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8. Die Siedlungskeramik der Asva-Gruppe.

8.9. Ein mutmasslicher Ofenbefund in Asva E

Ausgerechnet bronzezeitliche Topferofen sind im Grabungsbefund so gut wie nie anzutreffen. Im west- und norddeutschen Raum etwa sind Keramikmeiler und Ofen verschiedenster Bau- und Brenntechnik aus neolithischen und eisenzeitlichen Perioden reichlich belegt (siehe Hopp 1991, 51). In Schleswig-Holstein und angrenzenden Gebieten fehlt es in den gut erforschten Bronzezeitsiedlungen an solchen Topferwerkplatzen. Fur die meisten Siedlungsplatze ist anzunehmen, dass diese bei Ausgrabungen nicht erfasst wurden, weil die Bronzezeitmenschen ihre Keramik eventuell in Randlagen der Siedlungen brannten (Hingst 1974, 103). Anders verhalt es sich indes mit Funden von Ofen und Gruben fur Keramik in polnischen Siedlungsplatzen, zumindest fur die Spatphase der Lausitzer Kultur. Dort sind zahlreiche Topfereien und Ofen, meist integriert im Siedlungs- und Wirtschaftsgefuge, nachgewiesen (siehe Cnotliwy 1960; Paruzel 2003).

Fur Asva und Ridala wurde das Thema lokaler Topferwerkplatze bislang noch nicht angesprochen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass, bedingt durch die Grabungsmethoden, einfache Keramikbrennofen oder-gruben im Zuge der Ausgrabungen nicht eindeutig als solche erkannt bzw. dokumentiert wurden. Ausgehend von einigen mutmasslichen Fehlbranden von Topfkeramik (Asva F) und Verarbeitungsruckstanden (geformte Lehmmassen), mutet eine ortliche Herstellung und Verarbeitung von Topfertonen als sehr wahrscheinlich an. Richard Indreko zeigte sich bereits zu Beginn der Grabungen in Asva davon uberzeugt, dass die handgemachte Keramik der Bronzezeitschicht auch vor Ort hergestellt wurde. Seiner Meinung nach hatten sich aus den naturlichen Gegebenheiten der Umgebung von Asva heraus genugend Moglichkeiten fur eine Eigenverarbeitung des Topferlehms angeboten. Indreko sind die durch starke Hitzeeinwirkung poros gewordenen Granitsteine aufgefallen, die als Magerungsmittel und potentielle Werkstoffe in der Keramikherstellung in Asva in Frage kamen (Indreko 1939b, 30 f., Abb. 12: 6). Der Oberflachenbeschaffenheit, Zusammensetzung und Harte der Keramik (Farbe, Magerung, Brand etc.) nach zu urteilen, alles in allem Anzeichen auf unregelmassige, schwankende Temperaturen und Luftzufuhr, sei das Brennverfahren im einfachen Grubenbrand ausgeubt worden. Die praktische Durchfuhrbarkeit unter diesen Bedingungen, so Indreko, sei anhand ethnographischer Vergleichsbeispiele immerhin belegbar (z. B. bei Tadschiken; ebd., 36).

Angesichts des reichhaltigen und vielfaltigen Keramikmaterials der Siedlungen von Asva und Ridala erscheint es merkwurdig, wieso es an Angaben zu Ofenbefunden o. a. fehlt. Immerhin konnte im Zuge der Grabungen in Asva und Ridala Metallgusstatigkeit mit mehreren Grubenbefunden in Verbindung gebracht werden. Brenngruben oder Ofen zu Topferzwecken jedoch blieben unerwahnt.

Eine interessante Ausnahme stellt der von Artur Vassar erwahnte 'Keramikbrennofen' im Grabungsteil E von Asva dar. Zunachst ist wahrend der im Jahre 1948 durchgefuhrten Grabungsarbeiten eine kreisrunde Anlage aus Steinplatten im Westteil der Flache aufgefallen. Zur Deutung im Sinne eines Ofens oder einer Herdstelle ist Vassar erst Jahre spater gekommen, in seiner abschliessenden Zusammenfassung der Grabungsergebnisse in Asva (Vassar 1955). Es handelt sich um eine mit Lehm ausgefullte Anlage mit sorgfaltig in einem Kreisrund gereihten Schieferplatten, welche offensichtlich mehrfach ausgebessert und erganzt wurde. Im naheren Umkreis der Platten und der Lehmdecke fanden sich reichlich Aschereste, Holzkohle und Keramikscherben--daher vermutlich Vassars Folgerung, dass man an dieser Stelle Gefasse brannte (1955, 117). Angesichts der auffalligen Anordnung der Steine und des erwahnten Lehms dachte man vermutlich an eine steingepflasterte Ofenanlage mit Lehmkuppelabdeckung. Nahere diesbezugliche Angaben oder Belege aus der archaologischen Literatur werden keine gemacht. Der fragliche Befund kann lediglich uber eine der 1955er Publikation nachgelieferte Zeichnung beurteilt werden. Auch fehlt es an naherer Objektbeschreibung oder an einer Dokumentation der Funde. Entsprechend der derzeitigen Arbeits- und Grabungsmethoden vor Ort wurden keine Profilschnitte durch den Befund oder dergleichen angelegt. Nahere Informationen zur Konstruktion, insbesondere zu seiner inneren Struktur, und den darin verbauten bzw. vorgefundenen Materialien und Funden, sind leider ausgeblieben. Im Grabungsbericht von 1948 wird diese interessante Fundstelle zwar etwas naher beschrieben, doch bleiben gewisse Unklarheiten und Widerspruchlichkeiten zu diesem Befund.

Im Grabungsbericht Vassars (1948, 15 f.) liegt eine Planumzeichnung der besagten Steinkonstruktion bei (Abb. 112: a). Laut Grabungsbericht handelt es sich um eine rundliche Konstruktion aus Steinplatten, in einer Ausdehnung von 1,7 m (Nord-Sud) und ca. 2 m (West-Ost). Diese sei im Bereich der Quadranten 17-19/j-i von einer Lehmschicht bedeckt gewesen. Der Lehm trat im Kernbereich der Steinpflasterung bereits in geringerer Tiefe zutage (15-25 cm von der Feldkante), die Steine erst ab einer Tiefe von 30-45 cm. Die Grosse der Platten und die Sorgfalt ihrer Schichtung nahm zur Mitte (18-19/i) hin zu. Im Sudbereich des Komplexes (19/i-j) war die Erde intensiv schwarz gefarbt und holzkohlehaltig, in ihrer Konsistenz grobkorniger und mit fauligen' Partikeln durchsetzt (ebd., 16). Sobald die obere Steinlage abgetragen wurde, kam eine weitere zum Vorschein, ahnlich konzentrisch im Aufbau, in der Mitte mit grosseren Steinplatten ausgelegt (18-19/i-j). Weiter wird erwahnt, dass die Anlage zum Ostteil hin (18-19/h) an Tiefe zunimmt, sich vermutlich zu neigen scheint. Ansonsten gibt es nur die Abschlussbemerkung hinsichtlich der dort gemachten Funde: Bis auf einige vereinzelte Scherben sei in dieser Stein-Lehm-Anlage nichts, auch kein Knochenmaterial, gefunden worden (ebd., 16). Somit war der Komplex zum Zeitpunkt seiner Freilegung fundarm oder gar fundleer--jedenfalls nicht, wie spater bei Vassar zu lesen (1955, 117), mit reichlich Keramik angefullt gewesen. (132)

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Was es nun mit der Funktion der Steinsetzung auf sich hat, geht aus den wenigen und z. T. fragwurdigen Angaben zu diesem Befund nicht eindeutig hervor. Auch existiert hierzu nur eine Zeichnung vom Planum aus dem Originalbericht von 1948. Die andere zeichnerische Darstellung ist moglicherweise in Teilen erganzt (Abb. 112: b). Es handelt sich offensichtlich um zwei Plana dieses Befundes, also um zwei aufeinanderfolgende Dokumentationsphasen. Dem Originalbericht im AI Tallinn liegt jedoch nur eine dieser Skizzen bei, so auch im Aufsatz von 1955. In seinem Bericht beschreibt Vassar (1948, 16) jedoch zwei verschiedene, ubereinanderliegende Steinlegen, was auch in der Zeichnung mittels gestrichelter Linien angedeutet wird. Im Innern des Steinkreises treten zwei gerade anliegende Platten hervor und die Randlage der Feldsteine westlich davon tritt ebenfalls in beiden Darstellungen auf. Auf die Beschaffenheit der Granitsteine, auf eventuelle Hitzespuren und Feuerschadigungen, wird an keiner Stelle eingegangen. Einzig die Fullerde mit Asche und Holzkohle ist Indiz dafur, dass an dieser Stelle gefeuert wurde.

Was bleibt, ist die merkwurdige Anordnung der Steinplatten, Feldsteine und die Lehmdecke. Auch wenn diese in der Darstellung insgesamt nur unzureichend und unzusammenhangend hervortreten, so werden diese im Grabungsbericht gesondert erwahnt. An dieser Stelle erscheint es sinnvoll in Kurze auf die Umstande einzugehen, die den Ausgraber zu einer Ansprache als Ofen verleitet haben.

Zunachst erscheint die Ebenerdigkeit der Anlage als sehr ungewohnlich fur einen Keramikbrennofen oder Meiler zu sein. Vassar spricht von einer SteinLehm-Konstruktion, ohne eine Eintiefung oder Grube beobachtet oder erwahnt zu haben. Bekanntlich handelt es sich bei der grossen Mehrheit untersuchter Keramikbrennofen um in die Erde eingetiefte Bauten. Dabei wurden kesselformige Gruben von bis zu einem Meter Tiefe fur einkammerige Meilerofen oder Grubenofen ahnlicher Befeuerungstechniken bevorzugt (siehe Cnotliwy 1960; Hingst 1974). Gleichfalls selten anzufinden sind Ofen mit gepflastertem Steinplattenuntergrund und Feldsteinumrandung. Was sich aus der Literatur an steingepflasterten, ebenerdigen Lehmkuppelofen zu einem Vergleich mit dem Steinobjekt aus Asva E heranziehen liesse, ist allerdings nicht bronzezeitlich. Der wiederholt in der Literatur zitierte jungsteinzeitliche Brennofen von Budelsdorf, Kr. RendsburgEckernforde zum Beispiel hat eine konzentrisch angeordnete Steinpflasterung und einen Lehmaufbau. Der Ofen ist allerdings eingetieft (Hingst 1974, 94, Abb. 12; Bjorn 1979, 7, Abb. 4). Fruhgeschichtlich, datierend um 850 n. Chr., ist der Sockel eines Keramikbrennofens aus dem hessischen Neuental-Zimmersrode, eine hufeisenformige Setzung aus Sandsteinplatten (Lange 2,5, Breite 1,85 m). Reste einer versturzten, im Ansatz vermauerten Lehmkuppelwand werden erwahnt. Dem Befund ist allerdings eine Grube vorgelagert, die Brennkammer selbst ist ebenerdig (siehe Weiser 2003, 129 f., Abb. 87). Das entspricht der Anwendungsweise des Ofenbrands mit vorverlegter Feuerstelle, wobei der Brennraum von der Feuerung getrennt ist. Letztere kann in einer Grube eingetieft oder auf gleicher Hohe mit der Kammer gewesen sein. Denkbar ware zumindest, dass der Bereich der Feuerung in Asva nicht als solche erkannt oder beobachtet wurde. Eine 'Eintiefung' (ohne Tiefenangabe) am Ostende der Steinkonstruktion (18/h und 19/h) hat Vassar zumindest beobachten konnen (1948, 16). Eine an dieser Stelle fehlende bzw. vermisste Profildarstellung des Befundes hatte diesbezugliche Unklarheiten beseitigen konnen, auch waren etwaige Spuren von Stutzen aus Holz etc. oder Wandeinfassungen erkennbar geworden.

Wie erwahnt, widersprechen sich die Angaben bezuglich der Funde in und um den vermeintlichen Ofenbezirk. Der Grabungsbericht spricht von wenigen, nur einzelnen Scherbenfunden, die nicht weiter kommentiert wurden. Bei einem Brennofen fur Keramik konnten brandbeeintrachtigte Gefassscherben oder keramische Fehlbrande zu erwarten sein. (133) Die Durchsicht des Fundmaterials aus dem naheren Bereich dieses Befunds im AI Tallinn ergab jedoch nichts Auffalliges in diese Richtung. Schwierig oder schier unmoglich bleibt die Beurteilung, ob es sich bei der besagten Lehmdecke uber der Pflasterung um Reste der einstigen Wandung gehandelt hat. Auch konnte diese eine (jungere) Planierungsschicht darstellen, die mit dem fraglichen Objekt in keinem direkten Zusammenhang steht. Im Bericht finden sich keine Angaben zur Art und Beschaffenheit der Lehmschicht (Wanddicke, Harte, Verziegelung). Allerdings hatten sich Fragmente und Uberbleibsel eingesturzter Lehmwande dem Ausgraber in Form kleinster, verziegelter Lehmbrocken sicherlich zu erkennen gegeben. Die im Ansatz erhaltene Begrenzung der Anlage durch Feldsteine, die asche- und holzkohlehaltige Erdfullung in diesem Bereich--diese Merkmale erinnern indes an Ofenkonstruktionen bzw. deren Reste, wie sie aus mehreren estnischen Fundplatzen der Mittleren Eisenzeit und der fruhen Wikingerzeit bekannt sind. Dabei handelt es sich um teilweise bedeckte Herdstellen, die sowohl als Warmequelle fur Wohnbereiche als auch als Platze der Zubereitung von Speisen dienten. Diese kleinen und einfachen Ofenanlagen vom keris-Typ sind mehrfach fur estnische Burgbergsiedlungen (z. B. Rouge, Keava, Pada) nachgewiesen, archaologisch bislang nicht jedoch vor dem 7.-8. Jahrhundert u. Z. in Erscheinung getreten (Tvauri 2012, 65 ff., Abb. 29). Kaum bezweifelt werden durfte die Zugehorigkeit des Befundes von Asva E in die bronzezeitliche Siedlungsschicht, da im Grabungsverlauf im Nordteil von Asva keinerlei mitteleisenzeitlichen Funde auftraten und auch keine Hinweise auf Bebauungsspuren der spateren Burgbergphase--in diesem Sektor (Vassar 1955, 116; Lougas 1967, 84; 1970a, 328 f.). Demnach konnte es sich bei dem interessanten Befund von Asva um die bislang alteste keris-Konstruktion auf estnischem Territorium handeln.

8.10. Uberregionale Kontaktzonen der Asva-Gruppe im Spiegel der Keramik

Der Asva-Keramik ist in der Forschung eine gewisse Sonderstellung unter den keramischen Kulturen des Ostbaltikums zugesprochen worden, weil in Stil und Technik bestimmte Einflusse von Keramikguppen sowohl des sog. Lausitzer als auch des Nordischen Kulturkreises erkannt wurden (z. B. Jaanusson 1981; Lang 1991). Gleichzeitg gilt Asva in der Bronzezeitforschung als westlichster Auslaufer einer ostbaltischen Keramikprovinz, die ihre regionaltypischen Stile und Techniken der Textil- und Besenstrichkeramik nach Westen, vor allem Ostmittelschweden, vermittelt haben soll (z. B. Ambrosiani 1985; Reisborg 1989).

Auf eine mogliche Verbindung zwischen Asva und der ostmitteleuropaischen, sog. Lausitzer Kultur hat erstmals R. Indreko anhand der Keramik und den Ringgussformen verwiesen (Indreko 1939b). Vor allem angesichts der Knickwandschalen und Henkelgefasse in Asva sei der Kontrast hinsichtlich Verarbeitungsqualitat und Stil mit der ortlichen 'Kummerkeramik' sehr auffallig. In keiner der ubrigen, bis dato bekannten Bronzezeitsiedlungen des ostlichen Ostseeraums ist diese Art von Feinkeramik aufgetreten. Bisher kannte man derartige Schalen- und Tassenformen nur aus ostdeutsch-polnischen Gebieten. Mit der Entdeckung der Siedlungen der Asva-Gruppe schien die Insel Saaremaa in Reichweite der Aussenkontakte der stets mit Faszination begegneten sog. Lausitzer Kultur zu rucken. Auch in der Folgezeit haben Forscher wiederholt den Sudeinfluss im keramischen Fundmaterial der estnischen Siedlungen betont (siehe unten). Schwierigkeiten bestehen indes, die postulierten Verbindungen zu belegen und potentielle Kontaktzonen einzugrenzen. Oftmals wirken die Kulturvergleiche der Keramikstile in Verbindung mit Asva sehr strapaziert und eklektisch in Bezug auf Zeitperioden und Regionen. Insbesondere bei der sog. Lausitzer Kultur, einem urnenfelderzeitlichen Komplex kleinregionaler Kulturgruppen, fallt der Rahmen sowohl geographisch als auch zeitlich sehr breit aus. Das gilt im Ubrigen auch fur stilistische und formale Vergleiche.

