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Completely new and rare words occurring in Pseudo-Soranus Quaestiones medicinales/Unbekannter und seltener wortschatz in den pseudosoranischen Qvaestiones medicinales.

Valentin Rose veroffentlichte 1870 erstmals einen lateinischen Text unter dem (nicht uberlieferten) Titel Quaestiones medicinales. Da er in der (einzigen) von Rose benutzten Handschrift mit Soranusfilio karissimo salutem beginnt, wird er als Ps.-Sor. quaest. med. zitiert. Diese Rose allein bekannte Hs. London, British Library, Cotton Galba E IV enthalt eine durch Blattverlust bedingte Lucke im [section] 52 Rose und endet wegen eines weiteren Blattverlusts vorzeitig (1). Mehr als dreissig Jahre spater entdeckte Hermann Stadler in Chartres eine weitere Handschrift mit diesem Text und publizierte das bei Rose in [section] 52 Fehlende im Archiv fur lateinische Lexikographie (2). Dieser Teil, [section] 52 Rose (= [section] 85C bzw. [section] 62L) enthalt einen anatomischen Traktat, der nicht wie der Rest der Schrift in Frage-und-Antwort-Form gehalten ist und sich bereits allein dadurch als Einschiebsel verrat. Stadler erkannte, was Rose verborgen geblieben war, die Verbindung dieses Anatomietraktats mit Isidor, der im 11. Buch seiner Etymologien eben diesen Traktat heranzieht (3), wie sich anhand einiger seltener Worter, die nur bei Isidor und im Anatomietraktat stehen (man denke an intercilium und interfinium), auf den ersten Blick sehen lasst; man kann das jetzt auch den entsprechenden Thesaurusartikeln und Jacques Andres Studie Le vocabulaire latin de l'anatomie, Paris, 1991 (Collection d'Etudes Anciennes, 59; im folgenden wird darauf allein mit dem Namen des Verfassers Andre Bezug genommen), leicht entnehmen. Eine weitere Zutat ist der ebenfalls nicht in Frageform gehaltene erste Teil (pp. 243-247, 9 Rose), eine Einfuhrung in die Medizin, die auch anderweitig uberliefert wird und die ich aus diesem Grunde nicht in meine geplante Neuausgabe der Quaestiones medicinales aufnehmen werde.

Die Quaestiones medicinales erinnern an ein ganz ahnliches griechisches Werk, die Definitiones medicae des Pseudo-Galen, deren kritische Ausgabe wir von Jutta Kollesch erwarten. Da sie denselben Gegenstand wie die Quaestiones medicinales behandeln und das in gleicher Weise, namlich als medizinisches Lehrbuch (4), tun, gibt es mannigfache Uberschneidungen. Rose hatte seinerzeit Parallelen in den Definitiones medicae am Rande seiner Ausgabe angefuhrt und deshalb zahlreiche Forscher, die sein Vorwort nicht im Kopf hatten (dort sprach Rose zutreffender von ,Bearbeitung (5)'), zu der Annahme verleitet, die Quaestiones medicinales seien mehr oder weniger als die lateinische Fassung der Definitiones medicae Pseudo-Galens anzusehen. Diese Annahme ist, wie auch Jutta Kollesch betonte, vollig unzutreffend, vielmehr gehoren beide Werke einem Genre medizinischen Schrifttums an, das sicher in erster Linie fur Anfanger gedacht war. Seine Ursprunge vermute ich im Hellenismus; inzwischen ist dieses Genre auch durch eine Reihe von Papyrusfunden erstaunlich gut bezeugt, die wiederum Parallelen zu den def. med. und den quaest. med. zeigen. Jutta Kollesch datiert die pseudogalenischen Definitiones medicae ins 1. nachchristliche Jahrhundert (6); Teile der Quaestiones medicinales konnten sogar noch alter sein, was allerdings angesichts des kompilatorischen Charakters dieser Schriften und in Anbetracht der sehr sparlichen Uberlieferung der hellenistischen Medizin selbst kaum nachweisbar sein durfte.

Aus welcher Zeit stammt nun die uns vorliegende lateinische Ubersetzung der Quaestiones medicinales? Die einzigen halbwegs konkreten Hinweise durften sich in ihrer Sprache finden, und hier wiederum allein im Wortschatz. Tatsachlich werden wir sehen, dass eine Reihe von Wortern ebenfalls bei spatantiken Autoren bezeugt ist, zu denen auch die christlichen gehoren, weshalb es uberraschen wurde, wenn diese lateinische Ubersetzung aus der Zeit vor 200 n. Chr. stammen sollte. Danach bleibt uns freilich ein Zeitraum, der eben von 200 bis etwa 450 reicht; selbst eine noch spatere Datierung bis Ende des 6. Jahrhunderts lasst sich nicht mit Sicherheit ausschliessen.

Die Uberlieferung der Quaestiones medicinales ist nicht einfach. Zwar kennen wir ausser Roses Londoner Hs. Cotton Galba IV = G und Stadlers Carnotensis 62 = C inzwischen noch eine dritte, Lincoln Cathedral 220 = L (hier fehlen durch mechanischen Verlust [section] 1-52 Rose), aber durch den Vergleich der altesten Hs. C, deren Entstehung in Fleury oder seiner Umgebung im 10. Jahrhundert vermutet wird (7) (spater im Besitz des Kapitels von Notre-Dame in Chartres), mit G, nach der neuesten Einschatzung durch Charles Burnett (8) ein "mid-twelfth century manuscript from Bury St Edmunds", und mit L, nach dem neuen Katalog "s. xii in." und ebenfalls in England geschrieben, wird folgendes klar: Die beiden in England nur kurz nach 1100 entstandenen Zeugen stehen einander auch im Wortlaut sehr nahe und unterscheiden sich deutlich von der Hs. in Chartres, die nach einem Brand im 2. Weltkrieg nicht mehr im Original, sondern nur noch in einer schwer lesbaren Mikrofilmkopie aus den spaten dreissiger Jahren benutzt werden kann. Ein Vergleich zeigt deutlich, dass die Textfassung in den beiden englischen Handschriften redaktionell bearbeitet worden ist, um dadurch die Benutzbarkeit des von ihnen uberlieferten Textes zu verbessern. Ziel dieser Redaktion war also, anders als bei einer modernen Edition, nicht, Uberlieferungsfehler zu beseitigen, um der Fassung des Autors naher zu kommen, sondern dies geschah, um eine Benutzung des Werkes fur konkrete gegenwartige medizinische Zwecke zu erleichtern. Aus diesem Grunde wurde zwar ebenfalls versucht, Fehler der Uberlieferung zu verbessern, hauptsachlich jedoch wurde nicht mehr gebrauchlicher Wortschatz durch den damals ublichen ersetzt, was gleichermassen fur die Orthographie gilt. Derartige redaktionelle Bearbeitungen finden sich, mehr oder weniger gut nachweisbar, bei einer Reihe lateinischer medizinischer Texte (9).

Selbstverstandlich haben diese hochmittelalterlichen Bearbeitungen, fur die ich keine Beispiele vor der Wende zum 2. Jahrtausend kenne, ihren eigenen Wert und durfen deshalb nicht in einem textkritischen Apparat versteckt werden, sondern mussen selbstandig als eigene Fassungen gedruckt werden, so wie ich es fur die Hss. L und G der Quaestiones medicinales plane und wie es bereits fur die Physica Plinii Bambergensis, die Physica Plinii Florentino-Pragensis und jungst die Physica Plinii Sangallensis (10) geschehen ist.

Die sich jetzt anschliessende Besprechung des Wortschatzes wird nach sachlichen Gesichtspunkten erfolgen und am Ende des Beitrags durch eine alphabetische Liste erschlossen.

I. Allgemeiner Wortschatz

1.1. Adjektive auf--ilis und--bilis

Die hier vorzustellenden Adjektivbildungen (11) sind meines Erachtens als Versuch zu sehen, eine griechische Vorlage adaquat wiederzugeben (12), und zeigen uns den Ubersetzer als bewussten Neuerer in der Art des Caelius Aurelianus (13), ohne allerdings von dessen meist weitschweifigen Hinweisen nach Art von quod Graeci dicunt Gebrauch zu machen.

Beginnen wir mit

7C Quid est semiotica pars medicinae (id est inspectionabilis (1))? Quae uersatur in naturali tractatu <corporis et mentis consideratione>. Haec multum est medicinae necessaria et plurimos habet effectus.

7G Quid est semiotica pars medicinae? Semiotica est inspectionalis, quae uersatur in naturali tactu corporis et mentis consideratione. Et haec multum est medicinae necessaria et plurimos habet effectus.

28C In quot partes diuiditur pathognomica pars medicinae? In duas: in semioticam, id est inspectionabilem, et in aetiologicam, id est causabilem (2).

28G In quot partes diuiditur pathognomica pars medicinae? In duas: id est semioticam, id est inspectionalem, et aetiologicam, id est causalem.

Es verwundert nicht, dass der ThlL weder inspectionabilis noch causabilis (caussabilis) verzeichnet, denn die Stellen sind, in der dem Thesaurus zugrundeliegenden exzerpierten Fassung der quaest. med. bei Rose, eben nicht auffallig. Es liegt auf der Hand, dass die hier nur durch G vertretene insulare Version beide Male die gelaufigeren Formen eingesetzt hat. Gleichfalls sonst lateinisch nicht belegt zu sein scheint aetiologicus (3).

52.1C Causarum autem quaedam dicuntur initiales, aliae continentes, quaedam etiam simul agentes, aliae uero concausales (4).

55C Quae est concausalis? Res quae sola quidem nihil efficit, iuncta tamen aliae [nichil] operatur, ut est in his qui nauim trahunt uel in bubus qui carrum ducunt; nam unus quidem eorum solus non potest ducere, cum alio autem iunctus facile ducit.

51.7G Causarum autem quaedam dicuntur initiales, aliae continentes, quaedam etiam simul agentes, aliae uero concausales.

Concausalis, an der ersten Stelle in beiden Versionen uberliefert und dem Thesaurus nur von dieser Stelle bekannt, dient der Wiedergabe von ouvamov.

Mitunter handelt es sich bei der Form auf--bilis nur um eine Doublette wie im obigen Beispiel causabilis/causalis. Das mit Abstand am haufigsten vorkommende Wort dieser Kategorie ist das auch anderweitig gut bezeugte rationabilis14 (5):

5C [Item] Quid est disciplina? Disciplina autem est scientia immutabilis cum ratione, sed apud quosdam <medicina> partim disciplina est, partim coniectura. Nam scientia quidem rationabilis immutabilis est, effectus uero coniecturalis, non propter naturam artis, sed propter subiectam materiam quae inconstans est et multis opposita negotiis et quae ab omnibus laedi possit. (nam--immutabilis est om. G) (14)

6.2C Est ergo medicinalis ars utriusque rei particeps: coniecturalis est et rationabilis, sicut diximus; rationabilis uero in his quorum causa dici potest generaliter, id est manifeste; coniecturalis in his quorum causa adhuc aperte dici non potest.

6.2G Est autem medicinalis ars utriusque rei particeps, id est coniecturalis et rationalis est, ut diximus. Rationalis uero est in his quorum causa dici potest generaliter, id est manifeste; coniecturalis in his quorum causa adhuc aperte dici non potest.

50.4C Pro avaxopfl (15) autem ipsam rerum demonstrationem uel inspectionem exhibent, pro causis autem ea quae ita <ut> manifesta sunt obseruantur, et ad similia transeunt, pro avaAoyiopro autem [ac] [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], id est pro rationabili consideratione post euentum rei cuiusque causationem.

50.4G Pro anatomia autem id est pro ipsa rerum demonstratione uel inspectione corporea exhibent, pro causis autem ea quae manifestissime obseruantur, et ad similia transeunt, pro analogismo autem epilogismum, id est pro rationabili consideratione euentum rei cuiusque.

51.1C Quid est logica medicina? Logica medicina est quae et dogmatica [conditio] <dicitur>, ut definitiuae responsiones futiles efficiant, ut anatomica ratio consentiat medicinae et utilitatem suam praebeat, ut ante omnia natura hominis sciatur, causae etiam uitiorum inquirantur necnon etiam et avaloyicpoe utatur, id est rationabilem considerationem curae sciat.

51.1G Quid est logica medicina? Logica medicina est quae et dogmatica [conditio] dicitur, ut definitio responsionis utilis efficiatur, ut anatomica ratio consentiat medicinae ut ad utilitatem suam perueniat et ut ante omnia natura hominis sciatur, causae etiam uitiorum inquirantur et de ipsis ratio curae inueniatur necnon et analogismo utatur, id est rationabilem considerationem curae sciat et (folgt 51.2G)

61C Quid est homo? Animal rationabile et mortale, quod sensum et disciplinam capere possit. (Parallele fehlt)

66C Quot sunt partes animae? Tres: rationabilis, uitalis, [habitus] naturalis. (Parallele fehlt)

86C Quid est cerebrum? Corpus molle, humidum et frigidum, quod uentres habet geminos, in quibus uitalis ac rationabilis spiritus animae positus ad omnes sensus per quosdam meatus emittitur.

1L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] Cerebrum. Est enim album corpus et molle quemadmodum aliqua spuma. Natura humidum est et frigidum, habens uentres geminos, in quibus uitalis et rationalis anima posita ad omnes sensus per quosdam meatus emittitur.

Es wirft Licht auf das Verhaltnis der beiden Versionen, dass zweimal (50.4G und 51.1G) rationabilis belassen wurde, wahrend sonst rationalis erscheint. Zum vollstandigen Bild gehort, dass C--warum, vermag ich nicht zu sagen--, einmal rationalis hat:

9.3C Natura enim corporis principium est rationalis medicinae, id est a capite incipere <et> ossa et neruos et arterias et uenarum naturam cognoscere et effectum et locum laesum et aegritudinis causam. Impossibile est autem, cum non primum didiceris quae secus naturam sunt, uel ea quae contra naturam fiunt intelligere.

Ebenfalls in den theoretischen Bereich der Medizin gehort uoluntabilis (6) willkurlich', das einheitlich in beiden Versionen erscheint:

70C Quid est neruus? Vasculum quo continetur spiritus sensualis et uoluntabilis. (= 44L)

89C Quid est spinalis medulla? Particula cerebelli circumdata omento, quae fertur per spondylos, id est per iuncturas spinae, ad ceteras partes corporis, et ita per neruos qui per foramina spinae exeunt, per quos sensuales motus et uoluntabiles (uolupt--trad. ubique in C et L) efficiuntur, quae officia corporis adimplent.

3L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Spinalis medulla procedens de cerebro, circumdata omento; quae fertur per spondylos id est uertebra uel iuncturas spinae ad ceteras partes corporis, neruis ministrans qui per foramina spinae exeunt, per quos sensuales motus uel optabilia (7) efficiuntur officia.

110.1C Quae sunt naturales operationes? Corporalium operationum quaedam sunt naturales, quaedam uoluntabiles; et naturales quidem sunt quae sine nostra uoluntate efficiuntur, ut puta appetitio cibi digestio manatio ad sanguinem conuersatio amplificatio.

33.1L Quae sunt naturales operationes? Corporalium operationum quaedam sunt naturales, quaedam uero uoluntabiles. Naturales sunt quae sine nostra uoluntate efficiuntur, ut puta appetitio cibi digestio manatio ad sanguinem conuersio amplificatio.

110.2C Voluntabiles operationes [quae] sunt quae uolentibus nobis efficiuntur, inuitis autem minime, ut puta massucare. (33.2L ahnlich)

Nebenbei weise ich auf zwei Veranderungen hin, die der Redaktor vornimmt: statt cerebellum (89C) heisst es cerebrum (3L), statt conuersatio (110.1C) jetzt conuersio (33.1L). Aus dem nicht verstandenen oder verlesenen uoluptabiles seiner Vorlage macht er uel optabilia (3L) (16).

Ein nur aus zwei Stellen, Cassiodor und Fulgentius (17), bisher bekanntes Wort ist erratilis (8), hier zur Bezeichnung eines regellos ansteigenden und wiederkehrenden Fiebers (18):

153.4C Sed eas quidem febres quae immoderatas accessiones habent, Hippocrates erratiles nuncupauit, moderatas uero, sed continuas ppiTQiTaiouc appellauit haec dicens: ...

Die insulare Redaktion entscheidet sich fur das gebrauchlichere erraticus:

135.5L Sed eas quidem febres quae immoderatas accessiones habent, Hippocrates planetas19 nuncupauit, id est erraticas20. Immoderatas uero et continuas hemitritaeos appellauit haec dicens: ...

156.1L Quae sunt planetae febres? Erraticae, quae neque finiunt et neque tempus neque ordinem seruant, sed inordinatae sunt.

Obwohl der Thesaurus zwei Beispiele fur moderabilis kennt, ist immoderabilis (9) bisher nicht belegt. Da sowohl immoderatus im ubrigen Text vorkommt und das in L erscheinende immodicus in anderen Beschreibungen dieser Krankheit steht, muss der Ubersetzer sich ganz bewusst fur immoderabilis entschieden haben:

193C Quid est oaTupiaoic? Foedum est hoc uitium et periculosum. Est enim cupiditas immoderabilis rerum ueneriarum et ueretri tensio non spontanea, interdum etiam et iactatio seminis et contractus neruorum et postremo uirium defectio, id est solutio corporis.

270L Quid est oaxuQIaoic? Foedum est hoc uitium et periculosum. Est enim cupiditas immodica rerum ueneriarum et actus et ueretri tensio non spontanea, interdum etiam iactatio seminis est <et> defectio id est dissolutio corporis.

Der Ubersetzer der quaest. med. verwendet auch das sonst unbekannte immoderatim (10):

111C <...> immoderatim. Hi uero interdum irascuntur et excutiuntur, interdum hilares efficiuntur et cantant. Haec omnia phrenesin esse suggerunt.

Sonst nur noch bei Cael. Avr. acut. 1, 9, 59 belegt ist suffocabilis (11); dort von einem Ort gesagt, der einen nicht atmen lasst, hier vom Husten:

116C Fit etiam cum eis tussis suffocabilis, pectoris ardor et rubor in uultu. (= 224)

Als Bildung zu corruptibilis finden wir allein in L corruptibilitas (12) (belegt ab Tertullian) in 313L, wo 236C stattdessen corruptela hat. Dass hier ein Eingriff seitens des Redaktors vorliegen soll, mochte ich kaum glauben, doch ist die Variation bemerkenswert. corruptela kommt dann einmal vor in 315L, also in unmittelbarer Nachbarschaft, corruptio lesen wir in 30.1L, 228.1L (= 122C, dort ebenfalls corruptio) und 303L. 407L hat dann auch das wohl seltenere Adjektiv corruptiuus (13), als dessen fruhesten Beleg der Thesaurus die Itala und dann eine Reihe christlicher Schriftsteller anfuhrt.

