Printer Friendly

8. Die Siedlungskeramik der Asva-Gruppe.

8.1. Einfuhrung in die problematik

Noch zu Beginn der 1930er waren aus dem Ostbaltikum kaum Keramikfunde aus Graber- und Siedlungskontexten der fruhen Metallzeiten bekannt. H. Moora (1932, 26) wusste im Bronzezeitabschnitt seiner kurzen Abhandlung der estnischen Vorgeschichte nur etwas grobe Keramik zu erwahnen, wahrenddessen im vorangegangenen Steinzeit-Kapitel bereits gewisse Kultur- und Stilmerkmale an der Kammkeramik erortert wurden (ebd. 14, Abb. 5). In Birger Nermans Untersuchung zu bronzezeitlichen Kontakten zwischen dem Nordischen Kreis und dem Ostbaltikum standen die Metallfunde im Mittelpunkt, und zur Keramik dieser Periode waren lediglich einige Tongefasse bekannt (Nerman 1933, 237). Allerdings war auch die Zahl der Metallfunde in dieser Region derart klein, dass kurzweilig sogar an der Existenz einer 'Bronzezeit' als kulturhistorische Epoche gezweifelt wurde (Moora 1932, 24; Nerman 1933, 237).

Die Ausgrabungen in Asva ab Mitte der 1930er Jahre und die reiche Fundausbeute besonders an Keramik vermittelten somit eine ganzlich neue Ausgangsposition fur die Erforschung der bronzezeitlichen Materialkultur Estlands. R. Indreko hat in seinen kurze Zeit spater veroffentlichten Grabungsergebnissen ein mannigfaltiges Bild der Siedlungsfunde von Asva, vornehmlich der Keramik, skizziert. Neben der ortlichen Kummerkeramik der grobgemagerten und dickwandigen Topfe traten nun auch Schalen und Henkelgefasse feiner Machart in Erscheinung. In Stil und Technik erkannte man Ahnlichkeiten mit ostdeutscher und polnischer Keramik aus dem Lausitzer und hallstattischen Kulturkreis (Indreko 1939b).

C. F. Meinander (1954b) sah in der Asva-Gruppe eine bedeutende Vermittlerrolle fur Keramikstile im finnischen Raum und zwar bezuglich mitteleuropaischer (Lausitzer) und nordwestrussischer Kulturstromungen (GGorodistse). Indreko betonte den autochthonen Charakter der Asva-Kultur und relativierte den Einfluss der ostlichen (Z)/akovo)-Kultur im Sinne gemeinsamer, regional ubergreifender Merkmale der keramischen Kulturen der ostlichen Waldzone (Indreko 1961, 417 ff.). Asva wurde zum Schlusselbegriff einer Materialkultur der ostbaltischen Bronzezeit, zugleich wurden ihr Stilzuge sudfinnischer, alandischer und ostmittelschwedischer Keramikgruppen nachgesagt (Ambrosiani 1959; 1985; Meinander 1969). Die Polin Lucja Okulicz (1976) kannte Asva eine besondere Schlussel- und Mittlerposition zu in der Abwicklung des Metallgutertauschs zwischen dem Nordischen Metallkreis und ostlichen Kulturen und verwies auf Kontakte der estnischen Bronzezeitsiedlung mit dem sudostlichen Ostseeraum.

Die bislang einzige grundliche Materialstudie zur estnischen Bronzezeitkeramik legte V. Lougas (1970a) im Rahmen einer Untersuchung zur Chronologie und Periodisierung der fruhen Metallzeiten im nordlichen Ostbaltikum vor. Wegen der nach wie vor sparlichen Keramikfunde aus Grabern stutzten sich seine Studien vornehmlich auf das Siedlungsmaterial von Asva und Ridala. Seine Beobachtungen richteten sich sowohl auf stratigraphische Zusammenhange als auch auf charakteristische Form- und Gestaltungsmerkmale der Bronzezeitkeramik, vornehmlich in der Suche nach kulturenvergleichenden und datierenden Anhaltspunkten. Nach den Arbeiten Lougas' blieben weitere Untersuchungen zur Siedlungskeramik von Asva aus. Im Zuge neuer Grabungskampagnen in der Siedlung Iru hat V. Lang die dortige Keramik typengliedernd und beschreibend ausgewertet (u. a. Lang 1987a; 1991; 1996). Die Arbeiten von Lougas und Lang bilden wichtige Ausgangspunkte fur die hiesigen Untersuchungen am Keramikmaterial der estnischen Bronzezeitsiedlungen.

Es wurde bereits das Problem der 'epineolithischen' Fundsituation in Estland und benachbarten Regionen angesprochen. Da die Platze der Asva-Gruppe erst in der ausgehenden Bronzezeit auf der archaologischen Bildflache erscheinen und es an potentiellen Vorgangersiedlungen bislang fehlt, ist wenig an alterbronzezeitlicher Keramik des zweiten vorchristlichen Jahrtausends bekannt. Aivar Kriiska hat sich in Zusammenarbeit mit diesem Forschungsproblem naher befasst und versucht, ausgesuchte, in dieser Frage relevante Keramikfunde mit Merkmalen wie Textilabdrucken und Grubchenverzierung mittels AMS-Methode zu datieren (Kriiska et al. 2005; Kriiska & Lavento 2006). Einige Daten weisen auf ein vergleichsweise hohes Alter, reichen bis in das erste Viertel des dritten Jahrtausends v. u. Z. zuruck. (96) In dieser Zeit existierte beispielsweise noch die spatneolithische Kammkeramik (estnischer Fazies). Indes steht die grobe, dickwandige und schwach gegliederte Keramik von Narva Joaorg jener von Asva stilistisch nahe (Grubchen, Kerbverzierungen, Textilabdrucke und Oberflachenstrich), und zwei AMS-Messungen fallen zwischen 1200-1020 bzw. 1130-940 cal. BC (bei 68,2% Wahrscheinlichkeit; Kriiska & Lavento 2006, 130 ff., Abb. 4; Lang 2007b, 66 f.). Man darf also davon ausgehen, dass sich die Asva-spezifischen Form- und Verzierungsmerkmale spatestens zum Ende der Alteren Bronzezeit herausgebildet haben.

Problematisch ist, dass die grobkeramischen Topfe mit Grubchenreihen und/oder Besenstrich ohne datierende Beifunde wenig an chronologischen Anhaltspunkten bereithalten. Die Schwierigkeiten in der Datierung spatneolithischer, bronzezeitlicher und vorromisch-eisenzeitlicher Ware sind insbesondere fur den sudfinnischen Raum diskutiert worden (Meinander 1954b, 168; Asplund 2008, 204 ff.). In Estland lasst sich die Siedlungskeramik erst mit der fruhen Vorromischen Eisenzeit chronologisch besser differenziert beschreiben und unterscheiden. Spatestens in dieser Periode ist in Stil und Technik eine Entwicklung zur regionalen Diversifizierung in den Keramikgruppen festzustellen (Abb. 56). Mangels ausreichender Datierungs-moglichkeiten oder wegen der langen Laufzeiten bestimmter Keramikmerkmale lasst sich der relative chronologische Rahmen fur die meisten Keramikstile nur ungenau ermitteln. Die einzige zeitstufenspezifische keramische Warengruppe im Ubergang von der Spatbronze- zur Fruheisenzeit stellt die Feinkeramik aus den Bronzezeitsiedlungen Asva, Ridala und Kaali dar. Ausserhalb der Insel Saaremaa sind die Knickwand- und Henkelschalen nur fur Iru nachgewiesen, in Grabern fehlen diese bislang vollig.

8.1.1. Die zu untersuchenden Keramikmengen (Asva, Ridala, Kaali)

Aus Asva stammt die mit Abstand grosste Menge an Keramikmaterial aus den estnischen Bronzezeitsiedlungen. Nach sieben Grabungskampagnen belauft sich die Zahl an Gefassscherben auf uber 26.000 mit einem Gesamtgewicht von ca. 560 kg (Tab. 8). Angesichts der merklich kleineren Keramikmenge aus Ridala kann man daraus auf intensive und dauerhafte Siedlungsaktivitaten in Asva schliessen. Im Ostbaltikum haben nur zwei andere Bronzezeitplatze, Brikuli und Kivutkalns, Keramik in einem vergleichbaren oder grosseren Umfang geliefert. (97)

In der Siedlung Asva selbst gibt es auch merkliche Unterschiede in der Verteilung der Fundmengen. Mit den ca. 14.000 Scherbenfunden allein auf einer Flache von ca. 206 [m.sup.2] (uber 280 kg) ist der Sudostteil Asva F (Ausgraber Lougas) bezuglich der Fundmengen herausragend (Tab. 9). In Asva A/C (R. Indreko), einem Grabungsareal von annahernd gleicher Flachengrosse, ist die Scherbenmenge deutlich kleiner. In Asva F wurden mehrere Hausabfolgen mit verschiedenen Handwerks- und Arbeitsbereichen freigelegt, das gesamte Areal fast vollstandig ausgegraben. Im West- und Nordteil (Asva A/C; E) wurden grossere Teile der Grabungsflachen weniger vollstandig bzw. intensiv durchsucht. Das betrifft vor allem die Bereiche der Siedlungsgrenzen mit nicht abgetragenen Steinstrukturen. Von dort wurden meist nur Oberflachenfunde gesammelt.

Das Bild der Fundverteilung in Asva A/C zeigt einen deutlichen Mengenschwerpunkt an Keramikfunden im Siedlungsinnern (Abb. 57). Die grossten Scherbenmassen wurden im Bereich einstiger Feuerstellen angefunden. Mit der raumlichen Verbreitung der Formen fur den Metallguss verhalt es sich ganz ahnlich.

In Asva E ist die Halfte der Grabungsflache, genauer der Nord- und Ostteil (Quadr. 5-15/c-h), fast leer an Scherbenfunden (Abb. 58). Im Bereich der einstigen Steinmauer und -pflasterung im Nord- und Ostteil blieben die Grabungen unvollstandig, weil die Steinstrukturen vermutlich belassen wurden. Zum sudlichen Innenbereich des Areals nimmt die Menge an zerscherbten Gefassresten stetig zu. An der fundleeren Inselzone im Bereich 18-19/i-j befindet sich eine Ofenstelle aus einer kreisformig angelegten Pflasterung aus Kalksteinplatten und Feldsteinen.

Im Sudteil Asva F verteilt sich die Keramik auf die gesamte Flache (Abb. 59). Hier haben mehrere unmittelbar aufeinanderfolgende Wohnbauten ihre Spuren hinterlassen. Besondere Verdichtungen mit kiloschweren Scherbenanhaufungen befinden sich nur an den Stellen einstiger Hauser (C und D).

8.1.2. Methoden der Aufnahme und Auswertung

Die bronzezeitliche Siedlungskeramik der Asva-Gruppe setzt sich zu einem Grossteil aus handgemachter Grobkeramik zusammen, meist aus einfach gestalteten Gefassformen, die nach einem gleichbleibenden Formen- und Funktionsprinzip gebildet sind. Nichtsdestotrotz zeigen die Gefasse stets individuelle Zuge.

Der Erhaltungsgrad der Siedlungskeramik von Asva stellt sich fur die weitere Bearbeitung als verhaltnismassig gunstig dar. Allgemein lassen sich sehr viele Gefasse nach Oberteilen bzw. Randpartien mit Gefassumbruchen rekonstruieren. (98) Bei den meisten noch identifizierbaren Gefasstypen sind die Randdurchmesser ermittelbar.

Erhaltungszustand und Materialmenge bestimmen die anzuwendende Methode der Keramikbearbeitung. Probleme in der Identifizierung, Aufnahme und Auswertung von Siedlungskeramik entstehen meist durch einen hohen Verscherbungsgrad. In diesen Fallen ist zumindest eine Zahlung oder Gewichtsbestimmung der Scherben moglich. Fur die Asva-Keramik sind die Voraussetzungen fur Gefassansprache und Typenbestimmung jedoch insgesamt vergleichsweise gut (99).

Fur die Keramik wird das bewahrte Bearbeitungssystem der Bestimmung der Scherbenfunde nach dem Prinzip sog. Rand-Gefass-Einheiten angewandt. Grundlage bildet eine im Vorfeld festgelegte Typengliederung uber die Gefassoberteile, nach der sich die Zuordnung und Typengruppierung der Randscherben richtet. Dazu werden nur Randstucke mit moglichst gut erhaltenen Teilen der Gefasswandpartie zugelassen. Unsichere Randstucke oder solche Kleinstfragmente ohne rekonstruierbare Formengestalt bleiben der Zahlung als Gefasstypen und -einheiten aussen vor. Unter Berucksichtigung des unterschiedlichen Fragmentierungsgrads der Gefasse, der moglichen Formabweichungen bei zusammenhangenden Gefasspartien und der subjektiven Auswahl des Bearbeiters in der Erfassung werden samtliche typologisch ansprechbare Randstucke als Gefasseinheiten (Einheit = n) aufgefasst, wobei unter eine Einheit (n = 1) auch mehrere, passende Randscherben gehoren konnen.

