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Elements de theologie thebaine: Les chapitres supplementaires du Livre des Marts.

Elements de theologie thebaine: Les chapitres supplementaires du Livre des Marts. By ANNIK WUTHRICH. Studien zum altagyptischen Totenbuch, vol. 16. Wiesbaden: HARRASSOWITZ VERLAG, 2010. Pp. xv + 272, illus. [euro]64 (paper).

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um einen Tell der Dissertation, welche die Verfas-serin im Jahre 2007 abgeschlossen hat. Sie widmet sich einer Gruppe von Totenbuch-Spruchen, fur die es bisher weder eine moderne, kritische Textedition gibt, noch eine inhaltliche Bearbeitung. Zumindest letzteres liegt nun mit dem 16. Band der Studien zum Altagyptischen Totenbuch vor.

Die Untersuchung behandelt die Totenbuch-Sprache 162 bis 167. Diese sogenannten "Zusatzkapi-tel" sind eine vergleichsweise junge Erscheinung in der Tradition des Totenbuches, die friihesten unter ihnen treten zu Beginn der Dritten Zwischenzeit in Erseheinung, andere erst in der Spatzeit. (Die Rolle der Dritten Zwischenzeit als "Innovationsmotor" und Zeit der thematischen Neuorientierung in den Totentexten hervorgehoben hangt wohl auch mit der gesteigerten Rolle der Priesterschaft zusammen [pp. 46-47].)

Ein kurzer, einleitender AbriB zur Geschichte des Totenbuches mit den Hauptphasen seiner Ent-wicklung (pp. xii--xv) und zum Forschungsstand (pp. 1-8) hilft auch dem mit der Materie nicht nailer Vertrauten, leicht eine Vorstellung von der zeitlichen Einordnung des im Band behandelten Spruchcor-pus in den Uberlieferungsstrang des Totenbuches zu gewinnen und vom Status quo der wissenschaft-lichen Bearbeitung dieser Zusatztexte.

Der Kernteil der Publikation beschrankt sich auf die Transkription und Ubersetzung der Texte, jeweils mit ausfiihrlicher inhaltlicher Diskussion; die hieroglyphische synoptische Wiedergabe der Spruche ist in Vorbereitung fur den Druck und soll spater nachgeliefert werden. Die in SAT 16 enthalte-nen Transkriptionen und Ubersetzungen lassen sich einstweilen an den (wenn auch nicht immer sehr klaren) Photos im Tafelteil des Bandes nachvollziehen. Der Bequemlichkeit halber waren vereinzelt prazisere Verweise auf die Zeilen in den Papyri nutzlich gewesen, etwa bei der Bearbeitung von Tb 162 (pp. 42ff.) ein Hinweis, wo der Spruch auf dem zugrundeliegenden Photo von Textzeuge P. London BM EA 10044 beginnt.

Der Begriff "Zusatzkapitel" (chapitres supplementaires) geht auf Pleyte zuruck, nach der Angabe mancher Papyrushandschriften, da B die Kapitel dem Totenbuch als Addendum aus einer anderen Buchrolle hinzugefugt seien; fur den Agypter scheinen die so bezeichneten Zusatzkapitel im engeren Sinne aber nur die Spruche Tb 162 bis 165 gewesen zu sein (p. 2). Wahrend der Ptolemaerzeit hat-ten die Schreiber die Kapitel Tb 163-65 offenbar bereits als integralen Bestandteil des Tb verstanden (p. 4). Innerhalb der Gruppe sind Tb 162 und Tb 166 die am fruhesten bezeugten, Tb 162 uberdies der beliebteste Spruch (pp. 8-9); zur chronologischen Beleglage der einzelnen Zusatzkapitel s. auch die nutzliche tabellenartige Ubersicht auf p. 9.

In ihrem gut 160 Seiten starken Beitrag (zuzuglich Handschriftenkatalog und Indices) will die Verfasserin den linguistischen, inhaltlichen und konzeptionellen Eigenheiten dieser Texte nachgehen, nebst der Frage, welche Erkenntnisse sich daraus fur die Redaktionsgeschichte gewinnen lassen; auch soll untersucht werden, auf welchen theologischen Traditionen die Textinhalte fuBen (p. xiv). Vor dem Hintergrund der gerade genannten Fragestellungen ist nach Auffassung des Rezensenten eine interes-sante und bereichemde Studie entstanden.

