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Akzeptanzforschung fur die Energiewende.

Bei der Energiewende geht es darum, fossile und nukleare Energiequellen durch erneuerbare, nachhaltige Varianten zu ersetzen. Die Akzeptanzforschung fur die Energiewende will zeigen, wie die Burgerinnen) auf neue Technologien reagieren. Veranderungen in Technik und Produktion mussen auf Akzeptanz sto[sz]en, damit sie sich ausbreiten konnen. Idealerweise hei[sz]t Akzeptanz, dass Betroffene die Veranderungen positiv aufnehmen und nicht nur passiv dulden--, nachdem sie sich bewusst mit Chancen und Risiken der neuen Technologien auseinandergesetzt haben und nachdem ihre Bedenken gehort und in Planung und Umsetzung berucksichtigt wurden.

Die saguf-Jahrestagung 2018, organisiert und geleitet von der saguf-Arheitsgruppe Energiezukunft, fand am 5. September 2018 als preconference zur internationalen Tagung Behave 2018 statt. (1) Im Mittelpunkt der saguf-Tagung stand die Schnittstelle zwischen Praxis und Wissenschaft beim Thema Akzeptanz technischer Losungen fur die Energiewende. Vier Referent(inn)en prasentierten ihre Erkenntnisse zu Akzeptanzfragen bei Wind- und Wasserkraftprojekten (Matthias Czerny, Petra Schweizer-Ries), bei der Technologie zur Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage [CCS], Udo Pesch) und bei der Einfuhrung smarter Haushaltsgerate (Rainer Stamminger). (2) Diese Themen wurden danach in World-Cafe-Workshops vertieft. Aus den Vortragen und Workshops identifizierten die Autorin und Autoren folgende Aspekte als zentral fur die Akzeptanz von Projekten: der Einbezug von Anspruchsgruppen; die Kommunikation; der richtige Zeitpunkt ("Timing") sowie die Kosten und Nutzen von Anlagen oder Geraten.

Anspruchsgruppen

Sowohl bei den Referaten als auch in den World-Cafe-Diskussionen wurde betont, dass der Einbezug von und der Austausch mit den Anspruchsgruppen eine wichtige Rolle fur die Akzeptanz von Projekten spielen. Nachfolgende Beispiele zeigen die Diversitat der Anspruchsgruppen und ihre unterschiedlichen Rollen:

* Betroffene: die Anwohner(innen), die ansassige Bevolkerung, die Landwirte und Landwirtinnen etc., die von erneuerbaren Infrastrukturprojekten betroffen sind. Auch betroffene Vereine, Verbande und Organisationen gehoren dazu, etwa Naturschutzverbande, neu gebildete Burgergruppierungen oder Burgerinitiativen.

* Investoren: Investoren oder Anleger investieren in das Projekt. Manchmal sind sie auch Betreiber, haufig jedoch nicht.

* Politik: Eine politische Rolle konnen zum Beispiel der oder die Gemeinde-prasident(in) oder andere Vertreter(innen) der Exekutive einnehmen. Sie konnen Initianten, Turoffner oder Forderer des Projekts sein, das Projekt aber auch behindern oder beenden.

* Verwaltung: Die Verwaltung auf der Ebene Gemeinde, Kanton oder Bund ist fur Bewilligung, Konzession, raumplanerischen Rahmen etc. zustandig.

Gema[sz] Petra Schweizer-Ries haben alle Anspruchsgruppen ihre eigenen Sichtweisen und sie konstruieren ihre eigenen Realitaten (vergleiche Stadelmann-Steffen et al. 2018). Wie sich diese gegenseitig beeinflussen, zeigte Udo Pesch in seinem Referat. Er unterscheidet zwei Bewertungsarten von Projekten: 1. Die formelle Bewertung ist eingebettet in die Rechtsordnung, sie ist stark zahlen- und faktenbasiert. 2. Die informelle Bewertung ist hauptsachlich in den offentlichen Diskurs eingebettet, folgt einem Narrativ und berucksichtigt haufig historische und emotionale Komponenten. Eine informelle Bewertung kann als Reaktion auf mangelnde Beachtung spezifischer Bedenken oder Werte entstehen und zur Anpassung der formellen Bewertung fuhren. Das Verstandnis dieser wechselseitigen Prozesse ermoglicht es, die Beteiligung der verschiedenen Anspruchsgruppen gezielt zu gestalten.

