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Ein stuck verstehen--eine rolle suchen--eine rolle finden. entwicklung von text-und rollenverstandnissen bei einem schultheaterprojekt in Taiwan.

1. Ablauf des Theaterprojektes

Die Idee fur die vorliegende Studie ergab sich aus unserer langjahrigen Erfahrung mit deutschsprachigen Theaterprojekten der Abschlussjahrgange am Wenzao Ursuline College of Languages. Jedes Jahr fuhren die Schuler ein deutschsprachiges Theaterstuck auf. Sie waren zu diesem Zeitpunkt alle 19 bis 20 Jahre alt und hatten mehr als vier Jahre Lernerfahrungen mit Deutsch als Fremdsprache.

Die Auswahl der Darsteller, der eigentlichen Zielgruppe unserer Untersuchung, findet wahrend einer Casting-Veranstaltung statt, die ein halbes Jahr vor der Auffuhrung angesetzt ist und zu der alle Bewerber eingeladen sind. Die Jury besteht aus Lehrern und Studentenvertretern. Die betreuenden Lehrer aus der Deutschlandabteilung des Wenzao College werden von den Schulern des Abschlussjahrgangs selbst ausgewahlt. Die Auswahl der Regisseure erfolgt ebenfalls durch diese Schuler. Ihre Aufgabe besteht in der Leitung und Organisation des Abschlusstheaters. Die Regisseure sind fur die Betreuung der Proben und der Auffuhrung zustandig und koordinieren die Kooperation mit den anderen Arbeitsgruppen (Buhnenbildner, Beleuchter usw). Das von den verantwortlichen Schulern erstellte Manuskript des Theatertextes wird von den betreuenden Lehrern gekurzt. Die Darsteller erhalten von den Regisseuren konkrete Anweisungen nach dieser gekurzten Fassung, die im Verlauf der Proben einer standigen Korrektur unterzogen werden muss (Tamm/Sah, 2011, 58). In diesem Zusammenhang ist zu erwahnen, dass sich die Darsteller schon vor dem Probenprozess mit der Rolle auseinandergesetzt hatten. Denn sie hatten wahrend der Ferien privat organisierten Schauspielunterricht durch Studenten der ortlichen Schauspielschule in Kaohsiung genommen, den sie selbst finanzieren mussten (Gruppeninterview v. 12.1.2013).

Die Schuler hatten als Theaterprojekt das Marchen "Turandot" von Friedrich Schiller gewahlt. (1) Die Proben begannen ungefahr drei Monate vor der Auffuhrung. Im Vorfeld wurden die Originaltexte durch die betreuenden Lehrer gekurzt und in die chinesische Sprache ubersetzt. Da die Darsteller die eigentlichen Subjekte des fremdsprachlich-theaterpadagogischen Lernprozesses sind, bilden sie den idealen Gegenstand unserer qualitativ orientierten Untersuchung. In diesem Beitrag wollen wir thematisieren, wie die Studenten das Verstandnis des Textes und von ihrer Rolle erfasst haben.

2.1. Begriff und historische Entwicklung

Der Begriff Theater entstammt dem griechischen Wort "theatron" = Schaustatte, "theasthai" = anschauen. Dadurch gelangt man zu folgender Definition: Mit Hilfe des Rollentextes verwandelt sich der Darsteller in eine ihm fremde Figur und kommuniziert mit Menschen, die ebenfalls in eine fremde Rolle eintauchen. Spielende stellen menschliche Verhaltensweisen dar und mussen sich der Betrachtung und Beurteilung von Zuschauern aussetzen. Der Theaterregisseur Wekwerth konstatiert, dass "der primare Spieler im Theater [...] nicht der Schauspieler, sondern der Zuschauer" ist (Wekwerth 1974: 101), d.h. das Stuck bietet Raum fur Erfahrungs- und Phantasiewelten des Zuschauers. Gleichzeitig ist das Theater ein Abbild der Gesellschaft und schafft Moglichkeiten zur kritischen Reflektion (vgl. Plessner, zit. in Roselt 2005: 313).

Der Begriff "Rolle" entstammt der Schauspielkunst des 16. Jahrhunderts in Europa, als die Schauspieler bei den Proben ihren zu sprechenden Text von einem abzurollenden Papierstreifen ablasen. Nach heutigem Verstandnis beinhaltet Theaterrolle die Verwandlung in einen anderen Charakter (vgl. Eckert/ Klemm 1998: 86). Die verschiedenen Theatertheorien bieten unterschiedliche Definitionen des Rollenbegriffs an. Die Sozialpsychologie und die Soziologie umschreiben den Rollenbegriff als Abbildung von Interaktionen, wobei sich aus dieser Perspektive Theaterhandlung und Alltagskommunikation miteinander vergleichen lassen (vgl. Langer 1992: 800f.). Nach Goffman gleicht die Gesellschaft einer Buhne und jeder spielt dort bewusst oder weniger bewusst bestimmte Rollen (vgl. Goffman 1991: 3).

2.2. Rollenarbeit in der Theaterpadagogik

Die darstellende Kunst bietet mehrere Varianten der Rollenubernahmen an: 1 2

1) Eine reale Situation wird mit der eigenen Identitat gespielt, d.h. man nimmt keine fiktive Identitat an, sondern spielt sich selbst (eine der bekannten eigenen Rollen).

2) Eine fiktive Situation wird gespielt, die Handelnden spielen sich selbst.

3) Die Handelnden ubemehmen in einer realen oder fiktiven Situation eine fiktive Rolle. (Eckert/ Klemm: 86)

Eine fiktive Rolle ohne Unterstutzung durch Experten "aus dem Stand" darzustellen, vermogen jedoch nur professionelle Schauspieler zu verwirklichen. Der eigentlichen Rollenerarbeit muss eine sehr intensive geistige, physische und emotionale Auseinandersetzung mit der eigenen Person vorangehen, die im Fremdsprachenunterricht schon allein aus zeitlichen Grunden kaum moglich ist (vgl. Eckert/ Klemm 1998: 86). Wenn Rollen im Rahmen eines fremdsprachlichen Theaterprojektes dargestellt werden, sind fur deren Realisierung Hilfestellungen durch die Lehrer und Betreuer notwendig.