Anfanglich hielten bei der Interpretation der Asva-Keramik noch Formen wie der Knickwandtopf als ortliche Nachahmungen 'Lausitzer' Doppelkoni her (Indreko 1939b, 31, Abb. 16), die Zierleistenapplikationen auf Asva-Topfen galten mitunter als hallstattische Neuerungen. (134) Fur die polierten Knickwandschalen und heteromorphen Handhaben (Osenhenkel und Griffknubben) aus Asva wurden Vergleiche mit Funden aus prominenten Statten, wie das polnische Biskupin, geknupft. Vassar (1955, 125, Anm. 12) und Lougas (1970a, 217, Anm. 35) bezogen sich auch vergleichsweise unkritisch auf die gleichen Vergleichsbeispiele und Literaturzitate wie Indreko. Der Vergleich zwischen Schalen und Henkeltassen von Asva und Biskupin ist wiederholt angestrengt worden, auch wenn die jeweiligen Form- und Verzierungsmerkmale im Einzelnen und bei genauerer Betrachtung nur allgemeincharakteristische Gemeinsamkeiten bieten. (135) Ubereinstimmungen bestehen lediglich in der feinkeramischen Machart und aufwendigen Glattung streng gegliederter Schalen. Direkte Vergleiche sind indes unzulassig, weil das Spektrum an Typen und Verzierungsmustern beider Keramikgruppen stark auseinander geht. Ansonsten erkannte man in der Rauhwand oder in den Fingertupfreihen an estnischer Keramik stilistische Gemeinsamkeiten mit dem Fundgut polnischer und ostdeutscher Bronzezeitsiedlungen und -graber. Ungeachtet dieser sowohl raumlich als auch zeitlich innerhalb der gesamten nordeuropaischen Tiefebene und daruber hinaus weit streuenden Merkmale wurden relative Datierungsstutzen zusammengetragen, auf denen letztendlich auch jungere Periodisierungen der estnischen Bronzezeit grunden (siehe Lougas 1970a, 192 f., 204, 213, 217). (136)

Die bisherigen Beobachtungen zur Gefasskeramik von Asva machten bereits deutlich, dass sich die Suche nach Stilmerkmalen 'Lausitzer' Pragung nur auf wenige, ganz bestimmte Einzelaspekte beschranken kann. Das einfache Spektrum der Grobkeramik, die strenge Monotonie und Schlichtheit der Verzierung (Grubchen, Besenstrich) zeigen eindeutig, wie stark sich das lokale Formen- und Stilgut ostbaltischer Bronzezeitkeramik jeglichen Ausseneinflussen erwehrte. Die im grossen mittel- und nordeuropaischen Urnenfelderkomplex der Bronze- und Fruheisenzeit typischen Gefassformen wie Eitopf, Amphore, Terrine, Doppelkonus, Kanne, Tasse und Becher finden sich--anders als in Regionen des Nordischen Kreises--im nordlichen Ostbaltikum nicht wieder. (137) Einzig die wenigen Steinschiffsetzungen bilden diesbezugliche Ausnahmen (siehe unten). Interessant bleibt aber die Diskussion um die im Fundspektrum der Siedlungen der Asva-Gruppe reichlich vorkommenden Knickwand- und Henkelschalen, die als lokale Sondererscheinungen gelten durfen. Im Formengut vieler keramischer Regionalgruppen des Lausitzer Stilkreises bilden Schalen und Schusseln in der Tat feste Bestandteile. Zwar ist im Zusammenhang mit der estnischen Siedlungskeramik wiederholt von Fremdmerkmalen 'Lausitzer' Machart oder Typs die Rede, doch ist das Problem des fraglichen Einflusses an keiner Stelle thematisiert oder diskutiert worden. Es bleibt noch immer zu entscheiden, welche der mutmasslichen Kontaktzonen im Ostseeraum bei der Bildung der ortlichen Feinkeramik in den Siedlungen der Asva-Gruppe Anteil gehabt haben konnte und welche der vielen Lokalgruppen und keramischen Regionalstile im Lausitzer Kulturkreis sich im estnischen Material denn uberhaupt oder am ehesten identifizieren liesse.

8.10.1. Ostbaltikum--lettische und litauische Gebiete

Zu den wesentlichen Gemeinsamkeiten zwischen den kleinregionalen Keramikgruppen des Ostbaltikums zahlt der Oberflachen- oder Besenstrich an grobkeramischen Topfen. Im Osten hat diese Oberflachenbehandlung eine mindestens bis in das ausgehende Neolithikum reichende Tradition (138). In Gebieten Sudwestfinnlands, Estlands und Nordlettlands tritt der Oberflachenstrich fast regelhaft in Verbindung mit dem Grubchenornament und haufig an Gefassen mit kurzem Zylinderhals oder S-Profil auf. In der Inlandsregion sudlich der Duna nimmt die Verzierungshaufigkeit und Profilierung der Gefasse merklich ab. Die Siedlungskeramik des nordlichen Ostbaltikums und der Kustengebiete Finnlands wird unter einem gleichen Stilund Formenkreis zusammengefasst (Jaanusson 1981, 122 f., Abb. 59; Vasks 1991, 123 f.). (139)

In der Tat gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen der Grobkeramik estnischer und lettischer Siedlungen. Am besten zu vergleichen sind die ungegliederten Topftypen mit Aussenstrich und Grubchenverzierung. (140) Auch die interessanten Klein- und Miniaturgefasse fanden in den meisten der untersuchten Siedlungen im Ostbaltikum Verwendung (Graudonis 1989, 46 f., Abb. 26: 1-6; Vasks 1994, 53 f., Abb. 35: 5-11). In den Siedlungen Brikuli und Mukukalns fehlt es aber an Breitformen, selbst an grobkeramischen und ungegliederten Schusseln. Einknickende Gefassrander mit Tendenz zur bikonischen Gestalt sind in Lettlands Fundplatzen seltener, dagegen haufiger im Gefassformenspektrum litauischer Siedlungen zu beobachten. (141) Knickwandgefasse treten im Ostbaltikum vermehrt als Funeralgefasse auf, so etwa in den Steinschiffsetzungen. Die dortigen Doppelkoni und Amphoren (zweihenklig) sind in der gesamten ostbaltischen Region fremdartig und haben Analogien im sudostlichen Ostseegebiet (Graudonis 1967, 71 f., Taf. XLII; Hoffmann 1998, Abb. 2-3). Verbindungen zur Siedlungskeramik der Asva-Gruppe lassen sich aus diesen exzeptionellen Funden nicht ableiten.

Es bleibt zu konstatieren, dass Henkel- und Knickwandschalen im keramischen Formengut der untersuchten lettischen und litauischen Siedlungen der Spatbronzeund Fruheisenzeit fehlen, auch sind Handhaben wie Henkel oder Grifflappen an der dortigen Siedlungskeramik fremd. (142) Das grob- und feinkeramische, typenmassig vielfaltig untergliederte Gefassspektrum der Asva-Keramik scheint eine regionale Besonderheit darzustellen. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass das ubrige, nichtkeramische Fundmaterial der meisten untersuchten Bronzezeitsiedlungen im Ostbaltikum gut vergleichbar ist. Fast alle Knochen- und Geweihgerate (Pfeilspitzen, Nadeln und Sonstige) oder Steinwerkzeuge aus lettischen und litauischen Fundplatzen kommen auch in Asva vor. Das deutet nicht nur auf mogliche Kontakte zwischen den Siedlungen, sondern auch auf gleichlaufende Wirtschaftsweisen und Arbeitstechniken hin (u. a. auch im Bronzeguss). Einzig in der Keramik der Siedlungen der Asva-Gruppe jedoch macht sich eine selektive Aufnahme fremder Gefassgruppen bemerkbar.

8.10.2. Sudliches Ostbaltikum--Gebiet zwischen Memel und Weichsel

Ein erster Uberblick uber das keramische Formengut des sudostlichen Ostseegebiets der Spatbronze- und Fruheisenzeit ist mit den Arbeiten von Lucja Okulicz (1969) und Miroslaw J. Hoffmann (1998) zu gewinnen (143). Territorien der samlandischen Halbinsel, des Kaliningrader Oblast, des unteren Pregel-Beckens sudlich der Memel und Ermland-Masurens werden zum Einflussgebiet der sog. Westbaltischen Hugelgraberkultur gerechnet. Dort bilden sich leicht offnende Rauhtopfe (auch mit Grubchenreihen), rundbodige Henkeltopfe mit kurzem Kegelhals und Henkelschalen die keramischen Leittypen dieser Periode (Okulicz 1969, 44 ff., Abb. 6). Bei den grossen Gefassformen wird auch der Einfluss des sog. Lausitzer Stilkreises sichtbar. (144) Verzierungen sind allgemein sparlich und beschranken sich auf Grubchen, Fingertupfen oder Ritzgruppen. Auffallig ist die fehlende und kaum ausgepragte Gliederung bei den Breitformen (Schusseln, Henkelschalen), auch sind uberrandstandige Bandhenkel haufig. Die fur Asva typischen Schalen mit Osenhenkeln und Grifflappen befinden sich nicht unter den Leitformen der fruheisenzeitlichen Graberkeramik. Gegliederte Schalen kommen erst in der entwickelten Keramikstufe der Westbaltischen Hugelgraberkultur auf, gehoren aber in einen wesentlichen jungeren Zeithorizont der mit den pommerschen Haus- und Gesichtsurnen gleichzusetzen ist (ab Ha D2; Okulicz 1969, 48 ff., Abb. 7).

Jerzy Antoniewicz (1964) hat Keramik aus 15 Siedlungsplatzen aus der fruhen Eisenzeit im Gebiet des ehem. Ostpreussens vorgestellt. Die Gefasse zeigen Stileinflusse aus verschiedenen Lausitzer Regionalgruppen Mittelpolens, Pommerns oder Kujawiens. Sowohl in Siedlungen als auch in Grabern sind Kegelhalsgefasse und eiformige Rauhtopfe verbreitet (Antoniewicz 1964, Taf. XLI-XLII). Profilierte und mit Handhaben versehene Schalen (misy) kommen zwar vor, aber offensichtlich nicht uberall und in vergleichbarer Haufigkeit. Unter den Schalen mit runden oder abgesetzten Boden sind S-formige (offen), ahnlich dem B II-Typ aus Asva. Sie sind jedoch weniger aufwendig geglattet und dickwandiger. Die feingliedrigen, polierten Knickwandschalen mit den fur Asva typischen Osen und Grifflappen finden sich nicht unter Antoniewicz' Leitformen der ostpreussisch-fruheisenzeitlichen Siedlungskeramik. (145) Kaum vom Lausitzer Keramikstil beeinflusst zeigen sich die Funde der fruheisenzeitlichen Schichten III und IV vom Siedlungsplatz Jeziorko, pow. Gizycko, Woj. Ermland-Masuren. Charakteristisch sind schwach gegliederte Topfe und Schusseln sowie tiefere Schalen mit angedeutetem S-Profil und leicht geschwungener Randpartie in der Art wie sie in Asva auch vorkommen. Als Grobdatierung dieser Schichten wird Ha D angegeben (Antoniewicz 1964, 79-122, Taf. XVI: b, XVII: j, XVIII: b-c, XXVI: a, c, l). Dass profilierte Schalen im Siedlungsmaterial dieser Region weniger Verwendung fanden als in benachbarten Gebieten, zeigen auch die Untersuchungen an der Keramik von Woryty, pow. Olsztyn. Der mengenmassige Anteil an Schalen ist klein und unter den wenigen sind vor allem offene Formen mit abgestrichenem Rand (Dabrowski & MogielnickaUrban 1981b, 216, Tab. 27, Taf. XIV: 14).

Ringabrollung tritt in dieser Region vornehmlich an Henkeltopfen und Amphoren auf. Aus einem am Ende des 19. Jahrhunderts freigelegten Hugelgrab von Ilknikiai (Ihlnicken) stammt ein kleiner Henkeltopf mit Stempelmuster in Ringabrollung (dreireihiges Winkelband), vergesellschaftet mit zwei Kegelhalsgefassen, einer Rollenkopfnadel und einem Tullenbeil (Dabrowski 1968, 169, Abb. 3: 1-6). Mit Ringabrollung verziert sind Wandscherben topfahnlicher Gefasse aus dem Hugelgrab 1 im 'Fritzener Forst' bei Primorsk (Fischhausen), gefunden mit Bronzen der Periode V (Rollenkopfnadel u. a.) (Gimbutas 1960, 416, Abb. 30: a-c). An Schalenfunden mit Ringabrollungen scheint es zu fehlen.

Die fur die Asva-Gruppe typische Stempelverzierung mittels Ringabrollung und Kerbeindrucken ist vereinzelt an Keramik der Weichselknie-Region nordlich von Thorn (Toruri) beobachtet worden. Laut Jadwiga Chudziakowa gibt es Gefasse mit Kerbreihenverzierung in der Art der Tannzweig- oder Fischgratenmuster, wie sie auf einigen Asva-Schalen vorkommen, und die mit der Stempeltechnik der Ringabrollung leicht verwechselbar sind. Es handelt sich dabei um einige Schalen, einteilige Henkeltassen, Amphoren und Terrinen--alle aus Graberkontexten (Chudziakowa 1974, 45 f., Taf. XIX: 1-6). (146) 'Echte' Ringabrollung en in mehrreihigen Winkel- und Girlandenmustern wie in Asva und Ridala scheinen dort nur an Amphoren und Terrinen aufzutreten (ebd., 46 f., Taf. XIX: 7-10). (147) Kerbreihen (Tannzweigmuster) und Ringabrollung werden in die Zeitstufe Ha D datiert.

Im Gebiet zwischen Ostseekuste und der Masurischen Seenplatte (Wojewodschaft Ermland-Masuren) ist die keramische Materialkultur der Bronzezeitperioden IV-V deutlich vom Lausitzer Stil gepragt. Kegelhalsamphoren und doppelkonische Topfe zahlen zu den Leitformen (Gimbutas 1960, 414, Abb. 27: a-b). Zu den selteneren Verzierungen an Gefassen gehoren Girlandenmuster (Ritzlinien) und Fingernageleindrucke. Fur diese Region hat M. Hoffmann (1998) auf Basis von uber 1400 ausgewerteten Gefassen aus Siedlungen und Grabern eine Typengliederung entworfen, mit 12 Gefasstypen der Spatbronze- bis Vorromischen Eisenzeit, verteilt auf funf chronologische Gruppen (I-V) (148). Die Gefasstypen werden nach Terrine, Doppelkonus, Amphore, Eitopf, Schalen, Becher, Pokale, Siebgefasse, Teller, Kruge und Deckel kategorisiert. Schalen (Typ VI--misy) der Gruppen I und II (P IV Ha D) sind jedoch alle ungegliedert und ohne S-Profil, stellen somit keine Verbindungen mit den Knickwandschalen aus Asva her (Hoffmann 1998, 22, Abb. 6).

Der derzeitige Wissens- und Publikationsstand zur Keramik der Spatbronzeund Fruheisenzeit des Weichsel-Memel-Gebiets erlaubt nur sporadische Vergleiche mit den Gefassformen und Verzierungstechniken der Asva-Gruppe. Es sollte nicht unerwahnt bleiben, dass sich L. Okulicz an einigen Stellen explizit zur Herkunft der besagten Fremdeinflusse in der Asva-Keramik geaussert hat. Ihrer Ansicht nach hatten die Henkel- und Knickwandschalen von Asva stilistische Gemeinsamkeiten mit der Keramik aus dem samlandischen Gebiet (Okulicz 1976, 119 f., 326): ... which unmistakeably absorbed influences emenating from the Sambia Peninsula-based culture. Es bestunde kein Zweifel an Kontakten zwischen einer in Samland heimischen Kulturgruppe mit der westestnischen Inselwelt. Leider wird diese Behauptung an keiner Stelle mit uberprufbaren Belegen zu Fundorten oder mit Literaturangaben begrundet. Auf eben diesem Postulat der Kontakte zwischen dem sudostbaltischen Kustengebiet und den Siedlungen der Asva-Gruppe versuchte Okulicz den Richtungsverlauf eines bronzezeitlichen Handels- und Verkehrsweges (copper trail) zwischen Samland und dem Wolga-Oka-Gebiet zu rekonstruieren. (149) Sie verweist dabei auf die von Vassar (1955, Abb. 39) gemachten Abbildungen zur Asva-Keramik, eine eklektische Auswahl von verzierten Knickwand- und Henkelschalen, einige davon sogar nichtbronzezeitlicher Zeitstellung. Es bleibt somit offen, an welche Vergleichsfunde Okulicz gedacht haben mag. Vermutlich kommen fruheisenzeitliche Gefasstypen der Westbaltischen Hugelgraberkultur in Frage, die allerdings in die beginnende Vorromische Eisenzeit datieren (siehe Okulicz 1969, 48 ff., Abb. 7). Es zeigt sich einmal mehr, wie durftig und unubersichtlich der gegenwartige Untersuchungsstand zur 'ostpreussischen' Bronzezeitkeramik nach wie vor ist. Noch immer fehlt es an klarenden archaologischen Fundbeispielen fur bronzezeitliche Verbindungen zwischen Saaremaa und dem samlandischen Gebiet.

