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Ein Streifen am Horizont--interdisziplinare Beitrage zur Endlagersuche/A Glimmer of Hope--Interdisciplinary Contributions to the Search for a Final Nuclear Waste Repository.

Der GAIA-Schwerpunkt Jahrhundertprojekt Endlagerung fasst die Arbeiten des Forschungsverbunds Entsorgungsoptionen fur radioaktive Reststoffe: Interdisziplinare Analysen und Entwicklung von Bewertungsgrundlagen (ENTRIA) treffend zusammen. Er fordert aber an einigen Punkten zu Kommentaren heraus.

Es wird ein weiter Bogen gespannt von den langen Zeitskalen der Endlagerung mit der Notwendigkeit, auch zukunftige Generationen zu berucksichtigen, bis hin zu der vergleichsweise kurzfristigen Zwischenlagerung. Brunnengraber und Gorg (2017) versaumen jedoch festzuhalten, dass die immer wieder angefuhrten eine Million Jahre nicht die notwendige Isolationsdauer, sondern die Grenze des geologischen Prognosewissens darstellen. (1)

Wie wird Sicherheit uber einen so langen Zeitraum belegt? Rohlig und Eckhardt (2017) diskutieren das dafur entwickelte Werkzeug (Safety Case) und dessen mangelhafte Akzeptanz. Sie gehen nicht auf die Kritik an der Vorlaufigen Sicherheitsanalyse fur den Standort Gorleben--dem nach ihrer Aussage einzigen Safety Case in Deutschland--ein. Dieser wird kritisiert, weil er allein die ehemaligen Planungen am Standort Gorleben zum Gegenstand hat. Diversitat und Redundanz--wesentliche Komponenten von Sicherheitstechniken--werden zum Beispiel bei den geologischen Barrieren nicht angewendet. Stattdessen propagiert der Beitrag den durchaus zielfuhrenden Losungsansatz, in Zukunft Stakeholder an der Erstellung des Safety Case zu beteiligen.

Walther und Reimann (2017) betrachten den bei der offentlichen Diskussion um das Standortauswahlgesetz (StandAG) vernachlassigten Strahlenschutz. Durch Handhabung von radioaktiven Abfallen zum Schutz nachfolgender Generationen wird die kleine Gruppe der Beschaftigten in Entsorgungsanlagen einer zusatzlichen Strahlenbelastung ausgesetzt. Eine sorgfaltige Abwagung ist also angesagt. Dies fallt nicht leicht, da hier klare faktische Belastungen der Beschaftigten einerseits mit andererseits hypothetischen Belastungen in der Zukunft, deren Eintreten ungewiss ist, verglichen werden mussen. Auch wenn die Uberschrift des Beitrags auf die Individualdosis abzielt, ware wenigstens die Erwahnung der Kollektivdosis angebracht gewesen.

Zwischenlagerung der radioaktiven Abfalle uber die bisher in Deutschland genehmigten 40 Jahre hinaus ist aufgrund des langeren Suchverfahrens nicht zu umgehen. Budelmann et al. (2017) stellen in ihrem erstaunlich interdisziplinar gepragten Beitrag Forschungsansatze in GroBbritannien, USA und Frankreich sowie deren Umsetzung in den Niederlanden vor. In Deutschland beginnt diese Diskussion erst jetzt. Die Zwischenlagerung wurde bislang als Verzogerungstaktik bei der Endlagersuche und nicht als pragmatische Strategie aufgrund der bisherigen Erfahrungen beim Endlagerproblem gesehen.

Soll in groBen Tiefen endgelagert werden, ohne dass spater bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten eine Ruckholung vorgesehen wird (Rohlig et al. 2017)? Sich fur diese Irreversibilitat zu entscheiden, fallt gesellschaftlich schwer. Eine geplante Ruckholung ist jedoch mit vielen berg- und sicherheitstechnischen Problemen verbunden. Welche Beobachtungen des Endlagersystems sollen wann zu einer Entscheidung uber eine Ruckholung fuhren? Hier wird fruhzeitige disziplinare, interdisziplinare und transdisziplinare Diskussion vorgeschlagen. Ob dies in der Realitat umzusetzen ist, bleibt mehr als fraglich. Bei diesem hehren Anspruch wird zudem dem Nationalen Begleitgremium (NBG) eine wichtige Rolle zugeschrieben. Dazu sei angemerkt, dass das NBG ehrenamtlich arbeitet. Fur die Offentlichkeitsbeteiligung ist das Bundesamt fur kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) als steuerfinanzierte Behorde zustandig und hierauf sollten primar die Erwartungen gerichtet werden.

