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Der prolog der Metamorphosen des Apuleius als Spiegel des Gesamtwerkes.

1. Einleitung

Betrachtet man die Vielzahl z.T. kontrarer Interpretationen, die der Prolog der Metamorphosen erfahren hat, (1) so scheint es sich mit ihm so zu verhalten wie mit jenem Orakelspruch, welchen die korrupten Priester der Dea Syria im neunten Buche des Romans allen Fragenden ohne Unterschied zukommen lassen: (2) Mit seinen kryptischen Formulierungen steht er einer Vielzahl verschiedener Lesarten offen, die vom wortlichen bis hin zu einem metaphorischen Verstandnis reichen, ohne dem Leser einen Schlussel zu einer allein gultigen Interpretation an die Hand zu geben. Die neuere Forschung neigt unter dem Einfluss von J.J.Winklers verdienstreicher Untersuchung (3) mehr und mehr dazu, diese Not zur Tugend zu machen, indem die Forderung einer zentralen Sinnkoharenz fur den Roman im ganzen wie fur den Prolog im besonderen von vornherein zuruckgewiesen wird--eine nicht ganz unproblematische Sichtweise, birgt sie doch die Gefahr in sich, hinter jeder potentiell einheitsstiftenden Formulierung eine hermeneutische Sackgasse zu vermuten. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nun, zwischen den verschiedenen Ansatzen zu vermitteln: (4) Wenn der Prolog sich auch in charakteristischer Weise einer verbindlichen Lesart entzieht, so lasst sich doch m.E. zeigen, dass er strukturell die folgenden elf Bucher vorausnimmt und somit auch die Einheit des Werkes betont.

Zur Erleichterung der Untersuchung sei hier der Wortlaut des Prologs vorausgeschickt, wobei der Text in drei Abschnitte untergliedert wird:

(1) At ego tibi sermone isto Milesio varias fabulas conseram auresque tuas benivolas lepido susurro permulceam--modo si papyrum Aegyptiam argutia Nilotici calami inscriptam non spreveris inspicere--, figuras fortunasque hominum in alias imagines conversas et in se rursum mutuo nexu refectas ut mireris, exordior.

(2) Quis ille? paucis accipe. Hymettos Attica et Isthmos Ephyrea et Taenaros Spartiaca, glebae felices aeternum libris felicioribus conditae, mea vetus prosapia est. ibi linguam Attidem primae pueritiae stipendiis merui. mox in urbe Latia advena studiorum Quiritium indigenam sermonem aerumnabili labore nullo magistro praeeunte aggressus excolui. en ecce praefamur veniam, siquid exotici ac forensis sermonis rudis locutor offendero.

(3) Iam haec equidem ipsa vocis immutatio desultoriae scientiae stilo quem accessimus respondet. fabulam Graecanicam incipimus. lector intende: laetaberis.

(1) 'Ich aber werde dir in diesem milesischen Gesprachston allerlei Geschichten aneinanderknupfen und deine geneigten Ohren mit anmutigem Gefluster umschmeicheln--wenn du es denn nicht verschmahst, einen agyptischen Papyrus einzusehen, der mit einem spitzen Schreibrohr vom Nil beschriftet ist: Auf dass du Gestalten und Geschicke, in andere Erscheinungen verwandelt und in wechselseitiger Verknupfung wieder in ihre eigentliche Form zuruckversetzt, bestaunen magst, hebe ich nun an.

(2) Wer spricht da? Vernimm es in wenigen Worten: Der attische Hymettos, der ephyreische Isthmos und der spartanische Taenaros, gluckliche Fluren, die auf ewig in noch glucklicheren Buchern verwahrt sind, das sind die alten Herkunftststatten meines Geschlechts. Dort habe ich mir die attische Sprache in den ersten Dienstjahren meiner Jugend angeeignet. Bald darauf habe ich in der latinischen Stadt, ein Neuling in den Studien der Quiriten, die einheimische Sprache mit muhevoller Anstrengung in Angriff genommen und gepflegt.

Ja, und deshalb bitte ich nun im voraus um Verzeihung, falls ich als ungeubter Sprecher der mir fremden, auf dem Forum gebreuchlichen Redeweise irgendwie Anstoss erregen sollte

(3) Doch dieser Wandel der Sprache entspricht bereits der Schreibweise, die wir uns zu eigen gemacht haben: einer Schreibweise, die von der Kunst eines Zirkusreiters zeugt. Eine Geschichte nach griechischer Art beginnen wir nun. Leser, pass auf: Du wirst deine Freude daran haben.'

Der erste dieser Abschnitte enthalt bereits alle Elemente eines vollstandigen Prologs. (5) Der zweite Teil umfasst die Selbstvorstellung des Sprechers und die direkt daraus resultierende Entschuldigung fur eventuelle Mangel, (6) wahrend der dritte Abschnitt den ersten wieder aufgreift (7) und den Mittelteil als einen Einschub erscheinen lasst, der den Beginn der eigentlich schon durch das exordior angekundigten Erzahlung verzogert. Diese Form der Dreiteilung soll im folgenden semantisch und narratologisch untermauert werden.

1.1. Das Beschreibungsmodell

Der narratologischen Analyse wird die von G. Genette entwickelte und von J. Lintvelt weitergefuhrte Terminologie zugrundegelegt werden, (8) welche in den Groninger Apuleiuskommentaren und zahlreichen Einzelinterpretationen zum Metamorphosentext angewandt worden ist: Sie soll zunachst kurz vorgestellt werden.

Lintvelt unterteilt die literarische Kommunikation in vier verschiedene Ebenen, auf denen sich jeweils eine Sender- und eine Empfangerinstanz gegenuberstehen: (9)

Der konkrete Autor (auteur concret) und der konkrete Leser (lecteur concret) bilden den realen Kommunikationsrahmen: Der konkrete Autor bezeichnet den historischen Verfasser des jeweiligen Textes (also im Falle der Metamorphosen Apuleius von Madaura), wahrend unter dem konkreten Leser jeder in der extratextuellen Welt existierende Leser von der Antike bis heute verstanden wird.

Ist diese reale Kommunikationsebene rein extratextuell definiert, so wird zur Beschreibung des Autorposition, wie sie sich im Text als die Summe der dort zum Ausdruck kommenden ideologischen und stilistischen Entscheidungen manifestiert, das Konzept des abstrakten Autors (auteur abstrait) verwendet. (10) Der dazu komplementare abstrakte Leser (lecteur abstrait) steht fur jene ideale Rezeptionsinstanz, die den Text und die darin enthaltene Wirkungsabsicht (also den abstrakten Autor) vollstandig erfabt.

Der abstrakte Autor entwirft die fiktive Romanwelt (monde romanesque), in der sich der fiktive Erzahler (narrateur fictif oder einfach narrateur) und der narrative Adressat (narrataire fictif bzw. narrataire) befinden. Der Erzahler ist die im Text sprechende Erzahlerstimme (also in den Metamorphosen Lucius): Er ubermittelt seinem Gegenuber, der im Text explizit apostrophiert sein kann (etwa im Prolog durch den Vokativ lector), die Geschichte (histoire), die sich in der erzahlten Welt (monde narre) abspielt:

Dieser fiktionsinterne, in der Romanwelt (monde romanesque) angesiedelte, Erzahlvorgang wird mit Genette als Narration (narration) bezeichnet und von der Erzahlung (recit) im Sinne des narrativen Textes, des sprachlichen Signifikanten, abgegrenzt. (11)

Innerhalb der erzahlten Welt (monde narre) bewegen sich schliesslich die Akteure (acteurs), die ihrerseits in eigenen Diskursen Binnenwelten (mondes cites) evozieren konnen.

Ausgehend von diesem Erzahlebenenmodell, lasst sich ein narrativer Diskurs danach beschreiben, ob der jeweilige Erzahler selbst eine Rolle in der von ihm erzahlten Geschichte spielt (man spricht dann von einem homodiegetischen Erzahler), oder lediglich als Aussenstehender, als ein sogenannter heterodiegetischer Erzahler, berichtet. Diese beiden Grundmodelle lassen sich schliesslich unter dem Gesichtspunkt der Fokalisierung ausdifferenzieren, nach der Frage also, aus welcher Perspektive die erzahlten Ereignisse dargestellt werden: Wird aus der Sicht des Erzahlers berichtet, so liegt der auktoriale Erzahltyp (type narratif auctoriel) vor, ist die Perspektive die eines Protagonisten, so spricht man vom aktorialen Erzahltyp (type narratif actoriel); die dritte Variante des neutralen Erzahltyps (type narratif neutre) bezeichnet eine Erzahlung, die ganzlich ohne ein individualisiertes Wahrnehmungszentrum auskommt. (12) Bei einem homodiegetischen Text wie den Metamorphosen fallt der neutrale Erzahltyp weg. Bei auktorialer Fokalisierung spricht man hier von einem erzahlenden Ich (je-narrant), beim aktorialen Erzahltyp von einem erlebenden Ich (je-narre). (13)

2. Verhaltnis topischer Sprecherrollen

Der erste Prologteil stellt sich, formal betrachtet, als die Rede eines auktorialen Erzahlers dar. Der Erzahler weckt bei seinem narrativen Adressaten bestimmte Erwartungen hinsichtlich Form (varias fabulas conseram) und Inhalt (figuras ... refectas) der folgenden Erzahlung--ein fur einen Prolog durchaus gewohnlicher Vorgang. Doch der Text verlasst in dem Moment die gewohnten Bahnen, als die plotzliche, am ehesten wohl dem narrativen Adressaten zuzuschreibende, Zwischenfrage: quis ille? den Erzahler notigt, sich zu seiner Person zu aubern. Die nun folgende Selbstauskunft lasst, wie oft mit Recht bemerkt worden ist, nicht nur die Identitat des Erzahlers offen; gerade die reichlich enigmatische Umschreibung des Herkunftsortes scheint weniger um ihrer selbst willen angefuhrt zu sein, als im Kontext einer vom Sprecher prasentierten history of his languages, (14) also als Geschichte seiner sprachlichen Entwicklung.

Formal betrachtet, lasst sich der Wechsel vom ersten zum zweiten Teil des Prologs als Ubergang von einer primar dialogischen Situation (-dem Aussagetyp also, den Benveniste (15) als discours bezeichnet-) zu einer in Vergangenheitstempora gehaltenen Erzahlung (- Benvenistes histoire (16) -) fassen. Doch die histoire bleibt fur den discours nicht ohne Folgen: In einer plotzlichen Wendung kehrt der Erzahler aus der Vergangenheit in die Gegenwart zuruck, indem er sich als ungeubten Sprecher (rudis locutor) bezeichnet. Diese Selbstcharakterisierung bildet einen merklichen Kontrast zur Versprechung asthetischer Unterhaltung des ersten Prologteils, welche implizit den Eindruck eines rhetorisch geschulten und selbstssewubten Sprechers erweckt. Diese Storung der Sinnkoharenz ist von vielen konkreten Lesern empfunden worden, und man hat versucht, sie abzumildern, indem man sie entweder als Ironie (17) erklart hat oder als konventionelle Bescheidenheitsfloskel (18) und damit gerade als Ausdruck des zuvor angedeuteten rhetorischen Geschicks des Erzahlers. Ehe wir uns einer narratologischen Untersuchung dieses Textteils zuwenden, wird es also notwendig sein, sich klarzumachen, welcher tradierten Elemente sich der Text bedient:

Quis ille?--Diese Frage scheint fur den first reader (19) eine namentliche Einfuhrung des Sprechers einzuleiten. Die Selbstvorstellung des Erzahlers dient in den Proomien der griechischen Geschichtsschreibung als Beglaubigungstopos: (20) Dabei stellt sich der konkrete Autor namentlich vor und burgt mithin personlich fur die Authentizitat der folgenden Aussagen, indem er sie in Relation zu seiner Biographie setzt. Die fiktionale Literatur bedient sich formal dieser und ahnlicher Vorgehensweisen, (21) indem der Leser aufgefordert wird, den vorliegenden Text, von dem er weib, dab er fiktional ist, auf nichtfiktionale Referenztexte zu beziehen und aus einer solcherart vergleichenden Lekture asthetisches Vergnugen zu schopfen. Somit konnen die Topoi der Historiographie in einem fiktionalen Kontext in der Praxis ihre ursprungliche Funktion ins Gegenteil verkehren und gerade die Fiktionalitat eines Textes signalisieren.