Das betrifft zunachst nur die Aufnahme der Gefassreste nach einem heuristischen Formenschema (Topf, Schussel, Schale, Typ I, II usw.). Wandscherben werden gesondert berucksichtigt, wenn sie Verzierungen oder sonstige Oberflachen- oder Formmerkmale (Profilierung, Politur) aufweisen. Bei Gefassboden oder Teilstucken spielt in der weiteren Aufnahme nur der Durchmesser oder die Art des Gefassaufbaus eine Rolle (Herstellungstechnik). Auf die Bestimmung sog. Gefasseinheiten haben diese keinen Einfluss. Erst daran schliessen sich nachste Arbeitsschritte an, etwa die Untersuchung bestimmter oder besonderer Technik- und Verzierungsmerkmale in Relation zur Gefassform und Warengruppe.

In der Folge halt sich auch die Aufnahme der Oberflachen- und Materialeigenschaften an das Prinzip der Rand-Gefasseinheiten (d. h. Gefassoberteile). Man kann einwenden, dass eine sichere Einschatzung zur Art der Oberflachengestaltung nur uber Wandscherben zu gewinnen ist. Um diesem Punkt gerecht zu werden, ware jedoch eine statistisch-zahlerische Einzelbetrachtung aller Gefassscherben allzu zeit- und arbeitsaufwendig. Auch birgt diese die Gefahr, bei der grossen Masse einzeln nach Gewicht und Zahl berucksichtigter Gefassscherben ein in der Gesamtschau verzerrtes Informationsbild zu erhalten (so auch Jaanusson 1981, 45 ff.; Harding et al. 2004, 49 f.). Wie zu zeigen ist, wechselt auch die Art der Oberflachenbehandlung besonders bei den grobkeramischen Gefassen der AsvaKeramik. Auch sind Bruchverhalten und -neigung bei den grob- und feinkeramischen Warengruppen der estnischen Siedlungsplatze unterschiedlich, weil form- und materialbedingt. Worauf es in der Erfassung der Gefassoberteile (Rand-Gefasseinheiten) im Folgenden ankommt, sind die statistischen Mengenverteilungen und -verhaltnisse bestimmter Formmerkmale und technologischer Eigenschaften der Keramik, um die kategorische Trennung und Gruppierung hinsichtlich Grob- und Feinkeramik bzw. gewisser Zwischenformen zu prufen. Daruber hinaus soll uber dieses Erfassungssystem moglich sein, zu allgemeingultigen Aussagen zu den Qualitatseigenschaften und Funktionsweisen bestimmter Gefassformen zu gelangen. In den Mengenangaben zu den erfassten und aufgenommenen Gefassoberteilen in den Platzen der Asva-Gruppe spiegeln sich nur annahernde Richtwerte und Tendenzen bezuglich gewisser Praferenzen und Unterschiede in der Keramiknutzung und -herstellung, sowie des Spektrums spatbronzezeitlicher Gefassformen und -typen.

8.2. Typengliederung der Gefassformen

Nach dem hier angewandten Aufnahmesystem wurden im keramischen Fundmaterial der Asva-Siedlung (aller Grabungskampagnen) insgesamt 667 Gefasseinheiten ausgezahlt. Davon sind 443 von grobkeramischer, andere 224 in Gestaltung und Herstellungsqualitat von feinerer Machart. Aus den anderen Siedlungen auf Saaremaa und Nordestland (Ridala, Kaali, Iru) stammen merklich weniger Gefassfunde (Tab. 10).

Bei der Unterscheidung in Topfe, Schusseln und Schalen ist zunachst die Gliederung des Gefasskorpers relevant. Auch die Magerungs- und Brennqualitat, speziell der Aufwand in der Oberflachengestaltung und Verzierung lassen Abhangigkeiten von Topf- bzw. der Schalenform erkennen. Fast gesetzmassig sind bei der Siedlungskeramik der Asva-Gruppe die Henkel und sonstigen Handhaben (Knubben, Grifflappen) vornehmlich an Schalen bzw. Breitformen anzutreffen.

Die folgenden Untersuchungen beziehen sich hauptsachlich auf das Fundmaterial von Asva und orientieren sich an wesentlichen Ergebnissen und Beobachtungen in V. Lougas' Dissertation. Dort wird eine Typengliederung der grobkeramischen Topfe aus Asva vorgestellt, die beibehalten wird. Die Einteilung erscheint sinnvoll und anwendbar, zumal die Reihenfolge der Ziffernvergabe (romisch) bei den Topfen auch tendenziell die Haufigkeit der Typen widerspiegelt (Lougas 1970a, 159 ff., Tab. 6). In der Grobkeramik (estn. jamekeraamika) wurden sechs verschiedene Gefassgruppen unterschieden (Typen I-VI). Fur die Gruppe der profilierten Feinkeramik blieb eine solche Typengliederung aus, nur 'Tassen' und Schalen werden erwahnt. Ohne die funktionalen Merkmale der Grob- und Feinkeramik zu erlautern, trennte Lougas die Keramik in 'Wirtschaftsgefasse' (estn. majapidamisnoud; d. h. Topfe) und 'Essgeschirr' (estn. sooginoud; Schalen).

Dieses Typenschema macht es allerdings notwendig, weitere Unterformen bzw. Scheidungskriterien der Gefasse herauszuarbeiten. Relevante Grossenverhaltnisse, etwa Mundungsdurchmesser gegenuber Gefasshohe, blieben bislang weitestgehend unberucksichtigt. Unter den vermeintlichen Topfen grobkeramischer Machart sind auch solche mit breiter Mundungsoffnung, betontem Schulterumbruch und relativ kurzem Unterteil. Unterschiede in der Magerung, im Gefassbrand und der Oberflachenbearbeitung zwischen den grobkeramischen Breit- und Hochformen (Schusseln bzw. Topfe) scheinen nicht ins Gewicht zu fallen.

8.2.1. Topfe und Schusseln

Die Gefassformen sind in solche mit klarer Gliederung des Gefasskorpers und in solche von einteiligem Aufbau zu scheiden. Die vier ersten Typen nach Lougas (I-IV) bezeichnen einen mehrteiligen Gefasskorper, inklusive der zugehorigen Breitformen. Die ubrigen Typen V und VI sind von einfacher Tonnenform, wobei der sich offnende oder schliessende Rand das Unterscheidungskriterium bildet. Auf die Schusseln lasst sich dieses Gliederungsprinzip ebenfalls anwenden, nur das Breiten-Hohen-Verhaltnis ist fur diese massgeblich (Abb. 60-61).

Die Topfe und Schusseln gliedern sich wie folgt:

Typ A I a: Topf; abgesetzte, senkrechte Randpartie oder kurzer Zylinderhals;

Typ A I b: Schussel; abgesetzte, senkrechte Randpartie oder kurzer Zylinderhals; gewolbte Schulter;

Typ A II a: Topf; offener, konkaver Mundungsrand; S-formiges Profil;

Typ A II b Schussel; konkaver Mundungsrand; S-formiges Profil;

Typ A III a: Topf; gerundetes oder kantiges, straff einbiegendes Oberteil; maximaler Gefassdurchmesser in Schulterrundung oder -knick;

Typ A III b: Schussel; kurzer, leicht konkaver Mundungsrand; kantiger Umbruch; maximaler Gefassdurchmesser in Schulter;

Typ A IV a: Topf; zweiteilig; senkrechtes Oberteil; maximaler Gefassdurchmesser in Mundung;

Typ A IV b Schussel; zweiteilig; senkrechtes Oberteil; maximaler Gefassdurchmesser in Mundung;

Typ A V a: Topf; tonnenformig, gerundeter, leicht einbiegender Rand;

Typ A V b: Schussel; ungegliedert, leicht einbiegender Rand;

Typ A VI a: Topf; ungegliedert; offener, konischer Gefasskorper;

Typ A VI b: Schussel; ungegliedert; offener, konischer Gefasskorper.

8.2.1.1. Topfe und Schusseln mit kurzem Zylinderhals (Typ AI a und b)

Der kurze, zylindrische Rand tritt am haufigsten an den Topfen auf (Abb. 60). Der zylindrische oder vertikale Rand ist i. d. R. von kurzer und gedrungener Gestalt. Bei diesen Topfen handelt es sich meist um leicht bauchige, hochgebaute Formen mit verengter Mundung (Abb. 62). Die maximale Gefassbreite befindet sich im Bereich der Schulter, welche bevorzugt mit Grubchenreihen verziert ist. Die Randzone ist deutlich vom ubrigen Gefasskorper abgesetzt (z. B. Taf. 30: 3-4, 35: 1, 5, 40: 2-3).

In Siedlungsplatzen des sudlichen Litauens ist dieser hohe Topftyp ebenfalls anzutreffen und gehort dort zu den Leittypen der sog. Besenstrichkeramik (101). In der spatbronzezeitlichen Siedlungskeramik Lettlands ist diese Form, u. a. mit den charakteristischen Grubchen, ebenfalls haufig (102). Daruber hinaus ist dieser Gefasstyp auch in bronzezeitlicher Siedlungskeramik Sudwestfinnlands nicht unbekannt (Luoto 1984, 109, Taf. VEA).

8.2.1.2. Offene Topfe und Schusseln mit S-formigem Profil (Typ A II a und b)

Der hohe Trichterrandtopf ist in Siedlungen des Ostbaltikum bereits seit dem Spatneolithikum nachgewiesen, dort zuweilen mit betont ausladendem Rand (Yanits 1959, 170 f., Taf. XXXI: 1, 4; Rimantiene 2000, 204, Abb. 4: 2-3, 5-8, 11, 5: 1, 6: 3). Dieser Typus mit geoffneter Mundung ist in Asva und Ridala gegenuber anderen Randformen vergleichsweise selten. Auch ist der Randschwung vergleichsweise schwach ausgepragt und die Regel ist eine gleichermassen ausgepragte Rand- und Schulterbreite (Abb. 63). Der Schulterbereich ist bevorzugt mit Grubchen oder Fingertupfenreihen verziert, sowohl bei Topfen als auch bei Schusseln (Taf. 22: 2, 4, 29: 2, 46: 6).

In Asva F sind Gefassrander dieser Art fur beide Siedlungsphasen belegt und zu gleichen Anteilen oberflachenmassig bearbeitet (Glattung, Strich) (Sperling 2006, Tab. 4). Unter der lettischen, bronzezeitlichen Siedlungskeramik ist dieser Profiltyp ebenfalls anzutreffen (Vasks 1991, 44 ff., Tab. 9 f., Abb. 7: 1, 2, 7, 12, 9: 1).

8.2.1.3. Topfe und Schusseln mit einbiegendem Oberteil (Typ A III a und b)

Topfe mit einbiegendem Rand oder Schulterknick sind in Asva und Ridala haufiger (Abb. 64). Gefasse dieser markanten Gliederung sind meist von individueller Gestalt und Auspragung. Das einbiegende Oberteil kann mit einem mehr oder weniger scharfen Knick versehen und der Rand gerade oder leicht konkav gebogen sein. Auch gibt es Abstufungen in der Gefasshohe und Breite. Es gibt neben den gelaufigen Grossformen von 25-30 cm Hohe und 20-25 cm Mundungsdurchmesser auch kleinere Gefasse von gegliederter Form. Letztere haben ein betontes Knickwandprofil, so wie einige kleine doppelkonische Topfchen aus Asva und Iru (Taf. 31: 6, 36: 5, 48: 3, 61: 9). Einige Breitformen unter der Grobkeramik sind ebenfalls mit Knickwand versehen (Taf. 34: 6; 35: 3). Bei den Topfen kann der Knick vergleichsweise steil einbiegen und zwar unabhangig von der Hohe der Randzone (Taf. 18: 5-6, 22: 6, 30: 5, 34: 4-6, 41: 3, 42: 4, 46: 7. Siehe auch fur Iru: Taf. 61: 8). Dieses Gestaltungsmerkmal scheint typisch fur die Keramik von Asva zu sein, denn anderswo sind unter den grobkeramischen Topfen solche mit vergleichsweise weichem Knickprofil anzutreffen (Kaali und Iru; Taf. 56: 4, 6-7, 57: 1, 58: 4, 60: 3-4).

Zudem sind die Knickwandtopfe und -schusseln in Asva auffallend haufig geglattet worden, Besenstrich ist selten (Tab. 12). Eventuell steht ein spezieller funktioneller Aspekt der Wirtschafts- und Gebrauchskeramik dahinter. Die Topfe und Schalen mit Knickwand sind i. d. R. aufwendiger verziert und/oder mit Henkeln oder Grifflappen versehen.

