max Weber erbringen soll, bleibt gering. Kaesler zeichnet seinen "Fanatiker des Willens" bzw. seine "Ein-Mann-Wissenschaftsmaschine" als einen "Menschen zwischen den Zeiten," der kurz vor der kriegerischen Grundung des kleindeutschen Nationalstaats geboren wurde und bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bzw. dem Zusammenbruch des Kaiserreichs starb. Webers Lebenszeit sei eine Epoche dramatischen sozialen wie kulturellen Wandels gewesen. "Stellt man die inneren Bilder jener Welt, in die Max Weber hineingeboren wurde, neben die inneren Bilder jener Welt, die er verlassen musste, so spurt man, dass sich einmal mehr in der Geschichte der Menschheit die Figurationen ihrer vielfaltigen Verflechtungen radikal verandert hatten. Fast nichts mehr war 1920 so geblieben, wie es 1864 gewesen war" (37). Dies stimmt und ist doch zugleich nur eine Trivialitat. Moderne Gesellschaften zeichnen sich gegenuber traditionalen Gemeinwesen nun einmal durch eine fortwahrend sich beschleunigende Veranderungsdynamik aus. Es war gerade eine der faszinierenden Leistungen Max Webers, die das Leben der Individuen durchdringende harte Wirkungsmacht kapitalistisch zweckrationaler Modernisierung in ihren Widerspruchen und Ambivalenzen zu erfassen.

Auch nach dem Tod wird noch Theater gespielt. Seinem Prolog lasst Kaesler einige Seiten uber die Trauerfeier und Einascherung folgen. Marianne Weber hatte zunachst den langjahrigen Heidelberger Fachmenschenfreund ErnstTroeltsch gebeten, bei derTrauerfeier im Krematorium auf dem Munchner Ostfriedhof zu sprechen. Doch T roeltsch, neben seiner Berliner Professur damals Unterstaatssekretar im Preussischen Ministerium fur Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, musste als Mitglied der Preussischen Nationalversammlung am Tag derTrauerfeier, dem 17. Juni 1920, wichtige parlamentarische Beratungen uber die Neuregelung der Verfassung der evangelischen Landeskirche der alteren Provinzen Preussens leiten. Statt seiner hielten der mit den Webers befreundete Staatsrechtslehrer Karl Rothenbucher fur die Universitat und der Nationalokonom Lujo Brentano, Webers Vorganger auf dem Munchner Lehrstuhl fur--so die fur Weber gewahlte Bezeichnung--Gesellschaftswissenschaft, Wirtschaftsgeschichte und Nationalokonomie, fur die Bayerische Akademie der Wissenschaften, Gedenkreden. Der in Kiel Praktische Theologie lehrende Otto Baumgarten, Webers Lieblingscousin, der Max und Marianne am 20. September 1893 in der Dorfkirche zu Oerlinghausen getraut hatte, durfte nach dem Wunsch der Witwe weder eine Predigt halten, noch ein Gebet sprechen. Statt dessen ergriff, gegen alle burgerliche Konvention, die Witwe selbst das Wort, um von des Gatten hochster und kostlichster Gabe zu zeugen, "seiner Liebeskraft." Nach dem Bericht Eduard Baumgartens, eines Vetters zweiten Grades, erklarte Marianne, dass nicht allein sie, sondern auch "hier, neben mir, meine Freundin" diese "Liebeskraft" bezeugen konne. Gemeint war damit Else Jaffe, zu der Weber seit Ende 1917 eine hochst emotionsdichte, heftige Liebesbeziehung unterhielt. Das komplexe Thema der Ehe von Max und Marianne Weber sowie seiner Liebesbeziehungen zu der Pianistin Mina Tobler und eben zu Else von Jaffe-Richthofen will Kaesler mit Zuruckhaltung und Taktgefuhl behandeln. "Wir verzichten darauf, Einzelheiten der grossen Leidenschaft Max Webers fur Else Jaffe zu schildern" (913). Aber allzu geschwatzig wird dann doch ausfuhrlich daruber berichtet, dass Else die "grosse Liebe" (931) seines Lebens war.

