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Discourse indicators of neologisms (on the example of the neologisms of the first and the second decades of the 21st century)/Diskursindikatoren von neologismen (am material von neologismen der nuller--und zehnerjahre im deutschen)/Diskursni indikatori neologizama (na korpusu njemackih neologizama iz nultih i desetih godina).

1. Theoretische Pramissen

Der anthropozentrische und handlungstheoretische Ansatz in der Linguistik, der sich Ende des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hatte (s. z. B. Grice 1989, Keller 1994, Gloning 1996, Fritz 1998: 866-867 u. a.), stellt den Menschen als Sprachtrager, Sprachbenutzer und Sprachschopfer und den Diskurs als menschliche Tatigkeit zur Bildung der in Sprache gefassten Gedanken in den Vordergrund der linguistischen Analysen. Im Hinblick auf die Neologie bedeutet das, dass die Rolle der menschlichen Personlichkeit und des Diskurses in den Prozessen der Wortschatzerneuerung erforscht werden soil. Die Sprache wird in Anlehnung an die Sprachphilosophie von Humboldt nicht als [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (griech. 'statisches Gebilde') sondern als [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII.] (griech. 'wirkende Kraft'), d. h. als eine freie und zweckgerichtete menschliche Tatigkeit verstanden, die auch die Moglichkeit der Kreativitat und Innovation impliziert (vgl. Coseriu 1974: 39f.). In diesem Rahmen sind jegliche lexikalische Innovatio nen vor allem darauf zuruckzufuhren, dass die Sprachbenutzer wahrend des Kommunizierens die Wahl der sprachlichen Mittel jedes Mal modifizieren, um ihre kommunikativen Ziele moglichst optimal zu verwirklichen. Sollten einem Sprachtrager in System und Norm der Sprache keine habitualisierten lexikalischen Mittel zur Verfugung stehen, die seinen kommunikativen Absichten genugen, kann er unter Umstanden die innovativen Moglichkeiten der Sprache ausnutzen und zu einer lexikalischen Innovation greifen. Deren Schicksal hangt davon ab, inwieweit sich andere Sprachtrager von ihrer Verwendung ebenfalls kommunikativen Nutzen versprechen. Wenn die lexikalische Innovation aufgrund ahnlicher Kommunikationsstrategien von mehreren Sprachtragern ubernommen wird, geht sie mit der Zeit in den allgemeinen Sprachgebrauch uber und wird zu einem Neologismus. Neologismen sind somit evolutionare, prozessual-dynamische Phanomene, die nach der Invisible-hand-Theorie von Keller (1994) als ein kausaler nichtintendierter Kumulationseffekt von gleich gerichteten kommunikativen Handlungen mehrerer Sprachtrager entstehen.

In seiner Entstehungsphase ist jeder Neologismus eine individuelle lexikalische Innovation. Der Etablierungsprozess eines Neologismus setzt mit der Usualisierung ein und schlie[ss]t mit der Lexikalisierung ab, d. h. mit der Speicherung als Bestandteil des Allgemeinwortschatzes (vgl. Kinne 1998: 86). So mussen an dieser Stelle die Begriffe >>Usualisierung<< und >>Lexikalisierung<< geklart werden. Hierzu wollen wir auf die Konzeption von drei >>Ebenen des Sprachlichen<< von Coseriu (1981: 35-47) zuruckgreifen: der universellen Ebene der Sprechtatigkeit, der historischen Ebene der Einzelsprache und der individuellen Ebene des Diskurses. Die universelle Ebene umfasst die menschliche Sprechtatigkeit im Allgemeinen, unabhangig von den konkreten historischen Erscheinungsformen der Sprache. Hier geht es um diejenigen sprachlichen Vollzuge, die allen Menschen eigen sind. So sind alle Sprachbenutzer fahig, in Ubereinstimmung mit den Denkgesetzen und der allgemeinen Kenntnis der Wirklichkeit zu sprechen und mit den Sprachzeichen auf die Wirklichkeit zu referieren. Auf der historischen Ebene geht es um die Konkretisierung der allgemeinen Sprechtatigkeit als Einzelsprache. Die einzelsprachliche Kompetenz ist auf die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft beschrankt. Sie besteht in der Fahigkeit, in Ubereinstimmung mit den Normen dieser Sprachgemeinschaft zu sprechen und mit bestimmten sprachlichen Einheiten bestimmte Inhalte zu verbinden. Auf dieser Ebene ist zusatzlich der Aspekt der Diskurstradition anzusetzen (vgl. Blank 2005: 282, Koch 2005: 247). Es handelt sich hierbei um konventionalisierte kulturspezifische Diskursproduktionsregeln. Diskurstraditionen konnen dabei die Ebene der Einzelsprache sowohl unterschreiten, indem sie z. B. nur bestimmten soziokulturellen Gruppen innerhalb einer Sprachgemeinschaft angehoren (etwa den Jugendlichen), oder auch uber schreiten (man denke hier etwa an die Diskurstraditionen bestimmter literarischer Gattungen). Die aktuelle Ebene des Diskurses ist eine individuelle einmalige Manifestation der Sprechtatigkeit in einer konkreten Kommunikationssituation. Sie besteht in der Fahigkeit des Sprachbenutzers, eigene kommunikative Absichten dem Kommunikationspartner adaquat und effizient zu ubermitteln. Der individuelle Diskurs baut also auf den Regeln der Einzelsprache und der entsprechenden Diskurstradition im Rahmen der Konstanten der universellen Sprechtatigkeit auf.

Was nun den Wortschatzwandel angeht, so finden lexikalische Innovationen zweifellos auf der Ebene des individuellen Diskurses als [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] statt, wobei der Sprachtrager seine individuelle Kommunikationsintention verfolgt und seine Freiheit und Kreativitat ausleben kann, indem er aus den schon vorhandenen isofunktionellen sprachlichen Mitteln auswahlt oder, falls ihm das passende Mittel fehlt, vom ublichen Sprachgebrauch abweicht und eine in dividuelle Innovation realisiert. Die lexikalische Innovation ist also eine Individualbildung (eine Ad-hoc-Bildung) im Diskurs. Nun hat der einzelne Sprach benutzer im Diskurs, wenn er tatsachlich zu einer lexikalischen Innovation greift, keinesfalls die Absicht, die Diskurstradition bzw. die Einzelsprache gezielt zu verandern. Seine Intention richtet sich nicht auf den lexikalischen Wandel, sondern stets nur auf konkrete Ausdrucksbedurfnisse und pragmatische Ziele in einer einzelnen Kommunikationssituation. Der Kommunikationspartner muss dabei ein innovatives Verstandnis aufbringen, d. h. eine passende Deutung fur die Individualbildung finden. Dabei kann er es auch belassen, so dass die Innovation einmalig bzw. idiolektal bleibt. Er kann die Innovation aber auch als eine geeignete Losung fur eine kommunikative Aufgabe betrachten und sie in seinen Diskurs aufnehmen. Aus der mehrmals wiederholten Verwendung der Innovation ergibt sich eine gewisse Regularitat ihres Gebrauchs (vgl. Fritz 2005: 14), so dass die Innovation die Ebene des individuellen Diskurses verlasst und auf die historische Ebene der Diskurstradition steigt, d. h. usualisiert wird. Auf der Ebene der Diskurstradition kann man weiter zwischen der Usualisierung im Diskurs einiger Sprachbenutzer dieser Diskurstradition bzw. der Usualisierung als einer allgemeinen Diskur sregel, d. h. einer ublichen Verwendung in einem festen pragmatisch-situativen Kontext unterscheiden. Die Ubernahme und Weiterverwendung durch viele Einzelne hat eine kumulative Wirkung, so dass der Prozess selbstbeschleunigend wirkt. Schlie[ss]en sich noch weitere Sprachtrager au[ss]erhalb der betreffenden Diskurstradition dem innovativen Gebrauch an, so geht die lexikalische Innovation auf die Ebene der Einzelsprache uber, d. h. es kommt zur Lexikalisierung als einer neuen allgemeinsprachlichen Routine. Dabei geht die Lexikalisierung in einer spezifischen Sprachvarietat in der Regel der Verallgemeinerung in Bezug auf die Allgemeinsprache voraus (vgl. Blank 2005: 287).