Im Nordostbaltikum sind Knickwandgefasse, abgesehen von Iru, eher selten und dafur haufiger unter der Graberkeramik anzutreffen. Beispielhaft sind die Funde aus einer der Steinkisten von Vao Jaani (Lang 1996, 137 f., Abb. 50: 3) und den Steinschiffsgrabern (Graudonis 1967, Taf. XLII; Lougas 1970b, Abb. 5: 4). Auch in den lettischen Siedlungen sind sie weniger haufig (siehe Vasks 1991, 35-65, Tab. 9, 13). Haufiger ist die Knickwand unter den Topfen der besenstrichverzierten Lokalgruppen Litauens (Grigalaviciene 1995, 210 ff., Abb. 124, 126-129, 141 f.), doch ist diese als eine fur das nordliche Ostbaltikum untypische Gefassform anzusehen. Einige Forscher hat diese Beobachtung zur Annahme verleitet, die Gefassform (Knickwand) sei uber Kontakte mit Gruppen der Lausitzer Kultur ins Ostbaltikum vermittelt worden (Indreko 1939b, 50, Abb. 16; Lougas 1970a, 160 f., 179).

8.2.1.4. Topfe und Schusseln mit vertikalem Oberteil (Typ A IV)

Das Verhaltnis zwischen der Mundungsbreite und der Gefasshohe entscheidet bei diesem Typ im Sinne von Topf oder Schussel. Meistens fallt die Entscheidung zugunsten der Breitform aus, zumindest dann, wenn sich aus Verlauf und Neigungswinkel der Wandung des Gefasses dessen ungefahre Hohe ablesen lassen. Die Randzone kann in Lange bzw. Hohe unterschiedlich ausgepragt sein und das Unterteil mehr oder weniger steil einknicken (Abb. 65). Bei einigen Randscherben kann das Oberteil zur Mundung hin schwach nach innen oder aussen geneigt sein. Schusseln dieses Typs sind vornehmlich in Asva anzutreffen, u. a. auch mit Grubchendekor (Taf. 18: 2, 21: 2, 31: 9, 35: 3-4, 41: 5. Auch in Iru: Taf. 57: 2, 60: 2).

8.2.1.5. Topfe und Schusseln mit leicht einbiegendem oder geradem Rand (Typ A V a und b)

Diese Gefassform ist vergleichsweise typisch fur die grobe Asva-Keramik (Abb. 66). Je nach Formung bzw. Bauchung der Gefasswand lassen sich Tonnchen von zylinderformigen Topfen unterscheiden. Zuweilen sind die Ubergange fliessend. Meist handelt es sich bei Gefassen dieser Form um hohe und breite Topfe (Taf. 19: 4, 24: 3, 28: 6, 29: 5, 34: 3, 40: 1). An Verzierungen finden sich an diesen Gefassen wieder Grubchenreihen oder Fingertupfen, stets im oberen Randbereich.

Gefasse dieser Machart sind auch unter der Keramik der lettischen Siedlungen des Dunatals (Vasks 1991, Tab. 9, 13, Taf. XXI-XXIII). Fur die sog. Rauhwandtopfe aus Asva (Taf. 28: 6) finden sich gute Vergleiche in den tonnenformigen Vorratsgefassen bzw. Trangefassen der Robbenfangerplatze auf Aland (Meinander 1954b, 144; Gustavsson 1997, Abb. 62b; Matiskainen 1998, 297, Abb. 3).

8.2.1.6. Offene Topfe und Schusseln (Typ A VI a und b)

Unter den Gefassformen mit fehlender Gliederung sind auch solche mit offener Mundung (Abb. 67). Demzufolge ist der Gefassdurchmesser der Offnung am breitesten, nur die Hohe kann erheblich differieren. Meist haben diese Gefasse einen kalottenformigen, fast konischen Korper. Darunter sind auch breitere und niedrigere Formen, einige mit Grubchen oder Fingertupfen verziert (Taf. 18: 1, 25: 1, 30: 1, 31: 5, 48: 1). Hinsichtlich Wandstarke und Mundungsbreite (20-25 cm) sind die vergleichsweise tiefen Schusseln von den feinkeramischen Schalen (B-Formen) gut zu unterscheiden.

Erwartungsgemass ist dieser einfache, offene Gefasstyp haufig in der spatbronzezeitlichen Siedlungskeramik vertreten (Vasks 1991, Tab. 9, 13). Im alandischen Otterbote und im danischen Skovby sind ahnlich offene Schusseln und Topfe bekannt, auch dort (wie in Asva) mit Leistenverzierung (Jensen 1997, Abb. 46: 2; Gustavsson 1997, Abb. 63d).

Feinkeramische, profilierte Breitformen sind in der bronzezeitlichen Siedlungsund Graberkeramik des Ostbaltikums ausgesprochen selten. Schalen, d. h. flache, gegliederte Gefasse, meist von aufwendiger Glattung, sind dagegen im Siedlungsmaterial der Bronze- und Fruheisenzeit in Gebieten westlich und sudlich der Ostsee gelaufiger. Die Fundplatze der Asva-Gruppe konnen sogar mit hohen Stuckzahlen im Fundgut aufwarten. Bemerkenswert ist der Kontrast der Machart der Schalen (Qualitat, Form, Dekor) gegenuber der grobkeramischen Gebrauchskeramik. Die Schalen sind ganz offensichtlich Anzeichen besonderer Trink- und Tischsitten.

Ein Teil der Schalen ist mit Handhaben versehen. Bei einigen dieser Henkelgefasse ware mit Rucksicht auf die sonstigen Formmerkmale eine Ansprache als Tasse oder Henkeltasse moglich. Angesichts der in der Literatur herrschenden Uneinigkeit in der Definition von Tassen und eingedenk der vergleichsweise kleinen Zahl an Henkelgefassen in der Asva-Keramik seien diese in der Folge unter den Schalen zusammengefasst. Zunachst gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen solchen Schalen mit und solchen ohne Handhabe. Ausserdem ist keineswegs klar, ob zwischen Henkelschalen bzw. Tassen und henkellosen Schalen tatsachlich funktionale Unterschiede bestanden.

Typ B I: abgesetzte, schwach einbiegende Randpartie; gerundeter Umbruch

Typ B II a: offener Rand; kantiger Umbruch; S-Profil; Mundungsdurchmesser nicht grosser als Umbruchdurchmesser;

Typ B II b: offener Rand; gerundeter Umbruch; schwaches S-Profil; Mundungsdurchmesser grosser als Umbruchdurchmesser;

Typ B III: gegliedert; einbiegender Rand; kantiger Umbruch;

Typ B IV: gegliedert; lange, vertikale Randzone;

Typ B V: einbiegender Rand; runder Umbruch;

Typ B VI: offen; ungegliedert.

In der Gliederung der Typen bietet sich eine Ableitung des auf die grobkeramischen Topfe angewandten Systems an (Abb. 68). Ausgehend von der Randbildung der Schalen gibt es auch hier sowohl gegliederte als auch ungegliederte, einteilige Formen. Zu den mit Abstand haufigsten Formen gehoren jene mit S-Profil.

8.2.2.1. Schale mit abgesetzter, leicht einbiegender Randpartie (Typ BI)

Diese Schalenform ist durch eine Knickwand und eine den scharfen Umbruch betonende Schulterrippe gekennzeichnet (Abb. 69). Auf diesem markanten Schulterabsatz sind bevorzugt Kerbverzierungen angebracht (Taf. 36: 4, 45: 1, 8). Schalen dieses Profiltyps sind im Ostbaltikum nicht bekannt, aber wiederholt in Fundzusammenhangen danischer Graberkeramik der spatbronzezeitlichen Periode VI in Erscheinung getreten (Jensen 1997, Abb. 37b, G 7).

8.2.2.2. Schalen mit S-Profil (Typ B II a und b)

Schalen mit S-Profil und Knickwand dominieren die Feinkeramik in Asva (Abb. 60). Zu unterscheiden sind zwei Formen, je nach Randbildung. Der Rand der Schale biegt entweder leicht nach aussen (B II a) oder offnet sich trichterformig und bietet der Schale ein weicheres S-Profil (B II b, Abb. 70). Die quantitative Verteilung der Untergruppen B II a und b gestaltet sich ungefahr gleich.

Von Schalen mit diesem Profilmerkmal sind auch einige aus Iru bekannt (Lang 1996, Taf. VI: 5, 7, 9, 11), wenn auch nicht in der mit Asva und Ridala vergleichbaren Haufigkeit. Vergleichsfunde ostlich bzw. nordostlich der Ostsee stammen aus Siedlungen auf den Aland-Inseln (Tjarnan) und aus Lieto (Meinander 1954b, Taf. 21c; Luoto 1984, 118, Taf. VGA).

Bei der S-profilierten Schale handelt es sich um den am aufwendigsten gestalteten und qualitatvollsten Typ unter der Gefasskeramik. Formgebung, Oberflachenmachart und Verzierung (Dekor, Handhaben) finden sich bei diesen Schalen stets in besonders ausgearbeiteter Art und Weise. Auffallend haufig wurden die B II-Formen mit einer nachhaltig polierten oder sehr gleichmassig geglatteten Oberflache versehen, zudem wurden sie bevorzugt mit feinen Kerbreihen und Ringabrollmustern verziert. In der Magerung kann die Qualitat der Schalen durchaus schwanken, da auch besser bearbeitete und profilierte Schalen eine relativ grobe Tonmischung aufweisen konnen. Vermutlich waren Techniken des Brennens und Nachbearbeitens beim Topfern solch exklusiv anmutender Schalen wesentlicher. Der Boden dieser Schalen ist entweder rundlich oder leicht abgeflacht gestaltet, Bodendellen wurden bislang keine beobachtet.

8.2.2.3. Schalen mit einknickendem Rand (Typ B III)

Gegliederte Schalen mit einknickendem Oberteil sind ebenfalls vergleichsweise haufig unter der Feinkeramik von Asva anzufinden (Abb. 71). Auch bei diesen wurden Oberflachenbehandlung und Verzierung mit einigem Aufwand betrieben. In Iru ist dieser Typ ebenfalls vertreten (Lang 1996, Taf. VI: 6). Ausserhalb Estlands gibt es vergleichbare Schalenfunde aus Otterbote (Gustavsson 1997, Abb. 64: h, f) und in einigen sudwestfinnischen Siedlungen (Lieto, Rieskaronmaki), in letzteren Fundorten sogar zusammen mit der fur Asva typischen Ringabrollung (Edgren et al. 1984, 115; Luoto 1984, 118 f., Taf. VGO, VGP).

8.2.2.4. Gegliederte Schalen mit vertikaler Randzone (Typ BIV)

Bei den Schalen mit senkrechtem Oberteil sind die Ubergange zu anderen Randformen (B II, III) fliessend. Die Gliederung der Gefasse wird in den meisten Fallen durch eine kantige, absatzartige Verdickung an der Stelle des Umbruchs betont (Abb. 72). Allgemein sind diese Schalen nur geglattet oder poliert, jedoch seltener verziert. Die nahesten Entsprechungen zu dieser Gefassform gibt es aus Lieto Vanhanlinna (Luoto 1984, 118 f., Taf. VGA).

8.2.2.5. Ungegliederte Schalen mit einbiegendem Rand (Typ B V)

Von den Schalen mit leicht einziehender Mundungspartie sind aus Asva F nur wenige Stucke uberliefert (Abb. 73). Sie sind alle einfach geglattet, von geringer Grosse (10-15 cm Mundungsdurchmesser) und unverziert. Von den Siedlungen des Ostbaltikums sind diese einfachen Kleingefasse bislang nur aus Asva und Ridala (AI 4329: 264, 298, 469, 483) bekannt.

8.2.2.6. Offene, ungegliederte Schalen (Typ B VI)

Bei den offenen, ungegliederten Schalen handelt es sich meist um vergleichsweise kleine, dunnwandige Formen (Mundungsdurchmesser 10-15 cm), die sich von den dickwandigeren und tieferen Schusseln (A VI b) unterscheiden lassen (Abb. 74). Bei einigen gibt es eine angedeutete Gliederung in Form eines schwach ausgebildeten Absatzes, somit eine gewisse Nahe zu den profilierten Formen (B III, IV). Ahnliche Schalen sind im schwedischen Hallunda vertreten (Jaanusson 1981, Abb. 29: 1, 10, 12, 23).

8.2.3. Sonder- und Kleinformen

8.2.3.1. Topfchen und Schalchen (grobkeramisch)

Unter der Gefasskeramik von Asva und Ridala sind einige auffallend kleine Formen. Die meisten der insgesamt 14 Kleingefasse aus Asva (eines aus Ridala) wurden in den Arealen F und A/C gefunden (Taf. 31: 1-3, 7). Die Boden, zuweilen als Standfusse vom ubrigen Gefasskorper abgesetzt, haben Durchmesser von 4-6 cm. Die Hohe belauft sich bei den Topfchen auf max. 10 cm (siehe auch Taf. 17: 2, 19: 2, 39: 1-4). Samtliche Topfchen sind relativ dickwandig, mehr oder weniger grob geglattet, aber ohne den fur die Grobkeramik ublichen Besenstrich. Des Weiteren gibt es auch kleine Schalchen dieser Machart, die ebenfalls gesonderte Funktion besessen haben mussen (Taf. 19: 2, 31: 7).