Je konkreter die Vorstellung von der Rolle wird, desto leichter fallt es, in sie einzutauchen und sie auf der Buhne entsprechend darzustellen. Dabei mussen die teilnehmenden Darsteller nicht nur eine aufiere, sondern auch eine innere Haltung heranbilden. Hier bietet sich als Methode an, Fragen uber die zu spielende Rollenfigur (uber ihr Aussehen, ihre Vorlieben und Abneigungen, die momentane Lebenssituation, ihre Handlungsmotivation etc.) zu beantworten. Erganzend wird das Schreiben einer Rollenbiografie genutzt. Diese Konkretisierung einer Rolle vermeidet eine Stereotypenbildung (vgl. Eckert/ Klemm 1998: 87).

Fur das Rollenverstandnis ist die Bearbeitung des Theatertextes von zentraler Bedeutung. Dies erfordert ein hohes Mass an sprachlicher Kompetenz. Ein intensives Textstudium hilft bei der Vorbereitung der Auffuhrung. Beim Lesen tauchen erste Phantasien, Ideen, Fragen und Bilder auf. Die Vorbereitung findet ihre Erganzung durch das Studium der Sekundarliteratur (zeitgeschichtlicher Hintergrund, Literatur) (vgl. Franz/ Hesse 2011: 110). Wie, mit welchen Methoden und mit welchen Hilfsmitteln die Rolle im zeitlichen Verlauf die Rolle erschlossen wurde, ist Gegenstand dieser Untersuchung.

3. Qualitatives Forschungsdesign und Untersuchungsdurchfuhrung

Ausgehend von der Grundidee theaterpadagogischer Vermittlung von Fremdsprache wurde ein Forschungsdesign gewahlt, das bei der Beschreibung und Evaluation subjektiv erlebter Theaterarbeit an einer Fremdsprachenschule wie am Wenzao Ursuline College anwendbar ist. Da Untersuchungen im Bereich Fremdsprachen nicht wie in den Naturwissenschaften mit Vergleichsmessungen analysiert werden konnen, sind rein quantitative Untersuchungsmethoden eher wenig hilfreich. Daher verspricht eine vorrangig qualitative Erhebung mit Fragebogen und Gruppeninterviews aussagekraftigere Ergebnisse. Aus den genannten Grunden wurde der qualitative Forschungsansatz bereits bei unserer Analyse der subjektiven Angaben der Darsteller zur Verbesserung ihrer Fremdsprachenkompetenz und ihrer Korpersprache und bei der Untersuchung ihrer Motivation zur Theaterarbeit verwendet (vgl.Tamm/Sah 2010: 108f., ebd. 2011: 62f.).

Die Grundlage unserer Untersuchung zur Rollen- und Textarbeit bildeten die Angaben der 12 Darsteller in den Fragebogen und Gruppeninterviews aus dem Jahre 2008 und 2009, die wir schon im Rahmen unserer Ausfuhrungen zur Fremdsprachenkompetenz und zur Korpersprache der Darsteller ausgewertet hatten. Zehn der befragten Schauspieler waren weiblich und nur zwei waren mannlich. Wie zuvor erwahnt hatten alle befragten Schuler die gleichen Lernerfahrungen mit Deutsch als Fremdsprache und waren auch im gleichen Alter.

In Zusammenhang mit unserer Untersuchung interessiert nur der Teil unseres Fragebogens, der die Auseinandersetzung mit der Rolle und dem Stuck thematisiert. Die Fragestellung lautete wortlich:

1. "Haben Sie sich vor den Proben mit dem Inhalt des Stuckes beschaftigt und wenn ja, in welcher Form?" (quantitative Auswertung)

2. "Haben Sie im Verlauf des Probenprozesses das Stuck besser verstanden?" (qualitative und quantitative Auswertung)

3. "Wie war die Betreuung der Proben durch die Lehrer?" (qualitative Auswertung)

Das zweite Untersuchungsinstrument bildeten Gruppeninterviews. Da die Interviews nur in einem kleinen Kreis durchgefuhrt wurden, erhofften wir uns tiefergehende Erkenntnisse uber Formen und Entwicklung der Auseinandersetzung mit der Rolle und dem Stuck als dies bei dem Fragebogen der Fall war. Anfang Januar 2009 erfolgten an zwei Terminen leitfadengestutzte Gruppeninterviews mit den Schauspielern. Bei den Interviews nahmen insgesamt 10 Personen teil. Mogliche Veranderungen bei der Rollenarbeit im zeitlichen Verlauf des Probegeschehens wurden berucksichtigt. Wortlich lautete die Frage:

"Wie haben Sie das Stuck und Ihre Rolle verstanden (wahrgenommen)? 1st das Verstandnis der Rolle im Verlauf der Probezeit immer gleich geblieben oder hat es sich verandert?"

Nach dem Interview wurden die Aufzeichnungen mit den Ausserungen der Teilnehmer transkribiert und wortlich vom Chinesischen ins Deutsche ubersetzt. AnschlieBend wurden die Schlusselworter markiert und mit der Textinterpretation begonnen.

4. Ziele der Studie: Hyphothese und Fragestellung

Unser Beitrag soll die Arbeit von Laienschauspielern am Rollen- und Textverstandnis im Rahmen eines Schultheaterprojektes im Bereich der Fremdsprachenausbildung aus Schulerperspektive darstellen. Hier gilt es auch insbesondere die Rolle der Lehrer zu beleuchten. Daruber hinaus wollen wir zur kritischen Diskussion uber Theaterpadagogik im Fremdsprachenbereich beitragen, aus der wiederum Anregungen fur eigenes theaterpadagogisches Lehrhandeln gewonnen werden konnen. Unser Bestreben geht dahin, sowohl die empirische qualitative Wirkungsforschung auf dem Gebiet der Theaterarbeit als auch die theaterpadagogische Praxis auf der Fremdsprachenebene weiter voranzutreiben.