Vor dem Hintergrund dieser Ausfuhrungen wird unter dem Neologismus eine neue lexikalische Einheit bzw. eine neue Bedeutung einer schon etablierten lexikalischen Einheit verstanden, >>die in einem bestimmten Abschnitt der Sprachentwicklung in einer Kommunikationsgemeinschaft aufkommt, sich ausbreitet und als sprachliche Norm akzeptiert wird<< (Steffens/Nikitina 2014: 64). Der Durchsetzungsprozess eines Neologismus stellt eine Umwandlungsabfolge dar--von einer Null-Phase der lexikalischen Innovation im individuellen Diskurs uber die Usualisierung als Diskursregel in einer bestimmten Diskursgemeinschaft zur Lexikalisierung als allgemeiner interdiskursiver Sprachregel. Der Diskurs ist somit nicht nur die Domane fur die Erstverwendung von Neologismen, sondern auch das Milieu fur ihre Verbreitung und Etablierung. Egal, ob sich der Sprachbenutzer fur eine eigene lexikalische Innovation bzw. fur die Ubernahme einer >>fremden<< Innovation in seinen Diskurs entscheidet: Er riskiert immer ein Missverstandnis und damit einen kommunikativen Misserfolg. Es ware daher anzunehmen, dass in jeder neologischen Phase von Sprachbenutzern bestimmte >>Diskursindikatoren<< eingesetzt werden. Darunter werden diverse sprachliche Mittel verstanden, die eine lexikalische Innovation im Diskurs >>in statu nascendi<< signalisieren, sie fruhzeitig erkennen lassen und so das Verstandnis sichern helfen. Diese Indikatoren implizieren allgemeine Hinweise fur die Interpretation einer Innovation und machen den Rezipienten auf formale und/oder inhaltliche Besonderheiten des Sprachgebrauchs aufmerksam, woraus er dann ableiten kann, dass es sich um eine neue lexikalische Einheit bzw. um eine Neuverwendung einer schon etablierten lexikalischen Einheit handelt, so dass er das entsprechende kognitiv-pragmatische Engagement fur deren Interpretation aufbringen kann.

Der folgende Beitrag ist vor dem skizzierten theoretischen Hintergrund zu sehen. Es wird im Weiteren versucht, spezifische Diskursindikatoren der Innovationen am Beispiel von Neologismen der Nuller--und Zehnerjahre im Deutschen aufzuspuren und ihre diskursive Funktion zu bestimmen. Dabei stutzen wir uns auf das Wortschatzmaterial des am Institut fur Deutsche Sprache in Mannheim korpusbasiert erarbeiteten Neologismenworterbuches >>Neuer Wortschatz. Neologismen der Nullerjahre im Deutschen<< (Steffens/ al-Wadi 2013) sowie auf das Online-Neologismenworterbuch im lexikografischen Portal OWID des Instituts fur Deutsche Sprache. Primarquellen fur Diskursbelege sind die elektronisch gespeicherten Textkorpora DeReKo, vorrangig Textkorpora im >>Archiv der geschriebenen Sprache<<, sowie Videofragmente vom Online-Videoportal YouTube.

2. Diskursindikatoren von individuellen Innovationen in der Entstehungsphase

Jede lexikalische Innovation entspringt also zunachst immer einem individuellen Diskurs. In einem Schopfungsakt gelingt bzw. passiert dem Sprachbenutzer eine Innovation, so dass er bewusst oder eher unbewusst zum >>Worterfinder<< wird und den ersten Schritt im Lebenszyklus eines Neologismus tut. Die individuelle diskursive Freiheit der Sprachbenutzer ist jedoch relativ und lasst sich durch die diskurstraditionellen Vorgaben sowie einzelsprachlichen Traditionen und die anthropologisch bedingten Konstanten der universellen Sprechtatigkeit einschranken (vgl. Koch 2005: 248). Au[ss]erdem wirken hier solche speziellen Faktoren wie die Kommunikationssituation (z. B. die Kommunikationsform, die Diskursform, thematischer Bereich etc.), die Einfuhrungssituation der Innovation im engeren Sinne (vor allem die Wissenskonstellation der Beteiligten), die Motivation des Innovators bei der Wahl eines bestimmten Innovationstyps, die kommunikativen Prinzipien, von denen sich der Innovator leiten lasst (z. B. Informativitat, Prazision, Verstandlichkeit, Originalitat etc.), der bereitwillige kognitive Aufwand bei der Realisierung einer Innovation sowie die Ressourcen, uber die der Innovator verfugt (z. B. mogliche Ausdrucksalternativen, Prazedenzen in anderen Sprachen bzw. Analogien in der Muttersprache etc.) (vgl. Fritz 2005: 44).

In der Neologismenforschung lasst eine korpusgestutzte Analyse von Diskurssamples mit einer gewissen Sicherheit feststellen, wann eine neue lexikalische Einheit bzw. eine bereits etablierte lexikalische Einheit in einer neuen Bedeutung fruhestens verwendet wurde. Der Erstbeleg in einem Korpus bedeutet jedoch nicht, dass es sich tatsachlich um die Erstverwendung handelt. Zum einen hat man keinen Zugriff auf alle schriftlichen Quellen, zum anderen ist der bevorzugte Ort fur die erstmalige Verwendung von Innovationen nicht die geschriebene, sondern die gesprochene Sprache (vgl. Blank 2005: 284), vor allem der sogenannte Nahediskurs mit den fur ihn typischen Kommunikationsbedingungen (Dialogizitat, raumlicher und zeitlicher Nahe der Kommunikationspartner, intensiver Kooperation, Situations--und Handlungseinbindung, Spontaneitat, Expressivitat, Affektivitat, freier Themenentwicklung etc.) und den daraus resultierenden Versprachlichungsstrategien (Prozesshaftigkeit von Au[ss]erungen, geringem Planungsaufwand durch nichtsprachliche Kontexthilfen sowie geringer sprachlicher Elaboriertheit durch den Einsatz nonverbaler Mittel etc.) (vgl. hierzu Koch/Oesterreicher 2011, 13). Angesichts eines geringen Planungsgrades sind Innovationen im Nahediskurs als solche meist nicht intendiert bzw. sie sind >>Zufallsfunde<<, die zwar als Ergebnis eines intentionalen kommunikativen Handelns entstehen, jedoch nicht das Ergebnis einer gezielten Suche sind. Da der Kommunikationspartner den Sinn der Innovation durch die Stutzung unterschiedlicher Kontexttypen--situativen Kontextes, gemeinsamen Wissenskontextes, nichtsprachlich-kommunikativen Kontextes (Mimik, Gestik, Korperhaltung)--relativ leicht erschlie[ss]en kann, erscheinen im Nahediskurs explizite verbale Diskursindikatoren von individuellen Innovationen relativ selten. Dies wollen wir nun naher an einem Beispiel verdeutlichen:

In einem TV-Duell von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier kurz vor der Bundestagswahl 2009 fragte die Moderatorin Maybrit Illner die Bundeskanzlerin nach den zukunftigen Koalitionsplanen, indem sie eine mogliche CDU/CSU/FDP-Koalition Tigerentenkoalition nannte:

(1) Angela Merkel: [...] Herr Struck sagt, 2013 konnte es mit den Linken eine Koalition geben, dann sage ich ganz einfach, eine Garantie haben wir nicht, dass es nicht in der Legislaturperiode schon kommt, und vielleicht ist das dann gegen Herrn Steinmeier, aber garantieren kann man das nicht. Maybrit Illner (an Angela Merkel): Sie kampfen fur Schwarz-Gelb. Allein ein Drittel der Deutschen wunscht sich diese [Hasitationspause] Tigerentenkonstellation oder--koalition, konnte man sagen, wunscht sich Schwarz-Gelb. Haben Sie eine Erklarung dafur, warum? Warum die Menschen Angst davor haben? (URL: http://www.youtube.com/watch?v=shCcnU171uM, transkribiert von mir--O. N.)