Die kleinen Topfchen (u. a. mit abgesetztem Boden) sind in Siedlungen westlich und ostlich der Ostsee recht verbreitet. Aus dem lettischen Brikuli stammen ahnliche, ungegliederte Kleingefasse mit abgesetzten Standboden von 3-5 cm Bodendurchmesser (Vasks 1994, 53 f., Abb. 35: 5-11). Vergleichbare Kleingefasse sind auch aus den schwedischen Fundplatzen Hallunda und Ingemarstorp bekannt (Oldeberg 1954, Abb. 77; Jaanusson 1981, 112).

8.2.3.2. Topfchen und Schalchen (feinkeramisch)

Es gibt unter den Kleingefassen auch relativ dunnwandige von feiner Magerung und festem Brand. Die Formen muten grobkeramisch an, Qualitat und Dekor dagegen feinkeramisch. Ein doppelkonisches Gefass mit Ringabrollungsgruppen stellt eine solche Sonderform dar (Taf. 31: 6). Ein Topfchen aus Asva E ist oberhalb des Schulterknicks mit Kerbengruppen verziert, ganz in Manier der Schalen (Taf. 48: 3). Diese besonderen Kleingefasse erweitern das Formen- und Funktionsspektrum der Schalen- und Henkelkeramik zusatzlich.

8.2.3.3. Tonloffel

Aus Ridala B kam das Fragment eines Tonloffelchens zutage (Taf. 52: 1). In der Breite misst die Laffe drei Zentimeter, deren ursprungliche Lange lasst sich auf ca. 5 cm rekonstruieren. Der Griff ist nur im Ansatz erhalten. Es ist der bislang einzige keramische Loffel unter den Siedlungsfunden der Asva-Gruppe. Aus Asva und Iru sind indes vier weitere Loffel bekannt, alle jedoch aus Elchgeweih gefertigt und von schlanker und langlicher Form bis zu 15 cm Lange (Sperling 2006, 106, Taf. XLVII: 1). Mit dem tonernen Gerat aus Ridala sind diese nicht direkt zu vergleichen.

Tonloffel gehoren zu den sporadisch auftretenden, keramischen Sonderformen der Bronze- und Fruheisenzeit. Man kennt sie sowohl aus polnischen Siedlungen (z. B. Chrzajstow Folwarczny 1; Dudak et al. 2002, 51, Taf. 43: 1; mit weiterer Literatur) als auch aus Grabkontexten im norddeutschen Raum, dort bereits seit der alteren Bronzezeit (Probst 1999, 190).

8.2.3.4. Tonscheibchen mit Grubchendekor

In Asva A/C sind vier merkwurdige Kleinfunde aufgetaucht (Taf. 39: 5-8). Es handelt sich um die Reste kleiner, runder Scheiben aus ungemagertem Ton (eines vollstandig) mit 2,5-4,5 cm im Durchmesser und 0,5-1 cm in der Dicke. Alle sind einseitig mit kleinen Einstichen und Grubchen bedeckt, jedoch in einer Manier, die jegliche Regelmassigkeit oder Ordnung vermissen lasst. Nur bei einem der Scheibchen sind die kleinen Grubchen nicht planlos, sondern in zwei konzentrischen Reihen angelegt (Taf. 39: 5). Das Stuck tragt eine seitliche Vertiefung und konnte eventuell eine Art Amulettcharakter gehabt haben.

Zweck und Bedeutung der Tonscheiben bleiben unklar, obwohl diese in Siedlungskontexten der Spatbronze- und Fruheisenzeit offenkundig keine Seltenheit darstellen. Gleiche mehrere solcher, ebenfalls nur 3-6 cm grosser Tonscheiben sind aus dem polnischen Sobiejuchy bekannt (mind. 31 Stuck). Mindestens zwei solcher roundels with random dots werden in einem moglichen magisch-kultischen Verwendungszusammenhang gesehen (Harding et al. 2004, 45, 60, Taf. 22: 1-22, 24-28). Auf eine Symbolik der 'wilden' Dekoration weisen auch die tonernen Vogelfiguren aus Sobiejuchy.

8.2.3.5. Ein Miniaturgefass aus Ridala B

Es gibt in der Gefasskeramik der Asva-Gruppe ein nicht nur wegen seiner Formgebung, sondern auch wegen seinem Fundkontext interessantes Stuck (Taf. 53: 1). Die Miniatur eines Topfchens (mit Omphalos) stammt aus einem der zahlreichen Pfostenlocher des Palisadenbaus von Ridala.

Es handelt sich um ein nur ca. zwei Zentimeter breites und anderthalb Zentimeter hohes, dunnwandiges Gefass (2-3 mm) mit einem sehr bauchigen Korper und einer abgesetzten, leicht einbiegenden Randzone. Der Randabschluss ist nicht gerade, sondern verlauft etwas unregelmassig, auch ist der Stand des unformigen Gefasses etwas wacklig. Es vermittelt den Anschein einer spielerischen und experimentellen Laune des Topfers. Auch fehlt es im keramischen Formengut von Asva an potentiellen Vorbildern fur das Topfchen.

In Siedlungszusammenhangen des Lausitzer Kulturkomplexes treten solche Kleinformen und Miniaturen des Ofteren auf. In Woryty (Woritten) etwa, im polnischostpreussischen Landkreis Olsztyn (Allenstein) sind gleich mehrere Gefasse mit Mundungsdurchmessern zwischen zwei und acht Zentimetern aufgetreten, einige aus der spatbronzezeitlichen Schicht V vom Fundplatz Woryty 2 (Dabrowski & Mogielnicka-Urban 1981a, 103, 118, Taf. XII: 2, 8, 15, XVII: 15). Unter den Sammelfunden ist auch ein relativ dickwandiges und grob geglattetes Topfchen von nur zwei Zentimetern Breite, das dem Ridala-Exemplar nahe kommt (ohne Delle; ebd., 88, Taf. VII: 4). In Chrzastow Folwarczny 1, woj. Lodz, sind weitere Miniaturtopfe mit nur wenigen Zentimetern in Mundungsdurchmesser und Hohe aufgetaucht, eines mit vertikalen Fingertupfreihen versehen (103). Form und Verzierung scheinen die ortliche Grobkeramik nachzuahmen. In Ostmittelschweden kennt man solche keramischen Miniaturen aus dem Grabermilieu, und zwar seit der Alteren Bronzezeit. Die Kleingefasse konnten also auch mit rituell-kultischen Funktionen in Zusammenhang stehen. Zwei spatbronze- bis fruheisenzeitliche Graberfunde aus Uppland beinhalten Topfchen, die in Form und Grosse dem RidalaExemplar ahnlich sind (Dragby und Skamsta; Eriksson 2009, 230, Abb. 104). Auch fur den Lausitzer Kulturkreis ist die Verwendung von Miniaturgefassen im Grabritus des Ofteren belegt, u. a. an Beispielen besonderer Kinderbestattungen. Zuweilen sind solch winzige Gefasse zu Rasseln umfunktioniert, kommen sowohl in Form von Musikinstrumenten als auch als Kinderspielzeuge durchaus als Kultgerate in Frage. Der Fundkontext (Pfostenloch) des Miniaturtopfchens aus Ridala erscheint vor diesem moglichen kultischen Bedeutungshintergrund besonders interessant (Kap. 8.7.3).

8.3. Keramikeigenschaften, Gefassaufbau und Warenklassen

8.3.1. Ton

Die Verarbeitung von Ton vor Ort ist nachgewiesen. Im Grabungsteil Asva A/C fand sich ein uber faustgrosser, etwas unregelmassig geformter und mit groben Magerungszusatzen versehener Tonballen von rotlich-rosa Farbe (Abb. 75). Am Ballen sind deutliche Griff-, Abriss- und Formspuren (Daumen, Finger) sichtbar. Eine Seite des Ballens ist plan und mit Riefen von einer Unterlage (Matte o. a.) versehen. Eine Seite des Klumpens wurde grob herausgerissen.

Zu den mutmasslichen Roh- und Arbeitsmaterialien in der Verarbeitung von Gebrauchskeramik gehort ein in Asva F gefundener Granitstein (AI 4366: 540). Er ist rundlich geformt, von ca. 10 cm Durchmesser und einseitig abgeflacht. Was an ihm auffallt, ist der hohe Anteil an grobkornigen Glimmerstuckchen, die den Stein poros und bruchig machen. Obwohl er in der Grosse und Form einem der zahlreich in Asva, Ridala, Kaali und Iru anzutreffenden Laufer oder Reibsteine ahnlich sieht, war der Stein zum Mahlen oder Glatten nicht geeignet. Sehr wahrscheinlich diente der Stein zur Gewinnung der Magerungszusatze in der Keramikproduktion.

Von bereits in der Bronzezeit ausgebeuteten Tonlagern in Asva-Nahe ist auszugehen. Infolge eiszeitlicher Ablagerungen in fruheren Seen haben sich an mehreren Orten auf Saaremaa sog. glaciolacustrine Tone angesammelt (Raukas & Teedumae 1997, 125, Abb. 91). Die in Nahe niederer Partien des nordestnischen Schieferplateaus anfallenden Tonlinsen waren und sind fur den Menschen verhaltnismassig leicht zuganglich gewesen. In Estland sind mindestens sechs quaternare Tongruben bekannt, von denen einige noch in der Neuzeit industriell ausgebeutet wurden (z. B. Tongrube Sakla, in etwa 10 km Entfernung Luftlinie von Asva gelegen; ebd., 363 f., Tab. 68, Abb. 236). Der in den Bronzezeitsiedlungen verwendete Lehm zur Gussformen- und Keramikherstellung konnte aus solch einer Tongrube im Sudosten der Insel stammen. Der dortige Ton gilt als sehr fein geschlammt, ist reich an Quarzsanden. Er ist v. a. sehr kohlenstoffhaltig (ebd., 364, Tab. 69), was ihm eine vergleichsweise helle Farbe und gute Eigenschaften in punkto Plastizitat und Ofenbrand verleiht. Alles in allem boten sich gunstige Voraussetzungen fur die Verarbeitung des Tons, zumal er zu einem gewissen Grade bereits gemagert anfallt.

8.3.2. Magerung

Magerungsmittel sollten den Ton im Trocknungs- und Brennprozess fester und stabiler machen, u. a. um dem Entstehen von Rissen wahrend der Trocknung des Tons vorzubeugen. In der Verarbeitung der Keramik wurden auf die gleichen Materialien zuruckgegriffen. Soweit mit blossem Auge feststellbar, wurden nur Quarzgrus, Steingrus, Glimmerpartikel (meist mit Quarzgrus) und Sand verwendet. Bei der dickwandigen Grobkeramik wurden fast ausschliesslich Quarz und Granitzusatze, bei Gefassen feineren Tons sind nur Feinsand und Glimmerpartikel eingebracht. Fur die Gewinnung dieser Bestandteile dienten ortliche Granitsorten von hoher Porositat und hohem Glimmeranteil (z. B. Asva A/C, AI 3799: 358; Halbkugelform).

Der Ton so mancher besonders feinkeramischen Gefasse wurde mit Sand vermischt, doch sind auch unter der Feinkeramik bzw. den glatten Knickwandschalen relativ grosskornige Zusatze verwendet worden. Doch sind bei der hiesigen 'Feinkeramik' selbst kleinste Gesteins-oder Sandpartikel mit dem blossen Auge erkennbar. Die hiesige Bestimmung der Magerungsweisen erfolgt in vier Stufen, Berucksichtigung fanden nur die Randpartien der Gefasse:

fein         Korngrosse maximal 0,5 mm
mittel       Korngrosse 0,5-2 mm
grob         Korngrosse 2-4 mm
sehr grob    Korngrosse mindestens 4 mm.


Der Ton der Topfe wurde uberwiegend grob gemagert, die verwendeten Korngrossen liegen bei uber 60% zwischen 2-4 mm (Abb. 76). Es konnte an vielen Gefassen beobachtet werden, dass Grosse der Kornung und Dichte der Zusatze im Unterteil bzw. zum Bodenbereich deutlich zunehmen. In solchen Fallen wurden die fur die Gefassunterteile verwendeten Ringwulste grober gemagert als die ubrigen Gefassringe. Sicherlich wurden bei der Bearbeitung der Ringwulste unterschiedliche Anspruche an Formbarkeit und Festigkeit bei Rand-, Wand- und Bodenpartien berucksichtigt. Insgesamt entspricht jedoch die vergleichsweise einheitliche Magerungsart der Grobkeramik ganz dem Bild homogener Gefassgrossen und -formen.