Zur Entwicklung des Rollen-und Textverstandnisses der Teilnehmer gab es einige Annahmen, die vor allem auf die weitgehend homogene Teilnehmergruppe zuruckzufuhren waren. So ist davon auszugehen, dass alle Darsteller sich schon im Vorfeld in irgendeiner Form mit ihrer Rolle und dem Theaterstuck auseinandergesetzt haben, denn sie haben sich ja freiwillig fur diese Rolle gemeldet. Dies fuhrt zu folgender Ausgangshypothese:
   Die Erschliessung des Stuckes und der eigenen Rolle vor den Proben
   geschieht im Wesentlichen uber das Lesen von chinesischen Texten,
   also visuell oder kommunikativ und durch die Diskussion mit anderen
   Mitschulern, besonders den Regisseuren. Jedoch wird die Rolle und
   auch der Text bei den meisten Teilnehmern erst wahrend des
   Probenprozesses verstanden.


Im Rahmen dieser Studie mochten wir Antworten auf folgende Fragestellungen finden:

1. Wie und in welcher Form haben die Schuler vor den Proben eine Text- und Rollenanalyse durchgefuhrt?

2. Haben sich die Methoden der Text-und Rollenaneignung im zeitlichen Verlauf geandert?

3. Lief der eigentliche Prozess des Text-und Rollenverstehens vor oder wahrend der Proben ab?

4. Welche Funktion hatten die Lehrer und Regisseure bei der Vermittlung des Textes und der Rolle?

5. Ergebnisse

5.1. Text-und Inhaltsarbeit

Die Formen der Arbeit am Theatertext vor den Proben waren durch die quantitative Auswertung der Fragebogen relativ leicht zu ermitteln. Die folgende Tabelle gibt einen Uberblick uber die Zugangsformen, die die Darstellerbei der inhaltlichen Erschliessung des Stuckes verwendet haben.

Ein Blick auf die Tabelle 1 macht deutlich, dass sich die Schuler in unterschiedlicher Intensitat inhaltlich mit dem Stuck auseinander gesetzt haben. Es ist anzunehmen, dass die Vielfalt der Zugangsformen auch mit einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Textinhalt korrespondiert. Skirina gibt funf Methoden an, mit denen sie sich einen Zugang zum Verstandnis des Stuckes verschafft hat (Internet surfen, Bucher uber das Stuck lesen, chinesische Ubersetzung lesen, mit Lehrern uber das Stuck diskutieren, mit Schulern uber das Stuck sprechen), jeweils 4 Schauspielerinnen nennen drei bzw. zwei Formen und eine Schauspielerin nur eine Form. Eine Befragte hatte sich vor den Proben uberhaupt nicht mit dem Stuck auseinandergesetzt. Dies bedeutet, dass fast die Halfte der Darsteller drei oder mehr Methoden gewahlt haben (vgl. Tabelle 1).

Die quantitative Auswertung der Antworten bezuglich der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Stuck macht deutlich, dass die chinesische Ubersetzung (8 Angaben) und die Diskussion mit Mitschulern (10 Angaben) die primaren Methoden der inhaltlichen TextErschliessung waren.

Die Schauspieler Altoum, Brigella, Kalaf, Pantalon und Adelma gaben in den Interviews an, dass sie mit den Regisseuren schon vor Beginn der Proben uber den Inhalt des Stuckes gesprochen haben (vgl. Gruppeninterviews v. 5.1.2009:3f. und v. 12.1.2009: 2f.). Es ist auch durchaus nachvollziehbar, dass die Schuler aufgrund ihrer eher gering ausgepragten deutschen Sprachkenntnisse (etwa B1 entsprechend dem europaischen Referenzrahmen) das Lesen des chinesischen Textes praferierten und ihre die Regisseure auf Chinesisch um Informationen gebeten haben.

Eine Ausnahme bildet Truffaldin. Bei ihrer Arbeit am Textverstandnis fokussierte sie sich anders als die meisten Darsteller weder auf die Kommunikation mit den Regisseuren noch auf die Textarbeit, sondern auf das Zuschauen bei den Proben. Dabei konnte sie durch Zuschauen der gesamten Darstellung das Stuck in seinem Zusammenhang erfassen. Bisher hatte sie sich nur mit den Szenen beschaftigt, in denen sie selbst auftrat:

Ich kannte also nur die Szenen des Stuckes, in denen ich auftreten sollte. Im August und September (also 1 bis 2 Monate vor der Auffuhrung) sind alle Schauspieler gekommen und ich habe das Stuck als Ganzes gesehen. So habe ich das Stuck besser verstanden, also, ich habe das Stuck nicht durch das Lesen des Textes, sondern durch das Zuschauen bei den Proben verstanden. (Truffaldin, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 3)

Weniger als die Halfte der Befragten hat nach zusatzlichen Informationen im Internet gesucht und nur ein Darsteller hat weitere Bucher uber das Stuck gelesen. Offenbar sahen es die Darsteller als Aufgabe der Regisseure an, sich uber das Lesen des Textes hinaus mit dem Inhalt des Stuckes auseinanderzusetzen und anschlieteend die Bedeutung des Textes den Schaupielern zu vermitteln. Konsequenterweise beschrankten sich die Darsteller auf das Lesen des ubersetzten chinesischen Textes. Es fallt auf, dass fast alle Schuler im Fragebogen angegeben haben, das Stuck und ihre Rolle wahrend der Probenphase besser verstanden zu haben. Der entscheidende Lernprozess vollzog sich also nicht vor, sondern wahrend der Proben.