Es ist evident, dass die Innovation Tigerentenkoalition von Maybrit Illner in einem relativen Nahediskurs in die Welt gesetzt wird, denn das Fernsehduell verlauft ja konzeptionell in einem gesprochenen sprachlichen Duktus und medial in einer mundlichen Realisierung. Obwohl in den Fernsehdebatten die Rollenverteilung zwischen den Kommunikationspartnern von vornherein festgelegt ist, wird der Sprecherwechsel ad hoc geregelt, was eine Dialogizitat und eine ziemliche Spontaneitat der kommunikativen Interaktion ermoglicht. Die Innovationsplanung ist daher gering und erfolgt praktisch wahrend des Au[ss]erungsaktes selbst, indem Maybrit Illner die zwei Benennungsalternativen diese [Hasitationspause] Tigerentenkonstellation oder--koalition anbietet und so sich selbst reflektiert. Die Innovation wird durch den situativen Kontext, vor allem durch die Vorgeschichte der Diskussion uber die Bundestagswahlen und eventuelle Koalitionen unterstutzt, was den gemeinsamen Wissenskontext sichert. Sprachlich wird die Innovation im Diskurs zum einen sowohl im Vorfeld als auch im Nachfeld durch eine schon etablierte Bezeichnung der CDU/CSU/FDP-Koalition Schwarz-Gelb gestutzt, zum anderen durch den parenthetisch eingefugten Nebensatz konnte man sagen, mit dessen Hilfe sich Maybrit Illner mit der eventuellen Meinung der anderen Sprachbenutzer solidarisiert. Die Innovation wird, wie der weitere Verlauf des Fernsehduells zeigt, von den Beteiligten problemlos verstanden: Mit dem kulturspezifischen metaphorischen Bild Tigerente spielt Maybrit Illner auf eine von dem Kinderbuchautor Janosch erfundene schwarz-gelb gestreifte holzerne Ente an. Au[ss]erdem sind den Zuhorern konkrete Vorbilder fur ahnliche farbsymbolische Koalitionsbezeichnungen bekannt (z. B. Ampelkoalition oder Jamaikakoalition). So konnen die Zuhorer offensichtlich schlussfolgern, dass die Moderatorin mit ihrer Innovation einen pragmatisch motivierten, witzigen Kommentar zur politischen Situation machen wollte. Angela Merkel distanziert sich jedoch von der innovativen Benennung:

(2) [...] Es ist so, dass das einen ziemlich hohen Prozentsatz schon darstellt, es ist eine Koalition von Union und FDP, ich hab' das lieber, wenn man es ausspricht, mit einer starken Union, die auch fur das Miteinander von wirtschaftlicher Vernunft und sozialer Balance sorgt [...] (URL: Ebenda, transkribiert von mir--O. N.).

Dieses Beispiel zeigt, dass im Nahediskurs die Kommunikationspartner eine aktuelle Innovation wegen der engen Kontexteinbindung direkt miteinander aushandeln konnen. Die synonyme Benennung Schwarz-Gelb sowie die nebensatzwertige metasprachliche Parenthese konnte man sagen dienen als hilfreiche diskursive Indikatoren fur die Interpretation der Neubildung. Obwohl die innovative Benennung Tigerentenkoalition gleich nach der Talkshow ein entsprechendes Medienecho hervorgerufen hat, wurde sie jedoch bereits wenige Wochen danach kaum noch verwendet (vgl. Steffens 2010: 4).

Je weiter sich ein Diskurs in dem Kontinuum >>Nahe--Distanz<< ansiedeln lasst, desto hoher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausfuhrlichere verbale Diskursindikatoren bei der Realisierung von individuellen Innovationen eingesetzt werden. Dies ist wohl darauf zuruckzufuhren, dass der Diskursproduzent und der Diskursrezipient, meist sogar eine Vielzahl von Rezipienten, voneinander zeitlich und raumlich abgekoppelt sind, so dass Elemente des situativen Kontextes, des nichtsprachlichen (Gestik, Mimik, Korperhaltung) sowie des parasprachlichen Kontextes (Intonation, Lautstarke, Sprechgeschwindigkeit) weitestgehend versprachlicht, d. h. in Kotext uberfuhrt werden sollen (vgl. Koch/Oesterreicher 2011: 11). Aufgrund der Situationsentbindung und der Entkoppelung von Produktion und Rezeption sind ein erhohter Au[ss]erungsplanungsaufwand und somit eine integrative sprachliche Elaboriertheit sowie eine erhohte metasprachliche Reflektiertheit notwendig. Dies erlaubt dem Sprachbenutzer, den kognitiven bzw. stilpragmatischen Effekt einer Neuerung gezielt zu planen. Daher kann das wortschopfende Individuum im Distanzdiskurs zu einer expliziten Argumentation fur eine Innovation greifen und so seine Motivation fur die Wahl des Innovationsverfahrens erortern. Das wollen wir am Beispiel einer individuellen Innovation illustrieren, die von dem Begrunder der modernen deutschen Neologismenlexikografie Dieter Herberg stammt.

In einem Beitrag zum Wortschatzwandel (Herberg 2002) argumentiert der Wissenschaftler fur die Einfuhrung eines neuen Terminus atmender Wortschatz wie folgt:

(3) Seit Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts sind metaphorische Ausdrucke wie atmende Fabrik, atmendes Unternehmen, atmende Verwaltung usw. in Gebrauch gekommen [...]. Ist es da weit hergeholt, das Bild eines lebenden Organismus auch auf den Wortschatz anzuwenden und also vom >>atmenden Wortschatz<< zu sprechen? Wird nicht der Wortschatz jederzeit dem aktuellen Kommunikationsbedarf flexibel angepasst? Wird er nicht durch standiges Werden und Vergehen, durch Innovation und Archaisierung funktionsfahig und lebendig erhalten? Diese Dynamik ist es, die das Bild vom >>atmenden Wortschatz<< nahe legt.<< (Herberg 2002, 11).