Max Weber hatte den ersten, noch 1920 erschienenen Band seiner Gesammelten Aufsatze zur Religionssoziologie mit der neu bearbeiteten Studie "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" sowie dem grossen Aufsatz uber die Wirtschaftsethik des Konfuzianismus und Taoismus am 7. Juni 1920, also wenige Tage vor seinem Tod, "MARIANNE WEBER 1893 'bis ins Pianissimo des hochsten Alters'" gewidmet. Dies ist, wie Kaesler uberzeugend zeigt, eine Anspielung auf die beruhmte "Zwischenbetrachtung" in "Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen," in der Weber die elementaren Spannungen zwischen der "religiosen Bruderlichkeitsethik der Erlosungsreligionen" und der "geschlechtlichen Liebe," der "grossten irrationalen Lebensmacht" analysiert. Die erotische Beziehung deutet Weber hier als "den unuberbietbaren Gipfel der Erfullung der Liebesforderung," die "den direkten Durchbruch der Seelen von Mensch zu Mensch zu gewahren scheint, die als volle Einswerdung, als ein Schwinden des 'Du' gefuhlt wird und so uberwaltigend ist, dass sie 'symbolisch'--sakramental--gedeutet wird." Seiner Feier der ausseralltaglichen "geschlechtlichen Liebe" stellte Weber ein nuchtern pragmatisches Konzept der Ehe als "einer okonomischen Angelegenheit zur Sicherung der Frau und des Erbrechtes des Kindes" gegenuber. Kaesler deutet die Widmung fur Marianne als Bekenntnis zu einer "Gefahrtenehe," in der es gerade nicht um erotische Erfullung gegangen sei, die Widmung des zweiten Bandes "MINATOBLERzugeeignet" hingegen als ein Zeichen dafur, dass hier Sex im Zentrum der regelmassigen Besuche Max Webers bei seinem "geliebten Tobelchen" gestanden habe. Den dritten Band soll Weber "ELSE JAFFE-RICHTHOFEN zugeeignet" haben. In diesem Text uber das antike Judentum will Kaesler einen lebensgeschichtlichen Subtext finden konnen: Weber habe in der Schilderung der altisraelitischen Unheilspropheten ein Bild seiner selbst gezeichnet. Denn der Heidelberger Privatgelehrte habe im Krieg schon bald den Untergang Deutschlands vorausgesagt, sei aber nicht gehort worden.

Eigene Beachtung verdient der Untertitel, den Kaesler seinem opus magnum gegeben hat: Preusse, Denker, Muttersohn. Dies ist eine wahrlich originelle Trias. Gewiss, wer Weber liest, wird nicht bestreiten, dass er gedacht hat, also ein Denker war. Doch was berechtigt es, ihn als einen Preussen zu charakterisieren? Als Weber 1864 in Erfurt geboren wurde, gehorte die von Kaesler ausfuhrlich geschilderte Stadt in derTat zu Preussen. Aber ein begeisterter Preusse war Weber gewiss nicht. Das Verhaltnis zu Bismarck war durch eine komplexe Verbindung aus Respekt und entschiedener Ablehnung gepragt, und fur Wilhelm II., den eitlen Parvenu auf dem preussischen Thron, hatte Weber nur Verachtung ubrig. Man muss nur seine Kritik der ostelbischen Junker lesen, um seine tiefe Distanz gegenuber der Preussen bestimmenden politischen Kultur zu erkennen. Im sehr viel liberaleren Baden, insbesondere in Heidelberg, fuhlte Weber sich ungleich wohler als in Berlin.