8.10.3. Sudlicher Ostseeraum--Gebiete zwischen Weichsel und Oder

Fur das Kustengebiet zwischen Oder- und Weichselmundung wurden fur die ausgehende Bronzezeit (Montelius-Perioden IV-V) unterschiedliche keramische Formenkreise ausgearbeitet, die alle zum Lausitzer Kulturkreis gerechnet werden. In Pommern, Kujawien und Nordmasowien gibt es in der Spatbronzezeit die fur die Lausitzer Kultur ganz typischen Kegelhalsgefasse, Henkeltopfe, Rauhtopfe und Henkelschalen in der Graberkeramik. Knickwandschalen sind dort seit der Periode IV im Formengut vertreten, meist in Verwendung als Deckschalen in Urnengrabern (Dabrowski 1959, 165 f., Tab. 1 f.; Kostrzewski 1959, 26, 31, Abb. 9, 16-18; 1966). Unter einigen als Urnendeckel verwendeten Henkel- und Knickwandschalen in der Graberkeramik Pommerns sind solche, die einigen ausgewahlten Exemplaren aus der Asva-Keramik nahe stehen. Im P VI-zeitlichen Graberfeld Ch apowo 2, pow. Puck, in direkter Kustennahe an der Danziger Bucht, kommen profilierte Schalen zusammen mit den als Urnen verwendeten Henkeltopfen und Kegelhalsgefassen vor. An einigen Schalen mit S-Profil sind zierliche Osenhenkel angebracht und zwar zwischen Rand und Schulterknick ganz nach Art der Asva-Schalen. Ein interessantes Exemplar einer Schale mit Sparrenverzierung hat einen senkrecht durchstochenen Grifflappen (Ose) auf dem Wandungsknick (wie ein Asva-Exemplar, Taf. 23: 6). Die polnischen Schalen sind merklich breiter als die estnischen, mit Mundungsrandern zwischen 19 und 22 cm (8-9 cm hoch). Sie waren vermutlich auch deshalb in der Sekundarverwendung als Urnendeckel geeignet. (150)

Schalen ohne Henkel oder Handhaben, aber mit Verzierung, sind in Ka dus, Woj. Kujawien-Pommern, aufgetreten. In mehreren Gruben einer fruheisenzeitlichen Siedlung fanden sich nebst tonnenformigen Topfen (selten verziert) auch Schalen, deren sich leicht offnendes S-Profil und einfache Schragkerbenreihen auf dem Umbruch an Exemplare aus Asva und Ridala erinnern. Einige tragen gleichzeitig Kerben auf dem Knick und dem Mundungsrand (Karczewski 1978, 168 ff., Taf. IV: 2, 18, IX: 11, X: 1, XIV: 2, XVII: 15). Als Datierungsrahmen der Grubeninhalte wird die Zeitstufe Ha D angegeben (Karczewski 1978, 195).

Knickwandschalen, insbesondere solche mit Glattung und Politur, sind vor allem weiter sudlich fur Graber der oberschlesisch-kleinpolnischen Gruppe des Lausitzer Kulturkreises typisch. Hier gehoren polierte, streng gegliederte Schalen mit Handhaben (Osenhenkel) zu den lokalen Leitformen. Einigen Formen aus Asva und Ridala stehen diesen durchaus nahe (Durczewski 1948, Taf. XLVI, LIV: 40-45; LV: 10, 20, 31, 32). In Sobiejuchy und Smuszewo (Ha C-D), befestigte Siedlungen in zentralpolnischen Wojewodschaften Grosspolen und Lodsch, kommen auch Knickwand- und Henkelschalen vor (Durczewski 1985, Taf. 23: 13-14, 16-17; Harding et al. 2004, Taf. II: 5-11, 20). Interessante Verbindungen zwischen den mittelpolnischen und estnischen Siedlungen tun sich jedoch auch in Keramikformen von besonderer Art und Funktion auf. Dazu zahlen die in Asva und Ridala gefundenen Scheibchen mit Grubchendekor aus Asva A/C und das Miniaturgefass aus Ridala (Taf. 39: 5-8, 53: 1). Mehrere solcher, nur 3-6 cm grosser Tonscheiben, mindestens zwei davon mit regellos auf der Oberflache verteilten Grubchen (roundels, with random dots), werden fur Sobiejuchy erwahnt (mind. 31 Stuck, zwei verzierte). Es handelt sich in der Tat um Scheibchen gleicher Machart und der unverkennbar typischen 'Verzierung' wie sie vor allem in ostdeutschen und polnischen Siedlungen der Lausitzer- und Billendorfkultur aufgetreten sind (Harding et al. 2004, 45, 60, Taf. 22: 1-22, 24-28). In dieser Hinsicht, auch in der regionalen Verbreitung, sind die Tonscheiben mit den Miniaturgefassen vergleichbar. Auch in Sobiejuchy und Smuszewo gibt es diese Funde (Durczewski 1985, 39 ff., Taf. 25 f.; Harding et al. 2004, 45, Taf. 19: 1-33). Interessant ist auch deshalb der Fundkontext (Pfostengrube) des Omphalos-Topfchens aus Ridala.

Aus Wehrsiedlungen des Warthe-Prosna-Gebiets sind verdickte Osen und unterrandstandige Bandhenkel wie in Asva und Ridala bekannt (z. B. Taf. 37: 9-10, 50: 5). Die Osenhenkel treten in einigen dieser Fundplatze vornehmlich an profilierten, tieferen Schusseln auf (an Amphoren seltener), die kleineren, weniger ausladenden Bandhenkel an einigen Schalen. (151) Die Schalen und Handhaben werden uber Vergleichsfunde in der regionalen Graberkeramik vornehmlich in die Zeitstufe Hallstatt C datiert.

Mit Ringabrollungen verzierte Schalen fehlen weitestgehend. In der Wojewodschaft Kleinpolen sind in mehreren Grubenkomplexen der offenen Siedlung IwanowiceBabia Gora II Schalen mit S-Profil aufgetaucht. Ihnen fehlen Stempelverzierungen, sie sind aber mit Osenhenkeln und Griffknubben ausgestattet. Ausserdem sind Rauhtopfe, verziert mit Grubchen und Fingertupfen, typisch fur diesen Fundplatz (Suder 2000, 218, Abb. 12-19). Andere Siedlungen, etwa in der benachbarten Wojewodschaft Heiligkreuz (Korytnica, Kr. Jedrzejow), haben unverzierte, aber gut geglattete, Knickwandschalen im Fundgut. Eine einzige Schale tragt einen Osenhenkel am Wandungsknick, die einfachen Topfe Fingertupfreihen und -leisten. Stempelverzierung mittels Ringabrollung tritt dort nur an einigen Terrinen auf (Marciniak 1968, Abb. 7-9). Die Siedlungsplatze datieren in die Bronzezeitperiode V oder Stufen Ha B-C.

Viel an neuem und reichlich reprasentativem Siedlungsmaterial der Spatbronzeund Fruheisenzeit ist aus gross angelegten Grabungen in Mittel- und Sudpolen im Rahmen der Autobahn-Bauprojekte A2 und A4 der letzten Jahre zutage gefordert worden (Gediga 2003; 2004; Grygiel 2003; Kadrow 2003). Das Spektrum an bekannten Keramikformen erweitert sich mit den neu entdeckten Siedlungsplatzen stetig gegenuber dem bislang Bekannten aus dem dortigen Grabermilieu. Aus Siedlungsplatzen bei Krakau in Kleinpolen sind vielfaltige Henkel- und Knubben individueller Gestalt aufgetreten, darunter die aus Asva bekannten Doppelknubben (an Topfen). Viele der profilierten Schalen (Asva-Typen B II und B IV) tragen Osenhenkel. Auch finden sich die Grifflappen der Schalen aus Asva F und E im dortigen Material wieder (Taf. 26: 3; 43: 2). Die grobkeramischen Topfformen und Verzierungsmuster sind denen des nordlichen Ostbaltikums ahnlich (Typen A V und VI, Fingertupfleisten). (152)

Knickwand- und Henkelschalen der Art Asva sind jedoch nicht immer und uberall im sudlichen Polen anzutreffen. Das reichhaltige Gefasstypenspektrum Lausitzer Stilpragung der Stufen P IV-V/Ha B-D der Provinz Lodz hat andersgestaltete Handhaben und Schalen (Stufenschalen) aufzuweisen als in den Nachbarregionen und ist ganzlich ohne Parallelen zu den ostbaltischen Typen (Marchelak & Tyszler 2003, Abb. 102).

8.10.4. Nordostdeutschland--Gebiete zwischen Oder und Elbe

Wie es um das Typenspektrum der spatbronzezeitlichen Graberkeramik Mecklenburg-Vorpommerns, Holsteins und Schleswigs bestellt ist, geht aus den Monographien Hans-Jurgen Hundts (1997), Manfred Menkes (1972) und Jens Peter Schmidts (1993) hervor. Der Asva-Keramik ahnliche Formen sind unter den einfach gestalteten Topfen und Tonnen, einige mit Grubchenreihen oder Leisten, vertreten. Stets sind der Doppelkonus, das Kegel- und Zylinderhalsgefass und die Terrine anzutreffen. Das Gefasstypenspektrum der norddeutschen Regionen ist jedoch nicht mit der ostbaltischen Siedlungskeramik vergleichbar. In der jungbronzeund fruheisenzeitlichen Siedlungskeramik Mecklenburg-Vorpommerns dominieren Doppelkonus, Terrine und der hohe, schwach profilierte Topf das keramische Formenspektrum (Lutjens 2001, Abb. 16). Desweiteren sind sechs verschiedene Schalenformen auszumachen, von denen sich lediglich die einteiligen (Lutjens Typen V b und c) und zweiteiligen mit vertikaler Randparte (Typ V e) mit den Formen der Asva-Keramik (B IV-VI) annahernd vergleichen lassen. Ansonsten sind Schalen mit gestuftem Profil und solche mit gezipfelten Randern typisch fur die mecklenburgische Spatbronzezeit. Henkel- und Grifflappen sind in der hiesigen Siedlungskeramik nicht gelaufig.

Fur das mittlere Ostdeutschland bzw. den Oder-Raum ist die Billendorfer Gruppe, die spatbronze- und fruheisenzeitliche Phase der Urnenfelderkeramik des Lausitzer Stils, fur den Vergleich mit der Asva-Keramik interessant. Profilierte und gut geglattete Knickwandschalen und Henkelgefasse sind zwar durchaus charakteristisch fur die Billendorf-Stufen IVb-VIb (Montelius-Perioden V und VI bzw. Ha B 2/3--D 3; Buck 1989, Abb. 9). Doch sind die Turbanrand-, Omphalos- und konischen Schalen von ganzlich anderer Formgebung und Machart als die ostbaltischen Typen. (153) Auch die Henkelkeramik mit ihren tiefen Bechern und Tassen mit uberrandstandigen Bandhenkeln findet sich in der Asva-Gruppe nicht wieder.

An der Keramik der westlichen Billendorf-Gruppen, also westlich der Elbe, kommen die aus Asva bekannten Grubchen- und Fingertupfenreihen ebenfalls vor, auch vereinzelt Doppelknubben und Osenhenkel. Letztere sind i. d. R. an einteiligen, dickwandigen Schusseln zu finden. Die flachen, profilierten Schalen sind fur das westliche Billendorf ganzlich untypisch und die dunnwandige Feinkeramik besteht vornehmlich aus Schalen mit Omphalos (Peschel 1990, 53). Insgesamt zeigt sich die Keramik verhaltnismassig sparlich verziert. Ansonsten wird das Gefasstypenspektrum der Bronzezeitsiedlungen Niedersachsens von einer Gebrauchskeramik groberer Machart und Qualitat beherrscht (,Kummerkeramik'). In Grabern der Spatbronzeund Fruheisenzeit setzt sich das keramische Formengut aus dem Doppelkonus, dem Kegel- und Zylinderhalsgefass und der Terrine zusammen (Wilhelmi 1983, 39 ff.; Hassler 1991, 163 ff.). Die Schalen erganzen das Repertoire der Siedlungs- und Graberkeramik, allerdings sind es solche mit schragem oder abgestrichenem Rand (auch gezipfelt), d. h. Formen, wie sie in der Asva-Keramik nicht vorkommen.

Mogliche, sich in der Bronzezeitkeramik Estlands niederschlagende Beziehungen zu Gebieten beidseits der Elbe liessen sich nach derzeitiger Kenntnis nur auf indirektem Wege uber die urnenfelderzeitliche Stempeltechnik der Ringabrollung herleiten. Fur den mitteldeutschen, niedersachsisch-hannoverschen, Raum sind die Abrollungen vergleichsweise oft auf spatbronze- und fruheisenzeitlicher Keramik nachgewiesen (Busch 1975, 31; Tuitjer 1987, 78 ff., 85). Allerdings betrifft dies wieder nur die hohen Formen, nicht jedoch die Schalen.

8.10.5. Danische Inseln und Sudschweden

Zur Siedlungskeramik der Danischen Inseln, speziell zur Bronzezeit, ist bislang relativ wenig publiziert worden (dazu Thrane 2008). Umso bedeutender sind die chronologischen Studien Jorgen Jensens (1997) zu den Regionalgruppen Danemarks und Sudschwedens im Ubergang von der Bronze- zur Fruheisenzeit. Neben den Metallfunden, insbesondere jenen aus Horten, kommt der Keramik eine besondere Rolle als datierende Quellengruppe zu. So liefert Jensen eine katalogartige Bestandsaufnahme danischer und sudschwedischer Fundplatze der Perioden V-VI und der Vorromischen Eisenzeit. Anhand ausgesuchter Keramikkomplexe aus Siedlungsgruben aus Abbetved, Kirke Saby sn. (Bezirk Kopenhagen), etwa werden stilistische Veranderungen im besagten Zeitraum aufgezeigt (Jensen 1997, 104 f., Abb. 41 f.). Die Beobachtungen die periodenspezifischen Entwicklungen betreffend sind auch fur Asva relevant, insbesondere wegen der danischen Tonnengefasse mit Fingertupfleisten, die erst in Siedlungsphasen der Periode VI aufkommen. In P V-zeitlichen Grubenkomplexen scheinen diese ganzlich zu fehlen (Jensen 1997, 103, Taf. 40: 1-7, 10-14, 16). Es gibt neben den meist ungegliederten Rauhtopfen mit leicht einziehender Mundung auch gegliederte Schusseln mit Leistenzier (wie in Asva), ebenfalls charakteristisch fur Periode VI (z. B. Rostofte-Fundplatz, Prasto amt; Jensen 1997, 103, Taf. 41: 1). Gesamtheitlich dominieren Doppelkoni und Kegelhalsgefasse die Siedlungs- und Graberkeramik danischer Fundplatze der Spatbronze- und Fruheisenzeit.

Schalen mit S-Profil sind in danischen Siedlungen und Grabern seit der Periode IV vertreten (ebd., Abb. 51: 9-10). Solche mit gezipfelten Osen- und Bandhenkeln, leicht uberrandstandig und gefurcht, sind aus Fragtrup und Skorbak, beide Alborg amt, bekannt (P V-zeitlich). Es handelt sich bei den Schalen um relativ breite, mit Standboden ausgestattete Gefasse (Randdurchmesser 22-24 cm). Von kleineren Knickwandschalen wie sie in der Asva-Keramik vorkommen, wurden nur wenige erfasst bzw. abgebildet (ebd., 132, Abb. 56: 2, 4, 9, 58: 3). Grifflappen in Form der auch fur Asva typischen Doppelknubben sind in P V-zeitlichen Grabern Jutlands aufgetreten, dort allerdings an eiformigen, glatten Topfen mit abgestrichenem Rand. (154) Ein interessanter, nur bruchstuckhafter Fund eines gezipfelten Osenhenkels, ahnlich denen aus Asva, befindet sich unter den Gefassresten der Siedlung von Kornerup (Kopenhagen amt). Zu den Begleitfunden gehoren eine S-profilierte Schale und eine ungegliederte Schussel, ansonsten Henkeltopfe lokaler Pragung. Die Funde werden von Jensen der Vorromischen Eisenzeit zugeordnet (1997, 103 f., Abb. 38: 5).

