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Detering, Nicolas. Krise und Kontinent. Die Entstehung der deutschen Europa-Literatur in der Fruhen Neuzeit.

Detering, Nicolas. Krise und Kontinent. Die Entstehung der deutschen Europa-Literatur in der Fruhen Neuzeit. Vienna: Bohlau, 2017.626 pp. 90.00 [euro] (hardcover).

Es wurde Zeit, eine grosse Lucke zu fullen, die bisher in der Erforschung des deutschsprachigen literarischen Europa-Diskurses klaffte. Sie betrifft die lange Periode der fruhen Neuzeit von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt in der Barockliteratur. Diese Lucke wird durch die Arbeit von Nicolas Detering auf uberzeugende Weise gefullt. Sein Buch Krise und Kontinent ist die denkbar beste Studie zum Thema, sieht sie doch die Entwicklung in den deutschsprachigen Landern im europaischen kulturellen und politischen Kontext. Er leistet auf dem Gebiet der Erforschung der Europa-Literatur in der Fruhen Neuzeit Pionierarbeit, denn der Aspekt des Europa-Diskurses in den Dichtungen und in den Nachrichtenmedien des spaten Humanismus, des Barocks und der Fruhaufklarung ist bisher viel zu wenig beachtet worden. Es geht dabei nicht nur um die Interpretation von Literatur im engeren Sinne (etwa der Dramen und Romane), sondern auch um die Analyse pragmatischer Schriften (wie Reisefuhrer) oder um mediengeschichtliche Untersuchungen von Flugschriften, Messrelationen, Wochenschriften mit ihren Informationen uber Kriegsereignisse oder fremde Erdteile. Dabei werden die kulturellen Veranderungen in den kontinentalen Konzepten von der religios konnotierten "Christianitas"- hin zur politisch verstandenen "Europa"-Auffassung herausgearbeitet. Sicher sind Entwicklungen in den deutschsprachigen Landern schon oft im kontinentalen Kontext geschildert worden, aber hier werden zusatzlich die europaischen Veranderungen im globalen oder zumindest interkontinentalen Zusammenhang diskutiert. Es sind drei Grossereignisse, die Detering als Voraussetzung fur Entstehung und Erstarkung des Europa-Diskurses betrachtet: Erstens die als bedrohlich empfundene Expansion des Osmanischen Reiches vom 15. bis zum 17. Jahrhundert; zweitens die Entdeckung und Kolonisierung Amerikas, und drittens die innereuropaischen Kriege im 16. und 17. Jahrhundert, die wiederum ohne die Ressourcen der europaischen Machte, die sie aus uberseeischen Kolonien beziehen und ohne die Krieg-undFrieden-Taktik des Osmanischen Reiches schwer vorstellbar sind. Mit dem dritten Punkt (innereuropaische Kriege) ist eine kontinentale Krise verbunden, die den literarischen Europa-Diskurs provoziert und dazu fuhrt, dass alternative Vorstellungen in der Dichtung der Zeit entwickelt werden, die nicht primar utopisch ausgerichtet sind, sondern Tendenzen imaginiert, die als Antizipationen von moglichen realen Entwicklungen verstanden werden. Was den zweiten Punkt--die Konfrontation mit dem Osmanischen Reich--betrifft, so zeichnet Detering nach, wie sich die Vorstellung einer europaischen Verteidigungsgemeinschaft in der sogenannte Turkenpublizistik entwickelt. Allerdings weist er daraufhin, wie je nach aussenpolitischer Konstellation des Reiches dieser Dauerkonflikt zu- oder abnimmt. Im Dreissigjahrigen Krieg spielte er eine geringere Rolle, und im spaten 17. Jahrhundert wurde die expansive und bellizistische Politik Ludwig XIV. als nicht weniger gefahrlich eingeschatzt. Im Hinblick auf den ersten (den transatlantischen) Punkt ist festzuhalten: In Nordamerika entbrannte zwischen den Kolonialmachten England und Frankreich in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein siebenjahriger Krieg, den die britische Krone gewann, womit es gleichzeitig zu Machtverschiebungen im Heiligen Romischen Reich Deutscher Nation zugunsten des England-freundlichen Preussens kam.

Der erste Teil des Buches ist dem "Kontinent der Kriege" im 16. und 17. Jahrhundert gewidmet. Durch die aktuelle Berichterstattung in den immer hohere Auflagen erreichenden Nachrichtenmedien uber die Schlachten und die mit ihnen verbundenen Machtverschiebungen wird sich die Leserschaft, die rasonierende Offentlichkeit, erst eigentlich bewusst, dass der Kontinent eine chronotopische Einheit ist. Von nun an kommt man ohne den Terminus "Europa" nicht mehr aus, ja er wird, so zeigt Detering, im 17. Jahrhundert zu einem ausgesprochenen Modebegriff. Als Chronik des Kontinents habe damals vor allem das Theatrum Europaeum fungiert. Es erschien ein ganzes Jahrhundert lang und lieferte gleichsam die europaische Gegenwartserzahlung. 1635, mitten im Dreissigjahrigen Krieg, beginnt es zu erscheinen. Detering berichtet nicht nur uber die Beitrage im Theatrum Europaeum, sondern liefert auch subtile und scharfsinnige Interpretationen der Titelkupfer, etwa zum Frontispiz Merians im ersten Band. Hier wird ein Triumphalismus der allegorisch vorgestellten Europa als Konigin der Welt gefeiert, der im krassen Gegensatz zu den grauenhaften Nachrichten steht, die dann im Lauf der Zeit uber den Krieg, in dem es um die kontinentale Hegemonie geht, publiziert werden. Kein Wunder, dass ab 1640 der Europabegriff immer starker negativ besetzt wird, ist es doch Deutschland, das unter der europaischen Selbstzerfleischung am meisten leidet.

