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Discussions about the Estonian literary language in the second half of the 17th century: arguments and examples/Diskussionen uber die Estnische schriftsprache in der zweiten halfte des 17. Jahrhunderts: argumente und beispiele.

1. Einleitung

"Die Pabstischen Bucher, so in dieser Dorptisch-Ehstnischen Sprache auszgegeben worden sind so pur und eigentlich Ehstnisch, dasz diese Stunde kein gebohrner Ehst sie netter reden und die idiotismos lingvae genauer beobachten konte. Die Nahmen einiger erwehlten Tage und vieler Gewohnheiten ... sind so nach der Ehstnischen Elegantz und dieser Leute Mund-Arth recht auszgedrucket, dasz ein der Ehstnischen Sprache Beflissener gedachte Bucher ... wegen des so zierlich und grundlich drinnen behaltenen genij lingvae, nicht ohne Lust und sonderbahrer Beliebung lesen mag" (Ikola 1983 : 136).

Mit diesen Worten ruhmte Adrian Virginius (1663-1706) in der Vorrede des 1691 erschienenen dorptestnischen Kirchenhandbuchs die Sprache der katholischen Prediger, die sich Ende des 16. / Anfang des 17. Jahrhunderts in Livland um die estnische Sprache verdient gemacht haben. In diesem kurzen Abschnitt werden wichtige Stichworte der Sprachdiskussionen der zweiten Halfte des 17. Jahrhunderts erwahnt: idiotismi linguae, Ehstnische Elegantz, genius linguae. Die heftigsten Diskussionen gingen damals jedoch nicht um die dorptestnische, sondern um die revalestnische Sprache.

Das Gebiet des heutigen Estlands war im 17. Jahrhundert bekanntlich administrativ in zwei geteilt: Estland (das heutige Nordestland) befand sich schon seit 1561 unter der schwedisch-lutherischen Herrschaft, Livland dagegen gehorte bis 1629 zum katholischen Polen und wurde erst dann dem Reich Schweden angegliedert. Das Gouvernement Livland zerfiel ebenfalls in zwei Teile, in den estnischen und in den lettischen. Im estnischen Teil Livlands wurden sowohl das Dorptestnische als auch Revalestnische gesprochen. 1645 ging auch die Insel Osel (Saaremaa) unter die schwedische Herrschaft, die vorher zu Danemark gehorte und die ebenfalls zum revalestnischen Gebiet gezahlt wurde. Bis zu den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts wurden die revalestnischen Bucher fast ausschliesslich in Reval und die dorptestnischen vor allem in Riga gedruckt (Annus 2000 : 29-30; Laanekask, Ross 2008).

Eine entscheidende Wende kam in der Mitte der 1680er Jahre, als zwischen den estlandischen und livlandischen Geistlichen zuerst ein heftiger Konflikt wegen der ubersetzung des revalestnischen Neuen Testaments ausbrach. Nachdem das dorptestnische Neue Testament 1686 fertig und gedruckt worden war, veranstaltete der livlandische Generalsuperintendent Johann Fischer 1686 und 1687 zwei Zusammenkunfte der estlandischen, livlandischen und oselschen Prediger zur Revision des revalestnischen Neuen Testaments, die sog. Bibelkonferenzen in Lindenhof (Liepa) und Pillistfer (Pilistvere). Neben dem Ausgangstext der ubersetzung (Fischer bevorzugte den griechischen Grundtext, das Estlandische Konsistorium die Luther-ubersetzung) und dem Druckort (Reval oder Riga) wurde dort uber die von Bengt Gottfried Forselius vorgeschlagene Erneuerung der revalestnischen Schriftsprache verhandelt (Westling 1893 : 443-454).

Nach den Bibelkonferenzen weiteten sich die Diskussionen auf weitere kirchliche Literatur aus und resultierten in der Herausgabe der nach verschiedenen Prinzipien redigierten revalestnischen Bucher in Riga und in Reval (Salu 1951 : 193-200; Aarma 1995 : 50-54). Im Grossen und Ganzen ging es bei diesen Sprachstreitigkeiten um die Frage, ob man auch weiterhin die in den bisher gedruckten revalestnischen Buchern benutzte Sprachvariante (die sog. Stahlsche Kirchensprache), die vom Estlandischen Konsistorium befurwortet wurde, oder aber eine neue, mehr der Volkssprache angepasste Sprache, wie der livlandische Generalsuperintendent forderte, benutzen sollte.

Im vorliegenden Artikel wird auf die Argumentation der beiden Seiten bei diesen Diskussionen naher eingegangen. Es werden die Aussagen uber die estnische Sprache aus der Zeit sowohl vor als auch nach den Bibelkonferenzen bis zur Fixierung der neuen Standpunkte in Hornungs Grammatik (1693) herangezogen und mit den aus den Diskussionen entnommenen Beispielen illustriert. uku Masing (1999a : 99) hat darauf hingewiesen, dass in den Fragen der Orthographie Bengt Gottfried Forselius und Adrian Virginius nicht die ersten gewesen sind, die nach den Reformen strebten. Schon zu Ende der 1670er Jahre gab es Leute, die mit der damaligen Orthographie nicht zufrieden waren. Ein weiteres Ziel dieses Artikels ist herauszustellen, inwieweit die Erneuerungen in den anderen Bereichen der Sprache nur den Erneuerern der 1680er Jahre zuzuschreiben sind, inwieweit sie aber schon fruher erortert worden sind.