(Polentabilis behandle ich aus sachlichen Grunden im Abschnitt Chirurgie, fluxibile bei den Fachbegriffen der methodischen Medizin).

1.2. Adjektive mit sub-als Prafix

Sub--zur Abmilderung ist nichts Ungewohnliches (21), doch ist eine Zusammenstellung der Belege aus den quaest. med. sicher nicht fehl am Platze. Folgende Formen treffen wir: subalbida (22), subfelleum, sublongum, subobliquis und subrubicunda.

190.4C Alia uero species hydropis [id] est, qui circa carnem est, qui A,euxo^A,eypaxIac uocatur. Patitur et ipse uastitatem totius corporis sub cutem, ut etiam si digito presserit, tamquam in pinguedinem descendat. Superficies tota subalbida (14) est et translucet. Deficit quoque et fastidium patitur et sitim cum suspirio. (ahnlich 261L)

186C Qui sunt qui uocantur qnaxixoi (id est qui iecur dolent)? Qui dolorem in dextris partibus sentiunt et sub <costis> cartilago eis tumet et aspredo et siccitas <est> oris. Consequitur tamen et uastitas et tumor et pondus [et] iecoris, tamquam dependeat aliquid, et inde grauatur, et sentitur dolor usque ad iugulum et palam. Allotia<n>t sanguineum uel subfelleum (15). Pati<un>tur etiam et fastidium et coloris mutationem, et cum cibati fuerint, accrescunt ei dolores. Haec eueniunt his quibus epar tumet id est iecur.

248.2L Aliter. Epatici sunt ... Urinam uero faciunt sanguineam uel subcolericam (16). Patiuntur etiam fastidium et pallor est corporis et cum cibati sunt, accrescunt eis dolores.

L ersetzt subfelleus durch subcolericus, das aber ebenfalls anderweitig nicht nachweisbar ist.

Sublongus (17) beschreibt in 106C = 17L die Milz, in 107C (L fehlt) die Nieren. Damit haben wir wenigstens einen Anhaltspunkt, denn das der Glossen hilft nicht unbedingt weiter, eher schon die haufiger angefuhrte Stelle bei Cassiod. inst. 2, 7, 4 <<mundi quoque figuram curiosissimus Varro sublongae rotunditati in Geometriae uolumine comparauit, formam ipsius ad oui similitudinem trahens, quod in latitudine quidem rotundum sed in longitudineprobatur oblongum>>, und Cass. Fel. 48, 19 <<collyrium suppositorium, quod Graeci ypotheton uocant, ... sucoplantaginis colligitur et fiunt collyria sublonga>>. Es liegt auf der Hand, dass die Suppositorien (Stuhlzapfchen) bei Cassius Felix kaum eiformig (oval) gewesen sein durften, sondern ,langlich'; Souters Vermutung zu dieser Stelle--er schreibt ,rather long'--zeigt, dass seine praktische Erfahrung hier versagte.

Subobliquus behandle ich bei den Ausdrucken aus der Chirurgie und schliesse hier mit subrubicundus (18). Dieses Adjektiv beschreibt die Haut, einmal bei der ,Lepra' (274C = 441L) und dann bei impetigo (Hautflechte, 279C = 445L).

1.3. Der restliche allgemeine Wortschatz

Rauhigkeit der Zunge bzw. des Mundes wird in 186C und 187.1C aspredo (19) genannt; die Fassung in L, 248.2L und 249L, ersetzt es beidemale durch asperitas (20). (Einschliesslich dieser Stelle hat L achtmal asperitas; einmal aspredo; einmal aspritudo (23) (21). In C gibt es dreimal aspritudo und viermal asperitas, einmal aspredo (24)) An einer einzigen Stelle lesen wir auch in L aspredo, namlich 315L, und just hier steht dann in C aspritudo:

238C Quae signa sunt corruptelae et laxamenti? Cum solutum atque infirmum fuerit omentum, melotis deposita labetur circa ossum. Cum autem TEQnorov non alta fuerit, [id] est sola aspritudo; deposita melotis tamquam in laxiori osso stabit. Cum autem usque ad medietatem scilicet [et] melotis descensura est, et sanguis de duplicatione manabit et pus non paruum.

315L Quae sunt signa corruptelae et laxamenti? Cum solutum atque infirmum fuerit omentum, melotis deposita laxatur circa os. Cum autem non alta fuerit, [id] est sola aspredo; deposita melotis tamquam in luxurioso stabit. Cum autem usque ad medietatem melotis descensura est, et sanguis de duplicatione fracta emanat et pus non paruum.

Wir durfen, denke ich, voraussetzen, dass es keinen sachlichen Unterschied zwischen aspredo, aspritudo und dem am haufigsten vertretenen Wort, asperitas, gibt. Umso eher fuhlen wir uns gedrangt, nach Grunden fur die Verteilung zu suchen. Immerhin schliessen sich 186C und 187.1C eng an Paulos Nikaios an; die zweite Stelle ausserdem an Orib. ecl. 49, 1 (25). Dass es um Rauhigkeit der Zunge, der Haut und des Knochens geht, erscheint fur den Gebrauch einer dieser Formen nicht ausschlaggebend. Ahnliche Uberlegungen gelten fur das oben bereits angefuhrte Nebeneinander von corruptela, corruptio und corruptibilitas.

Zu aspredo liefert der ThlL bedauerlicherweise keine verlasslichen Informationen (fur den 1906 erschienenen 2. Band konnte selbstredend die Celsus-Ausgabe von Marx noch nicht benutzt werden), sodass man meint, bei Celsus zwei Belege fur aspredo zu finden, 5, 28, 2 und 5, 28, 15, wo es heisst <<aspritudo trad.>>. An der ersten Stelle, 5, 28, 2B = p. 236, 26 Marx lesen wir im Text <<aspritudine>> und im apparatus criticus <<aspredine (conf 15 A)>>; bei 5, 28, 15A steht dann <<aspritudo F asperitudo (26) VP aspredo J>>; allerdings druckt Marx hier p. 248, 17 <<aspritudo>>, die Lesung von F = Flor. plut. 73, 1, dessen Digitalisat erfreulicherweise jetzt im Netz einsehbar ist. Leider bleibt unklar, was die Hss. bei Cels. 5, 28, 2B lesen (Daremberg schreibt aspredo ohne nahere Hinweise). Marx hat sich offensichtlich im Sinne des haufig von Celsus gebrauchten aspritudo entschieden; da er allerdings einmal asperitas belasst, ist naturlich auch denkbar, dass in 5, 28, 2B aspredo richtig sein konnte, das mit Hinweis auf ,die besten Ausgaben' bei Forcellini verteidigt wird. Interessanterweise gebraucht Chiron von den drei Synonyma allein aspredo (53 und 184, wie im ThlL angegeben).

Der Komparativ eleuatior (22), im Thesaurus nur bei Oribasius belegt, steht in dem Kapitel uber das Gehirn, dessen Anfang ich schon oben angefuhrt hatte:

86C Quid est cerebrum? Corpus molle, humidum et frigidum, quod uentres habet geminos, in quibus uitalis ac rationabilis spiritus animae positus ad omnes sensus per quosdam meatus emittitur. Affixum est autem ea parte quae concaua est et circumtegitur omentis quibusdam, quae [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] appellantur; una [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] appellatur et uenosior superiore est et eleuatior<e> magis testae; alia uero parte, qua[e] neruosa subsistit natura, ex inferioribus uenis a corde irrigatur et nutrimentum recipit.

1L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Cerebrum. Est enim album corpus et molle quemadmodum aliqua spuma. Natura humidum est et frigidum, habens uentres geminos, in quibus uitalis et rationalis anima posita ad omnes sensus per quosdam meatus emittitur. Affixum est autem ea parte quae concaua est et circumtegitur omentis quibusdam, quae [et] [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] appellantur. Una dicitur xopoeioqc et est uenosior superiore et eleuatior magis testae. Alia uero in altera est parte, quae neruosam sortita est naturam et ex inferioribus uenis a corde irrigatur et nutrimentum ministrat.

Selten ist auch das Substantiv desideratio (23) statt desiderium (156C und 249C = 326L), das der Thesaurus mit Sicherheit nur in zwei Vitruvstellen belegen kann (27):

119C (123l) eorum quae infrigidare possunt (possint L) [set] desideratio.

Furfactitatio (24) (31C/31G) fuhrt der Thesaurus ausser Ps. Sor. quaest. med. allein vier Stellen aus Tert., adu. Hermogenem an. Das beiden Gemeinsame ist sicher das Bestreben, sich durch neu gebildete Worter praziser auszudrucken.

Neruiosus (25) statt neruosus finden wir erwartungsgemass nicht in L, sondern nur in C (91.1C, 93C, 94C und 97C), wo aber die regulare Form neruosus achtmal uberliefert ist. 6L und 7L belegen den Komparativ neruosior (26).

Ein bemerkenswertes Wort ist obtinentia (27), fur das der Thesaurus nur eine Stelle bei Priscian und eine in den Glossen kennt; auch hier entspricht, wie bei Priscian, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]:

20.3C Nam omnia quidem in omnibus commixta sunt; substantiarum tamen uel corporum diuersitates iuxta singulorum elementorum naturas fiunt obtinentiae singulae. Singulae tamen temperantiae modestum sibi atque aptum applicant humorem secundum tempora et aetates et naturas.

Der Redaktor der insularen Fassung wusste damit offensichtlich nichts anzufangen und verzichtete darauf:

20.3G Nam omnia quidem in omnibus commixta sunt; substantiarum uirium uel corporum diuersitates iuxta singulorum elementorum naturas fiunt. Singulae tamen temperantiae modestum sibi atque aptum applicant humorem secundum tempora et aetates et naturas.

Werfen wir bei dieser Gelegenheit einen Blick auf die Ausdrucke fur Mischung'. Wie an der gerade angefuhrten Stelle, heisst es stets temperantia (28), mit folgender Ausnahme:

11.3C Nam et aegritudines aut ad plus aut ad minus sunt immutationes et extremitates nunc faciles nunc difficiles, medietates uero iuxta naturam temperationes (29) sunt. (11.3G ahnlich, ebenfalls temperationes)

Neben der adverbialen Form retrorsum, die beide Fassungen kennen, bringt nur C das Adjektiv in

230C de retrorsa (30) parte scalpelli

244.2C retrorsae partes aurium

Bereits im Corpus Hippocraticum findet sich e^avaotaoic ,rising from bed to go to stool' (LSJ), das dann bei christlichen Autoren auch ,Auferstehung' bedeuten kann, oder schlicht ,Aufstehen' (am Morgen) heisst, lateinisch wie griechisch. Die Bedeutung ,Stuhlgang' ist hier zum ersten Mal in der lateinischen Literatur nachweisbar:

175C Qui sunt qui dicuntur xoikiaxoi (id est qui uentrem in causa habent)? Quos multo tempore fluxus uentris consequitur et assiduas surrectiones (31) habent et exaestuatio consumit corpus et uigilias et t<r>epidationes et fastidium affert et indigestiones et morsus et tortiones. (ahnlich 254.1L)

Vollig neu ist das Verba allotio,--are ,urinieren' (32) (zu lotium = urina, nur in C), das L durch urinam facere ersetzt:

186C Qui sunt qui uocantur qnaxixoi (id est qui iecur dolent)? Qui dolorem in dextris partibus sentiunt et sub <costis> cartilago eis tumet et aspredo et siccitas <est> oris. Consequitur tamen et uastitas et tumor et pondus [et] iecoris, tamquam dependeat aliquid, et inde grauatur, et sentitur dolor usque ad iugulum et palam. Allotia<n>t sanguineum uel subfelleum. Pati<un>tur etiam et fastidium et coloris mutationem, et cum cibati fuerint, accrescunt eis dolores. Haec eueniunt his quibus epar tumet id est iecur.

248.2L Aliter. Epatici sunt quibus iecur dolet id est in dextera parte dolorem sentiunt et sub costis tument aut sub cartilagine et asperitas et siccitas est oris. Sequitur tamen uastitas tumoris <et> pondus iecoris, tamquam dependeat aliquid, et grauior sentitur dolor usque ad iugulum et palam. Urinam uero faciunt sanguineam uel subcolericam. Patiuntur etiam fastidium et pallor est corporis et cum cibati sunt, accrescunt eis dolores.

188C Quemadmodum considerantur nefretici (<id est> qui renes dolent)? Cum dolor ad renes fuerit longius extensus usque ad latus proximum, pondus et ignitio erit et defectio consequitur et arenosum allotiat; saepe etiam et febris et frigus consequitur et uertigo et reiectio <fellis> uel flegmatis. Nefreticum dicam huiusmodi hominem. (ohne Parallele)

2. Anatomie

Wir alle sind uns ganz sicher, wenn wir von ,Anatomie' sprechen und nicht von ,Anatome', obwohl wir selbstverstandlich auch wissen, dass das griechische Wort [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] lautet (28). Aus der Antike gibt es eine einzige Stelle, die fur die Form anatomia immer wieder in Anspruch genommen wird, namlich Cael. Avr. acut. 1, 8, 57, im ThlL und ebenso im neuen Diccionario Griego-Espanol. Bekanntermassen gibt es, abgesehen von einem in Zwickau befindlichen Fragment der Chronischen Krankheiten und der mit Mustio vermischten Fassung der Gynaecia in New York, keine Handschrift des Caelius Aurelianus, und wir sind hier auf die Textfassung des Professors des Griechischen und der Medizin, Winther von Andernach, angewiesen. Die angefuhrte Stelle bei Caelius Aurelianus bleibt freilich das einzige Zeugnis fur anatomia; dem Herausgeber Winther kann ich bei diesem Detail (wie bei anderen auch) nicht trauen, denn fur ihn war ebenfalls die Form anatomia die gelaufige, genauso wie fur Johannes Gorraeus in seinen Definitiones medicae; der TLG, der heutzutage die Suche ungemein erleichtert, kennt in antiken Texten allein avaxop^, bis auf eine gleich noch zu besprechende Stelle bei Galen.

Allerdings wird die Form avaxopia (33) dann im Lexikon zur byzantinischen Grazitat s.v. belegt bei Zepos, Jus Graeco-Romanum IV 465 (29) (der weitere Verweis auf St. Kumanudes betrifft dessen Synagoge neon lexeon, Athen 1900, nicht das s.v. avaxopia angegebene Werk, wie mir E. Trapp freundlich mitteilt). Dieser juristische Traktat bezieht sich auf die Digesten; wir lesen XXX 42 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Es ist sinnvoll, hierzu auch den Text der Digesten heranzuziehen. Ihr Abschnitt 28 handelt De liberis et postumis heredibus institutendis uel exheredandis, die der griechischen Erlauterumg zugrundeliegende Stelle ist Ivst. dig. 28, 2, 1 2 <<Vlpianus libro nono ad Sabinum: Quod diciturfilium natum rumpere testamentum, natum accipe et si exsecto (30) uentre editus sit>>. Auf jeden Fall handelt es sich hier keinesfalls um eine wissenschaftlichen oder forensischen Zwecken dienende Leichenoffnung.

Der zweite griechische Beleg fur avaxopia stammt aus dem Chronicon des Symeon Logothetes, doch schreibt hier die neue Ausgabe aus dem Jahre 2006 dieses Wort ohne iota.

Nun zu dem angekundigten einzigen Beleg fur avaxopia im Werk Galens. Ihm stehen mehr als dreihundertfunfzig mit der regularen Form avaxopq im Singular und Plural gegenuber. Avaxopia lesen wir nur in Galens Kommentar zum 6. Buch der hippokratischen Epidemien, Band 17b p. 246, 3 Kuhn, der inzwischen in E. Wenkebachs CMG-Ausgabe vorliegt. Wenkebachs Ausgabe beruht auf einer einzigen Handschrift, dem Marcianus 283, zu datieren s. xtv". laut dem neuen Katalog (31) (bei Wenkebach selbst noch s. xv): <<scriptura ... multis compendiis laborat ... scriba unus italo-graecus ...>>, wird die Handschrift charakterisiert. Die Vermutung liegt also nahe, dass Wenkebach eine Abkurzung falsch aufgelost hat, oder dass dasselbe dem Kopisten unterlief; jedenfalls wird man auf dieses eine Zeugnis kaum sicher bauen konnen.

Damit kommen wir zu den lateinischen Zeugnissen. In den quaest. med. 50.4C und 50.4G fuhrt die Uberlieferung auf [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (34): anathoma C aliter pro anagoma in marg. C' (32) anathomia (i ut uidetur expuncto) G (Rose hatte die Korrektur in G ubersehen und hat auch an anderen Stellen nicht immer richtig gelesen). An weiteren drei Stellen wird das Wort nur in C uberliefert: 56.2C animoma C anathoma C' anatomica ci. Stadler; 108C anathome C; 109C de anathoma (33)

Das entspricht dem Befund in den Glossen (34): CGL 5, 339, 23 <<Anathomen apertionem>>, CGL 5, 441, 48 <<A<na>thomc apertione; anathomen, apertionem>> in Lindsay, W. M. (ed.), An eighth-century Latin-Anglo-Saxon Glossary (Cambridge, Corpus Christi College MS 144), Cambridge 1921.

Auch der immer noch nicht kritisch edierte Kommentar zu Hipp. aph. (Lat-A) bringt dieses Wort: 7, 36 (Text nach dem Aug. CXX (35)) <<Musculi enim duo sunt. Qui per spinale descendent. Et duo qui de interius et dirigunt corpus. Quorum nomina in anathomin (36) habes scripta>>.