Der Prolog des Apuleius unterscheidet sich von der genannten Tradition v.a. in zwei Punkten: Erstens ist es hier offensichtlich nicht der konkrete Autor, also Apuleius, auf den verwiesen wird; die hier skizzierte Biographie pabt auf ihn nicht. (22) Damit wird hier nicht zur Beglaubigung auf die Korrespondenz zur extratextuellen Realitat hingewiesen, sondern es kommt genau an der Stelle, wo traditionell der konkrete Autor angefuhrt wird, ein eindeutig fiktiver Sprecher zu Wort. Zweitens fallt auf, dass eine Nennung des Namens dieses Sprechers unterbleibt, und das, obwohl die Frage: quis ille? genau darauf abzuzielen scheint. Der tradierte Beglaubigungstopos wird seiner Kernfunktion beraubt, die traditionell gerade darin bestand, durch die Individualisierung des Sprechers den Eindruck von Historizitat zu erwecken; desgleichen wird darauf verzichtet, das erzahlte Geschehen durch Hinweise auf historische Ereignisse oder Orte eindeutig im Erfahrungs- und Wissenshorizont des konkreten Lesers zu verankern, sondern der Umgang mit geographischen Informationen ist bewusst vage und somit nicht wortlich auf einen Sprecher anwendbar. (23) Es werden hier also gangige Topoi in dem Sinne parodiert, dass 'durch das Kunstmittel der Verfremdung ... gewohnter Kunstmittel deren Blosslegung als blosser literarischer Mittel' erreicht wird. (24) Auch die in der Formulierung rudis locutor liegende Selbstverkleinerung des Erzahlers ist als Topos der Beglaubigung vielfach belegt: zunachst bei den attischen Gerichtsrednern, (25) dann aber auch in den Proomien der romischen Geschichtsschreiber. (26) Unabhangig von ihrem konkreten Wahrheitsgehalt, durften solche Selbstverkleinerungsformeln weder in der Gerichtsrhetorik noch in der seriosen Historiographie wohl je die Wirkung haben, auf Anhieb unglaubhaft oder gar ironisch zu wirken, vielmehr werden sie in den einschlagigen Lehrbuchern als Mittel der captatio benevolentiae empfohlen. (27) Nun ist in der rhetorischen und der historiographischen Tradition wie auch, und dies halte ich fur entscheidend, in der fiktionalen Literatur vor Apuleius m.W. kein Beleg dafur zu finden, dass der Bescheidenheitstopos in Verbindung mit der Ankundigung einer--nicht zuletzt rhetorisch--unterhaltsamen Lekture auftritt. Dies deutet m.E. darauf hin, dass die Betonung der asthetischen Qualitat und die darin liegende Aufwertung eines fiktionalen Textes einerseits und der Hinweis auf seine Mangelhaftigkeit durch Verkleinerung der rhetorischen Kompetenz des Erzahlers andererseits zwei alternative Erzahlstrategien im Umgang mit der Fiktionalitat darstellen: (28) Diese kann offen angekundigt werden, es ist aber auch moglich, sie durch intertextuellen Bezug auf ,,seriose" Texte indirekt einzufuhren, indem deren Topoi inhaltlich umgekehrt und von, zumindest vorgeblich, ernstgemeinten Hinweisen in der Praxis zu Fiktionalitatssignalen umgemunzt werden. Dabei fordert die letztgenannte Verfahrensweise ein Rezeptionsverhalten heraus, bei dem die Unterhaltung des Lesers gerade darauf beruht, dass er den fiktionalen Text wie einen historiographischen liest, dab er ihn also ernst nimmt und sich auf eine Illusion einlabt, welche erst im Verlaufe der Erzahlung nach und nach widerlegt wird. Gerade das Futur si ... offendero beweist ja, dass sich die Aussage auf die folgende Erzahlung bezieht, dab sie mithin nicht schon im Augenblick, da sie geaussert wird, als Ausdruck des Gegenteils verstanden werden soll, wie es bei der Ironie der Fall ware, (29) sondern eine bestimmte Haltung fur die Lekture des gesamten Textes anregt, durch welche allein sie falsifiziert werden kann.

Nach einem von dem Konzept der Fiktionalitat gepragten ersten Teil fuhren die beiden Beglaubigungstopoi also den Aspekt der Glaubhaftigkeit ein; doch kann hier bei genauerer Betrachtung von Beglaubigung keine Rede sein: Denn wenn die Frage, wer den Prolog spreche, im Text keine Antwort findet, sondern im Gegenteil gerade diese Information dem Leser plakativ verweigert wird, so wird hier eine Konvention von Proomien, namlich die (zumeist implizite) Einfuhrung einer bestimmten Erzahlsituation und die Einbettung der Erzahlung in einen Verstandnis- und Rezeptionskontext, parodierend selbst ins Zentrum der Betrachtung geruckt. Die mit den Auberungen des Anfangsteils prinzipiell kompatible Selbstvorstellung des Erzahlers mundet in einem zweiten Schritt in einen Bescheidenheitsgestus ein, der die im ersten Prologteil suggerierte Rezeptionshaltung und mithin die fur eine koharente Lekture unabdingbare, in der Frage: quis ille? implizit unterstellte Identitat des Sprechers von erstem und zweitem Prologteil merklich in Frage stellt. In diesem Zusammenhang erscheint die kommentierende Aussage aufschlubreich, mit welcher der Erzahler fortfahrt: 'Doch dieser Wandel der Sprache (vocis immutatio) entspricht bereits der Schreibweise, die wir uns zu eigen gemacht haben: einer Schreibweise, die von der Kunst eines Zirkusreiters zeugt.'

Ich denke, dass die Wendung der vocis immutatio sich als metanarrative Aussage im Sinne eines 'Wandels des Tones' auf den storenden Ubergang von der volltonenden Versprechung rhetorisch durchgestalteter Unterhaltung zu einer demutigen Bitte um Nachsicht verstehen lasst. Doch wir konnen noch weiter gehen und an diesem Punkt eine erneute Korrespondenz zwischen Inhalts- und Textebene erkennen:

Die Form exordior stellt, wie gesagt, den Abschluss dessen dar, was fur sich genommen bereits ein vollstandiger Prolog sein konnte. (30) Dies impliziert nun die Moglichkeit, die Autobiographie als eine der zuvor angekundigten Verwandlungsgeschichten zu lesen: (31) Der Ubergang von einem dialogischen discours zu einer dazu vorzeitigen histoire ist charakteristisch fur den Wechsel von einer Erzahlebene in die jeweils untergeordnete und markiert in diesem Sinne im Roman immer wieder den Ubergang von der (durch den Haupterzahler Lucius) erzahlten Welt in die zitierte Welt der von den Akteuren erzahlten Geschichten. (32) Wir konnen die vocis immutatio somit als 'Verwandlung der (sprechenden) Stimme' verstehen: (33) Es stehen sich dabei gewissermassen zwei Prologsprecher gegenuber, welche unterschiedliche tradierte Erzahlstrategien zur Ankundigung der Erzahlung anwenden und sich eben dadurch als konventionelle Konstrukte enttarnen. Da der Text hier jegliche Eindeutigkeit programmatisch meidet, lassen sich diese beiden Sprecherinstanzen mit keiner Figur der Romanwelt oder der erzahlten Welt identifizieren. (34) Vielmehr ist hier Identitat gerade nicht von vornherein gegeben, sondern konstituiert sich erst, wobei gerade dieser Vorgang durch das eingeschaltete: quis ille? problematisiert wird: Wir haben es im gesamten Prolog nicht mit charakterisierten Figuren zu tun, sondern nur mit Sprechern, man konnte sagen mit reinen Stimmen, die, ahnlich denen, die im Palaste Amors zu Psyche reden, kein konkretes Antlitz besitzen. (35)

3. Die narrative Struktur

3.1. Verhaltnis von Erzahler und Erzahlung

Wir wollen uns dem Problem also narratologisch nahern: Lasst sich fur den Ubergang vom ersten zum zweiten Prologteil auch ein Wandel in der Erzahlhaltung konstatieren?

Rufen wir uns dazu die von Genette/Lintvelt vertretene Unterscheidung zwischen homodiegetischer und die heterodiegetischer Erzahlform in Erinnerung: (36) Als second reader des Textes wissen wir, dass von dem Beginn der historischen Erzahlung an, also ab 1.2, konsequent ein homodiegetischer Erzahler zu Wort kommt, dessen Perspektive freilich zwischen der auktorialen eines erzahlenden Ich und der aktorialen eines erlebenden Ich schwankt; wie verhalt es sich nun mit dem Prolog?

Der Erzahler fuhrt sich und seine Tatigkeit mit einem Begriff ein, der am besten als Metapher aus der Weberei (37) zu verstehen ist, indem er sagt, er wolle 'zahlreiche Geschichten aneinanderknupfen' (varias fabulas conserere).

Somit stellt er sich zunachst als Kompilator schon vorhandener fabulae dar, (38) von denen er uns nicht sagt, ob er sie erfunden hat oder sie nacherzahlt oder ubersetzt. Nicht durch die geringste Andeutung weist der Erzahler darauf hin, dass er selbst eine Rolle, ja gar die Hauptrolle innerhalb seiner Erzahlung spielen wird, vielmehr steht er uber der Ebene der erzahlten Welt, die er dem narrativen Adressaten zu schildern verspricht; denn auch die Art, in der er sich zum Inhalt der Geschichten aussert, lasst keineswegs erkennen, dab die Verwandlungen, die er ankundigt, ihn selbst betreffen konnten; (39) vielmehr deutet die Verwendung des gewiss primar mit der Vorstellung von Fiktionalitat konnotierten Begriffs fabulae (40) und deren Charakterisierung als Verwandlungsgeschichten fur den first reader wohl eher einen sich von der Erzahlung distanzierenden heterodiegetischen Erzahler an. Der Sprecher lasst also im ersten Prologteil an keiner Stelle die spater so konsequent ausgefuhrte homodiegetische Erzahlform erkennen, sondern erweckt beim first reader vielmehr gegenteilige Erwartungen; in dieser Hinsicht bewirkt das quis ille? eine Wandlung, indem es den Sprecher in die Rolle des homodiegetischen Erzahlers (narrateur homodiegetique) hineindrangt, eines Erzahlers, der in der Ich-Form vergangene Erlebnisse berichtet. Da wir uns im Prolog befinden, kann dieser Ubergang freilich fur den first reader noch keine Festlegung auf die Erzahlform ab 1.2 darstellen, (41) vielmehr wird der biographische Teil durch die Selbstverkleinerungsformel sogleich auf die Narration zuruckbezogen und erscheint daher ruckblickend als informativer Einschub, der fur den Akt der Narration durchaus relevant ist, da die Vergangenheit des Erzahlers Auswirkungen auf seine Gegenwart hat.

Diese Ruckkopplung des Biogramms an den metanarrativen Diskurs der Romanwelt ermoglicht vordergrundig eine koharente Lekture der beiden ersten Abschnitte: Der second reader kann an der Identitat des Prologsprechers oder zumindest des Sprechers des Biogramms mit dem Erzahler Lucius festhalten, indem er etwa die Umsiedlung des Sprechers nach Rom als Uber einstimmung zu den in Buch elf beschriebenen Ereignissen der erzahlten Welt interpretiert und auch weniger deutliche Informationen mit Bezug zu Lucius deutet, so etwa die dunkle Umschreibung des Herkunftsortes als metaphorischen Hinweis auf eine griechische Abstammung. Doch eben diese Gleichsetzung der beiden Biographien wird im Prolog in doppelter Weise in Frage gestellt: Erstens ist die Selbstcharakterisierung als exotici ac forensis sermonis rudis locutor schwer mit dem Bild eines erfolgreichen Gerichtsredners in Einklang zu bringen, welches Lucius in Buch elf von sich zeichnet; dabei lasst die auffallige Rekurrenz des Adjektivs forensis diesen Gegensatz besonders pointiert hervortreten, (42) eine gezielte Irritation, die sich nur dem second reader erschliesst.