Adressatengerechte Kommunikation, Vertrauen und Glaubwurdigkeit

Gute Kommunikation bedeutet, dass sich "die Leute gegenseitig ernst nehmen" (Fazit von Matthias Czerny im World Cafe). Dies beginnt bei einer adressatengerechten Kommunikation. Petra Schweizer-Ries regt an, mittels professioneller Begleitung die Kompetenzen der Beteiligten zu erweitern und durch einen Austausch zwischen allen Akteuren einen Perspektivenausgleich anzustreben. Dies bedingt Dialog, Diskussion und Beteiligungsmoglichkeiten fur die verschiedenen Anspruchsgruppen, insbesondere zwischen Projektentwicklern und der betroffenen Bevolkerung.

In allen vier Workshops des World Cafes waren sich die Teilnehmenden einig, dass Vertrauen und Glaubwurdigkeit von gro[sz]ter Bedeutung sind fur die Schaffung von Akzeptanz. Matthias Czerny fuhrte dazu aus, dass die Grundlagen dafur Kompetenz, Transparenz und Ehrlichkeit sind. Das bedeute etwa auch, dass Investoren nie zu viel versprechen sollten. Au[sz]erdem sei Authentizitat wichtig, deshalb sollten in erster Linie die verantwortlichen Projektleiter(innen) kommunizieren und nicht die Pressesprecher(innen). Eine hohe Glaubwurdigkeit ist durch den Austausch mit Betroffenen bereits umgesetzter Projekte zu erreichen. In einem von Matthias Czerny geschilderten Beispiel fuhrte etwa eine Exkursion zu bestehenden Windkraftanlagen und Begegnungen mit betroffenen Landwirten zu einer deutlichen Verbesserung der Stimmung.

Gute Kommunikation ist kaum standardisierbar. Nicht nur die Botschaften zahlen, sondern auch, wer sie zuerst an die Betroffenen bringt. So zeigte Udo Pesch am Beispiel Carbon Capture and Storage (CCS) in Holland auf, wie bei zunachst ausbleibender Kommunikation durch die Projektentwickler(innen) die Bevolkerung im Internet eigene Deutungen suchte und fand. Fehlende Transparenz und mangelnde Information durch die Investoren verringerten deren Glaubwurdigkeit. Auch durch nachgeschobene Kommunikation ruckte die Bevolkerung nicht mehr von ihren einmal gefassten Meinungen ab. Die resultierenden Burgerproteste brachten schlie[sz]lich die CCS-Projekte im ganzen Land zum Erliegen.

Gutes Timing

Mit Visualisierungen kann Vertrauen gebildet, aber auch Angst geschurt werden. Entscheidend ist gema[sz] Matthias Czerny das Timing: "Wer das erste Bild bringt, hat gewonnen". So konnen etwa Windkraftanlagen (siehe Abbildung 1) durchaus landschaftsbereichernd in Szene gesetzt werden. Matthias Czerny betonte zudem, dass juristisches Know-how fruhzeitig und als Argumentationshilfe genutzt werden sollte. Komme es erst einmal zu rechtlichen Schritten mit entsprechenden Verzogerungen, sei es eigentlich schon zu spat.

Laut Rainer Stamminger muss die Zeit reif sein fur die Akzeptanz neuer Technologien. In seinem Referat zeigte er dies am Beispiel smarter Haushaltsgerate. Bereits 1988 seien Gerate innerhalb eines Haushalts und mit der Au[sz]enwelt vernetzt und damit Systeme kreiert worden, die wir heute als "smart" bezeichnen wurden. In Ansatzen existierten smarte Gerate bereits fruher, zum Beispiel in Form intelligenter Heizungssteuerungen. Der Begriff "smart" fur vernetzte und mit Sensoren ausgestattete Systeme setzte sich aber erst durch, als vor etwa zehn Jahren die Smartphones auf den Markt drangten. Heute sei die Zeit reif fur smarte Gerate, dank Internet und besseren Vernetzungsmoglichkeiten.

