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Die Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin--Preussischer kulturbesitz: ein kompetenz-zentrum fur musik in Nationalbibliothekarischem Zusammenhang.

Die Ausgangslage in Deutschland

1. Zur Geschichte nationalbibliothekarischer Tatigkeiten im Bereich Musik

Eine Nationalbibliothek gibt es in Deutschland institutionell erst seit dem Jahr 1912, als in Leipzig auf Initiative der Stadt, des Konigreichs Sachsen und des Borsenvereins der Deutschen Buchhandler zu Leipzig die Deutsche Bucherei gegrundet worden ist. (2) Ihre Aufgabe war es, die gesamte vom 1. Januar 1913 an erscheinende deutsche und fremdsprachige Literatur des Inlandes und deutschsprachige Literatur des Auslandes zu sammeln, bibliographisch zu verzeichnen und unentgeltlich fur die Benutzung zur Verfugung zu stellen.

Notendrucke waren damals jedoch nicht mit eingeschlossen, sie wurden erst Sammlungsgegenstand, als die Bibliothek 1940 aus der Obhut des Borsenvereins entlassen worden war und drei Jahre spater die Sammelgrundsatze auf Musikalien ausweitete. Durch die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in zunachst vier Besatzungszonen und spater in zwei deutsche Staaten verlor die Deutsche Bucherei ihre Rolle als zentrale Archivbibliothek. So wurde dann nach der Grundung der Deutschen Demokratischen Republik 1949 die Musikabteilung der Deutschen Staatsbibliothek in Berlin im Rahmen der Pflichtablieferung zur archivierenden Stelle fur die gesamte Musikalienproduktion Ostdeutschlands. Diese nationalbibliothekarische Aufgabe hat sie mit der Wiedervereinigung 1990 dann wieder aufgegeben.

In den Westzonen Deutschlands wurde Frankfurt am Main als neuer Standort fur eine Archivbibliothek bestimmt, die den Namen Deutsche Bibliothek trug. Dort wurden Notendrucke weiterhin gesammelt, doch erst 1970 mit der Grundung des Deutschen Musikarchivs in Berlin (West) als Abteilung der Deutschen Bibliothek wurde auch die Sammlung von Tontragern fur Westdeutschland national geregelt. Die Bestande des Deutschen Musikarchivs wurden durch den Ankauf historischer Tontrager aus Privatnachlassen vermehrt, so dass alteres Tontragermaterial dort ebenfalls archiviert ist. 1973 wurde fur Westdeutschland dann die Erste Verordnung uber die Pflichtablieferung von Musiknoten und Musikschallplatten (1. Pflichtstuckverordnung Musik) an das Deutsche Musikarchiv erlassen. Damit war die nationalbibliographische Verzeichnung von Noten und Tontragern verbunden. Nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten wurden 1990 die Deutsche Bucherei und die Deutsche Bibliothek unter dem Namen Die Deutsche Bibliothek (seit 2006: Deutsche Nationalbibliothek) integriert unter Beibehaltung von drei Standorten (Frankfurt am Main, Leipzig und Berlin). Ein Jahr spater wurde das Musikinformationszentrum des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR, welches Material aus dem Bereich der E-Musik zum Musikleben und-schaffen in der ehemaligen DDR verwahrte, in das Deutsche Musikarchiv in Berlin uberfuhrt.

Im Jahr 2010 ist das Deutsche Musikarchiv von Berlin nach Leipzig umgezogen, so dass die Nationalbibliothek jetzt an den beiden Standorten Frankfurt am Main und Leipzig tatigist. Ein neuer gesetzlicher Auftrag aus dem Jahr 2006 sieht fur das Musikarchiv neben den bisherigen Aufgaben fur Noten und Tontrager auch das Sammeln und Erschliessen von Musik-Netzpublikationen (Audiodateien und digitales Notenmaterial) vor.

