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Hochholdinger-Reiterer, Beate. Kostumierung der Geschlechter. Schauspielkunst als Erfindung der Aufklarung.

Hochholdinger-Reiterer, Beate. Kostumierung der Geschlechter. Schauspielkunst als Erfindung der Aufklarung. Das achtzehnte Jahrhundert: Supplemata, Vol. 18. Gottingen: Wallstein Verlag, 2014. 471pp. 49.90 [euro] (hardcover).

Seit der Veroffentlichung von Judith Butlers Gender Trouble (Das Unbehagen der Geschlechter, 1990-91) gilt gender performativity als Stichwort fur die Konstruiertheit des Geschlechts und die Erzeugung von Geschlechtsidentitaten durch verschiedene Strategien der Selbstinszenierung, sowohl auf der Buhne als auch im Alltag. In Kostumierung der Geschlechter. Schauspielkunst als Erf indung der Aufklarung (201-4) tragt die osterreichischeTheaterwissenschaftlerin Beate Elochholdinger-Reiterer zur weiteren Historisierung dieses Begriffs bei, indent sie argumentiert, dass die Performativitat von Geschlechtsidentitaten auch fur das Theater der Aufklarung im deutschsprachigen Raum konstitutiv war. In dieser hervorragenden Studie wird die "Kostiimierung" im Theater des 18. Jahrhunderts auf ihre Funktion als historische Praxis einerseits und als Strategic der Inszenierung von Geschlechtsdiskuren andererseits hin analysiert. Das Theater und das Geschlecht wurden gleichzeitig "erfunden", so die These; die Stilisierung des Theaters zu einer "freien Kunst" im 18. Jahrhundert geht mit der Neu-Codierung bzw. Polarisierung der Geschlechter einher. Methodologische Orientierungspunkte schliessen sowohl die "ideologiekritisch ausgerichtete Geschlechterforschung" (36-37), u.a. der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, als auch soziologische Leitbegriffe z.B. von Pierre Bourdieu (habitus, hexis) und den schon erwahnten Performativitatsbegriff von Judith Butler ein. Solche Kategorien eroffnen die Perspektive eines "radikalen Konstruktivismus", der eine produktive kritische Auseinandersetzung mit tradierten Denkmustern der Theaterhistoriographie ermoglicht.

Die Studie ist in die folgenden vier Sektionen unterteilt: "Geschlechterkostumierung", "Mundlichkeit und Schriftlichkeit", "Vaterfiguren und Storfaktoren", "Nation und Erbe". Das Konzept der "Kostiimierung" als "Analysekategorie" wird in dem ersten Teil, anhand von zahlreichen Beispielen aus historischen Quellen, sorgfaltig entwickelt. Hierzu gehoren nicht nur Strategien der Verkleidung, sondem auch der "Verschleierung", mittels deren das Geschlecht auf der Biihne inszeniert wird. In Anlehnung an Thomas Laqueurs Making Sex wird die These eines Ubergangs "vom sogenannten Ein-Geschlecht zum Zwei-Geschlechter-Modell" im Laufe des 18. Jahrhunderts aufgestellt (13). Statt als soziale oder politische Unterschiede gedacht zu werden, wurden die Geschlechterunterschiede nunmehr als biologische und psychologische Wirklichkeiten verstanden und dementsprechend "naturalisiert". Parallel dazu verlief auch die Reduzierung der "theatrale[n] Mannigfaltigkeit" in dem "gereinigten" Theater der Aufklarung, dessen institutionelle Strukturen sich bis in die heutige Zeit bewahrt haben (18-19). Das "Theater der Sinnlichkeit" wurde durch ein Theater der Sittlichkeit" ersetzt; das "eine" Theater der Aufklarung definierte sich als Gegenpol zum chaotischen, auf sinnliches Vergnfigen und visuellen Reiz zielenden "anderen" Theater der Vormoderne.