2. Quellen

Die Quellen zu diesem Thema konnen hauptsachlich in drei Gattungen geteilt werden: 1. Die gedruckten Quellen: die Grammatiken und die Vorworte der Kirchenbucher. Wahrend des 17. Jahrhunderts erschienen vier estnische Grammatiken: drei fur das Revalestnische (Stahl 1637; Goseken 1660; Hornung 1693) und ein fur das Dorptestnische (Gutslaff 1648). Von den Vorworten der Kirchenbucher ist fur unser Thema die wichtigste die Vorrede zum dorptestnischen Kirchenhandbuch von 1691, wahrscheinlich von Adrian Virginius (Ikola 1983).

2. Langere Schriften, die die Kritik an estnischen Buchern beinhalten, und die Antworten zu solcher Kritik. Man kann hier die Kritik an vier Buchern hervorheben. Erstens das revalestnische Gesangbuch von 1656, das um 1670 von Johann Engelhard Bender angegriffen wurde. Benders Schrift ist nicht uberliefert, seine Vorwurfe konnen aber anhand der Antworten von den ubersetzern der Lieder, Martin Gillaus und Heinrich Goseken rekonstruiert werden (Masing 1999a). Die ubrigen Schriften stammen aus der Zeit der heftigen Sprachstreitigkeiten zwischen den estlandischen und livlandischen Geistlichen. Zwei von ihnen konnen mit dem Jahr 1688 datiert werden und bestehen in den deutschen ubersetzungen der revalestnischen Texte: Erstens die Kritik am revalestnischen Gesangbuch von 1673, die zum grossten Teil in den deutschen ubersetzungen der als fehlerhaft empfundenen Zeilen besteht, und zweitens die ubersetzung der Katechismusfragen und -lieder von Anton Heidrich, die wahrscheinlich nicht gedruckt worden waren. Zu diesen Schriften sind auch die Antworte der estlandischen Geistlichen uberliefert (Tafenau 2011). Aus den 1690er Jahren stammt ein "Memorial uber das Revalsch Ehstnische Handbuch", in dem das 1693 in Reval erschienene Handbuch behandelt wird. Auf Grund der Handschrift kann dieses "Memorial" sowie fdie ubersetzung von Heidrichs Katechismus Johann Hornung zugeschrieben werden, der neben Bengt Gottfried Forselius und Adrian Virginius einer der wichtigsten Befurworter der Spracherneuerung war.

3. Ausserungen zu Sprachfragen kommen auch im Briefwechsel, in den Protokollen u. A. zerstreut vor. Ein Teil dieser Dokumente ist veroffentlicht worden (BK 2003 u. a.).

Eine weitere Quellengattung, auf die in diesem Artikel aus Platzgrunden jedoch nicht eingegangen wird, sind die estnischen Texte selbst, sowohl die gedruckten Bucher als auch die handschriftlichen Texte. Von besonderem Interesse sind die bei den Bibelkonferenzen revidierten ubersetzungen mit zahlreichen Verbesserungen (ein Teil dieser Texte ist veroffentlicht in: Pohjaeestikeelsed uue Testamendi tolked 1680-1705 (2007)).

3. Forschungsstand

Die wichtigste Gegenuberstellung der Sprachstreitigkeiten der 1680er Jahre--einerseits die konservativen estlandischen Geistlichen, die den Esten eine verstummelte Sprache von Heinrich Stahl aufzwingen wollten, andererseits die jungen Manner (Bengt Gottfried Forselius, Adrian Virginius u. a.) unter der Leitung von Johann Fischer, die sich fur die Volkssprache einsetzten--ist ein fester Bestandteil der meisten Behandlungen uber die Geschichte der Bibelubersetzung oder der estnischen Sprache (Reiman 1889 : 37-39; Westling 1893 : 451-452; Kask 1970 : 65; Paul 1999 : 364-375 u. a.).

Die Diskussionen uber die estnische Sprache, vor allem uber die Orthographie im 17. Jahrhundert haben in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse geniessen konnen (Poldvee 2010a). Aivar Poldvee hat unter anderem die estnischen Orthographieprobleme in den weiteren europaischen Kontext gesetzt sowie die Rhetorik des damaligen "Buchstabenkrieges" vom Standpunkt der Orthographie erortert (Poldvee 2009). Raimo Raag (1995) und Liivi Aarma (1996 : 401-402, 405-406) haben auf parallele Entwicklungen in Schweden hingewiesen. Die langeren kritischen Schriften sind einzeln behandelt worden (Masing 1999a; Tafenau 2011).

4. Argumente in den Sprachdiskussionen

4.1. Die Natur und der Genius der estnischen Sprache

Im Zusammenhang mit den Bibelkonferenzen sind am besten bekannt die Streitigkeiten wegen der Rechtschreibung. Das war jedoch nicht das einzige Thema der Auseinandersetzungen. Johann Engelhard Bender einer der estlandischen Teilnehmer an den Bibelkonferenzen 1686/87 hat nach der ersten Konferenz an seinen Bischof nach Stockholm geschrieben (BK 2003 : 86):

"Im ubrigen ward der biihero a multis retro seculis ublicher ehstnischer idiotismus und natura linguae disputirt und ein neuwe leess, schreib und flexion art im declinirn und conjugirn von ein und anderem zu introduciren tentirt."

Wahrend unter der neuen Lese-, Schreib- und Flexionsart die von Bengt Gottfried Forselius gemachten Vorschlage zur Erneuerung der Rechtschreibung und zur Anpassung der Flexion an eigentlichen Sprachgebrauch gemeint waren, weisen die Ausdrucke "ublicher estnischer idiotismus" und "natura linguae" auf etwas allgemeinere Erscheinungen hin. Mit diesen Begriffen wurden die einer Sprache charakteristischen Merkmale bezeichnet. Neben diesen wird auch der Ausdruck genius linguae bzw. Genius der Sprache verwendet, der ein seit 1635 weit verbreiteter Begriff war und besonders in der Linguistik des 18. Jahrhunderts, aber auch noch des 19. Jahrhunderts eine wichtige Stelle einnahm (Hullen 2001 : 242). Im Prinzip wurde diese Metapher als ein Hilfsmittel zur Beschreibung der Besonderheiten einer Sprache, um sich ohne Befangenheit dazu zu auiern oder aber (und ofter), um sie im Vergleich zu anderen Sprachen zu beurteilen, herangezogen (Schlaps 2004 : 368).