Dies alles zeigt, wie lang der Weg in Deutschland bis zur Institution einer zentralen Statte fur die Sammlung, Archivierung und Erschliessung von Musik in Deutschland war. In den rund 100 Jahren zentraler nationalbibliothekarischer Entwicklung fanden zahlreiche Aufgabenerweiterungen und Standortwechsel statt, die bewirken, dass "die" Nationalbibliothek in Deutschland verteilt ist und nur gemeinsam von verschiedenen Institutionen ausgefullt werden kann.

2. Die musikhistorische Sammlung der Koniglichen Bibliothek zu Berlin

In der Zeit vor diesen nationalen Bemuhungen um zentrale Sammelstatten fur den Bereich Musik waren diese Aufgaben in Deutschland nicht gebundelt: Durch die Kleinteiligkeit deutscher Gebiete--schon seit dem Mittelalter--nahmen zwar viele einzelne Bibliotheken wie Furstenbibliotheken, Stadt-, Landes-und Universitats-Bibliotheken fur ihre geographischen Bereiche zentrale bibliothekarische Aufgaben des Sammelns und Erschliessens wahr, doch sind die Erwerbungsgrundsatze hier sehr heterogen und die Zufalligkeit des Sammelns von Musikalien in gedruckter bzw. handschriftlicher Form besonders hoch. Gesammelt wurden Musikalien in Theatern, an Hofen, in Kirchen und Klostern, im 19. Jahrhundert zunehmend auch in burgerlichen Zusammenhangen (z. B. Sing-Vereinigungen). Die heute noch erhaltenen handschriftlichen und gedruckten Musikalien und Nachlasse finden sich dezentral uber ganz Deutschland verstreut in Bibliotheken mit wichtigen Musiksammlungen in unterschiedlichster Tragerschaft an Standorten wie der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) Munchen, den Universitatsbibliotheken in Hamburg, Frankfurt am Main und Munster, der Sachsischen Landesbibliothek, Staats-und Universitatsbibliothek (SLUB) Dresden, der Musikbibliothek der Stadt Leipzig, den Landesbibliotheken in Stuttgart und Karlsruhe und der Universitats-und Landesbibliothek Darmstadt (die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollstandigkeit). Doch archivierungswurdig im Sinn von bibliothekarischem Sammelgut war Musik--und hier sind gedruckte und handschriftliche Noten gemeint--erst, als sich in Deutschland auch die Anfange des Universitatsfaches Musikwissenschaft herausbildeten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit des Historismus wandte man sich in vielen universitaren Disziplinen den Quellen zu, und das junge Fach Musikwissenschaft stellte damit zunachst quellenbezogene Studien ins Zentrum der Erforschung: Notationskunde, Quellenkunde, Stil-und Gattungsgeschichte, Werkanalyse sowie Biographik. Damit war der Sammlungsgegenstand "Musik" schliesslich von solcher Relevanz, dass Musikabteilungen oder Musiksammlungen an deutschen Bibliotheken greifbar werden. Zu einer der am fruhesten begonnenen Sammlungen gehort diejenige in Berlin: Die Konigliche Bibliothek erwarb 1824/25 die geschlossene Musikaliensammlung des Hallenser Universitatsmusikdirektors Johann Friedrich Naue, rund 15 Jahre spater ubernahm sie die umfangreiche private Musikbibliothek Georg Poelchaus mit 1.879 Drucken und 2.647 Abschriften und Autographen, worunter sich auch zahlreiche Autographen Johann Sebastian Bachs befanden, und im Jahr 1842 wurde dann mit der Anstellung eines eigenen Kustos' fur das Fach Musik auch die Voraussetzung fur die planmassige Erwerbung von Musikalien und Fachliteratur im Rahmen einer eigenen "Musikalischen Abteilung" geschaffen. Zahlreiche weitere grosse Erwerbungen im 19. Jahrhundert gluckten und so sind in Berlin Autographensammlungen der heute zu den bedeutendsten europaischen Komponisten gezahlten vereinigt (z. B. J. S. Bach, W. A. Mozart, L. v. Beethoven, C. M. v. Weber, R. Schumann). Im 20. Jahrhundert waren es weitere wichtige Erwerbungen wie die Musikaliensammlung Anna Amalias von Preussen, der Schwester Friedrichs d. Gr., mit umfangreichen Bach-Bestanden, das sogenannte Mendelssohn-Archiv (s. unten) oder die Nachlasse Hans von Bulows und Giacomo Meyerbeers, die die Sammlungsbestande bedeutend vermehrten. Laufenden weiteren Erwerbungen an Handschriften und vor allem an Nachlassen vorwiegend deutscher Komponistinnen und Komponisten verdankt die Musikabteilung heute ihr internationales Ansehen und die weltweite Inanspruchnahme.