Wann also kam die uns heute so vertraute Form anatomia auf? Das Mittellateinische Worterbuch fuhrt als ersten Beleg den Salernitaner Maurus (anat. I 4sq.) an; auch dem Schreiber der Handschrift G der quaest. med. war diese Form in 50.4G offenbar so gelaufig, dass er sie erst bei der Revision beseitigte. Sie ist alter als Salerno und findet sich im Fragment 153 (s. X) aus der Reichenau (inzwischen in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe), das jetzt im Internet einsehbar ist, aber bereits vor uber hundert Jahren im Katalog der Reichenauer Handschriften vollstandig abgedruckt wurde. Dort wird es einem "anatomisch-physiologischen Tractat" zugewiesen und tritt zweimal in der Form anathomia auf. Augusto Beccaria (37) hatte dieses Fragment nicht in seinen Katalog der vorsalernitanischen Handschriften aufgenommen, und das durfte der Grund (doch keinesfalls die Entschuldigung) dafur gewesen sein, dass es von den Forschern, die sich mit medizinischen Texten befassen, nicht zur Kenntnis genommen wurde (38). Dr. Johannes Staub vom Mittellateinischen Worterbuch in Munchen verdanke ich seine Identifizierung als Bestandteil des spatantiken Kommentars zu Gal. de sectis (39), der unter dem Namen des Agnellus von Westerink und seinen Schulern sowie unter dem m. E. mit Sicherheit falschen des Johannes Alexandrinus von Pritchet ediert wurde.

Lassen wir zum Schluss die Definition der Anatomie folgen:

108C Quid est avaxogq? Incisio superficiei et denudatio eorum quae obtecta sunt et eorum cognitio cum propria ratione (40).

Hier finden wir, da der Text bisher nicht veroffentlicht ist, einen weiteren Beleg fur denudatio (35).

Nicht klar wahrgenommen wurde bisher, dass zumindest im Spatlatein cartilago (41) (35a) dem griechischen [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (42) entsprechen kann; das geht aus der folgenden Stelle eindeutig hervor:

169.1C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Furoris species est. [melancolia] sequitur tamen tumor in cartilagine et inflatio et dolor, unde quidam illos [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] appellarunt, quoniam [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] dicitur cartilago. (ohne Parallele)

Pavl. Nic. 20 l, 2-7 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

186C Qui sunt qui uocantur pnaxixoi (id est qui iecur dolent)? Qui dolorem in dextris partibus sentiunt et sub <costis> cartilago (43) eis tumet et aspredo et siccitas <est> oris.

248.2L Aliter. Epatici sunt quibus iecur dolet id est in dextera parte dolorem sentiunt et sub costis tument aut sub cartilagine et asperitas et siccitas est oris.

187.1C Qui sunt qui dicuntur onkpvixoi? Quibus sub sinistram partem cartilaginis dolor efficitur et tensio et pondus corporis et fastidium et aspredo linguae et rigor corporis. (249L)

Pavl. Nic. 60 l, 2-6 / Orib. ecl. 49, 1 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

Cartilago bezeichnet demnach die knorpeligen Teile der falschen Rippen und die von ihnen begrenzte Region, also in etwa ein Dreieck, wenn man von der untersten falschen Rippe rechts eine Verbindungslinie zur selben Rippe links zieht.

Im Kapitel uber die Knochen des menschlichen Korpers (84C = 61L) ist von zwei astragali (36) die Rede. Das Wort wird im Thesaurus als t. t. der Architektur bei Vitruv und als Bezeichnung einer Pflanze aus Plin. nat. und Dioscurides belegt, als anatomischen t. t. kennt ihn auch Andre nicht. Rvf. onom. 124 belegt zwei Verwendungsweisen (44): [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Es liegt nahe, an unserer Stelle an die Bedeutung zu denken, die Rufus fur die korrekte halt, namlich ,Sprungbein' (Cels. 8, 1, 27 <<os transuersum talorum>>).

Bei den Knochen werden auch die verschiedenen Arten der Verbindung eines Knochens mit einem anderen besprochen (75C Per quot modos composita sunt ossa?). Eine davon heisst coartatio (37):

78C Quae per coartationem? Dentes.

Kurz davor war davon schon die Rede, allerdings bei gestorter Uberlieferung:

75C Per quot modos composita sunt ossa? Per capitum coniunctionem; per oup^uoiv quandam, id est unitatem uel conglutinationem; per yop^moiv45, id est per coartationes quasdam; per articulos, <id est> per appoviav, id est per aptissimam coniunctionem.

Da die Angaben aus 75C in den folgenden Abschnitten 78C-78C wieder aufgenommen werden und in 78C coartationem steht, durfen wir diese Form auch in 75C herstellen, obwohl C rationes (artationes C') liest. In L ist diese Stelle leider durch den Verlust des oberen Teils des Blattes nicht uberliefert.

Die Schneidezahne (Dentes incisiui) heissen nur in quaest. med. <<decisores>> (38) (85.9C = 62.9L), griechisch xopeic.

Bleiben wir im Bereich des Kopfes:

82C Quot cossutiones (39) habet hominis testa? Quinque; uocatur enim illa quae super frontem est, quod uocatur [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] id est coronalis; quae in occipitio est, 0sso7iaia id est recta; quae uero retrorsum in occipitio est super ceruicem, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]; nam quae circa utraque tempora sunt, dicuntur [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. (ahnlich 58L)

Die Nahte heissen hier, und nur hier, cossutiones, wobei wir uns erinnern, dass consuo der erfolgreiche spatlateinische Konkurrent von suo ist. consutio wird spater vom chirurgischen Nahen gebraucht (257.1C = 331L, 319L, erganzt im entsprechenden Text in 242C). Wer ware auf den Gedanken gekommen, dass die heute in der Medizin weltweit gebrauchliche Bezeichnung Sutura coronalis in quaest. med. 82C [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (40) ihren altesten lateinischen Vorlaufer hat?

Wenige medizinische Laien wissen, dass ein Teil des Schadeldachs eine spongiose Knochenschicht enthalt, die Diploe heisst, eigentlich nichts weiter als das griechische Wort fur ,doppelt'.

239.1C Quid <est> [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (id est duplicatio (41))? Spissis pertusionibus46 (41a) plenum ossum et in modum spongiae effectum, asperum et sanguinolentum, quod est inter testam quae supra est, et inter capacitatem (47), quae infra est. (ahnlich 316.1L)

Es lag also nahe, sich des lateinisch nicht seltenen duplicatio zu bedienen (es findet sich ebenfalls 238C = 315L) (48). Aber an anderer Stelle finden wir ein weiteres Wort mit demselben Sinn, duplicatura (42):

263C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Ruptura; ossi incisio in longitudine tam angusta quam etiam lata, et interdum leuis, interdum autem <aspera>, ut usque ad duplicaturam diuisum sit ossum.

Wegen der Parallele Sor. fract. 2, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ist die Bedeutung gesichert; was der Erklarung bedarf, ist die Variation duplicatio/duplicatura. Der mittelalterliche Redaktor hatte jedenfalls, wie es scheint, seine Zweifel und entschied sich fur einen radikalen Eingriff:

306L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Species rupturae ossis, cum <in> alia parte uulnus, <in> alia uero [ossis] ruptura ossis sit. Efficitur quidem hic copiosa incisio in longitudinem tam angusta quam etiam lata, interdum leuis, interdum etiam applicatur usque ad diuisum os.

Stellt er sich unter diuisum os den gebrochenen Knochen vor? Jedenfalls ist leuis ,glatt' und interdum applicatur usque ad diuisum os kein passender Gegensatz. Der Text in C jedenfalls sagte, dass der Bruch bis zur Diploe reichen kann.

Uber zwei Worter aus dem eingeschobenen Anatomietraktat, intercilium (43) (85.3C = 62.3L) und interfinium (44) (85.6C und 62.6L), nur hier und bei Isidor, steht alles Notwendige im Thesaurus. Commissio ,Gelenk' hingegen verdient es, hervorgehoben zu werden, da Andre es nicht berucksichtigt (49) (= Isid. etym. 11, 1, 108):

85.20C Genua autem sunt commissiones (44a) femorum et crurum; quae tamen illis superposita sunt ossa rotunda, [quae] emyovaTIoec (44b) uocantur.

62.20L Genua autem commissiones femorum sunt. Vtrorumque tamen illorum superposita ossa rotunda [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (50) (44c) uel [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] uocantur.

Isidor etym. 11, 1, 44 bringt wie quaest. med. 85.5L das Wort malae (51). Nur eine einzige Oribasiusstelle (syn. 8, 58, 1) fuhrt der Thesaurus an bei 2 melum,-i i. q. gena; dazu tritt jetzt die folgende:

231C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Diffusio sanguinis ad superficiem, cum percussi fuerint oculi uel mela (52) (45). Videtur tamen inter initia quidem rubicundum, procedente autem tempore innigratur (46). (ohne Parallele)

Nehmen wir innigro gerade noch mit! Ausser der Itala und den von ihr abhangigen Stellen bei Hieronymus und Augustinus kennt der Thesaurus das Wort nur noch aus Alexander Trallianus.

Nur als Form bemerkenswert ist femus (47) fur femur (195C); dass wir in 271.1L femur lesen, uberrascht nicht.

Einen echten Neufund stellt medianeum (48) dar:

98C Quid est medianeum? Quod Graeci peoaQa<iov uocant>, omentum neruosum, quo intestina continentur, in quod omnis collectio uenarum fit, per quas emanant cibi fiecoris rotas por<t>asf, quas Graeci peoacaiac appellant. (ahnlich 27L)

Ein ratselhafter Ausdruck ist occiso 85.10C (das Wort fehlt an der parallelen Stelle 62.10L), der sonst nicht belegt, dem Thesaurus und Andre unbekannt ist.

85.10C Post hos autem mentum, sub mento gurgulio et collum. Huius pars quae ante est, gula dicitur, posterior autem ceruix, concaua autem pars occisio (49). (occiso C occipo pilulam uel occipitium ss. C' pilula uel occipitium L)

Fur mich besteht kein Zweifel daran, dass mit occisio (wie ich lesen mochte) das iugulum gemeint ist, worauf sich auch die anschliessenden Worte dextra laeuaque iuguli beziehen und was durch zahlreiche Ableitungen von iugulo,--are bestatigt wird. Dasselbe ergibt sich meiner Ansicht nach aus Pollux onom. 2, 133 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (was allerdings seiner Aussage onom. 2, 164 widerspricht, obwohl es sich im Hinblick auf die gleich angefuhrte Rufusstelle um einen Irrtum handeln konnte: [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], (53) [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], und aus Ps.Gal. introd. 10, 6. XIV 703 K. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Die griechische Parallele [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] zwingt zur Herstellung occis<i>o, die ihre Bestatigung in den Glossen findet: CGL 2, 449, 8 <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] occisio caedes iugulus hoc iugulum>> (Gloss. Graec.-Lat )--2, 504, 13 <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]>> (Idiom. cod. Harl.)--3, 247, 68 <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] iugulum>> (Herm. Einsidl.)--3, 408, 54 <<iugulum sfage>> (Gloss. Leid )--3, 209, 15 <<occisiones isfagis>> (Herm. Monac, de militia).

Sicheren Boden betreten wir wieder mit pilula (50), der Nasenspitze (85.6C, ausgelassen in 62.6L), bei Isidor etym. 11, 1, 48 in der dissimilierten Form pirula, die Isidor zu seiner phantasievollen Herleitung vonpirum ,Birne' verleitet hat. Dass griechisch [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] zugrundeliegt und pilula deshalb richtig ist, kann er nicht geahnt haben.

Ebenfalls ohne grosseres Interesse sind die Belege fur pala ,Schulter(blatt)' (51) (84C = 61L, 85.11C, 85.15C = 62.15L, 186C = 248.2L, 62.12L), ein Wort, das offensichtlich im Spatlatein haufiger gebraucht wurde als scapula, wie man bei Caelius Aurelianus z. B. feststellen kann (54).

Das Rippenfell wird in den quaest. med. cingulum (masc. bei Cicero; der Thesaurus belegt auch das Femininum) bzw. subcingulus genannt; sub--durfte durch griechisch ineZmKroc beeinflusst sein; Pavl. Fest. 364 succingulum balteum; Andre behandelt cingulum, succingulum und cinctus nicht (55).

103C Quid est UneZoexoec? Id est quod subcingulus (52) uocatur; <...> in inferioribus autem extensus circa subiacentia peritonaeum uocatur.

14L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? In superioribus cingulum (53), in quo membrano phlegmone generato pleuresis fit. In inferioribus uero extensum circa subiacentia loca peritonaeum dicitur.

117C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (id est lateris dolor)? Tumor omenti quo circumdantur latera et cinguli contractio, <cum> febre assidua et dolore et suspirio uel tussi et saliuarum sanguinearum uel uiridium aut liuidarum <reiectione.> Hi etiam uigiliis laborant et minime patiuntur in unum latus iacere.

225L Quid est pleuresis? Lateris dolor cum tumore uehementi in membrano quod dicitur [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], id est cingulus; cinguli contractio, febris acuta cum suspirio et tusse fit. Sputa sanguinolenta aut uiridia aut liuida aut nigra aut spumosa sunt. Hi etiam uigiliis laborant et in uno iacent latere et magis in ipso quod patitur.

Bei Andre (vgl. seinen Index, p. 274) sind eine Reihe weiterer Korperteilnamen mit sub--aufgelistet. Subuentralis (54) bzw. subuentrale (Andre p. 229 diskutiert das unterschiedliche Genus nicht (56)) finden wir in L, 263L, 264.3L, 282L (alle ohne Entsprechung in C) und 321.1L; an letzterer Stelle hat C das bisher unbekannte subuentraneum (55), beides Bildungen, die sich an bnoyaotQiov anlehnen (57):

244.1C Quibus insectionibus singulae partes obaudiunt? Rectis incisionibus obaudiunt crura et collum propter uenarum rectitatem, caput autem et frons et pectus et subuentranei pars inferior. Planis insectionibus cum sublatione autem obaudiunt alae <et> [in] inguina, anuli et muliebrium partium inferiora et gynaecia (56), quia rugosa sunt et subtilia.

321.1L Quibus insectionibus singulae partes obaudiunt? Rectis incisionibus obaudiunt crura et collum absque sublatione propter uenarum rectitatem, caput autem et frons et pectus et subuentralis pars inferior planis insectionibus cum sublatione. Ideo autem obaudiunt aliis inguines, anus <et muliebrium> partium inferiora fagestiua, quia sucosa sunt et subtilia.

LSJ s.v. yuvatxeioc 2. definiert <<partes muliebres>>, wie wir es hier finden, es sonst aber lateinisch nicht belegt zu sein scheint (58).

Zusammensetzungen mit super--sind seltener (vgl. wiederum Andre p. 274). Die quaest. med. bescheren uns auch hier ein neues Wort, superpecten (59) (57): 56 57 58 59

190.3C Consequitur autem Tupnavtav uastitas circa superpectinem et coleos et ueretrum. Nam fhaec inflantur et pedes intumescunt et fastidium sequitur et superiores partes extenuanta et tardiores fiunt et sitiunt, et cum se inclinauerint uel recampserint, in conuertendo se sonitum et murmur circa superpectinem faciunt.

Der Redaktor der insularen Fassung hat dem nicht ganz getraut und stattdessen subuentralis eingesetzt, wie er auch das meist als vulgar charakterisierte coleos durch testiculi ersetzt:

263L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? In qua plus quidem uentositas, minus autem humor dominatur. Sequitur autem eos tumor uastitatis per totum uentrem et subuentralem et testiculi et ueretrum et pedes intumescunt et fastidium sequitur et superiores partes extenuantur et sitiunt, et cum se inclinauerint uel recubuerint, in conuertendo se sonitum cum murmuratione circa subuentralem patiuntur.

Kommen wir zu den Adjektiven. sanguinalis (57a) (uenter (60) sanguinalis cordis, 90C; die andere Herzkammer heisst spiritalis, ,Pneumaherzkammer') ist bis jetzt fur die Bezeichnung der rechten Herzkammer unbelegt (haufig ist herba sanguinalis). Da ausserdem sanguineus und (haufiger) sanguinolentus Vorkommen, war auch das eine bewusste Entscheidung.

Lotialis,--e kennt der Thesaurus nur aus der Soranubersetzung des Mustio in der Fugung lotialis ductus (so die uberzeugende Konjektur des Verfassers des Artikels, Hugo Beikircher, fur dictus). In den quaest. med. finden wir die lotiales meatus (57b), die Ureteren:

97C Quid est xuotlc? Vesica, corpus neruiosum triplex, positum in latitudine ilium, in quam de renibus totus humor colligitur et fertur per lotiales meatus, qui humor lotium appellatur.

26L Quid est xuotlc? Vesica. Est enim corpus triplex, neruosum, positum in latitudine in iliis, in qua de renibus totus humor colligitur et fertur per lotiales meatus ad uirgam. Qui humor lotium appellatur a lotialibus meatibus, et ab urethridibus (uritidibus trad.) urina dicitur.

Da in der Antike Ureteren und Urethra nicht selten verwechselt werden, bleibt uns nur der Plural als Anhaltspunkt fur die Deutung von urethridibus, denn LSJkennt das Wort [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] nur in der Bedeutung ,Nachttopf' aus den Aristophanescholien (Schol. Ar. V 803). Wir haben normalerweise nur eine Harnrohre, wie sich leicht durch Autopsie verifizieren lasst, aber zwei (von aussen nicht sichtbare) Harnleiter. Fur sie gibt es auch noch andere, nicht bei Andre p. 157f. aufgefuhrte Bezeichnungen. largiores ergo effecti pori urinales lesen wir bei Orib. syn. 9, 26, 1 La p. 329 Mol., wo freilich der griechische Text nicht exakt korrespondiert. Besser sind wir in dieser Hinsicht mit der vorangehenden Passage Orib. syn. 9, 24, 18 gestellt, wo Aa (p. 327 Mol.) von den pori qui sunt inter renes et uessica spricht, La (p. 327 Mol.) von ureticis poris (61).

Schliessen wir einen unveroffentlichten Text an, der auf noch ungeklarte Weise mit Vindizian zusammenhangt und bruchstuckhaft im Cass. 69 uberliefert wird. Dort treffen wir ein bisher unbekanntes Adjektiv, lotiarius, das wiederum der Bezeichnung der Ureteren dient:
   Vindic. (sec. Cass. 69, s. 9ex. p. 3b) ... meatus infert (ineart
   trad.) uritherus id est luciarius. Qui dextra leuaque uessica
   coniungitur ...


Die Lecciones Heliodori im Glasg. Hunt. 96 (62) kennen ebenfalls diesen lotiarius meatus.

Sogar lotianeus scheint es zu geben, in der von Schipper veroffentlichten Fassung von Vindic. gyn. [section] 17 p. 16, 20 (63) lesen wir von meatus locianei[s].