Wer fur die Entsorgung des nuklearen Komplexes zahlen soll, ist nach Jansch et al. (2017) klar durch das Verursacherprinzip vorgegeben. Doch im Detail wird es schwierig. Die Durchsetzung des Verursacherprinzips ist nicht vollstandig gelungen, da die Abfallverursacher als Wirtschaftssubjekte der Energieversorgung weiter existieren sollen. Vor allem die Unwagbarkeiten wurden daher vom Staat ubernommen. Sollten also die Endlagerkosten hoher als geschatzt ausfallen und/oder sich das angesetzte Zinsniveau sich am Finanzmarkt nicht erreichen lassen, werden die Steuer-zahler(innen) einspringen mussen. Teilweise gerechtfertigt ist das, weil in den fruhen 1960er und 1970er Jahren der "Atomstaat" einen "staatlich-industriellen Komplex" aufgebaut hat und erst spater die Energieversorgungsunternehmen--gelockt durch lukrative Subventionen--mit der Atomkraft viel Geld verdient haben. Auf die konsequente Durchsetzung des Verursacherprinzips wurde bei der Kernkraftnutzung von Anfang an verzichtet, indem etwa die Haftung der Kernkraftwerksbetreiber im Falle eines Unfalls per Atomgesetz beschrankt worden war. Leider fehlt dieser Aspekt in dem Beitrag.

Wie gehen die Burger(innen) auf Standortsuche (Drogemuller und Kuppler 2017)? Sie werden aufgefangen von einem umfangreichen Beteiligungssystem mit den Institutionen NBG, Regionalkonferenzen und Rat der Regionen. Leider wird die besondere Rolle des Rats der Regionen gegenuber den Regionalkonferenzen --namlich die Starkung der uberregionalen Perspektiven und damit Abmilderung des NIMBY-Trends--nicht herausgestellt. Der Vergleich mit ahnlichen Beteiligungsstrukturen in der Schweiz ist interessant, allerdings sind die historischen Entwicklungen in Deutschland deutlich anders. Dies kommt in der zu Recht aufgeworfenen Frage zum Ausdruck, inwiefern sich die Umweltverbande und Burgerinitiativen, die sich schon der Zusammenarbeit mit der Endlager-Kommission verweigerten, auf diesen Beteiligungsprozess einlassen konnen?

Hocke und Smeddinck (2017) legen schlieBlich dar, dass ein wirklicher Neuanfang der Endlagersuche mit dem StandAG nicht gemacht wurde. Ein demokratischer Verstandigungs- und Willensbildungsprozess war nicht vorausgegangen. Bei der Diskussion zur Zukunftsverantwortung kommen schon Ott und Semper (2017) zu dem Vorschlag, in einer fiktiven Gesprachssituation mit Reprasentant(inn)en zukunftiger Generationen umfassend Rede und Antwort zu stehen, um zu prufen, ob verantwortlich gehandelt wurde. Erwahnt wird nicht, dass genau diese Gesprachssituation --real oder fiktiv--bisher weitgehend gescheut wurde. Hat man trotzdem bisher verantwortlich gehandelt? Die parlamentarisch-reprasentative Entscheidungsfindung ist im Gesetz zwar durch Mitwirkungsrechte wie Prufantrage und Stellungnahmen erganzt worden, nach Hocke und Smeddinck besteht aber die Gefahr, dass dies zum partizipativen Ornament verkommt.