Aber auch fur Musikdrucke entwickelte sich die Konigliche Bibliothek zu einer zentralen Sammelstatte, lange, bevor die eigentliche Nationalbibliothek in Deutschland diese Aufgabe ubernahm. 1906 wurde zunachst unabhangig von der Koniglichen Bibliothek die Deutsche Musik-Sammlung (DMS) in Berlin gegrundet. Ihre Aufgabe war es, die Notenproduktion deutscher Verlage zentral in Deutschland zu sammeln. In vielen Fallen steuerten die Verlage auch noch vorhandene, bis ins 19. Jahrhundert zuruckreichende Archivstucke mit bei. Im Jahr 1912 wurde die DMS institutionell mit der Musikabteilung der Koniglichen Bibliothek vereinigt, und bis 1945 gaben deutsche Musikverlage freiwillig ein Exemplar ihrer Neuproduktionen als Beleg ab. So finden sich aus deutscher Verlagsproduktion neben den damals wie heute "grossen" Komponistennamen auch wenig bekannte Werke, sowie Tanzmusik, Unterhaltungsmusik und Unterrichtswerke, die sonst von keiner Bibliothek als sammlungswurdig eingestuft worden waren. Dies fuhrt in zahlreichen Fallen zu Alleinbesitz weltweit. Bis gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs die DMS auf etwa 330.000 Titel an.

1941 begann die nach dem Ersten Weltkrieg in Preussische Staatsbibliothek umbenannte Institution mit der Auslagerung ihrer wertvollen Bestande und dabei wurden vor allem auch die Musikhandschriften sowie die DMS an verschiedene Orte des Deutschen Reichs verbracht. Die Ruckfuhrung der Bestande in dann zwei Bibliotheken vollzog sich uber viele Stationen und uber Jahrzehnte--in Ostberlin war es das Stammhaus Unter den Linden, das jedoch schwere Schaden erlitten hatte, und in Westberlin schliesslich ein neues Bibliotheksgebaude am Potsdamer Platz, das 1978 eingeweiht werden konnte. Verlagerte Bestande, die in ehemals deutschen Gebieten waren, werden von Polen und der Russischen Foderation heute als deren Eigentum betrachtet. Weitere Teile des Bestands der Berliner Bibliothek sind vernichtet worden. (3) Ergebnis des verlorenen Krieges war neben der Teilung in zwei deutsche Staaten auch die Teilung der Bestande der ehemaligen Preussischen Staatsbibliothek in Berlin, die erst 1990 endete. (4) Und noch einmal ein paar Jahre sollte es dauern, bis im Herbst 1997 die beiden Standorte der Musikabteilung dann auch ortlich im Haus Unter den Linden vereinigt worden sind. (5) So verwahrt die Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin--Preussischer Kulturbesitz (SBB) heute die grosste Musiksammlung Deutschlands und eine der bedeutendsten weltweit. Dazu zahlen Materialarten wie Musikdrucke, Fachbucher, Musikzeitschriften, Musikautographen und--abschriften, Nachlasse, Deposita, Briefe, Portrats (von Kupferstichen bis hin zu Gemalden), Konzertzettel und Tontrager (von Schellack-Platten bis hin zu CDs). Aufgrund ihrer umfangreichen Bestande ist sie fur die Musikforschung eine unverzichtbare Institution und hat damit im Rahmen der "verteilten Nationalbibliothek" in Deutschland eine wichtige Rolle inne. Hieraus ergibt sich ihre Rolle als Forschungsstandort, aber auch als Institution mit nationalbibliothekarischen Aufgaben.