Manchmal wird direkt das griechische Wort verwendet, wie bei
   Agnell. in Gal. de sectis p. 98, 12 Westerink ureteres, unde
   ingreditur urina in uessica


und
   In Hipp. aph. comm. Lat-A 4, 75 (sec. Aug. CXX) Sed quia urina
   colamentum est sanguini fertur ab epate per uritiris duo
   descendens ad renes Item de renes ad uessicam


Allerdings scheint der Verfasser des Kommentars seinen Leistungsnachweis in Anatomie nicht regular erworben zu haben (64)!

3. Chirurgie

Eine reiche Ausbeute gibt es im Bereich der Chirurgie, wo wir zahlreiche neue Ausdrucke fur Verletzungen und Knochenbruche, besonders am Schadel, antreffen. Viele stehen in einem zusammenhangenden Stuck, das ich deshalb hier folgen lasse:

262C Quot species sunt fracturarnm quae in capite fiunt? Quinque: uocatur enim quaedam ruptio (58), quaedam depressio (59), alia [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], quaedam deasclatio (60) dicitur; <est> etiam resonatio, quae est species rupturae (61), cum in alia parte uulnus, in alia uero ruptura efficitur.

305L In cerebro fracturae sunt septem aut nouem. Vocatur quaedam poeygp, id est ruptio, quaedam egmeoga, id est depressio, alia [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], alia [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], alia autem [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII];, quaedam deasclatio uel asclatio dicitur; <est> etiam [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], id est resonatio, <species rupturae ossis, cum <in> alia parte uulnus, <in> alia uero [ossis] ruptura ossis sit.>

264.1C <Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Ossis in multas partesfractio (62),> et in altioribus quidem omnino recedit [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]; in leuioribus autem interdum recidit, interdum non. (307.1L)

265C Quid <est> impressio (63) ossi? Testae fractura, per quam imprimitur [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII];, cum intrinsecus facit sinum os fractum, uel quod saepe euenit, si et uulnerauerit. (fehlt in L)

Nur hier belegt ist deasclatio (65). Wir haben Mitleid mit dem Verfasser des Thesaurusartikels, wo wir lesen: <<a *deasclare, cf. rec. asclare ab asciculus. Ps. Soran. quaest. med. 219 cerebri fractura quaedam vocatur--o vel asclatium>>. Als erstes ist festzuhalten, dass an dieser Stelle cerebrum statt cranium oder testa gesagt wird, wofur Andre p. 34 eine Reihe von spatlateinischen Belegen anfuhrt; diesen Gebrauch hatte der Verfasser des Thesaurusartikels (und der des Artikels engisoma) allerdings nicht ubernehmen durfen! Von asciculus werden wir auf acisculus weiterverwiesen; der erste Beleg (eine andere Definition fehlt), CGL 5, 590, 25 <<asciculus: asciola, dolabra>> hilft uns, wie wir sehen werden, tatsachlich weiter. S. v. ascia lesen wir dann Exc. Bob. gramm. I, 553, 16 <<ascia [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]>>, ein scharfes Instrument zur Holz--und Steinbearbeitung (Naheres bei Daremberg-Saglio s.v.), Axt, was mit dolabra ubereinstimmt.

Deasclatio ist aber nichts anderes als der Versuch, das griechische [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] lateinisch wiederzugeben, eine Bezeichnung fur eine Verwundung am Schadel, die durch 65 das tangentiale Auftreffen (66) ([TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]) eines scharfen Gegenstandes verursacht wird und zu einem Verlust an Weichteilen und Knochensubstanz fuhrt (67). Man konnte sich vielleicht dem Ausdruck deasclatio nahern, indem man an Absplittern denkt. ascla = astula, vgl. ThlL s.v. assula, Cassiod. gramm. VII, 205, 7 <<tres consonantes tertio loco r habent et aliae l litteram ut astula et in elisione ascla>>, CGL 2, 521, 34 <<assula nekeKnpa>> ,SplitterEine eigentliche Definition von anooKenaQviopoc, die aber von den anderen Belegen ziemlich weit entfernt ist (68), lesen wir nur in L:

309L Quid est anooxenaQviogoc (64)? Ossis in circuitu confractura (69) <cum> minutis simis ossibus.

Etwas ganz anderes ist die asclatio (65) (Rose schrieb Ps.Sor. quaest. med. 225 Rose asclatium (70), dementsprechend der Eintrag im ThlL (71)) in 268C, namlich ein Knochensplitter (zu astula). Es muss auch uberraschen, diese nicht speziell auf die Schadelkalotte bezogene Definition hier eingeschoben zu finden.

268C Quid est asclatio? Astella ossis in superficie facta acuta, cum maneat suo loco ossum. (311L)

Nachdem wir mit deasclatio den schwierigsten Begriff aus dem Bereich der Verletzungen des Schadelknochens geklart haben, wenden wir uns nun den ubrigen zu, als erstem der [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], die auch in den pseudogalenischen Def med. und bei Soran den Anfang macht als der einfachste Fall. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] wird in 262C zunachst mit ruptio ubersetzt, spater im selben Abschnitt und in 263C heisst es nur noch ruptura.

263C Quid est <[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]>? Ruptura; ossi incisio in longitudine tam angusta quam etiam lata, et interdum leuis, interdum autem <aspera>, ut usque ad duplicaturam diuisum sit ossum.

306L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? <> Efficitur quidem hic copiosa incisio in longitudinem tam angusta quam etiam lata, interdum leuis, interdum etiam applicatur usque ad diuisum os.

Wir horen auch etwas uber die Behandlung der ruptura (72):

270C Quemadmodum curabis rupturam? Incisa superficie inspicimus rupturam, deinde separatis [a] partibus linteola immittimus, ne impedimentum aliquid rasurae ossi fiat, et cum consuta fuerit recta incisio, colligimus per suppletionem cicatricem medicamine, quale est quod fit fde bitia. Cum autem suppurata fuerit [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], necesse est avarpnoiv fieri, ut aliena auferri possint. Oportet ergo prima die per incisionem de emmotis (66) patefacere uulnus, sic deinde consequentem curam adhibere. (335L)

Rasura (67) (spater treffen wir auch noch rasio) muss hierbei das Schaben mit einem Raspatorium bezeichnen (73); [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ist im DGE etwas ungenau mit "trepanacion" wiedergegeben (es wurden vermutlich Ubersetzung und Stellen aus LSJ ubernommen --ebenso GI--, sodass kurioserweise Belege aus eigentlich medizinischen Schriften fehlen), es bezeichnet das Bohren von mehreren Lochern in der Schadelkalotte, das der Beseitigung der dazwischen befindlichen Knochenbrucken durch Ausmeisselung vorangeht, ist also etwas anderes als die Anwendung des gemeinhin und besonders aus dem Binger Arztgrab bekannten Krontrepans. Hier und in 254C = 328L finden wir auch einen Begriff fur Kompresse, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (die im Thesaurus angesetzte maskuline Form sollte vielleicht der neutralen weichen), die der Thesaurus aus quaest. med. 232 Rose anfuhrt; G hat (genau wie L)propter immatosin, enmotosin in C (241.2C = 318.2L ) fuhrt aber eindeutig auf das bisher unbekannte eppoxmoic (74) (68) (das gleichbedeutende [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] belegt LSJ aus den beiden Chirurgen Heliodor und Leonides (75)).

Die [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (69) wird ebenfalls, und zwar etwas ausfuhrlicher, in der Ars medicinae p. 429, 1 Laux definiert

267C Quid est xapaprooic? Cum fragmenta testae extrinsecus faciunt sinum. (310L)

Ars med.: Camarosis dicitur ossis diuisio in circuitu ita ut emineat locus laesus caluariae in similitudinem camarae.

Wahrend die quaest. med. also ganz deutlich von Schadelbruchen (testa) sprechen, nahm der Verfasser des Thesaurusartikels engisoma in seiner Definition die schon oben getadelte Verwendung von cerebrum fur Schadelkalotte wieder auf und schrieb: <<de certa quadam cerebri fractura>>, wobei man auch gern wusste, was er mit certa quadam eigentlich sagen wollte.

266C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (70)? Cum fractae testae una pars sub altera facta [cum] opprimit meningam. (308L)

Ein interessanter Begriff ist resonatio (71), der Versuch der lateinischen Wiedergabe von [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

269C Quid est anpxppa (id est resonatio)? Ruptura testae per aliam partem, non ubi uulnus fuit. (ahnlich 312L mit fit statt fuit)

Die Erklarung ist ganz in Ordnung (ausfuhrlicher Sor. fract. 8) und bezeichnet eine Contrecoup-Fraktur, wenn der Bruch an einer anderen Stelle auftritt als an der, wo die Gewalteinwirkung stattgefunden hat. Wir verzweifeln aber erneut an der wenig sorgfaltigen Arbeit, die uns hier das Latinitatis Italicae medii aeui lexicon (Nachdruck Florenz 2001--die erste Ausgabe hiess so, wie auch diese heissen sollte, ,lexicon imperfectum') prasentiert <<resonatio--crepitus: Ps.Sor. 270, 26 quid est apechema? -o rupturae testae?>>.

Zitiert wird der Text Roses (der ThlL hatte Ps.Sor. quaest. med. 226 geschrieben), allerdings mit Seite und Zeile und mit einem sinnlosen Abbruch der Perikope, die in Roses Textausgabe auch nicht mit einem Fragezeichen endet! Das [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ist eben kein wie auch immer geartetes Gerausch, und die richtige Erklarung verzeichnet LSJ s.v. als 3.

Der Knochenbruch wird allgemein definiert in

258C Quid est fractura? Discissio (72) et crepatio (73) ossis. (333L)

Dabei verbessere ich in C das in CGL einheitlich uberlieferte decisio und kann mich dabei auf Avg. c. epist. fund. 35 berufen: <<corruptio integritatis discissio aut fractura aut diminutio>>. Das Fehlen weiterer medizinische Belege stort nicht; auch fur crepatio ist unsere Stelle die einzige im Thesaurus angefuhrte.

Allgemeine Weisen, wie ein Knochen zerbrechen kann, werden mit drei griechischen Adverbien bezeichnet,

259C Quot <sunt> species fracturae? Tres; una enim uocatur [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (74), id est si tamquam tursus medius frangatur; alia [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (75), id est si rectae fuerint fracturae; tertia [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (76), id estpolentabilis (77), quae in multas frangitur partes.

260C Qualis est fractura quae dicitur [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Quae in longitudinem finditur.

261C Qualis est quae dicitur [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Quae in multa confrangitur.

Nur fur die Wiedergabe von [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] hat unser Ubersetzer extra ein lateinisches Wort gebildet, polentabilis, ein weiterer Beleg fur die Lebendigkeit dieses bereits oben besprochenen Adjektivsuffixes (76). Soviel zur Terminologie der Knochenbruche.

In den Quaestiones medicinales werden auch eine Reihe von chirurgischen Verfahren aufgezahlt, fast durchweg anderweitig nicht belegte Ausdrucke auf--tio : decisio, desectio, depunctio, impunctio, decoriatio, succoriatio, deflammatio, delibratio, rasio, pertusio.

257.1C Quae sunt generales operationes chirurgiae <et> quae speciales? Generales quidem <sunt> incisio et diuisio et circumcisio (77a) (77), scarifatio, decoriatio, succoriatio, depunctio, consutio, impunctio, subtractio, iniectio et his similia. Nos autem dicimus etiam cauterismum subiacere sectioni, cauterismo autem incensiones (incisionem 331L) et deflammationes et cetera his similia. (ahnlich 331L)

Der ahnliche Text der Chirurgia Heliodori (78) zahlt sieben incisiones auf, die interessanten Definitionen lasse ich folgen, indem ich die griechische Schreibweise substituiere:

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (78) (79) est recta incisio in corpore.

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 80 (79) est in circuitu incisio in cute in rotundo.

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (80) est multa incisio in cutis ut scarificacio cocurbitarum.

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (81) est a loco debili uel membrano sublatio.

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (82) est si a (quia trad.) radice membrana de loco suo <au>feruntur.

Der vorletzte Ausdruck, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], entspricht meines Erachtens der decoriatio (83), die succoriatio (84) ist offensichtlich die [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], wie uns Heliod. ap. Orib. coll. med. 46, 15, 5 lehrt: [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], wo es um die Ablosung von Knochensplittern eines Schadelbruchs geht. Das Wort bezeichnet also ein vorsichtiges Ablosen weicher Gewebeteile mit einem stumpfen Instrument (81).

Die dann folgenden Ausdrucke beziehen sich auf das Nahen, wie wiederum die Chirurgia Heliodori lehrt:

3 Circa sarcituras
   [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (82) (85) est angusta punctio quod
   de acu uel acia uel lino transit per multas uices in diuersa<s>
   partis corporis uel fibras sarcire.


Depunctio (86) durfte demnach oiaxevxnoic entsprechen, und da LSJzumindest [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] aus den Glossen zitiert (83), wird es wohl auch mit impunctio (87) = [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (nicht belegt) seine Richtigkeit haben.

Kommen wir zur Behandlung mit dem Brenneisen, wiederum nach der Chirurgia Heliodori:

3 Circa adustiones84 (88).

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]; (89) est quae in corporibus [adustio] scaram facit, hoc est crustam uel putamen (putrimen trad.).

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (90) est in circuitu cauteridiare locum.

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (91) est qui in circuitum ut puncta cauteridiatur.

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (epifleusis (85) trad.) (92) est in superficie scaram (= escharam) facere ex conbustionem fqui aspeui.

Das sonst nicht belegte deflammatio (93) konnte [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] entsprechen, doch ist dieses Wort erstaunlicherweise griechisch nur einmal bezeugt, bei Pavl. Aeg. 4, 5, 2.

257.2C Quae specialiter accipiuntur in chirurgia de ossibus? [in] [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (94) (id est pertusio (95) et perforatio (96)), ossi decisi<o (97) id est> desectio (98), rasio (99), delibratio (100).

332L Quae specialia accipiuntur in chirurgia de ossibus? [dagger]<...>n aliter in naribus anatresis, id est pertusio et perforatio, ossis decisi desecatio, derasio aut dedolatio.

Da weitere Einzeldefinitionen fehlen, sind wir hinsichtlich der Bedeutung auf Spekulationen angewiesen. dedolatio (101) kennt der Thesaurus nur aus 332L, dort ist es wahrscheinlich ein Verbesserungsversuch fur nicht verstandenes delibratio 257.2C. Da dedolare dasselbe ist wie deasciare, erinnern wir uns an die vorangegangene Diskussion von deasclatio (deasciatio), wo es eine Verletzung, nicht ein chirurgisches Vorgehen bezeichnete, was freilich nicht auszuschliessen ist; es wurde dann ,Abhauen, Abmeisseln' bedeuten. Aus dem Artikel derasio im Thesaurus gewinnt man den Eindruck, es habe etwas mit anatresis zu tun, weil die entscheidende Frage "Welche speziellen Massnahmen gibt es in der Knochenchirurgie?" fehlt. Rasio 257.2C ist fur mich die zu bevorzugende lectio difficilior (Cuotc (102) in der ChiurgiaHeliodori und Ps.Gal. introd. 14, 781 Kuhn, wo Caroline Petit Ps.Gal. introd. 19, 1 jetzt [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (103) liest; oben hiess es rasura), Gleiches gilt fur desectio gegenuber desecatio (104). Bei delibratio scheint es sich um ein Abschalen (von Knochenhaut = Periost?) zu handeln; delibro,--are ist selten. 84 85

Schwer erklarlich ist das Nebeneinander des relativ seltenen insectio (105) und des haufigen incisio (106) in 244.1-2C (ebenso in 321.1-2L):

244.1C Quibus insectionibus singulae partes obaudiunt? Rectis incisionibus obaudiunt crura et collum propter uenarum rectitatem, caput autem et frons et pectus et subuentranei pars inferior. Planis insectionibus cum sublatione autem obaudiunt alae <et> [in] inguina, anuli et muliebrium partium inferiora et gynaecia, quia rugosa sunt et subtilia.

244.2C Subobliquis autem incisionibus obaudiunt media laterum, lunaribus autem retrorsae partes aurium (86); ad modum autem myrtae foliorum (107) incisiones facimus in his, quae suere uelint (87), aut saepe etiam [aut] zeta litterae (108) simili obaudit, [aut] uel ad modum decumarum (109) recidimus corpora.

Das gleiche Thema behandelt die Chirurgia Heliodori, deren Text ich auch hier nochmals mit dem Mikrofilm der Handschrift abgeglichen habe (88):
   Suadent corpus nostrum diuersis incisionibus uti propter uenarum
   eam (89) decus<s>ationem (110) et neruorum uel musculorum
   positionem, quoniam uenosa loca incisa corpus euacuant et occidunt,
   neruosa contrahunt<ur>, musculosa soluuntur et cito resident;
   neruosa tarde tumescunt et tarde resident, musculosa uero subito
   tumescunt, obdurantur et fluescunt (111). Qua de causa incisionum
   genera sunt multa: sic incisura recta, incisura in decus (112),
   incisura absidata (113), incisura in rotundo, incisura in latus aut
   in rotundo.

   Incisuram rectam facimus in caput, aures, in collum uel conuicina
   (90) (114) loca femorum coxarum aurium mammarum uel pectora et
   pedium.

   Incisuram in decus facimus in caput et aures.

   Incisionem absidatam in frontem.

   Circumcisionem facimus in rotundo.

   Ypodoxis (91) (115) est in medio laternm [utimur] (92) sub alis
   (93) et inguinibus, corpora in superfacie putrida (-de trad.),
   tenues <carnes circa> angulos oculorum maiores (94) <et> circa anum
   <et> ueretrum, circa mulierum ueretrum (95) (116) quae pterygomata
   (pteric--trad.) (117) uocantur.

   Incisuram in latus <facimus> capiti fronti superciliis palpebrarum
   infra (intra (96) trad.) mentum in torace sumine (97) (118) et
   <hiis> quae ibi adiacent.

   Posteriora aurium myrsinoide (98) (119) sidero [TEXT NOT
   REPRODUCIBLE IN ASCII], hoc est ferramento <...>, quando uolumus
   sarcire.


Die lunares incisiones (120) hinter dem Ohr sind ganz offensichtlich halbmondformig (der Thesaurusartikel hebt darauf nicht ab, wohl weil es so selbstverstandlich erscheint); die Chirurgia Heliodori lehrt, dass es dafur auch noch die Bezeichnung absidatus ([TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]) gab, nach Auskunft des TLG ein sehr seltenes Wort und bis jetzt ohne medizinische Belege; stattdessen gibt es die [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] oiaipeoic bzw. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (99).