Die Lehrer als erfahrene Experten spielten als Informationsquelle eine eher geringere Rolle. Bei der Kommunikationsproblematik mit muttersprachlichen Lehrern konnten auch Sprachbarrieren eine Rolle gespielt haben. Auffallig ist jedenfalls, dass lediglich Darsteller mit relativ guten Deutschkenntnissen (Altoum, Kalaf, Turandot) mit (muttersprachlichen) Lehrern diskutiert haben. Die Beschrankung auf das Lesen der chinesischen Ubersetzung und die Fokussierung auf die Diskussion mit den Regisseuren birgt jedoch auch die Gefahr von Fehlinterpretationen. Dies kommt in folgender Aussage von Kalaf deutlich zum Ausdruck:

Am Anfang der Ferien haben die Regisseure mit uns inhaltlich uber das Stuck diskutiert. So konnten wir bestimmte Vorstellungen hinsichtlich unserer Rolle entwickeln. Aber als die Lehrer uns das Stuck erklart haben--und zum Teil lag dies an sprachlichen Missverstandnissen unsererseits, habe ich das Stuck anders verstanden. Spater habe ich die Handlung des Stuckes richtig verstanden. (Kalaf, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 3)

Die Inhaltsverstandnisse der Lehrer liefen also mit denen der Regisseure nicht konform und dies fuhrte zu Missverstandnissen. Da sich die Darsteller zunachst ganz auf die Erlauterungen der Regisseure verlassen haben, war es fur die Lehrer schwierig und zeitaufwendig, den Regisseuren und Schauspielern ein anderes Verstandnis des Stuckes zu vermitteln. Dieses Problem bringt Darsteller Altoum klar auf den Punkt:

Bei uns war es der Fall, dass sich die Regisseure ihre Meinungen schon gebildet hatten und dann kamen die Lehrer dazu, aber ihre Vorstellungen waren anders. Die Kommunikation zwischen Lehrern und Regisseuren hat eine lange Zeit in Anspruch genommen. (Altoum, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 7)

Der Grund fur das mangelnde Verstandnis des Inhalts beruhte aus Sicht der Darsteller also auf der mangelnden Kommunikation zwischen Regisseuren und Lehrern. Ein ahnliches Ergebnis ergibt sich, wenn es um die Auseinandersetzung mit der Rolle vor den Proben geht.

5.2. Rollenarbeit

Wie schon erwahnt hatten die Darsteller im Rahmen eines privat organisierten Schauspielunterrichts Rollenarbeit betrieben. Die Beschaftigung mit der Rolle wurde in der Form durchgefuhrt, dass die Darsteller eine von ihnen selbst ausgedachte kurze Geschichte zu der von ihnen zu spielenden Figur geschrieben haben. So sollte sich zum Beispiel eine Darstellerin daruber Gedanken machen, was fur eine Person Adelma vor der Handlung des Stuckes gewesen sein konnte. Auf diese Weise konnten sich die Darsteller dem Charakter der Rolle annahern. Wie aus den Ausserungen hervorgeht, haben einige Schuler diese Vorubungen aber als Festlegung der Rolle wahrgenommen. (Adelma, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 7) Die folgende Tabelle zeigt die verschiedenen Formen des Zugangs bei der individuellen Rollenarbeit:

Wie bei der Erschliessung des Textsinhalts dominieren auch hier die Diskussion mit Mitschulern und das Studium der chinesischen Ubersetzung (11 Angaben bzw. 8 Angaben). Jedoch sind die Aussagen differenzierter als bei den Erschliessungsformen des Inhalts von "Turandot." So haben immerhin vier Schuler die Unterstutzung der Lehrer gesucht. Betrachtet man die Anzahl der von den einzelnen Darstellern verwendeten Formen des Zugangs, ergibt sich folgendes Gesamtbild:

Eine Schulerin (Skirina) nennt vier Methoden, vier Darstellerinnen nennen drei und sieben zwei Methoden. Schulerinnen, die nur eine Form gewahlt und sich mit der Rolle uberhaupt nicht auseinandergesetzt haben, konnten nicht ermittelt werden. Etwa funf Darsteller hatten sich besonders intensiv auf die Rolle vorbereitet. (vgl. Tabelle 1). Vergleicht man Tabelle 1 mit Tabelle 2, so fallt auf, dass die Personen, die bei Erschliessung des Stucks mehrere Methoden gewahlt haben, dies auch bei der Rollenarbeit tun. Dies trifft insbesondere fur Skirina zu, die funf bzw. vier Zugangsarten angibt und fur Altoum, Tartaglia und Brigella mit jeweils drei Formen. Auf der anderen Seite geben die meisten Befragten, die in Tabelle 1 nur mit 2 und weniger Zugangsformen vertreten sind, in Tabelle 2 auch nur zwei Formen an, wenn sie nach der Art der Erschliessung ihrer Rolle im Stuck befragt werden (vgl. Tabellen 1 und 2).

Lediglich ein befragter Darsteller hat im Internet nach diesbezuglichen Informationen gesucht und ein Darsteller hat Bucher uber die Rolle gelesen (Vgl. Tabelle 2). Wahrscheinlich gibt es in diesen Medien auch weniger Informationen uber die Bedeutung der jeweiligen Rolle, zumal in chinesischer Sprache. Auch hier waren die Lehrer als Informationsquelle von untergeordneter Bedeutung und die Spielenden haben sich ganz auf die Erlauterungen von Mitschulern verlassen.

Kalaf suchte bei der Erschliessung der Rolle im Rahmen des Probenprozesses zunachst die Unterstutzung die Mitspieler. Spater gewannen die Lehrer als Vermittler an Bedeutung. Die Erlauterungen der Lehrer wahrend der Probenphase fuhrten zu einer grundlegenden Wandlung des Textverstandnisses wie aus den Ausserungen von Kalaf hervorgeht. Ihr wurde mehr und mehr klar, "dass die Rolle durch tiefe Gefuhle gepragt und dieser Charakter sehr depressiv ist." Wahrend sie am Beginn der Proben "den Text nur auswendig lernen" konnte, gelang ihr das Schauspiel in der spateren Probenphase immer besser (Kalaf, Gruppeninterview v. 12.1.2009:3).