Besondere Aufgaben

Neben dem Sammeln und Erschliessen sowie dem Verfugbarmachen der genannten Materialien sind der Musikabteilung der SBB einige Sonderaufgaben ubertragen, denen sie sich aufgrund der Zusammensetzung ihrer Bestande widmet. So ist ihr das sogenannte Mendelssohn-Archiv angegliedert, das 1964 von einem Urenkel des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy gestiftet worden ist und das die zentrale Sammlungs--und Dokumentationsstatte fur das Wirken der Berliner Familie Mendelssohn bildet. Dieses Archiv enthalt Musikautographen und Familienbriefe, eine Bibliothek der Werke des Stammvaters Moses Mendelssohn, Musikhandschriften und Dokumente von der Hand des Komponisten und seiner Schwester Fanny Hensel, etwa 800 Skizzen des preussischen Hofmalers Wilhelm Hensel, Fanny Hensels Ehemann, wie auch Teile der Akten der Mendelssohn-Bank. Dieser Sammelschwerpunkt wird durch wichtige Erwerbungen laufend weiter ausgebaut. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass bei der Planung des Neubaus der Staatsbibliothek in Westberlin ein eigener Ausstellungsraum fur Bestande des Mendelssohn-Archivs konzipiert worden ist: dort werden Gemalde von Mitgliedern der Familie gezeigt und in den Vitrinen in wechselnden Dauerausstellungen Stucke aus dem Besitz des Archivs prasentiert.

Einen ebenso zentralen Bestand bildet das Komponistenarchiv Carl Maria von Webers, das 1986 von Nachfahren des Komponisten der Deutschen Staatsbibliothek (Ost) geschenkt worden ist. Gleichzeitig verpflichtete sich die Bibliothek zur Aufarbeitung dieses reichen Bestandes, was zur Institutionalisierung einer Weber-Forschungsstatte in Berlin fuhrte: Die einmalige Konzentration von Quellen zu Webers Werk und Leben fuhrte 1988 zu Uberlegungen bezuglich einer neuen Gesamtausgabe. (6) Standorte des deutsch-deutschen Projekts wurden die Musikabteilung der Deutschen Staatsbibliothek in Berlin (Ost) und das Musikwissenschaftliche Seminar der Universitat Detmold. Nach der Wiedervereinigung gelang die Umsetzung der Planungen und seit 1992 ist die Berliner Weber-Arbeitsstelle in das Forderprogramm der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (7) aufgenommen, die viele Musiker-Gesamtausgaben in Deutschland fordert. Die Weber-Gesamtausgabe wird bis zum 200. Todestag des Komponisten im Jahr 2026 alle musikalischen Werke, die Briefe, Tagebucher und Schriften Webers sowie ausgewahlte Dokumente zu Leben und Werk vorlegen. Sie arbeitet auch an der Neufassung des thematischen Werkverzeichnisses zu Weber. Damit ist die Musikabteilung der SBB die einzige ihrer Art in Deutschland, der ein musikeditorisches Forschungsinstitut angegliedert ist.

Eine weitere langjahrige Projektaufgabe ist die Herausgabe einer Gesamtausgabe von Ludwig van Beethovens Konversationsheften, die autograph in der SBB uberliefert sind. Dieses Projekt wurde 1964 durch eine Vereinbarung zwischen der damaligen Deutschen Staatsbibliothek und dem VEB Deutscher Verlag fur Musik Leipzig (1992 vom Verlag Breitkopf & Hartel Wiesbaden ubernommen) verwirklicht. Die Herausgeber, Mitarbeiter der Musikabteilung, brachten im Jahr 2001 den vorlaufig letzten Textband heraus, der vorgesehene Band 12, der eine Reihe einzelner Konversationsheftblatter, dazu neben Korrekturen ein Gesamtpersonenregister sowie ein Sachregister enthalten wird, steht vor der Fertigstellung.