Besonders die ubersetzungsarbeit bot viele Moglichkeiten, die verschiedenen Sprachen untereinander zu vergleichen. Bei den Bibelkonferenzen wurden neben dem griechischen Grundtext und der deutschen ubersetzung Luthers beispielsweise auch die finnische, schwedische und dorptestnische Bibel zu Rate gezogen (BK 2003 : 86) und man war sich durchaus bewusst, dass man sich auch in anderen Sprachen und vor allem in der Luther-ubersetzung selbst einige Freiheit gegenuber dem Ausgangstext vergonnt hat. Beispielsweise 1689 erliess Karl XI. im Streit wegen des Ausgangstextes des revalestnischen Neuen Testaments einen Befehl, in dem vermutet wurde, dass das Problem nur an den Stellen liege, wo Luther etwas mehr auf den Genius, die Natur und Eigenschaft der deutschen Sprache (tyska spraketz genium, natur och egenskap) als den Grundtext gesehen habe (BK 2003 : 247).

Eine Differenzierung der oben angefuhrten Begriffe wird in den Diskussionen um die estnische Sprache nicht vorgenommen, sie werden nur gelegentlich mit Beispielen illustriert (die werden im Abschnitt 5 dieses Artikels naher betrachtet).

Eng mit dem Begriff "idiotismus", der ebenfalls einen eigentumlichen Sprachgebrauch bedeutet, verbunden sind die Ausdrucke "esthonismus" und "germanismus" --die Eigentumlichkeit der estnischen bzw. der deutschen Sprache. Weil die meisten Pastoren deutscher Herkunft waren, war der Einfluss des Deutschen immer aktuell. Wahrscheinlich hing jedoch das urteil, ob eine Redewendung oder Spracherscheinung als dem Estnischen oder Deutschen eigen zu betrachten sei, vom jeweiligen Beurteiler ab. In Estland beispielsweise wurde den jungen Geistlichen und Studenten, die von livlandischer Seite den Konferenzen beigewohnt hatten, die Beliebung zur Veranderung "des altlandublichen esthonismi" vorgeworfen (BK 2003 : 106). Der livlandische Generalsuperintendent Johann Fischer dagegen wirft den estlandischen Geistlichen vor, dass sie uberall Germanismen sowie fehlerhafte Deklinationen, Konjugationen und Konstruktionen aufzwingen wollen (BK 2003 : 194). Dem linguistischen Argument kam ein theologisches hinzu: Weil die Geheimnisse des Glaubens aus der unwissenheit der Sprache den Bauern gar nicht oder so unangemessen beigebracht wurden, dass sie seltsame Vorstellungen von der christlichen Lehre hatten und deshalb damit Gespott treiben wurden, wurde die Bauernschaft dieses Landes groien Teils immer noch das Heidentum oder den Atheismus im Herzen hegen (BK 2003 : 194).

4.2. Dem Volk aufs Maul sehen

Obwohl sich in der Rhetorik der beiden Seiten auf den schwer identifizierbaren Genius oder auf die Natur der Sprache u. A. bezogen wurde, hatte man in der Praxis sehr verschiedene Meinungen daruber, was als der estnischen Sprache eigen anzusehen sei.

Das beruhmte lutherische ubersetzungsprinzip (Luther 1530 : 14):

"Denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel tun; sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; so verstehen sie es denn und merken, dafi man deutsch mit ihnen redet."

fand Nachklang in der Argumentation des Generalsuperintendenten Fischer, der 1687 in einem Brief an das Estlandische Konsistorium die Lage der Streitigkeiten um die estnische Sprache in einem Gleichnis von einem jungen Franzosen und alten Deutschen ausdruckte (BK 2003 : 138):

"So lehret mich ja die vernunfft, mehr einem gebohrnen, ob gleich jungen Franzosen hierin zuglauben alfi einem alten Teutschen. Ja es wurde jederman denselben verlachen, wann er pratendiren wolte, Franckreich solte von Deutschen franzoisch reden lernen, etwa weil es so und so in seiner grammatic stunde."

Damit wurde der Standpunkt des Estlandischen Konsistoriums widerlegt, laut dem man sich weder in der Rechtschreibung noch in der Flexion nach der korrupten Sprechart der Bauern zu richten hatte, weil solche Veranderungen eine grosse Verwirrung mit sich brachten, zumal die Sprache in den vormals gedruckten Buchern anders sei und die Bauern sich daran gewohnt hatten (BK 2003 : 91, 93 und passim). Daruber hinaus habe Forselius, der mit diesen neuen Vorschlagen herausgekommen sei, meistens nur mit den Bauernkindern umgegangen, die noch unfertig redeten, und konne deshalb nicht mit Wahrheit sagen, dass er nur in zweidrei Jahren den alten Bauern "besser aufs Maul Acht gegeben haben [sollte] als altgeubte Pastores" (BK 2003 : 168). Die letzte Behauptung war naturlich ein Topos: Schon Stahl ruhmt sich, dass er den Bauern genug Acht auf ihr Maul gegeben habe, und fuhrt das urteil eines Freundes an, dass er in seiner Grammatik die Eigentumlichkeiten und die Phraseologie des Estnischen tuchtig beobachtet habe (Stahl 1637 :):(vv--):(vjr).

