Printer Friendly

In memoriam.

Erinnerungen an Rolf Peter Sieferle

1990 war es meine Aufgabe, fur den Studiengang Umweltnaturwissenschaften der ETH Zurich einen neuen Dozenten fur Umweltgeschichte zu finden. Der vorherige Lehrbeauftrage Dieter Groh aus Konstanz empfahl seinen fruheren Doktoranden Rolf Peter Sieferle, der auch zusagte. Schon in seiner ersten Vorlesung wurde ich Zeuge des Sieferle-Effekts: Vom zweiten Satz an gerieten die Horer(innen)in seinen Bann und kamen nicht mehr los davon. In freier, liebenswurdig-bescheidener Rede prasentierte Sieferle eine scharfsinnige Analyse der Jager- und Sammlergesellschaften, der agrarischen Fruh- und Hochkulturen sowie der industriellen Revolution bis in die Erdol- und Atomkraftzeit, samt deren energetischen, risikobezogenen und sozialen Voraussetzungen und Begleiterscheinungen.

Klarerweise durfte man einen solchen Polyhistor am Semesterende nicht einfach wieder ziehen lassen, den musste man an sich binden, am besten als Gastprofessor mit ordentlichem Honorar. Was dann auch geschah. AuBer in der Lehre wurde es auch wissenschaftlich zu einer fruchtbaren Zeit: Durch Ulrich Becks Schlusselbuch Risikogesellschaft war im Gefolge von Tschernobyl deutlich geworden, dass Staaten neben anderem auch dafur sorgen, dass die mit wissenschaftlich-technischen Neuerungen zwangslaufig verbundenen, meist mangelhaft verstanden Gefahrdungen nicht uberkritisch werden. Neben einer Kultur-, Finanz- und Sozialpolitik gibt es also auch so etwas wie eine Risikopolitik. Wo aber war diese Risikopolitik zum Beispiel im Umweltbereich? In den Siebziger- und Achtzigerjahren war man vordringlich damit beschaftigt, bereits eingetretene Schaden in den Gewassern, der Atmosphare, den Waldern und der Landschaft zu beseitigen. Fur die Erforschung noch nicht manifester, sondern nur moglicher Schaden hatte man weder Nerven noch Geld.

Forschung

Gemeinsam entwickelten wir die versicherungsmathematisch inspirierte Risikostrategie der Ruinvermeidung. Eines unserer Studienobjekte waren dieGabbra, ein Weidevolk im ariden Norden Kenias, das von der Schafzucht lebt. Infolge der Trockenheit sterben den Gabbra haufig die Mutterschafe weg, wobei zuerst die saugenden Tiere eingehen. Daher halten die Gabbra traditionell eine Anzahl weiblicher Schafe von den Bocken fern, sodass sie nicht trachtig werden. Selbst wenn alle saugenden Muttertiere eingehen, bleiben fur langere Zeit noch ungedeckte weibliche Tiere ubrig, mit denen die Herde nach dem Ende einer Trockenzeit allenfalls wieder aufgebaut werden kann. Die entscheidende Frage war nun, wie viele der weiblichen Tiere dazu jeweils abgesondert werden. Dazu hatte die britische Ethnologin Ruth Mace Anfang der 1990er Jahre umfangreiche Zahlungen bei den Gabbra vorgenommen, wobei sich herausstellte, dass nur die Besitzer groBerer Herden die Geschlechtertrennung praktizieren, bei Durreverlusten zumindest zeitweilig aber auch wieder aufgeben.

Sieferle war kein Mathematiker, aber ein Historiker ohne Beruhrungsangste mit der Mathematik. Fur drei Wochen begaben wir uns auf einen Steilkurs durch die Theorie der Irrwege, das Ruinproblem, die stochastisch-dynamische Planung. Bei den Gabbra stellte es sich heraus, dass sie einer Strategie folgten, bei der risikoabwehrendes Verhalten mittels Geschlechtertrennung und risikobereites Wirtschaften mit maximaler Vermehrung sich in der Weise abwechselten, dass die durchschnittliche Uberlebensdauer einer Herde--mit anderen Worten: der Zeitpunkt ihres Ruins--bei 15 bis 20 Jahren liegt. Zeit genug fur eine Hirtenfamilie, um die nachste Generation auf den Weg zu bringen. Auch wenn Sieferle nicht so weit kam, die Rechnungen selbst zu reproduzieren, spurte er doch ihre Musik. Und staunte mit mir, wie die Gabbra mit Hilfe einfachster Faustregeln und ohne jedes Rechnen die Essenz des mathematischen Arguments im Uberlebensmanagement ihrer Herden umsetzen.