Kosten und Nutzen

Petra Schweizer-Ries wies in ihrem Referat auf die Bedeutung der "Regionalen Gerechtigkeit" hin. Dazu wird--bezogen auf eine ganze Region--die Balance in der Kosten-Nutzen-Wahrnehmung von Vorhaben dargestellt. Einwande unterschiedlicher Anspruchsgruppen wie "Nur andere Regionen, fremde Investoren oder Energieversorgungsunternehmen profitieren" reduzieren die lokale Akzeptanz von Energieprojekten, insbesondere wenn sie von den Medien aufgegriffen und verbreitet werden.

Um die Akzeptanz von Vorhaben zu erhohen, konnte ihr individueller oder kollektiver Nutzen aufgezeigt werden. Gema[sz] Rainer Stamminger sollte bei energieeffizienten, smarten Haushaltgeraten auch darauf hingewiesen werden, dass sie sparsam sind oder den Komfort steigern.

In seiner Bedeutung fur die Akzeptanz von Projekten bisher unterschatzt ist ihr kollektiver Nutzen. Dabei wird der Beitrag des Projekts oder Produkts fur die nachhaltige Entwicklung oder die Energiewende angesprochen. Kallbekken und Saelen bezeichnen dieses Phanomen als "perceived effectiveness of policy" (Kallbekken und Saelen 2011, S. 2967). In Diskussionen zum Thema Windenergie mit Fokusgruppen aus Vertreter(inne)n der Bevolkerung und des lokalen Gewerbes zeigte sich, dass Vorteile wie der wirtschaftliche Nutzen und die "Stromernte" hoher gewichtet wurden als Nachteile wie die Gro[sz]e der Anlage oder das veranderte Landschaftsbild (Spiess et al. 2014).

ImWorld-Cafe-Workshop von Matthias Czerny zur Akzeptanz von Windenergieprojekten wurde erortert, dass finanzielle Abgeltungen an Anlagestandorten nicht blo[sz]e Anreize darstellen sollten, sondern Beeintrachtigungen durch Schattenwurf, Gerausche oder den Verlust von Flachen fair abgelten mussten. Matthias Czerny betonte, dass auf keinen Fall der Eindruck entstehen durfe, die Anwohner(innen) wurden "gekauft".

Fazit

Die Diskussionen im World Cafe haben gezeigt, wie wichtig und interessant die Forschung an der Schnittstelle zwischen Theorie und Umsetzung von Energieprojekten ist. Die Analyse von Transformationsprozessen wie der Energiewende kann zu neuen Betrachtungsweisen beitragen: Technologien werden nicht einfach akzeptiert oder abgelehnt. Wirtschaftliche, gesellschaftliche, individuell-lokale und okologische Argumente werden von den betroffenen Menschen gesammelt und abgewogen, bevor Entscheide gefallt werden. Dabei ist zu beachten, dass es nicht primares Ziel der Akzeptanzforschung ist, die Akzeptanz fur die Energiewende zu erhohen. Vielmehr haben Bedenken und Kritik an gewissen Technologien durchaus ihre Berechtigung. Sie sind von Projektverantwortlichen in Planung und Umsetzung zu berucksichtigen; dann erst wird es den Betroffenen moglich, die Veranderungen positiv aufzunehmen.

Mehrere Artikel weisen auf die gro[sz]e Bedeutung partizipativer Verfahren zur Akzeptanzsicherung hin (etwa Aitken 2010, Petrova 2016, Liebe et al. 2019, Suskevics et al. 2019). Bei Projekten fur erneuerbare Energien (Wind, Sonne, Wasserkraft, Biomasse) haben verschiedene Anspruchsgruppen spezifische Perspektiven. Sie bewerten die Projekte unterschiedlich, wobei sich formelle und informelle Bewertungen gegenseitig beeinflussen (Pesch et al. 2017). Menschen sollten fruhzeitig die Moglichkeit haben, sich und ihre Sichtweise einzubringen und faktenbasiert zu entscheiden (etwa Spiess et al. 2015).