Die aktuelle Situation: Die Mitarbeit der Musikabteilung der SBB an heutigen nationalbibliothekarischen Aufgaben

Elektronische Bestandsnachweise, moderne Rechercheinstrumente und die Digitalisierung von Bestanden gehoren heute zum Standard der Bibliotheksarbeit. Aufgrund der umfangreichen Bestande der Musiksammlung der SBB sowie bedingt durch widrige historische Ereignisse (Kriegsverlagerungen, Umzuge, Zusammenlegung von verschiedenen Standorten der Musikabteilung), sind hier auch mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch viele Aufgaben zu losen. Fur den Nachweis des Altbestandes an Noten und Musikliteratur der SBB steht seit 2010 ein Imagekatalog (8) zur Verfugung, in dem mehr als 1,1 Mio. Katalogzettel frei im Internet recherchierbar sind. Die Konversion dieses wichtigen Kataloges, der insbesondere auch fur bibliographische Recherchen zur Verlagsgeschichte unersetzbar ist, wird die Aufgabe der nachsten Jahre sein.

Gerade die kontinuierliche Sammel-und Erschliessungsleistung in Berlin hat dazu gefuhrt, dass die SBB vor mehr als 20 Jahren eine wichtige Rolle bei der Ausubung nationalbibliothekarischer Pflichten ubernommen hat: nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde das verteilte nationale Erwerbungsprojekt "Sammlung Deutscher Drucke" (SDD) ins Leben gerufen und von der Volkswagenstiftung in grosszugiger Weise gefordert. (9) Das Projekt, das in den Handen einer Arbeitsgemeinschaft von sechs Bibliotheken liegt (der BSB, der Deutschen Nationalbibliothek, der Herzog August Bibliothek in Wolfenbuttel, der Niedersachsischen Staats--und Universitatsbibliothek in Gottingen, der Universitatsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main und der SBB) war es, unter Berucksichtigung der besonderen deutschen Situation, die fehlende Nationalbibliothek fur Altbestande zu ersetzen.

Die Kooperation der genannten Bibliotheken ist als Infrastrukturmassnahme konzipiert, um eine umfassende Sammlung der gedruckten Werke des deutschen Sprach--und Kulturraums

--vom Beginn des Buchdrucks bis in die Gegenwart aufzubauen,

--zu erschliessen,

--der Offentlichkeit zur Verfugung zu stellen

--und fur kunftige Generationen zu bewahren.

Bei dieser nationalbibliothekarischen Aufgabe ist die retrospektive Notenerwerbung des Zeitsegments "Musikdrucke der Erscheinungsjahre 1801 bis 1945" aufgrund der vorhandenen Bestande der SBB zugewiesen, daneben arbeiten auf dem Gebiet der Musiknoten noch die BSB (Noten bis Erscheinungsjahr 1800) und die Deutsche Nationalbibliothek mit ihrem Musikarchiv in Leipzig (ab 1946).

Eine weitere nationalbibliothekarische Aufgabe obliegt der SBB durch die Mitarbeit an der Virtuellen Fachbibliothek (ViFa) Musik. (10) Dieses Projekt ist in der BSB angesiedelt, die den Sammelschwerpunkt Musik im Sondersammelgebietsplan der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ubertragen bekommen hat. (11) Ziel der Sondersammelgebiete ist es, die im Ausland seit 1949 erschienene Literatur des jeweiligen Faches in grosster Breite und Tiefe zu erwerben, um sicherzustellen, dass jedes wissenschaftlich relevante Werk in Deutschland mindestens in einem Exemplar vorhanden und verfugbar ist. Dabei sind die Sondersammelgebiete unverzichtbarer Bestandteil der Literaturversorgung im Rahmen der in Deutschland historisch bedingten "verteilten Nationalbibliothek". Zu den Aufgaben der Sondersammelgebietsbibliotheken gehort es auch, eine Virtuelle Fachbibliothek aufzubauen, und hierbei arbeitet die Musikabteilung der BSB Munchen eng mit derjenigen der SBB zusammen. Ein Kooperationsvertrag zwischen beiden Staatsbibliotheken in Munchen und Berlin, der 2006 geschlossen worden ist, regelt fur zentrale Aufgaben gemeinschaftlich abgestimmtes Vorgehen. (12) Speziell die Musikabteilung der SBB wurde 2007 im Rahmen dieser gemeinsamen Aufgabenlosung und aufgrund der umfangreichen relevanten Bestande sowie des vorhandenen Know-hows zur Juniorpartnerin am Projekt ViFa Musik erklart. Neben der inhaltlichen Zusammenarbeit, bei der die SBB zunachst ihre seit 1990 online katalogisierten Notendrucke als Bestandteil der ViFa Musik einbringen wird, gibt es momentan gemeinsame konzeptionelle Uberlegungen zur Weiterentwicklung der ViFa Musik etwa im musikeditorischen Bereich.