Bei den Schalen und Henkelgefassen verhalt es sich mit der Magerung des Tons erwartungsgemass anders als bei der Topfkeramik. Deutlich uberwiegt der Anteil mittlerer Korngrossen (0,5-2 mm), grobe und sehr grobe Zusatze finden sich bei relativ wenigen Gefassen. Dennoch ist die Beimengung von Quarz und Steingrus (Granit) als typisch fur die sog. Feinkeramik von Asva anzusehen. Demnach beziehen sich die sog. feinkeramischen Merkmale eher auf ausserliche Materialaspekte, d. h. auf die Intensitat und Gestaltung von Politur und Gefassprofil. Feinere Sandmagerung (Quarzsand) wie bei den mitteleisenzeitlichen Breitformen aus Asva III (Taf. 65) kam nur selten zur Anwendung.

8.3.3. Harte und Brandqualitat

Auch mit Blick auf die Funktion der Gefassformen sind sowohl Harte und Festigkeit als auch die Magerungsdichte entscheidende Kriterien. Angaben zu jeweiligen Harte- und Dichteeigenschaften sind womoglich hinweisgebend in der Ansprache als Vorratsgefasse (fur Flussigkeiten) oder sonstiger Verwendungsbereiche (z. B. Zubereitung).

Zunachst interessieren die Hartegrade und Magerungsdichte. Neben den Korngrossen der Magerungsbestandteile wurde in der Verarbeitung des Tons auch auf die Menge der Zusatze geachtet. So lassen sich an der Grob- und Feinkeramik unterschiedliche Flachenanteile der Magerungszusatze erkennen und prozentual abschatzen. Unterschieden wird nach Dichtestufen und Hartegraden gemass der allgemein gangigen Terminologie der Keramikbeschreibung (siehe Schreg 1999, 41 f., Abb. 28).

MAGERUNGSDICHTE (Flachenanteile am Scherben)

Stufen 1-70 entsprechen 1%--70% geschatzter Magerungsgrosse bzw. -dichte.

HARTEGRAD
Weich                      mit Fingernagel ritzbar (Mohs Harteskala:
                           1-2);
Massig hart                mit Fingernagel nicht mehr ritzbar (Mohs
                           Harteskala: 3-4);
Hart                       nur mit Messer ritzbar (Mohs
                           Harteskala: 5-6);
Sehr hart, fast klingend   nicht mehr mit Messer ritzbar (Mohs
                           Harteskala: >7).


Art und Ausmass der Beimengungen bestimmten wesentlich die Haltbarkeit, Elastizitat und Formbarkeit der Gefasse wahrend der Brennprozesse. Dazu kommen regulierte Brenntechniken, die sich nach den erwunschten Hartegraden richteten. Die unterschiedlichen Gefassformen und -typen, insbesondere die Hoch- und Breitformen der Asva-Keramik, lassen gewisse Vorlieben bezuglich der Harte und der Intensitat der Magerung erkennen. Gewisse Regelhaftigkeiten lassen sich in Abhangigkeit von den Formmerkmalen, speziell der Gefassprofilierung der Gefasse, beobachten.

Dabei ist zunachst allgemein zu beobachten, dass der Grossteil der Grobkeramik von Asva massig hart bis hart gebrannt ist (Abb. 77). In diesen Fallen ist der Scherben sehr fest und kompakt, ungeachtet der ausseren Erscheinung bzw. der wenig sorgfaltigen, nachlassig anmutenden Ausfuhrung der meisten Topfe. Der Dichteanteil der Magerungszusatze liegt bei den meisten Topfen und Schusseln zwischen 30 und 50% (Stufen 30 und 50). Bei den Schalen, vor allem solchen mit Knickwand, wurden verhaltnismassig wenig Magerungszusatze beigegeben. Allerdings ist die Harte der Oberflachen i. d. R. nur massig ausgepragt, d. h. trotz der sorgfaltig bearbeiteten Oberflachen (Politur, Glatte) und Formen (strenges Profil) kamen offenbar ahnlich niedrige Brenntemperaturen wie bei den grobkeramischen Topfen zum Einsatz. Das konnte indirekt die hohe Bruchanfalligkeit und den allgemein schlechten Erhaltungszustand der Knickwandschalen erklaren. Die ungegliederten, meist offenen Schalen zeichnen sich vornehmlich durch einen massigen Hartegrad mit eher niedrigen Magerungsanteilen aus (1-30%). Insgesamt lassen sich zwischen der Topfkeramik und den Knickwand- und Henkelschalen gewisse Regeln bezuglich Harte und Magerungsweise nachvollziehen.

Diese Beobachtungen konnten dahingehend zu interpretieren sein, dass die Topfe und Schalen gemeinsam gebrannt wurden (alle bei 500-900 [degrees]C). Die feinkeramischen Gefasse heben sich dennoch in ihrer Qualitat bezuglich Hartegrad, Magerung und Politurglanz von der Masse ab, moglicherweise ein Hinweis auf einen grosserem Aufwand in der Nachbearbeitung (Nachbehandeln, Nachbrennen) der Gefasse. Abweichende Qualitatsmerkmale durften selbst fur gemeinsam gebrannte Gefasse von gleicher Machart zu erwarten sein, da die Bedingungen fur Luft- und Hitzezufuhr in den Grubenbrennofen nicht uberall gleichmassig sind. Bei der Aufstellung oder Stapelung der Gefasse in Gruben (oder Meiler) ist davon auszugehen, dass die Hochformen (Topfe) unten lagerten und merklich geringerer Hitze ausgesetzt waren als die oben befindlichen Schalen (Hopp 1991, 53). Daraus mogen sich die Unregelmassigkeiten bezuglich der Brandqualitat und Farbgebung an einigen Gefassen aus Asva erklaren. Nichts spricht jedenfalls gegen das Brennen der Knickwand- und Henkelschalen in einfachen Feldgruben. In Experimenten konnte dies fur feinkeramische Knickwandtopfe und -schalen in fruheisenzeitlicher 'Lausitzer' Machart bereits nachvollzogen werden (Mogielnicka-Urban 1975). In einfach gebauten, in die Boden eingetieften Kuppelofen wusste man die Hitze- und Sauerstoffzufuhr vermutlich dergestalt zu regulieren, dass die guten Harteeigenschaften der Gefasse, und vor allem der erwunschte Dunkelglanz, auch unter moderaten Temperaturen (unter 700 [degrees]C) erzielt wurden.

8.3.4. Farbe

Die Farbbeobachtung bezieht sich ebenfalls auf die Keramik aus dem Grabungsteil Asva F. Wesentliche bzw. auffallige Unterschiede gegenuber der Farbgebung an Grob- und Feinkeramik aus den anderen Grabungsteilen sind nicht festzustellen.

Bei den Farben dominieren Brauntone, die in der Helligkeit und Intensitat wechseln. Veranderungen und Wechsel in der Farbgebung betreffend sind haufig sowohl an einzelnen Gefassen bzw. auch einzelnen Scherben zu beobachten. Das gilt in der Regel fur die dickwandigen Topfe und Schusseln vergleichsweise grober Machart. Bei diesen ist eine uneinheitliche und fleckige Farbung nahezu regelhaft. Bei einigen Gefassen der Knickwand- und Henkelkeramik kann zuweilen ein ortlicher Farbwechsel von hell zu dunkel auftreten, der nicht von sekundarer Einwirkung zeugt. Der einfache Grubenbrand mit ungleichmassiger Abdichtung, also wechselnder Luftzufuhr und Brenntemperatur, ware fur einige der Schalen anzunehmen.

Zur Bestimmung wurde die Farbpalette des Pantone[R] formular guide benutzt. Als Materialgrundlage dienten jene Randscherben, die in der Zahlung der Gefasseinheiten aufgenommen wurden. Beobachtet werden konnten Brauntone mit wechselnd rotlichem Einschlag (470C, 471C, 727C, 728C), Brauntone mit wechselndem Einschlag von creme oder beige (z. B. 1245C), dunkle Brauntone (1255C, 463C, 464C) und schliesslich dunkel- bis schwarzgraue Grautone (warm gray 3C, 404C, 5205C). Auf die Hoch- und Breitformen aus Asva F verteilen sich diese wie folgt:

                     Rotlich-    Hellbraun   Dunkel-   Dunkelgrau bis
                     hellbraun                braun     schwarzlich

% - B-Keramik            5          30         24            41
(Schalen)

% - A-Keramik            5          39         27            28
(Topfe, Schusseln)


Insgesamt bestatigt sich das Bild, das fur die Topf- und Knickwandkeramik bereits im Vergleich der Machart (Magerung, Harte etc.) gewonnen wurde--in der Farbverteilung gehen beide Gefassgruppen, in der Farbgebung nur unwesentlich auseinander, bei den Schalen dominieren zwar die dunklen Grau- und Schwarztone, was auf einen bevorzugten Gefassbrand unter reduzierter Atmosphare und nachbearbeitete Schlickuberzuge hindeutet.

Vom sekundaren Brand sind haufiger Gefasse aus der Hauserphase B und D (Asva I) beeintrachtigt worden. Das geht auch aus der Verteilung der zu Haus B und D gehorigen Gefassscherben mit deutlich sichtbarer Hitzeeinwirkung hervor, insofern Fehlbrande auszuschliessen sind. Das Ende der Siedlungsphase Asva I wird durch eine Brandschicht markiert, eine intensive Feuereinwirkung auf die Keramik der Siedlung hat es also gegeben (siehe Abb. 13). Ein Beispiel ist der plotzliche Farbwechsel an zusammengehorigen Scherben einer Henkelschale aus Haus D (Taf. 26: 4). Jener Sekundarbrand wird sich auch nicht unwesentlich in der ohnehin subjektiven Farbbestimmung niederschlagen. Prozentual liegt der Anteil dunkler Ware bei Gefassen grobkeramischen Charakters bei fast einem Drittel. Dies kann neben dem Sekundarbrand auch Anzeichen aufwendigere Oberflachenbehandlung sein, von der zumindest einige Hochformen nicht ausgenommen sind. Nichtsdestotrotz sind Mengenangaben zu Farbanteilen bei der Topfkeramik wenig aussagekraftig, weil sie wegen ihrer grosseren Oberflache mehr Wechsel in Farbgebungen unterliegen als Schalen. Bei schlechter Erhaltung und geringer Grosse der Gefassscherben bliebe dieser Umstand unbemerkt.

8.3.5. Ausformung der Gefasse

Im Folgenden soll auf die Art des Aufbaus der Gefasse und die Herstellungstechnik eingegangen werden. Der Fokus richtet sich besonders auf die Verarbeitungsschritte in der Anfertigung der Topfe, Schusseln und Schalen.

In Stil und Technik der Asva-Keramik zeigen sich an einigen Gefassformen, bestimmten Verzierungsmustern und Handhaben Parallelen und Ahnlichkeiten gegenuber der Bronzezeitkeramik des Nordischen Kreises und der sudlich angrenzenden Gebiete (des 'Lausitzer' Kulturkreises). Bislang ist es der Forschung noch nicht gelungen, fur den Ostseeraum regional besonders charakteristische Topfertechniken auszumachen. Es hat jedoch Versuche gegeben, raumlich entfernt liegende Keramikgruppen mit einander entsprechenden Stilmerkmalen in der Herstellungstechnik zu untersuchen. Jan Dabrowski etwa hat sich mit den wechselseitigen Einflussen in Stil und Technik der Nordischen und sog. Lausitzer Kulturkreise beschaftigt, und zwar auf der Grundlage vergleichender Beobachtungen an der Siedlungskeramik ostschwedischer und polnisch-ostpreussischer Fundplatze (Hallunda und Woryty; Dabrowski 1983; 1989). Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind in der Oberflachengestaltung (Rauhwand, Glattung etc.), auch in Form- und sonstigen Verzierungsmerkmalen erkannt worden. Insbesondere gewisse Techniken des Formens und Aufbauens der Gefasse verschiedener Bronzezeitfundplatze wurden mit regional oder kulturell bedingten Topfergewohnheiten in Verbindung gebracht.

Der Aufbau der Gefasskeramik von Asva (und Ridala etc.) folgte dem traditionellen Prinzip handgemachter Keramik, namlich dem der sog. Ringwulsttechnik. Dabei wurden die hohen, gegliederten Gefasse i. d. R. aus mehreren Tonwulsten, Ringen oder Bandern zusammen- bzw. aufgebaut. (104) Kleinere Topfchen und Schalchen grobkeramischer Machart konnten aus nur einem einzigen Stuck Topfermasse geformt werden. Diese Technik, die Gefasswande mittels mehrerer, horizontal ubereinander gelegter Ringwulste auszuarbeiten, kann an einigen Topfen aus Asva mitunter aus dem Bruchverlauf der Gefassscherben beobachtet werden. Haufig verlaufen die Bruchkanten der Scherben weitestgehend geradlinig und an besonders druckempfindlichen Naht- und Verbindungsstellen des Gefasskorpers. Meist sind es die grosseren, gegliederten Topfe, die im Ubergangsbereich vom Gefassbauch zu Schulter auseinandergebrochen sind. Der obere Bauchbereich, meist die Stelle mit dem grossten Gefassdurchmesser, war besonders bruchanfallig (siehe Simon 1983, 85 f.).