Das Argument, dass jede Anderung in den schon gedruckten Buchern eine Verwirrung mit sich brachte, geht wenigstens in die Zeit der ersten Neuauflage (1654-1656) der Stahlschen Kirchenbucher zuruck (siehe beispielsweise die Vorrede zum Gesangbuch von 1656, wo die umfangreichere Veranderungen in der stahlschen Orthographie mit der Begrundung zuruckgewiesen werden, dass diejenige, die sich an die alte Schreibweise gewohnt und sie bisher gebraucht haben, stutzig werden konnten, NEG 1656 : [B.sub.viii]). Einige Verbesserungen konnten jedoch durchgefuhrt werden. Die grosse Errungenschaft war die Herausgabe des gereimten Gesangbuches 1656 anstatt Stahls Prosaversen. Obwohl aber die Verbesserungsbedurftigkeit der neuen, gereimten Verse ebenfalls gleich empfunden wurde und sowohl von den anerkannten Autoren wie Heinrich Goseken (BK 2003 : 224-225) als auch anderen wie Johann Engelhard Bender (Masing 1999a) Kritik daran ausgeubt und Verbesserungsversuche unternommen wurden, hat man es bei der Herausgabe der neuen Auflage von 1673 jedoch fur ratsam befunden, die Lieder unverandert abzudrucken, weil auch die geringen Anderungen fur die Bauern einen neuen Glauben hiessien (BK 2003 : 225). Die Orthographie wurde jedoch auch im neuen Gesangbuch ein bisschen geandert, die in demselben Jahr erschienene Neuauflage der ubrigen Teile der Stahlschen Kirchenbucher erlebte groiere Veranderungen: Es wurde der Gebrauch des dem Estnischen fremden Artikels und des vom Niederdeutschen beeinflussten Genitivs auf -st (z. B. Stahl 1638: ke ux ainus poick olli ommast emmast; 1673: ke omma Emma ainus Poigk olli 'der der einzige Sohn seiner Mutter war') korrigiert. Schon in den 1660er Jahren hatte Christoph Blume einige Bucher veroffentlicht, wo ebenfalls diese zwei Aspekte in Acht genommen waren und daruber hinaus eine verbesserte Orthographie benutzt worden war (Lill 1988).

Die Notwendigkeit, die Eigentumlichkeiten der estnischen Sprache zu berucksichtigen, wurde im Prinzip vom Estlandischen Konsistorium also nicht geleugnet. Jedoch andererseits verteidigte es heftig ein anderes Prinzip, das kaum mit dem ersten ubereinstimmte: Dass man namlich die estnische Sprache nach den in der Grammatik festgesetzten Regeln gebrauchen solle und nicht nach dem "korrupten" Sprachgebrauch der Bauern.

Die Wurzeln dieser Einstellung findet man schon in Heinrich Gosekens Grammatik, wo behauptet wurde, dass die Syntaxregeln im Estnischen mit den lateinischen und deutschen meistens ubereinstimmten, doch wurden die Bauern nicht immer die Syntax in Acht nehmen (Goseken 1660 : 55). Fast dreissig Jahre spater findet man ahnliche Gedanken in den Auseinandersetzungen uber die Flexion der estnischen Sprache: Obwohl die Bauern nach ihrer Einfalt anders deklinieren und konjugieren als in den bisher gedruckten Buchern befindlich, sei das jedoch nur als eine "unrichtige Baur-richtigkeit" anzusehen und die alte Flexion beizubehalten. Die Gewohnheit der Bauern konne dessen ungeachtet in der Grammatik mit erwahnt werden, damit ein Fremder sich nicht daran stoie (BK 2003 : 177-178, die Grundsatze der vom Estlandischen Konsistorium ausgearbeiteten Kompromissrechtschreibung).

4.3. Dialekte des Estnischen

Ein weiteres Argument gegen der Anpassung der revalestnischen Schriftsprache dem Sprachgebrauch der Bauern war das Vorhandensein vieler estnischer Dialekte. Obwohl es namlich zwei ziemlich etablierte Schriftsprachen gab, die revalestnische und die dorptestnische, wurde in fast jedem Kirchspiel ein eigener Dialekt gesprochen. Einerseits war es deshalb schwer, sich fur eine Sprachvariante zu entscheiden, andererseits war es aber auch nicht leicht zu beweisen, dass jemand Sprachfehler gemacht habe. Zumal die Bauern laut dem Estlandischen Konsistorium kaum imstande waren, uber die Richtigkeit der Bucher zu urteilen (BK 2003 : 225; Estlandisches Konsistorium an den estlandischen Bischof den 16.3.1689; vgl. 169):

"Der bauerschafft halber hat man keinen anstoss zubefurchten, denn wie einfalt nicht leicht scrupel in realibus mit einem splitterrichterischen gemuhte macht, also sind auch die geringen sprach-fehler fur allen hie im lande derer hochst, und solches offt in weniger meilen begriff, ja in einem kirchspiel zuweilen variirenden und also weder in gesange[n] noch andern buchern unmuglich nach eines jeden sinn gerechtzumachenden dialecten halber ziml(ich) des anstosses befreiet."