Bei einem Vergleich mit ahnlichen umfassenden Darstellungen aus dem Umfeld von ENTRIA wie Ewigkeitslasten (Brunnengraber 2015) und Problemfalle Endlager (Brunnengraber 2016) gewinnt man den Eindruck, dass es einen Fortschritt hin zu interdisziplinarer Arbeit gegeben hat. An mehreren Stellen wird sogar der Schritt zur Transdisziplinaritat in Aussicht gestellt. Dies ist umso erfreulicher, da das Verbundprojekt viele junge Wissenschaftler (innen) einbezogen hat. Es besteht die Hoffnung, dass diese Herangehensweise bei der Endlagerfrage und daruber hinaus bei anderen komplexen Problemen in Zukunft eine Chance hat.

Zwei Defizite sollten nicht unerwahnt bleiben: Geologische Aspekte werden kaum angesprochen, obwohl das Tiefenlager als geologische Losung praferiert wird. Die Vertrauenswurdigkeit geologischer Prognosen wird nicht hinterfragt. Dazu bedarf es einer entsprechenden wissenschaftstheoretischen Reflexion. Ferner fehlt--bei auf Vollstandigkeit bedachter wissenschaftlicher Arbeitsweise--ein Vergleich mit der offensichtlich parallelen Problemlage bei der Endlagerung chemotoxischer Abfalle.

Literatur

Brunnengraber, A. 2015. Ewigkeitslasten. Die "Endlagerung" radioaktiver Abfalle als soziales, politisches und wissenschaftliches Projekt--eine Einfuhrung. Baden-Baden: edition sigma bei Nomos.

Brunnengraber, A. (Hrsg.). 2016. Problemfalle Endlager. Gesellschaftliche Herausforderungen im Umgang mit Atommull. Baden-Baden: edition sigma bei Nomos.

Brunnengraber, A., C. Gorg. 2017. Nuclear waste in the Anthropocene--Uncertainties and unforeseeable timescales in the disposal of nuclear waste. GAIA 26/2: 96-99.

Budelmann H. et al. 2017. Auf dem Weg in die Endlagerung. Die Notwendigkeit der langfristigen Zwischenlagerung hoch radioaktiver Abfalle. GAIA 26/2: 110-113.

Drogemuller, C., S. Kuppler. 2017. Burger(innen) auf Standortsuche. Erwartungen in Deutschland, Erfahrungen aus der Schweiz. GAIA 26/2: 121-124.

Hocke, P., U. Smeddinck. 2017. Robust-parlamentarisch oder informell-partizipativ? Die Tucken der Entscheidungsfindung in komplexen Verfahren. GAIA 26/2: 125-128.

Jansch, E. et al. 2017. Wer soll die Zeche zahlen? Diskussion alternativer Organisationsmodelle zur Finanzierung von Ruckbau und Endlagerung. GAIA 26/2: 118-120.

Ott, K., F. Semper. 2017. Nicht von meiner Welt--Zukunftsverantwortung bei der Endlagerung von radioaktiven Reststoffen. GAIA26/2:100-102.

Rohlig, K.-J., A. Eckhardt. 2017. Primat der Sicherheit. Ja, aber welche Sicherheit ist gemeint? GAIA 26/2:103-105.

Rohlig, K.-J. et al. 2017. Einschluss oder Zugriff. Tiefenlagerung ohne oder mit Vorkehrungen zur Ruckholbarkeit? GAIA 26/2: 114-117.

Walther, C., M. Riemann. 2017. Wie viel Strahlendosis fur wen? Lange Lagerung, Offenhaltung und ein langer Entsorgungsprozess bedeuten zusatzliche Dosis fur Beschaftigte. GAIA 26/2: 106-109.

Michael Mehnert

Geboren 1951 in Berlin. Physikochemiker und Fachjournalist. Seit 2011 Betreiber der unabhangigen Internetplattform endlagerdialog.de, ein Informationsangebot mit dem Ziel, den Dialog zur Suche nach Endlagermoglichkeiten fur radioaktive Abfalle in Deutschland zu unterstutzen.

Kontakt: Dr. Michael Mehnert | Schroderstr. 4 | 10115 Berlin | Deutschland | Tel.: +49 30 80948703 | E-Mail: kontakt@endlagerdialog.de

(1) Ausfuhrlicher siehe http://ogy.de/gaia-reak.

doi.org/10.14512/gaia.26.3.5
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Author:Mehnert, Michael
Publication:GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society
Article Type:Report
Date:Oct 1, 2017
Words:1246
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