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Elga Kagaine, Lokalie somugrismi latviesu valodas Ziemelrietumvidzemes izloksnes.

Elga Kagaine, Lokalie somugrismi latviecsu valodas

Ziemelrietumvidzemes izloksnes, Riga, LU Latviecsu valodas

instituts 2004. 280 S.

Bereits seit vielen Jahren betreibt die lettische Sprachwissenschaftlerin Elga Kagaine Forschungen in Dialekten ihres Heimatlandes, um dem Wortschatz ostseefinnischer Herkunft auf die Spur zu kommen. Diesbezugliche Ergebnisse sind im gedruckten Wort fortlaufend der breiten Offentlichkeit zuganglich gemacht worden. So erschien 2004 wieder eine Publikation zum besagten Thema aus ihrer Feder, in der es konkret um lokal verbreitete Finnougrismen in nordwestlichen livlandischen Dialekten des Lettischen geht. Die Erforschung lexikalischen Lehngutes ostseefinnischen Ursprungs in der lettischen Sprache kann auf langjahrige Traditionen verweisen und lasst sich auch mit umfangreicher Literatur belegen. Aus heutiger Sicht ist dieser Bereich mit dem Wirken des danischen Sprachwissenschaftlers Vilhelm Thomsen zum Forschungsgegenstand geworden, der 1890 seine bahn-brechende Monografie "Beroringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske) Sprog" uber etwa zweihundert ostseefinnische Lehnworter in den baltischen Sprachen veroffentlichte. Studien zu den lettisch-ostseefinnischen Sprachkontakten haben immer auf der Tagesordnung gestanden, denn fur die Interpretation ethnogenetischer Prozesse der Letten handelt es sich hier um ein bedeutsames Thema. Fur die Sprachkontaktforschung haben mehrere Wissenschaftler wie Janis Endzelains, Heikki Ojansuu, Peeter Arumaa, Karl Aben, Valdis Zeps, Silvija Rage u.a. ihren Beitrag geleistet. Die Angestellte des Instituts fur Sprache und Literatur der Lettischen Akademie der Wissenschaften Silvija Rage (1928-1976) hatte sich zielstrebig einer systematischen Untersuchung ostseefinnischen Lehngutes gewidmet und sie hatte gute Voraussetzungen dafur, denn aus dem grenznahen Luke (Lugaczi) stammend sprach sie frei Estnisch und Lettisch, besass grosses Interesse fur diese Kontaktforschung und zudem noch eine solide linguistische Ausbildung. S. Rage hatte unter dem Titel "Aizguvumi no Baltijas somu valodam. 4. apvidvardu aptauja" (Riga, 1969) einen spezifischen Fragenbogen fur die Aufdeckung moglicher ostseefinnischer Lehnworter erarbeitet und veroffentlicht, mit dessen Hilfe sie nun hoffte, die Verbreitung dieses Lehngutes in den lettischen Dialekten besser feststellen und konkretisieren zu konnen. S. Rage verfasste uber dieses Thema einige Aufsatze, so 1986 einen umfangreichen kritischen Uberblick auf Lettisch, in dem es um die erstmals von J. Endzelains etymologisierten ostseefinnischen Lehnworter in der lettischen Sprache ging. Eine schwere Krankheit und ihr fruher Tod liessen S. Rage dieses Vorhaben nicht in vollem Umfang zu Ende bringen. So kam es, dass sich Dr. phil. Elga Kagaine diesem Forschungsgebiet zuwandte, die Arbeit von S. Rage fortfuhrte und damit das Thema der ostseefinnischen Lehnworter im Lettischen im Blickfeld der Forschung verblieb. E. Kagaine hatte sich besonders auf die Semantik des bereits vorher erfassten Lehngutes ostseefinnischer Herkunft und seiner Anpassung an die Modelle der lettischen Wortbildung und Semantikentwicklung konzentriert. Die Ergebnisse ihrer Forschungen finden in mehreren Monografien und zahlreichen Aufsatzen ihre Widerspiegelung.