Ebenfalls auf die Form beziehen sich die Einschnitte, die dem Blatt der Myrte ahneln (100) (ad modum ... myrtae foliorum incisiones) oder dem Buchstaben Z bzw. dem X, bei den Romern zugleich das Zahlzeichen fur 10 (decem), weshalb wir in den quaest. med. ad modum decumarum lesen, also x-formig (101) (incisura in decus in der Chirurgia Heliodori, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] Antyll./Heliod. apud Orib. coll. med. 44, 5, 1).

Ziemlich am Beginn der Quaestiones medicinales wird die Einteilung der Chirurgie erortert, dabei finden sich auch zwei griechische Fachworter fur Operationen:

39C Per efficaciam (102) autem [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (121) et similia his fiunt.

Wahrend [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] haufig vorkommt (es bedeutet sowohl den Einstich mit anschliessendem Flussigkeitsentzug bei der Bauchwassersucht wie den Starstich (103)), ist [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] ,Bruchoperation' bisher nur an dieser einen Stelle belegt (104).

Nach so viel chirurgischer Aktivitat sollten wir die Verbande nicht ausser acht lassen. Von den [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] war oben schon die Rede, jetzt geht es um Probleme bei chirurgischen Nahten, wo wir einen weiteren Beleg fur epidesmus (105) (122) antreffen, aber vor allem das bisher unbekannt filamen (123) als Alternative zu filum :

245.2C Quare quae consuuntur, interdum non coniunguntur? Si cum collectione iungu<n>tur aut glebula sanguinis aut aliud quiddam inciderit, et cum multum suitur, conuertuntur labia, et propter fila, si per media labia fuerint inducta et propter ligationem epidesmi uel filaminum incongruam.

Der insulare Redaktor von 323L hat beide ausgemerzt und den Text ziemlich umgestaltet:

323L Quare quae sunt neruosa interdum <non> coniunguntur? Quae cum collectione consuuntur, saepe <non> iunguntur, si [non] aut gleba sanguinis aut aliud quiddam inciderit. Et cum sunt nimis spissa, corrumpuntur labia et propter ligationes incautas uulneris corrumpuntur.

4. Krankheiten

Beim Fortgang einer Krankheit werden verschiedene Phasen--in der Regel sind es vier--unterschieden; eine davon ist die, die man als Plateau (keine Verschlimmerung, keine Besserung) bezeichnen konnte, wofur in den quaest. med. das seltene Adjektiv aequilibris (sein erster Beleg bei Vitruv, dann die Itala und die Glossen) und das ebenfalls seltene Substantiv aequilibratio (der Thesaurus zitiert Cassianus mit drei Stellen und Marius Victorinus) gebraucht werden, statt des recht haufigen status:

138C Quemadmodum in aequilibri (124) statu positum morbum cognoscere possumus? Cum stabilitatem quandam habeat et in eodem permaneat et cum aequales sint praesentes accessiones praeteritis et accidentia eundem modum teneant nec peiora fiant <...>.

202L Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Statum dicimus aegritudinis esse, cum passio in aequilibrio fuerit posita cum stabilitate quadam et in ea permanet et cum aequales sunt praesentes 103 104 105 accessiones praeteritis et accidentia eundem tenent modum nec peiora fiunt et urinae evairopppa id est nebula apparet, in statu dicimus esse causam.

143C Quid ostendit aequilibratio (125)? Ut [de hisdem agantur aegri et similis] eis paregoriae fiant usque ad humaniorem ualitudinem. (Parallele fehlt)

Obwohl 202L zum Teil deutlich anders formuliert als 138C, liegt dieselbe Definition vor, wo L das gelaufige aequilibrium einsetzt.

Die Remission, d. h. der Ruckgang oder das Aufhoren der Krankheitserscheinungen, heisst griechisch aveoic (106) *:

134C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (126)? Alleuatio quaedam post accessionem, ad melius initium. (ohne Parallele)

Das dazugehorige Adjektiv ist [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], aneticus (101):

287.5C In periodicis autem febribus, id est quae non cotidianae uel non continuae sunt, in aneticis (127) quidem diebus, id est qui febribus carent, ... (das Wort wird ausgelassen in dem parallelen Text in 451.5L)

Neben alleuatio gibt es auch releuatio:

211C Quae sunt cotidianae febres? Quae cotidianas accessiones habent et soluuntur, ut uno spatio febriat et <post> perfectam habeat releuationem (128). (241.1L)

Dieses Wort verwendet auch Caelius Aurelianus (chron. 5, 3, 55), unerklarlicherweise missverstanden von Souter, der "suspended matter (in urine)" schreibt (108).

Eine Fieberart, die in den Quaestiones medicinales diskutiert wird, ist das halbe Dreitagesfieber, ppxxQixaioc; selten ist die Form [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (vgl. LSJ (109)), fur die die Quaestiones medicinales (neben Caelius Aurelianus) einen weiteren Beleg bieten:

206C (Frg. 291 Tecusan) Quae est hemitritaica (129) febris? Quae non cessat, sed tamen quaedam interualla habet. Hemitritaei tamen methodici tres differentias inducunt, quarum unam maiorem, alteram mediam, tertiam uero minorem dicunt.

Dementsprechend werden wir auch an der parallelen Stelle 137L (Ps.Sor. quaest. med. 127 Rose) hemitrit<a>ica febris schreiben, denn es handelt sich um den einzigen Beleg fur hemitriticus (130) im Thesaurus und nach allem, was wir inzwischen von der insularen Redaktion wissen, nicht um genuine Uberlieferung.

Es gibt zahlreiche Arten von Fieber, darunter das Sumpffieber, hier mit paludineus wiedergegeben:

155C Quot <sunt> species febrium? Multae: uocantur enim earum quaedam <xanorooeic110 111 (id est> inflammantes), aliae Xircupiac (id est <sine> calore), deinde pmaXoc et eAroopc (id est paludineus (131), quem quidam xu^roop appellant). (ohne Parallele)

Da dieses Wort sonst nicht bezeugt ist, wird man das ebenfalls seltene, in den Epigrammata Bobiensia belegte paludigenus als mogliche Verbesserung vielleicht nicht ausschliessen.

Wenden wir uns nun anderen Krankheitsnamen zu. Zu icteris (132) 126C (fehlt in L) steht das Notwendige bereits im Thesaurus s.v. icterus. Gleiches gilt furpipita (133) 181.2C, das die insulare Redaktion (man konnte beinahe sagen: wie zu erwarten) durch das regulare pituita (243.1L) ersetzt. Noch einige Zeit wird man hingegen auf den Thesaurusartikel zu tussicia (111) (134) warten mussen, das uns zweimal begegnet, das aber die insulare Redaktion (196L und 237.2L) auslasst:

132C Quid est <[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (id est> temporale (135))? Id est prolixum uitium quod diuturnum est et difficile soluitur, sicut est podagra elephantia pthisis (id est tussicia), cauculus quoque ////

184C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (quam dicunt tussiciam)?

Man wird hier wohl eher eine Ableitung von tussis annehmen durfen als eine Verballhornung von phtisis/tisis (112). Aus einem anderen Text kennen wir eine parallele Bildung auf--icia zu icterus, namlich ictericia, wofur der Thesaurus eine einzige Stelle, namlich Avian. fab. apol. 6, anfuhrt (113). Bereits belegt ist aber hydropicia (s. ThlL s.v.); zu den dort genannten Stellen tritt 209L (nicht in C) und 260.2L, wo der parallele Text 190.2C hydropis (gen. sing.) hat (114).

Ebenfalls zu den spatlateinischen Formen wurde ich cynanchia (115) zahlen:

114C Quid est <[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (id est> suspirium)? Tumor eorum quae circa collum sunt ingens, et fit cum nimia febre et acuta, et interdum quidem extrinsecus fertur tumor et constrictio faucium, interdum intrinsecus, unde etiam offocat, et uocatur hoc uitium cynanchia (136), id est canina suffocatio.

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (137) mochte ich nicht ubergehen, da im Thesaurusartikel die Gleichsetzung von morbus cardiacus und [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] nicht ausreichend klar wird.

120C Quid est ouyxonq (id est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII])? Demolitio uitalis fortitudinis ftam sensibiliter merito necnon et cardiaci dicuntur.

226C Quid est cardiaca passio? [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] Demolitio uitalis fortitudinis et fit quam plurime de stomacho malefacto, cum sudore corporis nimio. Quidam autem existimant ex cordis inflammatione fieri et hoc ipso uirtutem solutam cordis esse et exinde [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] et fieri.

Ein eindruckliches Beispiel fur die Schwierigkeiten, mit denen ein Editor zu kampfen hat, ist das Wort claudicatio in 8CG. Der Erfolg arztlichen Handelns wird in 8G u. a. wie folgt dargestellt:

8G ... (der Arzt) impedimenta detrahit, quale est quando ypochysin (id est caliginem) deponit aut claudicationem detrahit aut de cute aufert ...

Uber die fehlende Kongruenz von claudicatio und detrahere hatte man sich keine Gedanken gemacht, viel weniger daruber, wie ein Arzt des Altertums ein Hinken einfach heilen konnte. Der Text in C brachte detrahit den Zusatz de firmitate, was Innocenzo Mazzini wahrend unseres dem Text der Quaestiones medicinales gewidmeten Seminars im Mai 2010 uberzeugend zu de <in>firmitate korrigierte. Der damalige Vorschlag von Arsenio Ferraces Rodriguez (der das Seminar in Las Medulas organisiert hatte), glaucomationem zu lesen, uberzeugte mich nicht, ging aber in die richtige Richtung: nicht das Bein ist erkrankt, sondern das Auge, und da kann der Arzt tatsachlich durch eine Operation, den Starstich, das Sehen wiederherstellen. In der Antike wurde die Pathologie des grauen Stars nicht wirklich verstanden und von anderen, nicht totalen Sehstorungen schlecht abgegrenzt; diese nannte man oft apsskumrna, lateinisch caligo,--inis, mit dem dazugehorigen Verb caligare und seinem spatlateinischen Konkurrenten caliginare. Zu caligare hat man caligatio gebildet; der Thesaurus belegt es nur bei Plin. nat. 29, 123 <<nubeculae et caligationes suffusionesque oculorum>> sowie Mart. Cap. 1, 11. Die Pliniusstelle passt hervorragend in den Zusammenhang unserer Stelle, denn uno/uoig heisst lateinisch (mit einem calque) suffusio. Dann durfte id est caliginem allerdings eine Glosse sein, und wir werden den Text wie folgt herstellen:
   8L Quid est effectus medicinae? Effectus autem medicinae est sanos
   facere aegrotos. Hanc enim utilitatem uitae praestat. Tres tamen
   sunt huius promissiones. Aut enim de periculis mortiferis liberat
   aut maximae partis, sicut apparet in acutis languoribus aut his
   quae frangunt caput, uel quibus telum aliquod aut sagittam uel
   simile aliquid aut impedimenta detrahit, quale est quando uno/uoiv
   [id est caliginem] deducit aut caligationem (136a) detrahit de
   <in>firmitate, aut <de cute> aufert sicut lepram et keUxqv et
   nigredines et quae circa capillos uel quibus herniae fiunt.


In C werden zu Beginn des betreffenden Abschnitts uber Magenkrankheiten zunachst die verschiedenen Arten aufgezahlt:

173C Quae uel quanta uitia fiunt circa stomachum? Dolor, tumor, durities, inflatio, fastidium, paralysis, reiectio, carbunculatio (137), tensura (116), occlusio. Haec autem omnia cognoscuntur et curantur. (Parallele fehlt)

Der einzige dem Thesaurus bekannte Beleg fur carbunculatio, Plin. nat. 17, 222 (auch fur carbunculo,--are gibt der Thesaurus nur Plin. nat. an), betrifft eine Erscheinung an Pflanzen. Andererseits ist carbunculus gut bekannt, wie ein Blick in den Thesaurus lehrt; Bannier, der Verfasser des Artikels, unterscheidet 1. pustulae und 2. odor fumosus. Hier erscheint eine Stelle bei Prosper Aquitanus, carm. de ingrat. (geschrieben 429/430) 583 <<transcurrit ... per omnes peccati ebrietas, corrupti et cordis in alua persistit, cruda feruet carbunculus esca>>. Bannier hatte seine etwas seltsam anmutende Definition , odor fumosus'' aus der ersten von ihm zitierten Stelle abgeleitet, Theod. Prisc. log. 95 <<si de feruore ut tempore digestionis, odor fumosus quidam (117), quem aliqui carbunculum appellant, dolorosos singultus procurauerit>>; ich vermute, dass Theodorus Priscianus hier nicht ganz genau war, denn ganz offensichtlich wird ein Phanomen beschrieben, das wir alle bestens aus eigener Erfahrung kennen, ein Brennen im Magen (ustura gleich unten), deutsch ,Sodbrennen', englisch ,heartburn' (ein calque nach griechisch KaQOioey^oc, zu koeqoioe ,Magenmund'). Mit dem Sodbrennen geht das Aufstossen (ructus, bei Theodorus Priscianus singultus (118)) einher, das wegen der bereits angedauten Speisen einen unangenehmen Geruch (odor fumosus) verbreitet.

Zitieren wir auch die beiden (119) im Thesaurus angefuhrten Stellen aus Oribasius, syn. 4, 19, 5 Aa p. 22 Mol. <<(fusius (120)) qui ... calidam habent uentris distemperantiam, usturam (121) (138), id est carbunculum (139)patiuntur>>, und syn. 5, 41, 5 Aa p. 84 Mol. <<(si uenter) fumosus et insuauis (122) generat ruptus, quod nos (123) carbunculum uocamus (124) >>. Einen weiteren Beleg stellt das im griechischen Oribasios nicht nachweisbare Kapitel 28 des Pseudo-Democritus dar: <<XXV De carbunculo et acido ructu. (28, 1) Si incarbunculat (125) (140) et acidum ructat, dabispotionem hanc ...>>. Trotz der breiten, bis auf M ubereinstimmenden Uberlieferung von incarbunculat bei Pseudo-Democritus bleibt ein Zweifel, ob nicht carbunculat herzustellen ist, denn carbunculo,--are finden wir eben nicht nur bei Plin. nat, sondern auch im lateinischen Oribasius, wobei ich daran erinnere, dass ja auch Pseudo-Democritus allergrosstenteils eine Oribasiusubersetzung darstellt. Orib. syn. 4, 19, 5 La lautet 111 namlich, nach der besseren Uberlieferung im Haun. 1653 fol. 119r, <<lac quidem frigidam habet temperantiam. uentrisque acidum est. quod autem calidum sit. carbunclat (141). merito ergo nociuum est>>. Diese Vermutung hatte man bereits nach Moliniers Text in La (fol. 105r), <<qui autem calida (sc. temperantiam; Moliniers Lesung calidu ist falsch), carbuncula>> haben konnen.

Betrachten wir jetzt eine Ausdrucke fur die Symptomatik und als erstes die concitatio uenarum (Zunahme der Pulsfrequenz) als Anzeichen des Fiebers:

149.4C ... Spiritu[s] autem inflammatio manifesta efficitur, ut per uenarnm concitationem (142) inuenitur. (ohne Parallele)

Der Thesaurus kennt kein anderes medizinisches Beispiel, ebensowenig bei concito,--are.

Uns allen wohlbekannt ist die Absonderung von Schleim aus der Nase beim Schnupfen, tropfenweise, wenn das Sekret noch dunnflussig ist. Wie man das lateinisch nennen konnte, lesen wir hier:

181.3C [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] autem deguttatio (143) <est> in interiores partes.

Moglicherweise wird das griechische Wort adhoc nachgebildet, denn der Thesaurus verzeichnet weder deguttatio noch degutto, are (letzteres finden wir im Mittellateinischen Worterbuch). Die insulare Redaktion (244L) normalisiert zu dem gewohnlichen destillatio. Ein weiteres Symptom bei Schnupfen ist das Tranen der Augen, oculorum lacrimatio (144) (181.1C = 242L).

Selten ist das Wort exscreatus,--us, das der Thesaurus aus Cassianus und Caelius Aurelianus kennt:

182.2C De capite autem saepe per palatum sanguis defluit; de faucibus quidem modicus et leuiter spumosus cum gargarismo (145) et exscreatu (146), saepe etiam et cum tussi. (ohne Parallele)

Gargarismus bedeutet hier nicht, wie sonst, ,Gurgeln' (actio gargarizandi) oder ,Flussigkeit zum Gurgeln', sondern beschreibt die Anstrengung des Patienten, das im Rachenraum befindliche Blut durch den Atemstrom nach aussen zu befordern.

Die Milzkranken haben ein Gefuhl, als sei bei ihnen innerlich etwas zerrissen:

187.1C ... tamquam alicuius rei diruptio (147) sentitur in spleni. (249L)

Beim bereits oben erwahnten Brennfieber beobachtet man eine schwarze Zunge, wofur das seltene Wort nigritudo verwendet wird:

156C Quae est xauaroopc febris (id est quae inflammat)? Quae cum siccitate nimia aut inflammatione pectoris et siti non ferenda efficitur necnon etiam cum iactatione et linguae siccitate, aspritudine et nigritudine (148) et desiderio aquae et ceterorum quae infrigidare possunt ... (ohne Parallele)

Ebenfalls mit nur zwei Belegen aus Plin. nat. im Thesaurus recht selten istplumbosus ,aschfahl':

112.1C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Obliuio, sopor et tarda excitatio, cum febre nimia ac facie plumbosa (149) ... (ohne Parallele)

An Tollwut Erkrankte leiden unter der singultatio (150) (189.2C), was die insulare Redaktion wiederum durch das gelaufige singultus ersetzt (245.2L).

Abschliessend zu einem der wenigen Verben. C uberliefert recumpserint, 263L (kaum uberraschend) hat daraus recubuerint gemacht. campso, are ist immerhin belegt, doch ein unregelmassiges Perfekt recampserint statt recampsauerint (so mein Wiederherstellungsversuch) ist meines Erachtens nicht zwingend.

190.3C Consequitur autem xupnaviav uastitas circa superpectinem et coleos et ueretrum. Nam fhaec inflantur et pedes intumescunt et fastidium sequitur et superiores partes extenuantur et tardiores fiunt et sitiunt, et cum se inclinauerint uel recampsauerint (151), in conuertendo se sonitum et murmur circa superpectinem faciunt.