Der zweite Einwand betrifft die Stellung der Biographie des Lucius innerhalb der Erzahlung: Wenn der Erzahler eingangs verspricht, fabulae vortragen zu wollen, so passt diese Bezeichnung zu den eingeschalteten Geschichten, d.h. zur Ebene der zitierten Welten, ohne weiteres, labt sich aber auf den Teil der Erzahlung nur schwer anwenden, der die Geschichte des Lucius, d.h. des mutmasslichen Erzahlers selbst, enthalt, oder, anders gesagt, auf die Ebene der erzahlten Welt. In der Tat sind die Binnenerzahlungen der Bucher 2-10 in die Biographie des homodiegetischen Erzahlers Lucius dergestalt eingebunden, dass dieser sie als Protagonist hort oder selbst zu ihrem Zeugen wird, so dass die erzahlte Welt primar als Verbindung zwischen den zahlreichen zitierten Welten erscheint. Reprasentiert der IchErzahler Lucius die den fabulae der zitierten Welten ubergeordnete Ebene der erzahlten Welt, so erscheint es umso problematischer, dass die im Prolog getroffene Prazisierung des Begriffes fabulae, namlich als Geschichten, die von Verwandlungen mit anschliessender Ruckverwandlung handeln, einzig auf die Erlebnisse eben jenes Lucius zutrifft. (43) Die Ereignisse der erzahlten Welt, und mit ihnen die Rolle des fiktiven Erzahlers, schwanken also zwischen einem relativen, namlich die innere Koharenz der Erzahlung betreffenden, Wahrheitsanspruch und Fiktionalitat hin und her, und mit ihnen auch die Glaubhaftigkeit der Binnenerzahlungen; (44) innerhalb des Prologs stellt sich die Lage noch komplexer dar: Die Biographie des Erzahlers lasst sich formal als histoire im Sinne Benvenistes auffassen, sie oszilliert zwischen der dialogisch strukturierten, metanarrativen Ebene der Romanwelt und der inhaltlichen der erzahlten Welt, welcher seinerseits hinsichtlich seines Anspruches auf Glaubhaftigkeit den Binnengeschichten ubergeordnet ist, gleichzeitig aber ebenfalls als (fiktive) fabula verstanden werden kann.

Doch weiter im Text: Der dritte Teil des Prologs ist unzweifelhaft unter den Begriff des discours zu fassen, er fuhrt uns also auf die Ebene des ersten Teils zuruck, dessen metanarrative Aussagen er von neuem aufgreift. (45)

Gerade die Versprechung von Unterhaltung, die in der Form laetaberis ihren Ausdruck findet, zeigt deutlich an, dass hier die Bescheidenheitshaltung des Mittelteils uberwunden ist; darauf deutet auch der Begriff der scientia, die, unabhangig davon, wie wir das Attribut desultoria auch verstehen wollen, (46) doch in jedem Falle eine Fertigkeit bezeichnet, welche an ein bestimmtes Fachwissen gebunden ist. (47) So muss eine Schreibweise, die durch den Genetiv scientiae naher bestimmt ist, auf die Tatigkeit eines kunstvollen und geubten Schreibers hinweisen, ganz gewiss nicht auf einen rudis locutor.

Der Prolog weist also eine Dreiteilung auf, welche sowohl die rhetorische Kompetenz des Sprechers als auch sein Verhaltnis zur Erzahlung betrifft; in beiderlei Hinsicht lasst sich die Formulierung der vocis immutatio als metanarrativer Hinweis auf eine Verwandlung der Sprecherinstanz auffassen, welche im dritten Teil ruckgangig gemacht wird--ganz und gar im Einklang mit der Ankundigung, es werde um Verwandlungen und anschliessende Ruckverwandlungen (figuras fortunasque ... conversas et in se rursum ... refectas) gehen. (48)

3.2. Strukturelle Relationen zwischen Prolog und Erzahlung

Betrachten wir den Text der Metamorphosen als ganzen, so konnen wir m.E. einen analogen Vorgang konstatieren: Auch die Ereignisse der erzahlten Welt sind durch Verwandlung und Ruckverwandlung des Erzahlers in drei

Abschnitte untergliedert. Diese Unterteilung lasst sich zwar nicht an der Erzahlform festmachen, denn diese ist von 1.2 an ja durchgangig homodiegetisch; doch wird hier der ambivalente Charakter der erzahlten Welt erst mit der Verwandlung des Lucius in einen Esel problematisiert: Zuvor widerspricht nichts der mit der Ankundigung des Prologs problemlos kompatiblen Deutung, die Erlebnisse des Erzahlers dienten nur dazu, varias fabulas zu einem Ganzen zu verbinden und erfullten somit eine vermittelnde Funktion: Lucius--und mit ihm der Leser, der die erzahlte Welt zumeist durch die Augen des Ich-Erzahlers sieht--ist anfangs reiner Zuhorer der von Aristomenes (49) und Thelyphron (50) in direkter Rede erzahlten Geschichten, dabei aber immer auch als erzahlendes Ich diejenige Instanz, welche dem narrativen Adressaten seine vergangenen Erlebnisse und damit zugleich das Gesprach mit den Wanderern und das Gastmahl bei Byrrhena, in dessen Rahmen die Thelyphrongeschichte erzahlt wird, berichtet.

Die Verwandlung des Lucius macht aus dem Erzahler nun den Protagonisten einer solchen Verwandlungsgeschichte, sie bedeutet seine physische Aufspaltung in ein rein passives, d.h. die Zuhorerrolle einnehmendes, erlebendes Ich und ein sich wiederholt an den narrativen Adressaten wendendes erzahlendes Ich; als Esel steigt Lucius gleichermassen von der erzahlten Welt in den Bereich der Magie und des daraus fur den Protagonisten resultierenden Unheils hinab, der bislang primar Inhalt der zitierten Welten war. (51)

Dieser Ubergang hat innerhalb des Prologs seine Entsprechung im Wechsel vom discours zur histoire des Erzahlers, der sich auch hier als Hauptdarsteller einer Verwandlungsgeschichte, namlich der vocis immutatio, entpuppt. Anders gesagt: Das Biogramm uberwindet die ausschliesslich metanarrativ-auktoriale Erzahlhaltung des ersten Prologteils und das dieser eigene Konzept des Erzahlers als eines transparenten Mediums, indem es dem Erzahler zusatzlich die Rolle eines Akteurs zuweist, welche bei der homodiegetischen Erzahlform in der ersten Person stets untrennbar mit der komplementaren Funktion des Erzahlers verbunden ist. (52) Eben diese Doppelrolle, die Winkler zu Recht als einen wesentlichen Aspekt der erzahltechnischen Funktionsweise des Romans ausgemacht hat, ist auf der Ebene des Gesamttextes schon vor der Verwandlung des erlebenden Ich Lucius in einen Esel in 3.24 implizit vorhanden; doch gerade diese Verwandlung--welche sich als korperliche Trennung von auktorialem (Lucius-Mensch) und aktorialem (Lucius-Esel) Erzahler verstehen lasst--bietet dem abstrakten Autor die Moglichkeit, die sich aus der Doppelrolle des Erzahlers ergebenden narratologischen Probleme ins Bewusstsein des Lesers zu rucken. Dabei zerfliessen die Grenzen zwischen den verschiedenen Ebenen der Erzahlung zusehends, so dass es zu erzahlerischen Paradoxien kommt. (53)

Gerade die fur eine koharente Lekture grundlegende Frage nach dem Wahrheitsanspruch steht stets im Hintergrund des Erzahlten und entzieht sich dabei einer klaren Antwort, da sie untrennbar an die nach der Identitat der jeweiligen Erzahlerinstanz gebunden ist--insofern zielt der Einwurf: quis ille? mitten in den Kern der erzahlerischen Gesamtstruktur des Textes. (54) Analog zu den Beglaubigungstopoi des Prologs, ist die Einbindung von Geschichten in die Biographie des Erzahlers prinzipiell dazu geeignet, die fabulae als authentisch im Sinne der Koharenz des Textes auszuweisen: Dies geschieht sehr haufig durch kurze Einschube, welche entweder diejenigen Aussagen des auktorialen Erzahlers, die ein uber die Erfahrungen seines aktorialen Komplements hinausgehenden Wissen verraten, als Mutmassungen darstellen, wie etwa das haufige scilicet ('offenbar'). (55) Umgekehrt neigen die verschiedenen Erzahler innerhalb des Romans in charakteristischer Weise dazu, ihre Berichte unter Hinweis auf personliche Teilnahme zu beglaubigen. (56) Drittens steht dem auktorialen Erzahler die Moglichkeit offen, die Wahrheitsproblematik explizit zu thematisieren, indem er sich in metanarrativen Aussagen direkt an seinen narrativen Adressaten wendet, wie in dem folgenden beruhmten Passus:
 Sed forsitan lector scrupulosus reprehendens narratum meum sic
 argumentaberis: Unde autem tu, astutule asine, intra terminos
 pistrini contentus, quid secreto, ut adfirmas, mulieres
 gesserint, scire potuisti? Accipe igitur, quemadmodum homo curiosus
 iumenti faciem sustinens cuncta, quae in perniciem pistoris mei
 gesta sunt, cognovi.

 'Doch vielleicht wirst du als gewissenhafter Leser meine Erzahlung
 mit folgendem Argument tadeln: Woher aber konntest du, gewitzter
 Esel, der du doch in den Grenzen der Muhle eingeschlossen warst,
 wissen, was die Frauen, wie du selbst versicherst, heimlich
 getrieben haben? So vernimm also, auf welche Weise ich, ein
 neugieriger Mensch, der das Antlitz eines Lasttieres trug, all das
 erfahren habe, was zum Unheil meines Mullers betrieben wurde.' (57)


Diese Zwischenfrage entspricht strukturell der im Prolog formulierten Frage nach der Identitat des Sprechers: In beiden Fallen wird ein Einwand des narrativen Adressaten vorausgenommen, der die Narration unterbricht, und damit die Aufmerksamkeit des konkreten Lesers auf ein Problem der Textkoharenz gelenkt; ferner wird beide Male eine Antwort zwar durch den Imperativ accipe angekundigt, dann aber nicht, oder zumindest nicht sogleich und in befriedigender Weise, gegeben. Diese Fragen dienen nicht der Einfuhrung inhaltlicher Informationen--dazu ware ja auch kein Einwand des narrativen Adressaten notig--, sondern sie betonen vielmehr formale Aspekte wie den der Dialogizitat, welcher den Text als etwas sich zwischen Erzahler und Adressat Entwickelndes begreift, und das Streben nach Glaubhaftigkeit, das parodierend als reine Attitude vorgefuhrt wird: Denn der Einwand, welcher hier dem narrativen Adressaten in den Mund gelegt wird, ist in doppelter Weise problematisch: Erstens wird die Frage der Glaubhaftigkeit nur im Sinne einer unmittelbaren Textkoharenz gestellt, wahrend der, gemessen an der aussertextuellen Realitat, unglaubhafteste Aspekt in keiner Weise angezweifelt wird, namlich die Behauptung des auktorialen Erzahlers, fruher ein Esel gewesen zu sein. Zweitens stellt die Anrede: astutule asine ('gewitzter Esel') eine narratologische Grenzuberschreitung dar, da der narrative Adressat hier nicht den ihm gleichgeordneten Erzahler anspricht, sondern offenbar Lucius-Esel, d.h. den aktorialen Erzahler; in gleichem Masse, wie der Text dem Leser die Hintertur einer metaphorischen Lesart offenhalt, (58) stellt er auch ein Spiel mit den verschiedenen Instanzen von erzahlendem und erlebendem Ich dar, (59) welches vom auktorialen Erzahler sogleich berichtigt wird, indem dieser seine fruhere Identitat als die eines 'Menschen, der das Antlitz eines Lasttieres trug' (homo ... iumenti faciem sustinens) beschreibt und mithin die Trennung zwischen dem als erlebendem Ich fungierenden Esel und dem gegenwartigen, menschlichen erzahlenden Ich in Erinnerung ruft.