Bei Vorhaben, von denen zahlreiche Anspruchsgruppen auf unterschiedliche Weise betroffen sind, ist eine angemessene Kommunikation fur das Erreichen von Akzeptanz von entscheidender Bedeutung. Nicht-Kommunizieren fuhrt zu Spekulationen und ist daher keine Losung (Watzlawick et al. 1969). Allerdings gibt es keine allgemeingultigen Erfolgsrezepte, denn Kommunikation ist immer abhangig vom Kontext (framing). Vorlieben und Einstellungen konnen nicht "geplant" werden.

Die Autorin und die Autoren dieses Artikels sind nach der saguf-Jahrestagung uberzeugt, dass Akzeptanz fur erneuerbare Energieprojekte erreicht werden kann, wenn die relevanten Anspruchsgruppen den Mehrwert einer Anlage oder Technologie fur die Energiewende erkennen, wenn sie rechtzeitig in einen Mitwirkungsprozess einbezogen werden und wenn in allen Schritten der Umsetzung transparent kommuniziert wird.

Literatur

Aitken, M. 2010. Why we still don't understand the social aspects of wind power: A critique of key assumptions within the literature. Energy Policy 38:1834-1841.

Kallbekken, S., H. Saelen. 2011. Public acceptance for environmental taxes: Self-interest, environmental and distributional concerns. Energy Policy 39: 2966-2973.

Liebe, U., G. M. Dobers. 2019. Decomposing public support for energy policy: What drives acceptance of and intentions to protest against renewable energy expansion in Germany? Energy Research & Social Science 47: 247-260.

Pesch, U. et al. 2017. Energy justice and controversies: Formal and informal assessment in energy projects. Energy Policy 109: 825-834.

Petrova, M.A. 2016. From NIMBY to acceptance: Toward a novel framework--VESPA-for organizing and interpreting community concerns. Renewable Energy 86:1280-1294.

Spiess, H., E. Lobsiger, V. Carabias. 2014. Energieertrag vor Landschaftsbild? Soziookonomische und technische Aspekte der Windenergie am Beispiel der Region Goms. VSE-Bulletin 3:17-20.

Spiess, H., E. Lobsiger, V. Carabias, A. Marcolla. 2015. Future acceptance of wind energy production: Exploring future local acceptance of wind energy production in a Swiss alpine region. Technological Forecasting and Social Change 101: 263-274.

Stadelmann-Steffen, I., K. Ingold, S. Rieder, C. Dermont, L. Kammermann, C. Strotz. 2018. Akzeptanz erneuerbarer Energie. Bern: Nationales Forschungsprogramm Steuerung des Energieverbrauchs NFP 71.

Suskevics, M. et al. 2019. Regional variation in public acceptance of wind energy development in Europe: What are the roles of planning procedures and participation? Land Use Policy 81: 311-323.

Watzlawick, P., J. H. Beavin, D. D. Jackson. 1969. Menschliche Kommunikation. Bern: Huber.

Acceptance research for the energy transition | GAIA 28/1 (2019): 58-60

Keywords: acceptance research, benefits, communication, energy transition, stakeholders, timing

Prof. Harry Spiess | spha@zhaw.ch

Prof. Vicente Carabias-Hutter | cahu@zhaw.ch

Dr. Armin Eberle | ebea@zhaw.ch

alle: ZHAW Zurcher Hochschule fur Angewandte Wissenschaften | Institut fur Nachhaltige Entwicklung | Winterthur | Schweiz

Dr. Michele Battig | Standpunkt21 GmbH | Zurich | Schweiz | michele.baettig@standpunkt21.ch

sagufsaguf-Geschaftsstelle | Dr. Manuela Di Giulio | ETH Zentrum CHN | 8092 Zurich | Schweiz | saguf@env.ethz.ch | www.saguf.ch

(1) 5th European Conference on Behaviour and Energy Efficiency 2018

(2) https://naturwissenschaften.ch/service/events/101309-saguf-jahrestagung-2018-akzeptanzforschung-fuer-die-energiewende

https://doi.org/10.14512/gaia.28.1.14.
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Title Annotation:COMMUNICATIONS
Author:Spiess, Harry; Battig, Michele; Carabias-Hutter, Vicente; Eberle, Armin
Publication:GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society
Date:Mar 1, 2019
Words:1802
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