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Daub, Adrian. "Zwillingshafte Gebarden": Zur kulturellen Wahrnehmung des vierhandigen Klavierspiels im neunzehnten Jahrhundert.

Daub, Adrian. "Zwillingshafte Gebarden". Zur kuhurellen Wahrnehmung des vierhandigen Klavierspiels im neunzehnten Jahrhundert. Wurzburg: Konigshausen & Neumann, 2009. 255 pp. 38.00 [euro] paperback.

Wahrend in den Cultural Studies die Reprasentation visueller Phanomene in literarisch-fiktionalen und anderen Texten mittlerweile zum Standardthema geworden ist, stellt die entsprechende Darstellung auditiver Phanomene--besonders solche der Musikkultur--immer noch ein vergleichsweise ungewohnliches Forschungsgebiet dar. Dabei stellt die Welt der Tone, sei es in der "naturlichen" Produktion durch menschliche Stimmen bzw. Musikinstrumente, sei es durch deren mechanische bzw. digitale (Re-)produktion, immer schon das supplementare Andere der in der Moderne dominierenden Bilderwelt dar. Der vielfaltigen Uberlagerung der Medienfelder Musik, Visualitat und Text widmet sich Adrian Daubs instruktive und bahnbrechende Studie. Wie der Untertitel ankundigt, zielt sie auf die doppelt vermittelte und gebrochene Reprasentation der Kultur des vierhandigen Klavierspiels im 19. Jahrhundert: also auf die vorwiegend literarische Verarbeitung einer visuellen Wahrnehmungsweise, die sich wiederum einer musikalischen Praxis widmet, deren Implikationen trotz ihrer scheinbaren Marginalitat fur das Verstandnis der burgerlichen Kultur enorm sind. Gezeigt wird, "dass das vierhandige Klavierspiel alles andere als ein Epiphanomen oder eine Randerscheinung der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts war. Vielmehr stellte es eine zentrale Buhne fur die Inszenierung des Ich, der Gemeinschaft und der Nation dar"(15). Obwohl Daub sich auf ein makelloses Quellenstudium berufen kann, ist er sich der hermeneutischen Schwierigkeit seiner Rekonstruktion dieses uberdeterminierten und vieldeutigen Phanomens nur allzu bewusst, spricht er doch davon, sich bei seinen Analysen bewusst auf Luckenfullungen, Hypothesen und Spekulation einlassen zu mussen (16).

Der Ertrag dieser ebenso vorsichtigen wie uberzeugenden Vorgehensweise ist beeindruckend. Was auf den ersten Blick als altmodisch-kurioses Hausmusiktreiben anmutet, erscheint in Daubs ausserst gut lesbarer Arbeit als Medium kulturgeschichtlicher und sozialpsychologischer Aspekte, die ins Zentrum der burgerlichen Imagination im 19. und fruhen 20. Jahrhundert verweisen. Daubs durchgehender Gesichtspunkt ist, dass das vierhandige Klavierspiel selten "objektiv" aus der Perspektive der beiden Spieler selbst beschrieben wird, sondern meistens aus der Warte eines scheinbar unbeteiligten Dritten, der normalerweise mannlich ist (245). Damit wird das Vierhandigspiel nicht nur zu einem rein musikalischen Ereignis (das dann auch vor allem Musikhistoriker interessieren wurde), sondern zu einem primar visuellen Spektakel, das voyeuristisch als Projektionsflache allerlei Traumen, Begehren, Verdrangungen und Befurchtungen dient. Detailliert erhellt Daub die Bedeutungen dieser Performanz, die immer vielschichtig, ambivalent und widerspruchlich erscheint. Er beginnt mit der materiellen Dimension des Vierhandigspiels--das Klavier als Mobel und Vermittlungsmechanismus zwischen hauslicher Sphare und gesellschaftlicher Aussenwelt; er bespricht die vierhandige Musik, mit ihren beliebten Bearbeitungen und Symphonie-Auszugen, als Konsumware und Sammelobjekt, was sie in die Nahe des Marxschen Warenfetisch, aber auch des Freudschen Fetischbegriffs ruckt (31); er analysiert die sowohl erotischen wie "monstrosen" Vereinigungsexerzitien der beiden Spieler; er geht auf die zeitgenossischen Theorien zum Kult der Hand als Ausdruck fur "Erbmaterial, Veranlagung und Gesinnung" (32) ein; und er betrachtet den scheinbaren Widerspruch zwischen den Meinungen, die im Vierhandigspiel eine quasi industrielle Arbeit sahen und denjenigen, die in ihm gerade das utopische Modell fur ein "unentfremdetes, produktloses Schaffen" (32) sahen.

Uber das spezifische Phanomen des Vierhandigspiels hinaus hat Daubs Studie weitergehende Implikationen. Ausgehend von seinen erganzenden Anmerkungen zum Solospiel und dem Spiel an zwei Klavieren ware zu fragen, ob andere musikalische Praktiken--das Symphonieorchester, kammermusikalische Darbietungen, andere Instrumentalsolisten--vergleichbare Signifikanz als Objekte kultureller Wahrnehmung und Fiktionalisierung besitzen und wenn ja, welche besondere Inhalts-Projektionen und Erzahlstrategien sich dabei ergeben. Fur die intermediale Literaturwissenschaft, auch wenn er nicht direkt auf theoretische Aspekte dieses Forschungszweigs eingeht, durfte Daubs Studie ebenfalls von grossem Interesse sein. Abgesehen von der komplizierten Frage, ob und wie musikalische "Sprache" in literarischen Diskurs "ubersetzt" werden kann, zeigt Daub, dass musikalische Phanomene nie von den materiellen Umstanden der Darbietungspraxis und der Korperlichkeit der Spieler abgelost werden konnen, die wiederum nur in je spezifischen historisch-kulturellen Kontexten und Rezeptionspraktiken verstandlich sind. Daub weiss musikwissenschaftliche Ausfuhrungen mit Reflexionen uber visuelle Wahrnehmungsmuster und deren Reprasentierbarkeit in fiktionalen und anderen Textgenres zu verbinden, und zwar auf eine methodisch reflektierte Weise, die die komplexen Interaktionen, Differenzen und Trans formationen zwischen diesen Mediensystemen deutlich werden lassen.

ROLF J. GOEBEL

University of Alabama in Huntsville
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Article Details
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Author:Goebel, Rolf J.
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Jan 1, 2010
Words:659
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