5. Fachausdrucke der Methodiker

Die Quaestiones medicinales bringen auch Belege fur Fachbegriffe der methodischen Medizin, die unser Wissen erganzen und bereichern. Die folgenden Abschnitte fehlen in der insularen Redaktion und zum Teil ebenfalls in der Fragmentsammlung von Manuela Tecusan:

140C Quid est tertialis (151) qui dicitur oiaxQixoc? Tempus quod circa tertium diem et quartam noctem iuxta recursum cadit, aptum scilicet ad curam adhibendam uel ad opportunius offerendum cibum.

141C Quid ostendit initium? Quod debemus inter initia quidem uetare morbos crescere, cum fluxus (152) quidem stalticis (153) inhibeamus, stricturas (154) uero laxationibus (155).

142C Quid ostendunt incrementa? Ut strictiora quidem uitia laxanda sint usque ad declinationem simplici modo et fluxus illico constringantur.

Wenngleich fluxus und staltica nicht ohne weiteres nur der methodischen Schule zugerechnet werden konnen--Gleiches gilt fur die [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]--, ist strictura und laxatio eindeutig und bei Caelius Aurelianus belegt (126). Neben strictura findet sich allerdings auch strictio und strictum, wie in der ausfuhrlichen Darstellung am Beginn des Werkes:

57C (Frg. 295 Tecusan) Koivoxnxec autem sunt [t]res quae apparent in medicina per quandam necessitatem in his omnibus quae <dis>similia uidentur, et comprehensio huiusmodi rerum per similitudinem aut dissimilitudinem, sicut in uitiis quidem [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (156) et [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (127) (157) (id est strictum (158) etfluxibile (159)); in temporibus autem oi;ea et [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (id est acutum et diuturnum); in adiuuamentis [id est medicaminibus] autem [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] posuerunt, [id est constrictiua et laxatiua adiutoria]. [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] autem, id est communitates (128) (160), dicunt esse uitiorum tres, [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (129) (161) (id est constrictio (162)), [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (163) (id estfluxio (164)), [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (130) (165) (id est commixtio (166), et alia plura quae sunt omittenda [uel admittenda].

58C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (167)? Constrictio naturalium fluxionum omnium uel plurimarum cum difficili euaporatione corporis uel euacuatione.

59C Quid est [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]? Abundans [habundans] naturalis [de]fluxio eorum quae nimie defluunt.

60.1C Quid est emnA.ox'rc? Harum omnium communitatum [id est fluxiones et strictiones] in unum concursus.

146.2C (Frg. 294 Tecusan) Dogmatici quidem aiunt debere nos curarum qualitates sumere a causis morborum ex quibus efficiuntur, methodici uero ab ipsis uitiis, id est stricturae fluxionis et complexionis (168), empirici autem de concursionibus, id est de accidentibus.

149.3C (Frg. 296 Tecusan) Methodici autem sic responderunt: febrem esse qui <ex> alto exsurgit calor contra naturam, cum uitio stricturae uel fluxionis aut complicationis (169).

160.8C (Frg. 297 Tecusan) Methodici autem stricturam etfluxum generaliter necnon etiam complexionem causantur [esse febres]. 126 127 128 129 130

Der Umstand, dass der gleiche Fachbegriff lateinisch verschieden wiedergegeben wird, wie strictura/strictio/constrictio,fluxus/fluxio (131), complexio/complicatio/ commixtio, erfordert eine Erklarung, doch sollten wir vielleicht nicht vorschnell schliessen, dass wir die Arbeit verschiedener Ubersetzer vor uns haben, es konnte auch einfach ein Ubersetzer sein, der nicht auf eine ubereinstimmende Terminologie geachtet hat (132).

Index

absidata (incisura) 113

adustio 88

accusabilis 4

aequilibratio 125

aequilibris, e 124

aetiologicus 3

allotio,--are 32

anatome (avaxogq) 34

anatomia 33

aneticus,--a,--um 127

asclatio 65

asclatium 65

asperitas 20

aspredo 19

aspritudo 21

astragalus 36

caligatio 136a

caligo,--are 136a

caligo,--inis 136a

caligino,--are 136a

carbunculatio 137

carbunculo,--are 141

carbunculus 139

cartilago (= unoxovOQia) 35a

causabilis 2

cinctus,--us 53

cingulum 53

coartatio 37

commissio 44a

commixtio 166

commixtum 160

communitas (methodicorum)

160

complexio 168

complicatio 169

concausalis 4

concitatio (uenarum) 142

confractura 64

constrictio 162

constrictiuum 160

consutio 39

conuicinus,--a,--um 114

coronalis 40

corruptibilitas 12

corruptiuus 13

cossutio 39

crepatio 73

cynanchia 136

deasciatio 60

deasclatio 60

decimae,--arum 109

decisio 97

decisor 38

decoriatio 83

decumae,--arum 109

decus (incisura in) 112

decussatio 110

dedolatio 101

deflammatio 93

deguttatio 143

delibratio 100

denudatio 35

depressio 59

depunctio 86

desecatio 104

desectio 98

desideratio 23

despicatio avaxop^ 33

diruptio 147

discissio 72

duplicatio 41

duplicatura 42

eleuatior 22

emmotum 66

epidesmus 122

errans (febris) 8

erraticus 8

erratilis 8

exscreatus,--us 146

exseco,--are 34

exsectio 34

factitatio 24

femus = femur 47

filamen,--inis 123

fluesco,--ere 111

fluxibile 159

fluxio 164

fluxus,--us (apud methodicos) 152

fractio 63

gargarismus 145

gynaecia,--orum 56

hemitritaicus,--a,--um 129

hemitriticus,--a,--um 130 (uox

delenda)

hydropicia 134

hypochondria 35a

hypodoxis (?) 115

ictericia 134

icteris 132

immoderabilis 9

immoderatim 10

impressio 64

impunctio 87

incarbunculo,--are 140

incisio 106

innigro,--are 46

insectio 105

inspectionabilis 1

intercilium 43

interfinium 44

lacrimatio 144

laxatio 155

laxatiuum 160

lotialis 57b

lotianeus 57b

lotiarius 57b

lunaris (incisio) 120

maneticus (recte: aneticus) 8

medianeum 48

melum 45

myrsinoides 119

myrtae foliorum (ad modum) 107

neruiosus 25

neruosior (comp.) 26

nigritudo 148

obtinentia 27

occisio 49

opinabilis 4

optabilis 7

pala 51

paludigenus,--a,--um 131

paludineus,--a,--um 131

perforatio 96

pertusio 41a, 95

pilula (pirula) 50

pipita 133

plumbosus,--a,--um 149

polentabilis 77

porus (urinalis, ureticus) 57b

pterygoma,--atis 117

quinantia 136

rasio 99

rasura 67

rationabilis 5

recampso,--are 151

releuatio 128

renes ,Lendengegend' 52

resonatio 71

retrorsus,--a,--um 30

ruptio 58

ruptura 62

sanguinalis 57a

sectio [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 33

singultatio 150

stalticus,--a,--um 153

strictum 158

strictura (methodicorum) 154

subalbidus 14

subcartilago (?) 35a

subcingulus (-um) 52

subcolericus 16

subfelleus 15

sublongus 17

subrubicundus 18

subuentralis (-ale) 54

subuentraneum 55

succingulum 52

succoriatio 84

suffocabilis 11

sumen,--inis 118

superpecten 57

surrectio 31

temperantia 28

temperatio 29

temporalis,--e ,chronisch' 135

tertialis,--e 151

tetartaicus,--a,--um 129

tisicia 134

tritaicus,--a,--um 129

tussicia 134

tussicula 134

ueretrum (mulierum) 116

uoluntabilis 6

ureter 57b

ustio 138

ustura (morbus stomachi) 138

ypodoxis(?) 115

zeta littera 108

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 76 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 34 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 34 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 94 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 126 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 127 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 81 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 64 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 113 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 78 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 89 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 85 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 68 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 136

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 70 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 131 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 68 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 44b [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 44c [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 91 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 68 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 165 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 92

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 129

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[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (recte: aneticus) 8 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 120

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 57b

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 103 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 102

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 77a, 79 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 90 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 68 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 68 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 77a

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 157 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 163

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[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 129 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 129

[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 82 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] 35a

Klaus-Dietrich Fischer

Johannes-Gutenberg Universitat

kdfisch@uni-mainz.de

(1) Zu zahlreichen Aspekten des Werkes und seiner Uberlieferung habe ich mich ausfuhrlicher geaussert in <<Beitrage zu den pseudosoranischen Quaestiones medicinales>>, in Fischer, K.-D.-Nickel, D.--Potter, P. (eds.), Text and Tradition. Studies in Ancient Medicine and its Transmission presented to Jutta Kollesch, Leiden, 1998 (Studies in Ancient Medicine, 18), pp. 1-54.

(2) Stadler, H., <<Neue Bruchstucke der Quaestiones medicinales des Pseudo-Soranus>>, Archivfur lateinische Lexikographie 14, 1906, 361-368.

(3) Stadler, p. 362 vermutet Quellengemeinschaft.

(4) Kollesch, J., Untersuchungen zu den pseudogalenischen Definitiones medicae, Berlin, 1973 (Schriften zur Geschichte und Kultur der Antike, 7), bes. p. 19f. Als einzige Beispiele nennt sie neben Ps.Gal. def. med. und introd. Ps.Sor. quaest. med.; ich wurde allerdings Cael. Avr. diaet. pass. ebenfalls dazurechnen.

(5) <<Vielmehr stellt es sich im wesentlichen als eine ... alte lateinische Bearbeitung der pseudogalenischen OQOL dar>>, schrieb Stadler, p. 361.

(6) Kollesch, J., Untersuchungen zu den pseudogalenischen Definitiones medicae, Berlin, 1973, p. 63: "Ich glaube sogar, dass man den fur die Abfassung der Def. med. moglichen Zeitraum noch enger begrenzen kann, namlich auf die letzten Jahrzehnte des 1. Jh. u. Z., da neben Galen auch die Namen der bedeutenderen Arzte aus der Zeit um 100, wie etwa Archigenes aus Apameia oder die Ephesier Rufus und Soran, in unserer Schrift ganzlich fehlen. Wenn wir freilich nach dem Beispiel Galens annehmen, dass es in der antiken meidzinischen Schriftstellerei, zumindest dieser Zeit, allgemein ublich war, bei Benutzung zeitgenossischer Quellen deren Verfasser nicht namentlich zu erwahnen, schliesst das Fehlen der Namen der Arzte aus der Zeit um die Wende vom 1. zum 2. Jh. nicht aus, dass ihre Lehren trotzdem von unserem Autor ubernommen worden sein konnen, obwohl m. E. keine zwingenden Argumente vorliegen ...".

(7) Wickersheimer, E., Les manuscrits latins de medecine du haut moyen Age dans les bibliotheques de France, Paris, 1966, p. 17, mit Berufung auf Loren C. MacKinney; Mostert, M., The library of Fleury. A provisional list of manuscripts, Hilversum, 1989 (Middeleeuwse Studies en Bronnen. 3), erwahnt Chartres 62 uberhaupt nicht, sodass die Zuweisung an Fleury als unsicher betrachtet werden muss. Allerdings weist Mostert, nicht zuletzt im Titel seiner Studie, auf die Vorlaufigkeit seiner Ergebnisse hin.

(8) Burnett, Ch., <<The chapter on the spirits>>, in Burnett, CE-Jacquart, D. (eds.), Constantine the African andAli ibn al-Abbas al-Magusi. The Pantegni and Related Texts, Leiden, 1994 (Studies in Ancient Medicine. 10), p. 113, und zuletzt Id., <<Physics before the Physics: Early translations from Arabic of texts concerning nature in MSS British Library, add. 22719 and Cotton Galba E IV>>, Medioevo. Rivista di Storia della Filosofia Medievale 27, 2002, 53-105, p. 55, "The relevant codex (fols 187-244) comes from the Benedictine Abbey of Bury St Edmunds"; p. 82 "Recent palaeographical analysis has placed this manuscript in the mid-twelfth century".

(9) Daruber habe ich inzwischen anhand von Beispielen sowohl aus den Quaestiones medicinales wie aus der Physica Plinii und den Fragmenten der dritten Ubersetzung der Synopsis des Oribasius unter dem Namen des Pseudo-Democritus berichtet: <<Hochmittelalterliche redaktionelle Eingriffe in medizinischen Texten>>, in Santamaria Hernandez, M. T. (ed.), Textos medicos grecolatinos antiguos y medievales: Estudios sobre composicion y fuentes, Cuenca, 2012, pp. 29-53.

(10) Physica Plinii quae fertur Sangallensis (Cod. Sang. 751 pp. 183-280). Primum edidit et interpretationibus philologis cum annotationibus ad medicamenta pertinentibus instruxit Alf Onnerfors, vol. 1-3, Lundae 20062007. Quaestio orta est utrum Physica sit forma nominatiui singularis an pluralis, ut moneor a censore ignoto VOCVM. Tituli Physicae Bambergensis et Sangallensis quamquam Onnerforsio debeantur, Physica Plinii (nom. sing. fem.) traditur codicibus Physicae Plinii Florentino-Pragensis. Neque omittendum paginam tituli primae Physicae quam typis descriptam nouimus, nempe S. Hildegardis, nominatiuum feminini generis praebere, quod ipsa praefatione Schottii confirmatur, quod opus coloribus conseruatis luce pictum habetur in bibliotheca electronica, quae Munchener Digitalisierungszentrum appellatur, Bibliothecae rei publicae Bauaricae Monacensis. His tamen argumentis minime euincitur quomodo uox physicae uel physicorum sub finem imperii Romani, quo tempore libros compositos esse putant, accepta sit.

(11) Stotz, P., Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters, Band 1-5, Munchen, 1996-2004 (Handbuch der Altertumswissenschaft II.5.1-5) = HLSMA (zitiert nach Band, ,Buch' und Paragraph), hier Band 2, Munchen 2000. Stotz VI 85 und VI 3.9 bringt Beispiele und Literatur auch fur das Spatlatein; speziell zur Konkurrenz von -abilis und--alis VI 85.7. Altere Literatur auch bei Leumann, M., Lateinische Laut--und Formenlehre (Lateinische Grammatik von Leumann-Hofmann-Szantyr, Erster Band = Handbuch der Altertumswissenschaft, 2. Abt., 2. Teil, 1. Band), Munchen, 1977, [section] 312; auf Hammar, E. Th., Le developpement de sens du suffixe latin--bilis en francais, Lund 1942, 29-69, machte micht ein Gutachter dieser Zeitschrift aufmerksam. Moglicherweise war es Cicero, der diese Bildungen in die philosophische Sprache (dazu kann man auch die meisten hier behandelten Worter rechnen) einfuhrte, vgl. ThlL s.v. accusabilis und opinabilis (z. B. Cic. Tusc. 4, 75 und 4, 76), und auch Caelius Aurelianus konnte davon beeinflusst sein.

(12) Vgl. Lemoine, M., <<Les neologismes dans le commentaire de Calcidius sur le Timee>>, in Tous vos gens a latin. Le latin, langue savante, langue mondaine (xiV-xviI siecles). Etudes reunies et editees par Emmanuel Bury, Geneve, 2005, pp. 237-244, bes. 241-243 (das griechische Wort auf S. 242 muss heissen KaxaXnnroc).

(13) Vgl. Bendz, G., <<De adiectivorum in--bilis exeuntium usu quaestiones criticae et semasiologicae>>, Eranos 38, 1960, 36-50, mit den kritischen Anmerkungen von Onnerfors, A., <<Das medizinische Latein von Celsus bis Cassius Felix>>, in Haase, W.--Temporini, H. (hg.), aufstieg und Niedergang der romischen Welt, Teil II37, Berlin-New York, 1993, pp. 227-392 und Register dazu 924-937, hier 309-310.

(14) Vgl. Ferraces Rodriguez, A., <<Aspectos lexicos del Libro IV de las Etimologias en manuscritos medicos altomedievales>>, in Ferraces Rodriguez, A. (ed.), Isidorus medicus. Isidoro de Sevilla y los textos de medicina, A Coruna, 2005 (Universidade da Coruna, Monografias n.[degrees] 113), pp. 95-127, hier p. 111f.

(15) Samtliche Formen in griechischen Buchstaben stammen von mir, die Handschriften uberliefern sie nur in lateinischer Transkription, doch spricht alles dafur, dass hier und an anderen Stellen griechische Worter, die man noch als solche empfand, mit griechischen Lettern geschrieben wurden. Im Text der insularen Redaktion (LG) habe ich zumeist, dem Gebrauch des Hochmittelalters entsprechend, die lateinische Umschrift belassen.

(16) Sensuales motus ist verdachtig, denn man erwartet eine Gegenuberstellung der empfindenden (sensiblen) und der motorischen Nerven. Die Schreibung uolupt--statt uolunt--findet sich in Handschriften haufig und durfte darauf zuruckzufuhren sein, dass vor t weder p noch n ausgesprochen wurden, phonetisch also beide Worter zusammenfielen.

(17) Es scheint weiter verbreitet gewesen zu sein, da es sowohl im Dictionary of Medieval Latin from British Sources wie im Mittellateinischen Worterbuch steht, dort Conr. Mvr. summ. p. 160, 7 mulier deridenda ... erronea, erratica, errabunda, erratilis ...; man glaubt, der Autor habe hier aus einer Liste von Synonyma oder einem Glossar geschopft.

(18) Gal. ad Glauconem lat. 1, 51 (Zusatz uber die Planetenfieber, hier zitiert nach Cass. 97 p. 62b) nennt sie errantes und erraticae, vgl. die folgende Fussnote. Die Ubersetzung von erraticus mit ,erratic' im Dictionary of Medieval Latin from British Sources--das Mittellateinische Worterbuch schreibt ,anomalus, incompositus' vernachlassigt das Element der Periodizitat, das sich meines Erachtens im Begriff ,Planetenfieber' ausdruckt.

(19) Vgl. ThlL s.v.

(20) Gal. ad Glauconem lat. 1, 51 (Zusatz uber die Planetenfieber, Cass. 97 p. 62a) <<Nam quecumque enim febris uariando suum genus aut speciem non ostenderit profecto febres erraticas quas greci planetas appellant esse demonstrant>>. Den Text findet man auch in den Gloss. med. p. 59, 13-60, 6 Heiberg, wo Heibergs maneticum (p. 60, 1) zu aneticum (vgl. unten bei (127)) zu verbessern ist; Heiberg interpretierte im app. crit. peveTiKOv (weder maneticus noch meneticus finden sich im ThlL).