Heute kann man konstatieren, dass den lettischen Dialektforschern im Vergleich zu den Kollegen fruherer Generationen ein wesentlich reichhaltigeres, ziemlich gut systematisiertes Dialektmaterial, das auch den Wortschatz einschliesst, zur Verfugung steht. In dem zur Besprechung stehenden Werk hat E. Kagaine die gesamte im 20. Jahrhundert publizierte Dialektliteratur einbezogen, um dann auf dieser Basis die in der Fachliteratur behandelten Verbreitungsgebiete, die Semantik und die Ableitungen des Lehngutes in den nordwestlichen livlandischen Dialekten herauszukristallisieren. Dabei konzentriert sich die Autorin auch hier auf eine Beleuchtung der Semantik der ostseefinnischen Lehnworter. Sie ist der Ansicht, dass man sich in der Lehnwortforschung bisher zu wenig den Semantikfragen gewidmet hat. Im ersten Teil ihrer Untersuchung werden die allgemeinen Tendenzen bei semantischen Veranderungen lokaler Lehnworter beschrieben, der zweite Teil bildet die Semantikanalyse der konkreten Lehnworter mit 207 Wortartikeln. E. Kagaine war bestrebt eine moglichst vollstandige Inventur des ostseefinnischen Lehngutes im nordwestlichen Livland zu liefern. Bei dieser Untersuchung sind so-wohl Falle einbezogen worden, an deren ostseefinnischer Herkunft es eigentlich keinerlei Zweifel gibt, aber auch solche, wo schon gewisse Zweifel aufkommen konnen. Die Autorin lasst uns wissen, dass diese Zweifelsfalle als zusatzliches Beweismaterial zur Untermauerung oder Widerlegung so mancher im Umlauf befindlichen Vermutung dienen konnten.

E. Kagaine hat als gesonderten Teil auch Worter aus dem Fragebogen von S. Rage einbezogen, die Eingang in das 1972 bis 1996 erschienene Worterbuch der lettischen Schriftsprache fanden. Dabei handelt es sich um annahernd 200 einfache Wortstamme, die wiederum ein Drittel aller uns bekannten ostseefinnischen Lehnworter in der lettischen Schrift- und Dialektsprache ausmachen. Die Gesamtzahl der ostseefinnischen Lehnworter im Lettischen belauft sich demzufolge auf etwa 500 Worter oder sie liegt vielleicht etwas daruber. Ein Anwachsen der in der Literatur angegebenen Gesamtzahl ostseefinnischer Lehnworter ist gewiss kein Zeichen fur ein fortwahrendes Einfliessen von immer neuen estnischen (und livischen) Lehnwortern ins Lettische, sondern vielmehr eine Widerspiegelung des Forschungsstandes. Den grossten Anteil des ostseefinnischen Lehngutes im Lettischen muss man unter der Rubrik der Archaismen oder Lokalismen verbuchen. Das lasst sich eigentlich mit dem Sachverhalt begrunden, dass namlich die uberwiegende Menge dieses Lehngutes mit den Arbeits- und Lebensbedingungen vergangener Zeiten, mit damals gebrauchlichen Arbeitsgeraten und der Landbewirtschaftung, dem Fischfangs, der Hauswirtschaft oder anderen Bereichen zusammenhing. Trotzdem gilt hier zu betonen, dass obwohl die Anzahl der Wortstamme ostseefinnischer Herkunft nicht besonders hoch ist, die meisten Worter dem lettischen Kernwortschatz angehoren. Belege dafur sind: allaz 'immer', boja: b. iet 'umkommen, ertrinken', igaunis 'Este', kazas 'Hochzeit' (vgl. est. kaasitama 'Hochzeitslieder singen'), laulaiba 'Eheschliessung', launags 'Vesper' (vgl. est. louna 'Mittag'), luga 'Schauspiel', maja 'Haus, Zuhause', maksat 'bezahlen', muiza 'Gut', Pestitajs 'Erloser, Heiland', piladzis 'Eberesche', puika 'Junge, Knabe', puisis 'Jungling', puke 'Blume', sene 'Pilz', suga 'Art, Rasse', sulainis 'Diener, Knecht', terauds 'Stahl', vajadzet 'notwendig sein', vizot 'Lust haben', zaimot 'verleumden', zustrenes 'Johannisbeere'