Die Geschichte des "einen" Theaters der Aufklarung ist in erster Linie als ein Prozess der "Verschriftlichung" zu verstehen, so die Autorin; die Neu-Codierung der Geschlechter sei wiederum als unumgangliche Konsequenz dieser "Verschriftlichung" zu betrachten. In Anlehnung an die kultur- und medienhistorischen Arbeiten von Jan Assmann und Christina von Braun, zeigt Hochholdinger-Reiterer, wie die "Differenzierung zwischen sex und gender "in der aufkommenden Schriftkultur des spaten 18. Jahrhunderts "bis zur Ununterscheidbarkeit fiberlagert" wurde (75). Die Rationalisierung des Theaters verlaufe "in frappanter Analogic" zu dem Aufkommen der Schrift, die ihre eigene Konstruiertheit ais Natiirliches oder Gegebenes stets zu verschleiern sucht (96). Erst in der geschlechterspezifischen Metaphorik der "Liebesehe" wurde die Annaherung zwischen logos und mimus endlich besiegelt. Folglich wurde "das ,eine', das literarische Theater [...] zum mannlich codierten, das ,andere', das korperbetonte, illiterarische zum weiblich codierten" (112). Letzteres sei ausserdem als "Rest oraler Kultur" zu betrachten, die im 18. Jahrhundert zunehmend verdrangt wurde. Zur" Verschriftlichung" des Theaters gehoren die Literarisierung des Repertoires, die Verbreitung schriftlicher Kommunikation fiber das Theater (wie etwa durch Theaterperiodika),die theoretische Suche nach einer "Grammatik" des Theaters, und die Festlegung theatralischer "Gesetze", wie z.B. im Rahmen der 1753 von Conrad Ekhof gegriindeten "Academic der schonemannschen Gesellschaft".

In der zweiten Halfte der Studie werden einige "Grundungsmythen" und Denkmuster der Theaterhistoriographie aufs Korn genommen, unter anderem die nachtragliche Stilisierung von Conrad Ekhof (1720-1778) zum "Vater der deutschen Schauspielkunst". Wie die Autorin zu Recht feststellt, fehlt dieser Beiname in keiner Publikation fiber Ekhof; allerdings wurde "das Attribut eines Vaters" zu Ekhofs Lebzeiten noch nicht angewandt (144). Erst nach seinem Tod sei ein "Vater-Kult" um Ekhof im Rahmen eines mittels Schauspielerportrats, Gedichten, und Nachrufen verbreiteten "Kultus der Schauspielkunst" entstanden (220). Die Rezeption Ekhofs in der Presse des 18. Jahrhunderts als rationale Vaterfigur ermoglichte schliesslich eine Neuinterpretation der Theatergeschichte im Zeitalter der "Verschriftlichung": "fiber die Schrift und fiber Sohne, also theoretisch-abstrakt und patrilinear" (147). In der Theaterhistoriographie des 19. und 20. Jahrhunderts lebte dieser Mythos uneingeschrankt weiter, da die Legitimitat von Quellen aus dem 18. Jahrhundert wegen ihrer "Zeitgenossenschaft" gewohnlich nicht in Frage gestellt wurde. In diesem patriarchalischen Schema konne die Schauspielerin nur noch als "Storfaktor" gelten. Wahrend Figuren wie Ekhof mit der Ideologic des "Verstandesschauspiels" identifqiziert wurden, wurde das Irrationale, Triebhafte, Sinnliche an der Schauspielkunst zunehmend auf Frauen projiziert --ein Prozess, der nach 1900 in der Charakterisierung von Schauspielkunst ais "weiblich" (von Georg Simmel und anderen) mundete (222-23).