(21) Vgl. Leumann [section] 339.3 p. 401 und zuvor p. 388; siehe ferner Langslow, D. R., Medical Latin in the Roman Empire, Oxford, 2000, pp. 336-338. Fur diesen und andere Hinweise danke ich David Langslow sehr herzlich.

(22) Bei Farben bereits klassisch bzw. nachklassisch belegt, z. B. suffuscus (subfuscus) bei Tacitus, dann sogar suffucusculus bei Apuleius und Ammianus Marcellinus. Vgl. ferner Mih?escu, H., <<La versione latina di Dioscoride>>, Ephemeris Dacoromana 8, 1938, 298-348, hier p. 333 (Hinweis von Arsenio Ferraces Rodriguez).

(23) Reichlich bezeugt, vgl. den ThlL s.v.

(24) In der Form asprido ebenfalls im 2. von Simonini herausgegebenen Rezeptar fol. 37v Arteriaca ad aspridinem uocis et raucidinem. (Simonini, R., <<Formulario in Medicinae Varia, codice Mss. dell'vm secolo conservato nella Metropolitana di Modena (O.I.11)>>, Atti e Memorie della Accademia di Storia dellArte Sanitaria, s. II, 6, 1940, 301-320.

(25) Die Beziehung zwischen Paulos Nikaios, bekanntermassen ein Kompilator, und Orib. ecl. ware gesondert zu untersuchen. Auch Oribasios und Orib. ecl. tragen ja kompilatorischen Charakter, sodass Ubereinstimmung zwischen Pavl. Nic. und Orib. ecl. auch durch eine Zwischenquelle oder eine gemeinsame Vorlage bedingt sein kann.

(26) Ebenfalls Plac. med. 17, 1.

(27) An der Stelle bei Cicero, zitiert bei Forcellini und Lewis&Short, wird eine andere Lesart bevorzugt.

(28) Nicht alle: J. T. Vallance, der Verfasser des Artikels ,anatomy' im Oxford Classical Dictionary, 3. Aufl. Oxford, 1996, behauptet zu Beginn seiner Ausfuhrungen auf p. 82b "avaxoqia, the title of several ancient medical works and of a lost work by *Aristotle". Die Autoren der entsprechenden Artikel im Reallexikon fur Antike und Christentum, im Lexikon des Mittelalters, im Kleinen und im Neuen Pauly sagen gar nichts zum Wort selbst.

(29) Jus graecoromanum, epimeleia Ioannou Zepou kai Pan. Zepou. IV: Peira Eustathiou tou Romaiou: Epitome nomon, Nachdruck Aalen, 1962.

(30) Ich neige dazu, nicht exsecto uentre zu lesen, sondern ex secto uentre, da exseco normalerweise das ungeborene Kind zum Objekt hat (vgl. ThlL V 2 1833, 18-25), nicht den Leib der Mutter. Aufjeden Fall geht es hier um einen Kaiserschnitt; exseco bezeichnet sowohl die Zerstuckelung des ungeborenen Kindes (um auf diese Weise bei einem Geburtshindernis das Leben der Mutter zu retten) wie den Kaiserschnitt. Ob das auf das griechische Aquivalent [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], das der Thesaurus anfuhrt, ebenfalls zutrifft, habe ich nicht uberpruft; LSJ ubersetzt [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], cut up the foetus'. Exsectio (vgl. ThlL s.v.) ist ein weiteres lateinisches Wort mit der Bedeutung ,Anatomie', d. h. Sezieren eines toten Korpers, was am deutlichsten aus der Stelle Chalcid. comm. 246 p. 279, 17 hervorgeht: <<Quare faciendum, ut ad certam explorationem Platonici dogmatis commentum uetus aduocetur medicorum et item physicorum, illustrium sane uirorum, qui ad comprehendendam sanae naturae sollertiam artus humani corporis facta membrorum exsectione rima?i sunt, quod existimabant ita demum se suspicionibus atque opinionibus certiores futuros, si tam rationi uisus quam uisui ratio concineret. Demonstranda igitur oculi natura est, de qua cumplerique alii tum Alcmaeo Crotoniensis, inphysicis exercitatus quiqueprimus exsectionem aggredi est ausus, ...>>. Bei Arnobius nat. 5, 14 p. 186, 20 ist es dagegen synonym mit amputatio: <<mammarum ... exsectiones, amputationes ... ueretrorum>>. Auch sectio dient zur Wiedergabe von avaxop^ Gal. Glauc. 2, 1. XI 78, 3 K. (nach Cass. 97 p. 70b) <<qui totius corporis humani membrorum positionem.' atque occulta naturc ex anathomicis cognouerunt. hoc est ex sectione uel despicatione>>. Das von despico,--are ,exinterare' abgeleitete Substantiv fehlt im Thesaurus, der nur despicatio ,contemptio' kennt.

(31) Codices Graeci manuscripti Bibliothecae Divi Marci Venetiarum, volumen I, Thesaurus antiquus, Codices 1-299, recensuitElpidius Mioni, Romae, 1981, p. 407.

(32) C' = post corr., C--= ante corr.

(33) Vgl. auch Aulus Gellius 10, 10, 2, wo das Wort im Zusammenhang mit der Einbalsamierung in Agypten gebraucht wird. Der textkritische Apparat der gangigen wissenschaftlichen Ausgaben in der Bibliotheca Teubneriana, den Oxford Classical Texts und der Collection des Universites de France (Collection Bude) sagt nichts uber Varianten in den herangezogenen Handschriften, die demzufolge alle avaxopac lesen mussten.

(34) Von mir bereits behandelt in einer fruheren Arbeit: <<Kritische und exegetische Bemerkungen zu lateinischen medizinischen Texten>>, in Textes medicaux latins antiques, St. Etienne, 1984 (Memoires du Centre Jean Palerne, 5) 41-47, hier p. 47, dort auch zu den beiden Stellen bei Vindic. [= Anonymvs Brvxellensis] sem.

(35) Bischoff, B., Katalog der festlandischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen). Teil I: Aachen-Lambach, Wiesbaden, 1998 (Bayerische Akademie die Wissenschaften. Veroffentlichungen der Kommission fur die Herausgabe der mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz) (unten nur: Bischoff), Nr. 1650: "Oberitalien (Nahe von Verona), IX. Jh., 2. Viertel". Diese fur die Uberlieferung der fruhmittelalterlichen Medizin uberaus wichtige Handschrift der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe ist jetzt im Netz frei verfugbar.

(36) Acc. sing. ofters statt des Nominativs bzw. hier des Dativs in lateinischen Handschriften; dieses Phanomen harrt noch seiner genaueren Untersuchung.

(37) Beccaria, A., I codici di medicina del periodo presalernitano. Secoli ix, x e xi, Roma, 1956 (Storia e Letteratura, 53).

(38) Aus demselben Fragment im Mittellateinischen Worterbuch nachzutragen ist hepiplus (= epiplus, epiploon). Das Wort steht bereits bei Agnell. in Gal. de sectis p. 86, 32 Westerink ipse epiplus sowie im comm. in Hipp. aph. Lat-B 2, 44, Bern. 232 fol. 17r (s. X, Frankreich, nach Beccaria).

(39) P. 86, 12-28 Westerink (etwa p. 54 l. 30-42 Pritchet) und p. 86, 32-88, 15 Westerink (etwa p. 55 l. 47-57 Pritchet).

(40) Agnell. in Gal. de sectis p. 86, 17 Westerink <<<anathomica est artificiosa incisio et clarefacta ratio quae in altum abscondita sunt corpora>>.

(41) Nicht immer glucklich die Formulierungen im entsprechenden Artikel im ThlL. Arteria ist dort die Luftrohre, Theod. Prisc. log. 70 wurde ich eher angustis cartilaginibus (so Vat. Barb. lat. 160) pulmonis (angustiis cartilaginis pulmonibus Rose) lesen; cartilago geht hier auf die Bronchen und Bronchiolen. Pelagon. 44, 1 <<ne cartilaginem tangas>> erlaubt wohl keine eindeutige Zuordnung.

(42) ThlL s.v. definiert ,intestina, uenter\ was zumindest etwas schief ist, denn hypochondria kann naturlich weder fur uenter noch fur intestina gebraucht werden, sondern bezeichnet einen Bereich am Korper ,unterhalb der falschen Rippen'; besser das praecordia der Glossen. (LSJ s.v. ,the soft part or parts below the cartilage and above the navel, abdomen' trifft das Gemeinte eher--wenn man erst einmal weiss, worum es sich handelt; ,abdomen' ist medizinisch nicht korrekt, und was ,cartilage' hier bedeuten soll, kann der Laie kaum erahnen.)

(43) Nicht im parallelen Text bei Pavl. Nic. 59 l. 8-12. Man konnte an einen calque subcartilago denken, doch sahe ich dafur dann gern noch einen eindeutigen Beleg. Zu den substantivischen Komposita mit sub--vgl. Svennung, J., Wortstudien zu den spatlateinischen Oribasiusrezensionen, Uppsala, 1933 (Uppsala Universitets Arsskrift 5), s.v. pubetenus.

(44) Auch wenn Andre, p. 113 das nicht naher ausfuhrt, gilt das offensichtlich auch fur lat. talus. Hilfreich das Worterbuch von Karl Ernst Georges s.v. talus.

(45) Verderbt im Recept. Lauresh. p. 66 Stoll zu comfossum: <<Constat autem omnis corpus hominis ex ossibus CCXXVHH. Horum coniacent aliqua particulis, aliqua per comessuram et per comfossum dentes>>.

(46) Der ThlL kennt nur diese und die unten bei (95) angefuhrte Stelle.

(47) Mathias Witt macht mich darauf aufmerksam, dass testa hier unserer heutigen Tabula externa cranii und capacitas dann der Tabula interna cranii entspricht. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass diese Unterscheidung tatsachlich so getroffen wurde; zumindest ware ich vorsichtig, das aus der vorliegenden Stelle abzuleiten.

(48) Aus mir unerfindlichen Grunden schreibt Lambertz im ThlL V 1 2276, 37 "de uitio ossium capitis"! Das bei Galen vorkommende Wort oinXrnoic hat eine andere Bedeutung, vgl. LSJ s.v. II.

(49) Obwohl es der Thesaurus richtig anfuhrt.

(50) Diese Information muss aus anderer Quelle oder, wie es wahrscheinlicher ist, aus einem anderen Zweig der Uberlieferung stammen als dem, auf den C zuruckgeht. Die einfachste Losung ist, einen saut du meme au meme des Kopisten von C oder seiner Vorlage anzunehmen.

(51) Vgl. Andre, J., Le vocabulaire latin de l'anatomie, Paris, 1991, pp. 39-40.

(52) Svennung, J., Wortstudien zu den spatlateinischen Oribasiusrezensionen, Uppsala, 1933 , s.v. melum.

(53) Das daran zunachst erinnernde praecordia hat eine andere Bedeutung!

(54) Cassius Felix 66, 1 ist der einzige Beleg bei diesem Autor fur pala'; andere Worter fur Schulterblatt benutzt er nicht. Theodorus Priscianus verwendet scapula, genauso Ps.Gal. Uber tertius, wo wir allerdings in 32, 1 einmal pala antreffen. Vgl. jetzt Adams, J. N., Social Variation and the Latin Language, Cambridge, 2013, p. 784 mit Verweis auf Adams, J. N., The Regional Diversification ofiLatin 200 BC-AD 600, Cambridge, 2007, p. 537; Adams spricht davon, dass das Wort in dieser Bedeutung in der ,Mulomedicina Chironis and some late African texts" vorkommt und diese Bedeutung in Sardinien uberlebt hat; quaest. med. hat er nicht berucksichtigt.

(55) Fvlg. myth. 3, 7 p. 70, 22 ff. Helm <<Omnes etiam deos iuppiter ad nuptias dicitur conuocasse illa de causa, quod putarent pagani singulas partes in homine deos singulos obtinere, ut Iouem caput, Mineruam oculos, iunonem brachia, pectus Neptunum, cinctum Martis, renes et inguina Veneris, pectus Mercurio, (lies Martem ... Venerem ... Mercurium?) sicut Dromocrites [Democritos?] in physiologumen<is> scripsit; unde et Homerus (Il. 2, 478-479) ait:... id est: caput et oculos similis Ioui fulmina delectanti, Marti cingulum et pectus Neptuni ...>>. Diese Stelle belegt, dass cinctus und cingulum dieselbe Bedeutung haben. Diese Stelle fehlt im Thesaurus, der (zweifelnd) praecordia als Bedutung fur Iren. 1, 14, 3 und Cael. Avr. acut. 2, 19, 117 angibt. Vermutlich mussen wir bei der Verwendung des Wortes von zwei Annahmen ausgehen, der ersten, die auf detaillierter Kenntnis der anatomischen Verhaltnisse fusst und einen calque von ineZoeKoec darstellt, der anderen, dass die unter der Korperoberflache liegenden Teile gemeint sind, die der Stelle an der Oberflache entsprechen. Genau umgekehrt liegt der Fall bei renes ,Gegend an der Korperoberflache uber den Nieren'. (Ein nicht ganz klarer Fall ist Comm. in Hipp. aph. 3, 26 Lat-A (nach dem Aug. CXX) <<Sponduli enim uiginti quattuor sunt in nobis * sex ceruici<s> * et duodecim spine* et sex renum * quorum nomina et ratio in anatomin est>>) Ps.Theod. Prisc. ues. uit. 3 p. 265 Rose <<dolentes partes aut pectinis aut iliorum uel etiam renum panno inducto contegat>>; Isid. etym. 11, 1, 91 <<Dorsum est a ceruice usque ad renes>> (bis zur Taille, bis zum Beginn der Beckenknochen).

(56) Eine weitere Stelle bei Oribasius ist syn. 5, 5 add. La p. 49 Mol., andere bei Arnaldi, F.-Smiraglia, P, Latinitatis Italicae medii aevi lexicon, s.v. subventrile. Marcell. med. 28, 49 <<pili uel lana eius [sc. leporis] de subuentrili>>. Zu den Bildungen mit sub--vgl. ferner Svennung, J., Wortstudien zu den spatlateinischen Oribasiusrezensionen, Uppsala, 1933, s.v. pubetenus.

(57) Ventraneus, a, um scheint ebenfalls nicht belegt zu sein; vielleicht nach interaneus, a, um?

(58) Soll man ... inferiora id est gynaecia lesen?

(59) Zwei Worter in 104C (= 15L) superpectinis [autem] ossapersoluitur. Zu dem gleichartigen supercunnum vgl. Svennung, J., Wortstudien zu den spatlateinischen Oribasiusrezensionen, Uppsala, 1933, s.v. pubetenus.

(60) Der Ventrikel (Ventriculus) der gegenwartig gebrauchlichen Terminologie; der Vorhof (Atrium) wird meines Wissens nicht bezeichnet und unterschieden.

(61) Diese Stelle zeigt auch, dass das Verhaltnis der beiden Ubersetzungen nicht so leicht zu bestimmen ist, wenn man davon ausgeht, dass eine der beiden Versionen die andere benutzt hat. Letzte ausfuhrliche Erorterung des Problems bei Messina, F., <<Le traduzioni latine di Oribasio: Relazioni tra la redazione Aa e la redazione La>>, Sileno 33, 2007, 95-138. (Messina berucksichtigt Pseudo-Democritus, Liber medicinalis, die dritte, fragmentarische lateinische Ubersetzung der Synopsis, nicht.)

(62) Sigerist, H. E., <<Die Lecciones Heliodori [aus Glasgow Hunter. 96]>>, Archiv fur Geschichte der Medizin 13, 1921, 145-156, hier p. 150 Zeile 101 (= Ars medicinae p. 423, 23 Laux [Rudolf Laux, <<Ars medicinae. Ein fruhmittelalterliches Kompendium der Medizin>>, Kyklos 3, 1930, 417-434] urinali meatu). Bischoff, Handschriften, Nr. 1396: "Wahrscheinlich Narbonensis, VIII./IX. Jh.".

(63) Schipper, J., Ein neuer Text der Gynaecia des Vindician aus einer Munchener Handschrift des 12. Jahrhunderts (cod. lat. 4622, Blatt 40-45), Diss. med. Leipzig, Erlangen, 1921, in zahlreichen Einzelheiten verbesserungsbedurftige Neuausgabe von Cilliers, L., <<Vindicianus's Gynaecia: Text and Translation of the Codex Monacensis (Clm 4622)>>, Journal of Medieval Latin 15, 2005, 153-236.

(64) Auf eine weitere Stelle macht mich ein anonymer Gutachter der Zeitschrift aufmerksam, namlich den bekannten Liber Athenagorae de urinis, dessen Erstedition im Marz 2014 A. Ferraces Rodriguez vorgelegt hat: <<Un anecdotum latino tardoantiguo: Tentativa de edicion critica del pseudeogalenico Liber Athenagorae de urinis>>, Medicina nei Secoli 25/3, 2013 [tatsachlich 2014], 715-764, 5.1 (p. 736): <<Nigredo enim melancolici umoris pinguedine sua in uenis autporis quos Graeci urityris appellant <remanet >...>>.

(65) Deaselatio C corr. L. deasciatio in Francis Adams' Ubersetzung des Paulos von Aigina, 6, 90, 1 (The seven books of Paulus Aegineta, transl. from the Greek with a commentary embracing a complete view of the knowledge possessed by the Greeks, Romans, and Arabians on all subjects connected with medicine and surgery, vol. 2, London, 1846, p. 429) wohl kein Schreibfehler, sondern direkt von ascia ,Axt zum Behauen' und dem Verb deascio, are hergeleitet. Zu--tio im konkreten Sinn bei medizinischen Fachwortern vgl. Langslow, D. R., Medical Latin in the Roman Empire, Oxford, 2000, 145f.

(66) Ich ubernehme diese Formulierung mit Dank von Mathias Witt.