Es fuhrte zu weit, an dieser Stelle auf die zahlreichen weiteren Beispiele dafur einzugehen, wie im Text durch die Gegenuberstellung verschiedener Erzahlinstanzen immer wieder Paradoxien geschaffen werden (60) und somit gleichsam das Erzahlen selbst parodiert wird. (61) In jedem Fall aber tritt der Inhalt der Erzahlung hinter dem metanarrativen Spiel zuruck, welches auf dem Bewusstsein fusst, dass der vorliegende Text als Mischung von Biographie und Wunderliteratur beglaubigende Erzahlstrukturen mit fiktionalen Elementen verbindet und daruber hinaus naturlich auch als materielles Ganzes, als Werk eines konkreten Autors, fassbar ist; so lasst sich die von Lucius referierte Prophezeiung des Sehers Diophanes als Hinweis des abstrakten Autors lesen, in dem diese drei Seiten des Werkes aufgelistet werden: ... nunc historiam magnam et incredundam fabulam et libros me futurum

('... bald werde ich der Gegenstand einer eines langen Tatsachenberichts, einer unglaublichen Geschichte und ganzer Bucher sein'). (62)

4. Semantische Relationen zwischen Prolog und Erzahlung

Kehren wir nun zur Struktur des Prologs zuruck: Wie wir zuvor gesehen haben, lasst sich dieser in drei Teile untergliedern und spiegelt somit als Inszenierung einer 'Verwandlung des Sprechers' den Aufbau des Gesamttextes wider. Ich mochte im folgenden an einigen Beispielen aufzeigen, wie der abstrakte Autor diese strukturelle Analogie auch durch den Einsatz semantischer Rekurrenzen dem second reader signalisiert; zu diesem Zweck werde ich zwischen zwei Aussageebenen unterscheiden:

Auf der auktorialen Ebene aussert sich ein Erzahler qua Erzahler einem Leser oder Zuhorer gegenuber zu seiner Erzahlung, es handelt sich also um jene Ebene einer dialogischen Interaktion, auf der die metanarrativen Aussagen stattfinden. (63)

Die aktoriale Ebene umfasst hingegen die erzahlten Ereignisse, also alles in der Vergangenheit (als histoire im Sinne von Benveniste) Berichtete, d.h. sowohl die vom Erzahler mitgeteilte Geschichte seiner vergangenen Abenteuer, als auch die Binnenerzahlungen.

Der erste Teil des Prooms fuhrt sich als metanarrativ-auktorialer Diskurs ein, indem hier von Beginn an von Form und Inhalt der folgenden Erzahlung die Rede ist. Das Vokabular, dessen sich der Erzahler bedient, erweckt die Erwartung asthetischer Unterhaltung: Die kunstvolle Erzahlweise, umschrieben durch das Verbum conserere und auch durch das Adjektiv lepidus, welches in metanarrativem Kontext eine elegante, geistreiche Ausdrucksweise zu bezeichnen pflegt, (64) soll dem Rezipienten ein geradezu sinnliches Vergnugen bereiten (auresque tuas ... permulceam), und der Inhalt der Geschichten verwundertes Staunen hervorrufen (ut mireris). Das Wort lepidus tritt in gleicher Weise wie im Prolog haufig in auktorialem Kontext als positive Qualifizierung von Erzahlungen auf. So wird es von Lucius im Rahmen der metanarrativen Unterhaltung mit Aristomenes und dessen skeptischem Begleiter gleich zweimal auf die fabula des Aristomenes bezogen, indem zunachst vom 'anmutigen Charme von Geschichten' (fabularum lepida iucunditas) die Rede ist, welche den Wanderern 'das Erklimmen der rauhen Anhohe erleichtern' werde (iugi quod insurgimus aspritudinem ... levigabit), (65) und spater davon, dass Aristomenes seine Zuhorer 'durch das Vergnugen der anmutigen Geschichte abgelenkt' habe (lepidae fabulae festivitate nos avocavit). (66)

Dieser Gebrauch des Wortes spiegelt eine rein asthetische, auf Unterhaltung ausgerichtete Haltung zur jeweils erzahlten Geschichte wider, der danach die Funktion zukommt, den Rezipienten von unangenehmen Dingen, im vorliegenden Falle von der strapaziosen Reise, abzulenken. Diese Haltung ist dem auktorialen Erzahler durchgehend eigen, (67) und ebenso auch anderen Erzahlern der erzahlten Welt. (68) Vergleichen wir diese interpretativen Aussagen mit den Geschichten, auf die sie angewandt werden, so zeigt sich hier eine deutliche Distanz zu der dem second reader erkennbaren Ebene des abstrakten Autors: Denn wie oft bemerkt worden ist, weist etwa die Aristomeneserzahlung nicht nur platonische Bezuge auf, (69) sondern lasst sich auch als Warnung vor den Gefahren der Magie lesen: Ihre rein asthetisch orientierte Deutung als lepida fabula weist auf Lucius' Unfahigkeit hin, die Erzahlung auf sich zu beziehen, und erscheint aus der Perspektive des abstrakten Lesers als Fehlinterpretation.

Neben dem metanarrativ-auktorialen Gebrauch erscheint das Adjektiv auch in aktorialem Kontext, und zwar um den Liebreiz junger Frauen und ihre erotische Attraktivitat auszudrucken: Photis wird als illa lepida alioquin et dicacula puella ('jenes im ubrigen anmutige und schnippische Madchen') (70) bezeichnet, und in gleicher Weise wird das Wort auch auf Psyche angewandt, welche zweimal eine puella lepida ('anmutiges Madchen') genannt wird. (71) Auf den Bereich der Erotik verweisen auch der Terminus permulcere und sein Simplex mulcere, die in der Grundbedeutung ein Streicheln oder Verfuhren bezeichnen, (72) eine Bedeutung, die sich ohne weiteres auf Worte ubertragen lasst: Das Verb (per)mulcere beschreibt auf der aktorialen Ebene wiederholt die erotisch begrundete Einwirkung von Frauen auf Manner, so in der Szene, in welcher Psyche Amor die Erlaubnis entringt, ihre Schwestern sehen zu durfen, 'indem sie ihm Kusse auf die Wange druckt, die der Uberredung dienen, und ihn mit schmeichelnden Worten (verba mulcentia) uberschuttet'. (73)

Der Vorgang, den das Verbum beschreibt, ist in jedem Falle direkt an die sinnliche Wahrnehmung adressiert, was ja auch im Prolog gilt, wo vom Gehorsinn die Rede ist.

Es klingt hier zudem erstmals das semantische Feld der Magie an, an welchem das Verb als Aquivalent zum griechischen [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII.] ('bezaubern') gleichfalls teilhat. (74) Eine analoge Verbindung von Erotik und Zauberei weist ferner das Substantiv susurrus auf: Es bezeichnet auf der aktorialen Ebene ein verliebtes, liebkosendes Flustern und ist daher mit dem Verb permulcere semantisch eng verwandt; so wird das Liebeswerben des verbrecherischen Thrasyllus um Charite als 'ruchloses Flustern' (susurros improbos) (75) bezeichnet.

Das Flustern ist zugleich Ausdruck einer erotischen Macht, die, analog zur Magie, von der Frau dazu angewandt wird, den Mann gegen seinen Willen zu beeinflussen, wie es Cupido widerfahrt, der Psyche 'infolge der Gewalt und die Macht des Liebesgeflusters wider seinen Willen nachgibt' (vi ac potestate Veneri susurrus invitus succubuit). (76)

Noch deutlicher wird der Bezug zur Magie in den Worten des skeptischen Wanderers, der das verwandte susurramen zur Bezeichnung des Murmelns von Zauberspruchen gebraucht:

' ... , ne', inquit, 'istud mendacium tam verum est quam si qui velit dicere magico susurramine amnes agiles reverti, ... '

'Diese Luge ist ebenso wahr', sprach er, 'wie wenn jemand behaupten wollte, dass durch magisches Flustern Flusse ihren Lauf umkehrten ... '. (77)

Fassen wir zusammen: Der erste Prologteil bildet ein semantisches Feld, welches bei einer metanarrativen Lesart, wie sie der Kontext erfordert, die Rezeption des vorliegenden Buches als sinnliches Vergnugen darstellt: Der Leser soll zugleich (im bildlichen Sinne) verfuhrt und verzaubert werden. Es wird eine Rezeptionshaltung aufgebaut, welche nicht auf eine hermeneutische Textinterpretation abzielt, sondern an die Neugierde des Lesers appelliert, an sein Interesse an wundersamen Erzahlungen. Diese Haltung zum Verstandnis des Romans entspricht der Position, die Lucius als Erzahler (78) wie auch als Akteur im metanarrativen Gesprach zu den Binnenerzahlungen einnimmt, eine Position, die das Wissen um die Ereignisse des elften Buches bewusst unterdruckt. (79) Die Begriffe, die dieses semantische Feld ausmachen, verweisen, wortlich genommen, zugleich auf jenen Bereich, welcher laut Ankundigung den Inhalt des Romans ausmachen soll, namlich den von Erotik (sermone isto Milesio) und Zauberei (figuras fortunasque ... conversas). Metanarrative und inhaltliche Ebene sind hier also untrennbar (mutuo nexu) verknupft.

Im ersten, bis zur Verwandlung des Lucius reichenden, Teil des Romans werden nun die Begriffe des ersten Prologteils in eine auktoriale und eine aktoriale Verwendung aufgespalten: Auch dort wird in den ersten Buchern die Interpretation von fabulae als Form der Ergotzung im Rahmen der Unterhaltung mit den Reisenden ausfuhrlich thematisiert, wahrend der second reader in den Erzahlungen von Aristomenes und Thelyphron und ganz deutlich auch in der Beschreibung des Atriums der Byrrhena (80) Warnungen erkennt, die Lucius aufgrund seiner einseitigen Interpretationsweise nicht durchschaut; auf der aktorialen Ebene herrscht dabei das Motiv von erotischer Verfuhrung und Magie vor. (81)

Der Begriff, der innerhalb des Romans sowohl die aktorialen (Erotik, Magie) als auch die auktorialen (Unterhaltung und Staunen) Implikationen abdeckt, welche der erste Prologteil enthalt, ist der der curiositas ('Neugier'): Er steht in den ersten zehn Buchern zunachst fur die fur Lucius-Akteur typische Charaktereigenschaft der Neugierde, die ihn dazu treibt, Einblick in Verborgenes erlangen zu wollen, besonders in die Welt der Magie. (82) Zugleich, und dies ist noch wichtiger, motiviert sie ihn dazu, sich fur die Geschichten anderer zu interessieren, und stellt damit die Grundvoraussetzung fur die Narration dieser Geschichten, fur Lucius' Erzahlerfunktion, dar. In diesem Sinne ist Lucius als erzahlendes Ich zunachst Rezipient der eingeschalteten Geschichten, von dessen curiositas schliesslich der Leser der Metamorphosen profitiert. Die curiositas ist also eine Wahrnehmungs- und Rezeptionshaltung, die ihre Befriedigung im Erfahren unbekannter, staunenswerter Dinge (ut mireris) findet und sich damit auch begnugt, ohne nach einem eventuellen tieferen Sinn zu fragen: So zeichnet sich Lucius ja dadurch aus, dass er Erlebnisse und Geschichten rein asthetisch aufnimmt, ohne sie durch Ruckbeziehung auf die extratextuelle Welt (- die in diesem Falle seine eigene, also die erzahlte Welt, ware -) im eigentlichen Sinne zu interpretieren. In diesem Sinne wird die curiositas hier bereits durch das Konzept vorbehaltsloser asthetischer Unterhaltung an den Leser als eine Moglichkeit der Lekture des Metamorphosenromans herangetragen. Vor diesem Hintergrund kann schliesslich auch die Zwischenfrage: quis ille? als Ausdruck der durch den Erzahler geweckten curiositas verstanden werden.

Doch wenn im metanarrativen Diskurs des ersten Prologteils das Verhaltnis zwischen Erzahler und fiktivem Adressaten als ein rein sinnliches (auresque tuas ... permulceam) gezeichnet wird, welches dem narrativen Adressaten und mithin dem konkreten Leser, der sich als Rezipient des Textes gleichermassen angesprochen fuhlen wird, eine passive Rolle aufzwingt, so bleibt diese Haltung schon hier nicht ohne Alternativen; denn der Erzahler unterbricht seine Versprechungen, indem er eine Bedingung formuliert:

'Wenn Du es denn nicht verschmahst, einen agyptischen Papyrus, der mit einem spitzen Schreibrohr vom Nil beschriftet ist (papyrum Aegyptiam argutia Nilotici calami inscriptam), einzusehen'

Dieser Passus ist m.E. als Zusatz des abstrakten Autors zu verstehen: Die auffallige Betonung von Materialitat und damit auch Ganzheit des Buches stellt den Eindruck einer Interaktion von Erzahler und fiktivem Adressaten in Frage, welcher durch die im Umfeld dieser Ausserung stehenden dialogischen Elemente entstanden ist: (83) Der Text erscheint hier nicht mehr als mundlich vorgetragenes Produkt eines fiktiven Erzahlers, sondern als das in fester Form vorliegende Produkt eines konkreten Autors, und mithin als Einheit, die vom abstrakten Autor organisiert und beherrscht ist. Somit erschuttert dieser Passus die dem Leser durch die Aussagen auf der Ebene der Romanwelt nahegelegte Rezeptionsweise, indem er durch Verweis auf die ubergeordneten Stufen von konkretem / abstraktem Autor die zuvor aufgebaute dialogische Illusion als solche enttarnt. Steht der Prolog eines literarischen Werkes als metanarrative Ausserung generell vermittelnd zwischen dem konkreten Leser und der folgenden Erzahlung, so kann das Metamorphosenproom in dem Sinne als selbstreferentiell bezeichnet werden, dass es gerade diese Mittlerrolle mit den ihr eigenen Doppeldeutigkeiten in den Vordergrund ruckt: Die direkte Wendung des Prologsprechers an den Leser im Rahmen metanarrativer Ausserungen wird durch die Anhaufung dialogischer Elemente auf die Spitze getrieben, um durch den Hinweis auf das fertige Buch untergraben zu werden; die im Text skizzierte Kommunikationssituation ist ihrerseits fiktiv, so wie der gesamte Prolog auch zugleich Teil dessen ist, was er ankundigt, namlich eines fiktionalen Textes.