Wie aus dem Beispiel zu ersehen ist, lenkt der Diskursproduzent zuerst die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf die unlangst im Deutschen etablierten Neologismen der 90er Jahre (atmende Fabrik, atmendes Unternehmen, atmende Verwaltung) und stellt dann metaphorische Parallelen auf (standiges Werden und Vergehen, Innovation und Archaisierung). Auf solche Weise werden die Leser gefordert, sich mit der neuen Metapher (das Bild vom >>atmenden Wortschatz<<) auseinanderzusetzen, um das Gemeinsame zwischen den beiden konzeptuellen Domanen, die auf den ersten Blick nichts mi teinander zu tun haben, zu rekonstruieren und somit zu einer Interpretation zu gelangen. So macht der Diskursproduzent zugleich seine kommunikativen Intentionen, die hinter der Innovation stecken, fur die Rezipienten nachvollziehbar. Mit einer Reihe rhetorischer Fragen fuhrt er den Rezipienten zu dem Schluss, dass auch in Bezug auf Wortschatz die Analogiebildung atmender Wortschatz angemessen ist.

Es ist also erkennbar, dass in der Entstehungsphase ausfuhrlichere metasprachliche Indikatoren von Innovationen dann eingesetzt werden, wenn der Sprachbenutzer seine Innovation gezielt plant bzw. fur einen bestimmten kommunikativen Zweck intentional sucht. Dies ist meist in dem Distanzdiskurs mit den fur ihn typischen Kommunikationsbedingungen wie Offentlichkeit, Fremdheit, Situations--und Handlungsentbindung, maximaler Reflektiertheit und hohem Planungsaufwand der Fall. Im Nahediskurs werden Innovationen haufig nicht intendiert und vor dem Hintergrund der hohen Kontexteinbindung sprachlich nicht extra indiziert. Die meisten Erstverwendungen von Innovationen verlaufen unauffallig und lassen sich nur dann feststellen, wenn sie von Individuen ausgehen, deren sprachliche Au[ss]erungen in der Kommunikationsgemeinschaft stark beachtet werden, man denke etwa an solche meinungsbildenden Personlichkeiten wie Politiker, Journalisten, Literaten oder Wissenschaftler und Fachleute, die zu terminologischen Zwecken sprachliche Neuerungen vornehmen (vgl. Cherubim 1980: 147). Da die Anzahl solcher rekonstruierbaren individuellen Innovationen immer nur sehr gering ist, lassen sich die darin vorkommenden diversen Diskursindikatoren von Innovationen kaum vereinheitlichen. Anders verhalt es sich mit den Diskursindikatoren in der Usualisierungsphase, in der die Innovation zunachst als eine neue Diskursroutine in jene Diskurstradition einruckt, innerhalb derer die Innovation geau[ss]ert wurde.

3. Diskursindikatoren von Neologismen in der Usualisierungsphase

Wahrend der ziemlich prekaren Usualisierungsphase sind jegliche Prognosen nur schwer moglich, denn Erfolg oder Misserfolg einer Innovation entscheiden sich an ihrer Akzeptierung oder Zuruckweisung als einer unerwunschten Abweichung von der Norm. Der Diskursproduzent kann daher bemuht sein, eventuelle Storungen oder Belastungen der Kommunikation von vornherein auszuschlie[ss]en, um das von ihm intendierte kommunikative Ziel zu erreichen. Deshalb sind in der Usualisierungsphase in der Regel bestimmte Diskursindikatoren zu erwarten, die das Erkennen und die Interpretation der Neuerung in den entsprechenden funktional-kommunikativen Umstanden erleichtern und auf solche Weise zu ihrer weiteren Ausbreitung beitragen. Darauf wollen wir im Folgenden ausfuhrlicher eingehen.

3.1. Redecharakterisierende Diskursindikatoren von Neologismen in der Usualisierungsphase

Redecharakterisierende Diskursindikatoren von Neologismen helfen dem Diskursproduzenten eine zusatzliche Information uber den spezifischen Charakter der Au[ss]erung vermitteln. Dadurch konnen eventuelle Missverstandnisse oder Einwande, die durch den Gebrauch einer Innovation entstehen konnen, von vornherein ausgeschlossen werden.

Nach Niehuser erfolgen explizite Redecharakterisierungen immer dann,

wenn der Sprecher antizipiert, dass seine Au[ss]erung ohne zusatzlichen Kommentar eine Belastung oder Storung des Gesprachs hervorrufen konnte. Die Verwendung dieser Redecharakterisierungen steht dabei durchgangig im Dienst der Vermeidung oder Verminderung kommunikativer Risiken (Niehuser 1987: 194f.).

Im Folgenden werden typische redecharakterisierende Diskursindikatoren von Neologismen naher erlautert.

3.1.1. Diskursive Indikation durch Anfuhrungszeichen

Typische Diskursindikatoren eines Neologismus in seiner Usualisierungsphase sind Anfuhrungszeichen (vgl. Kinne 1998: 81). Sie werden als grafische Zeichen vor allem im schriftlichen Distanzdiskurs eingesetzt, im mundlichen Diskurs konnen sie aber bei Bedarf gestisch ausgefuhrt werden. In ihrer Funktion als diskursive Neologismenindikatoren unterscheiden sie sich meist eindeutig vom Gebrauch in der Funktion als Indikatoren von Zitat und direkter Rede. Die zur Markierung von Neologismen dienenden Anfuhrungszeichen werden von Klockow (1980: 120-204) >>modalisierende Anfuhrungszeichen<< genannt. Aus kommunikativ-pragmatischer Sicht fungieren sie als bestimmte >>metakommunikative Signale<< (Klockow 1980: 120), d. h. sie geben einen allgemeinen Hinweis zur Interpretation der Au[ss]erung und machen den Rezipienten auf vorhandene Inhalts--und/oder Formbesonderheiten aufmerksam. Der in Anfuhrungszeichen gesetzte Neologismus ist durch >>Gleichzeitigkeit von objektsprachlicher und metasprachlicher Information<< (Klockow 1980: 123) gekennzeichnet: Zum einen nimmt der Sprachbenutzer die betreffende Innovation in seinen Diskurs auf, zum anderen treten die Anfuhrungszeichen als Signale dafur auf, dass der Neologismus in der Sprachgemeinschaft (noch) wenig bekannt ist und dass seitens des Rezipienten bestimmte kognitive Anstrengungen notwendig sind, um zu einer richtigen Interpretation zu gelangen. Schwieriger ist mitunter zwischen der Funktion als Neologismenindikatoren und der Funktion der Distanzierung von Geau[ss]ertem zu unterscheiden. Da Neologismen in der Durchsetzungsphase noch keine vollberechtigten Bestandteile des Lexikons sind, kann der Diskursproduzent mit den Anfuhrungszeichen dem Rezipienten zu verstehen geben, dass er den Ausdruck von jemandem ubernommen hat und als nicht von ihm selbst stammend kennzeichnen will. Zugleich macht der Diskursproduzent die durch Anfuhrungszeichen markierte Neubildung zum Objekt einer impliziten Interpretationsanweisung oder eines moglichen weiteren metasprachlichen Kommentars, z. B.:

(4) Die >>Kampfradler<< sind in der deutschen Hauptstadt gefurchtet. Meistens handelt es sich um junge, gut trainierte Manner, die mit teuren Fahrradern unterwegs sind. Das Problem mit ihnen: Sie fahren schneller als manches Auto, sie halten sich kaum an irgendwelche Verkehrsregeln. (Nurnberger Nachrichten, 16.04.2012)

In gieicher Weise werden die Anfuhrungszeichen fur Hervorhebung der Neubedeutungen von schon etablierten lexikalischen Einheiten benutzt: Sie signalisieren, dass das Wort nicht in seiner konventionellen Bedeutung verwendet wird und dass der Rezipient den Sinn aus dem sprachlichen Kontext erschlie[ss]en soll (vgl. Beckmann 2001: 91f.), z. B.:

(5) Noch speichern wir unsere Mails, Adressen, Fotos, unsere Software und unsere Musik auf privaten Festplatten. Aber das Internet wird mobiler, und immer mehr unserer Daten werden in die >>Wolke<< wandern, einen virtuellen Riesencomputer, betrieben von privaten Dienstleistern, der von uberall abgefragt werden kann und jeden Nutzer mit schier unendlicher Rechenleistung versorgt. (Die Zeit [Online-Ausgabe], 18.03.2010, Nr. 11)

In diesem Beispiel wird das Wort Wolke in seiner neuen Bedeutung 'Bereich in einem Computernetzwerk wie z.B. dem Internet, in dem Hard--und Software als Dienstleistung fur ausgelagerte IT-Anwendungen zur Verfugung gestellt und genutzt wird' (Steffens/al-Wadi 2013: 505) verwendet.