Bleibt noch der Muttersohn. Gewiss, die emotionale Beziehung Webers zur uberaus frommen, gottesfurchtigen Mutter Helene war eng und dicht. Aber soll man ihn wirklich ein Muttersohnchen nennen? Kaesler geht sehr genau und umstandlich die Wege nach, auf denen aus dem hoch aufgeschossenen durren Gymnasiasten bald ein aufgedunsener, Unmengen an Bier und Schnaps in sich hineinschuttender schlagender Verbindungsstudent wurde. Auch beschreibt er die dadurch entstehenden Spannungen zwischen der sozialprotestantisch hoch engagierten frommen Mutter und ihrem altesten Sohn. Dennoch bleibt die von Volker Elis Pilgrim entlehnte Rede vom "entschiedenen Muttersohn" dunkel. Max Weber verehrte seine Mutter gerade wegen deren tiefer Religiositat. Er litt darunter, selbst "religios unmusikalisch" zu sein, zwar nicht "irreligios" oder gar "antireligios," aber unfahig, ahnlich wie die Mutter und die fromme Tante Ida Baumgarten in Strassburg Gefuhle furs Heilige, Numinose zu entwickeln. Auch war er eine "zerrissene," vielfaltig widerspruchliche Personlichkeit. Kaesler behauptet nun: "Die uberaus starke Bindung zu seiner Mutter liess ihn machtanfallig werden und legte seine Neigung zu Gewaltsamkeit fest. Helene Weber uberfrachtete ihren Erstgeborenen mit Erwartungen, mit uberreichlich 'Soll' und 'Muss', aber nicht mit sonderlich viel uneigennutziger Liebe" (690). Mehr noch: "Seine eigene Mutter liess die 'weiblichen' Seiten ihres Erstgeborenen nicht zur Entfaltung kommen" (690). Was immer mit diesen "weiblichen Seiten" gemeint sein mag--Kaesler meint wissen zu konnen, dass die dominante Mutter die "mannliche Geschlechtsidentitat" des Sohnes "vereitelt" habe. "Seine nachtlichen 'Storungen' und die damit verbundenen Pollutionen waren vermutlich nichts anderes als die Ergebnisse von--moglicherweise besonders haufiger--Selbstbefriedigung. Ein Muttersohn entwickelt leicht Identitatsprobleme, ein sexuelles Vakuum und eine virulente Gefuhlskalte, die alle Menschen bedrohen, die ihm zu nahe kommen" (691). Das "moglicherweise" ist vielsagend. Wo es keine Quellen gibt, rettet sich der Biograph in den Psychojargon. Zu Webers langjahrigen "erotisch-sexuellen Besuchen" (692) bei der 16 Jahre jungeren Schweizer Pianistin Mina Tobler fallt ihm ein, dass "neben der Sexualitat" "das starkste Bindeglied" zwischen den Geliebten "die Musik eines beruhmten Muttersohnes war: Richard Wagner" (691). Dies sei "vermutlich kein Zufall". Zu den vielen Widerspruchen in Kaeslers Deutung gehort es, dass er sich heftig von Joachim Radkaus psychohistorischer Biographie aus dem Jahr 2005 abgrenzt, selbst aber immer wieder zu wilden psychologistischen Spekulationen neigt. Im Kapitel uber den "Stammhalter" hatte er die Mutter gerade nicht als eine lieblos fordernde Frau gezeichnet, sondern von "hingebungsvoller mutterlicher Pflege" des fruh an Meningitis erkrankten Erstgeborenen und ihrem Hang zu "overprotection" gesprochen. Und an anderer Stelle "bot" "die wichtigste Frau in seinem Leben--seine Mutter--ihm jenen Halt und gefuhlsmassige Zuflucht, den das angstliche Kind ... so lebensnotwendig brauchte" (928). Was stimmt denn nun? Die uberfordernde oder hilfreiche Mutter?

Immer wieder sucht Kaesler die Grenzen des Wissenkonnens durch Assoziationen und nicht belegbare Behauptungen zu uberspielen. Wie will der Biograph wissen konnen, dass Weber 1903 in Rom auf dem Weg zur Bibliothek "das Gefuhl" hatte, "gerade hinsichtlich seiner eigenen Leistungskraft versagt zu haben" (523). "Der protestantische Geist, der auch ihm die Aufgabe stellte, in stiller Grosse ein bleibendes Werk zu schaffen, fuhrte ihn zum Nachdenken, das weit uber die wissenschaftliche Frage nach Ursachen, Erscheinungsformen und Auswirkungen des Kapitalismus hinausging" (523). Kann der protestantische Geist--was immer dies sein mag--einem religios Unmusikalischen Aufgaben stellen? In Webers brillanten Aufsatzen zur Methodenlehre der Sozialwissenschaften hatte der Biograph etwas uber den Unterschied zwischen pragnanter Analyse und willkurlicher Assoziation lernen konnen.