Aus den Angaben in den Interviews geht eindeutig hervor, dass sich das Rollenverstandnis im Verlauf der Proben veranderte. Dies vollzog bei einigen Schauspielern durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Text. So bemerkt Schausspielerin "Turandot": "Als ich den Text bekommen habe, habe ich mir Gedanken uber die Rolle gemacht." Sie hatte jedoch Schwierigkeiten, den "komplizierten Charakter" der Hauptrolle zu verstehen. Wie einige andere Darsteller berichtet auch "Turandot" von Unterschieden zwischen ihren "Gedanken uber die Rolle und denen der Regisseure, denen der Mitspieler und denen der Lehrer," die auf Missverstandnisse zuruckzufuhren seien. (2) Solche "Widerspruche" hatten sie "ziemlich verwirrt." Diese Situation hatte dazu gefuhrt, dass sie bis zur Auffuhrung "keine Identitat mit der Rolle" gefunden habe, was sie sehr bedauere. Um derartige Verwirrungen zu vermeiden, schlagt sie vor, dass "die Rollen vom Anfang an festlegt werden sollten." Wie dies in der Praxis realisiert werden kann, konkretisiert sie allerdings nicht (Turandot, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 3). Aus diesen Ausserungen klingt hervor, dass sie den Probenprozess eher statisch als dynamisch auslegt.

Wahrend Turandot sich schon vor den Proben mit der Textarbeit und mit der Rolle beschaftigte, begann Barak erst wahrend der Probenphase damit, als sie merkte, dass ihre bisherigen Vorstellungen nicht auf die reale Spielsituation anwendbar waren:

Ja, meine Vorstellungen von der Rolle haben sich im Verlauf der Proben verandert. Ich spiele die Rolle "Barak"." Ich habe mir gedacht, dass Barak ein guter Freund des Prinzen Kalaf ware. Sie waren im gleichen Alter. Er war sehr jugendlich und hatte viel Energie. Aber als ich das Stuck gelesen habe, merkte ich den Unterschied zu meiner Vorstellung. (Barak, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 2)

Als Erganzung half ihr die Kommunikation mit den Mitspielern:

Als ich das Stuck richtig gelesen habe und seit ich mit anderen Schauspielern daruber kommuniziert habe, habe ich gemerkt, dass die Rolle anders interpretiert wird als ich vorher gedacht habe. (Barak, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 3)

Einige Studenten hatten die Rolle zwar verstanden, konnten sie aber nicht auf der Buhne darstellen. So erging es der Schauspielerin "Doktor":

Ich spielte einen der Doktoren. Die Interpretation der Rolle wurde von Anfang an festgelegt. Ich habe zwar die Rolle verstanden, konnte sie aber nicht richtig interpretieren. Aber nach einigen Monaten gelang mir die Interpretation. (Doktor, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 3)

Uber ahnliche Erfahrungen berichtet Tartaglia. Er hatte sich "zwar einige Ideen fur die Rolle ausgedacht," aber wahrend der Probe hatte er gemerkt, dass ihm "das Schauspiel nicht unbedingt gelang." Erst als ihm die Bedeutung des Stuckes und die Zusammenhange bewusst wurden, naherte er sich dem Verstandnis seiner Rolle (Tartaglia, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 3).

Bei diesem Prozess spielte die verstarkte Konzentration und Interaktion eine entscheidende Rolle. Denn je "ernsthafter" die Darsteller das Stuck probten, desto besser fuhlte sich der "Doktor" in der Lage, "die Rolle zu beherrschen" (Doktor, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 3).

Einige Darsteller hatten vor den Proben kaum Rollenarbeit betrieben. Der Darsteller Altoum wusste vor den Proben nur, dass "er den Konig spielen soll." Wahrend der Probenphase hat er zuerst mit den Regisseuren uber seine Rolle gesprochen und am Ende der Semesterferien war ihm "alles klarer," nach der Intervention der Lehrer "noch klarer." Ihm wurde also mehr und mehr bewusst, "wie sich der Konig benehmen soll, wie er sprechen und wie er gehen sollte" (Altoum, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 2).

Obwohl sie schon ihre "eigene Meinung zu der Rolle" gebildet hatte, hat sich auch Pantalon auf die Instruktionen der Regisseure und Lehrer verlassen. Sie hatten ihr erklart, "was fur eine Rolle ich hatte und wie ich sie zum Ausdruck bringen konnte. " Dies hatte ihr geholfen, "andere Varianten der Darstellung zu finden" (Pantalon, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 2). Pantalon konkretisiert diesen Prozess. So hatte sie sich gedacht, dass Pantalon eine "sehr ernste Rolle" ist. Aber der Regisseur hat ihr dann dargelegt, "dass er auch lustig sein" kann. Sie musse sich "nicht so befangen benehmen" (Pantalon, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 3). Pantalon kann diesen Prozess auch zeitlich einordnen: Am Anfang der Proben sei sie "ziemlich ruhig stehengeblieben" und konnte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Im August uberlegte sie sich, dass sie mehr "Varianten einbauen, mehr Korperbewegungen hinzufugen und den Wechsel bei den Emotionen deutlicher darstellen sollte." Und im September konnte sie "wirklich kreativ spielen und stand nicht mehr nur auf der Buhne herum" (Pantalon, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 3).

Da sie bei ihrem Auftritt nur wenige Textpassagen darzustellen hatte, fiel es Truffaldin eher leichter, ihre Rolle zu verstehen. Ihr Problem lag in der Darstellung. Bei den Proben im Juli war sie nur in der Lage, "von einem Platz der Buhne zum anderen zu gehen und gab an, schauspielerisch" zu eintonig gehandelt zu haben. Hier hat sie die Intervention der Lehrer als sehr hilfreich erlebt, denn "sie haben mir vorgeschlagen, den Korper starker einzusetzen, um damit den Charakter der Rolle deutlicher zu machen" (Truffaldin, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 3).

Welche Funktion hatten die Lehrer und Regisseure bei der Rollenarbeit? Die Lehrer griffen erst zu einem spateren Zeitpunkt als Unterstutzer ein. Kalaf bemerkt hierzu, dass die Darsteller zunachst durch die Erklarungen der Regisseure in die Lage versetzt wurden, "bestimmte Vorstellungen hinsichtlich der Rolle entwickeln." Sie betont die entscheidende Funktion der Lehrer bei der Vermittlung ihres Rollenverstandnisses.