(67) Gal. apud Orib. coli. med. 46, 21, 4 <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (konvex, rundlich) [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Pavl. Aeg. 6, 90, 1 erwahnt den Begriff nur, fuhrt aber, was das Verstandnis angeht, nicht weiter. Die Definition in der Ars medicinae p. 429 Laux, <<Aposceparnismus dicitur ossis diuisio in circuitum in concauitate et latitudine praecisus (lies praecisi sc. ossis?) usque ad duplicem caluariam>> ist wohl so aufzufassen, dass der tangentiale Schlag auf die Schadelkalotte zu einer Abtragung und Verwundung fuhrt, die rund ist (ossis diuisio in circuitum) und bis zur Diploe (ad duplicem caluariam, sonst nicht belegt) reicht. Obwohl etymologisch korrekt, greift die Definition im Mittellateinischen Worterbuch ,Verletzung durch eine Axt' zu kurz; es kann ebensogut ein Schwerthieb oder die Verletzung durch einen anderen scharfen Gegenstand sein: konstitutiv fur das medizinische Fachwort ist die tangentiale Richtung, in der die Verletzung erfolgt; wurde man von oben mit einer Axt auf den Schadel einhauen, ware das eben kein [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]. Nutzlich die Definitiones medicae des Johannes Gorraeus: <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] est species una fracturae cranii, quam tertiam constituit Galenus, cum ipsum (sc. cranium) finditur, osque rumpitur, & a reliquo osse discedit, sic ut in eo teii uestigium relinquatur. Hoc leui telo fit & acuto, quod interdum summam partem, interdum alte os diuidit, nonnunquam ita ut testam resoluat, perinde ac si ascia ligni fragmentum abscindatur, praesertim si ictus a latere fuerit. ideoque a quadam similitudine iuniores anooKenapviopov appellarunt, siquidem OKEnapvoc asciam significat>>. Johann Heinrich Zedlers Grosses vollstandiges Universallexicon aller Wissenschaften und Kunste (online benutzbar) paraphrasiert das s.v. Aposceparnismus (Band 2, p. 473) wie folgt: <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], ist eine Art von Bruchen an der Hirnschale oder andern Beinen (= Knochen), als wenn es gleichsam von der Seite gespalten ware, nicht anders, als wie mit der Axt ein Stuck vom Holtz abgeschlagen wird: massen OKEnapvoc auch eine Axt heisset. dergleichen kan mit einem leichten und spitzigen Pfeil geschehen. Gorr.>>.

(68) Def. med. 321 <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]>>. Diese Stelle wurde, wie ich mit Jutta Kollesch annehme, aus einer lateinischen (als Ganzes nicht erhaltenen) Ubersetzung der pseudogalenischen Def. med. in die insulare Redaktion LG aufgenommen. Die minutissima ossa passen nicht zu dieser Verletzung, bei der ein Knochenteil, aber nicht viele kleine (im Sinne einer Trummerfraktur), abgetrennt wird, worauf mich Mathias Witt aufmerksam machte und der deswegen vorschlug, minutissimis ossibus in Cruces zu setzen oder <in>minutissimis ossibus, jetzt mit der (moglichen) Bedeutung ,an den dunnsten Stellen der Schadelkalotte' zu lesen, worin ich ihm allerdings wegen Def. med. nicht folge. Vgl. ferner Gal. apud Orib. coli. med. 46, 21, 4.

(69) Fehlt, im Gegensatz zu confractio, im ThlL, angefuhrt bei Lewis&Short und Souter (aus Oribasius), der es mit fractura gleichsetzt. Das zeigt einmal mehr, dass fur den ThlL selektiv exzerpiert wurde, denn das Wort steht in Roses Ausgabe im [section] 223, eben dort, wo auch aposceparnismus vorkommt, das aber seinerzeit als griechisches Wort ubergangen wurde.

(70) Roses Verweis an dieser Stelle auf Def. med. 323 betrifft in Wahrheit Ps.Sor. quaest. med. 226 Rose (= 269C/312L) und beruht sicher auf einem Versehen des Druckers.

(71) Weder asclatium noch asclatio habe ich in anderen Worterbuchern gefunden.

(72) Es liegt nahe, hier an eine andere Quelle zu denken als die, die fur die Hauptmasse der Quaestiones medicinales benutzt worden ist, wo die Therapie keine Rolle spielt. Es konnte ein chirurgischer Frage-undAntwort-Text gewesen sein, wie er sich auch in den Papyri findet.

(73) Ps.Heliod. chir. <<[section]uaic est quod de ferramenta xy<s>tere hoc est rasurium ossi aspero raditur ut nitidum fiat>>.

(74) Die folgende Erklarung id est linteola quae calcantur schliesst aus, dass es sich um aQaxmoic handelt.

(75) Es gibt dazu auch ein Verb: [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] Aps. Hipp. Berol. 71, 2 p. 279, 21; [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (LSJ, Steph. in Hipp. aph. 2, 384 Dietz--der Text befindet sich in Fussnote 2, die offensichtlich fur den TLG nicht berucksichtigt wurde; dort [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]); Heliod. apud Orib. coll. med. 44, 7, 9 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]; ib. 44, 7, 18 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (Heliod. apud Orib. coll. med. 46, 19, 4 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] setzt allerdings [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (vgl. LSJ).

(76) Eine Wiedergabe mit *polentatim ware noch verwegener gewesen.

(77) Zugrundeliegen kann sowohl nepiaipeoic; wie [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (beide bei Gal. meth. med. X, 887 Kuhn); Ps.Heliod. chir. <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] est quod in circuitu caro inciditur>>.

(78) Sigerist, H. E., <<Die Cirurgia Eliodori>>, Archiv fur Geschichte der Medizin 12, 1920, 1-9; seine Erlauterungen zu diesem Abschnitt p. 5. Dazu vgl. Jutta Kollesch (wie Anm. 2), pp. 43-45, die Sigerists Zuweisung an Heliodor kritisiert.

(79) Gloss. med. 24, 1 <<Dierese<s> id est sectiones>>. Isid. etym. 1, 35, 4 diaeresis discissio syllabae in duas (zitiert in der Ars Laureshamensis und von spateren Autoren) ist zwar nicht medizinisch, aber interessant durch das Nebeneinander des griechischen und des lateinischen Wortes.

(80) Vergleiche die vorletzte Anm. Gal. Glauc. 2 (Cass. 97 p. 85a) <<Est ubi et perieresis fit. id est rotunda sectio.' aut in modum myrtc folii.' quam dicimus myrsinoid[i]e ut inguinum uel sub ascella si sit apostema>>'; vgl. auch Gal. meth. med. XI, 886 Kuhn [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII].

(81) Es gibt auch eine [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII]; Ps.Heliod. chir. <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] est si a (quia trad.) radice membrana (membrani trad.) in circuitu auferuntur>>.

(82) Richtig als Nahtmethode im Mittellateinischen Worterbuch; das DGE kennt bei diesem Wort keine medizinische Verwendung.

(83) Ausserdem drei spate Belege fur das Verb im TLG.

(84) Adustio vielleicht erst ab dem 4. Jahrhundert, Hier. in Ezech. (PL 25, 929, 5) <<aiunt studiosi medicinalis disciplinae ad quasdam corporis curationes necessarium esse non solum sectionem ferri, uerum etiam adustionem. quis putas nostrum canceris, ut ita dicam, habet simile peccatum, ut non ei sufficiat aut simplex acumen ferri aut sola ignis adustio, sed utraque adhibeantur, quo uratur et secetur?>>. Weitere Belege aus christlicher Literatur im ThlL s.v. Sachliche Erlauterung bei Sigerist p. 6.

(85) Epifleusis < epiflegsis mit g [right arrow] u wie inphlegma, vgl. den ThlL s.v. phlegma. Zu den Formen vonphlegmon/phlegmone mit--eu-, die der Thesaurus s.v. phlegmon nicht auffuhrt, vgl. Gloss. med. p. 35, 18; 19; 20; 22 und p. 36, 8-9.

(86) Vgl. Antyll./Heliod. apud Orib. coll. med. 44, 5, 3 [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (= Orib. ecl. 97, 20).

(87) Cels. 7, 2, 6 <<Sed excidi ita debet, ut plaga ad similitudinem myrtei folii fiat, quo facilius sanescat>>; vgl. Cels. 7, 17, 1B.

(88) Ich nehme eine Reihe von Korrekturen stillschweigend vor und ubergehe die graphischen Varianten der 1. und die Korrekturen der 2. Hand vielfach, da sie auf das Verstandnis des Textes keinen Einfluss haben; ihre Zusatze stehen in eckigen Klammern.

(89) Ich lese nur //m.

(90) Ich kenne sonst nur mittelalterliche Belege; wird ein griechisches Kompositum mit auv--nachgebildet?

(91) Mir unverstandlich; zu verbinden mit sublatione 244.1C?

(92) Getilgt durch Unterstreichen.

(93) Lockeres, nicht derb strukturiertes Gewebe, wofur Beispiele folgen.

(94) Caruncula lacrimalis unserer Terminologie.

(95) Vterum [m.sup.2]; man versteht diese Korrektur, doch ist ueretrum fur pudenda muliebria gesichert.

(96) Spatlateinische Verwechslung von intra und infra kommt vor, doch ist auf jeden Fall infra zu verstehen.

(97) Andre p. 224f. gibt kein Beispiel, wo sich sumen auf die menschliche Brust bezieht.

(98) Vgl. das Zitat aus Gal. Glauc. oben Anm. 77.

(99) Antyll./Heliod. apud Orib. coli. med. 44, 5, 2 und 44, 5, 7.

(100) Ich vermute, dass der Einschnitt hinter dem Ohr in der Chirurgia Heliodori ebenfalls myrtenblattformig sein soll, nicht, wie es im Text heisst, die Klinge des Skalpells.

(101) Cels. <<membranam duabus lineis inter se transuersis incidere ad similitudinem litteraeX----quae duabus transuersis lineis litterae X figuram accipit>>. Das heutzutage in der Anatomie gebrauchliche decussatio fur ,Kreuzung' ist antik anscheinend nur bei Vitruv nachweisbar.

(102) ,Elektive Chirurgie' (d. h. nicht notfallmassig), nach der Ubersetzung von Mathias Witt.

(103) Ps.Heliod. chir. <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] estpungere locum ut humor exeat>>, was sich ja auch auf den als Flussigkeit angesehenen Star beziehen kann, mittelalterlich aqua oder gutta nach dem Arabischen.

(104) Nicht im Thesaurus, da bei der Bearbeitung des Buchstaben C noch keine offensichtlich griechischen Worter berucksichtigt wurden.

(105) Im ThlL nur in der Form epidesmo nach Ps.Sor. quaest. med. 251 (= 272C) Rose angefuhrt.

(106) Gloss. med., p. 1, 11 <<anesin : id est requiem>>.

(107) Forcellini ausfuhrlicher als ThlL (dort nur Theod. Prisc. gyn. 11) und Souter zu diesem Wort. Eine weitere Stelle oben bei (8).

(108) Richtig die Ubersetzung von I. Pape in CML VI 1: ,keine Erleichterung bringt4. Im Index der CML-Ausgabe findet man eine Reihe weiterer Belege fur releuatio und releuo,--are.

(109) Es gibt auch [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], vgl. LSJ s.v., triteicus in der lateinischen Ubersetzung von Gal. ad Glauc. Buch 1 im Cass. 91 p. 58a, vermutlich tritaicus herzustellen, und tetarteicus ebenda, Cass. 91 p. 56b, = tetartaicus; [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] (vgl. LSJ s.v.).

(110) <<Causae defebriunt: id est incendiosae et aestu acerrimo iactantur>>, Gloss. med. p. 17, 8f. wird man zu causode febriunt korrigieren mussen; defebrio findet sich mit Recht nicht im Thesaurus.

(111) Pass. nom. (nach Par. lat. 11219 fol. 23va) <<Tussicia est reumatismus arteriae (Luftrohre)>>. Die beiden von Laux verwendeten Handschriften haben tussicula bzw. tussiculas.

(112) Eine direkte Beziehung zu pthisis gibt es bei dem Wort tisicia in den Curae ex animalibus; das Zitat aus der in Vorbereitung befindlichen Edition verdanke ich Arsenio Ferraces Rodriguez, Curae quae ex hominibus atque animalibus fiunt (= Cur. anim.), 38, 31, f: <<Axungia nec satis uetusta nec nimium recens ad pondus unius quadrantis decoquitur in uini nigri cyatis tribus addito melle et tussienti factis exinde pilulis propinatur, quae continuo remediatur. Ex ipsis pilulis curantur etiam hi qui antiquam tisiciam habent>>, (nach Plin. nat. 28, 138 <<Vetus (sc. axungia) etiam phthisis pilulis sumpta sanat, quae sine sale inueterata est>>). Wegen der auch spatlateinischen Variation i/u lasst sich einstweilen nicht sagen, ob wir ein oder zwei Lemmata vor uns haben.

(113) Pass. nom. (nach Par. lat. 11219 fol. 23rb) <<Ictericia est quod morbum regium appellamus>>. Das Wort findet sich auch im Codex Salernitanus (Sudhoff, K., <<Die Salernitaner Handschrift in Breslau. (Ein Corpus medicinae Salerni)>>, Archiv fur Geschichte der Medizin 12, 1920, 101-148, hier p. 144, 71.

(114) Ebenfalls als v. l. in Ps.Apvl. herb. 42, 1, Uberschrift Adydropiciam Ca Orib. (freundlicher Hinweis von Arsenio Ferraces Rodriguez), ferner im Sang. 751 p. 420 (online).

(115) Weitaus haufiger ist synanchia, aus dem sich squinantia entwickelt (durch Kreuzung von cyn--= quinund syn-?), daraus engl. quinsy (bequeme Ubersicht uber die Formen im Oxford English Dictionary, s.v.), wohl Vereinfachung von squinsy. cynanchia steht im Dictionary of Medieval Latin from British Sources, ebenfalls cynanchicus, a, um, doch in den dort angefuhrten Belegen findet man nur Formen mit squin--und sin-. Das Mittellateinische Worterbuch verweist von cynanche auf quinantia und squinantia. Vgl. die Belege im Comm. in Hipp. aph. Lat-A (nach dem Aug. CXX) 2, 19; 4, 10 (quinancia); 3, 26; 4, 29 (quinantica = [TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII], cf. Aet. 8, 50 p. 477, 10-13 Oliv.). 6, 37 <<Aliud est synnance. 'et aliud quinnance. Ergo si tumor in pectore natus fuerit et in collum. bonum est. quia natura liberauit uitalia. ' et ad superficiem iactauit humor>>.

(116) Nur an dieser Stelle, aber dreimal tensio.

(117) Interessant die Parallele bei Cael. Avr. chron. (Melancholie) <<accepti cibi corruptio cum ructationibus odoris taetri, hoc est fumosi uel bromosi uel piscosi>>.

(118) Singultus ,Aufstossen' scheint ungewohnlich.

(119) 5, 30 im Thesaurus steht fur syn. 5, 30, 2, das Molinier jedoch, weil es in Aa und G fehlt, nach La abdruckt.

(120) Fur die rasche Beantwortung meiner diesbezuglichen Anfrage beim Thesaurus danke ich herzlich.

(121) Das Wort bedeutet auch Kauterisation, z. B. Cassiod. discip., Commentaria in epistulas sancti Pauli, Ad Corinthios II, cap. 1, PL 68 col. 511: <<Vt peritus archiatrus ad iam prope sanatum uulnus lenissimis medicamentis utitur, ut cauterii[s] ustura sanetur>>, Ps.Sor. quaest. med. 243C (320L), 246C (324L), Verbrennung' 52.2C und 348.2L. Chiron benutzt bemerkenswerterweise das Wort ustio und kennt ustura nicht. Verbrennung' heisst bei ihm adustio, was dann viele christliche Schriftsteller fur das therapeutische Brennen verwenden, vgl. oben (88).

(122) Die in Anbetracht des Griechischen sinnlose Interpunktion Moliniers ist zu berichtigen: <<quod si fumosus et insuauis generat ruptus ..., calidus est uenter; si autem acitat (lies: acidos sc. ruptus?, oder ein nicht belegtes Verb acetare = acescere?), frigidus uenter est. Similiter etiam ...>>.

(123) (bis) im Thesaurus bezieht sich auf die gleich folgende Stelle Orib. syn. 5, 41, 1 Aa p. 84 Mol. <<quod Latini carbunculum appellant>>.

(124) Esculapius 20, 1 (ed. Manzanero Cano, im Renaissancedruck, den das Mittellateinische Worterbuch zitiert, Kap. 21) hat ebenfalls diese Krankheitsbezeichnung, falsch gedeutet von Sroder im Mittellateinischen Worterbuch, wo nur ,ulcus, anthrax' erklart wird, die Bedeutung ,Sodbrennen' aber bei mehreren der zuerst angefuhrten Stellen anzunehmen ist. Besser das Dictionary ofMedieval Latin from British Sources, s.v. 3 b ,(?) heartburn'.

(125) Carbunculat M.

(126) Vgl. ferner Theod. Prisc. gyn. 6 <<sub duabus praecipue principalibus passionibus constrictionis uel laxationis>>. Theod. Prisc. gyn. 32 hat <<principalium passionum constrictionis et relaxationis causis ex paruis omnibus adiutoriis competenter adiunctis>>. Im Hinblick auf die quaest. med. wurde ich eher in gyn. 32 zu [re] laxationis korrigieren wollen als in gyn. 6 zu <re>laxationis. Die Terminologie bezeugt naturlich auch die methodische Quelle von Theod. Prisc. gyn.

(127) Gloss. med. p. 83, 16 <<stegnon et rhoodes: hoc est adstrictum aut solutum infirmitatis genus>>.

(128) Agnell. in Gal. de sectis p. 138, 4 Westerink <<Respondent <me>thodici istas tres communitates, et alii ex ipsis constrictiuum solum laudant, al<ii> laxatiuum, alii utrorumque commixtum>>.

(129) Gloss. med. p. 83, 18-21 <<stegnopat<h>ia: adstrictum corpus, quod nec in sudore laxatur nec in uentris fluxu nec in uomitu nec [in] sanguinis ex aliqua parte corporis proruptionem faciens>>.

(130) Chiron 29 <<[TEXT NOT REPRODUCIBLE IN ASCII] dicitur causa in qua duorum ualitudinum praemixtio (= permixtio) inuenitur>>. Mehr im ThlL s.v. epiploce.

(131) Das singulare defluxio 59C ist meines Erachtens durch das folgende defluunt verursacht, deshalb habe ich fluxio hergestellt.

(132) Diese Arbeit entstand wahrend meines Aufenthalts als visitor vom April bis August 2011 am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, dem ich fur mir die gewahrten Arbeitsmoglichkeiten herzlich danke. Sie erscheint im Rahmen des Projekts FFI 2013-42904-P (Ministerio espanol de Economia y Competitividad) unter Leitung von Maria Teresa Santamaria Hernandez, Universidad de Castilla-La Mancha, in Albacete.
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Title Annotation:texto en aleman
Author:Fischer, Klaus-Dietrich
Publication:Voces
Date:Jan 1, 2012
Words:19321
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