In der herkommlichenTheaterhistoriographie ist auch bis in jungste Zeit ein fast ausschliefilicher Fokus auf die "Nationalisierung" des Theaters im 18.Jahrhundert zu betrachten. Auch dies wird hier einer heftigen Kritik im Sinne des radikalen Konstruktivismus unterzogen: Bei einer solchen "Fokussierung auf die Nationaltheater-Bewegung", deren Bemuhungen nachtraglich zum "Erbe" stilisiert werden, wurden die "Ausschluss- und Abgrenzungsmechanismen" des "einen" Theaters schlussendlich beispielhaft fur die Geschlechterkodierungen im modernen Zeitalter (282). Dass die Teilnahme von Frauen (wie z.B. Friederike Sophie Hensel in Hamburg) an solchen Projekten in der Theaterhistoriographie weitgehend ais Intrige wahrgenommen wurde, ist ein weiterer Beweis fur die Wahrnehmung der Frau als "Storfaktor" im Theaterbetrieb, dessen Leitung zunehmend mannlichen "Kulturmanagern" angetraut wurde, die selber wenig mit der Arbeit auf der Buhne zu tun hatten. So uberrascht es nicht, dass das Selbstbild des "nationalen" Theaters oft geschlechterspezifisch konnotiert wird, wie etwa in Wilhelm von Humboldts Aufsatz "Ueber die gegenwartige Franzosische tragische Buhne" (1800), in dem die Manieriertheit der franzosischen Buhne mit der eher mannlich kodierten deutschen Schauspielkunst kontrastiert wird (319-20). Die Ubertragung solcher Ideen auf die Theaterhistoriographie wird von der Autorin auch weitgehend kritisiert: unter anderem zeigt sie im vierten Teil, wie nationalistisches Gedankengut auf die "moderne" Theaterwissenschaft der Nachkriegszeit ubertragen wurde, etwa in Heinz Kindermanns Theatergeschichte Europas, die bis ins 21. Jahrhundert als Standardwerk der Theaterhistoriographie gait.

Nicht zuletzt zeichnet sich die Studie Kostumierung der Geschlechter durch ihre Reflexionsqualitat aus, die einige altbewahrte Denkmuster der Theaterhistoriographie ins Wanken bringt. Die Autorin zeigt zu Recht, wie die unreflektierte Widergabe misogyner Klischees zur globalen Charakterisierung von Schauspielerinnen als "Intrigantinnen" sowie zur volligen Ausblendung der Teilnahme von Frauen am Theaterbetrieb im 18. Jahrhundert fuhrte. Gleichzeitig werden einige ebenfalls beliebte Denkmuster der feministischen Literatur- und Kulturwissenschaft unter die Lupe genommen; zum Beispiel lehnt die Autorin die "Ausschlussthese" der 80er Jahre ab, nach der die Aufklarung lediglich als Mittel zum Ausschluss der Frauen aus der Offentlichkeit zu sehen ware. Stattdessen pladiert sie fur eine verstarkte kritische Auseinandersetzung mit der kunstlerischen und literarischen Tatigkeit von Frauen vor dem Hintergrund der Entwicklung neuer Geschlechtsnormen im 18. Jahrhundert. So gesellt sich ihr Projekt zu einigen wichtigen, nach 2000 erschienenen Studien, in denen von "Handlungsspielraumen" von Frauen im 18. Jahrhundert die Rede ist, wie etwa der gleichnamige Sammelband von Julia Frindte und Sigrid Westphal oder auch Anne Fleigs Arbeiten zur weiblichen Autorschaft um 1800. Hochholdinger-Reiterers nuancierter, kritischer Umgang mit solchen sozialhistorischen und kulturwissenschaftlichen Fragen ist in der Tat beispielhaft. Somit bahnt sie den Weg fur weitere Studien, die wichtige Fragen zur Kultur--und Sozialgeschichte des Theaters wie etwa Fragen zur Sakularisierung und "Kapitalisierung" des Theaters im 18. Jahrhundert--naher ins Auge fassen konnten.

MARY HELEN DUPREE

Georgetown University
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Author:Dupree, Mary Helen
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Sep 22, 2016
Words:1219
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