Es mag absurd erscheinen, bei einer Biographie von solcher Lange Fehlendes zu bemangeln. Aber selbst manch Wichtiges aus den Heidelberger Jahren berichtet Kaesler nicht. Die Bruche und Widerspruche seines Textes erwecken den Eindruck, als seien im Prozess des Kurzens, von dem der Autor spricht, auch einige elementare Informationen gestrichen worden. So nennt Kaesler Weber einen "notorischen Streithammel," der in "seiner tief sitzenden Gekranktheit" oft eine "enorme Energie" in Auseinandersetzungen mit Kollegen investierte. In der Tat war Weber, wie seine Ehefrau schrieb, ein "Mann von reizbarem Ehrgefuhl und ubersteigerten ethischen Anspruchen an sich und Andre und [...] zur Masslosigkeit disponirt." Oft war der Umgang selbst mit guten Freunden von Schroffheit und Rucksichtslosigkeit gepragt. Gleich mehrfach weist Kaesler daraufhin, dass Weber mit Freunden wie Troeltsch, Robert Michels und Georg Simmel gebrochen habe. Nur berichtet er nirgends davon, was jeweils der Anlass fur Streit und wechselseitiges Enttauschtsein war. Auch unterschlagt er, dass Weber und Troeltsch sich durch Vermittlung ihrer Ehefrauen nach einigen Jahren wieder versohnten.

Dirk Kaesler berichtet davon, "der Entschluss, mich an eine Biographie Max Webers zu wagen," sei 1995 gefallen (1006). So hat ihn das grosse Projekt fast zwanzig Jahre beschaftigt. Der Autor sieht in ihm sein eigentliches Lebenswerk. Aber er spricht selbst von "unserer bewusst verengten Sicht auf Max Weber" (517). Gewiss, jeder Biograph schreibt nur von einem partikularen, eben seinem individuellen Sehepunkt aus. Aber diesen Sehepunkt sollte man benennen, und man kann sich durch pragnante Begriffe und klare Problemdefinitionen die Grenzen allen biographischen Erzahlens reflexiv transparent machen. An genau jener begrifflichen Pragnanz, um die Max Weber immer wieder gerungen hat, mangelt es seinem allzu redseligen Biographen. Hans-Peter Muller hat in einer kritischen Besprechung des Buches in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. Marz 2014 auf eine bemerkenswerte Paradoxie hingewiesen: Kaesler kritisiert seine wichtigste Quelle, Marianne Webers "Lebensbild" aus dem Jahre 1926, als allzu hagiographisch. Aber er steht ihr an peinlich pathetischem Heroenkult in nichts nach. "Es ist eine feine Ironie," stellt Muller zurecht fest, "dass er, angetreten, die Person Max Webers zu entzaubern und damit den Bann zu durchbrechen, in den Marianne Weber ihren Gatten mit ihrem 'Lebensbild' geschlagen hatte, am Ende in der gleichen Ecke hagiographischer Verehrung landet wie Webers Ehefrau. Ein Genie fesselt eben." Aber ein Ratsel bleibt: Wieso zwanzig Jahre lang Arbeit an einer Weber-Biographie, wenn der Held gar nicht unser Zeitgenosse mehr ist?

FRIEDRICH WILHELM GRAF

Ludwig Maximilians University, Munich

Friedrich Wilhelm Graf has just retired from the Chair in Systematic Theology in the Protestant Theological Faculty at the Ludwig Maximilians University in Munich. His research has focused especially on the history of Liberal Protestantism and he is one of the leadings scholars on Ernst Troeltsch.
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Author:Graf, Friedrich Wilhelm
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Sep 22, 2014
Words:2648
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