3.1.2. Diskursive Indikation durch das redecharakterisierende Adjektiv sogenannt

Bei der diskursiven Indikation von Neologismen durch sogenannt wird die oben beschriebene implizite Botschaft der Anfuhrungszeichen durch Verbalisierung der metasprachlichen Information expliziert, z. B.:

(6) Joseph S. Blatter dagegen hat die Plauder-Plattform [Twitter] gerade erst fur sich entdeckt. >>Das ist die erste Weltmeisterschaft, bei der sich die Fans verbreitet uber soziale Netzwerke miteinander austauschen. Ich freue mich, meine Erfahrungen der WM 2010 mit Fans aus aller Welt zu teilen<<, sagte der Fifa-Prasident. Mehr als 20000 sogenannte Follower hat der 71-Jahrige binnen weniger Tage um sich geschart. (Nurnberger Zeitung, 16. 06. 2010)

Da beide Diskursindikatoren--Anfuhrungszeichen und das Adjektiv sogenannt--im Diskurs vergleichbare Funktionen erfullen, werden sie oft zusammen verwendet. Jedoch sei auf eine feine Besonderheit bei der Indikation durch sogenannt hinzuweisen: Die Wahl des Adjektivs als Diskursindikator setzt voraus, dass der nachfolgende Neologismus zumindest einem Teil der Sprachgemeinschaft bereits bekannt und schon im Umlauf ist.

3.1.3. Diskursive Indikation durch die Bezugnahme auf einen anderen individuellen Diskurs

Jeder individuelle Diskurs konstituiert sich gema[ss] seinen eigenen Charakteristika und Organisationsprinzipien. Zugleich ist jeder Diskurs von anderen Diskursen durchdrungen und lasst sich durch die vorhandenen Diskurstraditionen sowie einzelsprachlichen Vorgaben bestimmen. Aufgrund zahlreicher kommunikativer Kontakte in Familien--, Freundes--bzw. Kollegenkreisen und des dadurch erzeugten gemeinsamen Wissens verbreiten sich die Innovationen in solchen kommunikativen Netzwerken ziemlich schnell. Andererseits kann die Innovation durch die Medien unmittelbar einer gro[ss]en Zahl von Diskursrezipienten prasentiert werden. Fritz (2005: 52) betont, dass die Kombination einer Verbreitung in den Medien und durch personliche Kommunikation der haufigste Verbreitungsmechanismus ist. So kann die Indikation eines Neologismus mittels eines kommentierenden oder kritischen Verweises auf einen weiteren individuellen Diskurs erfolgen. In der Regel werden metasprachliche Bezuge auf solche individuelle Diskurse genommen, die von offentlich wirkenden und so meinungsbildenden Personlichkeiten stammen. Die Bezugnahmen auf einen anderen individuellen Diskurs konnen mit Hilfe von Einschuben wie etwa um es mit den Worten von X zu sagen, wie X sagt, mit X zu sprechen, wie es X gerne nennt u. A realisiert werden, z. B.:

(7) Auffallig ist das miserable Abschneiden der Privaten. Nur ein Preistrager (Stefan Raab) stammt vom >>Unterschichtenfernsehen<< (so nennt Harald Schmidt seine ehemaligen Arbeitgeber heute liebevoll), alle anderen Sieger kommen von ARD oder ZDF. (Rhein-Zeitung, 09.03.2005)

(8) NZ: Flieges Sendung verliert an Quote. Was ist das fur eine Gesellschaft, in der billige Unterhaltung mehr wiegt? Fliege: Das ist ein ernsthaftes Thema. Nicht wegen der Quote, sondern weil wir zwei, drei Millionen Arbeitslose mehr haben als vor funf Jahren. Was gucken die Arbeitslosen? Harald Schmidt wurde vielleicht etwas boshaft sagen >>Unterschichtenfernsehen<<. NZ: Brot und Spiele? (Nurnberger Zeitung, 22.04.2005)

In den angefuhrten Beispielen (7), (8) wird der Neologismus Unterschichtenfernsehen durch Anfuhrungszeichen indiziert. Dabei verweisen beide Diskursproduzenten auf den aktiven Verwender dieser Neubildung, den Entertainer Harald Schmidt. Obwohl die Innovation nicht von ihm selbst stammt, sondern von dem Bremer Historiker Paul Nolte, hat Harald Schmidt zu ihrer Popularisierung und Etablierung in hohem Ma[ss]e beigetragen. Die Diskursproduzenten ubernehmen mithin das angefuhrte Wort in ihre Diskurse, weil es wohl ihren kommunikativen Absichten entspricht, und verweisen dabei auf die Prazedenzfalle ihrer Verwendung von einem opinion leader. Auf solche Weise distanziert man sich quasi von der neuen Benennung, lehnt man sie jedoch nicht ab. In beiden Beispielen kommt es so zu einer Verflechtung von dem eigentlichen individuellen Diskurs und dem Schmidt'schen Diskurs, wobei die Autorenkomponente sprachlich durch wertende Epitheta liebevoll (7), etwas boshaft (8) realisiert wird. So konnte man sagen, dass prominente Personen, an deren Diskurspraxis sich andere Mitglieder der Sprachgemeinschaft orientieren, zur Verbreitung der Innovationen dadurch beitragen konnen, dass von ihnen favorisierte Innovationen von anderen Sprachbenutzern bevorzugt aufgenommen werden.

3.1.4. Diskursive Indikation durch die Bezugnahme auf eine Diskurstradition

Wird die Innovation von einer Sprechergruppe ubernommen, folgt ihre Usualisierung als Diskursregel in einer bestimmten Diskursgemeinschaft. Der Bereich, in dem jemand bereit ist, Neuerungen zu ubernehmen, hangt von seinem Umfeld und seinen Interessen ab. Solite der Diskursproduzent in dieser Phase eine Innovation in seinen individuellen Diskurs aufnehmen, kann er entweder durch den Verweis auf eine Diskurstradition seine Zugehorigkeit zu einer Gruppe (z. B. von Jugendlichen, Fachleuten etc.) signalisieren oder auch zeigen, dass ihm neue Redeweisen dieser Gruppe bekannt sind, ohne sich damit aber zu identifizieren. Der Verweis auf eine Diskurstradition kann mit Hilfe von solchen metasprachlichen Bezugnahmen wie um es im Jargon auszudrucken, wie die Xs sagen, um in der Sprache von Xs zu sprechen etc. realisiert werden, z. B.:

(9) Am verabredeten Treffpunkt, wo der Rucktausch von Geld und Ring erfolgen sollte, ist der Mann nie aufgetaucht. Und der kostbare Schmuck stellte sich schnell als Billigplunder heraus. Auf diese Betrugermasche--die im Polizeijargon >>Autobahngold<< hei[ss]it--ist der Berufskraftfahrer Andreas M. vor kurzem an einer Raststatte auf der A 65 hereingefallen.<< (Mannheimer Morgen, 05.10.2009)