Diese narratologische Irritation findet aber auch semantisch ihren Widerhall, indem der Kondizionalsatz erstmals das Agyptenmotiv anspricht: Auf der Ebene des abstrakten Autors ist die Isisthematik (84) von Anfang an prasent und untergrabt das rein asthetische Konzept der lepidae fabulae: Gerade die mit Isis verbundene religiose Bekehrung in Buch 11 ist es ja, die dem gesamten vorausgehenden Text einen neuen Sinn verleiht und seine Interpretation als Ansammlung unterhaltsamer fabulae als Fehldeutung ausweist. Zwar bleibt diese Ambivalenz dem first reader verschlossen, wie auch Lucius-Akteur in den Erlebnissen und Geschichten der ersten zwei Bucher nur den Aspekt der Unterhaltung zu erkennen vermag, ohne die darin auf der Ebene des abstrakten Autors enthaltene Warnung zu erkennen. Doch enthalt die Textstelle auch eine fur den first reader verstandliche Ambivalenz, namlich das Wort argutia, welches, von den Wendungen papyrum Aegyptiam und Nilotici calami chiastisch umschlossen, pointiert in der Mitte steht. Kann der Nebensatz, analog zum folgenden Biogramm des Sprechers, gleichsam als Kurzbiographie eines konkreten Buches gelesen werden, so muss auf der aktorialen Ebene, d.h. der Ebene der erzahlten Geschichte, argutia die spitze Beschaffenheit des Rohres bezeichnen; gleichwohl lasst sich der Ausdruck im Sinne von 'Scharfsinn' als metanarrative Aussage uber das literarische Werk und die Erzahlweise seines Autors verstehen. (85) Entscheidend ist, dass hier dem Leser eben das Prinzip der Ambivalenz deutlich vor Augen gefuhrt wird: Dieses stellt eine Warnung vor jeder einseitigen Lesart dar und fordert den Leser auf, Doppeldeutigkeiten zu erkennen, Querbezuge herzustellen und einzelne Bedeutungen gegeneinander abzuwagen--lector intende.

Der Ubergang von auktorialer zu aktorialer Erzahlebene, der im zweiten Prologteil stattfindet, findet in der Verwendung bestimmter Ausdrucke seinen Niederschlag, die in den folgenden Buchern stets aktorial gebraucht werden; besonders die Wendung aerumnabili labore ('mit muhevoller Anstrengung') stellt fur den second reader eine Beziehung zur erzahlten Welt dar: Sowohl aerumna als auch labor bezeichnen das Leid und die anstrengende Arbeit, denen sich deren Protagonisten wie auch die der zitierten Welten unterziehen mussen. (86) Diese Begriffe treten, ihrer Stellung innerhalb des Prologs entsprechend, im Mittelteil des Romans in den Vordergrund, wo sie in besonderer Haufigkeit auf das Schicksal des in einen Esel verwandelten Lucius angewandt werden und seine neue Existenz im Kontrast zu seinem fruheren Leben definieren:
 ... veteris fortunae et illius beati Lucii praesentisque aerumnae
 et infelicis asini facta comparatione, medullitus ingemebam ...

 '... da ich mein fruheres Los und jenen glucklichen Lucius mit
 meiner gegenwartigen Muhsal und dem unglucklichen Esel verglich,
 seufzte ich aus tiefster Brust auf ...' (87)


In seinem Gebet an Isis verwendet Lucius-Esel diese beiden Ausdrucke, um den Zustand zu umschreiben, den zu beenden er die Gottin bittet:
 tu meis iam nunc extremis aerumnis subsiste, tu fortunam conlapsam
 adfirma, tu saevis exanclatis casibus pausam pacemque tribue; sit
 satis laborum ...

 'Steh du mir jetzt bei in meiner aussersten Muhsal, festige du mein
 niedergesunkenes Gluck, schenke du mir, nachdem ich grausame
 Schicksalsschlage erduldet habe, Ruhe und Frieden; genug sei der
 Anstrengungen ...' (88)


Doch aerumna und labor finden--stets in wortlicher Bedeutung--auch in metanarrativ-auktorialem Kontext Verwendung; so stellen sie in der von Lucius in dem Gesprach mit dem Skeptiker angewandten Argumentation den Gegenpol zu der Unterhaltung dar, welche die Geschichten fur Lucius bedeuten: Durch die Geschichte des Aristomenes, so heisst es dort, habe Lucius 'den rauhen und langen Weg ohne Anstrengung und Uberdruss zuruckgelegt' (asperam denique ac prolixam viam sine labore ac taedio evasi). (89)

Eine vergleichbare Antithese liegt auch im Prolog vor, wo das semantische Feld der Unterhaltung dem der Muhsal entgegengestellt wird, welche auch hier mit einer Reise, namlich der Wanderung von Griechenland nach Rom, verbunden ist.

Die Biographie des Prologsprechers weist also Bezuge zu den Erlebnissen auf, die Lucius als Esel widerfahren, und evoziert zugleich als Bericht einer muhsamen Reise den von Lucius im Gesprach mit Aristomenes und dessen Begleiter ausgefuhrten Gegensatz zwischen den Strapazen des Reisens und der angenehmen Zerstreuung durch fabulae. Die Gegenuberstellung von aktorialem und auktorialem Gebrauch der hier verwendeten Termini zeigt, dass diese, analog zu ihrer Mittelstellung im Prolog, auch in Bezug auf die Rezeptionshaltung des Sprechers eine Zwischenposition einnehmen, indem sie einerseits an der Begrundung der im ersten Teil entworfenen, auf curiositas abzielenden Rezeptionshaltung teilhaben, sie andererseits aber untergraben, indem sie auf der Ebene der Romanhandlung gerade deren schlimme Folgen fur den Erzahler ausdrucken.

Die bewusste Ambivalenz der Formulierungen des Mittelteils lasst dem Leser stets die Wahl zwischen auktorialer und aktorialer Lesart: So kann er die vocis immutatio aktorial auf den im Biogramm beschriebenen Ubergang von der griechischen zur lateinischen Sprache verstehen, ebenso aber auch--wie es oben geschehen ist--als auktoriale Kommentierung des sich auf der Textebene abspielenden Wechsels des Tones und mithin des Sprechers; uberhaupt bietet die Biographie des Sprechers in Ermangelung einer konkreten Verankerung die Moglichkeit einer auktorialen Lesart, die ihn als metanarrative Umschreibung der Ubertragung einer griechischen Vorlage ins Lateinische begreift. (90) Auch die Entschuldigung des Sprechers fur eventuelle Mangel (si quid ... offendero) muss m.E. nicht notwendigerweise auf sprachliche Fehler bezogen werden, (91) sondern man mag hier auch an Verstosse gegen die Koharenz des Textes denken, worin eine weitere Analogie zwischen Prolog und Erzahlung lage: Denn die im metanarrativen Dialog zwischen Erzahler und fiktivem Adressat stattfindende Kritik an der Erzahlweise des ersteren ist ganzlich auf den Mittelteil des Romans beschrankt; (92) der auktoriale Erzahler gibt sich um die Beglaubigung seines Berichts bemuht, ohne dabei uberzeugen zu konnen, und weist dadurch umgekehrt den Leser gerade auf Schwachen in der inneren Koharenz der Erzahlung hin, welche dieser von sich aus wohl gar nicht beanstandet hatte. Ebenso im Mittelteil des Prologs: Durch den Einwurf: quis ille? wird scheinbar eine Beglaubigung eingeleitet, die in ihrer enigmatischen Ausgestaltung jedoch die Frage der Erzahlperspektive lediglich explizit aufwirft, ohne sie aber in uberzeugender Weise zu beantworten; vielmehr stellt das vom Sprecher auf sich selbst bezogene Adjektiv rudis, im Sinne Winklers (93) als Wortspiel auf das Brullen des Esels (rudere: 'brullen') und somit als weitere Ambivalenz verstanden, einen Verweis auf die aktoriale Erzahlperspektive von Lucius-Esel dar, wobei die Wendung des aktorialen Erzahlers an den narrativen Adressaten in gleicher Weise paradox ist wie die vom narrativen Adressaten ausgehende Anrede des auktorialen Erzahlers als Esel in 9.30 und 10.33. Zugleich spiegelt dieses Eindringen eines aktorialen Begriffs in den metanarrativen Diskurs der Romanwelt semantisch den Wandel wider, welchen dieser durch den aktorialen Einschub des Biogramms erfahrt.

Der Mittelteil des Prologs stellt sich also als komplexes, in hohem Masse selbstreferentielles System dar, an welchem sich die Verknupfung von Inhaltsund Textebene gut veranschaulichen lasst: Hat er ausdrucklich die Sprache, d.h. die sprachliche Kompetenz des Sprechers, zum Gegenstand, so zeigt er auf, wie der Wechsel des Kontextes, konkret: der raumlichen Umgebung des Sprechers, sich auf diesen qua Sprecher auswirkt; so wie Lucius sich auf seiner Reise in einen Esel verwandelt, wird der rhetorisch geschulte Sprecher des ersten Prologteils durch seine Reise nach Rom zum rudis locutor.

Kommen wir nun zum dritten Teil des Prologs: Die vocis immutatio entspreche, so heisst es hier, dem desultoriae scientiae stilo, welchen sich der Erzahler zu eigen gemacht habe. Der Begriff stilus, der im wortlich--materiellen Sinn ein Schreibgerat bezeichnet und insofern den im ersten Prologteil erwahnten calamus wieder aufnimmt, steht im auktorialen Kontext fur eine bestimmte Schreibweise, (94) und zwar eine solche, die durch die Analogie zur Fertigkeit eines desultor erlautert wird: Wir haben darunter einen Zirkusreiter zu verstehen, einen jener Artisten also, deren Darbietung nicht intellektuelle Erbauung zum Zweck hatte, sondern, wie die griechische Bezeichnung [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII.] (Gaukler, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII.] 'staunen') anzeigt, das Publikum in Staunen versetzen sollte. (95) Wenn der Erzahler seine Tatigkeit mit der eines solchen Artisten vergleicht, so greift er das eingangs als Ziel der Erzahlungen genannte mirari wieder auf und weist sich selbst als Unterhaltungskunstler aus. (96) Wir konnen uns die Funktion dieses Bildes klarmachen, indem wir zum Vergleich das Gesprach mit den Reisenden in Buch 1 heranziehen: In dieser Szene finden, allgemein gesagt, die metanarrativen Auberungen des Prologs auf der narratologisch niedrigeren Stufe der Akteure ihren Widerhall. (97) Wahrend der Skeptiker den Wahrheitsgehalt von fabulae kategorisch bestreitet, ist Lucius' Erwiderung eine doppelte: Einerseits betont er den Unterhaltungswert der Geschichten, vertritt also genau die im Eingangsteil des Prologs umschriebene Auffassung, indem er sich auch eines gleichlautenden Vokabulars bedient; (98) zum anderen geht er auf das Argument der Gegenseite ein, indem er durch die Schwertschluckerepisode, (99) die er mit eigenen Augen gesehen habe, die Glaubhaftigkeit wundersamer Geschichten als eine Frage des Standpunktes, d.h. des Vorwissens des Zuhorers, ausweist. (100)

Wie auch im Prolog, wird hier also im Rahmen metanarrativer Ausserungen dem Kriterium des Unterhaltungswertes, welches in der antiken Tradition eng mit der Vorstellung von Fiktionalitat verbunden ist, (101) das der Glaubhaftigkeit entgegengestellt, einer Glaubhaftigkeit freilich, die selbst nur relativ ist: Wie der Adressat im Prolog guten Grund hat, an der Authentizitat des Sprecherbiogramms zu zweifeln, so mogen auch die beiden Wanderer und mit ihnen der konkrete Leser der Metamorphosen die durch den Bezug auf Lucius' eigene Erlebnisse beglaubigte Schwertschluckerepisode in Zweifel ziehen. (102) Doch bietet diese Erzahlung immerhin eine mogliche Auflosung des Gegensatzes zwischen Fiktion und Beglaubigung, indem sie beweist, dass in der Praxis jemand, der uber die notige Fertigkeit verfugt, etwas vollbringen kann, was einem anderen ganzlich unmoglich erscheint.

