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Fauser, Markus, ed. Gotthold Ephraim Lessing.

Fauser, Markus, ed. Gotthold Ephraim Lessing. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008. 237pp. 39.90 [euro] paperback.

Ob zu Lessing nicht schon alles gesagt sei, sei eine wiederholt vernehmbare Klage, schreibt Markus Fauser zu Beginn seiner Einleitung zum vorliegenden Sammelband Gonhold Ephraim Lessing. Fausers Publikation stellt sich dieser Klage doppelt entgegen, da sie das zu Lessing bereits Gesagte, namlich bekannte Veroffentlichungen, die wahrend der letzten zwei Jahrzehnte erschienen sind, den Lesern erneut vorlegt. Diese Aufsatze hatten sich, so der Herausgeber, sowohl durch die Aufarbeitung der Forschungstradition, als auch durch ihre Anschlussfahigkeit als brauchbar erwiesen, sie bereiteten einen Zugewinn fur die Diskussionen der Zukunft vor. Die Autoren und Autorinnen sind bekannte Wissenschaftler/innen, die uberwiegend wahrend der 1990er Jahre Neue Wege der Forschung, so der Titel dieser Reihe, zum Werk Lessings aufzeigten.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, sondern eher zu begrussen, dass relevante Aufsatze eines gewissen Forschungszeitraums erneut veroffentlicht werden. Die Auswahl wird bei solchem Vorhaben unumganglich nach gewissen subjektiven Kriterien erfolgen. Fauser hat wichtige Beitrage in seinen Band aufgenommen, die teilweise schon anerkennend in der Fachliteratur rezensiert wurden. Moglicherweise ware ein Untertitel wie "Wege der Forschung" eher angebracht als "Neue Wege der Forschung" der vom Verlag vorgegebene Titel der Reihe--da die Recherchen zu einigen Aufsatzen bereits aus den 1980er Jahren stammen. Diese bekannte WBG Reihe bietet, so verspricht es der Verlag, einen Uberblick uber elementare Forschung zu zentralen Themen an. Einige Sammelbande (siehe Kleist Band) liefern auch zusatzlich Forschungsberichte zu verschiedenen Themen und Zeitraumen.

Inhaltlich ist der vorliegende Sammelband fur die Lessing Wissenschaft eine Bereicherung. Von den profund recherchierten Aufsatzen von Hugh Barr Nisbet, Gunter Sasse, Karl Eibl, Monika Fick, Alexander Kosenina, Wilfried Barner, David Wellbery, Ingrid Strohschneider-Kohrs, Friedrich Vollhardt und Volker Leppin sind zweifelsohne neue Impulse ausgegangen. Besonders hervorzuheben fur den unmittelbaren Einfluss ist hier der Beitrag von H.B. Nisbet, dessen Aufsatz "Probleme der Lessing-Biographie" (Erstveroffentlichung 2005) ohne Zweifel unter "Neue Wege der Forschung" einzureihen ist. Nisbet gibt uns darin einen guten Vorgeschmack auf seine soeben erschienene, mit Vorfreude erwartete, umfangreiche Lessing Biographie.

In Fausers Band liegt demnach einem Fachpublikum gebundelte Lessingforschung der letzten zwei Jahrzehnte, die auch eine gute Aufarbeitung der Forschungstraditon zu Lessing mitliefert, vor. Institutionalisierte Texterklarungsmuster werden in den meisten Aufsatzen, ganz im Sinne subtiler Lessingscher Mehr fachre flexion, vermieden. Interdisziplinares Vorgehen, Neuansatze im Bereich Anthropologie und Literatur, Theologie und Polemik, im Bereich der asthetischen Theorie und Reprasentationstheorie, der Ausdruckskunst und der psychologisierenden Schauspielkunst weisen den Weg ins 21. Jahrhundert und vermitteln den Lesern, dass Lessings Werk und seiner Biographie--Lessing selbst haben immer "Zwischenwelten" angezogen--in Zwischenwelten begegnet werden muss. Dies geschieht u.a. durch das Herantasten an das gelebte Aussenseitertum Gotthold Ephraim Lessings (Nisbet), durch Auseinandersetzung mit "Verworrenen Perzeptionen," das heisst mit dem Galottischen Erkenntnisvakuum, das sich durch die dualistische Auffassung des Verhaltnisses von Sinnlichkeit und Vernunft auftut (Fick), durch Aufzeigen von Lessings dramaturgischem Denken, mit dem der Theaterpraktiker Lessing den Aristoteles Scholastikern begegnet (Barner), durch die Prasentation des Lessingschen Entwurfs einer neuen Ethik im Medium dramaturgischer Erorterungen (Eibl), durch die Untersuchung der angemessen differenzierenden "parabolischen Asthetizitat" in Lessings Nathan (Strohschneider-Kohrs), durch den Verweis auf die Verbindung von Lessing und der zeitgenossischen Apologetik (Vollhardt). Wie die kurze Skizzierung dieser ausgewahlten Ansatze zeigt, richtet sich die perspektivenreiche Darstellung der Einzelarbeiten allein an ein Fachpublikum. Dies steht in Widerspruch zu Fausers Versprechen, dass die Auswahl der Aufsatze die Benutzbarkeit fur breitere Leserkreise berucksichtige. Diese Annahme, die sich ebenso darauf beruft, dass sich die Deutungen auf die bekannteren Dramen bezogen, ist nicht ganz nachvollziehbar, da es sich hier einerseits um detaillierte Lessingforschung handelt, die zur Vorbereitung im germanistischen Haupt- und Oberseminar nicht fehlen darf, in diesen Seminaren aber nicht nur kanonisierte Texte analysiert werden. Am Rande ist noch zu erwahnen, dass kurze Angaben des Herausgebers in Fussnotenform kleinen Unschicklichkeiten hatten entgegenwirken konnen. So wird als "heutige" Wahrung die DM ubernommen (55), und in der Neuveroffentlichung unreflektiert behauptet, dass Arno Schilson "jungst" (204) einen Versuch unternommen habe [...]--eine Aussage, die in Volker Leppins Studie von 1999 sinnvoll erscheint, nach dem Tod Schilsons im Marz 2005 den Leser von 2008 jedoch etwas irritiert.

Uberaus hilfreich ist die Auswahlbibliographie, die Markus Fauser am Ende seines Bandes zusammengestellt hat. Er knupft hier an den von Doris Kuhles bearbeiteten Zeitraum an (Lessing-Bibliographie 1971-1984) und liefert seinem Publikum einen soliden Uberblick (1985-2006) in einer Auflistung von Werkausgabe(n), (hier wird lediglich Wilfried Barners Edition angefuhrt, deren Publikation in den von Fauser bearbeiteten Zeitraum fallt), von Bibliographien, Forschungsberichten, Biographien, Handbuchern, Monographien, Sammelbanden und Aufsatzen zu Gotthold Ephraim Lessing. Diese benutzerfreundliche Bibliographie verleiht Fausers Band zusatzliche Bedeutung.

BARBARA FISCHER

University of Alabama
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Author:Fischer, Barbara
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Jun 22, 2009
Words:754
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