E. Kagaine wartet in ihrer Abhandlung auch mit neuen, bislang in der Literatur nicht vorgestellten Lehnbelegen auf, indem sie sich vorwiegend auf estnisches Lehngut konzentriert. Einige Lehnworter haben ein sehr geringes Verbreitungsgebiet oder bleiben sogar auf eine individuelle Benutzung beschrankt. Glaubwurdige Gegenuberstellungen waren beispielsweise: korpi und korpas 'Quarkkuchen' (vgl. est. korp), kotika 'Sack, Beutel' (vgl. est. kotike), kilts 'Span, Kienspan' (vgl. est. kild), kizikas 'Innereien eines Tiers' (vgl. est. kuusik nach Wiedemann: 'ein krallenartig gestalteter Theil im Eingeweide der Quappe; wie ein Bandwurm gestalteter Theil im Eingeweide des Kalbes'), loiba 'krummes, schiefes (oder einfach hassliches) Bein', napaitis 'kleines Holzgefass', porumi u.a. 'Abfall, Mull' (vgl. est. purud), tuki 'Haare' (vgl. est. tukk). Einige Etymologien bedurfen naturlich einer Prazisierung oder man muss sie im Laufe einer weiteren Forschung doch noch unter den Tisch fallen lassen. An dieser Stelle sollen zu manchen, doch mehr fragwurdig erscheinenden Etymologien einige Gedanken geaussert werden.