Fur Asva oder Ridala ist keines der Gefasse in einem derart gunstigen Zustand erhalten oder zerbrochen, dass sich eine Regelhaftigkeit in der Zahl oder Breite der Ringwulste konstatieren liesse. Die Vorgehensweise und der Aufbau lassen sich anhand der bestimmbaren Gefassreste jedoch einigermassen eindeutig nachvollziehen. Ein Gefass der handgemachten, grobkeramischen Machart kann, je nach Gliederung oder Profilierung des Topfes, aus mindestens drei Tonwulsten (ohne Bodenteil) zusammengesetzt sein, zuweilen auch aus deutlich mehr Ringen. Soweit aus den Beobachtungen zum Gefassaufbau der groben Asva-Keramik ersichtlich, wurden die Gefasse wohl aus drei bis vier Bandern aufgebaut. Bei den breiten Gefassformen, den Schusseln, scheint der Aufbau ahnlich abgelaufen zu sein (3-4 Bander)- und auch diese zeigen ein typisches Bruchverhalten. Bei den Knickwandschalen allerdings sind die Magerungs- und Brennweisen andere. Der unregelmassigen Art des Bruches einiger Gefasse nach zu schliessen, konnten auch Formschalen verwendet worden sein.

Die von den ortlichen Topfern angewandte Methodik und Arbeitsweise beim Aufbauen und Formen der Asva-Keramik lasst sich am besten uber die insgesamt gut erhaltenen Gefassboden und Unterteile beschreiben. Von Bedeutung sind hierbei die jeweiligen Verbindungsweisen zwischen Boden und Gefasswandung. Bekanntlich sind die Verbindungsmoglichkeiten verschieden, was die Boden und darauf aufbauende Wande betrifft. So konnte das Gefassunterteil samt Platte und Wandansatz aus einem Stuck geformt oder aber die kreisrunde Bodenplatte und Wandungsbander separat zusammengesetzt sein. Im letzteren Fall wurde der erste Aufbauring der Gefasswand direkt an oder auf den Boden geklebt. In der Urnenfelder-, Bronze- und Eisenzeitkeramik sind auch Variationen beider Techniken bekannt, namlich anhand einer zweifach beschichteten, aufgebauten Bodenplatte. Dabei wird die gefasstragende Nahtstelle zwischen Wand und Boden von der Zweitschicht uberlappt und auf diese Weise verstarkt (siehe z. B. Simon 1983, Abb. 12: 1, 6; 13: 1-6).

Je nach Grosse, Gestalt und Funktion konnten bei den zu formenden Gefassen ganz verschiedene Losungen in der Bodengestaltung zur Anwendung kommen. In seinen vergleichenden Untersuchungen zur schwedischen und polnischen Siedlungskeramik konnte J. Dabrowski regional unterschiedlich bevorzugte BodenWand-Gestaltungen nachweisen. In Woryty dominieren die zweischichtigen, wandverstarkten Boden unter den Topfen (70,5%), andere Bodentypen waren seltener zu beobachten. Bei den Topfen im ostschwedischen Hallunda mit 'Lausitzer' Stilelementen bzw. solchen des Urnenfelderkreises hingegen kam es zur Anwendung mehrerer technischer Losungen in der Gefassbodengestaltung. Man kannte und nutzte sowohl die doppelte Bodenbildung (38%) als auch das Prinzip des Ringaufbaus auf Boden mit Wandansatz (46%) (Dabrowski 1989, 71, Abb. 3).

Mit dem Bodenaufbau der Gefasse von Asva und Ridala verhalt es sich ganz ahnlich. An den grobkeramischen Topfen lassen sich gleich alle drei verschiedenen Verbindungsweisen nachweisen. Ob die Bodenplatten nun mit oder ohne Wandungen geformt wurden, ist in den meisten Fallen an den Bruchsaumen entlang der einstigen Verbindungsstellen zwischen den Bodenplatten und Aufbauringen ablesbar (Abb. 78; z. B. AI 4261: 672-674). So sind sehr viele separate, zuweilen komplett erhaltene Bodenplatten (ohne Wandansatz) im Fundmaterial der estnischen Siedlungen anzufinden. (105)

Wurden die Boden und Gefasswande separat verbunden, dann waren diese Stellen nicht besonders druckresistent. Anders sind die haufig zu beobachtenden, gleichmassig um den Bodenteller verlaufenden Bruchsaume nicht zu erklaren. Die aufzubauenden Wandringe oder Bander wurden dabei oben oder seitlich an die runden Platten angefugt.

Der Aufbau der Topfboden in zwei Schichten ist an einigen Gefassen von Asva und Ridala ebenfalls anzutreffen. Fur die derart verstarkten Boden sind die Gefasstypen (bzw. Randformen) nicht ermittelbar. Den Bodendurchmessern nach zu urteilen (min. 13 cm), handelt es sich dabei um hohe, relativ weitmundige Topfe. Bislang konnten zwei Bodenteile aus Asva F dingfest gemacht werden, bei denen ein flachig verlaufender Bruch die gesamte Bodenplatte mittig in zwei Schichten spaltete (AI 4366: 615, 867). Der Bruch konnte an beiden Gefassen bereits alt und ein Fehlbrand die Ursache gewesen sein.

Welche Aufbau- und Verbindungsart von den Topfer(innen) der Asva-Keramik bevorzugt angewendet wurde, soll der Blick auf das Fundmaterial von Asva F und die dort uberlieferten Gefassboden zeigen. Bei den insgesamt 180 registrierten Unterteilen wurden die Stellen der Bruchsaume festgehalten. Wider Erwarten sind ganze Bodenteile mit Ansatzen unterer Wandpartien, d. h. die eigentlich robusteren, in vergleichsweise kleiner Zahl vertreten (Abb. 79: 1-2). (106) Am haufigsten sind Bruche direkt am Ansatz zur Bodenplatte nachzuweisen, also an der Verbindungsnaht von Wandungsring und Bodenplatte. Das separate Formen der Bodenplatte und das Aufsetzen der Gefasswand scheint die bevorzugte Methode (bei ca. 80%) gewesen zu sein. Unterschiede sind lediglich in der Breite und Ausformung der runden Boden festzustellen, bedingt durch die spatere Ansatzstelle der Wandung. Diese befand sich am haufigsten abgeschragt und seitlich des Randabschlusses der Bodenplatte (Abb. 79: 4).

Wie bereits erwahnt, handelt es sich bei dieser technischen Losung, den ersten Wandring direkt auf der Bodenplatte aufzubauen, um ein in der Siedlungsund Grabkeramik der Bronze- und Eisenzeit sehr gangiges Anwendungsprinzip (Hopp 1991, 47, Anm. 5). Dieser fur Asva und Ridala so haufig nachweisbare Bodentyp erscheint jedoch umso denkwurdiger, weil er in der Praxis seines Gebrauchs als eine gegenuber anderen Bodenverbindungen vergleichsweise desolate und labile Bauweise erwiesen haben musste. (107) Dass sich ausgerechnet diese Machart, den Gefassaufbau mit der flachen Bodenplatte zu beginnen, derart dominant im keramischen Fundmaterial hervortut, kann besondere Grunde haben. An eine Art experimenteller Probierphase des Topfers ist angesichts der haufigen Anwendung dieses Prinzips nicht zu denken. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Arbeitsweise eine gewisse Erfahrung und spezielles Konnen im Umgang mit dem schwierig zu handhabenden Werkstoff, insbesondere in der kritischen Aufbauphase vor dem Brennen der Gefasse. Augenscheinlich verstand man sich auf diese Aufbauart der Gefasse und den damit verbundenen Vorteilen fur die Gestalt und Verwendung der Topfe am besten. Sicherlich wird bei diesem Topf- oder Bodentyp auch die jeweilige ihnen zugedachte Funktion eine Rolle gespielt haben. Vermutlich waren sie von vornherein als immobile, am gleichen Platz verwendete Haushaltsgefasse gedacht. Die robusten Gefasse mit einteiligem Bodenaufbau waren vielseitig belastbar und dauerhafter in Gebrauch, was deren mengenmassig kleineren Anteil im Fundmaterial erklaren wurde. Dass ausgerechnet die Boden ohne aufgehende Wandungsreste so haufig im Scherbenmaterial vertreten sind, hangt moglicherweise mit der hohen Bruchanfalligkeit und Verlustrate solcher Topfe zusammen.

Schliesslich sei noch auf die Verbindungsweise der Ringwulste eingegangen. Bei einigen Topfen und Schalen sind entlang der Bruchsaume halbrunde, rippenformige Abschlusse sichtbar. Es sind die Zapfen, sozusagen die Haltevorrichtungen, fur die anzusetzenden Aufbauringe (Abb. 80; z. B. auch AI 4366: 867, 1185). Fur die schwedischen, handgemachten Gefasse sind drei hauptsachliche Zapfungsarten im Wandaufbau bekannt, unterschieden nach sog. H-Technik, U-Technik und N-Technik (Lindahl et al. 2002, 21 ff., Abb. 8-10). Solche in der Asva-Keramik verwendete Rippen entsprechen dem Aufbau der U-Technik, abgeleitet vom umgekehrten Profil der Zapfung. (108)

Neben dem Verzapfen wurde noch mit dem Uberlappen der Bander gearbeitet. Die zu verbindenden Kanten wurden schrag uberdeckt und anschliessend verstrichen (siehe Neuhaus 1978, 97 f., Abb. 22-24). Einige Gefasse lassen im Profil mehrere Zentimeter breite Dellen erkennen, vermutlich jene Stellen, die vom Uberlappen und grob gehandhabten Verfestigen der Ringwulste herruhren. Die Verdickungen wurden in solchen Fallen nicht ausgeglichen oder geglattet (z. B. AI 4366: 1449). Im Bruch des Scherbens zeigt sich eine solche Verbindung der Wulste als eine schrag zur Wandung verlaufende Naht--darum auch N-Technik (Simon 1983, 82, Abb. 11-13; Lindahl et al. 2002, 22 f., Abb. 10). In Asva waren demnach verschiedene Aufbau- und Verbindungstechniken der Gefassteile in Anwendung.

8.3.6. Bildung von Warenklassen in der Asva-Keramik

Bislang wurde in der Bearbeitung der grossen keramischen Fundmengen der Untersuchungsansatz verfolgt, erste formale Gruppierungen der Gefassreste zu erstellen. Der Typengliederung schliesst sich eine Beobachtung des Verhaltens der Verzierungs- und Technikmerkmale an. Die Aufnahme und Kategorisierung des Keramikmaterials erfolgte nach dem Zahlprinzip sog. Rand-Gefass-Einheiten (siehe Kap. 8.1.2). Aus den formalen Kriterien erwachst die Unterscheidung nach Gefassgruppen in Topfe und Schusseln sowie in Schalen. Form und Machart der Gefasse sprechen fur einen unterschiedlichen Aufwand in der Herstellungstechnik, d. h. Grob- und Feinkeramik mussten auch technische Scheidungskriterien erkennen lassen. Jene formalen und herstellungstechnischen Eigenschaften wiederum mussten auf unterschiedliche Funktionalitat und Verwendungsbereiche zuruckzufuhren sein. Lougas (1970a) etwa hat die dickwandigen Topfe und Schusseln einer vielseitig verwendbaren Haushaltskeramik und die Knickwand- und Henkelschalen aus Asva einem Tischgeschirr zugeordnet--eine angesichts der ausseren und qualitativen Merkmale durchaus nachvollziehbare, aber dennoch hypothetische Gliederung und Funktionszuweisung der Gefassgruppen. Daruber hinaus ist das Verhaltnis zwischen den formalen und technischen Kriterien unbeschrieben geblieben. Es stellt sich die Frage, ob sich die keramischen Qualitatsmerkmale und Herstellungsspuren auch derart streng dieser polaren Kategorisierung unterordnen lassen. Anzunehmen ist also, dass sich die Funktionspalette der Keramik nicht nur auf Bereiche des 'Haushalts' (Kochen, Vorratshaltung etc.) und der Darreichung allein verteilt bzw. beschrankt. Gleichfalls wird es nicht ausschliesslich grobe und feine Keramikklassen gegeben haben.

Es wurde somit--parallel zum eingangs geschilderten Aufnahmesystem--ein weiterer quantitativ-statistischer Vergleich des Keramikmaterials unternommen, um einen Eindruck von der Beschaffenheit der sog. Warenart oder der Klasse der Keramikgruppen von Asva zu gewinnen. Dazu wurden sowohl die formalen als auch die technischen Merkmale gemeinsam mit einbezogen. Die herstellungsbedingten Gefasseigenschaften wurden daher unabhangig von den formalen wie funktionalen Gruppenzugehorigkeiten registriert. Der Bearbeitungsansatz ist der dem bisherigen (nach Rand-Gefass-Einheiten) ahnlich, nur wurden diesmal samtliche verfugbaren Randstucke auf ihre Merkmalskriterien hin befragt. Dabei sind die Kriterien der Herstellungstechnik und der Scherbeneigenschaften (Magerung, Keramikbrand, Oberflachenbehandlung) vordergrundig, allerdings ohne den Bezug zur Randform oder etwaigen Merkmalskombinationen bzw.-abhangigkeiten ausser Acht zu lassen. Angesichts des immensen Umfangs der Keramikfunde aus Asva allein (uber 26.000 Scherben) wurde die Materialsichtung auf eine reprasentative Auswahl beschrankt. Die Gefasskeramik der Grabungen von 1965 und 1966 in Asva F, zusammen ca. 14.000 Gefassscherben von einem Areal von 206 [m.sup.2] Grosse, bildete die Basis.