Im selben Zusammenhang verteilter nationalbibliothekarischer Aufgaben ist auch die Mitarbeit der SBB am Repertoire International des Sources Musicales (Internationales Quellenlexikon der Musik) zu sehen. (13) Die Musikhandschriftenbestande in Archiven und Bibliotheken werden durch wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der RISM-Arbeitsgruppe Deutschland erschlossen. Diese entstand aus der Zusammenlegung der beiden deutschen Landergruppen der BRD und der DDR im Jahr 1990, wobei die Arbeitsstelle in Munchen, die an der BSB angesiedelt ist, die "alten Bundeslander" betreut, die Arbeitsstelle an der SLUB in Dresden die funf sogenannten "neuen Bundeslander". Seit dem Zusammenschluss bildet die Erschliessung von Musikhandschriften nun den Arbeitsschwerpunkt. Dabei wird RISM jedoch unterstutzt durch Eigenleistungen von Bibliotheken mit umfangreichem Handschriftenbestand, die uber entsprechend ausgebildetes Personal verfugen wie die SBB. So wurde z. B. die Erschliessungssoftware Kallisto im Jahr 2005 gemeinsam mit der SBB entwickelt und die RISM-Datenbank in Berlin gehostet. (14)

RISM arbeitet bereits seit uber 30 Jahren an den Berliner Musikhandschriftenbestanden und doch konnten aufgrund der Grosse des Bestands bislang nur zwei Signaturenreihen fertig erschlossen werden: die Katalogisierung der sogenannten "Amalienbibliothek", Musikalien der Prinzessin Anna Amalia, ist abgeschlossen, wahrend fur die allgemeine Reihe "Mus.ms." mit mehr als 20.000 Signaturen noch Restarbeiten zu erledigen sind. Auch momentan erschliesst RISM Berliner Handschriften (die Signaturenreihe Mus.ms. 30.000, Sammelhandschriften), doch ist der Bestand insgesamt zu umfangreich, um im Rahmen dieses Programms, das von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften getragen wird, in absehbarer Zeit allein von RISM bearbeitet zu werden. Daher erschliesst die SBB ebenfalls Musikhandschriften mit eigenen wissenschaftlichen Kraften und sie wirbt Drittmittel-Projekte ein: im Januar 2011 wurde die Erschliessung des Musikarchivs der Sing-Akademie zu Berlin beendet, eines Bestands den die SBB als Depositum verwahrt und dessen wissenschaftliche Katalogisierung uber knapp sechs Jahre mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefordert worden ist. (15)

Die SBB arbeitet auch an der gemeinsamen Entwicklung und Weiterentwicklung des RISM-Opacs gemeinsam mit der BSB und der RISM-Zentralredaktion Frankfurt am Main mit. (16) Dieser Opac wurde im Sommer 2010 frei geschaltet und bietet die Moglichkeit, kostenfrei im Internet in etwa 700.000 Nachweisen von meist handschriftlichen Quellen zu recherchieren.