Ungleich besser ist das Siedlungsmaterial der Bronzezeit in Sudschweden erforscht. Insbesondere fur die Region Schonens ist viel Material aus Grabern und Siedlungen veroffentlicht. (155) Das Gefasstypenspektrum ist mit der von den danischen Inseln vergleichbar. Das trifft vor allem auf die Graberkeramik zu: Als Urnengefasse dienten dort Doppelkoni, Kegelhals- und eiformige Rauhtopfe (siehe Baudou 1960, 95 ff.).

Am besten untersucht ist die Siedlungskeramik der Spatbronzezeit (P IV-VI) in der Gegend von Malmo, im sudlichen Schonen. Aus Siedlungsgruben des Fundplatzes Fosie IV stammt umfangreiches Material, das vornehmlich aus grobkeramischen Topfen besteht. Diese tragen bestimmte Verzierungsmerkmale, die nie gemeinsam an Gefassen auftreten: unter der Mundung angebrachte Grifflappen oder Knubben sowie Leisten mit Fingernagel- oder Tupfenzier. Diese Merkmale gelten als chronologische Marker der Periodisierung danischer und sudschwedischer Bronzezeitkeramik, die sich in A-Gruppen und B-Gruppen trennen lasst. Diese sind mit den Montelius-Perioden IV-V (Gruppe A) und VI (B) gleichzusetzen (Bjorhem & Safvestad 1993, 41 ff., 377; Lindahl et al. 2002).

Es ist die sudschwedische B-Gruppenkeramik, die in Form und Verzierung klare Ubereinstimmungen mit der Grobkeramik von Asva zeigt, vor allem in den Topfen mit Tonnen- und Fassform (z. B. Taf. 29: 3, 34: 3). Ebenso finden sich auf den sudschwedischen Topfen die herausmodellierten oder aufgeklebten Wulste bzw. Leisten mit Fingernagelkerben und Tupfen wieder. (156)

Haufig unter den Siedlungsfunden des sudlichen Schonen sind auch Schalen, so in Regionen um Landskrona und Malmo (Lindahl et al. 2002, 86 f., Abb. 141 f.). Berta Stjernquist hat aus der Periode V-zeitlichen Siedlung von Hotofta (Fundplatze 184N und 41) mehrere solcher Schalen abgebildet. Die meisten haben gute Entsprechungen zu Exemplaren aus Asva (B II und B IV), besonders die gut geglatteten von feiner Warenart und mit graulich-dunkler Oberflache. Form und Oberflachenbehandlung lassen eine ganz ahnliche Herstellungsweise wie in der Asva-Keramik annehmen. (157) Aus den in jungster Zeit untersuchten Siedlungen der Malmo-Gegend stammen einige mit S-Profil und scharfem Knick, die als ausgesprochen glatt und dunnwandig beschrieben werden. Die Schalen stammen zusammen mit den obengenannten Topfen aus Gruben der B-Gruppen-Zeit. (158)

Was die Handhaben und Henkel betrifft, so sind sie in dieser Gegend seltener anzutreffen. Stjernquist erwahnt den Fund eines Osenhenkels, der zu einem Gefass von grober brauner Ware mit ungleichmassiger Oberflache gehort (1969, 74, Abb. 19: 3). Es handelt sich um das Randstuck einer Schale mit randstandiger

Ose aus der Siedlung Hotofta 41. Die Ahnlichkeit zu den gedrungenen Osenhenkeln aus Asva ist unverkennbar (Taf. 26: 4.6). Ansonsten sind gegliederte und polierte Schalen des Ofteren im Grabermilieu Schonens zu finden. Im Graberfeld Loderup (Datierung P IV-VI) sind polierte Schalen als Beigefasse von Urnen oder als Deckgefasse verwendet worden (Stromberg 1975, 145 ff., 176, Abb. 72b, 75b, 77a, 110).

Der in Asva zuweilen auftretende Grifflappen in Form einer Doppelknubbe begegnet in Sudschweden wiederholt an Kegelhalsurnen der Periode VI (Abb. 113). Solche Exemplare stammen aus den Graberfeldern von Loderup (Grab 62), Solberga (LUHM 20760) und Lilla Bedinge (LUHM 28439:1). (159) In Loderup kommen auch die Asva-ahnlichen Osenhenkel mit Langsrillen vor (Stromberg 1975, Abb. 79b). Grifflappen sind vergleichsweise haufig unter der sudschwedischen Bronzezeitkeramik. (160) Solche beschranken sich indes weitestgehend auf die Hochformen, wahrend die Handhaben der Asva-Keramik ausnahmslos den Schalen vorbehalten sind.

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8.10.6. Mittelschweden

Als beste Zeugnisse moglicher Westverbindungen der Asva-Gruppe werden seit jeher die estnischen und kurlandischen Steinschiffssetzungen sowie einige Metallfunde gesehen. Diese wurden in der fruheren Forschung dahingehend gedeutet, dass das Ostbaltikum der kulturellen Einflusssphare des Nordischen Kreises, auch in Form von Kolonisierungsschuben, ausgesetzt gewesen ist (so bei Nerman 1933; Sturms 1935). In der jungeren schwedischen Forschung wurde indes, ausgehend von einigen keramischen Siedlungsfunden in Ostmittelschweden, sogar auf ostliche Kontakte und Einflusse in Gebieten des Nordischen Kreises aufmerksam gemacht und diese im Lichte spatbronzezeitlicher Besiedlungsschube diskutiert (siehe unten).

Die Frage nach westlichen, d. h. sudskandinavischen Stilmerkmalen in der AsvaKeramik indes kam vergleichsweise spat auf. Zunachst wurden Fremdmerkmale in der estnischen Siedlungskeramik nur in Verbindung mit Stilkreisen der sog. Lausitzer und der Textilkeramik der ostlichen Waldzone gesehen (siehe Indreko 1939b; 1961; Vassar 1955). Erst mit den Forschungen V. Lougas' hat sich der Fokus verstarkt auf den skandinavischen Bereich gerichtet, wurden keramische Siedlungsfunde zu Vergleichen mit den estnischen herangezogen. Spater hat H. Jaanusson in ihren Arbeiten wiederholt die Asva-Keramik und deren Ausbreitung im Kommunikationsraum Ostsee thematisiert. Im Fokus ihrer Untersuchungen, ausgehend von der Analyse des keramischen Fundmaterials der Bronzezeitsiedlung von Hallunda (im Malargebiet), hat sie sich mit dem Verhaltnis zwischen nordischer Bronzezeitkeramik und den Keramikstilen der sog. Lausitzer bzw. mittel- und osteuropaischen Urnenfelderkulturen beschaftigt (Jaanusson 1981; 1985; 1988). In dieser Angelegenheit diskutierte sie die Rolle lokaler Topfertraditionen, die moglichen Vermittlungswege von Keramikstilen und die geographischen Grenzziehungen zwischen verschiedenen keramischen Kulturen im Ostseeraum. Die Asva-Keramik tritt in ihren Arbeiten wiederholt als Synonym fur eine ostliche Stilprovinz auf.

Interesse an der estnischen Bronzezeitkeramik auf Seiten schwedischer Archaologen bestand bereits vor Jaanusson und ihren Untersuchungen. Ausschlaggebend waren Scherbenfunde aus einigen spatbronzezeitlichen Fundplatzen Ostschwedens, darunter Darsgarde in Uppland, die sich in Stil und Machart von ortlichen Keramikgruppen abhoben und fur die eine ostliche Herkunft oder Beeinflussung vermutet wurde. Thematisiert wurden dabei jene Dekormerkmale wie Grubchenverzierung, Besenstrich- und Textilabdrucke, die an der Keramik der Malargegend an und fur sich fremd sind (Ambrosiani 1959, 121, Abb. 6-7). Jene einfachen, schwach gegliederten Gefassformen mit Grubchenreihen und Wickelschnurstempeln kannte man bis dato nur von alandisch-westfinnischer und estnischer Keramik. In der Folge wurden den estnischen Kustensiedlungen Kontakte mit Ostschweden und umgekehrt nachgesagt, auch hielt man fur denkbar, dass die fremden Gefasse zusammen mit Menschengruppen aus dem Ostbaltikum in ostschwedische Gegenden eingefuhrt wurden (ebd.; Indreko 1961, 420; Jaanusson 1981, 123).

Jaanusson hat die mittelschwedischen Beziehungen zur 'ostlichen Keramikprovinz' (eastern pottery province) deshalb thematisiert, weil das von ihr bearbeitete Keramikmaterial der Hallunda-Siedlung ebenfalls Anteile jener Fremdkeramik von der Art Darsgarde enthielt. (161) Die dort auftretenden Merkmale Besenstrich, Textilabdruck und Grubchenzier galten bereits als allgemeinkulturelle Marker sowohl der Asva-Keramik (ceramics of Asva-type) als auch der epineolithischen 'Kummerkeramik' der osteuropaischen Waldzone (Jaanusson 1981; 1985, 39). Da man von gewissen nordischen Einflussen im Fundmaterial der estnischen Bronzezeitplatze wusste (etwa an den Bronzen), glaubte man jene wechselseitigen Kontakte und Einflusse sowohl in den westlichen (Nordic-Lusatian) als auch in den ostlichen Keramikprovinzen erkennen zu mussen. Die vereinzelten Funde von Rauhwandtopfen in Asva und Ridala wurden wiederholt als Belege dafur herangezogen (ebd., 58 ff., 123, Tab. 9).

Was es mit der besagten, ostlich beeinflussten Darsgarde-Keramik auf sich hat, ist bei Synnove Reisborgs Einfuhrung in die Analyse der Siedlungskeramik von Dargsarde zu erfahren (1989). Dort legt sie ihre Beobachtungen zum Formengut und den keramischen Eigenschaften dar, detailliertere Untersuchungen zu dieser keramischen Stilgruppe wurden angekundigt, deren Veroffentlichung ist aber bislang ausgeblieben.

Das Spektrum an Gefasstypen in der Darsgarde-Keramik ist vielfaltig, auch polierte Schalen mit S-Profil und Henkelschalen zahlen dazu (Reisborg 1989, 94, Abb. 4: 6, 5: 8; letztere nur erwahnt). Es gibt Topfe mit Trichterhals und S-Profil sowie Doppelkoni, Kegel- und Zylinderhalsgefasse, auch Becher- und Tassenformen (ebd., 97 f., Abb. 5), alles in allem sichtbare Anklange an urnenfelderzeitliches Formengut sog. Lausitzer Stilpragung. Aus der Siedlung stammen zudem ein Tullenbeil vom Malartyp und zerschlagene Ringgussformen, wie sie u. a. auch aus Asva bekannt sind. Nur ein Teil der Keramik zeigt die fraglichen, ostlichen Gestaltungsmerkmale, hauptsachlich in der Verzierung (Grubchen, Wickelschnur etc.) und dem haufig nachgewiesenen Besenstrich (61% bei 1323 Scherben; ebd., 93, Abb. 4: 1-3). Reisborg bemerkt gewisse Diskrepanzen in der Qualitat der Waren und suchte die Erklarung in einer Trennung der Keramikgruppen nach verschiedenen Besiedlungsphasen. Somit verfolgt sie den hypothetischen Untersuchungsansatz einer Trennung der Keramik nach Jungbronzezeit und Vorromische Eisenzeit. Daraufhin werden Tontyp, Gefass- und Randform verglichen und gruppiert, doch bleibt es bezuglich der Oberflachentypen und Ornamentierungsweisen nur bei Schlussfolgerungen pauschaler Art (ebd., 102 ff.). Man erfahrt noch nicht, in welcher Beziehung Besenstrich und Grubchenzier zu den jeweiligen Warengruppen stehen.

Wiederholt wird auf Parallelen mit der Asva-Keramik verwiesen, allerdings sind jene an der Darsgarde-Keramik haufig vorkommenden Wickelschnurabdrucke, i. d. R. kombiniert mit Grubchenreihen, fur die estnische Gruppe eher untypisch. Gleiches gilt auch fur die gewinkelten Kammabdrucke (siehe Ambrosiani 1959, Abb. 8-9). Annahernd vergleichbare Motivlosungen (und Kombinationen) mit Wickelschnurstempeln gibt es nur unter der Keramik von Iru. Aus den Beobachtungen Reisborgs wird wahrscheinlich, dass es sich bei den besagten ostlichen Merkmalszugen in der Keramik um Erscheinungen handelt, die in die entwickelte Vorromische Eisenzeit gehoren, was auch die fehlenden Gemeinsamkeiten mit der Asva-Keramik erklaren wurde. Auch V. Lang (2007b, 133, Abb. 62: 1, 3) hat Bezuge zwischen der Darsgarde-Keramik und Scherbenfunden mit Kammstempeln aus Iru bemerkt, die er allerdings der Phase der spaten Vorromischen Eisenzeit zuordnet (in die Periode vor 200 BC.). Was die Osteinflusse bzw. die vielzitierten Bezuge zwischen der ostschwedischen und ostbaltischen Bronzezeitkeramik betrifft, so wird deren Bedeutung durch Reisborgs Untersuchung zugunsten von stilistischen Gemeinsamkeiten mit der finnischen Morby-Keramik relativiert (Reisborg 1989, 86-93, 102-104).

Es gibt noch weitere Fundorte mit Keramik im Malargebiet, denen Verbindungen zur Asva-Keramik nachgesagt werden. In einem Siedlungsplatz von Sjoberg, unweit Stockholms, wird Keramik mit Besenstrich und Grubchen als eine pottery of Baltic type oder Asva pottery deklariert. Form und Gestaltung der Gefasse indes lassen sich aus der schlechten Erhaltung der Scherben nicht rekonstruieren (siehe Olausson 1993, 84 ff., Abb. 12; Eriksson 2009, 248). Grubchen- und Ritzverzierung in Verbindung mit Textilabdrucken kommen vor, sind aber der Darsgarde-Keramik eindeutig naherstehend als derjenigen von Asva. Dazu kommen die Ungenauigkeiten in der Datierung der Sjoberg-Siedlung. (162)

Zu den etwas strapazierten Vergleichen mit ostbaltischer Bronzezeitkeramik kommen noch Missdeutungen und Schwierigkeiten bezuglich Chronologiefragen hinzu. Problematisch ist die zuweilen beanspruchte Fruhdatierung der AsvaSiedlung in die Montelius-Periode IV (z. B. Lang & Kriiska 2001, 98 f.), obwohl das gesamte Fundmaterial auf eine spatere Entstehungszeit weist. (163) In der schwedischen Forschung bezieht man sich noch immer auf dieses hoch angesetzte Alter der Siedlung und seiner Keramik (P IV) (z. B. Eriksson 2009, Tab. 1). Das ist insofern von Bedeutung, als dass die Asva-Keramik mit der Siedlungskeramik aus Hallunda und Darsgarde in Verbindung gebracht wird, obwohl die schwedischen und estnischen Fundplatze offenkundig in verschiedenen Perioden existierten. Hallunda ist nach Ausweis der Metallfunde und einiger (unkalibrierter) Radiocarbondaten in die Periode P IV datiert worden. In der Tat tragen die Topfe, Henkelschalen und Tassen der Siedlung unverkennbare Merkmale der danisch-sudschwedischen A-Gruppenkeramik (nach Bjorhem & Safvestad 1993; Jaanusson 1981, 23 ff., Abb. 31-39). An der Asva-Keramik werden, wie bereits erwahnt, nur stilistische Gemeinsamkeiten mit dem jungeren B-Horizont sichtbar. Auch kommen die aus Asva bekannten Osen, Griffknubben oder -lappen in der Hallunda-Keramik nicht vor (vgl. Jaanusson 1981, 95 ff., Abb. 43). Die Keramikgruppen von Hallunda und Asva sind lediglich in Bezug auf die Vielfalt der Henkel- und Griffformen vergleichbar, ohne dass sich direkte Gegenuberstellungen ergeben wurden.