Die zu Beginn stehenden Betrachtungen zur Sprache bieten sich deshalb besonders an, well die Texte erst relativ spat ausgearbeitet worden zu sein scheinen--friihestens ab der Ramessidenzeit--und es liegt nahe, nach Einflussen der zeitgenossischen Alltagssprache (Phanomen der "diglossie") zu suchen (p. 11). Die Autorin verweist u.a. auf lexikalische Beispiele in Tb 162, die erst ab dem Neuen Reich belegt sind (p. 13); solche Indizien scheinen viel starker als die Grammatik auf eine Entstehung im NR zu verweisen (p. 14), wobei aber Spruch Tb 163 his Tb 165 bisher nicht vor der Spatzeit bezeugt sind.

Besonderes sprachliches Merkmal sind die auBeragyptischen Lexeme in syllabischer Schreibung. Sie sind offenbar nubischen Ursprungs, zumindest jene in Tb 163-65 (Theo-und Toponyme), wahrend die Sprache der Fremdworter in Tb 162 sich einer Identifizierung bisher entzieht (p. 16). Interessant fur die nichtagyptischen Termini ist in diesem Zusammenhang die Angabe in Tb 164, daB diese in der Sprache der Nhsj.w und der Iwmtj.w Nubiens gehalten seien (p. 131). Grund fur die Aufnahme fremd-sprachiger worter mag die Steigerung der Wirksamkeit der Sprtiche gewesen sein (voces magicae; p. 18), insbesondere in Anbetracht der Reputation Nubiens als Heimat von Zauberern. Manche der Begriffe mogen dabei nur "nubisierend," also das Nubische imitierende Phantasieworter sein. ein "idi-ome abracadabrant" ohne konkreten Sinn (p. 25). Zudem konnte die Prasenz solcher Begriffe historisch bedingt sein; wie die Autorin an einer Stelle ausfuhrt, sind die Spruche Tb 163-164-165 vermutlich nicht in der Ramessidenzeit (so Yoyotte), sondern in der Spatzeit entstanden, d.h. zu einer Zeit, in der Theben als Entstehungsort der Zusatzkapitel unter der Herrschaft der Kuschiten stand. Wuthrich geht eher von der 25. Dynastic aus, ein Szenario, das sie vergleichsweise ausftihrlich anhand inhalt-licher Anhaltspunkte entwickelt, die sie mit den groBen religionshistorischen Entwicklungen korreliert (pp. 131ff.).

Aus denselben kulturhistorischen Umstanden (lathe sich die besondere Rolle des Amun in den "chapitres supplementaires" erklaren, wie die Autorin ausfuhrt--zum einen aufgrund von Theben als Redaktionsort der Texte (p. 27), zum anderen aufgrund der Beziehungen zwischen Amun(-Re) und Nubien. Die im Gegensatz zum ubrigen Totenbuch besondere Rolle des Amun stellt Wuthrich zu Recht als eine Art Charakteristikum der Zusatzkapitel heraus. Dem Wesen des Gottes und seiner historischen Entwicklung ist ein relativ ausfuhrliches Kapitel gewidmet (vgl. pp. 68ff.), wobei vor allem Wuthrichs Ausfuhrung zu Amuns Rolle im Zusammenhang mit der funeraren Sphare von Interesse sind ("'osiri-anisation' d'Amon"; p. 32). In einem kompakten, abet die wesentlichen Entwicklungslinien plausibel aufzeigenden Abschnitt zeichnet die Autorin jenen ProzeB nach, der zur Einbindung des Gottes in den Osirislcreis fuhrte (p. 40). Insbesondere Spruch Tb 162 ist Ausdruck dieser neuen Theologie.