Ich denke, dass sich die im Prolog erwahnte desultoria scientia, die Fahigkeit eines Artisten, als Entsprechung zur Tatigkeit des circulator lesen labt: Die im Prolog vorgefuhrte vocis immutatio ist, verstanden als auf der Textebene sich abspielender Wandel von Sprecher bzw. Sprechhaltung, nicht nur das erste Beispiel fur eine Verwandlung, (103) sondern zugleich auch der praktische Beweis dafur, dass Verwandlungen tatsachlich moglich sind. Dies gilt naturlich nicht fur die erzahlten Verwandlungen der aktorialen Ebene, vielmehr wird hier das Motiv der Verwandlung von der Inhaltsebene, der es im ersten Prologteil einzig angehort, auf die Textebene ubertragen: Der Erzahler des letzten Abschnitts ist zugleich erzahlende und ausfuhrende Instanz, die das in der Wendung ut mireris liegende Versprechen nicht nur durch den Inhalt des Erzahlten, sondern auch und gerade durch die Art des Erzahlens einlost: (104) Die Kunst des desultor besteht darin, zwischen verschiedenen Erzahlperspektiven zu wechseln und dadurch auch auf der semantischen Ebene Verschiebungen zu bewirken, die zwangslaufig Veranderungen im Verstandnis des Textes auslosen. Prominentestes Beispiel fur einen solchen Perspektivwechsel ist gewiss das fur den homodiegetischen Haupterzahler charakteristische Hin und Her zwischen erzahlendem und erlebendem Ich, welches im Zentrum von Winklers Untersuchung steht, (105) doch betrifft dieses Verfahren alle im Text enthaltenen Erzahlerinstanzen. (106) Solche Perspektivwechsel entfalten ihre Wirkung, wie wir es am Beispiel des Prologs gesehen haben, durch die Wechselbeziehung zur Sprache des Textes, indem einzelne Worter je nach Kontext eine neue Bedeutung erhalten: am deutlichsten ist dies wohl am Begriff der curiositas erkennbar, dessen Umdeutung in Buch 11 eine Neuinterpretation des Gesamttextes zur Folge hat: (107)

Durch die Worte des Isispriesters Mithras erscheint alles Ungluck, welches Lucius in Eselsgestalt erlitten hat, als curiositatis improsperae sinistrum praemium ('schlimmer Lohn fur eine unselige Neugier') (108). Diese curiositas entspricht aber, wie wir oben festgestellt haben, einer bestimmten Rezeptionshaltung, und so bedeutet ihre Verurteilung zugleich eine Absage an die Art und Weise, wie Lucius und mit ihm der Leser die Ereignisse der ersten zehn Bucher wahrgenommen hat. Wenn sich der Erzahler die Interpretation des Priesters zu eigen macht, so kann man nicht von einer volligen Wiederherstellung des Protagonisten des ersten Romanabschnitts sprechen. (109) Ahnliches gilt nun fur den Prolog: Bedeutet die Ruckkehr zum metanarrativen Diskurs im dritten Teil formal eine Ruckverwandlung des Sprechers, so lasst seine Selbstcharakterisierung durch den Vergleich mit einem desultor, auf den vorausgehenden Wechsel der Sprecherhaltung bezogen, einen Wandel im Selbstverstandnis des Erzahlers erkennen: Indem er hier seine vorausgehende Verwandlung als vocis immutatio thematisiert, legt er sich trotz der genannten Anklange an den ersten Prologteil auf keine der beiden Haltungen fest; vielmehr wird die immutatio als Beispiel fur seinen desultoriae scientiae stilus angefuhrt, er selbst also als eine Instanz charakterisiert, die zwischen verschiedenen Positionen hin- und herspringt und gerade dadurch mit keiner dieser Positionen zu identifizieren ist. Wie also das elfte Buch die curiositas des Akteurs Lucius auf der aktorialen Ebene verurteilt, so hebt der letzte Prologabschnitt die im ersten Teil umschriebene curiositas im Sinne einer Rezeptionshaltung, d.h. also in ihrem metanarrativen Aspekt, auf.

Ich denke, dass uns im Bild des desultor die-- aus dem Munde des Erzahlers geausserte--Haltung des abstrakten Autors entgegentritt, die sich jeglicher Festlegung auf der Ebene des Textes entzieht und sich statt dessen gerade durch standigen Wechsel definiert. (110)

Die Prasenz des abstrakten Autors lasst sich mit einem abschliessenden Blick auf die im Laufe des Prologs vollzogene Entwicklung erharten; stellt namlich dessen erster Teil, wie oben gesagt, bereits ein vollstandiges Proom dar, so sind die Veranderungen aufschlussreich, welche dieser Abschnitt bei seiner Wiederaufnahme im dritten Teil erfahrt. So ist aus den eingangs angekundigten variae fabulae eine einzige Geschichte geworden: fabulam Graecanicam incipimus. Ahnlich wie der Verweis auf das fertige Buch in Teil eins, deutet diese Formulierung darauf hin, dass hier die Erzahlung als ein Ganzes betrachtet wird, hinter dem, so wird man erganzen durfen, der abstrakte Autor als einheitsstiftende Instanz hervorblickt. Es liegt auch hierin eine Parallele zur Gesamtheit des Romans: Denn wahrend Lucius sowohl auf aktorialer als auch auf auktorialer Ebene nicht in der Lage ist, der Erzahlung eine Einheit zu verleihen--Lucius-Akteur erkennt nicht die Bezuge der eingeschalteten Geschichten zu seiner eigenen, Lucius-Erzahler halt hingegen bei der Kommentierung der von ihm erzahlten fabulae an einer Position fest, die nichts von seiner religiosen Bekehrung erkennen lasst, und bewirkt mithin, dass seine Erzahlung in zwei Teile zerfallt--, so liefert Buch 11 endlich eine Gesamtinterpretation der Luciusgeschichte, die die Vorstellung eines 'blinden Zufalls' (caeca Fortuna) (111) zugunsten der Konzeption der durchgangig waltenden 'Vorsehung' (providentia) (112) der Isis uberwindet.

5. Schluss: Die Rolle des Lesers

Wie sich im Prolog die Instanz des Sprechers verwandelt, so tut dies in komplementarer Form auch die des Lesers: Befindet sich dieser zunachst in der Rolle eines rein passiven Rezipienten, so wird ihm durch die apologetische Ausserung des rudis locutor die Aufgabe zugewiesen, die Erzahlung zu beurteilen; sollte er darin etwas als anstossig empfinden (si quid offendero), so wird er gebeten, Nachsicht zu uben (en ecce praefamur veniam). Damit wird die Aufmerksamkeit des Lesers erstmals auf mogliche Mangel des Textes gelenkt und der Leser selbst zu einer aktiveren Art der Lekture angehalten, eine Rezeptionshaltung, wie sie im abschliessenden Imperativ: lector, intende ihren deutlichsten Ausdruck findet. Zwar wird der Rezipient, der im ersten Prologteil ja noch zwischen der Rolle eines von einem mundlichen Erzahler direkt angesprochenen Zuhorers und der eines Lesers schwankte, schlieblich auf letzteres festgelegt, doch bedeutet dies genau betrachtet keinen Verlust: Die auf der Ebene der Romanwelt stattfindende Einflussnahme des narrativen Adressaten tragt, wie wir gesehen haben, weder im Prolog noch in der weiteren Erzahlung zu einem besseren Verstandnis des Textes bei. Vielmehr ist der Rezipient nur als Leser mit dem abstrakten Autor auf Augenhohe, da gerade die schriftliche Form des Textes dessen mehrmalige Rezeption und damit ein Erkennen von Rekurrenzen und Querverweisen ermoglicht: Der abstrakte Leser der Metamorphosen ist uberhaupt nur als (second) reader denkbar, welcher die als desultoriae scientiae stilus charakterisierte Erzahlweise nachvollzieht, indem er die Identitat des jeweiligen Erzahlers hinterfragt und im Spiel der Zeichen und Bedeutungen eine aktive Rolle spielt, indem er also, in Winklers Worten, von der Moglichkeit Gebrauch macht, to play his own game. (113)

In diesem Sinne hat auch die hier aufgezeigte Lesart des Prologs weder den Anspruch noch uberhaupt die Absicht, diesen auf eine, wie auch immer geartete, Aussage zu reduzieren, die dann als verbindliche Lektureanweisung fur die folgenden elf Bucher Gultigkeit hatte. Sind die Einleitungen narrativer Prosatexte generell durch ihre deiktische Funktion gepragt, namlich einerseits durch explizite Vorverweise auf die erzahlte Handlung (Geschichte) und deren sprachliche Prasentation (Erzahlung) sowie andererseits (und das gilt in besonderem Masse fur die Prologe der griechischen Romane) durch Bezugnahmen auf die extratextuelle Realitat, so werden im vorliegenden Text gerade die genannten Formen der Deixis untergraben und als konventionell blossgelegt. An ihre Stelle tritt, wie wir gesehen haben, eine komplexere, da nicht direkt ausgesprochene, sondern strukturell und semantisch vermittelte, deiktische Mitteilung, ein Hinweis auf die Struktur der Erzahlung. Erweist sich der Prolog hierin als Spiegelbild des Romans, so wird nun klar, dass die Analogie letztlich uber die blosse Struktur hinausgeht: Die Erschutterung vorgegebener koharenzstiftender Muster durch den Text und die dem Leser dadurch zugewiesene Suche nach stets neuen Moglichkeiten der Integration ist das eigentliche Thema dieses Prologs: (114) Hinter einem verwirrenden Nebeneinander von Informationen verbirgt sich schlieblich, und nur fur den second reader erkennbar, der Hinweis auf das, was man hermeneutisch als das zentrale Problem des Romans wird bezeichnen konnen: die Einheit des Textes.

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(1) Genannt sei hier lediglich der jungst erschienene Sammelband Kahane/Laird 2001.

(2) Met. 9.8.

(3) Winkler 1985.

(4) Dabei kann an dieser Stelle auf die von Keulen 2003a formulierten Thesen nicht naher eingegangen werden, dessen Kommentar zu Met. 1. 1-20 mir erst nach Abfassung dieser Arbeit zuganglich wurde. Keulens, ohne Frage sehr anregende, Analyse, die auf einer konsequent rhetorischen Lesart der kommentierten Passagen beruht und in dem Prolog ein rhetorisches Programm fur den gesamten Roman theoretisch wie auch performativ entwickelt sieht, erweist sich - soviel sei hier gesagt - entgegen der Annahme ihres Ver fassers (Keulen 2003a, 10) als durchaus mit einem narratologischen Ansatz wie dem hier vertretenen kompatibel: so in der Betrachtung der Prologerzahlers qua Erzahler (ibid.) oder in der, auch fur die vorliegende Untersuchung zentralen, Herausarbeitung von Analogien zwischen verschiedenen Ebenen des Textes wie Inhalt und Stil (ibid., 16ff.).

(5) So auch Winkler 1985, 183, der diesen Abschnitt als first prologue bezeichnet.

(6) Die Entschuldigung liesse sich als Wiederaufnahme des metanarrativen Diskurses auch dem dritten Teil zuschlagen, doch ist sie, wie unten erortert werden wird, als tradierter Topos der ebenfalls konventionellen Vorstellung des Erzahlers eng verwandt.

(7) So greift fabulam Graecanicam die varias fabulas auf, wobei das Adjektiv auf griechische Vorbilder verweist, wie sie durch das Milesio isto sermone zuvor ausdrucklich genannt wurden; die Aufforderung: lector, intende entspricht strukturell als vom Leser zu erfullende Bedingung der Wendung: modo si non spreveris ... inspicere und im weiteren Sinne auch der Formulierung aures benivolas, welche ebenfalls eine Voraussetzung enthalt; am Ende steht mit laetaberis erneut das Versprechen von Unterhaltung.