Die Lehrer spielten eine wichtige Rolle. Oft haben wir die Handlung des Stuckes missverstanden. Die Lehrer haben uns geholfen, die Rolle richtig darzustellen. Sie gingen sogar bis ins Detail. Ich habe gedacht, dass ich schon gut gespielt habe. Aber sie konnten mir noch mehr Anregungen geben. (Kalaf, Gruppeninterview v. 12.1 2009: 7)

Die starkere Involvierung der betreuenden Lehrer nahm Kalaf als Input neuer Perspektiven wahr. Denn nun konnte sie ihre Rolle "anders verstehen" (Kalaf, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 3).

Von einem ahnlichen Lemprozess berichtet Schauspielerin Adelma. Sie nimmt diese Interventionen jedoch anders wahr:

Als ich den Text in die Hand bekommen habe, habe ich mir schon Gedanken daruber gemacht. Ich habe mich entschieden, wie ich spiele und wie ich den Charakter der Rolle festlege. Als die Proben im Juli angefangen haben, habe ich mit den Regisseuren daruber gesprochen und ich habe ihnen auch gezeigt, wie ich spiele. Sie waren einverstanden mit meinen Ideen und der Art wie ich die Rolle darstelle. Es hat sich alles verandert, als die deutschen Lehrer mitgewirkt haben. Alles wurde umgekippt. Es hat mich zur Verzweiflung gebracht: "Was fur eine Bedeutung hat die Rolle?" (Adelma, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 3)

Aus diesen Ausserungen wird deutlich, dass Adelma zu Beginn des Probenprozesses uberhaupt keine Instruktionen von den Regisseuren bekommen hatte, sondern ihre eigenen Ideen entwickelt hat. Diese hat sie dann den Regisseuren dargelegt und diese haben offensichtlich keine Einwande gegen ihre Vorstellungen gehabt. Die Konzeptionen von Regisseuren und Schauspielern kollidierten jedoch mit der Interpretation der Lehrer. Die Konfrontation mit dieser Situation loste bei Adelma offenbar Verwirrung und Verzweiflung aus. Jedoch sieht Adelma diese Erfahrung auch positiv, denn sie gibt an, die Rolle spater "klarer erkannt" und dadurch "anders gespielt" zu haben. Wie bei Adelma wurde die Intervention der Lehrer auch von anderen Darstellern als storend empfunden, denn Kalaf berichtet, dass "einige von uns auf den alten Darstellungen und Intepretationen bestanden haben und nicht bereit waren, viele Veranderungsvorschlage zu akzeptieren" (Kalaf: Gruppeninterview v. 12.1 2009: 7). Truffaldin fabt die Situation wie folgt zusammen: "Zu viele Veranderungen fuhrten zu Verwirrung und die Teilnehmer verloren dabei die Geduld" (Kalaf: Gruppeninterview v. 12.1 2009: 7). Wenn man sich bewusst macht, dass Adelma und Truffaldin schon wahrend des Schauspielunterrichts vor den Proben Vorstellungen uber die Rolle entwickelt haben und dass sie zusatzlich durch die Vorgaben der Regisseure beeinflusst wurden, die die Puccini-Version und nicht die Schiller-Version des Schauspiels "Turandot" als Model einer Auffuhrung vor Augen hatten, dann erscheint diese Verwirrung und Ungeduld durch die Intervention der Lehrer verstandlich.

Wenn wir uns das Ergebnis der bisherigen Ausfuhrungen ansehen, uberrascht das Ergebnis nicht. Die Erschliessung des Stuckes und der eigenen Rolle vor den Proben geschieht neben dem Schauspielunterricht im Wesentlichen uber das Lesen der Ubersetzung und durch die Diskussion mit anderen Mitschulern, besonders den Regisseuren. Die betreuenden Lehrer intervenierten erst spater im Verlauf des Probenprozesses und ubernahmen eine Rolle als Unterstutzer. Diese Funktion wurde von einigen Schauspielern als hilfreich aufgenommen, bei anderen sorgte dies fur Verwirrung, zumal die von den Lehrern eingebrachten Interpretationen mit bisherigen durch den Schauspielunterricht und die Diskussion mit den Regisseuren erworbenen Vorstellungen uber die Rolle kollidierten (von Kalaf als "alte Darstellungen und Intepretationen" bezeichnet).

Gab es von Seiten der Schuler konkrete Verbesserungsvorschlage bezuglich der Rollenentwicklung? Einige Darsteller haben ihre Vorstellungen in den Interviews artikuliert. Sie fordern klarere Vorgaben der Regisseure: So betont Kalaf, dass die Regisseure "ihre eigene Meinung zu dem Stuck und zu der Darstellung der Rollen haben" sollten. Sie hatten eigentlich die "Fuhrungsrolle ubernehmen, sich auf die Proben konzentrieren und nicht nur da herumstehen" mussen (Kalaf, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 7) Aus diesen Ausserungen ist zu entnehmen, dass Kalaf nicht nur Vorgaben der Regisseure vermisst, sondern auch ihre mangelnde Vorbereitung und Inaktivitat wahrend der Probenphase einer Kritik unterwirft. Deshalb hatten die Regisseure schon zu einem fruheren Zeitpunkt die Unterstutzung der Lehrer benotigt.

Unsere Regisseure sind keine Professionellen. Vielleicht leisteten sie etwas, aber konnen nicht wie Professionelle arbeiten. Deswegen ist das Mitwirken der Lehrer sehr wichtig. (Kalaf, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 7)

Aus den Ausserungen von Truffaldin klingt eine ahnliche Kritik hervor, wobei Truffaldin auch den Ursachen fur die unklaren Vorgaben der Regisseure und ihre Meinungsanderungen nachgeht:

Unser Regisseur lieh sich schnell uberreden und berucksichtigte immer alle Meinungen um eine gute Arbeitsatmosphare zu bewahren. Aber oft hat man verschiedene Meinungen und dann sollte der Regisseur das letzte Wort haben. (Truffaldin, Gruppeninterview v. 12.1.2009: 7)