Das lettische Verb oleties 'in der Ferne bewegen, sichtbar sein' hangt etymologisch gesehen nicht mit dem estnischen Verb olema 'sein' zusammen, sondern eher mit dem (sud)estnischen Verb hol'oma, hel'oma 'schweben, schaukeln, schwingen; sich langsam bewegen'. Das Verb (sa)pikelet 'Fisch einsalzen' wird in dieser Arbeit mit dem estnischen Adverb piki und mit dem manchmal als Ursprungsbedeutung vermuteten '[beim Einsalzen] dicht nebeneinander legen' in Verbindung gebracht. Dieser Erklarung ist nach Ansicht des Unterzeichneten ein klassisches Beispiel fur eine Volksetymologie. Der in Svetciems registrierte Verbstamm kann etymologisch im gleichen Kontext wie die (hauptsachlich) auf den estnischen Inseln und im Kustenbereich des Westdialekts verbreiteten folgenden Lexeme ausgelegt werden: piik : piigi 'das Einsalzen', piik/sool 'starkes Salz, starkes Einsalzen', piik/kala 'Salzstromling', piiknel, piiknal 'roh und gesalzen', piikelt, piigelt 'gesalzen und roh', die von Hiiumaa stammende kurzvokalige Stammvariante pigi 'roh und gesalzen; halbgekocht': pigi kala on soolatud ja toores, keetmata silk 'pigi kala ist gesalzen und roh, ungekochter Stromling', pigilt 'gesalzen und roh', liv. piik 'eingepokelt, stark eingesalzen', piiko 'eingepokelt, eingesalzen', fi. piki/suola: kala on pikisuolassa 'starkes Salz: Fisch ist stark gesalzen'. Dieser Wortstamm ist ein jungeres germanisches Lehnwort, vgl. z.B. mittelniederdeutsch pickel/herink, dt. Pickel/hering 'marinierter Hering'. Aus der gleichen Lehnquelle (oder nach J. Endzelains eher durch livische Vermittlung) gelangte pikat 'Fisch einsalzen' in lettische Dialekte. Als estnisches Lehnwort gilt das ein breites Bedeutungsspektrum umfassende lettische Substantiv topsis (vgl. est. tops 'Gefass, Dose'). Nach E. Kagaine hat das Wort im lettischen Kontext metonymisch resp. metaphorisch gesehen die zusatzlichen Bedeutungen: 'ein aus Erbsen, Bohnen, Hanfkornern zubereitetes Gericht', 'irgendeine Pflanze' und 'ein dicker Mensch'. Offensichtlich handelt es sich hier eher um parallele Entlehnung von mehreren estnischen Homonymen etymologisch divergierenden Ursprungs in die lettische Dialektsprache und nicht um einen sich im lettischen Kontext aufgespaltenen Fall von Polysemie: tops, -i (und topsik) 'Gefass, Dose', tops, -u (und tups, -u) 'Buschel, Franse; Traube (bei Pflanze)', tops(akas) 'derb, stammig'. Bei Aufrechterhaltung der Behauptung, dass cirelis 'Flieder' und andere Worter durch Vermittlung des Estnischen in die lettischen Dialekte gelangt sind (vgl. est. sirel), wurde es an einer Erklarung fur das Aufkommen von Varianten mit der wortanlautenden Affrikate (c-) mangeln, denn im Falle einer estnischen Lehnquelle waren hier vielmehr phonetische Varianten von s- zu erwarten gewesen. Es ist nicht sonderlich glaubhaft, dass das einen 'hasslichen langen Menschen' bezeichnende koitars, goitars auf est. kodar 'Speiche' zuruckgeht; vielmehr liegt es nahe, eine Verbindung zwischen den genannten lettischen Wortern und dem (sud)est. koigas 'Latte', koigard, koigats, kuigard, kuigats 'langer Mensch, Lulatsch' zu suchen. Ein Zusammenhang des in Salats festgehaltenen kors 'ein uberdachter Raum uber dem Ofenmund (vorzugsweise am Riegenofen) zum Abfangen der Feuerfunken' mit dem estnischen Wort kori 'Gurgel' ist selbstverstandlich nicht glaubwurdig--wie auch die Autorin selbst bemerkt--, jedoch Unschlussigkeiten ruft auch die alternative Vermutung hervor, als ob dieser Ofenterminus dem est. kori 'Vertiefung vor der Ofenmundung' zuzuordnen sei. Lett. kors konnte dann schon eher irgendwie mit dem im sudestnischen Dialektgebiet (Vastseliina) aufgezeichneten Wort korss 'Wolbung am Darrofen' verbunden sein. E. Kagaine konstantiert, dass sich eine identische Bedeutung oder eine Bedeutung, die eine maximale Nahe zur Semantik der Lehnquelle aufweist, in erster Linie bei ganz konkreten Gegenstanden oder anderen solchen monosemen Lehnwortern feststellen lasst. Auf dem Hintergrund eines solchen, eine vielfache Bestatigung gefundenen Tatbestandes gibt es auch begrundete Zweifel an den folgenden Vergleichen: maeka 'Hefeteigbrotchen; Kringel' < est. mekk 'Geschmack', mekkima 'kosten', pen(n)es 'Eiszapfen am Dache' < est. penn 'Dachsparren verbindender Querbalken' usw.

Unter den von E. Kagaine vorgebrachten Lehnwortern fallt die grosse Anzahl bumerangartig entlehnter Baltismen auf, wie etwa anis 'Gans', an(i)! (Ruf nach Gansen), kereczi u.a. 'Hitzstein', kimpa 'Bedrangnis, heikle Lage', kincas u.a. 'Huften', kinis 'Libelle', laimet 'beschimpfen', rucis u.a. 'Plotze (oder ahnlicher Fisch)', teiba, teibe 'Weissfisch', uka (iet) 'umkommen', vaengaens 'gemein, ekelhaft'. Uber estnische Dialekte ist altes germanisches, jungeres deutsches, schwedisches und russisches Lehngut in die lettische (Dialekt-)Sprache gelangt, so wie luzika 'Loffel' (vgl. est. lusikas), magat 'schlafen' (vgl. est. magama), muona u.a. 'Mohn' (vgl. est. moon), napitis 'Napf' (vgl. est. napp), pada 'tiefer gelegene Stelle (z.B. im Feld)', sengis 'Bett' (vgl. est. sang).