(8) Ich fuhre die franzosischen Termini hier in deutscher Ubertragung ein, wobei ich mich an A. Knops Ubersetzung von Genettes Nouveau discours du recit (= Genette 1994) halte. Das hier angewandte Nebeneinander deutscher und franzosischer Bezeichnungen erscheint fur die nachfolgende Untersuchung aus Platzgrunden nicht praktikabel, daher werden nur die deutschsprachigen Ausdrucke durchgangig Verwendung finden.

(9) Lintvelt 1981, 16-33.

(10) Diese, von W. Booth 1983, 70-76 unter der Bezeichnung des implied author eingefuhrte, Instanz ist zwar in der Literaturtheorie umstritten und von Genette 1983, 94-107 kritisiert worden. Sie erscheint mir aber methodisch schon deshalb sinnvoll, da sie den Interpreten zu grosserer Vorsicht im Umgang mit seinem Wissen uber den historischen Autor verpflichtet: Die geistige Haltung des konkreten Autors lasst sich schwerlich als feste, unveranderliche Grosse beschreiben, sondern ist prinzipiell einem historischen Wandel zuganglich, und so kann das sich im Text aussernde Autorbewusstsein allenfalls als Abbild der Befindlichkeit des konkreten Autors zum Zeitpunkt der Abfassung des Textes betrachtet werden. Doch selbst unter dieser Einschrankung ist es sehr problematisch, eine vollige Ubereinstimmung zwischen der auktorialen Wirkungsabsicht und dem daraus resultierenden Text a priori vorauszusetzen und damit Mangel in der kunstlerischen Umsetzung kategorisch auszuschlieben. Aus diesen Grunden werde ich im folgenden an Lintvelts abstraktem Autor festhalten.

(11) Genette 1972, 72.

(12) Lintvelt 1981, 37f. bezeichnet die heterodiegetische und homodiegetische Erzahlweise als formes narratives de base und bestimmt die drei Erzahltypen nach dem Kriterium des intratextuellen Orientierungszentrums (centre d'orientation).

(13) Genette 1972, 259.

(14) Winkler 1985, 196.

(15) Benveniste 1966, 239; vgl. auch Laird 2001, der die Begriffe discours und histoire mit den lateinischen Termini sermo und fabula gleichsetzt und diese Dichotomie seiner Interpretation des Prologs zugrundelegt.

(16) Im folgenden behalte ich Benvenistes Terminologie unubersetzt bei. Dabei wird einer moglichen Verwechslung seines linguistischen histoire-Begriffs mit dem narratologischen Genettes dadurch vorgebeugt, dab letzterer mit der deutschen Bezeichnung 'Geschichte' wiedergegeben wird.

(17) So etwa Helm 1956, 354: ... und die Entschuldigung wegen etwaiger Verstosse kann bei dem Kenner der alten lateinischen Literatur nur ein Scherz sein.

(18) Vgl. Janson 1964, 131, der den Passus als Aussage des Lucius versteht, welche die Funktion habe, to give life and credibility to the character of Lucius, to show Lucius' urbanity and courteous manner.

(19) Im folgenden wird im Anschluss an Winkler 1985 von dem first reader im Sinne eines Lesers die Rede sein, der den Text erstmals - und damit linear - rezipiert. Demgegenuber bezeichnet der Ausdruck second reader einen Leser, der den Text bereits mindestens einmal gelesen hat und ihn somit als synchrones Ganzes uberschaut.

(20) Vgl. Herkommer 1968, 47 mit Beispielen.

(21) So etwa die namentliche Selbsteinfuhrung bei Chariton 1.1.: 'Ich, Chariton aus Aphrodisias, Sekretar des Redners Athenagoras, will von einer erotischen Affare berichten, die sich in Syrakus zugetragen hat.'

(22) Der von Riefstahl 1938, 22 unternommene Versuch, die Aussagen des gesamten Prologs Apuleius zuzuschreiben, ist nur durch eine metaphorische Deutung des Biogramms uberhaupt moglich, jedoch nicht uberzeugend.

(23) Die Angabe eines dreifachen Herkunftsortes lasst sich wortlich auf keinen Sprecher beziehen, sondern erfordert von vornherein eine metaphorische Lesart.

(24) Most 1993, 32, der hier das von den russischen Formalisten gepragte Verstandnis der Parodie referiert. Zur Parodie gangiger Erzahlformen bei Apuleius s. auch Hofmann 1993a.

(25) So etwa Isokr. 12.38; Lys. 2.1; vgl. Herkommer 1968, 52-56, mit zahlreichen weiteren Beispielen.

(26) Vgl. etwa die bei Gellius 11.8.3 referierte Bitte um Nachsicht, mit der A. Postumius Albinus sein (nicht auf uns gekommenes) Geschichtswerk eingeleitet habe: 'nam sum', inquit, 'homo Romanus natus in Latio, Graeca oratio a nobis alienissima est', ideoque veniam gratiamque malae existimationis, si quid esset erratum, postulavit. ('Denn ich bin', so schrieb er, 'ein Romer, in Latium geboren, und die griechische Redeweise ist mir ausserst fremd', und deshalb bat er um Verzeihung und darum, dass man ihm Kritik erspare, falls er irgend einen Fehler begangen habe.) Vgl. auch Polyb. 39.1.3.

(27) Siehe Rhet. ad Alex. 29, 1436b34; Quint. Inst. 4.1.8.

(28) Vgl. auch Morgan 2001, 154f.

(29) Dies gilt, obwohl im Biogramm teilweise gewahlte, archaische Ausdrucke wie das Adjektiv aerumnabilis ('muhevoll') oder das Substantiv prosapia ('Geschlecht, Herkunftsstatte') verwendet werden, s. Scobie 1975, 74; vgl. auch Winkler 1985, 182. Kommentierungen wie die von Helm (s.o. Anm. 17) konnen deshalb von einem Scherz ausgehen, weil sie die Aussage auf den konkreten Autor Apuleius beziehen, der ja bekanntlich kein rudis locutor war; doch sollte man hier mit der Zuweisung der Sprecherrolle vorsichtig sein.

(30) Vgl. oben Anm. 5.

(31) Vgl. auch Laird 2001, 272, der den Gedanken jedoch nicht naher ausfuhrt.

(32) So etwa die, ebenfalls aus einer metanarrativen Gesprachssituation hervorgegangene, Erzahlung des Aristomenes, Met. 1. 5ff.

(33) Diese Lesart findet semantisch gerade in dem Begriff der immutatio eine Stutze, der in der literarischen Tradition wiederholt zur Bezeichnung einer Metamorphose verwendet wird, vgl. Ov. Met. 7.722 und 15.455; die zahlreichen Belege fur das Simplex mutare konnen hier nicht aufgelistet werden, doch wird man in unserem Kontext zuerst an die mutatas formas ('verwandelte Gestalten') des Prooms denken.

(34) Anders James 1987, 31, die die vocis immutatio ebenfalls auf einen Wechsel des Sprechers bezieht. Ihre in der Tradition von Leo 1905 stehende Zuordnung der Teile des Prologs, wonach Lucius den Mittelteil und Apuleius als Erzahler die ubrigen Partien spreche, scheint mir in hochstem Masse problematisch: Gerade die Gleichsetzung eines fiktiven Erzahlers mit dem (konkreten) Autor Apuleius ist, aus der Perspektive des von Genette/Lintvelt erarbeiteten Begriffsapparates betrachtet, nicht haltbar, und es wird im folgenden zu zeigen sein, dass sich der auktoriale Sprecher des Eingangsteils auch nur schwerlich als Sprachrohr des abstrakten Autors verstehen lasst. Das Biogramm ist zwar durchaus auf Lucius beziehbar, doch ist es fur den vorliegenden Text gerade typisch, dass die darin enthaltenen Angaben zwar ausreichen, um eine solche Gleichsetzung zu stutzen, aber viel zu vage sind, um sie als zwingend erscheinen lassen.

(35) Das Motiv der Stimme ohne Korper wird wiederholt in wechselndem Wortlaut ausgedruckt, indem bald von einer vox quaedam corporis sui nuda ('eine ihres Korpers bare Stimme', 5.2), bald von voces informes ('gestaltlose Stimmen', 5.3) die Rede ist, wahrend es wenig spater von Psyche heisst: solas voces famulas habebat ('sie hatte lediglich Stimmen als Dienerinnen', 5.3).

(36) S. oben, 34.

(37) Scobie 1975, 67f.

(38) In diesem Sinne auch Winkler 1985, 184.

(39) Gerade wenn man, der mittlerweile allgemein anerkannten, von Harrison 1990, 508 und Harrison/Winterbottom 2001, 12 vertreteten Interpunktion folgend, den ersten Satz des Prooms erst mit der Ankundigung: exordior schlieben lasst (- eine Lesart, fur die auch die Verteilung der Klauseln spricht, s. Nisbet 2001, 21 -), ist hier ein Anklang an die heterodiegetischen Sprecher epischer Proomien erkennbar, die in der ersten Person ihr Thema ankundigen, um dann sogleich in den Hintergrund zu treten und den in der dritten Person beschriebenen Akteuren die Buhne zu uberlassen, vgl. etwa Verg. Aen. 1.1: arma virumque cano ... ('die Waffentaten und den Mann besinge ich ...'); zur Anlehnung des Prologs an epische Proomien vgl. auch Tatum 1979, 32.

(40) fabula kann im Sinne von sermo/ sermocinatio ('alltagssprachliche Erzahlung') auch nichtfiktive Ereignisse zum Inhalt haben, s. ThLL s.v. fabula 24, 64-25, 40; vgl. Bitel 2001, 145. Wie Bitel allerdings selbst betont, kann diese Bedeutung des Wortes im Prolog allenfalls von einem fiktiven Leser aktualisiert werden, wahrend fur den konkreten Leser bereits die extratextuellen Kennzeichen der Fiktionalitat das Verstandnis auch dieses Wortes bestimmen.

(41) Ab 1.2 konnte vollig problemlos auch eine heterodiegetische Erzahlform gebraucht werden, in der die Erlebnisse des Lucius in der dritten Person beschrieben werden.

42 Met. 11.28: ... spiritu faventis Eventus quaesticulo forensi nutrito per patrocinia sermonis Romani ('dank dem gunstigen Hauch des mir wohlgesonnenen Glucksgottes durch meine Tatigkeit auf dem Forum als Anwalt lateinischer Sprache genahrt'); vgl. auch 11.30: ... liberali deum providentia iam stipendiis forensibus bellule fotum ('durch die freigebige Fursorge der Gotter durch die Einnahmen auf dem Forum gut versorgt').

(43) Vgl. Dowden 2001, 125.

(44) Dies gilt in besonderem Mabe dann, wenn der Erzahler sie als Zeuge (9.30) oder gar als Protagonist (9.27) ausdrucklich beglaubigt.

(45) S. oben Anm. 7.

(46) S. dazu unten 57ff.

(47) OLD s.v. scientia 2.b; vgl. Harrison/Winterbottom 2001, 15.

(48) Vgl. James 1987, 29ff.

(49) Met. 1.5-19.

(50) Met. 2.21-30.

(51) Als einzige Ausnahme liesse sich die Verzauberung der Schlauche durch die Zauberin Pamphile in 2. 18 anfuhren; doch entzieht sich dieser Vorgang bezeichnenderweise der Wahrnehmung des Ich-Erzahlers und wird in der Erzahlung der Photis, d.h. auf der Ebene einer zitierten Welt, nachgetragen.

(52) Vgl. auch James 1987, 29f.

(53) Ein Beispiel fur einen Konflikt zwischen auktorialer und aktorialer Instanz ist Lucius' Eingreifen in die Ehebruchsgeschichte um den Muller in Met. 9.27: Das erlebende Ich (Lucius-Esel) dringt hier in die von seinem auktorialen Gegenpart als 'ganz besonders schon, reizend und gefallig' angekundigte Geschichte (fabulam denique bonam prae ceteris, suavem, comptam, Met. 9.13) ein und bewirkt damit, dass eben diese Ankundigung nicht in Erfullung geht.

(54) Vgl. Winkler 1985, 195: ... at some point or other in reading the AA we as readers will indeed ask ourselves,, ,,Who is this speaking?" It becomes the very question we would like to put to the speaker.