In einem zweiten Teil behandelt der Autor die literarischen Allegorien Europas sowie der einzelnen Lander im gleichen Zeitraum. Er weist nach, dass dabei sowohl die Pluralitat der Nationen bzw. Herrschaftsgebiete in den Vordergrund ruckt, gleichzeitig aber auch die kontinentale Einheit betont wird. Verdienstvoll ist, dass ausfuhrlich die Europaschrift Michael Prauns Priftcessin Europa von 1664 vorgestellt wird. Wie in Frankreich bereits in den 1630er Jahren der Herzog von Sully mit seinem "Grossen Plan" die Idee einer politischen Foderalisierung ventiliert hatte, so geht es auch Praun um eine christliche Versammlung der europaischen Machte. In einem Bund der Volker sollte eine abgestufte Reprasentation der Lander geschaffen werden, wobei die Monarchien in Deutschland, Frankreich und Spanien eine fuhrende spielen wurden. Als Modell schwebte ihm eine Art von alttestamentarischem Altestenrat vor Augen, den bereits Moses fur die Stamme Israels geschaffen hatte. Wie beim Herzog von Sully spielt auch in Prauns kontinentaler Solidargemeinschaft der interkonfessionelle Verstandigungswunsch eine grosse Rolle, wobei er sich auf das Beispiel der Schweizer Eidgenossenschaft bezieht, die ein mehrkonfessionelles Bundnis zustande gebracht hatte. In den Verhandlungsjahren, in denen man den Westfalischen Frieden vorbereitete, hatten die europaischen Staaten bewiesen, dass sie auf kontinentaler Ebene politische Entscheidungskorperschaften grunden konnen. Die sollten in Permanenz tagen, um Konflikte zu vermeiden und Kriege zu verhindern. 1643 hatte der franzosische Dramatiker Jean Desmarets nach Anweisungen Richelieus--der bei Erscheinen des Stucks schon verstorben war--sein Drama Europe geschrieben. Der Kardinal hatte die Zielrichtung vorgegeben: Werbung fur die Machtebalance in Europa. Das Stuck wurde von Georg Philipp Harsdorffer gleich ins Deutsche ubersetzt. Das uberraschte nicht, denn die Suche nach einem Frieden mit Zukunftsperspektive war verbreitet, und Detering vermutet sicher richtig, dass der Nurnberger protestantische Dichter die Vertreter der Frankfurter Reichsstande in ihrer Agenda fur den Westfalischen Frieden bestarken wollte.

Im dritten Teil, den der Autor mit "Europa und die ,gantze Welt'" uberschreibt, geht es um den Perspektivismus im Europanarrativ, um die fortgesetzte literarische Kontinentalisierung und um die Europa-Bucher, die sich seit Eberhard Werner Happels "Geschieht-Romanen" (man denke besonders an den Europaischen Toroan von 1676) grosser Beliebtheit erfreuten. Sie wurden durch Johann Beer und David Fassmann fortgesetzt. Das sind klar und eingangig geschriebene Interpretationen und Erlauterungen, was auch bei den Abschnitten uber Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch und dessen Continuatio der Fall ist. All diese Romane bieten aus der Europa-Perspektive viel Neues, und so durften Deterings asthetische, kulturelle und politische Kontextualisierungen einen nachhaltigen Einfluss auf die weitere Barockforschung haben. Der Sinn dieser Autoren fur historische Kausalitat und Epochalitat wurde durch das Erlebnis des Westfalischen Friedens massgeblich beeinflusst. Dieses europaische Ereignis pragte ihr Modernitatsbewusstsein. Europas Entwicklung als Weg der Moderne wurde auch durch Leibniz erkannt, der weit davon entfernt war, europaische Hybris an den Tag zu legen, der vielmehr eine grosse Hochachtung vor der jahrtausendealten Kulturgeschichte Chinas besass. Den Respekt vor anderen Zivilisationen teilte er mit Montesquieu, der wiederum mit seinen Lettres Persanes Fassmanns Reisenden Chineser beeinflusste. Gegen Ende seiner Studie kommt Detering auf Johann Gottfried Schnabels Wunderliche Fata von 1731 ff. zu sprechen, die seit der Tieckschen Bearbeitung unter dem Titel Insel Felsenburg bekannt ist. Ausgezeichnet sind die Vergleiche, die Detering zwischen Happels, Sinolds und Schnabels Inselromanen anstellt. Die Besonderheit bei Schnabel ist die Verwandtschaft zu den Europa-Konzepten William Penns und des Abbe de Saint-Pierre, die antizipierende aber keineswegs utopische Konfoderationsmodelle fur Europa entworfen hatten. Festgehalten wird am Schluss, dass die Jahrzehnte zwischen 1670 und 1730 die Hochphase der fruhmodernen Europaliteratur bilden. Jedem, der die Entwicklung des literarischen Europa-Diskurses in diesem Zeitraum verstehen will, sei die Lekture des Buches empfohlen. Diejenigen, die sich mit den Europa-Projekten aus den letzten 250 Jahre beschaftigt haben, werden erstaunt sein, wieviel "Barockes"--um es verkurzt auszudrucken--in den dichterischen und essayistischen Beitragen der sogenannten Moderne nachwirkt.

Paul Michael Lutzeler

Washington University in St. Louis
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Author:Lutzeler, Paul Michael
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Jan 1, 2018
Words:1288
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