Auf der Grundlage des Ruinkonzepts studierten wir den Portfolioeffekt in der Agrarwirtschaft des Mittelalters, die Uberlebensstrategien kleiner Vogel im Winter, den Untergang von Staaten wie dem alten Rom, wo im spaten Mittelalter die Schafe auf dem Forum Romanum weideten. Staaten sind komplexe, problemlosende Organisationen. Um ihre diesbezuglichen Fahigkeiten aufrechtzuerhalten, brauchen sie eine Wirtschaft, die zuverlassig Uberschusse produziert. Das aber geht auf die Dauer nur durch Innovationen, die mit Risiken verbunden sind. Um die zu beherrschen, braucht es Innovationen der nachsten Generation, die ihrerseits wieder mit Risiken verbunden sind. Diesen Mechanismus bezeichneten wir als ,,Risikospirale". Er ist bis heute die treibende Hauptkraft hinter der nachneolithischen Evolution. Unsere Arbeit gipfelte 1996 in einem gemeinsamen Essay fur GAIA uber Risiko, Ruin und Uberleben in primitiven Gesellschaften (GAIA 5, S.135-143),der durch Illustrationen von Gonick und Crumb aus Sieferles Comic-Bestanden zu ganzlich unakademischer Anschaulichkeit gelangte.

Vermachtnis

Wahrend seiner Zurcher Gastprofessuren war Sieferle ein gern gesehener Gast bei Wanderungen und Abendveranstaltungen mit meiner Zurcher Studienstiftungsgruppe. Er liebte die Geselligkeit und war Tafelfreuden zugetan.Wie jeder Denker auf der Hohe seines analytischenVermogens und seiner Einsichten war er gleichwohl einsam: ein kuhler Analytiker, der unangenehmen Gegenstanden nicht auswich, nie moralisierte und konsequent zu verstehen suchte, wo andere schon urteilen. Wo stunden die Universal-, die Ideen- und die Umweltgeschichte ohne seine Arbeiten? Uber deren Wirkung machte er sich allerdings nichts vor: ,,Wenn heute einer die Wahrheit sagt, erhoht er nur den Gerauschpegel". Des ungeachtet hat er bis zuletzt mit hoher Intensitat an seinem wissenschaftlichen Vermachtnis gearbeitet.

Zum Schicksal wurden ihm Gesundheitsprobleme, darunter der drohende Verlust der Lesefahigkeit. Und auch die Wirrnisse der gesinnungsethisch dominierten, historisch nicht zu verantwortenden Migrationspolitik, in der er den Anfang einer Entwicklung konstatierte, die den europaischen Sonderweg, diesen in vielem einzigartigen Zwischenfall der Menschheitsgeschichte, irgendwo im Nirgendwo sich verlaufen lasst.

In Heidelberg liegt Sieferle auf dem Bergfriedhof, unweit der Dichterin Hilde Domin und des Reichsprasidenten Friedrich Ebert, in gleichsam vorweggenommener, symbolischer Anerkennung seines Rangs. Denn die Stunde seines Werks konnte noch kommen. Die geplante Ubersetzung seiner zahlreichen Bucher ins Englische wird dabei eine Rolle spielen, denn er, der glanzende deutsche Stilist, wollte zeitlebens nicht ,,mit Steinen unter der Zunge reden". Eine deutschsprachige Gesamtausgabe ist andiskutiert, die Hinterlassenschaft an nicht veroffentlichten Manuskripten gesichert. Und spatestens seit dem fulminanten Essay der Journalistin Franziska Augstein (Frankfurter Allgemeine Zeitung,04.11.1997, S.L13) weiB auch das breitere Publikum, dass da ein Ausnahmekonner an der Arbeit war.

Ulrich Muller-Herold ETH Zurich und Verein Gaia

ZUM TOD VON ROLF PETER SIEFERLE

Interdisziplinare Universalgeschichte als Berufung

Rolf Peter Sieferle, 1949 in Stuttgart geboren, gestorben 2016 in Heidelberg, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie an den Universitaten Heidelberg und Konstanz, wo er 1977 bei Dieter Groh promovierte. Er war Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, danach ab 1991 Professor an der Universitat Mannheim. Als Gastprofessor war er in Zurich (ETH) und Wien tatig. Ab 1995 leitete er den historischen Forderschwerpunkt der Breuninger Stiftung, bis er ab dem Jahr 2000 als standiger Gastprofessor an der Universitat St. Gallen lehrte. Hier wirkte er von 2005 bis 2015 als Ordentlicher Professor fur Allgemeine Geschichte.