Altoum glaubt, dass eine intensive Beschaftigung mit den Theatertexten durch die Regisseure und die Lehrer zu einer gemeinsamen Interpretation vor den Proben und damit zu genaueren Vorgaben der Regisseure gefuhrt hatte. Dies hatte fur die Darsteller das Verstandnis der Rolle erleichtert:

Was zu verbessern gab, war in erster Linie die Bearbeitung des Textes. Sie sollte zu einem fruheren Zeitpunkt erfolgen. Die Lehrer und die Regisseure sollten sich zusammensetzen und uber das Stuck sprechen. (Altoum, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 7)

Aus diesen Ausserungen spricht ein textorientiertes Verstandnis von Schauspiel. Ein Theaterprojekt wird nicht als ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess begriffen, bei dem Ideen diskutiert, verworfen und standig weiter entwickelt werden. Ein ahnlich statisches Verstandnis von Schauspiel klingt bei der Darstellerin "Doktor" an. Wie bei "Altoum," so steht auch bei Doktor die Festlegung der Rollen im Vorfeld der Proben:

Wenn wir dies alles schon vom Anfang bestimmt haben, konnten wir uns bei den Proben,--nun auf dem richtigen Pfad und auch ohne Lehrer-Gedanken machen und Ideen uber unsere Rollen entwickeln. (Altoum, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 7)

Darstellerin "Barak" fuhrt an, dass eine bessere Einbeziehung aller am Prozess beteiligten Gruppen in die Rollenarbeit wie die Kostumdesigner die Arbeit am Projekt verbessern konne:

Viele Mitglieder anderer Arbeitsgruppen wussten gar nicht, woruber das Stuck handelte. Zuerst hat die Gruppe fur die Kostume meine Rolle gar nicht verstanden. Sie haben mir das falsche Kostum besorgt. Daher bin ich der Meinung, dass sich alle Mitwirkenden uber das Stuck informieren sollten. Bei der Festlegung der Rolle sollten die Lehrer und die Schauspieler zusammen daruber diskutieren. (Barak, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 7)

Auch das Schauspielertraining mit den selbst verfaBten Geschichten zur Rolle stosst auf Kritik. Durch die dort erfolgte Arbeit wurde nach Meinung von Turandot das Bild der zu spielenden Figur zu fruh festgelegt. Deshalb musse das Schauspielertraining mit der Entwicklung "eigener Vorstellungen uber die Rolle entweder anders verlaufen oder gar nicht durchgefuhrt werden." Den Regisseuren rat sie, "weniger eigene Intepretationen der Rolle anstellen, denn wenn es nicht richtig ist, kann das fur Schauspieler verwirrend sein." Daher sei es wichtig, dass die Lehrer schon zu einem fruheren Zeitpunkt mitwirken. (Turandot, Gruppeninterview v. 5.1.2009: 8)

6. Fazit

Die Ausserungen der Darsteller lassen verschiedene Phasen und Formen der Auseindersetzung mit dem Text und der Rolle erkennen. Die verwendeten Hilfsmittel und Methoden anderten sich im Verlauf des Projektes. So konzentrierten sich einige Darsteller zunachst auf die Textarbeit, spater waren das Beobachten und die Nachfrage bei den Lehrern das Mittel der Wahl, unterstutzt durch die Erfahrungen und Interaktionen bei den Proben. Die quantitative Auswertung zeigt, dass die Schuler vor dem Beginn der Proben versuchten, diese Aufgabe mit Hilfe des Studiums der chinesischen Ubersetzung und der Diskussion mit anderen Mitspielern und den Regisseuren zu bewaltigen. Die Darsteller, die den Theatertext in seiner Gesamtheit gelesen hatten und nicht nur die fur ihre Rolle relevanten Passagen, waren eher in der Lage, ihn inhaltlich zu verstehen. Von einer solchen Herangehensweise machten unserer Beobachtung eher die Darsteller Gebrauch, die bereits gute Kenntnisse der deutschen Sprache aufwiesen. Gleiches gilt fur die Befragten, die gezielt Informationen uber das Stuck gesucht hatten. Aus den Interviews geht hervor, dass der Beginn der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Stuck zu unterschiedlichen Zeiten erfolgte. Wahend einige Studenten vor den Proben versuchten, das Stuck durch das Lesen des Textes inhaltlich zu erschlieBen, geschah dies bei anderen Studenten erst im Verlauf des Probenprozesses beim Zuschauen oder durch Nachfragen bei den Regisseuren. Offenbar galten die Regisseure unter den Darstellern als kompetente Vermittler beim Verstandnis der Handlung. Die Lehrer spielten als Ansprechpartner anfangs eine geringe Rolle. Erst im Verlauf wurden sie mehr und mehr als kompetente Unterstutzer beim Textverstandnis wahrgenommen, wenngleich ihre Intervention auch Verwirrung stiftete. Bei der von den Schulern angespochenen Kommunikationsproblematik waren moglicherweise Sprachbarrieren ein Problem, denn lediglich Darsteller mit relativ guten Deutschkenntnissen haben bei den (muttersprachlichen) Lehrern nachgefragt.

Der zweite Teil unserer Studie konzentrierte sich auf die Frage der Rollenarbeit. Wie bei der Textarbeit lassen sich auch bei der Rollenarbeit Veranderungen bei der Wahl der Methoden beobachten. Im Rahmen eines bezahlten Schauspielunterrichts hatten die Darsteller schon vor Beginn der Proben Rollenarbeit betrieben. Vor den Proben begannen viele Darsteller, sich in verschiedener Art und Weise mit der Rolle auseinanderzusetzen. Die quantitativen Angaben zeigen, dass sich fast die Halite der Schuler und Schulerinnen intensiv auf die Rolle vorbereitet haben. Aus den Interviews lieb sich entnehmen, dass sich das Rollenverstandnis im Verlauf der Proben veranderte und die Bedeutung der Rolle erst wahrend der Probenphase erkannt wurde. Diese Veranderungen erfolgten bei einigen Darstellern durch intensives Studium des Theatertextes, wobei einige Schuler schon vor der Probenphase mit dieser Arbeit begannen, wahrend andere erst wahrend der Probenphase merkten, dass sich ihre Vorstellungen schwer auf der Buhne darstellen lieben. Erst als ihnen die Bedeutung des Stuckes und die Zusammenhange deutlich wurden, konnten sie sich dem Verstandnis der Rolle nahern. Wie bei der inhaltlichen Erschliessung des Textes war wahrend der Probenphase die Kommunikation mit anderen Mitschulern und besonders mit den Regisseuren das Mittel der Wahl. Fur eine Schauspielerin spielte das Zuschauen die entscheidende Rolle. Welche Funktion hatten die Lehrer bei der Rollenarbeit? Sie griffen erst zu einem spateren Zeitpunkt als Unterstutzer ein. Einige Darstellerempfanden diese Intervention als hilfreich und ideengebend, bei anderen sorgte dies fur Verwirrung und Irritationen, da ihre Vorstellungen mit denen der Lehrer kollidierten. Sie hatten ihre festen Vorstellungen von der Rolle bereits wahrend des Schauspielunterrichts und durch Vermittlung der Regisseure entwickelt. Die Intervention der Lehrer irritierte sie eher.