Wahrend die Autoren der ersten estnischen Grammatiken und anderer Bucher sich dahin ausgesprochen haben, dass sie das Estnische ihres Heimatorts zu Grunde genommen haben--Gutslaff den dorptischen Dialekt und Goseken den von Wiek, Christoph Blume bevorzugte den harrischen Dialekt (obwohl in seinen Schriften eigentlich auch sudestnische Zuge gefunden werden konnen) (Lill 1988 : 9-10)--, war die Lage in der Mitte der 1680er Jahre wahrscheinlich anders. Vor den Bibelkonferenzen wurde im Estlandischen Konsistorium kaum daruber verhandelt, in welchem Dialekt die ubersetzung zu verwirklichen sei, vielmehr war man der Meinung, dass aus allen Dialekten das Grobste verworfen und das Beste angenommen werden musste (BK 2003 : 169). Die Vorrangigkeit der in Reval gesprochenen Sprache kommt vor allem in Verbindung mit den Streitigkeiten wegen des Druckorts zur Sprache. Benders feierliche Behauptung, dass Reval wie Athen vormals in Griechenland sei, wo die Sprache am feinsten und reinsten sei (BK 2003 : 150; vgl. Poldvee 2009 : 658), wird durch eine anthropomorphisierende Darstellung des guten, netten, puren, reinen Revalestnischen, nach welcher als der Mutter sich die in Lais (Laiuse), Oberpahlen (Poltsamaa), Pernau (Parnu) und Osel (d. h. in den ausserhalb der Provinz Estland gelegenen revalestnischen Distrikten) gesprochenen Dialekte als Tochter zurichten (EAA, Bestand 1187, Findbuch 2, Akte 4949 (im Folgenden: 1187-2-4949), Bl. 59v: Johann Engelhard Bender an die Reduktionskommissare den 7.2.1688), verstarkt. In demselben Zusammenhang wird ofters auf Estland als das Zentrum der estnischen Sprache (sedes linguae Esthonicae) hingewiesen (BK 2003 : 159, 164, 217, 238, 243).

Hier kann man einige Parallelen zu Deutschland ziehen, wo in dieser Periode ebenfalls zwei Prinzipien hervorgehoben werden konnen. Einerseits das Lob des Meifinischen, das sehr oft mit dem Lob von Luthers Schriften verbunden bzw. begrundet wurde, andererseits erscheint seit dem bedeutendsten deutschen Sprachwissenschaftler des 17. Jahrhunderts, Justus Georg Schottel das uberregionale Auswahlprinzip bei Sprachgelehrten als festes Axiom (Polenz 1994 : 133-146). Das Lob der stahlschen Kirchensprache ist eine Art estlandisches Gegenstuck dem Sprachvorbild Luthers in Deutschland. Wie oben erwahnt, war die stahlsche Sprache, vor allem seine Orthographie in Estland aller Bedenken ungeachtet im Laufe der Jahre in manchem verbessert worden. Trotzdem wurde immer wieder auf seine (aber auch anderer, vor allem der Autoren des Gesangbuches von 1656) Autoritat hingewiesen, ahnlich wie in Deutschland die Berufungen auf das Sprachvorbild Luthers nicht immer mit der Praxis von Orthographie und Orthographielehre der betreffenden Autoren im Einklang standen (Bergmann 1983; Polenz 1994 : 148).

4.4. Vorbild fur das Estnische--Deutsch oder Finnisch?

Vor allem in Verbindung mit der Rechtschreibung wurde die Frage erortert, nach welchem Vorbild die estnische Sprache entwickelt werden sollte: Nach dem Deutschen, damit es den ortlichen und den aus dem Ausland kommenden Deutschen leichter ware, estnische Texte zu lesen, oder aber nach dem Finnischen und Schwedischen, damit es den estnischen Bauern leichter ware, lesen zu lernen. Der letztgenannte Standpunkt wurde von den livlandischen Geistlichen unter anderem damit unterstutzt, dass das Estnische vom Finnischen herstamme (J. Fischer an den Konig Karl XI den 15.10.1691, veroffentlicht in: Dunsdorfs 1979 : 169). Der erste Standpunkt wurde vom Estlandischen Konsistorium vertreten, das sich dabei einerseits naturlich auf das oben angefuhrte Argument stutzte, dass die alteren Bucher damit unbrauchbar gemacht wurden und eine Verwirrung entstehen wurde, wenn zweierlei Bucher gleichzeitig im Gebrauch waren. Andererseits bezogen sie sich auf eine konigliche Resolution, die zwischen den beiden Bibelkonferenzen im Dezember 1686 erlassen worden war. Obwohl diese Resolution eigentlich nur festsetzte, dass man sich bei der ubersetzung der Bibel ins Estnische an die letzte Version der Lutherbibel halten solle, weil die Geistlichkeit in Estland meistenteils aus den Personen bestehe, die an den deutschen universitaten studiert hatten, wo die Lutherbibel im allgemeinen Gebrauch sei (Westling 1893 : 453; BK 2003 : 83), wur de sie so ausgelegt, dass man auch der in der Lutherbibel benutzten bzw. deutschen Rechtschreibung folgen solle (vgl. Poldvee 2010b : 335).

Ein weiteres Argument wurde aus der zeitgenossischen sprachideologischen Diskussion in Deutschland und Schweden gezogen, das der deutschen bzw. schwedischen Hauptsprache (BK 2003 : 169-170):

"Die schwedisch- und teutsche sprachen sind haubtsprachen, die finnische ist allein durch die Schweden, die ehstnische zuerst durch die Teutschen excoliret. Als von welchen die Ehsten auch gar viel teutsche worter haben; und so haben denn die Finnen auch ihre schreib-art von den Schweden, die Ehsten aber folgen denen Teutschen."