(10) Wertloses Holz, das wirklich keiner mehr braucht und das irgendwo verrotten sollte, holen sich Designbegeisterte fur teuer Geld in den Wohnraum. >>Upcycling<< nennen Branchenexperten diesen Trend. (Mannheimer Morgen, 30.05.2012)

(11) >>Schwul<< sei als Begriff fur alles, was nicht okay sei, auf den Schulhofen zu dem haufigsten gebrauchten Schmahwort geworden. (Hannoversche Allgemeine, 30.06.2008)

(12) Statt mit unangenehmen Textilien, die wir dank des naturlichen Verschlei[ss]es spatestens nachsten Sommer nicht mehr sehen mussen, kommen sie uns nun mit haltbaren Entgleisungen. Mit Stei[ss]beintattoos, im Volksmund >>Arschgeweih<< genannt. (Sonntag Aktuell, 17.08.2004)

(13) Die ganze Diskussion zeichnete sich dadurch aus, dass niemand das Offensichtliche erwahnte. Nach der englischen Redensart, dass der Elefant im Zimmer von allen Anwesenden ignoriert wird, sprach niemand von den muslimischen Schulen. (Neue Zurcher Zeitung, 30.10.2006)

Aus den Bezugnahmen auf andere Diskurstraditionen ergeben sich eventuelle Ubergange als Verbreitungswege von Innovationen wie etwa von den Experten (Autobahngold, Upcycling) zu Laien (9, 10), von der Szenesprache (schwul) zur Allgemeinsprache (11), vom saloppen Sprachgebrauch (Arschgeweih) in den neutralen (12), von den Sprechern einer Sprache durch Lehnubersetzung (der Elefant im Zimmer) zu den Sprechern einer anderen Sprache (13) etc.

Die beschriebenen redecharakterisierenden Diskursindikatoren dienendazu, die Innovation im Diskurs in der Usualisierungsphase zu markieren und den Diskursrezipienten darauf hinzuweisen, dass das Neulexem bzw. die Neubedeutung noch nicht bzw. erst in einer bestimmten Diskursgemeinschaft konventionalisiert ist und dass der Sinn der Innovation extra erschlossen werden soll. Uber diese redecharakterisierenden Diskursindikatoren hinaus werden vielfach weitere inhaltsbezogene Indikatoren eingesetzt, die das Verstehen und die Interpretation der Innovation im Diskurs direkt unterstutzen.

3.2. Inhaltsbezogene Diskursindikatoren von Neologismen in der Usualisierungsphase

Motive fur die Ubernahme und Weiterverwendung einer Innovation fallen in den Bereich der Pragmatik: Ob die Innovation per se uberzeugen kann, indem sie von vielen Sprachbenutzern als kognitiv besonders pragnant, pragmatisch relevant oder als besonders okonomisch eingeschatzt wird, oder ob man sich einen Anteil an dem Sozialprestige des innovierenden Sprachbenutzers bzw. bestimmter Gruppen innerhalb der Sprachgemeinschaft oder uber diese hinaus verspricht: Es geht dem Diskursproduzenten in jedem Fall um den kommunikativen Erfolg und die sprachliche Effizienz (vgl. Blank 2001: 95). Um sich gegen das kommunikative Misslingen abzusichern, kann der Sprachbenutzer die Innovation auf eine bestimmte Art und Weise im Diskurs zu erklaren bzw. zu interpretieren versuchen. Dadurch kann er auch eventuell eigene Weltlaufigkeit demonstrieren bzw. sein Verhaltnis zu dem bezeichneten Sachverhalt zum Ausdruck bringen und so den Diskursrezipienten mit neuen sachlichen bzw. wertenden Informationen versorgen.

Im untersuchten Material lassen sich zwei Arten von inhaltsbezogenen Diskursindikatoren unterscheiden: Zum einen sind das metasprachliche Erklarungen verschiedener Form, die im Kern epistemisch ausgerichtet sind, d. h. auf neues Wissen und adaquates Verstandnis des Gesagten zielen. Zum anderen sind das metasprachliche Kommentare, die als axiologische Au[ss]erungen rationalen oder emotionalen Charakters auftreten und indirekt an die Meinung des Diskursrezipienten appellieren.

3.2.1. Diskursive Indikation durch metasprachliche Erklarungen

Da Innovationen im Diskurs oft nicht unreflektiert verstanden werden konnen, dienen metasprachliche Erklarungen von Neologismen vor allem der Verstehenssicherung. Sie konnen je nach der Kommunikationssituation und der kommunikativen Intention des Diskursproduzenten unterschiedlich lang und detailliert gestaltet werden--auf der Wortebene, auf der Satzebene oder auch auf der transphrastischen Ebene (als ganze Texte bzw. Textteile). Im untersuchten Material treten folgende Formen der Erklarungen auf:

(a) Erklarung durch (kontextuelle) Synonyme, z. B.:

(14) [...] weil das Schicksal es will, dass enorm viele Menschen nach Einbruch der Dunkelheit besonderen Appetit auf Su[ss]ig--oder Salzigkeiten und oder Alkohol entwickeln, werden auch enorm viele Nahrungs--und Genussmittel vom Organismus dreist in Huftgold oder schlicht in Fettpolster umgewandelt. (Berliner Zeitung, 28.02.2006)

(b) Erklarung durch Hyperonyme:

(15) Seniorinnen verhinderten Betrug. Mit dem so genannten Enkeltrick haben Unbekannte am Mittwoch in zwei Fallen versucht, Senioren um mehrere Tausend Euro Bargeld zu bringen. (St. Galler Tagblatt, 04.10.2008)

(c) Erklarung durch Hyponyme:

(16) Zunehmend werden T-Shirts, Boxershorts und weite Jogginghosen aus Bau mwolle durch sogenannte Funktionskleidung ersetzt: leichte Tragerhemden, Shirts, dunne Jacken, Shorts sowie kurze und lange enganliegende Hosen [...] aus schnell trocknenden Kunstfasern, die den Schwei[ss] nach au[ss]ien leiten und, selbst wenn sie feucht sind, noch warmen. (Frankfurter Allgemeine, 24.07.2001)

(d) Erklarung durch Kohyponyme:

(17) Auch das fehlende Nikotin sei einer der Grunde, warum dampfen weniger schadlich sei als rauchen. [...] Dampfen schone im Vergleich zum Rauchen aber nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Portemonnaie. (St. Galler Tagblatt, 25.10.2012)

(e) Erklarung durch lose Appositionen:

(18) In der Boxhagener Stra[ss]e [in Berlin] gibt es sogar einen >>Voner<< zu probieren, einen veganen Doner. (Tagesspiegel, 19.05.2013)

(f) Erklarung durch einen Attributsatz:

(19) Immer haufiger gebe es Uberforderung durch >>Helikopter-Eltern<<, die mit ubertriebenem Ehrgeiz die Kinder uberwachten und sie >>von einem Forderkurs in den anderen<< schickten. (Braunschweiger Zeitung, 23.06.2012)

(g) Erklarung durch eine vorausweisende Bedeutungsparaphrase in demselben Satz, z. B.:

(20) Sie kommen, verwusten und gehen, ohne dafur zu zahlen--die soge nannten >>Mietnomaden<<, die derzeit Schlagzeilen machen. (Nurnberger Zei tung, 31.05.2005)

(h) Erklarung durch eine ruckweisende Bedeutungsparaphrase in demselben Satz, z. B.:

(21) Von >>Wutburgern<< war plotzlich die Rede--einem neuen Menschenschlag, dem nach und nach dammert, wie wenig der Einzelne in der Demokratie zu bewegen vermag. (Nurnberger Zeitung, 01.12.2010)

(i) Erklarung durch eine Bedeutungsparaphrase im vorangehenden Satz:

(22) Eine Portion Joghurteis, das von der Konsistenz her an Softeis erinnert, wird mit verschiedenen Zutaten, Toppings, dekoriert. [...] >>Im Vergleich zu Eis ist Frozen Yogurt das modernere Produkt<<, sagt Jun. (Mannheimer Morgen, 04.06.2011)

(j) Erklarung durch eine Bedeutungsparaphrase im nachgestellten Satz:

(23) Gegen dieses Wunder [...] hat sich die Fifa etwas ausgedacht, das anderswo bereits ausprobiert wurde und nun bei der Klub-WM in Marokko zum Einsatz kommen wird: das Freisto[ss]spray. Der Schiedsrichter sprayt dort, wo die Freisto[ss]mauer zum Stehen kommen soil, einen Farbbalken aufs Gras. (Die Zeit [Online-Ausgabe], 12.12.2013, Nr. 50)

(k) Erklarung durch ein transphrastisches Ganzes:

(24) Kuschelparty<< im Trend. Gerade noch in New York, jetzt hat der Trend Berlin erreicht: Fremde Menschen treffen sich in einem Kreuzberger Meditationszentrum zu >>Kuschelpartys<<, wie das Stadtmagazin >>Zitty<< berichtet. Beim ersten Mal seien es 50 Leute gewesen, die sich auf dem Matratzenlager tummelten. Das Ganze soil gut sein gegen Stress, wird eine der Ini tiatorinnen zitiert. Nicht zu verwechseln mit Swinger Clubs: >>Kein Sex<< ist eine der Regeln. Bei der >>Kuschelparty<< bleibt man bekleidet, die Teilnehmer sind sich selbst uberlassen. [...] Auf Kuschelpartys holen sich Menschen die Zartlichkeit und Nahe, die sie in ihrem Alltag vermissen. (Mannheimer Morgen, 15.10.2005)

Aus dem letzteren Beleg (24) ist zu ersehen, dass der Diskurs als die Auseinandersetzung mit einem neuen Sachverhalt abgewickelt wird, die das Wissen und Einstellungen zu dem betreffenden Thema sowohl spiegelt als auch aktiv pragt und dadurch handlungsleitend fur die zukunftige Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Bezug auf dieses Thema wirkt. Der Diskurs wird somit zum Milieu und zum Grundfaktor der Herausbildung eines neuen konzeptuellen Inhalts in der jeweiligen Sprachgemeinschaft.

3.2.2. Diskursive Indikation durch metasprachliche Kommentare

Im Unterschied zu metasprachlichen Erklarungen realisiert der Diskursproduzent durch metasprachliche Kommentare ein tieferes interpretierendes Verstandnis der Innovation und des damit bezeichneten Sachverhaltes. Sein Ziel ist primar nicht zu erklaren, sondern eigene Werteorientierungen in Bezug auf den Gebrauch der neuen lexikalischen Einheit zu au[ss]ern. Das sprachliche Wissen uberschneidet sich so mit den individuellen oder auch gruppenspezifischen Einstellungen psychologischer, soziokultureller, ethischer und normierender Art. Das Ziel des Diskursproduzenten ist hierbei zum einen, lexikalische Innovationen nach Kriterien der Angemessenheit und des kommunikativen Gelingens zu beurteilen. Er kann seine eigenen Vermutungen uber die Motive fur diese Benennungsbildung, uber die Herkunft, die Quelle bzw. die Entstehungszeit der Innovation sowie uber ihre Gebrauchlichkeit, Wertung und Funktionen au[ss]ern. Hierzu kann der Diskursproduzent zu solchen Diskursindikatoren greifen wie Modewort, Schlagwort, Schlusselwort, Schmahwort, Unwort, entscheidendes/ (un)nutzliches/ leeres/ abfallig gebrauchtes Wort, ein haufig/ viel gebrauchtes/ aktuelles Wort, ein Wort ist in Umlauf gekommen, das Wort ist in aller Munde etc., z. B.:

(25) In den letzten Wochen ist ein Wort in Umlauf gekommen, das ich bisher nicht kannte. Zuerst begegnete es mir als Singular maskulin: der Russlandversteher. Nun, da es offenbar mehrere dieser Gattung zu geben scheint, kommt haufig der Plural zur Anwendung: die Russlandversteher. Und sicherlich wird es auch hier und da eine Russlandversteherin geben. Beim erstmaligen Horen hatte ich geglaubt, Russlandversteher wurde anerkennend gebraucht, der Ausdruck bezeichne also jemanden, der Russland versteht, der um die Beweggrunde der russischen Politik wei[ss] und der all denjenigen, die der russischen Politik ratlos gegenuberstehen, diese erklaren kann. Was mich uberraschte und verwunderte, war der herabsetzende Sinn, in dem dieses Wort gebraucht wurde. Russlandversteher wird nicht nur kritisch, sondern abwertend verwendet, mitunter sogar als Schimpfwort. (Suddeutsche Zeitung, 29.03.2014)

Au[ss]erdem gehen mit sprachkritischen Au[ss]erungen haufig gesellschaftskritische Reflexionen einher, die wiederum als Indikatoren gesellschaftlichen Wandels betrachtet werden konnen, z. B.:

(26) Was ist das denn fur eine schwachsinnige zeitgeistige Bezeichnung >>Biodeutscher<< [...] (gibt es im Umkehrschlu[ss] Chemiedeutsche?--oder was ist das Gegenteil von Biol) (Politikforen.net, 09.01.2015)

(27) Der Begriff >>Biodeutscher<< ist integrationsfeindlich, er erhoht kunstlich die Zahl der Migranten bzw. der >>Menschen mit Migrationshintergrund<<, indem er Menschen ausgrenzt, die sich selbst keineswegs als >>Migranten<< sondern schon langst als Einheimische verstehen. (Berliner Fenster, 28.01.2008)

(28) Traurig, aber wahr, dass ein Herr Gsell von der >>christlichen<< Union den >>schabigen Rest von 60 Prozent der Mitburger<< ohne Migrationshintergrund als >>Biodeutsche<< bezeichnet! Vielleicht wird dieses diskriminierende Wort noch zum Unwort des Jahres! (Nurnberger Zeitung, 31.03.2010)

(29) Sind Biodeutsche so etwas wie Biokartoffeln? Auf besonderer Scholle gewachsen? Ist >>biodeutsch<< dann eine Art Gutesiegel? Im Gegensatz zu normalen Deutschen, die an die Kafighaltung gewohnt sind? Oder hat nur jemand in eurer Biohirnmasse zulange herumgeruhrt?<< (die tageszeitung, 02.05.2005)

(30) Ich vermute ja, dass die Wortschopfung >>biodeutsch<< nicht unbedingt feindselig gemeint war. Es zeugt nur von einer anderen Perspektive. Die Deutschen mit Migrationshintergrund setzen sich selbst als Zentrum und Bezugspunkt und benennen die Andersartigen. Sowas sind wir Biodeutschen nicht gewohnt. Normalerweise sind wir es, die die >>Zugewanderten<< und wie die Bezeichnungen alle hei[ss]en mogen, kategorisieren und zwecks Abgrenzung benennen. (URL: http://www.fembio.org/ biographie.php, recherchiert am 03.03.2014)

Aus den Belegen (26)-(30) ist zu ersehen, dass die neue Bezeichnung in Bezug auf die Wertung, die in metasprachlichen Kommentaren zum Ausdruck kommt, hochst ambig ist--von einer durchaus adaquaten (Selbst--)Ironie bis zur Entstellung der Innovation im Sinne von rassistischen Vorstellungen als jus sanguinis. Aus einer aktiven, weit uber rein formal-linguistische hinausgehenden Auseinandersetzung mit dem neuen Wort und dem dahinter stehenden Begriff kristallisiert sich das aktuelle Problem der multikulturellen deutschen Gesellschaft heraus, in der das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft langst Alltag, jedoch noch nicht zu einer Selbstverstandlichkeit geworden ist.