Eine zentrale Aufgabe fur Archive und Bibliotheken seit einigen Jahren ist die Digitalisierung relevanter Bestande. In diesem Bereich sind einerseits grosse Entwick lungen bei der Prasentation und bei technischen Fortschritten im Bereich der ScanAusstattung zu beobachten, andererseits gibt es bestandig Zuwachse an digitalisierten Objekten. Fur die SBB, die seit 2009 uber ein eigenes Digitalisierungszentrum verfugt, stehen hier mehrere Digitalisierungsaufgaben an: einerseits widmet sie sich der Digitalisierung ihrer Bestande aufgrund von Anfragen von Benutzerinnen und Benutzern (Digitalisierung "on demand"). Die digitalisierten Bestande werden frei im Internet zur Verfugung gestellt. (17) Andererseits wirkt die SBB an systematischen und koordinierten Projekten mit, wie z. B. dem ebenfalls mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft geforderten Projekt "Bach Digital" im Bereich Musik. (18) An diesem Projekt sind mit ihren Bestanden auch das Bach-Archiv Leipzig sowie die SLUB Dresden beteiligt, gehostet wird die Datenbank beim Universitatsrechenzentrum Leipzig und die Projektleitung und Koordinierung der Kooperation liegt in Berlin. Ziel des Projektes ist es, alle erhaltenen Werkautographen Johann Sebastian Bachs, dazu alle von ihm benutzten Auffuhrungsstimmen sowie Abschriften von Werken anderer Komponisten von seiner Hand in einer digitalen Version frei verfugbar online zuganglich zu machen. Dieser fur die Musikwissenschaft zentrale Quellenbestand wird ab 2011 zu 90% im Internet einsehbar sein. Die SBB bringt dabei allein 80% (ca. 18.500 Seiten) aller weltweit noch vorhandenen Bach-Autographen ein, die restlichen 10% an Autographen im laufenden Projekt verteilen sich uber das Bach-Archiv und die SLUB, und die weiteren 10% sind dann weltweit verstreut (vor allem in Europa und in den USA; die Aufnahme weiterer Quellen soll spater folgen). Durch die Darstellung der Digitalisate von Autographen Johann Sebastian Bachs in hoch auflosender Qualitat am Bildschirm--verknupft mit sehr guten Recherchemoglichkeiten aufgrund von umfassenden Metadaten fur jede Handschrift--konnen die wertvollen Originale wirksam geschont werden. Gleichzeitig bietet das Portal die Moglichkeit, zusammengehorige, jedoch heute getrennt aufbewahrte Quellen wenigstens virtuell wieder zu vereinigen.

Die Zukunft

Momentan ist die SBB mit umfangreichen Sanierungsmassnahmen ihres Gebaudes Unter den Linden, in dem auch die Musikabteilung angesiedelt ist, befasst, die noch bis ins Jahr 2014 andauern werden. Dann wird die Musikabteilung durch den Bezug neuer, wesentlich erweiterter Raumlichkeiten die Benutzungsbedingungen auf einen Schlag stark verbessern: zwei ubereinander liegende, jedoch intern verbundene Speziallesesale, werden mit modernster Bibliothekstechnik ausgestattet sein. Neben den Lesesalen mit komfortablen Forschungsarbeitsplatzen wird die Musikabteilung aber auch uber einen eigenen Seminarraum mit Prasentationstechnik verfugen, der sowohl bei kurzeren Tagungen von Forscherinnen und Forschern Gruppen in Seminarstarke aufnehmen kann, wie auch der Entwicklung, Schulung und Bildung des Nachwuchses im Fach durch so genannte Summerschools einen Ort gibt. Das Stipendienprogramm der SBB (19) bietet vor allem auslandischen Studierenden die Moglichkeit, sich mit finanzieller Unterstutzung durch die Stiftung Preussischer Kulturbesitz in der Bibliothek einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt zu widmen.

Wichtig ist jedoch schon heute, dass die Musikabteilung der SBB durch vorhandene Fachkompetenz, durch ihre reichen Bestande und die technische Ausstattung einen bedeutenden Anteil an nationalbibliothekarischen Tatigkeiten in Deutschland erfullt. So wird sie auch kunftig bei den neu entstandenen Aufgaben der Langzeitarchivierung von Datenbanken und Digitalisaten sowie durch die Mitwirkung bei musikeditorischen Projekten und Internetportalen eine wichtige Rolle spielen. Dabei weiss sie sich unterstutzt von den zahlreichen weiteren Archiven und Bibliotheken mit Musikbestanden im nationalen und internationalen Kontext.