Damit bezog man sich auf die groiere Autoritat der deutschen Sprache gegenuber der finnischen. Eine ahnliche uberlegenheit wurde auch dem Revalestnischen gegenuber dem Dorptestnischen beigemessen: In einem Brief von 1688 wird unter anderen Grunden, warum die alte Schreib- und Leseart sowie die alte Flexion beizubehalten sei, auch dieser angegeben, dass die Neuerung nur aus einem kleinen engen Winkel des Dorptischen entspringe, das eine verdorbene Tochter der finnischen und estnischen Sprache sei. Ironisch wird hinzugefugt, dass man die im Estnischen angestrebten Reformen auch und vielmehr in anderen Sprachen, beispielsweise im Hebraischen, Griechischen oder Franzosischen vornehmen konne; dass aber derjenige, der es versuchen wollte, moge gespottet werden, dass er den heiligen Geist schulmeistern wurde, dass er das Hebraische und Griechische ABC zu lang gemacht hatte (EAA 1187-2-4949, Bl. 59v, Johann Engelhard Bender an die Reduktionskommissare den 7.2.1688). Auch hier sieht man eine Anspielung auf die zeitgenossische Vorstellung von Hauptsprachen, unter denen vor allem die klassischen Sprachen Hebraisch, Griechisch und Latein verstanden wurden, neben denen der Kulturpatriotismus in Deutschland das Deutsche einreihte (Polenz 1994 : 110). In Schweden nahm statt der deutschen Sprache naturlich das Schwedische diesen Platz ein (Kallquist 1934 : 167).

Zur gleichen Zeit war die estlandische Geistlichkeit keineswegs in unwissenheit uber die Verwandtschaft der estnischen und finnischen Sprache. Laut Martin Gillaus hatten um 1670 mehrere Prediger in Estland eine finnische Bibel (wahrscheinlich die von 1642, eine neue Bibel, sog. Sotaraamattu, erschien erst 1685) und er war fest der Meinung, dass die finnische Bibel wegen der grammatischen Konstruktionen und Redensarten (quoad Constructiones et locutiones Grammatticales) so viel wie moglich konsultiert werden solle, weil Finnisch und Estnisch verwandte Sprachen (Cognatae Linguae) seien (Gillaus 1670 : B1. 22; Masing 1999a : 96). Daruber hinaus hatte man sich zu Beginn der 1680er Jahre, als die ubersetzung des Neuen Testaments ins Revalestnische noch allein die Aufgabe des Estlandischen Konsistoriums war, mehrmals dahin ausgesprochen, dass ausser der Lutherbibel, die als die wichtigste Grundlage der estnischen ubersetzung galt, auch der finnischen Bibel nach Moglichkeit gefolgt werden solle--neben dem griechischen Grundtext und der schwedischen Bibel. Als Grund der Heranziehung mehrerer ubersetzungen wurde angegeben, dass sich das Estnische nicht nach dem Deutschen von Wort zu Wort wolle geben lassen (EAA 1187-2-367, Bl. 241v, Synodalprotokoll von 1683). Man kann also annehmen, dass dem Finnischen die Vorbildrolle nicht im Prinzip, sondern vor allem im Bereich der Rechtschreibung verweigert wurde.

5. Beispiele zum Genius der estnischen Sprache

Im Folgenden werden einige Beispiele fur die sprachlichen Erscheinungen gegeben, die in den Quellen in Verbindung mit den im Abschnitt 4.1. dieses Artikels erwahnten Stichworten "Genius", "Natur", "Eigentumlichkeit" u. A. der estnischen Sprache zur Rede kommen. Dabei bin ich vor allem von den Schriften aus dem Ende der 1680er/Anfang der 1690er ausgegangen und habe diese mit den Aussagen aus den fruheren Quellen verglichen, um herauszustellen, ob sie die Frucht einer neuen Einstellung gegenuber der estnischen Sprache waren, die sich auf den eigentlichen Sprachgebrauch der Bauern bezog, oder aber diese Fragen schon fruher erortert worden waren. Ich habe es mir nicht zum Ziel gesetzt, diese Beispiele vom Standpunkt der modernen Grammatikbeschreibung zu analysieren.

5.1. Eigennamen

Die Schreibung von Eigennamen war in der Mitte der 1680er Jahre sehr aktuell. Im dorptestnischen Neuen Testament hatte Adrian Virginius die Eigennamen vereinfacht geschrieben, beispielsweise Jahn fur Johannes, Teppan fur Stephanus oder Pahwel fur Paulus. Diese Vorgehensweise wurde laut Forselius damit verteidigt, dass auch andere Volker die fremden Namen nach dem Genius ihrer Sprache schrieben, wie beispielsweise die Franzosen Pierre fur Petrus oder die Finnen Pawel fur Paulus (BK 2003 : 122). Das Estlandische Konsistorium war damals fest der Meinung, dass die Vereinfachung der Namen im revalestnischen Neuen Testament zu vermeiden sei. Zur gleichen Zeit war die Vereinfachung der Eigennamen auch in Estland keineswegs unbekannt. Im Gesangbuch von 1673, dessen Orthographie mutatis mutandis als Grundlage der revalestnischen Bibelubersetzung dienen sollte, kommen ebenfalls Namen wie Rusalem statt Jerusalem oder Gypti statt Egypten vor. In der Gesangbuchkritik von 1688 wird auf diese Falle hingewiesen und gefragt, warum so was den Kritikern (d. h. den Geistlichen, die in Livland die Kirchenliteratur ubersetzten) nicht erlaubt sei. Dieses Thema war eigentlich schon fast 20 Jahre fruher in Estland erortert worden. Das war einer der Vorwurfe, die Bender gegen das gereimte Gesangbuch von 1656 erhoben hatte. Damals aber haben Heinrich Goseken (1670 : 24v) und Martin Gillaus (1670 : 21; vgl. Masing 1999a : 96, 253) darauf geantwortet, dass die Verstummelung der Eigennamen bei den Esten nichts neues und sogar den Deutschen nicht fremd sei. Gillaus nennt es ein idioma linguae, dass die Esten in den Eigennamen diese Silben, auf den kein Akzent liegt, ausschliessien, und deshalb wurde auch im Gesangbuch Rusalem statt Hierusalem, Rodes statt Herodes usw. gesetzt.