4. Diskursindikatoren von Neologismen in der Lexikalisierungsphase

Der Ubergang von der Usualisierungs--zur Lexikalisierungsphase eines Neologismus vollzieht sich meist flie[ss]end. Deshalb konnen die oben genannten Diskursindikatoren auch in der Lexikalisierungsphase eines Neologismus eingesetzt werden. Dass alle anderen Sprachbenutzer im Umfeld des Diskursproduzenten die Neuerung schon verwenden, kann ein guter Grund fur deren Ubernahme in seinen individuellen Diskurs sein. Deshalb wird die diskursive Indikation haufig durch die Bezugnahme auf eine neue Sprachregel realisiert. So werden in dieser Phase Neologismen durch metasprachliche Verweise wie man heute sagt, wie das jetzt so genannt wird, wie es nun hei[ss]t etc. indiziert. Der Diskursproduzent kann auf solche Weise seine Informiertheit uber die neuesten Trends im Sprachgebrauch demonstrieren. Der Einsatz von solchen Diskursindikatoren wird auch als Zeichen des sprachlichen Soziozentrismus betrachtet, weil sich der Diskursproduzent auf die schon existierende Gebrauchspraxis Bezug nimmt, z. B.:

(31) Dennis lasst die Seele baumeln. Er >>chillt<<, wie es auf Neudeutsch hei[ss]t. So lasst sich das Leben genie[ss]en. (Mannheimer Morgen, 18.08.2003)

(32) Im Grunde sind wir ja noch ein Jungunternehmen, ein Start-up, wie man heute sagt. (Rhein-Zeitung, 08.11.2012)

(33) Jetzt wissen wir es genau: Die Gro[ss]e Koalition--Neusprech: GroKo--wird in zwolf Arbeitsgruppen und vier Unterarbeitsgruppen ausverhandelt. (Die Zeit [Online-Ausgabe], 31.10.2013, Nr. 44)

Mit der zunehmenden Etablierung eines Neologismus werden explizite Diskursindikatoren nach und nach uberflussig. Das Fehlen von jeglichen Diskursindikatoren kann als Zeichen einer abgeschlossenen Lexikalisierung eines Neologismus angesehen werden.

5. Schlussfolgerungen

In diesem Beitrag wurde versucht, Diskursindikatoren von Neologismen wahrend verschiedener Entwicklungsphasen (Entstehung, Usualisierung, Lexikalisierung) aufzuspuren. Da Innovationen im individuellen Diskurs meist unbeabsichtigt im Kommunikationsfluss entstehen und unauffallig verlaufen und da die Anzahl von bis auf die Erstverwendung rekonstruierbaren individuellen Innovationen relativ gering ist, konnen Diskursindikatoren nur in seltenen Fallen herausgefunden werden. Meist ist dies moglich, wenn Innovationen von meinungspragenden, offentlich wirkenden Personlichkeiten ausgehen. Dabei waren Diskursindikatoren von Innovationen im Distanzdiskurs mit der fur ihn typischen sprachlichen Elaboriertheit eher als im durch nichtsprachliche Kontexthilfen gestutzten Nahediskurs zu erwarten. Im Gegenteil, wahrend der Usualisierungsphase, in der sich die Innovation in der Sprachgemeinschaft durchsetzt, sind bestimmte Indikatoren notwendig, die die Innovation im Diskurs erkennen und richtig interpretieren lassen. Es erscheint logisch, zwischen den redecharakterisierenden und inhaltsbezogenen Diskursindikatoren zu unterscheiden. Zu den ersteren gehoren vor allem Anfuhrungszeichen, Indikation durch das Adjektiv sogenannt, Bezugnahmen auf einen individuellen Diskurs, auf eine neue Diskurstradition oder auch auf eine neue Sprachregel. Unter den inhaltsbezogenen Diskursindikatoren ist wiederum zwischen metasprachlichen Erklarungen und metasprachlichen Kommentaren zu differenzieren. Metasprachliche Erklarungen konnen im Diskurs auf der Wortebene durch Synonyme, Hyperonyme, Hyponyme, Kohyponyme vorgenommen werden. Neben der eigentlichen Bedeutungserklarung kann der Gebrauch der lexikalischen Innovation in einer mikrokontextuellen Umgebung mit sachlich und semantisch verwandten lexikalischen Einheiten zur Herausbildung neuer paradigmatischer Beziehungen und zur Inkorporierung des Neologismus in das lexikalisch-semantische System beitragen. Auf der Satzebene wird die metasprachliche Erklarung durch vorausweisende oder ruckweisende Bedeutungsparaphrasen oder durch Parenthese im Vor--und Nachfeld realisiert. Auf der transphrastischen Ebene wird die Erklarung im Rahmen eines ganzen Diskurses als Auseinandersetzung mit einem neuen Sachverhalt abgewickelt. Bei metasprachlichen Kommentaren geht es dem Diskursproduzenten vor allem um Sprachkritik des neuen Wortes oder der neuen Wortbedeutung. Die Sprachkritik kann die rein formal-linguistische Seite eines Neologismus betreffen, meist ist sie jedoch an die gesellschaftskritische Reflexion von neueren Entwicklungen in der Sprachgemeinschaft gekoppelt.

Diskursindikatoren konnen, mussen jedoch nicht von Diskursproduzenten eingesetzt werden. Die Notwendigkeit der diskursiven Indizierung hangt von der kommunikativen Situation, von dem antizipierten Diskursproduzenten und insbesondere von den Einschatzungen und Absichten des Diskursproduzenten ab. Sehr haufig, besonders in der ersten Usualisierungsphase eines Neologismus, werden oft mehrere redecharakterisierende und inhaltsbezogene Diskursindikatoren gleichzeitig verwendet, um einen moglichst hohen Grad der Verstandlichkeit und der adaquaten Interpretation zu erreichen. In der Lexikalisierungsphase verfestigt sich die Innovation endgultig im Allgemeingebrauch und wird als neue sprachliche Norm allgemein anerkannt. Deshalb konnen in dieser Phase Diskursindikatoren eingesetzt werden, die auf die Etabliertheit des neuen Sprachgebrauchs verweisen und diesen eventuell auch bewerten. Das Fehlen von Diskursindikatoren kann als Symptom einer abgeschlossenen Lexikalisierung eines Neologismus und seiner Speicherung als Bestandteil des Allgemeinwortschatzes betrachtet werden.

Durch die Analyse von Diskursindikatoren von Neologismen konnen die fur ihren Etablierungsprozess erhellenden Details aufgedeckt werden, die fur ihre weitere lexikografische Erfassung von besonderem heuristischem Wert sind.

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Olga Nikitina

Staatliche Padagogische Leo-Tolstoi-Universitat Tula, Russische Foderation

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Author:Nikitina, Olga
Publication:Suvremena Lingvistika
Date:Dec 1, 2015
Words:7083
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