Martina Rebmann (1)

(1.) Martina Rebmann: seit April 2008 Leiterin der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin--Preussischer Kulturbesitz.

(2.) Hier und im Folgenden werden als Quellenangaben vor allem Internetadressen angegeben, da diese in der Regel aktuell gehalten werden und weltweit verfugbar sind. Eine kurze Ubersicht uber die Geschichte der Deutschen Nationalbibliothek findet sich unter: <http://www.d-nb.de/wir/ueber_dnb/geschichte.htm>

(3.) Werner Schochow: Bucherschicksale. Die Verlagerungsgeschichte der Preussischen Staatsbibliothek. Auslagerung, Zerstorung, Entfremdung, Ruckfuhrung. Dargestellt aus den Quellen (Veroffentlichungen der Historischen Commission zu Berlin; 102) Berlin: de Gruyer, 2003.

(4.) Zur Geschichte der Bibliothek gibt es zahlreiche Literatur, ein erster Uberblick mit Details zu dem hier nur kurz Angerissenen findet sich unter: http://staatsbibliothek-berlin.de/ueber-uns/geschichte-derbibliothek.html

(5.) Helmut Hell, 'Die Musikabteilung. Stationen ihrer Geschichte', in Schatze wieder vereint. Die Zusammenfuhrung der historischen Sonderabteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin (Wiesbaden: Reichert, 1999), S. 8-19.

(6.) <http://www.weber-gesamtausgabe.de/>

(7.) <http://www.adwmainz.de/>

(8.) <http://staatsbibliothek-berlin.de/ musikabteilung/recherche-und-ressourcen/imagekataloge.html>

(9.) <http://www.ag-sdd.de/ und http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/ volltexte/2009/7212/pdf/SDD_20_Jahre.pdf>

(10.) Link: <http://www.vifamusik.de>

(11.) Allgemein zur DFG: <http://www.dfg.de/ index.jsp>, zu den Virtuellen Fachbibliotheken: <http://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/ lis/strategiepapier_ueberreg_lit_versorgung.pdf>. Speziell zu den Sondersammelgebieten: <http://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/ lis/richtlinien_lit_versorgung_ssg_0903.pdf>

(12.) Vgl. die Veroffentlichung im Internet: <http://www.bsb-muenchen.de/Kooperation-der-Bayerischen-St.1429.0.html>, das Kooperationsabkommen ("Memorandum of Unterstanding") im Wortlaut: <http://www.bsb-muenchen.de/fileadmin/ imageswww/pdf-dateien/presse/memorandum.pdf>.

(13.) <http://www.rism.info/> und <http://www.vifamusik.de/index.phpppcontent-rism>

(14.) Roland Schmidt-Hensel, 'Erschliessung von Nachlassen, Briefen und Musikhandschriften mit Kalliope und Kallisto', Forum Musikbibliothek, 26 (2005/4), S. 381-95. Der Beitrag entstand im Vorfeld des Projektes im Zusammenhang mit der Anpassung der Erschliessungssoftware an die Bedurfnisse der Katalogisierung von Musikhandschriften.

(15.) http://staatsbibliothek-berlin.de/musikabteilung/projekte/dfg-projekt-sing- akademie.html

(16.) http://opac.rism.info

(17.) http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/dms/

(18.) http://staatsbibliothek-berlin.de/musikabteilung/projekte/dfg-projekt-bach- digital.html und http://www.bach-digital.de; vgl. auch Martina Rebmann, 'Johann Sebastian Bachs Autografen und das DFGProjekt "Bach Digital" ', in Ulrich Hohoff und Christiane Schmiedeknecht (Hrsgg.), 98. Deutscher Bibliothekartag in Erfurt 2009, Ein neuer Blick auf Bibliotheken (Hildesheim [u. a.]: Olms, 2010), S. 246-53.

(19.) <http://staatsbibliothek-berlin.de/ueber-uns/beruf-und-karriere/ stipendien.html>
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Author:Rebmann, Martina
Publication:Fontes Artis Musicae
Article Type:Report
Geographic Code:4EUGE
Date:Jul 1, 2011
Words:3575
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