Der hier nur kurz umrissene Themenkomplex 'Hallunda-Darsgarde-Asva' hat die jungere Diskussion der Frage nach den Vermittlungswegen der estnischen Knickwand- und Henkelkeramik wesentlich mitbestimmt. Diese wurde insbesondere von Jaanusson in neue Richtungen gelenkt. Die von ihr propagierten Verbindungen zwischen Schweden und dem Ostbaltikum wahrend der Bronzezeit hatten sich in der Ausbreitung der Besenstrich- und Textilkeramik niedergeschlagen und schliesslich auch in der in Asva und Ridala vorkommenden Rauhwandkeramik (Jaanusson 1981, 123). Demnach ergibt sich fur die Knickwandschalen und Henkelgefasse der Asva-Gruppe die Erklarungsmoglichkeit einer nordischen Vermittlung. Die Gefasse 'Lausitzer' Machart seien Jaanusson zufolge nicht aus dem Suden uber die Ostsee, sondern aus dem Westen nach Estland gelangt. (164) Dies versuchte sie schliesslich anhand von Kartierungen der Gefassformen mit S-Profil und einziehendem Mundungsrand belegen zu konnen. Aus der Fundkarte Jaanussons konne man folglich einen von Westen nach Osten gerichteten Verbreitungsweg der Knickwandgefasse (mit einziehendem Rand) herauslesen, mit dem Argument, dass es im sudlichen Ostseeraum an entsprechenden Gefassformen zu fehlen scheine. Fahrlassig in dieser Argumentation ist jedoch die sehr grob gefasste Gruppierung von Hochund Breitformen unter einer an sich unspezifischen Kategorie der sog. restricted carinate vessels. Demzufolge zahlen grobkeramische Topfe und feinkeramische Schalen (auch mit Henkeln) gleichermassen dazu (Jaanusson 1981, 90 ff., Abb. 42). Auch ist der Zeitrahmen vergleichsweise breit gefasst (Montelius P IV-VI)--alles in allem sehr pauschale Formkriterien also, ohne spezifische Gefass- und Funktionstypen. Ausserdem bleiben potentielle Vergleichsfunde aus Siedlungs- und Graberfunden des 'Lausitzer' Kerngebiets ganzlich unberucksichtigt. Profilierte Gefasse mit einziehendem Rand sind bekanntlich kein ausschliesslich sudskandinavisches Phanomen, obwohl es der Fundkarte nach und dem weiten fundleeren Gebiet zwischen Weichsel und Oder zunachst den Anschein hat. Zwar hat Jaanusson in ihrer vergleichenden Keramikstudie mindestens 15 raumlich locker streuende Platze in ostdeutschen und polnischen Gebieten einbezogen, um eine annahernd reprasentative Vergleichssituation zu schaffen (alle P IV-V; Jaanusson 1981, 56 f., Abb. 23, Tab. 1). Die faktische Uberlieferungssituation ist aber eine andere als auf der Karte abgebildet. Wie oben dargelegt, sind Gefasse mit den Merkmalskriterien (carinate restricted)--auch wenn nur auf den Gefasstyp Schale angewendet--im gesamten Untersuchungsgebiet in nahezu allen Keramikgruppen Nordisch-Lausitzer Stilpragung anzutreffen. Auch wenn die Idee einer westlichen, d. h. nordischen, Vermittlung einiges fur sich hat, so fehlt es noch immer an der uberzeugenden Beweisfuhrung fur eine Bezeichnung der Asva-Schalen als Lusatian bowls of Nordic origin (Lang 1991, 49; 1995b, 54 f.).

Die jungst vorgelegten Untersuchungen Thomas Erikssons (2008; 2009) an Siedlungs- und Graberkeramik Mittelschwedens unter Fragestellungen der Kontinuitat und des Bruchs in den dortigen Bronze- und Eisenzeitgesellschaften gehen u. a. auch auf die sich in der Keramik niederschlagenden Fremdeinflusse ein. Eriksson konnte feststellen, dass im Laufe der fruhen Metallzeiten grundlegende Veranderungen in den Ess- und Tischsitten der Bewohner des Malargebiets Einzug hielten. Archaologisch lasst sich dies im drastischen Ruckgang der Keramikformen und in der vereinfachten Gestaltung der Gefasse im Ubergang von der Spatbronze- zur Fruheisenzeit beobachten. Polierte und gut geglattete Henkelund Knickwandgefasse, die als Anzeiger ritualisierter Ess- und Trinkgewohnheiten gedeutet werden, verschwinden in der fruhen Eisenzeit. Die vormals typisch bronzezeitlichen Behandlungs- und Verzierungsweisen an der Keramik (Politur, Rauhung, Handhaben) finden sich in Siedlungen und Grabern der zweiten Halfte des ersten Jahrtausends v. u. Z. nicht mehr, auch die Verarbeitung der Gefasse wird insgesamt qualitativ schlechter bzw. grober und mit Besenstrich verzierte Keramik halt allmahlich Einzug. Insofern von Interesse auch fur die AsvaKeramik sind diese Beobachtungen, weil der bronzezeitliche Leistendekor an Topfen, anders als in Teilen Sudschwedens und Danemarks, in Mittelschwedens Keramik nicht angenommen wurde (Eriksson 2009, 279). Eriksson stellt weiter fest, dass die Technik der Politur und Glattung, einhergehend mit der Oberflachenschwarzung mittels Rauchbrand, fur Mittelschweden bereits an Keramik der Alteren und Mittleren Bronzezeit nachgewiesen werden kann (ab P II mittels AMS-Daten; Eriksson 2008, 48, Abb. 2; 2009, 279). Diese Art von Fein- und Henkelkeramik ist in Mittelschweden bis in die Periode IV regelmassiger Bestandteil im Fundmaterial von Siedlungen und Grabern. In darauffolgenden Zeitstufen kommt sie zwar weiter vor, doch sind polierte oder aufwendig geglattete Schalen innerhalb der jungeren Bronzezeit tendenziell stark rucklaufig und nicht mehr in der gewohnten Haufigkeit und Vielfalt prasent, bis sich deren Gebrauch im Laufe der Vorromischen Eisenzeit schliesslich ganz verliert. (165) Bemerkenswerterweise ist das allmahliche Ausbleiben der Henkel- und Knickwandgefasse in Mittelschweden zeitlich mit der Lebensdauer der Asva-Keramik zu synchronisieren (P V-VI). Die Auswahl an aufgezeigten keramischen Leitformen der Spatbronze- und Fruheisenzeit des Malargebiets ist begrenzt, jedenfalls findet sich dort keine der profilierten Schalen und Henkelformen der Asva-Keramik wieder.

Nennenswert sind indes einige publizierte Funde aus dem namlichen Gebiet, aus Lunda auf der Insel Lovo unweit Stockholms (Petre 1982). Aus der spatbronze zeitlichen Siedlungsschicht kamen einige Schalen zutage, die denen aus Asva und Ridala durchaus ahnlich sind. Keramik (2158 Scherben) wurde nur auszugsweise aus dieser Siedlung veroffentlicht, doch werden gewisse Ubereinstimmungen zwischen den abgebildeten Gefassfragmenten und der estnischen Feinkeramik sichtbar. Einige zeichnen sich durch strenge Profilierung und Betonung der scharfkantigen Knickwand aus, in einem Fall erganzt durch eine herausmodellierte Wulst. Die Schalen haben den typischen Schwarzglanz und Politur- und zwar so, wie sie an einigen Asva-Schalen der qualitatvollsten Warengruppe vorkommen. Nicht unerwahnt bleiben soll das Bruchstuck eines Osenhenkels in der charakteristischen Form einer Doppelknubbe, das von einer Schale stammen konnte. Bei Letzterem handelt sich dabei offenkundig um ein zeit- und kulturgruppenspezifisches Merkmal (Abb. 114: 2; vgl. Taf. 49: 1), die Parallelen lassen an gleiche Vorbilder in der Herstellung schwedischer und estnischer Henkelkeramik denken. Bo. Petre datiert die Keramik pauschal in die Bronzezeitstufen IV-V (nach Montelius), wegen mutmasslicher Ahnlichkeiten mit dem Material aus dem benachbarten HallundaFundplatz (1982, 45). Die Lovo-Keramik kann darum ebenso junger sein und zeitlich dem Asva-Horizont entsprechen (P V-VI).

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Wie auch aus der regional gruppierten Verteilung typengleicher Metallfunde im Ostseeraum zu ersehen (Beispiel Harnevi-Nadel aus Asva), sind gewisse Beruhrungspunkte und Parallelen in der Keramik zu erwarten, aber im archaologischen Material bislang kaum sichtbar.

Es zeigt sich, dass gewisse Analogien zwischen der Keramik der AsvaGruppe und anderer Ostsee-Anrainerregionen begegnen. Sie haben aber meist (eklektischen) Einzelfallcharakter, was offensichtlich durch die noch schwer uberschaubare Forschungs- und Publikationssituation bedingt ist. Die Erfassung der sich in den Keramikstilen niederschlagenden Kontakte und Beziehungen zwischen Bronzezeitgemeinschaften der besprochenen Regionen gestaltet sich als schwierig, auch wegen Datierungsungenauigkeiten bezuglich einiger Keramikstile und -gruppen.

8.10.7. Gotland

Mit kunftigen Beobachtungen und Ergebnissen im Bereich der Erforschung des bronzezeitlichen Siedlungswesens auf Gotland verknupfen sich derzeit hohe Erwartungen im Hinblick auf das hiesige Thema. Gotland ist vor allem fur seine monumentalen Steinhugelgraber, die vielen Steinschiffssetzungen und Felsbilder aus der Bronzezeit bekannt (siehe Martinsson-Wallin 2010; Wehlin 2010). An indirekten Anzeigern zur Siedlungsaktivitat mangelt es auf der Ostseeinsel nicht. Dazu kommen noch die zahlreichen, dicht gestreuten Metallhorte und Einzelfunde. Das Problem der gotlandischen Bronzezeitforschung besteht seit Harald Hanssons (1927) grundlegender Untersuchung noch immer: Es mangelt schlichtweg an bekannten Siedlungsplatzen. Hinweise bezuglich Dauer und Verortung der Siedlungsaktivitaten sind nur uber andere Quellengruppen (Graber, Hort- und Einzelfunde) zu gewinnen (Hansson 1927, 95 ff.).

Was die Uberseekontakte zwischen den Inseln Gotland und Saaremaa anbelangt, so gibt es dafur nur vereinzelte Belege. Bislang sind die Grabergruppen der Steinschiffssetzungen auf Saaremaa und in Kurland ihrerseits prominente Beispiele fur die lokale Adaptionen von Bestattungssitten, deren ideelle und religiose Ursprunge auf der Insel Gotland zu suchen sind (Lang 2007b, 164 ff.; Wehlin 2013). Bemerkenswerterweise verhalt es sich mit Saaremaa bezuglich der Siedlungsfunde in gegensatzlicher Weise. Anders als in Gotland ist die materielle Bronzezeitkultur der estnischen Ostseeinsel nur anhand der Siedlungsplatze uberliefert, wahrend es an entsprechenden bzw. zeitlich zu parallelisierenden Funden oder kulturellen Markern aus dem Grabermilieu der Asva-Gruppe bislang ganzlich fehlt.

Auf Gotland ist die Ausbeute an bronzezeitlicher Siedlungskeramik ausgesprochen klein. Auch halten die dortigen Graberfunde, insofern archaologisch naher untersucht, nur wenig an keramischen Gefassbeigaben bereit. Auch tragt die schlechte Erhaltung bzw. Qualitat der wenigen Urnengefasse zu dieser Problemsituation bei. Fur kulturelle und stilistische Vergleiche zwischen estnischer und gotlandischer Bronzezeitkeramik fehlt es somit an grundlegenden Voraussetzungen.

Das bis dato bekannte keramische Gefassformenspektrum der Perioden IV-VI (nach Montelius) ist uberschaubar und beschrankt sich auf wenige von Hansson vorgelegte Urnen- oder sonstigen Gefasstypen. Eine eigene Gefasskategorie vertreten die einteiligen Hausurnen der Schiffssetzungen (mit Rechteckoffnungen). Im Ubrigen wurden als Urnengefasse Kegelhalstopfe und Doppelkoni verwendet (Hansson 1927, Taf. 35: 165, 37; 39: 168-169, 40: 172). Alles in allem handelt es sich dabei um Keramikformen, die ostlich der Ostsee in Grabern dieser Periode Ausnahmeerscheinungen darstellen und mit der Asva-Keramik nichts gemein haben. Dennoch gibt es vereinzelte Hinweise, dass auf Gotland wahrend der Bronzezeit auch Gefasse von feinkeramischer Machart und Gestaltung in Gebrauch waren. Aus einem Steinkistengrab stammt eine profilierte Tasse mit streng doppelkonischer Form und abgesetztem Standboden sowie einem randstandigen, gefurchten Bandhenkel (Blasnungs, Vastkinde; Hansson 1927, 60, Taf. 39: 170). Aus einer Steinschiffssetzung in Soby-Stenkyrka ist ein ahnliches Henkelgefass aufgetaucht, ebenfalls flachbodig, mit einziehendem Oberteil und dem gefurchten, randstandigen Henkel (Abb. 115: 2).166 Der Fund aus Soby, mit dem groben, dickwulstigen Henkel lasst sich gut mit dem Knickwandgefass aus einer der Steinschiffssetzungen von Sorve, Saaremaa, vergleichen (Lougas 1970b, Abb. 40: 2). Es sind eben jene Henkelgefasse, die auch in verschiedenen bronzezeitlichen Schiffssetzungen Lettlands wiederkehren (siehe Graudonis 1967, Taf. XLII: 4, 6, 8). Es lassen sich also gewisse ideelle Verbindungen in den bronzezeitlichen Vorstellungswelten der schwedischen und estnischen Inseln herstellen, zumindest gibt sich dies in der Errichtung der Graber und in den Beigabenausstattungen (Gefassformen) zu erkennen.

Der Fund einer reich verzierten Schale aus Lekarehed, aus dem Steinhugelgrab Nr. 5 (untersucht im Jahre 1878; Mitteilung Joakim Wehlin per Mail vom 09.06.2014; auch Wehlin 2013, 215) ist besonders interessant, aber bis dato von Einzelcharakter unter den gotlandischen Keramikfunden. In punkto Gestaltung und Kombination von Osenhenkel und Abrollstempel ruckt das Gefass namlich in nachste Nahe zu den Henkelschalen Asva-Keramik (Abb. 115: 1).

In einer 1959 untersuchten Steinkiste (Nr. 8/59 A-B) mit zwei Brandgrabern in Prastgarden, Gemeinde Fole, ist eine glattpolierte Henkelschale aufgetaucht. Die Form des S-Profils und eine den Umbruch umlaufende Reihe feiner Kerbeindrucke erinnert in der Machart einiger aus Asva bekannter Stucke. Vom Henkel ist nur die Ansatzbruchstelle erhalten. Das Gefass ist vergleichsweise klein, misst 13 cm bzw. 7,4 cm am Mundungsdurchmesser bzw. in der Hohe. Die Beifunde (u. a. Rasiermesser) datieren das Gefass in die spate Bronzezeit (P IV-V). (167)

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Aufgrund der oben beschriebenen Forschungssituation beschranken sich die Parallelen zur estnischen Bronzezeitkeramik bislang allein auf wenige gotlandische Graberfunde.Wie eingangs angesprochen, steht die Forschung noch immer vor der Schwierigkeit, bronzezeitliche Siedlungsplatze auf Gotland uberhaupt zu lokalisieren. Mittlerweile konnten mit einigen Fundplatzen fossiler Acker- und Feldraine sowie Stellen mit sog. Kochsteinhugeln weitere archaologische Anzeiger fur Siedlungstatigkeit gewonnen werden (Carlsson 1979, 59 ff.; Runesson 2010, 81, 86). Doch Befunde von Hausbauten bleiben noch immer aus. Das Wenige an Keramik aus Siedlungsgruben ist schlecht erhalten, von grober Machart, i. d. R. stark verscherbt und kleinteilig. Selten veroffentlichte Siedlungskeramik bietet aus diesem Grunde wenig an datierenden und typenvergleichenden Anhaltspunkten (vgl. Carlsson 1979, 61 f., Abb. 41; Silven 1954, 27 ff., Abb. 10). Das Problem des Mangels an verwertbarem Siedlungsmaterial, speziell an Bronzezeitkeramik, gilt es noch zu losen und kunftige Ergebnisse aus Siedlungsgrabungen abzuwarten.

8.10.8. Alandische Inseln

Nicht unerwahnt bleiben durfen die alandischen Bronzezeitfundplatze auf der finnischen Inselgruppe am Eingang zum Bottnischen Meerbusen, nordlichen Teil der Ostsee. Die in den 1940er und 1950er Jahren ausgegrabenen Platze Tjarnan, Gemeinde Saltvik, und Otterbote, auf der sudwestlich vorgelagerten Insel Kokar, lieferten jeweils reichlich Siedlungskeramik der jungeren und spaten Bronzezeit. Bereits auszugsweise wurde das Fundmaterial der Siedlungen dieser westfinnischen Inselgruppe von C. F. Meinander (1954b) vorgestellt. Vor kurzem hat sich Kenneth Gustavsson in seiner Dissertation (1997) ausgiebiger mit dem Keramikmaterial des Fundplatzes von Otterbote befasst und mit seinen Beobachtungen zu Stil und Technik der alandischen Keramik fur Aufmerksamkeit in der Bronzezeitforschung gesorgt. Diskutiert werden namlich auf Grundlage seiner Materialstudien und Keramikanalysen mutmassliche Langstreckenverbindungen zwischen der finnischen Inselgruppe und Kustengebieten des sudlichen Ostseeraums, wobei sogar der Versuch gemacht wird, den Import von Keramikwaren aus polnischen Gebieten nachzuweisen. Diese Direktverbindungen zwischen Aland und Nordpolen sieht Gustavsson in mobilen und saisonalen Tatigkeiten bronzezeitlicher Robbenfanger begrundet. Interessant in Bezug auf die Asva-Thematik sind Gustavssons Beobachtungen deshalb, weil der Robbenfang auch eine wichtige Rolle in den bronzezeitlichen Siedlungsokonomien im estnischen Insel- und Kustengebiet spielte. Etwaige Saisonfahrten, in denen die Bewohner der Insel Saaremaa von Zeit zu Zeit auch Regionen weit ausserhalb der ublichen Jagd- und Fangzonen erreichten, boten eine mogliche Erklarung fur die sich im ortlichen Keramikspektrum spiegelnden Fremdeinflusse.

