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Berbig, Roland, ed. Fontane als Biograph.

Berbig, Roland, ed. Fontane als Biograph. Berlin: de Gruyter, 2010.289 pp. 99.95 [euro] hardcover.

Die dem jungst verstorbenen Peter Wruck gewidmete Aufsatzsammlung ist der kollektive Befund einer 2007 an der Humboldt-Universitat zu Berlin gehaltenen Tagung. Entscheidende Anregungen dazu gingen vom Fontane-Symposium "Das Autobiographische und das Biographische bei Theodor Fontane" (1996, Freienwalde) aus, dessen Ergebnisse in den "Fontane-Blattern" (H. 65-66, 1998) veroffentlicht wurden. Die 14 gesammelten Beitrage von Fontane-Experten erortern aus verschiedenen Perspektiven eine reiche Vielfalt von Darsteliungsformen biographischen Erzahlens bei Fontane, die dessen Entwicklung vom historisch begeisterten Autodidakten zum Romanschriftsteller forderten. Durch die subjektive Ubersetzung fremder Lebenslaufe in Wortbilder eignete sich Fontane in der Tat ein nahezu enzyklopadisches Wissen uber die Geschichte seines preussisch-deutschen Jahrhunderts an, das zur Starkung seines Selbstbewusstseins als Romandichter beitrug. Berbig avanciert sogar die These, die Biographik bei Fontane fuhre den Leser "in den engsten Zirkel codierter Selbstbilder" (39), deren Entzifferung zu einem besseren Verstandnis fur Fontanes Winkelexistenz in der Potsdamer Strasse 134c beisteuern konnte. Ausser Frage steht, dass Fontanes Experimentieren mit unterschiedlichen Modellen der Figurencharakteristik das (auto)-didaktische Anliegen zugrunde liegt, das Bleibende im Wandel der Zeit festzuhalten, wozu dem Dichter die Anekdote als privilegiertes Medium diente. Das Eigenartige der Anekdote, so Wulfing, liege darin, das banale Reale in witzig-pikanter Weise verklart wiederzugeben (74). Deren Leuchtkraft setzte Fontane strategisch gegen biographische Modelle teleologischer Art durch. Als Musterbeispiel fur Fontanes lebenslange Faszination vom Biographischen und Anekdotischen durfte die nahezu ins Mythische uberhohte Bismarckbiographie in den "Vaterlandische[n] Reiterbilder[n] aus drei Jahrhunderten" gelten.

Trotz des flussigen Stils vermisst der Leser bei der Lekture jener materialreichen, gut recherchierten Sammlung ein Gliederungsprinzip, das dem Fontane-Interessierten mehr Ubersicht verschafft hatte. Der Einwand soll aber keineswegs den Eigenwert der ebenso unterhaltsamen wie informativen Sammlung schmalern, aus deren Fragestellungen einige Forschungsarbeiten oder Dissertationen aufkeimen konnten. Das Buch ware in der Tat besser gediehen, wenn die Beitrage inhaltlich-thematisch gruppiert worden waren, wie z.B: 1. Biographien uber Fontane; 2. Fontanes biographische Lekturen; 3. Die Bedeutung der Anekdote als aphoristischen Erzahlverfahrens fur das Biographische; 4. Unterschiedliche Darstellungsformen biographischen Erzahlens; 5. Fontanes Kunstlerbiographien; 6. Das Lyrische und das Biographische; 7. Das Biographische im Autobiographischen.

Nach der Einleitung hatte Berbig Dieterles Aufsatz "The Making of Fontane" (warum der englische Titel?) der Sammlung voranstellen konnen, da sich die Kritikerin ausfuhrlich auf die schwierige Entwicklungsgeschichte der Fontane-Biographik von Wandrey bis zu Erler einlasst. Dann kame der Essay "Manner der Zeit," in dem Fischer auf den formenden Einfluss der Kunstbilder auf Fontanes Biographik hinweist. In den gleichen Zusammenhang gehorte Kitzbichlers Aufsatz "Die Macht des Stils," in dem die Verfasserin Fontanes Auseinandersetzung mit der facettenreichen zeitgenossischen Memoiren-und Erinnerungsliteratur zur Bedingung fur dessen Gattungspoetik macht, die stets auf die Bedeutung des Charakteristischen und Anekdotischen abhebt; an dritter Stelle Wulfings Beitrag "Immer das eigentlich Menschliche" im Anekdotischen, der durch Raschs Uberlegungen zur bedauernswerten Auslassung Fontanes aus den Anekdotensammlungen des 20. Jahrhunderts und dessen Vorschlag erganzt wird, Fontane "in Berichten seiner Zeitgenossen" festzuhalten (94); an vierter Stelle Ewerts Aufsatz, der sechs Darstellungsformen biographischen Erzahlens aus den Wanderungen durch die Mark Brandenburg erlauternd herausarbeitet, ausgehend vom damals weitlaufigen Muster burgerlicher Selbstverwirklichung uber statische Bilder konservativer Leit figuren bis zu montageahnlichen, bruchstuckhaften Gebilden. Daran schlosse sich Austs anregende Untersuchung zum Lyrisch-Biographischen bei Fontane an. Ebenso bedeutungsvolle Einblicke in Fontanes "Laboratorium biographischen Schreibens" (Ewert, 97) gewahren Berbigs Gedanken uber die Verquickung historischer und literarischer Biographik und Streiter-Buschers Uberlegungen zu Fontanes als Fragment gebliebener Kunstler-Biographie uber den ihm seelisch verbruderten markischen Landschaftsmaler Carl Blechen. Lehmanns Kommentar, "die Biographie in der Autobiographie," Von Zwanzig bis Dreissig diene Fontane der Selbst-Reflektion "als Bestandteil eines umfassenden Gesprachs" (57) mit potentiellen Kritikern, weist indirekt auf Hasubeks Beobachtung eines kommunikativen Paktes zwischen Autor und Leser in dieser autobiographischen Schrift zuruck (Hasubek 2002). Zum Thema Autobiographik zahlen nicht weniger Hettches Beitrag "Das zuruckgehaltene Ich" im Prosaband Von vor und nach der Reise und Nurnbergers Exkurs zum verdeckt Autobiographischen in den Wanderungen.

Trotz einiger Mangel und Auslassungen liegt mit dieser Sammlung ein umfangreicher Wissensschatz vor, der argumentativ zu neuen Denkanstossen anregt und dem Leser den Blick fur Fontanes Sammeleifer wie auch fur dessen kunst- und literaturkritisches Selbstverstandnis der Geschichte gegenuber scharft. Das Buch ist (auto-)biographisch, literaturwissenschaftlich und kulturgeschichtlich zu empfehlen.

SYLVAIN GUARDA

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Author:Guarda, Sylvain
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Jun 22, 2011
Words:696
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