Mit seinem ersten umwelthistorischen Werk Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution setzte er bereits 1982 ein starkes Zeichen fur die Berucksichtigung der energetischen Schranken gesellschaftlicher Entwicklung. Sein Interesse fur groBe Zusammenhange wurde in seinem universalgeschichtlichen Essay Ruckblick auf die Natur ebenso deutlich wie in der von ihm fur die Breuninger-Stiftung kuratierten Reihe zum europaischen Sonderweg, dessen Ursachen und Faktoren er auch kulturvergleichend interpretierte.

Rolf Peter Sieferle war ein umfassend gebildeter Gelehrter, der die internationale Literatur rezipierte. Der von ihm bei Suhrkamp 1988 herausgegebene Sammelband Fortschritte der Naturzerstorung mit Beitragen unter anderem von Willam TeBrake, Donald Worster und Clarence Glacken brachte wichtige internationale Debatten in die deutschsprachige Welt. Im abschlieBenden Essay dieses Bands skizzierte Sieferle ein interdisziplinares Programm fur die historische Umweltforschung. Diese Ausrichtung brachte ihn auch in inhaltliche Nahe zu GAIA, jener Zeitschrift, die er trotz seiner Abneigung gegen Konferenzen und Gremien uber 15 Jahre als Mitglied des Herausgebergremiums, anschlieBend im Beirat sowie ab 2000 auch im Vorstand des Vereins aktiv begleitete. Seine inhaltliche Breite ging nie auf Kosten der Tiefe der Durchdringung des Gegenstands. So ist auch sein fur den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveranderungen erstelltes Gutachten Lehren aus der Vergangenheit (2010) das Testament eines unbestechlichen Denkers, der den Blick in die Vergangenheit um der Zukunft willen warf. So soll diese Wurdigung mit seinen eigenen Worten enden:

,,Der Ubergang zu einer ,klimafreundlichen Gesellschaft' muss als Element eines umfassenderen Ubergangs verstanden werden, der aus der strukturellen Nicht-Nachhaltigkeit herausfuhrt, in die die Menschheit im Zuge der Industrialisierung geraten ist. Es geht also um nichts weniger als die Formierung eines auf Dauerhaftigkeit angelegten sozialmetabolischen Regimes, in dessen Rahmen zugleich politische, soziale und kulturelle Standards erhalten und weiterentwickelt werden sollen, wie sie sich in den letzten 200 Jahren gebildet haben."

Verena Winiwarter Alpen-Adria-Universitat Klagenfurt, Hauptherausgeberin von GAIA

Zu den wichtigsten Werken von Rolf Peter Sieferle zahlen:

* Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution (C.H.Beck, 1982)

* Englische Ausgabe: The Subterranean Forest: Energy Systems and the Industrial Revolution (White Horse Press, 2001)

* Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart (C.H. Beck, 1984)

* Bevolkerungswachstum und Naturhaushalt. Studien zur Naturtheorie der klassischen Okonomie (Suhrkamp, 1990)

* Ruckblick auf die Natur. Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt (Luchterhand, 1997)

* Der Europaische Sonderweg. Ursachen und Faktoren (Breuninger Stiftung, 2000, 2., erweiterte Auflage 2003)

* Lehren aus der Vergangenheit fur die Transformation zu einer klimafreundlichen Gesellschaft (WBGU, 2010)

* 12 Fragen an... Rolf Peter Sieferle (GAIA, 2012), frei zuganglich unter

www.oekom.de/zeitschriften/gaia/12-questions-to.html
COPYRIGHT 2016 OEKOM Publishing GmbH
No portion of this article can be reproduced without the express written permission from the copyright holder.
Copyright 2016 Gale, Cengage Learning. All rights reserved.

Article Details
Printer friendly Cite/link Email Feedback
Title Annotation:GAIASKOP
Author:Muller-Herold, Ulrich
Publication:GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society
Article Type:Obituary
Date:Dec 1, 2016
Words:1441
Previous Article:People.
Next Article:12 fragen an... 12 questions to...

Terms of use | Privacy policy | Copyright © 2019 Farlex, Inc. | Feedback | For webmasters