Die alandische Siedlungsware, besonders die fingergefurchten Rauhwandtopfe, weist Verbindungen in den ost- und sudschwedischen Kustenbereich auf (Gustavsson 1997, 67 ff.). Dennoch zeigen einige Merkmale der Otterbote-Keramik, so die Grifflappen und Knubben, ein noch grosseres Verbreitungsgebiet an, dass nicht nur das schwedische Festland (und Bornholm), sondern auch polnische Gebiete zwischen Oder und Weichsel einschliesst. Gustavsson hat nun diesen Aspekt der raumlichen Stil- und Merkmalsverbreitung in den Mittelpunkt seiner Untersuchung gestellt und sich den Keramikfunden mit archaometrischen Methoden angenommen. Den stilistischen und technischen Parallelen an der Bronzezeitkeramik der polnischen und norddeutschen Kustengebieten und der alandischen Inselgruppe wurde uber Direktvergleiche an Testscherben aus Aland, Bornholm und Pommern auf den Grund gegangen. Diese Versuche, begleitet von einer petrographischen Mikroskopie (von Birgitta Hulthen durchgefuhrt) und einer palaoethnobotanischen Analyse, zogen zunachst bemerkenswerte Ergebnisse mit sich (Gustavsson 1997, 86, 108 f., 149, Appendix 2 & 8). Man schien zum Nachweis gelangt, dass in der Herstellung alandischer Keramik kein lokaler Ton verwendet wurde. Diese Feststellung wurde durch die spezifische Zusammensetzung und Qualitat des Otterbote-Tons begrundet. Fur die 27 Testscherben aus Otterbote konnte namlich kein entsprechender Ton aus der Umgebung gefunden werden, auch wurde die Zusammensetzung der verwendeten Tone als fur die ostschwedisch-westfinnische Region untypisch erachtet. An einer der Scherben aus Otterbote wurde das seltene Leucit festgestellt, ein mineralisches Bestandteil, welches nach Gustavssons und Hulthens Auffassung nicht in dieser Gegend nachweisbar sei. Zudem habe der Grossteil der getesteten Keramik in Magerung und Tonqualitat ein sehr homogenes Muster gezeigt, das 'fast exakt' mit vier von sechs getesteten Scherben polnischer Keramik aus dem Danziger, Posener und Warschauer Raum ubereinstimme. Als eine wahrscheinliche Kontakt- und Einfuhrregion kame sogar das Odermundungsgebiet in Frage (z. B. Kreis Chojna). Ausserdem ist die breite, an der Keramik identifizierte Spanne (mindestens zehn) verschiedener Pflanzen- und Getreidearten verbluffend (u. a. Hirse, Gerste und diverse Kornarten). Es liegt also nahe anzunehmen, dass nicht alle Sorten auf den Scharen heimisch gewesen sind bzw. dort angebaut wurden (Gustavsson 1997, 103, 109, Appendix 4). Das gilt insbesondere fur die an einigen Scherben von Otterbote nachgewiesenen Hulsenfruchte (Kichererbse, Platterbse), die als klimatisch ausgesprochen anspruchsvoll und sensibel gelten.

Erst vor kurzem hat Thomas Eriksson (2009, 44 f., 278) in seiner Dissertation begrundete Zweifel an der 'Lausitzer' Herkunft der Gefasskeramik von Otterbote angemeldet, dabei die Methodik und Argumentationsgrundlage Gustavssons hinterfragt. Sein Vorwurf bezieht sich auf die zu geringe Menge an Vergleichsund Referenzdaten (Testscherben), was zur Verfalschung der tatsachlichen Verhaltnisse beitragen konne. Gleichzeitig widerlegt er die Beweisfuhrung in Bezug auf die mineralischen Granitbestandteile und deren lokalspezifischen Vorkommen mit neuen Informationen. Zunachst sei das Myrmekit in der Herkunftsfrage wenig entscheidend, weil sich dessen regionale Verbreitung nicht nur auf alandische und polnische Gebiete allein beschranke. Auch das besagte Leucit sei ein wenig bezeichnendes Fremdmerkmal, zumal es durchaus Nachweise des seltenen Minerals auf dem schwedischen Festland gabe. Hinsichtlich der Vielfalt an Pflanzen- und Samenabdrucken auf der Otterbote-Keramik relativiert Eriksson deren besonderen Charakter und weiss von diversen schwedischen Fundplatzen mit Vorkommen ahnlicher Gersten- und Weizenreste sowie der Ackerbohne (ebd., 44 f., 278). Dennoch ist und bleibt das Auftreten von Hirseabdrucken an Bronzezeitkeramik in Aland, ein anderer Fund stammt aus Uppland, ein Kuriosum. Wie bei den Hulsenfruchten sei deren Anbau unter den klimatischen Bedingungen in diesen nordlichen Gegenden schwerlich vorstellbar.

Die [sup.14]C-Datierungen (Keramik) und Thermolumineszenzbestimmung (aus Harzen) ergeben ein Alter der Otterbote-Siedlung zwischen 1200-900 BC bzw. 1300-1000 BC (TL), was relativchronologisch mit der Montelius-Periode IV gleichzusetzen ist. An stratigraphischen Beobachtungen, die eine vermutete (saisonale) Mehrfachbesiedlung belegen, fehlt es. Allein aufgrund dieser Fakten erubrigt es sich, nach Gemeinsamkeiten oder Parallelen im Fundmaterial von Otterbote und Siedlungen der Asva-Gruppe zu suchen, da letztere offenkundig jungeren Alters sind. Die wenigen Schalengefasse (sechs Stuck) und vereinzelten Handhaben aus Otterbote sind schlecht erhalten. Es werden dennoch Politur und profilierte Randformen erwahnt. Den Skizzen der Typentafeln zu entnehmen, scheint es sich um tiefe Breitformen im Sinne von Schusseln zu handeln (Gustavsson 1997, 63, Abb. 64). (168) An Knickwand- und Henkelgefassen sind in Otterbote zahlenmassig ohnehin nur wenige vertreten. Stilistische Bezuge zur Asva-Keramik gibt es bei den Breitformen kaum. Indes begegnen in der Otterbote-Keramik die tonnenformigen Topfe (mit Rauhung oder Besenstrich), die sog. Robbentrangefasse (ebd., Abb. 62: b; Matiskainen 1998).

Letztlich bleiben noch die Funde aus Tjarnan. Der Siedlungsplatz, im Nordosten der Hauptinsel Fasta Aland gelegen, ist offenkundig jungeren Alters als Otterbote und datiert in die Perioden V-VI. (169) In der Art der Keramik gibt es merkliche Unterschiede, u. a. die Qualitat der Tongefasse betreffend. Interessant erscheint, dass Meinander (1954b, 150) auch dort zwei Warengruppen unterscheidet. Gegenuber Gefassen von sehr grobem Topfergut (Vorratsgefasse) sei die Machart der kleineren Gefasse auffallend fein. Wie in Asva lasst sich grubchenverzierte Kummerkeramik von Henkel- und Knickwandschalen trennen (Meinander 1954b, 134 f., Taf. 19: a-g, 20: k-n, 21: a-f; Gustavsson 1997, Abb. 96 [Schale]). Unter den feinkeramischen Stucken sind auch Asva-typische Grifflappen und Doppelknubben (auch durchlocht). Mindestens sechs solcher profilierten, z. T. mit Handhaben versehenen Schalen stammen aus Tjarnan. Meinander wusste von ahnlichen Schalen aus dem Lausitzer Keramikkreis (Lausitzkultur), aus Danemark (Voldtofte) und aus Asva (mindestens eine profilierte Schale). An der skandinavischen Herkunft der Schalen und Rauhwandtopfe von Tjarnan (und Otterbote) bestehe ihm zufolge kein Zweifel (ebd., 151).

8.10.9. Finnland

In der Asva-Keramik gibt es auch Bezuge zur Bronzezeitkeramik des finnischen Festlands. Dies betrifft die Keramikgruppe von sog. epineolithischer Fazies, also jungsteinzeitlicher Tradition. Die uber lange Zeitraume und weite Regionen Finnlands hinweg unveranderte Formung und gleichbleibend grobe Machart der Keramik erschwert chronologische oder regionalstilistische Eingrenzungen. Dabei sind Grubchendekor, Besenstrich und Textilabdrucke die gelaufigsten Merkmale, allerdings an grobgemagerten und wenig profilierten, flachbodigen Topfen. Ein typischer Vertreter jungerbronzezeitlicher Keramik im sudlichen Finnland ist die sog. Paimio-Ware. Diese ist u. a. durch Dickwandigkeit, grobe Magerung und einoder zweireihige Grubchenverzierung gekennzeichnet, die Gefassformen haben ein schwach ausgebildetes S-Profil (Meinander 1954b, 167 ff.; Asplund 2008, 205 f., Abb. 97). Textilabdrucke sind an Gefassen der finnischen Sudregion dagegen vergleichsweise selten (Lavento 2001, 166 f.).

Die sog. Morby-Keramik der Fruh- und Vorromischen Eisenzeit setzt die Tradition der grobkeramischen bzw. 'primitiv' gestalteten Ware des Paimio-Typs fort und bedient sich in der Verzierung der gleichen Dekorelemente (Grubchen). Letztendlich gibt es Tendenzen zu einer haufigeren Gruppierung und Aufteilung der Verzierungsmuster, weg von den Aneinanderreihungen hin zu einer mehr 'rhythmischen' Gestaltung (Asplund 2008, 210 f., 226 f.). Grubchenreihen im Rand- und Schulterbereich der Gefasse sind nicht mehr dominierend, es treten neuere Motivlosungen dazu, etwa die langsovalen, senkrecht angeordneten Stabcheneindrucke, zuweilen in Reihungen und in Doppel- oder Dreifachgruppen. In der Asva-Keramik ist dieses Motiv selten (Taf. 18: 2, 42: 7), aber ofter an der Keramik von Iru anzutreffen (Taf. 57: 4, 5; 58: 1, 2, 5).

Stilistische Bezuge bestehen indes zwischen der finnischen Morby- und der festlandestnischen Keramik vom Ilmandu-Typ, aus dem Graberfeld Ilmandu III. Ahnlichkeiten bestehen in der Verzierung mit Grubchen- und Kerbgruppen und im entwickelten S-Profil der Gefasse. Ausserdem sind in beiden Gruppen Grubchen- und Kerbreihen auf den Randmundungen der Topfe typisch (Lang 2007b, 130 ff., Abb. 61; Asplund 2008, 225 ff., Abb. 102 f.). Innerhalb der Bronze- und Eisenzeitphasen der Siedlung Iru ist der chronologische und stratigraphische Bezug dieser Keramikverzierung zur ubrigen Ware noch unklar. Versuche, den Beginn des Morby/Ilmandu Zeithorizonts absolut zu datieren, scheitern an Kalibrierungsschwierigkeiten in der Radiocarbondatierung. Gegenwartig lasst sich das fruheste zeitliche Einsetzen stilistischer Morby-Merkmale nur uber Kreuzdatierung einiger Grabfundkomplexe in den Zeitraum P V-VI ansetzen (siehe Asplund 2008, 218 ff.).

Es bleibt die Frage nach der Verbreitung Asva-typischer Knickwand- und Henkelkeramik in Gebieten nordlich des Finnischen Meerbusens. Profilierte und mit Henkeln versehene Gefasse stellen unter der finnischen Bronzezeitkeramik noch immer seltene Erscheinungen dar. Es sind einige wenige, vornehmlich sudwestfinnische, kustennahe Siedlungsplatze der Spatbronzezeit, in denen vereinzelt Knickwandschalen aufgetaucht sind (z. B. Rieskaronmaki; Edgren et al. 1984, 115). In Verbindung mit diesen Funden ist von feiner, glatter, manchmal auch polierter Ware die Rede, deren Qualitat (auch Brand) und Formgebung in auffalliger Weise von der Lokaltradition abweicht. Scharfe Gefasskorpergliederung mit leicht konvexer Randpartie zahlt neben aufwendiger Wandglattung zu den Erkennungsmerkmalen einer solchen fremdbeeinflussten Keramikware (Asplund 2008, 209 ff., Abb. 100). Doch was stilistische und morphologische Gemeinsamkeiten zwischen der finnischen und estnischen Feinkeramik anbetrifft, so mangelt es bekanntlich an Untersuchungen und quantitativen Materialvorlagen fur beide Gruppen.

Ausgrabungen der Jahre 1957-1975 auf einem befestigten Hugel in Vanhalinna (finn. Alte Burg) in der Region Lieto, im aussersten Sudwesten Finnlands, haben interessante Keramikfunde der Spatbronze- und Fruheisenzeit zutage gebracht. Unter der Siedlungskeramik sind sowohl die ubliche Grobware sog. epineolithischer Fazies (mit Grubchenzier) als auch feingemagerte, glattwandige Knickwandgefasse vertreten.

Stratigraphisch lassen sich die Funde nicht immer von Gefassresten jungerer Zeitstufen trennen. Bronzezeitkeramik tritt zuweilen vermischt mit Funden aus der Mittleren Eisenzeit auf (ca. 500-700 u. Z.). In der Besiedlungsabfolge sind sich Vanhalinna und Asva also ahnlich. Auch ist die handgemachte Feinkeramik der Mittleren Eisenzeit in bestimmten Form- und Qualitatsaspekten mit der spatbronzezeitlichen vergleichbar. Ohne dekorative Elemente (Verzierung, Handhaben) oder wiedererkennbare Muster in der Magerungsart sind spatbronzezeitliche und mitteleisenzeitliche Scherben zuweilen schwierig auseinanderzuhalten.

Es werden mindestens 34 Gefassfragmente aufgelistet, die als dunnwandig, profiliert und aufwendig geglattet bzw. auch poliert beschrieben werden. Qualitat und Formgebung erinnern den Bearbeiter Jukka Luoto (1984) an Schalen Lausitzer Typs. Die Profilzeichnungen der namlichen Knickwandgefasse zeigen die fur die Schalen der Asva-Keramik ganz typischen Randformen, entsprechend den hiesigen B-Typen II, III und IV. Auch in der Oberflachenbehandlung (Glattung, Politur) und Dunkelglanz stimmen diese mit den estnischen Funden uberein (Abb. 116). Von diesen sind ca. 26 verziert und zwar mit der fur Asva und Ridala typischen Stempelung mittels Ringabrollung. Luoto hat sie als Einkerbungen von Fingernageln beschrieben (1984, 39, 51-53, 122-124), doch geben sich die feinen Abdrucke bei Betrachtung der Abbildungen eher als Abrollungen tordierter Bronzeringe zu erkennen. Es scheint sich bei den Schalen aus Vanhalinna zweifelsfrei um die gleiche Verzierungstechnik wie bei der Asva-Keramik zu handeln. (170) Wie in Asva, Ridala und Iru befinden sich ein- oder zweireihige, gewinkelte oder horizontale Strichgruppen im Bereich des Gefassknicks (Abb. 116). Selbst das Fischgratenmuster aus zwei gegensatzlich verlaufenden Stempelreihen in der oberen Randzone kehrt in Vanhalinna wieder (vgl. Taf. 21: 5). Das Fragment eines schmalen Bandhenkels ist auch unter den dortigen Siedlungsfunden. Dessen Seitenrander zieren parallel verlaufende Reihen feiner Ringabdrucke. Aus Asva F stammt ein ahnlicher Henkel mit Randzier, nur mit zierlichen Kerbreihen anstelle der Abrollungen (Taf. 26: 1). An einem polierten Gefass sind Randpartie und Mundungsrand mit Abrollungen verziert. Unter der Feinkeramik aus Asva E finden sich gleich drei Entsprechungen fur diese Art von Dekor (Taf. 45: 1-3). Bemerkenswert ist also, dass in Vanhalinna gleich mehrere aus Asva bekannte Form- und Verzierungsmerkmale in der gleichen Kombination und Komposition auftreten.

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Bei der Sichtung anderer spatbronzezeitlicher Keramikgruppen im sudlichen und westlichen Ostseeraum fanden sich meist nur Gemeinsamkeiten hinsichtlich Gefassform und Oberflachenbehandlung. Selten geblieben sind uberregionale Vergleiche von Gefassfunden, an denen Formmerkmale (Knickwand), Oberflachenbehandlung (Politur) und Verzierung (Stempeltechnik und Motivik) annahernd ubereinstimmend sind. Mit den feinkeramischen Schalen aus Vanhalinna lassen sich erstmals direkte Bezuge zwischen der Asva-Keramik und einem Fundplatz ausserhalb der estnischen Kustengebiete herstellen. Angesichts der offensichtlich auf einzelne Personenkreise zugeschnittenen, individuellen Gestaltungsweise der reprasentativen Knickwand- und Henkelgefasse sind derartige stilistische und verzierungstechnische Vergleichsmerkmale an estnischen und finnischen Schalen sogar Hinweis auf einen sehr engen Hersteller- und/oder Benutzerkreis.