5.2. Negation

Die Negation im Estnischen kommt in den Diskussionen wegen drei Aspekte zur Rede:

1) Die unflektierte Verbform bei der Verneinung der Verben, dass man also sagt minna ep tahha, sinna ep tahha statt minna ep tahhan, sinna ep tahhat ich will nicht, du willst nicht . Das wird in den 1680er vom Estlandischen Konsistorium ofters als Beispiel einer "unrichtigen Baur-richtigkeit" erwahnt. Es ist zu bemerken, dass Heinrich Goseken in seiner Grammatik die beiden Moglichkeiten angibt: Laut ihm nehmen die "negativen Konjunktionen" en, eb und ewat zuweilen die Endung vom Verb hinweg (Goseken 1660 : 70-71). Jedoch keine der beiden wird von ihm als richtigere bezeichnet.

2) Der Gebrauch der Indefinitpronomina im Negationssatz. In den Anmerkungen zum revalestnischen Handbuch von 1693 wird es im Abschnitt "Redensarten, die da Germanismi, contra Analogiam Fidei, ja lacherlich und gar absurd sind" angegeben, wenn das Verb in einem Negationssatz mit dem Indefinitpronomen ukski nicht negiert wird, z. B. ke Jummalast uhtekit taadwat (daselbst ubersetzt wie 'die von Gott etwas wissen ) statt ke Jummalast uhtegid ei tea die von Gott nichts wissen' (Memorial 3v).

Die letztgenannte Variante findet man auch in Hornungs Grammatik (1693 : 66). Goseken folgt in seiner Grammatik dem ersten Grundsatz (Goseken 1660 : 61-62). Jedoch als erster hat auf den fehlerhaften Gebrauch dieser Konstruktion wahrscheinlich Martin Gillaus hingewiesen (Masing 1999a : 98; vgl. Gillaus 1670 : 22), der sagte, dass in den Wortern auf -kit, wie Middakit, Keddakit, Kufiakit, Kohhekit, Sedakit, uchtekit, Eddakit usw., das Affix -kit an sich weder affirmativ noch negativ sei, sondern das Partikel ep bzw. mitte solle unterscheiden, ob bejahend oder verneinend geredet wird.

3) Ebenda (Memorial 3v) wird unter den Verfehlungen gegen die Grammatik und den Genius der Sprache der Gebrauch des Verneinungsworts mitte ohne ei oder ep erwahnt, z. B. Jummal saab tedda mitte nuhtlematta jatma statt Jummal ei jatta sedda nuhtlematta Gott wird es nicht ungestraft lassen .

5.3. Verbot

Das Verbot wird in alteren estnischen Texten oft auf gleiche Weise wie die Negation mit dem Partikel ep ausgedruckt. In der Handbuchkritik wird dieser Gebrauch unter den Germanismen und lacherlichen Redensarten erwahnt und am folgenden Beispiel aus dem Gesangbuch erlautert: Es heisst: Ep pidda teised minno ees er halt nicht andere vor mir , da es heiien sollte: arra pea teisi usw. halte nicht andere usw. (Memorial 6).

Denselben Vorwurf hatte Bender dem revalestnischen Gesangbuch schon um 1670 gemacht. Gillaus gab damals zu, dass er selbst und seine Kollegen ep statt erra gesetzt haben, und gab Bender Recht (Masing 1999a : 95; vgl. Gillaus 1670 : 20v). Den richtigen Gebrauch des Partikels erra hatte eigentlich schon Goseken in seiner Grammatik geschildert (Goseken 1660 : 65, 68), in Gutslaffs Grammatik (1648 : 174) steht erra unter den verhindernden Adverbien (adverbiaprohibendi), zu deren Gebrauch jedoch keine Beispiele gegeben worden sind.

5.4. Gebrauch der Infinitive

Johann Hornung greift in seiner Grammatik bei der Behandlung der Infinitive auf das Argument genius linguae zuruck (Hornung 1693 : 72). Laut ihm folge den Verben, die ein Vermogen oder Begehren ausdrucken, immer "der zweite Infinitiv" (Infinitivus secundus), z. B minna tahhan ollema ist schlecht, es sollte heissien: Minna tahhan olla ich will sein .

Das war wahrscheinlich eines der Probleme, die in der Mitte der 1680er Jahre im Estlandischen Konsistorium in Verbindung mit Forselius Neuerungsvorschlagen zur Rede gekommen waren. 1686 wurde namlich in Estland daruber geklagt, dass die Neuerer "den Infinitiv mit dem ersten Supinum vertauschen" und also statt kuhlma horen setzen kuhlda zu horen (BK 2003 : 48-49; Johann Engelhard Bender an den estlandischen Bischof den 18.1.1686). Dass es schwer war, dieses Problem einem deutschen Muttersprachler zu erklaren, ist aus der Gesangbuchkritik von 1688 deutlich zu ersehen, wo die problematische Stelle mit Hilfe des Lateinischen verdeutlicht wird: Die Zeile Se peab tulla Betlehem--damit war gemeint: der soll nach Betlehem kommen--wird ubersetzt als Ille debet ad veniendum Bethlehem der soll, um zu kommen Betlehem .

Eine ahnliche Regel, wie Hornung in seiner Grammatik angibt, kann man jedoch auch schon bei Gutslaff (1648 : 200) und Goseken (1660 : 65-66) finden.

5.5. Substantiv nach Kardinalzahlen

Der Gebrauch des Nominativs Plural statt Akkusativs Singular nach Kardinalzahlen, z. B. Wiis Patukkid statt wiis Patukki 'funf Hauptstucke', kumme kaskud statt kumme kasko zehn Gebote, wird in den Anmerkungen zum Handbuch von 1693 als eine Verfehlung gegen die Grammatik und den Genius der Sprache bezeichnet (Memorial 3v). Im Estnischen wird im unterschied zur deutschen Sprache in solchen Phrasen bekanntlich keine Numeruskongruenz zwischen Numerale und Nomen verlangt. In den Grammatiken des 17. Jahrhunderts wird diese Eigentumlichkeit nicht behandelt.