Das kurze Vokalphonem o ist fur das Lettische nicht typisch und besitzt demzufolge einen ziemlich affektiven Charakter. So werden viele lettische Worter mit dem kurzen o fur Worter ostseefinnischer Herkunft gehalten. In nordlettischen Dialekten gibt es reichlich onomatopoetischen und deskriptiven Wortschatz, der uber den beschriebenen Phonemaufbau verfugt und der fast wie selbstverstandlich als ostseefinnisches Lehngut angesehen wird, beispielsweise collaties 'planschen, platschern', colka 'Abwasser', lontruzis 'Lummel, Flegel', lorat ja lorksket 'schwatzen', lorcat 'klatschen, gluckern' u.a. E. Kagaine macht auf die Interesse erregende Tendenz aufmerksam, bei der vermehrt der Vokal o im Prozess der Anpassung von ostseefinnischen Entlehnungen auch mit anderen Vokalen in der lettischen Sprache erscheint, wie etwa bei torba u.a. neben turbe u.a. 'Torf' (vgl. est. turvas). Der Unterzeichnete neigt zu der Auffassung, dass man nicht bei jedem o-Fall unbedingt gleich eine ostseefinnische Lehnquelle suchen sollte, sondern eher die Entlehnung des Modells und dessen intensive Nutzung bei der Bildung von neuen schillernden (dialektsprachigen) Deskriptiven vermuten konnte, so wie bei den in der Lehnwortforschung bisher nicht beachteten Belegen: slonketies 'faulenzen, sich umhertreiben'--vgl. est. lonkima, slopaties 'waten'--vgl. est. loppama, loperdama, slorbat 'laut schlurfen' und slorpat 'saufen, ohne Lust schlurfen, die Flussigkeit verspritzend, nach Dickem suchend (nur vom Vieh)'--vgl. est. lorpima, lurpima usw. Eine sehr passende Analogie zu diesen lettischen Belegen liefern beispielsweise die zahlreichen ostseefinnischen Deskriptivworter mit einer Konsonantverbindung im Anlaut, indem sie zwar eine entlehnte Phonemstruktur imitieren, trotzdem aber keine Lehnworter sind.

Bei Lehnwortern mit zahlreichen phonetischen Varianten oder einem ausgedehnten Verbreitungsgebiet uber die Grenzen von Vidzeme hinaus hat E. Kagaine oft auch diesbezugliche Verbreitungskarten eingefugt. Sie betont zurecht die Bedeutsamkeit geolinguistischer Blickwinkel, denn dadurch konnen besser ethnolinguistische Beruhrungspunkte herausgearbeitet und die Verbindungen der lettischen Dialektsprache mit verschiedenen Gegenden Estlands besser beleuchtet werden.

Das nordwestliche Livland ist historisch gesehen das Siedlungsgebiet eines Teils der livlandischen Liven gewesen, jedoch in dieser Abhandlung legt die Autorin besonderen Wert auf die estnisch-lettischen Adstratbeziehungen und ruckt dabei den Sachverhalt in den Vordergrund, dass die Lehnworter im Nordwesten und Nordosten von Vidzeme einen etwas anderen Charakter aufweisen, indem die eigentlichen Ursachen hierfur in der Geschichte und in den dialektalen Besonderheiten der (estnischen) Lehnquelle zu sehen sind. Sie lasst uns wissen, dass die Voraussetzung fur eine genaue Bestimmung des Lehngebers in der Zusammenarbeit zwischen den Baltologen und Finnougristen liegt.