8.10.10. Zusammenfassung

Das Problem der Herkunft der Knickwandschalen von Asva bzw. der dahinter stehenden technologischen Idee beschaftigte die Forschung seit Langerem. Als potentielle Vermittler kamen zunachst der polnische Ostseekustenbereich oder das sudliche Skandinavien in Frage. Offen blieb indes, welche dieser Regionen oder archaologischen Kulturgruppen innerhalb des sog. nordisch-lusatischen Keramikstilkreises (nach Jaanusson) als wahrscheinlicherer Einflussnehmer auf die estnische Bronzezeitkultur in Frage kame. Die vergleichende Suche nach keramischen Analogien in Gebieten rund um das Ostseegebiet ist von der Pramisse geleitet gewesen, dass Neuerungen und Veranderungen im lokalen Topfergut aus mehr oder weniger direkten und bestandigen Verbindungen mit Menschengruppen von ausserhalb resultieren. Sowohl der Import von Gefassen als auch die Vermittlung gestalterisch und herstellungstechnisch neuer Ideen sei mit Fremdkontakten zu erklaren. Welche Umstande und Faktoren letztendlich an der Stilanregung oder -adaption im ortlichen Topferhandwerk beteiligt waren, ist ebenso zu erortern (siehe unten).

Die grosse Menge an Gefassen mit ihren wechselnden und variierenden Gestaltungsmerkmalen und -details (z. B. Handhaben) aus Asva und Ridala bieten eine gute Ausgangsposition fur Vergleiche mit keramischem Formengut anderer Siedlungsplatze, auch versprechen sie neue mogliche Anhaltspunkte in vergleichenden Datierungsfragen. Doch ist die Erforschung und Veroffentlichung bronzezeitlicher Siedlungskeramik in den Landern des Ostseeraums unterschiedlich weit fortgeschritten, geleitet von eigenen Untersuchungsansatzen und -methoden. Mit der Informationslage zu Bronzezeitsiedlungen verhalt es sich von Region zu Region anders. Das schliesst auch die unterschiedliche Handhabung der noch immer wenigen Fundpublikationen mit ein (so auch Thrane 2008). Anders als fur Gebiete des schwedischen Festlands etwa ist von der Gefassformenentwicklung der Bronzezeitperiode auf der Ostseeinsel Gotland nur allzu wenig bekannt. Bestatigende oder widerlegende Hinweise bezuglich kultureller bzw. stilistischer Verwandtschaften zwischen der gotlandischen und der Asva-Keramik bleiben noch aus, obwohl die Grabformen und Metallfunde 'gotlandischen' Typs im Ostbaltikum Uberseeverbindungen zwischen den beiden schwedischen und estnischen Ostseeinseln vermuten lassen. In der Gotland-Frage ist man nach wie vor auf neue Grabungsergebnisse angewiesen.

Gemeinsamkeiten zwischen der Grobkeramik von Asva sowie danischen und sudschwedischen Siedlungsfunden indes bestehen. Insbesondere fur die tonnenformigen Topfe mit grubchen- und fingertupfenverzierten Leisten finden sich im westlichen Ostseeraum einige relevante Analogien im keramischen B-Horizont (Montelius-Periode VI). Bemerkenswerterweise tritt der typische Gefassdekor (Leiste) nur im sudskandinavischen Bereich auf, im Fundmaterial Mittelschwedens scheint er zu fehlen (Eriksson 2009, 221 f., 279). Zur Keramik der B-Gruppe gehoren auch S-profilierte Schalen mit zum Teil aufwendiger Glattung. Viele der in Asva und Ridala gelaufigen Schalenformen kehren in danischen und sudschwedischen Siedlungen und Graberfunden wieder. In Einzelfallen gelingt es auch, analoge Handhabentypen zu identifizieren (Griffknubben und Osenhenkel). Am hochsten fallt die Trefferquote in der vergleichenden Suche fur Schonen (im Kreis Malmo) aus, Schwedens siedlungsarchaologisch am besten erforschter Bronzezeitregion.

Fur Samland und das ehem. Ostpreussen lassen sich kaum Gemeinsamkeiten mit der Asva-Keramik finden. Das ist nur bedingt auf den Forschungsstand zuruckzufuhren und scheint eher in regionalspezifischen Entwicklungen der Gefassformen begrundet. Knickwand- und Henkelgefasse kommen im Sudostbaltikum erst in der entwickelten Vorromischen Eisenzeit auf, allerdings mit anders gearteten Formmerkmalen als in der estnischen Siedlungskeramik. In nordostpolnischen Gebieten finden sich demgegenuber treffendere Parallelen und Vergleiche mit der Asva-Keramik, wenn auch nur sporadisch, in Graberkontexten. In einem Graberfeld (Chiapowo 2) an der Danziger Bucht etwa wurden Schalen mit S-Profil und Asva-ahnlichen Osenhenkeln als Deckelgefasse von Urnen verwendet. Vieles deutet bei den Urnenschalen jedoch auf kleinregionale Sonderentwicklungen hin, denn Knickwandkeramik ist in Siedlungen nordostpolnischer Gebiete nicht haufig anzutreffen. Fur das ausgiebig untersuchte keramische Fundmaterial der Siedlung Woryty (Ermland-Masuren) ist nur ein verschwindend geringer Anteil an Henkel- und Knickwandschalen im lokalen Gefassspektrum belegt. Auch in der spatbronze- und fruheisenzeitlichen Graberkeramik dieser Region gehoren sie nicht zu den Leitformen. Merkwurdigerweise finden sich polierte oder geglattete Knickwandschalen vom Asva-Typ haufiger in Grabern und Siedlungen landeinwarts gelegener, zentraler Regionen Polens (etwa in Wojewodschaften Grosspolen und Lodsch). In Siedlungen wie Sobiejuchy und Smuszewo finden sich der AsvaKeramik vergleichbare Miniaturgefasse (Ridala, 1 Ex.) und verzierte Tonscheibchen (Asva A/C, 4 Ex.) wieder.

Es mutet zunachst paradox an, dass es vergleichsweise leicht fallt, gemeinsame Gefass- und Dekormerkmale in landeinwarts gelegenen, binnenlandischen Kulturgruppen Polens zu finden, schwieriger dagegen in Kustenregionen. In der bereits seit Langerem von schwedischen und polnischen Forschern gefuhrten Debatte um die Gliederung und Abgrenzung von Keramikstilen sog. Nordischen und/oder Lausitzer Typs sind solche Phanomene wiederholt thematisiert worden (Jaanusson 1981; Dabrowski 1989). Weite, gebietsubergreifende Distanzen im Vorkommen signifikanter Gefass- und Stilmerkmale sind an der Bronzezeitkeramik Mittel- und Nordeuropas wiederholt zu beobachten und scheinen nicht unbedingt aussergewohnlich zu sein. Dreh- und Angelpunkt der Debatte um die Reichweite und Grenzziehung von keramischen Stilprovinzen sind Gefasse oder Gefassgattungen in Siedlungen und Graberfeldern Mittel- und Nordschwedens, die hinsichtlich Formgestaltung, Oberflachenbehandlung, Dekor und Tonverarbeitung in der Tat als sudliche Importe oder davon inspirierte Nachahmungen anmuten. (171)

Von den in der alteren Literatur wiederholt postulierten Stilverbindungen zwischen der Keramik des sog. Lausitzer Kulturkreises und der estnischen AsvaKeramik kann nicht mehr die Rede sein. Anders als in der sudskandinavischen Zone sind im ganzen Ostbaltikum keine der Kegelhals- und Terrinenformen in Siedlungen oder Grabern anzufinden. Zu stark scheint der Konservatismus in den grobkeramischen und eintonig verzierten Topf- und Schusselformen der Siedlungen der Asva-Gruppe ausgepragt zu sein. Schalen mit Politur und Knickwand (oder S-Profil), zweifelsohne typisch fur Gebiete bzw. Kulturgruppen des mitteleuropaischen Urnenfelderkreises, sind indes keine Phanomene der sog. Lausitzer Keramik allein. Mittlerweile steht fest, dass die fruhesten glattpolierten Knickwandschalen im Nordischen Raum spatestens in der Mittleren Bronzezeit auf der archaologischen Bildflache erscheinen (vor der Periode IV nach Montelius), somit sehr wahrscheinlich bereits vor dem eigentlichen Ausbreitungshorizont des Lausitzer Urnenfelderstils (Eriksson 2009, 282, Taf. 3, 6). Die Entwicklung und Ausformung der Nordischen Keramikprovinz versteht sich vielmehr als Ergebnis eines allmahlichen Prozesses und des gebietsubergreifenden Ausbreitungsphanomens der mittel- und ostmitteleuropaischen Urnenfelderkulturen.

Die lange Zeit vorherrschende Idee direkter Lausitzer Stileinflusse polnischer Gebiete sowohl in den Norden als auch ins Ostbaltikum wurde mit den Forschungen Jaanussons (1981) relativiert. Seitdem richtete sich der Fokus starker auf die Asva-Keramik und die Frage skandinavisch-ostbaltischer Kulturverbindungen. Die Knickwandschalen aus Estland dennoch alleinig auf skandinavische Vermittlung zuruckzufuhren, erscheint angesichts der derzeitigen Quellenlage zu gewagt. Schwierig ist auch die Beantwortung der Herkunftsfrage der Ringabrollung an Knickwandkeramik, eine im Ostseeraum selten nachgewiesene Technik der Stempelverzierung. Bisher sind Vergleichsfunde zur Asva-Keramik nur fur einen einzigen Fundplatz in Sudwestfinnland nachweisbar (Vanhalinna, Lieto). Die Ubereinstimmungen in Gestalt und Verzierung der estnischen und finnischen Schalen sind frappant, sie lassen sogar an einen gemeinsamen Herstellerkreis denken.

Geblieben ist eine gewisse Ratlosigkeit bezuglich der Stilprovenienz der Schalenund Henkelkeramik der Asva-Gruppe, denn bislang fehlt es an keramischen Lokalgruppen in Gebieten ausserhalb des Ostbaltikums, deren Gefassformenund Verzierungsspektrum eindeutige Wiedererkennungswerte oder Bezuge bieten. Es treten im uberregionalen Vergleich der Keramikgruppen wiederholt stilistische Bezuge und Reminiszenzen auf, doch meist in einer eklektischen Weise oder sie lassen wegen der individualisierten Gestalt der Henkelschalen der Asva-Keramik keine allgemeingultigen Schlusse in Bezug auf geographisch einzugrenzende Kulturkontakte zu. Ubereinstimmungen lassen sich haufig in bestimmten Gefassdetails (z. B. Griffknubben) finden. Doch treten diese auch stil- und formenkreisubergreifend auf, in den meisten Fallen an vollig verschiedenen Gefasstypen und anderen Verwendungskontexten (d. h. hier Siedlungs-, dort Graberfund).

8.11. Die Asva-Keramik--Konservatismus und Innovation

Interessant erscheint die sich in der estnischen Bronzezeitkeramik zeigende Ambivalenz im Sinne einer ausgepragten Tradition in Stil und Technik einerseits und in den sich offenkundig verandernden Ess- und Trinksitten andererseits. Die grosse Masse der Asva-Keramik zeigt sich in Morphologie und Herstellungsweise von einer konservativen Seite, mit typischen Merkmalen einer seit der Fruhbronzezeit grossraumig verbreiteten keramischen Stilprovinz der osteuropaischen Waldzone (siehe z. B. Jaanusson 1985). Es sind die grubchen- und besenstrichverzierten Topfe der Asva-Gruppe, in der Tradition der Keramik sog. epineolithischer Fazies (auch 'Kummerkeramik'), die sich jeglichen stilistischen oder technischen Fremdeinflussen und Neuerungen erwehrte. Im offenkundigen Kontrast zu der eintonig gestalteten Grobkeramik stehen nun die qualitativ und asthetisch anspruchsvollen Knickwand- und Henkelgefasse in den estnischen Siedlungen der Asva-Gruppe. Im ganzen Ostbaltikum ist diese Form der Feinkeramik nur auf der Insel Saaremaa und im nordestnischen Kustengebiet und im vergleichsweise kurzen Ubergangszeitraum von der Spatbronze- zur Fruheisenzeit aufgetreten. (172) Die besagten Schalen, mengenmassig ungefahr ein Drittel der ermittelten Gefasseinheiten von Asva und Ridala ausmachend, vermitteln Einblicke in ganz spezielle Ess- und Trinkgewohnheiten der Bronzezeitgemeinschaften. Warum sich derartiges Tischgeschirr in kontemporaren Siedlungsfunden lettischer und litauischer Gebiete nicht findet, mag in anderen Sitten der Speisung und Darreichung begrundet sein. (173)

In Regionen ostlich der Ostsee lassen sich also Veranderungen in der Materialkultur feststellen, die einen weiten Spielraum fur Interpretationen zulassen. Auf der einen Seite weist dies auf einen Wandel in der Gebrauchsauffassung von Keramik und in den Produktionstechniken, wenn auch nur den Bereich der AsvaFeinkeramik betreffend. Mogliche Hintergrunde und Ursachen solcher Veranderungen wurden bereits am Thema der Ausbreitung des sog. Lausitzer Keramikstils im Norden (Danemark, Sud- und Mittelschweden) diskutiert. Die Ausloser, Prozesse und Stadien in der Vermischung fremder und traditioneller Stilmerkmale der Keramik haben H. Jaanusson und J. Dabrowski ausgiebig erortert (siehe Kap. 8.10). Der Fokus lag auf Interaktions- und Kommunikationsformen zwischen keramikverarbeitenden Bronzezeitgruppen und zwar uber die in der Literatur bis dato gangigen kulturhistorischen Paradigmen hinaus (Migrationen, Importe etc.). Der in den letzten Jahrzehnten deutlich verbesserte Forschungsstand zur Bronzezeitkeramik im westlichen und sudlichen Ostseeraum lasst die stilistischen und formalen Grenzen zwischen den Nordischen und Lausitzer Kulturkreisen verwischen, mittlerweile darf in diesem Zusammenhang von einem uberregionalen Stilkreis 'nordisch-lusatischer' Pragung gesprochen werden. Wesentlicher ist die Erkenntnis bezuglich der Ubernahme von Produktionsvorbildern aus verschiedenen Richtungen als hauptsachlicher Aspekt in der Verschmelzung von traditionellen und innovativen Mustern in der Keramikverarbeitung. Die Verbreitung neuer Muster kann sich demnach uber benachbarte, koexistierende Gemeinschaften vollzogen haben (sog. neighbour effect model). Gemeint ist also die Ubertragung von Stilen und Herstellungstechniken von Region zu Region, wo selbst marginale Anderungen Folgen fur die regionale Stilentwicklung haben konnen. Solche und ahnliche Phanomene sind typisch fur die mitteleuropaische Urnenfelderzeit, wo gleichartige Stilerscheinungen an Keramik eine geographisch weite Streuung aufweisen. Dieser Mechanismus hinter der Verbreitung gewisser Herstellungsmerkmale ist auch im Sinne eines cross linking of different production traditions beschrieben worden (so bei Dabrowski 1988, 109; 1989, 76; siehe auch Thrane 2008, 246 ff.).

Auf Fragen nach dem Wesen und den Ablaufen hinter der Verbreitung von Innovationen und der Entstehung keramischer Synthesephanomene liefern diese Erklarungsmodelle zumindest in der Theorie einige Antworten. Das 'Einheiraten' und die Zuwanderung topfernder Personengruppen gelten nicht mehr als alleinentscheidende Faktoren fur das Einbringen neuer Formen oder Motive. Wie sich solch ein von Innovationen angeregter Stilbildungsprozess zusammensetzt, hat Eriksson anhand folgender Entwicklungsphasen beschrieben (2009, 57 f., Abb. 8): Importierte Keramik oder vor Ort praktiziertes, neues Topferwissen sind Ausloser in diesem Prozess (Innovationsphase). Unter Wahrung der gewohnheitsmassigen oder traditionsbasierten Ablaufe in der Keramikverarbeitung kommt es zur Ubernahme ausgewahlter Fremdmerkmale und der Anpassung an lokale Formen (Phase der lokalen Implementierung). In der nachsten Phase verschmelzen alte und neue Merkmale nach und nach zu einer neuen Herstellungstradition (Phase der Traditionsbildung). Dieses Modell bezieht sich auf Ablaufe in der Verbreitung keramischer Innovationen im mittelschwedischen Malargebiet nach Ausweis der archaologischen Quellen. Fur die ostlichen Regionen des Ostseeraums ist es in Teilen sicherlich anwendbar, doch ist die Ausgangssituation im Fall der AsvaKeramik eine differenzierte. Die Ausbreitung sog. Lausitzer Stilmerkmale im sudlichen Teil Skandinaviens betrifft mehr oder weniger alle Gefassgruppen der dortigen Siedlungs- und Graberkeramik, wenn auch in unterschiedlicher Intensitat. In der Asva-Keramik jedoch sind Veranderungen keramischer Formen nur in den estnischen Siedlungen vorzufinden, sie betreffen dort nur eine ganz spezielle Keramikform von offensichtlich speziellem Bedeutungs- und Gebrauchswert. Die Grobkeramik der Siedlungsplatze der Asva-Gruppe blieb- und dies ist bemerkenswert--von neuen stilistischen Einflussen grosstenteils unberuhrt.