Abgesehen von den Betrachtungen zu den groBen religions- und kulturgeschichtlichen Zusammen-hangen, in denen die "chapitres supplementaires" stehen, sind Wuthrich eine Reihe wichtiger Detail-beobachtungen zu verdanken, vor allem zu Spruch Tb 162, der aufgrund seiner Beleglage auf mehr als vierzig Seiten besonders ausfuhrlich behandelt wird. Wir erfahren, daB Tb 162 in der Dritten Zwisch-enzeit nur auf "Kurztotenbiichern" vorkommt; dem Titel nach auf den Kopf fokussiert, ist das Kapitel mit anderen Spruchen vergesellschaftet, die dem Schutz bestimmter Korperteile dienen. Auch zu den Wurzeln der Vignette von Tb 162 (p. 51) finden sich gute Beobachtungen, zum Verhaltnis des Spruches zu den Hypokephaloi (s. p. 56), seinem EinfluB auf andere Jenseitskompositionen, wie das sogenannte "Buch vom Atmen," zur Bedeutung der "Flamme" und zum "Feuer," das in den Zusatzkapiteln immer wieder eine Rolle spielt; in Tb 162 sei der Begriff hBbs bewuBt gewiihlt mid stehe im Zusammenhang mit dem Verb bsj 'auftauchen, von einem Zustand in den anderen ubergehen'.

Da es sich, auch nach Auskunft der Texte selbst, urn Spruche handelt, die aus einem anderen Kon-text dem Totenbuch hinzugefugt wurden, liegt die Frage der ursprunglichen Herkunft und Verwend-ungsweise dieser Texte auf der Hand. Spruch Tb 166 scheint urspriinglich em n Text-Amulett zusatzlich zum Totenbuch oder Amduat (pp. 100-101) gewesen zu sein, geschrieben auf kleine separate Papyrus-blatter und erst spater in das Totenbuch integriert (p. 61). In P. Berlin 3031 ist er erstmals als Tell eines funeraren Papyrus nachzuweisen (p. 102). Am Ende des Totenbuches nach der saitischen Rezension paBt es sich inhaltlich-funktional bestens in die Konzentration von "Amulettspruchen," die dort zu finden sind, ein (vgl. zu dieser Beobachtung p. 64). Der Zweck fur das Anfugen der Zusatzkapitel mag die weitere Steigerung der Effektivitlit des Totenbuches gewesen sein (p. 14).

Ein besonderes Plus des Buches ist, daB die Autorin Inhalt und Genese der Zusatzkapitel immer vor dem politisch-kulturellen Hintergrund betrachtet, etwa im Falle der Kapitel Tb 163-65, die im Theben unter kuschitischer Herrschaft entstanden und von dort aus im Lande Verbreitung gefunden haben durften (pp. 135-36): unter anderem sprechen die merotisch gepragten Termini und die hohe Prominenz von Amun und seiner Gotterfamilie dafur (p. 141).

Wahrend Tb 163 und Tb 165 auf der Amunstheologie fuBen, wie sie sich nach der Amarnazeit herausbildete (p. 148), ist eine Besonderheit von Tb 164, daB nicht dieser Gott im Spruch prominent hervortritt, sondem Mut; diese weist wie Amun starke universalistische und funerare Zuge auf (pp. 149-50); mit der Solarisierung des Jenseits scheint demnach auch Gottinnen mit solarem Charak-ter zunehmend eine auf das Totenwesen bezogene Funktion zugewachsen zu sein (pp. 155-57).

Der Band schlieBk mit einem langen KataJog berucksichtigter Papyrushandschriften (gut 200 Inven-tarnummern) sowie Indices zu den im Text konkret zitierten Papyri, Texteditionen, Gotternamen und-epitheta sowie den Konigsnamen und Toponymen. Unter den Indices vermBk man ein franzeisisches Sachregister, uber das sich der Benutzer des Buches die inhaltlichen Kommentare zu den einzelnen Spruchen gezielter erschlieBen konnte.

Auch wenn notgedrungen Manches nach wie vor unklar bleibt, etwa die Bedeutung nichtagyp-tischer Begriffe, welche weite Passagen der Spruche pragen, hat Wuthrichs Studie das Verstandnis der "chapitres supplementaires" deutlich gefordert. Es bleibt zu hoffen, daB diese wichtige inhaltliche Aufbereitung der Spruche, die sich uberdies klar und flussig liest, bald um den angekandigten und unbedingt willkommenen Text-Synopsenband erganzt wird.

HOLGER KOCKELMANN

UNIVERSITAT TUBINGEN
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Author:Kockelmann, Holger
Publication:The Journal of the American Oriental Society
Article Type:Book review
Date:Jan 1, 2013
Words:1446
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