Ein sehr sorgfaltiges Studium und eine etymologische Analyse des deutschlettischen Worterbuchs von K. Milenbahs und J. Endzelins, das nun schon Tradition besitzt und zahlreiches lettisches Dialektmaterial beinhaltet, wurde bestimmt eine Menge solcher in den lettischen Dialekten registrierter und bisher unerforschter lexikalischer Belege ostseefinnischer Herkunft ans Tageslicht fordern. Die Herkunft sowohl der estnischen als auch der lettischen Dialektlexik ist leider nur recht oberflachlich untersucht worden. An dieser Stelle soll eine kleine Auswahl von Wortern, die dem Worterbuch von K. Mailenbahs und J. Endzelains entstammen und an deren ostseefinnischer Herkunft es wohl keinerlei Zweifel gibt, vorgestellt werden: dukat 'rutteln, schutteln', dukaties 'anstossen', nuodukat 'erschlagen', vgl. estS tuukama, toukama 'schutteln, stossen', liv. tovk 'stossen, stampfen'; ivelet: nuo/ivelet 'abnutzen': nuoaivaeloets kroesls 'abgenutzter Stuhl', vgl. estS hiivalo 'entzwei', hiivano 'an der Zotte', nach Wiedemann: 'verzaust, ganz verschlissen'; nuzinat 'schnuffeln', nuzginat, nuzgait 'schnuffeln, wuhlen, in Unordnung bringen', vgl. est. nuuskima, nuusima, liv. nusko id. (zusatzlich noch: nuska 'Nase' u.a.); naras 'Fetzen, Lumpen', vgl. est. naru(d); nerit 'mit stumpfem Messer schneiden', nuo/nerit 'mit einem stumpfen Messer abschneiden'; nuo/nurit 'ein Kind herumzerren', vgl. est. nuri, estS nura 'alt und zerschlissen' (zusatzlich noch: nurlit u.a. id.), nirmins 'ein ganz kleiner, winziger Gegenstand', vgl. estS nirmass 'Franse' (zusatzlich noch: narma(ka) u.a. 'Lumpen'; nurcit 'knullen, quetschen, qualen', nurcava 'ein unschon gekleideter Mensch', vgl. est. norts 'Lappen, Lumpen', nortsima 'faltig werden, knittern'; padincs 'kleine Wiese zwischen Feldern' und pajs 'eine sumpfige Stelle im Morast', vgl. est. padu ~ pado Gen. paju ~ pao ~ pai (zusatzlich noch: pada, pade 'niedere Stelle; Schwende'; pencaigs 'rauflustig' und pencigs 'merkwurdig, komisch', vgl. est. pentsik picit '(wiederholt) quetschen, drucken', sa/paicit 'nachlassig arbeiten', vgl. est. pitsima 'quetschen'; puka 'eine Art Sturm auf dem Meer; ein Windstoss', vgl. liv. pu'go 'blasen', pukt 'atmen' (Kausativ des Verbs pu'go), est. puhkuma, puhuma; pugala 'ein Kuhname', vgl. est. pugal 'bunt geflecktes Rind'; rabelis 'scherzhafte verachtliche Bezeichnung fur einen Hahn, der sich viel mit seinen Huhnern abgibt, auch fur einen Schurzenjager'; rauzis 'steiniger Meeresboden', vgl. est. rousane 'holprig, bucklig', Iness. rouskas 'holpriger (Weg)'; remmele 'ein unruhiges Kind', remmelaigs 'lebendig, flink, aufgeweckt (zu einem Kind)', vgl. estS remmeldamma 'hin- und herlaufen'; rept 'mit Wohlgefallen einen nicht schmackhaften, ziemlich dunnen Brei essen', vgl. est. (Karksi) reepsme 'schlurfen, in Schlucken trinken'; ridins 'der Streit, heftiger Zank', vgl. est. riid; runcis 'dickes und rundliches junges Lebewesen', vgl. est. (Karksi) rundsak 'dick', rundsu 'rundlich, dick', runts 'rundlich, dick', sauket 'rauchen', vgl. estS sautama 'rauchen', sau 'Rauch', liv. so'u id., soeluksa 'die Langsstange einer Fischwehr', vgl. est. sole/puu, solg/ puu 'etwas verbindender Querbalken'; soeds 'Kopftau bzw. obere und untere Randschnur am Fischnetz', ? vgl. est. saie : saige 'Windung an Strick, Tau'; zonket 'stossen, stampfen, eintreiben; tuchtig essen', sazonket 'vollstopfen', sazonketies 'sich tuchtig anessen', zonkis 'der viel isst', vgl. est. sonkima; umzis 'ein versumpfter Ort', vgl. est. ummus 'muffiger Ort', Umbsoo (Ortsname). Die hier vorgelegten lettischen Belege wurden uberwiegend in Vidzeme (Jeri, Limbaczi, Naukseni, Valmiera u.a.) und/oder in angrenzenden Gebieten aufgezeichnet. Inwieweit die genannte lexikografische Quelle bisher noch nicht erschlossen ist und somit etymologisch unerforschte ostseefinnische Worter in sich bergen konnte, lasst sich schwer sagen.