In Folge der gemachten Erfahrungen wurden von Seiten der Darsteller auch konkrete Vorschlage zur Verbesserung der Rollenarbeit entwickelt. So wurde eine bessere Koordination der am Theaterprojekt beteiligten Gruppen angeregt. Ferner sollten Lehrer und Regisseure schon im Vorfeld die Rollen gemeinsam festlegen. Es wird nach einer Fuhrungsrolle der Regisseure verlangt, die den Schauspielern konkrete Anweisungen zur Darstellung ihrer Rolle geben mubten. Solche Ausserungen verdeutlichen aber auch, dass die Darsteller eine eher textorientierte und statische Vorstellung von einem Theaterprojekt haben. Ferner wird eine Umstrukturierung oder gar Abschaffung des Schauspieltrainings im Vorfeld der Proben angeregt, weil eine zu fruhe Festlegung des Rollenbildes fur den Probenprozess nicht hilfreich sei.

Anmerkungen

(1) Turandot, (Vgl. http://www.turandot-agentur.de/turandot.htm 7.5.2013).

(2) Die Regisseure hatten sich im Vorfeld die Puccini-Version des Stuckes angesehen. Diese Darstellung haben sie als Grundlage ihrer Interpretation des Stuckes angenommen, die jedoch inhaltlich und darstellerisch von der Schillerversion abwich.

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Fragebogen und Interviews

Transkript der Angaben der Untersuchungsteilnehmer im Fragebogen vom November 2008.

Untersuchungsteilnehmer: Altoum, Adelma, Barak, Brigella, Doktor, Kalaf, Pantalon, Skirina, Tartaglia, Truffaldin, Turandot, Zelima.

Transkript der Angaben der Untersuchungsteilnehmer im Gruppeninterview vom 5.1.2009 Interviewteilnehmer: Altoum, Adelma, Barak, Doktor, Tartaglia, Turandot.

Transkript der Angaben der Untersuchungsteilnehmer im Gruppeninterview v. 12.1 2009 Interviewteilnehmer: Brigella, Kalaf, Pantalon, Truffaldin.

[Received 10 May 2013; accepted 6 July 2013]
Tabelle 1 : Formen der inhaltlichen ErschlieBung des Stuckes
"Turandot"

                        Bucher    Chinesische
                im       uber     Ubersetzung    deutschen
Name         Internet     das       gelesen      Original-
             gesurft     Stuck                  text gelesen
                        gelesen
Adelma                                 X
Altoum          X
Barak
Brigella        X                      X
Doktor                                 X
Kalaf                                  X
Skirina         X          X           X
Pantalon        X
Tartaglia       X                                    X
Truffaldin                             X
Turandot                               X
Zelima                                 X
Summe           5          1           8             1

                mit          Mit
              Lehrern      Schulern
Name          uber das     uber das    Sonstiges
               Stuck        Stuck
             diskutiert   diskutiert
Adelma
Altoum           X            X
Barak
Brigella                      X
Doktor                        X
Kalaf            X            X
Skirina                       X            X
Pantalon                      X
Tartaglia                     X
Truffaldin                    X
Turandot         X            X
Zelima                        X
Summe            3            10

(Quelle: Transkript der Angaben der Untersuchungsteilnehmer
im Fragebogen vom November 2008: 2f.), Transkript der Angaben
der Untersuchungsteilnehmer im Gruppeninterview vom 5.1.2009:
2, Transkript der Angaben der Untersuchungsteilnehmer im
Gruppeninterview vom 12.1.2009: 2f.)

Tabelle 2: ErschlieBung der eigenen Rolle im Theaterstuck.

                         Bucher    Chinesische
                im      uber die   Ubersetzung    Deutschen
Name         Internet    Rolle       gelesen      Original-
             gesurft    gelesen                  text gelesen

Adelma                                  X
Altoum                                                X
Barak                                   X
Brigella                                X
Doktor                     X            X
Kalaf
Pantalon
Skirina                                 X             X
Tartaglia       X                                     X
Truffaldin                              X
Turandot                                X
Zelima                                  X
Summe           1          1            8             3

                Mit          Mit
              Lehrern      Schulern    Sonstiges
Name          uber das     uber das
               Stuck        Stuck
             diskutiert   diskutiert

Adelma                        X
Altoum           X            X
Barak                         X
Brigella         X            X
Doktor
Kalaf                         X            X
Pantalon         X            X
Skirina                       X            X
Tartaglia                     X
Truffaldin                    X
Turandot         X            X
Zelima                        X
Summe            4            11           2

(Quelle: Transkript der Angaben der Untersuchungsteilnehmer im
Fragebogen vom November 2008: 2, Transkript der Angaben der
Untersuchungsteilnehmer im Gruppeninterview vom 5.1.2009,
1f., Transkript der Angaben der Untersuchungsteilnehmer im
Gruppeninterview vom 12.1.2009: 1f.)
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Author:Tamm, Ingo; Sah, Pai-ling
Publication:Fu Jen Studies: literature & linguistics
Date:Sep 1, 2013
Words:6070
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