Insgesamt wurden bis zu 671 Randstucke aufgenommen, alle nach Scherbendicke, Hartegrad, Magerung (Korngrossen und-dichte) und arbeitstechnischem Aufwand der Oberflachenbehandlung beurteilt und anschliessend nach selbst erstellten Qualitatsmassstaben gewichtet (siehe unten). Im Ergebnis lassen sich drei sog. Warengruppen oder Klassen (hier: Warenklasse) unterscheiden. Es zeigt sich, fast erwartungsgemass, dass die Ansprache als Grob- und Feinkeramik eine allzu vereinfachte Kategorisierung darstellt. Hinsichtlich der technischen Machart indes lassen sich drei Qualitatsgruppen, sozusagen fein-, mittel- und grobkeramische, scheiden, auf die sich die Topfe, Schusseln und Schalen verteilen. Letztere Gefasstypen mit Knickwandprofil und aufwendiger Glattung zeigen sowohl feinals auch mittelkeramische Qualitatsmerkmale. Insgesamt betrachtet geben sich eindeutige Tendenzen in der Beziehung zwischen den Warenklassen und der Form- und Verzierungsmerkmale zu erkennen (siehe Abb. 81).

Warenklasse 1 (n = 106; Asva F)--dunnwandig (Scherbendicke am Mundungsrand 4-6 mm); poliert, dunkler Mattglanz, hoher Hartegrad, mittlere bis feinere Magerung, geringe Dichte.

Warenklasse 2 (n = 99; Asva F)--mittlere Wandstarke (min. 6 mm), glatt, mit Glattungsspuren, meist heller, rotlichbrauner Farbe, oxidierend, mittlerer bis hoher Hartegrad, mittlere bis grobe Magerung, zunehmende Dichte.

Warenklasse 3 (n = 466; Asva F)--dickwandig (min. 8 mm), von 'grober' Machart, ohne aufwendige Oberflachenbehandlung, mit diversen Behandlungstechniken (auch Strich und Textilabdruck), wechselnde Farbintensitat, mittlerer Hartegrad, zunehmende bis hohe Dichte.

8.4. Techniken der Oberflachenbehandlung

Zu den kulturgruppenspezifischen Unterscheidungsmerkmalen von besonderer Bedeutung gehort die Oberflachenbehandlung an bronzezeitlicher Keramik, zunachst ungeachtet der Frage, ob es sich um herstellungsbedingt technologische oder vornehmlich dekorative Verfahren der Gefassbehandlung handelt. Die Keramik der bronzezeitlichen Kulturgruppen im Ostseeraum, insbesondere die sudskandinavische und ostbaltische, ist bekanntlich sehr different in Bezug auf Stil und Technik. Diese beiden Aspekte haben ihren deutlichen Ausdruck in der Oberflachenbehandlung der bronzezeitlichen Gefasse gefunden und in der bisherigen Erforschung von Keramikgruppen und -gattungen eine zentrale Rolle eingenommen. Betrachtet wurden die Macharten und Unterschiede in der Oberflachenbehandlung als ubergeordnet signifikante Kriterien fur Keramikgruppen, d. h. aus der Verbreitung von Merkmalen wie Besenstrich und Textilabdrucken wurde etwa auf Stilprovinzen geschlossen. In der alteren Forschung hat man aus der raumlich-geographischen Streuung solcher Oberflachenmerkmale Kontakte und Migrationen von Kulturgruppen herauslesen wollen. Auch einst in diesem Zusammenhang gebrauchliche Termini wie 'Asva-Kultur' oder Asva-Keramik bauten vornehmlich auf diesen Oberflachenmerkmalen auf (z. B. Ambrosiani 1959, 121 ff., 127 f.; Indreko 1961, 419 f.). Kriterien bezuglich der Gefassformen und Herstellungstechniken gab es noch keine, weil es die langste Zeit uberhaupt an Untersuchungen auf dem Gebiet keramischer Materialforschung fehlte.

Hille Jaanusson (1981; 1985; 1988) hat sich in ihren Untersuchungen darum bemuht, die geeigneten Termini und Kriterien in der Beschreibung der angewandten Techniken an Bronzezeitkeramik im Ostseeraum zu finden--auch, um daraus eine adaquate Basis fur weitere chronologische und kulturvergleichende Anhaltspunkte zu schaffen. Im Ergebnis stand die Definition sog. Keramikprovinzen, mit einer in Nord-Sud-Richtung durch die Aland-Inseln und Gotland verlaufenden Trennlinie bzw. Kulturgrenze. Die Merkmale der Asva-Keramik entsprechen einer ostlichen Stilregion der Eastern pottery oder sog. Tapiola-Keramik, gegenuber der Nordischen Keramikprovinz mit seinen Stileinflussen aus dem Urnenfelderkreis. Die ostliche Keramikprovinz--Estland, Sudwestfinnland und Nordlettland einbezogen--wird seither durch die Merkmalsgruppe Grubchendekor, Besenstrich und Textilabdruck definiert (Jaanusson 1981, 122 f.; 1988, 173 f.; auch Vasks 1991, 123 f., Tab. 9).

In den nachfolgenden Betrachtungen zur Gefasskeramik der Asva-Gruppe interessiert insbesondere das Verhaltnis der jeweiligen Oberflachenbehandlung im Wechselspiel von Stil (intentional?) und Technik (Abb. 82). Abgesehen vom Bedarf nach einer differenzierten Darstellung der verschiedenen Oberflachentechniken stellt sich auch die Frage nach der Entstehungsweise der jeweiligen Behandlungsweisen der Keramik und nach ihrem nicht immer eindeutigen Dekorcharakter.

8.4.1. Politur

Im Folgenden wird in Politur und Glattung im Sinne zweier Qualitatsstufen unterschieden, unabhangig von der fur den jeweiligen Glanz- und Glatteeffekt verantwortlichen Technik. Die Oberflache der betreffenden Gefasse wurde nach dem Lufttrocknen der Keramik (und nach dem Brennen) nachhaltig abgerieben und geschliffen. Bei einigen Schalen aus Asva scheint zusatzlich ein feiner Tonschlick aufgetragen worden zu sein. Diese haben eine mattglanzende Aussenflache, bei der, anders als bei der i. d. R. weniger geglatteten Innenflache, keine Magerungspartikel zu erkennen sind. Auch H. Jaanusson ist bei ihrer Autopsie der Asva-Keramik die schwarzliche, stark glanzende Oberflache einige Schalen aufgefallen (Abb. 83). (109) Von der Bronzezeitkeramik des schwedischen Fundplatzes Hallunda kannte sie bis zu drei Arten von Glattung (Jaanusson 1981, 38 ff., Tab. 6-10, Abb. 41): Nebst einer grob geglatteten und kaum nachbehandelten (grainy) sind einige Scherben mit einem feinen Uberzug von Tonschlicker versehen, der farblich und in der Konsistenz nicht immer einwandfrei zu differenzieren ist, ansonsten als slipped, smooth (,engobiert', glatt) bezeichnet wird. Dazu sei noch polierte Keramik (burnished) auszusondern, welche sich durch Mattglanz einer schwarzlich schimmernden Farbe, d. h. durch Rauchbrand, auszeichnet. Alles in allem zeigen sich darin exklusive Merkmale der skandinavischen Bronzezeitkeramik, die auf das Zutun besonders sachkundiger und erfahrener Topfer schliessen lassen (ebd., 41). Der technologische Impuls wird im mitteleuropaischen Raum gesucht, denn Knickwand und der Schwarzglanz durch reduzierenden Brand galten lange Zeit als Erfindungen des sog. Lausitzer Topferkreises (siehe Hulthen 1977, 211 f.).

Auch J. Dabrowski hat sich zur Hallunda-Keramik und ihren Ahnlichkeiten mit der sog. Lausitzer Keramik wiederholt geaussert. Demnach waren die Termini Politur und 'Slip' nicht ohne weiteres zu trennen bzw. klar in ihrer Begrifflichkeit. Auch sei fraglich, ob die Technik der Engobe bzw. Slips an den Gefassen von Hallunda zur Anwendung kam. Ein mehrfacher, intensiver Oberflachenschliff, angewandt nach einer bestimmten Trocknungsphase, konne den behandelten Gefassen einen der Engobe ganz ahnlichen Glanz- und Uberzugseffekt verleihen (Dabrowski 1983, 150). Sowohl die Farbe als auch die Beschaffenheit des Tons (Dichte) werden mittels Politur sehr stark verandert. Schliesslich sei der Brand unter Sauerstoffarmut fur den dunklen Mattglanz entscheidend. Von einer eigentlichen Engobe-Technik konne im weiten Gebiet des Lausitzer Keramikkreises, so Dabrowski (ebd.), erst ab der alteren Latenezeit gesprochen werden. (110)

Mit diesen Ausfuhrungen soll nur auf die Schwierigkeiten der Bestimmung der Glattungstechniken an der Asva-Keramik aufmerksam gemacht werden. Welche technologischen Prozesse bei der Glattung der Feinkeramik tatsachlich zur Anwendung kamen, mussten Spezialuntersuchungen klaren. Bei der Asva-Keramik gibt es zumindest bestimmte Glattungs- und Glanzeffekte, die auf Unterschiede zwischen Politur und einfacher Glattung hindeuten. Die Politur geht in der Regel mit besseren Magerungs- und Tonqualitaten der Schalen (Tonschlammung und Sandmischung) einher. Bei den Topfen sind es kleinere Gefasse mit ausgepragter Profilierung, die mit einer solch nachhaltigen Glattung und entsprechendem Mattglanz versehen wurden. Diese stellen aber Ausnahmen dar, weil die Politur i. d. R. nur bei Schalen Anwendung fand. Die Politur ist demnach mit der Absicht des Dekorierens angewendet worden, da diese nicht nur an bestimmten Gefassformen, sondern in Verbindung mit ausgesuchten Verzierungstechniken wie der Ringabrollung auftritt.

In Asva steht die Haufigkeit der Anwendung dieser Glanzpolitur deutlich hinter der ublichen Gefassglattung zuruck. Fur Ridala verhalt es sich anders, doch scheint die kleine Zahl an Schalenfunden dieses Bild zu verfalschen (Abb. 82). Politur ist auch in Iru aufgetreten, dort jedoch nicht in der von Asva und Ridala gewohnten Haufigkeit (AI 4051: 168, 418, 669, 1229). Im Ostbaltikum fehlt es soweit an vergleichbaren Beispielen. Einige polierte Schalen gibt es noch aus dem finnischen Lieto Vanhanlinna (Luoto 1984, Taf. VGA).

Die Politur findet sich bei 19% (n = 135) aller ermittelten Gefasseinheiten aus Asva und Ridala wieder (n = 720). Der Anteil der Siedlungskeramik dieser Qualitatsstufe ist vergleichsweise beachtlich, wenn man bedenkt, dass Jaanusson den mengenmassigen Anteil der burnished sherds an der Asva-Keramik auf einen einzigen Prozentpunkt schatzte (1981, 58 f., Tab. 9). Ihr 'Schatzwert' liegt jedoch der Zahlung aller Gefassscherben zugrunde (d. h. Wand- und Bodenscherben inklusive). Dabei ist davon auszugehen, dass sich der Mengenanteil der Topfe und sonstigen Vorratsgefasse wegen der uberdimensionierten Grosseneigenschaften (Gefassoberflachen) anders in der Gefassscherbenzahl niederschlagt, als es bei den kleineren Schalen der Fall sein musste. Das ist strenggenommen nur hypothetisch, da in dieser Untersuchung die Aufnahme der technischen Merkmale (Oberflache) in der Zahlung wiederum verzerrt wiedergegeben wird. Zugleich ist anzunehmen, dass die Schalen zerbrechlicher sind als die grossen Gefasse (und haufiger brechen?) und somit hohere Mengen im Scherbenspektrum verursachen. Letztlich wurde nur eine zeitaufwendige Zahlung der absoluten Scherbenzahl etwas mehr Klarheit in die Frage nach dem Mengenanteil des technischen Oberflachenmerkmals bringen. Der Anteil der polierten Schalen am gesamten keramischen Fundgut musste aber zwischen der 1%-Marke Jaanussons und der ermittelten 19% (nach Randeinheiten) liegen.