Bei einer eingehenderen Erforschung der phonetischen Struktur des Wortschatzes ostseefinnischer Herkunft im Lettischen ware es oft moglich die Lehnquelle genauer zu benennen, denn anhand seines Phonembaus kann ziemlich eindeutig bestimmt werden, ob es sich um eine livische, sud- oder nordestnische Lehnquelle handelt. Hier verbergen sich wichtige Informationen, denen man in der weiteren Lehnwortforschung mehr Beachtung schenken sollte und die der Aufdeckung der mit der lehngebenden Sprache verbundenen Hintergrunde fur phonetische Variierungen im lettischen Material dienen konnten. Diese Aussage soll an einigen Belegen veranschaulicht werden.

Ein Vorkommen der Lautfolge ks in ostseefinnischem Lehngut schliesst ein sudestnisches Original aus, denn im Sudestnischen hat der Lautwandel ks > ss stattgefunden. Die Lehnquelle des praktisch im ganzen Land verbreiteten lettischen Verbs pekset '(leicht) schlagen, Getreide dreschen', pekset, peksteties 'schimpfen, streiten' ist demzufolge eine livische, aber niemals eine sudestnische Sprachform, vgl. liv. piekso 'schlagen, dreschen, klopfen'. Im nordestnischen Sprachgebiet und im Livischen von Kurland hat sich bekanntlich die Lautfolge tk bewahrt, die im Sudestnischen aber zu kk, in gewissen Fallen auch zu tsk geworden ist. Aus diesem Grunde musste die Ursprungsform von beispielsweise lett. gickat 'verschleissen (Schuhwerk)' zweifelsfrei estS kitskma 'zerren, reissen' sein. Wenn sich in lettischen Belegen die Lautfolge joe- anstelle der zu erwartenden Folge ja- findet, so ist das fast immer ein sicherer Verweis auf eine westestnische, aber nicht auf eine livische oder sudestnische Lehnquelle. Lett. joeda und joedus 'Verfuhrer' setzt eine Lehnquelle des westestnischen Typs (jada) voraus, lett. jada, jads, jade id. aber eine livische Lehnquelle, vgl. liv. (Kurland) jada.