5.6. Wortschatz und Wortableitung

Heinrich Goseken hat in seiner Grammatik eine Anzahl von Wortern gegeben, die aus dem Deutschen ins Estnische entlehnt worden waren. Er warnt jedoch den Leser, dass man solche Worter nur vorsichtig verwenden solle, weil sie nach Germanismen schmecken wurden und den Esten, die keinen umgang mit den Deutschen haben, nicht verstandlich sein wurden. Deshalb solle jener, der mit ihnen sprechen und sie lehren wolle, pures Estnisch mit ihnen sprechen (Goseken 1660 : 56).

Als Besonderheit des estnischen Wortschatzes wird das Nichtvorhandensein der abstrakten Nomina angegeben--ein Vorwurf, der vielen Sprachen, auch der deutschen Sprache selbst (Takada 2007 : 21), in diesem Zeitalter gemacht worden ist. Im dorptestnischen Neuen Testament hatte man versucht, dieses Problem mit den Derivaten auf us zu losen. Deshalb findet man in diesem Buch viele Ableitungen, die in den fruheren Texten nicht vorgekommen waren, z. B. Apostleus Apostelamt , essandus Herrschaft , latseus Kindschaft (Masing 1999b : 43). Das letztgenannte Wort wird vom Kritiker einer Beurteilung unterzogen: Besonders die philosophischen Begriffe oder Abstrakta, die der Bauer weder verstehe noch selbst von sich geben konne, sollten ihnen durch Konkreta und umschreibungen beigebracht werden. Die Formierung von Abstrakta sei der Redensart des Landes zuwider, weil der Bauer selbst fur Kindheit oder Kindschaft nicht so etwas wie lapsedus formieren wurde, sondern das letztere wurde er als Lapsepiddo (Kindesleben), Lapse arm (Kindesgnade) oder Lapse kohhus (Kindespflicht), das erstere aber als Lapse igga (Kindesalter) oder Lapse Polwe (Kindesbeine) geben (EAA 1187-2-373, Bl. 257, J. E. Bender an den estlandischen Bischof im Marz 1689).

5.7. Phraseologismen und nichtidiomatische Wendungen

Neben den Einzelwortern werden vor allem in den kritischen Schriften zu Ende des 17. Jahrhunderts die phraseologischen Germanismen behandelt. In den Anmerkungen zum revalestnischen Handbuch von 1693 werden folgende Beispiele mit den vom Kritiker bevorzugten Varianten angefuhrt (Memorial 3v): Romustaket hend statt romustage oder olge roomsad freut euch . Anhand der deutschen ubersetzung ist es nicht moglich, die Fehlerhaftigkeit des estnischen Ausdrucks zu beweisen, deshalb hat der Kritiker wieder auf Latein zuruckgegriffen und behauptet, dass es nicht besser Estnisch sei als gaudete vos pro gaudete Lateinisch.

Ein weiteres Beispiel: Andis hend ka Te pale Joseph begab sich auch Joseph auf den Weg statt laks ka Josep usw. ging auch Josep .

Das Problem besteht hier vor allem in der wortwortlichen ubersetzung der deutschen Wendungen, die in dieser Form im Estnischen nicht verstandlich oder im schlimmeren Fall lacherlich sein konnten.

6. Zusammenfassung

In dem wahrend der 1680er Jahre entstandenen Konflikt daruber, ob die revalestnische Schriftsprache den Sprachgebrauch der Bauern oder aber den der bisher gedruckten Bucher folgen solle, war eines der wichtigsten Argumente der Genius bzw. die Natur der estnischen Sprache. Die estnische Schriftsprache wurde damals bekanntlich nicht von den Esten selbst, sondern von den Geistlichen meistens deutscher Herkunft entwickelt. Deshalb sind die sprachlichen Erscheinungen, die in diesen Diskussionen zur Rede kommen, erwartungsgemai die, die den Menschen mit deutscher Muttersprache Schwierigkeiten bereiten konnen (z. B. Negation, Infinitive). Im vorliegenden Artikel wurde gezeigt, dass mehrere Aspekte der estnischen Schriftsprache, die in den 1680er Jahren diskutiert wurden, eigentlich schon fruher, in den Grammatiken oder in den mit der Herausgabe der Kirchenbucher verbundenen Diskussionen erortert worden waren. Soviel aus den vorhandenen Quellen zu entnehmen ist, scheint eines der wichtigsten neuen Themen das Streben nach einer idiomatischeren Syntax zu sein. Aus den damaligen theoretischen Aussagen geht hervor, dass der Bauernsprache nicht nur darum widerstanden wurde, dass die deutschen Geistlichen die estnische Sprache unzulanglich kannten, sondern auch darum, dass sie in der Anpassung der estnischen Schriftsprache an die deutsche "Hauptsprache" den Weg zu deren Vervollkommnung sahen.

doi: 10.3176/lu.2011.2.05

Handschriftliche Quellen

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KAI TAFENAU (Tartu)

Adresse

Kai Tafenau

Estnisches Historisches Archiv, Tartu

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* Der vorliegende Artikel ist dank der UnterstUtzung durch den Estnischen Wissenschaftsfonds (Forschungsstipendium Nr. 7896) zustande gekommen.
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Author:Tafenau, Kai
Publication:Linguistica Uralica
Article Type:Report
Geographic Code:4EXES
Date:Jun 1, 2011
Words:6226
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