8.4.2. Glattung

Die Glattung der Oberflache ist i. d. R. bereits herstellungsbedingt entstanden (u. a. bei der Lufttrocknung). Es gibt unter der Asva-Keramik aber auch wenige Gefasse mit ganzlich unbehandelter Oberflache, also durchaus Glattungstechniken zur Anwendung kamen. Die Qualitat der Oberflachenglattung war zudem von der Beschaffenheit des fur das Gefass verwendeten Tons, seiner Magerungsart und insbesondere von der Art des Gefassbrands abhangig.

Spuren der Glattung sind meist durch feinste Rillengruppen in gemeinsamer Streifrichtung erkennbar, ohne dass die benutzten Glattwerkzeuge eindeutig identifizierbar waren. Vom groben Besenstrich sind diese Glattspuren jedoch gut unterscheidbar (Abb. 84). Auch bei einigen mattglanzenden Gefassen lassen sich bei naherer Betrachtung feine Streichstrukturen an der Oberflache erkennen. Bei den aufwendiger geglatteten oder polierten Schalen ist dies nicht ohne weiteres moglich.

Fur einen Grossteil der Schalen lasst sich eine gute und relativ gleichmassige Glattung bezeugen, dann jedoch ohne den der Politur vergleichbaren Aufwand. In diesen Fallen fehlt es i. d. R. auch an zusatzlichen Verzierungselementen.

Glatte Gefasswande sind am haufigsten an der Asva-Keramik anzutreffen. Die Politur mit eingerechnet sind es ca. drei Viertel aller Gefasse mit dieser Behandlung der Oberflache. Dabei gibt es Qualitatsabstufungen zwischen der Grob- und Feinkeramik, denn die Glattung ist bei den feinkeramischen Schalen mit ganz anderem Aufwand betrieben worden als bei den Topfen und Schusseln. Bei Letzteren wurde diese Behandlung merklich sorgloser und weniger im dekorativen Sinne gehandhabt als bei den Schalen. Es hat zunachst den Anschein, dass bei der Grobkeramik vornehmlich gegliederte und geschlossene Hochformen (Typen A I, III und V) geglattet wurden (Tab. 12). Allerdings fliessen in der Zahlung der Gefasseinheiten nur die Oberteile ein und Gefasse mit Besenstrich, Textilabdrucken oder Rauhung sind vermutlich zu einem gewissen Grad unterreprasentiert.

8.4.3. Besenstrich

Ein grosser Teil der Topfkeramik von Asva und Ridala ist an der Oberflache mit einem Relief von Linien und/oder feinen Furchen versehen. In der Regel sind die Strichgruppen unregelmassig und richtungswechselnd, also kreuz und quer auf die Oberflache der Gefasse verteilt. Bei einigen Topfen zeugen die Verstrich- und Glattspuren von sehr grober Ausfuhrung. Sie kamen zustande, als der noch ungebrannte und feuchte Ton der Keramik entweder mit Matten o. a. aus Pflanzenfasern oder mit Bundeln von Gras oder Stroh abgerieben wurde. H. Jaanusson schlug fur diese Art der Oberflachenbehandlung den technischen Terminus grass-impressed vor (1981, 43 f., 122, Abb. 20 f.) (111). Keramik mit Besenstrich vermag im Ostbaltikum und Ostfinnland eine langere, mindestens bis ins spate Neolithikum zuruckreichende Lokaltradition aufweisen (Meinander 1954b, 171; Yanits 1959, 170 f.). In Litauen werden die fruhen Merkmale des Besenstrichs noch mit bearbeitungstechnischen Umstanden erklart, einen kulturgruppenspezifischen Verzierungscharakter habe der Oberflachenstrich dort erst in der entwickelten Bronzezeit angenommen (sog. Strichkeramikkultur; Rimantiene 2000, 205).

In der Regel wechselt die Intensitat des Strichs an einem einzigen Gefass (Abb. 85). An manchen Stellen ist der Strich leicht und fluchtig ausgefuhrt, an anderen grober und kraftiger. Das Verstreichen der Oberflache konnte auch Spuren in Form von Furchen, tiefen Kratzern oder Rillen hinterlassen. Seltener, so bei einigen Breitformen (Taf. 40: 3, 42: 3, 61: 7), ist der Strich in gleichmassigen, vertikalen oder horizontal ausgefuhrten Handbewegungen aufgetragen. In einigen Fallen hatte der Besenstrich auch Dekorcharakter, namlich wenn nur die untere Gefasspartie verstrichen, aber die Randzone glatt belassen wurde.

Es erscheint wenig sinnvoll, die verschiedenen Strich- oder Abriebspuren in technische Kategorien zu unterteilen. Art und Intensitat des Strichs konnen an ein und demselben Gefass fliessend wechseln und teils auch von der jeweiligen Tonoder Gefassqualitat abhangig sein. Zwar lassen sich Strichbehandlung von einfachen Glattungsspuren deutlich scheiden. Dennoch bleibt es schwierig zu beurteilen, inwieweit im Besenstrich ein asthetisches Stilmittel gesehen werden darf. Die hastig und chaotisch wechselnden Streichbewegungen sprechen gegen eine primare Absicht der Verschonerung der Topfe. Ausserdem kommen Streichspuren an den Innenwanden vieler Gefasse von Asva vor. Diese Behandlung der Gefassinnenwande ist auch unter der ostbaltischen Besenstrichkeramik verbreitet (Vasks 1991, 191, Tab. 8). Gleichfalls lasst sich an der Keramik von Hallunda und Darsgarde und an einigen Rauhtopfen im alandischen Otterbote flachiger Innenstrich nachweisen (Jaanusson 1981, 42 f.; Gustavsson 1997, 57, Tab. 3).

Besenstrich tragen ca. 30% aller ermittelten Gefasseinheiten von Asva und Ridala. Eine Anwendung des Oberflachenstrichs auf spezielle oder besonders bevorzugte Gefasstypen ist nicht festzustellen (Tab. 12 f.). Vergleichsweise haufig wurden gegliederte Topfe (Typen A I und III) mit dieser Oberflachenbehandlung versehen. Offene, ungegliederte Topfe und Schusseln scheinen seltener betroffen zu sein. Diese unscheinbare Beobachtung ist womoglich Hinweis darauf, dass der Besenstrich vom Aufbau der Gefasse in der sog. Wulsttechnik herruhrt. Beim Aufbau der Gefasse mussten die Nahtstellen der einzelnen Tonbander oder Wulste durch Verkneten und Verstreichen gekittet werden. Beim abschliessenden Verwischen dieser Verbindungsfugen kamen jene Gras- oder Pflanzenfaserbundel oder auch Textilien zum Einsatz. Anders als bei den Topfen mit glatter, d. h. ebener Oberflache wurden die Gefasse ohne aufwendige Glattungsbehandlung belassen, also lediglich grob verstrichen. Ein gewisser asthetischer Sinn scheint dieser Behandlung dennoch zuzukommen, denn merkwurdigerweise ist keines der besenstrichverzierten Gefasse mit Kerbenreihen oder Fingertupfen versehen. Stets treten Grubchenmuster auf. Vermutlich kam den Topfen mit Besenstrich ein spezieller Erkennungs- und Gebrauchswert zu.

8.4.4. Rauhwand

Wenige vereinzelte Wandscherben aus Asva und Ridala sind mit einem groben Schlickeruberzug versehen. Bei dieser Art von Rauhwandkeramik handelt es sich um unregelmassig uber die Gefasswandoberflache verteilte Schichten, die erst nach dem Gefassbrand aufgetragen und getrocknet wurden. Der kiesvermischte Bewurf ist poros und grobkornig und lasst sich mit dem Fingernagel leicht ritzen und brechen. Verschiedene Rauhungsarten geben sich weniger in der Schlammung oder Magerungsdichte als vielmehr in der Starke der aufgetragenen Schichten zu erkennen (Abb. 86). Besonders grober und dickschichtiger Bewurf scheint bei grosseren, ungegliederten Topfen aus Asva und Ridala bevorzugt verwendet worden zu sein. Bei kleineren Gefassen ist der Schichtenauftrag dunner.

Bei manchen Gefassen mit Rauhschlicker wurde die Halszone glatt belassen (Abb. 86: 3-4). Ein wandgerauhtes Randstuck aus dem Grabungsteil Asva A/C ist mit einer Fingertupfenleiste versehen (AI 3799: 215). Aus Ridala sind nur ca. 12 Gefassscherben mit dieser Oberflachenbehandlung bekannt (z. B. Abb. 86: 1), allesamt von Wandpartien (Rander fehlen). In Asva stammen die meisten Gefassfragmente mit Rauhung aus dem Grabungsteil F (Taf. 28: 5-6; 29: 5), dort unmittelbar aus dem Bereich des Hauses D (alterer Hauserhorizont Asva I; Lougas 1970a, 166; Sperling 2006, Abb. 21).

Im Ostbaltikum ist diese Art von Oberflachenbehandlung ausgesprochen selten unter der bronzezeitlichen Siedlungskeramik anzufinden. In Lettland und Litauen tritt die Rauhwand vermehrt in jungeren Perioden, an der Siedlungsund Graberkeramik der entwickelten Eisenzeit, auf (Vasks 1991, 30 f., 56, 81; Grigalaviciene 1995, 275 f.). Gerauhte Keramik ist auch in Bronzezeitplatzen des finnischen Festlands nur sporadisch aufgetreten, pragt aber den sog. OtterboteStil der Bronzezeitkeramik auf den alandischen Inseln. Dort tragen die typisch tonnenformigen Vorratsgefasse einen groben Bewurf aus fingerfurchenverstrichenem Schlicker. Die vertikalen oder schragen Furchenreihen verleihen diesen Gefassen ihren unverkennbaren Dekor (Meinander 1954b, 133 f., 139, 144 f.; Gustavsson 1997, 62, Abb. 58-61). Fur die Asva-Keramik ist diese Art von Rauhwandkeramik mit Fingerfurchendekor ausgesprochen untypisch.

Rauhwandtopfe kommen in nahezu allen Bronzezeitgruppen der nordeuropaischen Tiefebene vor. Auf diesem ausgedehnten Gebiet haben sie sich bereits im Milieu der Aunjetitzer, Trzciniec und Hugelgraber- bzw. Vor-Lausitzer Kulturen etabliert. Im sudlichen Skandinavien sind sie spatestens in der Periode III (nach Montelius) in der Siedlungskeramik aufgetaucht (Jaanusson 1985; Thrane 2008, 250). (112) Art und Technik der Rauhung, d. h. Sandmischung, Dicke des Auftrags, Verstrichtechnik und Oberflachenverteilung an den Rauhtopfen konnen von Region zu Region variieren (Jaanusson 1981, 38 ff., Abb. 17 f.; Dabrowski 1989, 71; Schmidt 1993, 136 f.).

Lange Zeit hat man in den Topfen der alandischen Robbenfangerplatze sog. Trangefasse vermutet, die dem Transport dieses wichtigen Energierohstoffs dienten (Meinander 1954b, 142, 144; Matiskainen 1998, 297, Abb. 3). Kenneth Gustavsson, der Bearbeiter der Otterbote-Funde, hegte begrundete Zweifel an dieser Funktionsansprache. Seiner Meinung nach seien die Gefasse zu klein, deren Herstellung zu umstandlich und die Gefasswande durchlassig fur die Lagerung des Robbentrans (1997, 92 ff.). Davon abgesehen ist die Grobkeramik zu zerbrechlich und bruchanfallig fur weite Transporte. Fur die grossen, bei saisonalen Jagdkampagnen anfallenden Mengen Robbentrans (engl. blubber, train) waren organische Behaltnisse, bspw. aus dem flexiblen Leder der Robben, besser geeignet.

Da besonders grossere und schwerere Gefasse mit grober Rauhung versehen sind, bleibt nur anzunehmen, dass diese Oberflachenbehandlung den fehlenden Griff ersetzt und eine bessere Handhabe ermoglicht haben mag (so bei Schmidt 1993, 136). Dies wurde teils erklaren, warum mit der Grosse der Gefasse auch die Starke des 'Lehmbewurfs' zunimmt, so wie es fur die Topfe aus Asva den Anschein hat. Auch wird mit der Rauhwand die Gefassoberflache faktisch vergrossert und der physikalische Effekt genutzt, die Gefassinnentemperatur dauerhafter kuhl zu halten (Gustavsson 1997, 87). Angesichts der Seltenheit von Gefassen dieser Machart in der Asva-Keramik muss dieser Oberflachenbehandlung eine spezielle Funktion zugekommen sein (siehe Kap. 8.8).
COPYRIGHT 2014 Estonian Academy Publishers
No portion of this article can be reproduced without the express written permission from the copyright holder.
Copyright 2014 Gale, Cengage Learning. All rights reserved.

Article Details
Printer friendly Cite/link Email Feedback
Title Annotation:p. 172-215
Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:11494
Previous Article:2. Das arbeitsgebiet.
Next Article:8. Die Siedlungskeramik der Asva-Gruppe.

Terms of use | Privacy policy | Copyright © 2020 Farlex, Inc. | Feedback | For webmasters