Die Beziehungen des Lettischen zu den ostseefinnischen Sprachen sind sehr vielfaltig gewesen. So gibt es mehr als genug Themen, die leider kaum erforscht oder ganzlich unerforscht sind. Ein solcher Themenabschnitt ist zweifellos das Problem um die Krewinismen. Dabei handelte es sich um sprachliche Spuren im lettischen Dialekt um Bauska von einst wotischen Kriegsgefangenen und deren Nachkommen, den so genannten Krewinen (nach dem lettischen Wort krievini 'Russen'), die um 1444 vom Deutschen Orden in den Suden Lettlands nach Bauska--in die Orte Jaunsaule (dt. Neu-Rahden), Anes-Memele (Hahns-Memelhof), Krusa (Krussen), Medummuiza (Wittwenhof)--verschleppt worden waren. Man vermutet, dass es so an die 2000 bis 2500 Personen gewesen sein konnten, die dann im lokalen Gebrauch der dortigen Sprache eben erkennbare Spuren hinterlassen haben konnten. Die Sprache der Krewinen ist in bescheidenem Masse aufgezeichnet worden, insgesamt 113 Lemmata mit ungefahr 1300 Wortformen. Eine mogliche Quelle zur Beschaffung von weiterem Belegmaterial fur das Krewinische konnten die um Bauska gesprochenen lettischen Dialekte sein, und da besteht regelrecht ein Forschungsbedarf. Von Wortern mit offensichtlich krewinischem Hintergrund kann der Unterzeichnete zurzeit die folgenden auffuhren: kurika 'Keule, Schlager', vgl. wot. kurikka id., kacibas: kacibas iet 'eine Wochnerin besuchen', kacibas lugt 'zum Besuch einer Wochnerin einladen', vgl. wot. kattso/laizod, kattso/laizod 'Besuch einer Wochnerin', sapans 'Kopfbedeckung von Frauen', vgl. krewinisch sappan, sappanad id. und wot. sapana, sapano 'Frauenkopfbedeckung mit Schwanz', vielleicht auch juoms mit der lokalen Bedeutung 'Flusswindung', vgl. wot. joom(a), joomi 'faarvaater, Sund, Meeresenge', nirminat 'unsittlich, unschon essen', vgl. wot. nirttsi und nirkko 'appetitlos'. Im krewinischen Belegmaterial ist von den eben genannten ausser dem Wort sappan keines aufgefuhrt. Die Verbreitung der genannten lettischen Dialektworter beschrankt sich auf die Gegend um Bauska, eine Tatsache, die eindeutig fur krewinischen Ursprung spricht.

Noch vielmehr musste das Thema um die Ortsnamen ostseefinnischer Herkunft in Lettland bei den Erforschern der Genesis der ostseefinnischen Sprachen die Spannung aufrechterhalten. Denn es ist ja eine allgemein anerkannte Tatsache, dass gerade die Ortsnamen bei der Losung von Fragen zur Sprachgeschichte, zur Siedlungsgeschichte und zur Ethnogenese wertvolle Informationen preisgeben konnen. Das setzt aber wiederum eine sorgfaltige linguistische Analyse des Ortsnamenmaterials voraus. Die Ortsnamen ostseefinnischer Herkunft auf lettischem Territorium sind aber leider nicht so gut erforscht. Eventuelle livische (resp. ostseefinnische) Ortsnamen finden sich in Lettland auch ausserhalb der durch archaologische Ausgrabungen nachgewiesenen finnisch-ugrischen Gebiete. So ist es auch nicht ausgeschlossen, dass es sich im Laufe weiterer Forschungen tatsachlich belegen lasst, welche der lettischen Ortsnamen ostseefinnischen Typs Substratcharakter und welche Adstratcharakter besitzen. Beim gegenwartigen Forschungsstand kann nur die Aussage formuliert werden, dass lettische Ortsnamen ostseefinnischer Herkunft summarisch untersucht wurden, ohne dass man diese in systematischer Weise chronologisch und linguistisch zu unterscheiden versucht hatte. Eine neue Forschungsrichtung begrundete Kersti Boiko mit ihrer Doktorarbeit "Baltijas juras somu geografiskie apelataivi un to relikti Latvijas vietvardos" (Raiga 1993; Ostseefinnische geografische Appellative und deren Relikte in lettischen Ortsnamen), indem sie ernsthaft zu berucksichtigende Korrekturen im Hinblick auf einstige Siedlungsgebiete und mogliche Wanderungen der Ostseefinnen (Liven, (Sud-)Esten) vornahm. Bedauerlicherweise scheint noch niemand in Sicht zu sein, der diese Untersuchungen fortsetzen wurde.

Der Philologiedoktorin Elga Kagaine mochte der Unterzeichnete zum Abschluss eine reichliche Portion Energie und Willenskraft fur die Erforschung der Appellative ostseefinnischer Herkunft wunschen, denn Berge von Arbeit warten darauf abgetragen zu werden.

LEMBIT VABA (Tampere)
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Author:Vaba, Lembit
Publication:Linguistica Uralica
Date:Sep 1, 2006
Words:3366
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