(55) Vgl. Dowden 1982, 422-425 mit einer eingehenden Untersuchung des Gebrauchs dieser Partikel als perspective maintainer in den Metamorphosen. S. auch Winkler 1985, 66ff., der in dieser Haltung zu Recht eine elementare Verfahrensweise zur Beglaubigung des Erzahlten erkennt, mit zahlreichen Beispielen.

(56) Winkler 1985, 66ff., mit Beispielen.

(57) Met. 9.30.

(58) Asinus kann naturlich auch ubertragen einen torichten Menschen bezeichnen, s. ThLL s.v. asinus, 794, 36ff., vgl. als Beispiel fur diese Lesart Winkler 1985, 150. Vgl. auch Met. 10.33.

(59) Vgl. GCA 1995, 258 ad Met. 9.30 (s.v. astutule asine).: the lector no more distinguishes between the narrator and the ass than countless historical readers of the Met. have distinguished between Lucius and Apuleius. Der hier vom Erzahler apostrophierte lector scrupulosus ist also weit davon entfernt, das Idealbild eines (aufmerksamen) Lesers im Sinne der im Prolog geausserten Aufforderung: lector, intende, oder, in der Terminologie von Genette/Lintvelt, den abstrakten Leser des Buches zu reprasentieren.

(60) Als abruptes Eindringen des konkreten Autors in den Bereich der erzahlten Welt ist die Aussage des Priesters Asinius Marcellus in 11.27 zu verstehen, der Gott Osiris habe ihm Lucius als Madaurensem, sed admodum pauperem (als einen 'Mann aus Madaura, der jedoch ziemlich arm ist') angekundigt, ein offensichtlicher Verweis auf den konkreten Autor Apuleius; gleiches gilt fur 4.32, wo es heisst, Apollo, als Bewohner von Delphi eigentlich ein Grieche, habe propter Milesiae conditorem ('dem Verfasser der milesischen Geschichte zuliebe') sein Orakel auf Lateinisch erteilt; vgl. van der Paardt 1981.

(61) Zu diesem Konzept s. Hofmann 1993a.

(62) Met. 2,12. Vgl. Dowden 1982, 430, der diese Stelle ebenfalls als Ausserung interpretiert, which appears to cover every possibility: the true account, the fictitious story (or plot?), the written word; dagegen jedoch Scobie 1973, 42.

(63) Diese Ebene umfasst naturlich v.a. fur die vom Erzahler an seinen narrativen Adressaten gerichteten Bemerkungen, ebenso aber auch die auf der narratologisch untergeordneten Stufe der erzahlten Welt sich abspielenden Unterhaltungen verschiedener Akteure uber Geschichten, etwa das Gesprach zwischen Lucius und den Wanderern, Met. 1.2-1.4, 1.20.

(64) ThLL s.v. lepidus, 1172, 26ff.

(65) Met. 1.2. Keulen 2003a ad loc. fuhrt als Vergleich Apul. Apol. 94.6 an: quo lepore, qua verborum amoenitate simul et iucunditate.

(66) Met. 1.20.

(67) So kundigt der auktoriale Erzahler in 9.4 die Geschichte vom Liebhaber im Fass als lepidam ... fabulam an.

(68) Etwa der alten Frau, welche die Geschichte von Amor und Psyche erzahlt, Met. 4.27: Sed ego te narrationibus lepidis anilibusque protinus avocabo ('Doch ich will dich sogleich durch die anmutigen Erzahlungen einer alten Frau ablenken').

(69) Vgl. etwa Munstermann 1995, 13ff.

(70) Met. 2.7.

(71) Met. 5.31 und 6.10.

(72) OLD s.v. permulcere 1; vgl. ThLL s.v. mulcere, 1562, 21-41.

(73) Met. 5.6. Vgl. etwa auch die, eminent erotische, Beschreibung der Tanzerinnen in der szenischen Darstellung des Parisurteils, Met. 10.32: quibus spectatorum pectora suave mulcentibus ('wahrend diese lieblich die Herzen der Zuschauer bezauberten').

(74) Vgl. etwa Schlam 1970, 480, der hieraus eine platonische Deutung herleitet.

(75) Met. 8.10.

(76) Met. 5.6. Die enge Verbindung erotischer und magischer Macht von Frauen uber Manner ist ein zentrales Motiv der ersten drei Bucher: Man denke an Meroes (etwa Met. 1.9) und Pamphiles (Met. 3.15f.) Umgang mit ihren Liebhabern.

(77) Met. 1.3.

(78) S. oben Anm. 67.

(79) Winkler 1985, 140 ff. spricht von suppression of the auctor-narrator.

(80) Met. 2.4f.: Die abschliessenden Worte der Byrrhena lassen sich in ihrer Ambivalenz als ausdruckliche Warnung verstehen: 'tua sunt', ait Byrrhena, 'cuncta quae vides' (''Dein ist', sprach Byrrhena, 'alles, was du hier siehst''); vgl. Winkler 1985, 168.

(81) Erotik und Magie sind die zwei zentralen Themen der Aristomenesgeschichte, Thelyphrons Erzahlung hat die Zauberei zum Inhalt, und schliesslich bestimmen Sexualitat und Magie auch das Verhaltnis zwischen Lucius und Photis. Beide Themenkomplexe, besonders der der Magie, verlieren mit der Verwandlung des Lucius ihre zentrale Stellung; vgl. die Ausfuhrungen zu Sex and Witchcraft in den Metamorphosen bei Schlam 1992, 67ff.

(82) S. als ein Beispiel von vielen die Beschreibung von Lucius' erstem Spaziergang durch Hypata (Met. 2.1), den er in der erklarten Hoffnung unternimmt, magische Vorgange selbst zu erleben: ... anxius alioquin et nimis cupidus cognoscendi quae rara miraque sunt, ... curiose singula considerabam. ('im ubrigen unruhig und allzu begierig, Seltsames und Staunenswertes zu erfahren, ... prufte ich neugierig jede Einzelheit').

(83) Etwa die den Text abrupt einleitende Partikel at, ferner deiktische Verweise wie die gleich darauf folgenden Personalpronomina ego tibi und das, zumindest im klassischen Gebrauch, auf einen Angeredeten bezogenen Demonstrativum isto, insbesondere aber die Frage: quis ille?, die den monologischen Vortrag des Erzahlers in die Form eines Wechselgesprachs uberfuhrt; vgl. etwa Tatum 1979, 24ff. und De Jong 2001.

(84) Vgl. etwa Harrison/Winterbottom 2001, 11: an early hint at Isiac content; dagegen Scobie 1975, 69 und Winkler 1985, 186ff.

(85) Vgl. dazu Scobie 1975 ad loc.

(86) Es fuhrte zu weit, hier samtliche Belegstellen anfuhren zu wollen; als aerumnae werden beispielsweise die Erlebnisse des Socrates (Met. 1.6) bezeichnet, aber auch die Leiden der Psyche (Met. 6.5; 6.15) und das Ungluck, welches Charite dem geblendeten Thrasyllus voraussagt (Met. 8.12); ganz ahnlich wird das Wort labor auf die der Psyche von Venus auferlegten Arbeiten bezogen (Met. 6.10; 6.11; 6.13 u.a.), aber auch auf die von diesen selbst als muhselig dargestellte Tatigkeit der Rauber (Met. 4.7) und die harte Arbeit des Gartners, der Lucius-Esel erworben hat (Met. 9.31).

(87) Met. 7.2.

(88) Met. 11.2.

(89) Met. 1.20.

(90) So etwa Winkler 1985, 185. Ausgehend von dieser Moglichkeit, hat man sogar das Buch selbst als Sprecher angenommen, s. Harrison 1990, dessen Argumente jedoch nicht zu uberzeugen vermogen.

(91) Im Nebensatz: si quid exotici ac forensis sermonis rudis locutor offendero sind die Genetive wohl auf den Ausdruck rudis locutor zu beziehen, vgl. Harrison/Winterbottom 2001, 14; damit ist die mangelnde Sprachbeherrschung zwar unstrittig Entschuldigungsgrund, aber nicht zwingend auch Inhalt der Entschuldigung.

(92) Ich denke dabei zum einen an den oben erorterten Passus in 9.30; ein ahnliche Gleichsetzung von erzahlendem und erlebendem Ich durch den narrativen Adressaten liegt in 10.33 vor.

(93) Winkler 1985, 196ff.

(94) OLD s.v. stilus 4.b.

(95) Ein bei Arnobius uberlieferter Katalog solcher Artisten fuhrt ausdrucklich auch die desultores auf, Arnob. 2.38.

(96) Zur Schwertschluckerepisode vgl. auch Keulen 2003b.

(97) Generell werden in 1.2 einzelne Ausdrucke des Prologs aufgegriffen und aus dessen auktorialem Kontext in einen aktorialen transferiert: So wird das Adjektiv desultorius in die Wendung in pedes desilio ('ich springe <vom Rucken des Pferdes> auf meine Fube') uberfuhrt, und aus dem Versprechen: auresque tuas ... permulceam wird das Streicheln der Ohren des Pferdes: auris remulceo; vgl. Winkler 1985, 200. In gleicher Weise nimmt die Erzahlung des Aristomenes Begriffe aus der Unterhaltung zwischen Lucius und dem Skeptiker auf, s. Tatum 1979, 497f.

(98) Met. 1.2 simul iugi quod insurgimus aspritudinem fabularum lepida iucunditas levigabit. ('Zugleich wird uns der anmutige Charme von Geschichten das Erklimmen der rauhen Anhohe erleichtern'); vgl. oben, 49.

(99) Met. 1.4.

(100) Met. 1.20: nam et mihi et tibi et cunctis hominibus multa usu venire mira et paene infecta, quae tamen ignaro relata fidem perdant. ('Denn mir und dir und uberhaupt allen Menschen widerfahrt viel Wunderbares und beinahe Unmogliches, was aber seine Glaubwurdigkeit verliert, wenn man es jemandem erzahlt, der damit nicht vertraut ist.'); vgl. auch die analogen Ausfuhrungen in 1.3. Winkler 1985, 29 bezeichnet die von Lucius hier geforderte Haltung in zutreffender Weise als suspended judgement.

(101) Vgl. Morgan 2001, 155: Fictivity and pleasure in narrative go together, as do truth and utility.

(102) Gerade fur den second reader steht ja die Geschichte vom Schwertschlucker durch den Bezug auf die Biographie des Lucius auf einer Stufe etwa mit dessen Verwandlung.

(103) Vgl. James 1987, 29f.

(104) Vgl. James 1987, 32. Man konnte sagen, dass dieses Konzept das im ersten Prologteil latent vorhandene Bedeutungsfeld der Magie ruckwirkend aktualisiert, indem der Erzahler gleichsam als literarischer ,,Magier" Verwandlungen inszeniert.

(105) Winkler 1985 passim; vgl. James 1987, 39, Anm. 20.

(106) Wie oben ausgefuhrt, beschrankt sich das Spiel mit den Erzahlinstanzen nicht nur auf auktorialen und aktorialen Ich-Erzahler, sondern es kann sogar der konkrete Autor ausdrucklich in den Text eindringen, wie in Met. 4.32 und 11.27, vgl. oben Anm. 60. Eine ausfuhrliche Analyse der Wechselwirkung von Erzahlperspektive und Sinnkonstruktion am Beispiel der Ehebruchsgeschichte im Hause des pistor, Met. 9.16-28, bietet Hofmann 1993b.

(107) Zum Bedeutungswandel einzelner Termini wie fortuna, voluptas und servitium in Buch 11 s. Tatum 1969, 492f.

(108) Met. 11.15.

(109) Wie der Ausdruck reformatio (Met. 11.13 und 11.27) treffend ausdruckt, handelt es sich lediglich um eine Ruckkehr in die fruhere Gestalt (forma), wahrend ansonsten Lucius' ganze Existenz (seine fortuna im Sinne des Prologs) durch die Bekehrung eine einschneidende Wende erfahrt.

(110) Vgl. Flor. 18, wo Apuleius, im Theater von Karthago sprechend, seine Tatigkeit zu der der Artisten in Verbindung setzt, die dort sonst auftreten; vgl. dazu auch Hunink 2001, 184.

(111) Met. 7.2; 8.24.

(112) Met. 11.15; 11.21; 11.27.

(113) Winkler 1985, 15.

(114) Zur Rolle, die dem Leser des Prologs zukommt, vgl. Zimmerman 2001.

ALEXANDER HAUSSLER

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Author:Haussler, Alexander
Publication:Ancient Narrative
Date:Jan 1, 2005
Words:12922
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