Es stellt sich somit die Frage, was es mit diesen qualitativen und asthetischformalen Differenzen zwischen Grubchenkeramik und Knickwandschalen auf sich hat und wie diese im Lichte von Tradition und Innovation zu erklaren sind.

8.11.1. Die Grobkeramik im Zeichen von Konservatismus und Tradition

Bei der Gefassgruppe der grobkeramischen und dickwandigen Topfe und Schusseln fallt deren Einheitlichkeit bezuglich der Formengestalt und Grosse auf, alles in allem wirken diese sehr determiniert, nahezu standardisiert. (174) Das Beharren auf Gefassformen und bestimmten Verzierungsmustern, einige bereits spatneolithischer Tradition (etwa Grubchenreihe), weist zunachst auf erfahrungsgemasse Gewohnheiten und eine funktionale Angepasstheit der Keramik. Die Herstellung der dickwandigen Topfe beschrankte sich auf einfache Grundtechniken und bezeugt einen vergleichsweise minimalen Aufwand in der Reproduktion der Gefasse. Ein Erklarungsansatz ware, das starre Festhalten an konventionellen Methoden der Gefassherstellung und -gestaltung auf beschrankte technisch-praktische Fahigkeiten und Moglichkeiten der Topfer(innen) zuruckzufuhren. Andererseits konnten die einfachen Gefassformen auch optimal an bestimmte Funktionen angepasst und auf den Bedarf der taglichen Anforderungen entsprechend zugeschnitten gewesen sein. Bemerkenswert ist jedenfalls diese im Ostbaltikum uber die lange Bronzezeitperiode zu beobachtende Unveranderlichkeit und Bestandigkeit in Form und Qualitat der Keramik. Es hat zumindest den Anschein, dass Verwendungszweck und Gebrauchswert der Gefasse festgelegt waren, d. h. auch Nutzen und Nachfrage in der Keramikverarbeitung unveranderlichen Regeln unterlagen. (175) Bedurfnisse nach Veranderungen im Formenspektrum mogen eventuell nicht bestanden haben, somit auch keine Notwendigkeit, die technischen Ablaufe des Topferns okonomischer zu gestalten und aufwandsmindernde Methoden zu finden. Dieser Konservatismus ist gleichzeitig Anzeichen fur angewandte motorische, automatisierte Bewegungsmuster in Tonverarbeitung, Gefassaufbau, Brennprozess und Verzierung. Diese Einzelablaufe verliefen regelkonform, wurden auch so erlernt, nachgeahmt und weitervermittelt. Der gesamte Verarbeitungsprozess war kulturell 'eingepragt' bzw. konditioniert. Solange das Keramikprodukt in Form, Funktion und Belastbarkeit den gewohnheitsmassigen Erwartungen entsprach, war eine wissentliche Aufklarung uber technologische Prinzipien und Vorteile der Herstellung einschliesslich Weiterentwicklung und Verbesserung bestimmter Eigenschaften des jeweiligen Gefasses fur den Abnehmer oder Benutzer wohl nebensachlich oder kaum relevant. Im Vorfeld festgelegte und nicht weiter hinterfragte Schritte und Ablaufe in der Herstellung und Nachahmung boten gleichzeitig weniger Risiko fur Fehler oder unerwunschte Abweichungen, machten somit das Anlernen und Ausfuhren auch fur Nichtspezialisten praktikabel. Experimentierfreudigkeit und Kreativitat wurden offenbar unterdruckt, weil sich mit der Asva-Keramik feste, von Gewohnheiten und Traditionen gepragte Vorstellungen verbanden. Auch das wiederum mag Geschmacks- und Asthetikempfinden der Bronzezeitmenschen in Verbindung mit bestimmter Gebrauchskeramik beeinflusst haben. Insbesondere bei der monotonen Wiederkehr von Grubchenverzierungen mag man an solche kulturell bedingten Festlegungen denken, womoglich als Teil einer abstrakten, symbolbeladenen Bilder- und Formensprache. (176)

Noch fehlt es an aussagekraftigen materialbasierten Analysen der AsvaKeramik hinsichtlich Funktionalitat, Haltbarkeit (Qualitat) und Lebensdauer der Gefasse, somit zu verlasslichen Angaben zu deren Verwendungszwecken und Gebrauchswerten. Die ungebrochene Formentradition in der Asva-Keramik ist schliesslich auch als das Resultat bestandiger, uber lange Zeit hinweg unveranderter Wirtschaftsweisen und Methoden der Lebensmittelzubereitung und -aufbewahrung zu deuten. (177)

8.11.2. Die Feinkeramik im Zeichen von Innovation

Die Knickwand- und Henkelschalen der Siedlungen der Asva-Gruppe treten als neue Erscheinungen im Gefasstypenspektrum hervor, von Vorgangern dieser Gefassformen in der alter- und mittelbronzezeitlichen Siedlungskeramik im Ostbaltikum ist bislang nichts bekannt. Man muss sich indes in Erinnerung rufen, dass das Siedlungswesen und die materielle Kultur der Vorganger-Periode von Asva noch immer ein offenes Forschungskapitel darstellt. Das Fehlen sowohl feinkeramischer Knickwandformen als auch von geschlossenen Siedlungsplatzen des Asva-Typs vor der Spatbronzezeit kann in einem unzureichenden Forschungsstand begrundet sein. In Asva selbst ist die Knickwand- und Henkelkeramik bereits von Beginn an im Gefassrepertoire vertreten, sie hat dort nicht etwa verzogert oder verspatet Einzug gehalten. Das gilt insbesondere fur die Schalen mit Politur und Ringabrollung. In den Siedlungen der Asva-Gruppe existierten Grob- und Feinkeramik nebeneinander, gehorten aber offenkundig getrennten Funktionsbereichen an. Diese sowohl im Nordostbaltikum als auch in Ostmittel schweden auftretenden bronzezeitlichen Knickwand- und Henkelschalen werden in der jungeren Forschung zunehmend im Lichte urnenfelder- und hallstattzeittypischer Ess- und Trinksitten bzw. -riten gesehen (Lang 2007b, 265; Eriksson 2009, 281).

Es hat demnach den Anschein, dass das Erscheinen der Feinkeramik in Estland bestimmte Veranderungen und Neuerungen in der Lebenswelt der Bronzezeitmenschen anzeigt, wenn auch nur auf einer mikrokommunalen Ebene. Der Wandel im Formenspektrum keramischer Gefasse, welcher erstmals mit den Siedlungen der Asva-Gruppe greifbar wird, bedeutet auch eine gewisse Umstellung auf dem keramikverarbeitenden Sektor. Den Gefasseigenschaften (Magerung, Brand) nach zu urteilen, konnte ein Grossteil der Knickwand- und Henkelschalen vor Ort hergestellt worden sein (siehe Kap. 8.3.6). Es ist davon auszugehen, dass in Asva die Grobkeramik auch mit feinkeramischen Breitformen im einfachen Gruben- oder Meilerbrand zusammen produziert wurde. Die Herstellung der profilierten und polierten Schalen verlangte indes eine kompliziertere, nachhaltigere Bearbeitung von Gefasskorper und -oberflache, also vergleichsweise mehr Arbeitsaufwand und -sorgfalt als bei den Topfen. Einen nennenswert formund dekorverandernden Einfluss auf die Grobkeramik hat die Gefassgruppe der Schalen dennoch nicht gehabt.

Die Knickwand- und Henkelschalen der Asva-Keramik zeigen ein bemerkenswert vielseitig-wechselhaftes Erscheinungsbild. Im Vergleich mit der Grobkeramik und seinem festgelegten Gestaltungskanon fallen der Detailreichtum und die Differenziertheit der Formen auf. Anders als bei der Grobkeramik lasst die Gestaltung der Schalen wenig an Normen und Zwangen erkennen, zeugt von einer gewissen Offenheit individuellen, formalen Veranderungen und Abweichungen gegenuber. Die meisten Gefasse sind sich in der Formgebung, der Oberflachenbehandlung und dem Dekor durchaus ahnlich, was ubrigens auch durch das eingeschrankte Spektrum an verwendeten Verzierungstechniken bedingt ist. Die Ausfuhrung und Gestaltungsweise der Dekormuster jedoch scheint standig zu wechseln. Anders als bei den dickwandigen Topfen und Schusseln gibt es nur vereinzelte Schalen, die in ihren Gefasseigenschaften und Machart untereinander vergleichbar bzw. annahernd deckungsgleich erscheinen. Auch in dieser Hinsicht stechen die Schalen aus der Masse der Grobkeramik heraus. Etwaige uberregionale Stilbezuge sind nur an ausgesuchten Verzierungsmerkmalen festzumachen. Dieser Umstand verkompliziert die Suche nach relevanten Analogien in der Siedlungskeramik anderer Bronzezeitplatze im Ostseeraum ungemein. Wie also erklart sich die Differenziertheit der Feinkeramik?

Zunachst sind Lebensdauer und Nutzungsintensitat der Knickwand- und Henkelgefasse ganz wesentliche Faktoren fur den Anfalligkeitsgrad in Bezug auf stilistische Veranderungen. Der Trend zur Individualisierung ist somit in den funktionalen Eigenschaften begrundet. Gegenuber der vergleichsweise immobilen und robusten Topfkeramik fanden Ess- oder Trinkgefasse ungemein haufiger, womoglich nicht nur alltagliche Verwendung. Dazu kommt der Faktor der material- und formbedingten Anfalligkeit. Die dunnwandigen, scharfkantigen Schalenformen mochten Beschadigungen nicht langerfristig widerstehen, Stossund Bruchstellen waren unvermeidlich. Da die meisten Schalen offenkundig rundbodig gewesen sind, wurden diese vermutlich seitenverkehrt mit der Offnung nach unten, also auf den bruchempfindlichen Mundungsrand, abgelegt. Einen fruhzeitigen Verschleiss mag dies zusatzlich begunstigt haben. Vor allem die Handhaben waren am wenigsten resistent gegen Bruche, aber der standigen Bewegung und Beanspruchung in besonderem Masse ausgesetzt. Die schmalen, eingezapften Henkel werden des Ofteren erneuert oder ersetzt worden sein. Die Henkelschalen waren auch beim Transport nicht vor Abnutzung und Verschleiss gefeit. Wie die kleinteiligen Osenhenkeln zeigen, wurden die Schalen an einer Hangeschnur befestigt bzw. aufgehangt, litten also unter standiger, mehr oder weniger passiver Belastung. Das stetige Erneuern und Ersetzen der Handhaben wurde die verschiedenartige Gestalt der meisten erhaltenen Henkelbruchstucke erklaren. Letztendlich mag auch die vergleichsweise kurze Lebensdauer der Henkelschalen und deren Anfalligkeit fur Reparaturen oder Neuanfertigung die Aufnahmefreudigkeit stilistischer Veranderungen und Neugestaltungen in der sog. Feinkeramik erklaren. (178)

Kunftig noch naher in Betracht ziehen sollte man den Aspekt mutwilliger Zerstorungsakte in Verbindung mit spezifischen Symboltragern, in dem Falle auch mit feinkeramischen Gefassen. Das willentliche, aus kultisch-rituellen Beweggrunden o. a. motivierte Zerbrechen von Objekten ist in den archaologischen Hinterlassenschaften der Bronzezeit allgegenwartig. Bislang hat man die Spuren solcher mutwilliger Zerstorungshandlungen vornehmlich an Metallfunden aus Horten und Grabern beobachtet und diskutiert. (179) Hinweise auf bronzezeitliche Praktiken in Verbindung mit intentionellem Gefassbruch stammen bislang vornehmlich aus dem Grabermilieu. Jungste archaologische Untersuchungen machten aber auch auf Nachweise rituell motivierten Keramikbruchs in Bronzezeitsiedlungen, etwa in Sudengland, aufmerksam (Bruck 2006, 300 ff.).

Bei den flachen, handlichen Knickwand- und Henkelschalen ist es durchaus denkbar, dass diese als Teile des personlichen Besitzes auch auf langeren Fahrten oder Reisen stets mit dabei waren. Die in Verbindung mit der Tischkeramik praktizierten Ess- und Trinksitten muss man sich demnach nicht nur auf den hauslichen Bereich beschrankt vorstellen. Letztendlich kommen auch die Schalen selbst als begehrte, weitverhandelte Tauschwaren in Frage. Auf die moglichen Formen und Wege des Gutertauschs in der Bronzezeit im Ostseeraum ist V. Lang wiederholt eingegangen. Bezogen auf skandinavisch-nordostbaltische Kontakte favorisiert er die von der Ethnoarchaologie inspirierte Idee eines weitraumig praktizierten Gabentauschs. Dabei mag das Verschenken und Tauschen prezioser Objekte zwischen lokalen Eliten der Wahrung und Sicherung uberregionaler, soziookonomisch bedeutender Allianzen gedient haben. Als weitverhandelte, prestigetrachtige Wertobjekte werden die mutmasslich importierten Stein- und Bronzeaxte oder solche von offenkundigem Fremdcharakter gedeutet (Lang 2007b, 41; Lang & Kriiska 2007, 110 f.). Die Knickwand- und Henkelschalen aus den Siedlungen der Asva-Gruppe konnte man sich ebenfalls in der Rolle als wertvolle Tauschobjekte--der Spatbronzezeit--vorstellen. Alles in allem bleiben Annahmen bezuglich eines unter bronzezeitlichen Gesellschaften im Ostbaltikum praktizierten Guter- und Gabentauschs wegen des problematischen Einzelfundcharakters der ostbaltischen Bronzen und des Fehlens der Asva-Feinkeramik ausserhalb des Siedlungsmilieu strenggenommen hypothetisch bzw. schwierig nachweisbar.

In der Forschung ist man auf das Thema der Fremdeinflusse und ihrer Ursachen in der estnischen Bronzezeitkeramik kaum eingegangen. Das betrifft insbesondere die Frage der Vermittlungswege der materiellen wie geistigen Innovationen. Zum Teil liegt dies auch daran, dass das autochthon-traditionelle Kulturelement stets gesondert betont wurde, die Keramik im Ganzen als ein Anzeiger kultureller Identitat im Sinne einer zusammengehorigen Traditionsgemeinschaft gesehen wurde. Den Fremdeinfluss in der Keramik hat man auf Fremdkontakte zuruckgefuhrt, ohne explizit an Importe oder Migrationen ins Ostbaltikum zu denken (siehe Lougas 1970a; Jaanits et al. 1982). Vielmehr hat man die keramischen Form- und Dekorveranderungen als Zeugnisse eigeniniativ handelnder Bronzezeitmenschen betrachtet, sozusagen als Belege ihrer 'Offenheit' jeglichen Aussenkontakten und Innovationen gegenuber. In der keramischen Stilentwicklung der Vorromischen Estnischen Eisenzeit hat V. Lang vier Sondergruppen (Mikrostile) herausgearbeitet, die sich durch unterschiedliche lokale und uberregionale Bezuge auszeichnen. Gedeutet werden die Fremdmerkmale als Resultat der bewussten und freiwilligen Inkorporation eigens 'mitgebrachter' Neuerungen (also von ausserhalb). Das bereits vorhandene, traditionelle Eigenwissen um die Herstellung und Verwendungsbereiche der Keramik soll demnach gezielt, aber nur bedarfsweise erweitert oder bereichert worden sein (Lang 2007b, 258 f.). (180) Im Ostbaltikum ansassige Topfer(innen) mit Migrationshintergrund also konnen bei dieser Art von Vermittlung und Ubernahme von Neuschopfungen bedingt in Betracht gezogen werden: Lang zufolge konnen Heiratsverbindungen, Menschenraub oder Versklavungen durchaus eine Rolle bei der Stilausbreitung gespielt haben (ebd.). Favorisiert wird indes, so scheint es, die Idee von stark von Eigenidentitatssinn und Traditionsbewusstsein gekennzeichneten ostbaltischen Kulturgruppen, die--in ihren haufigen Kontakten mit Fremdgruppen in einem kulturellen Eigenbewusstsein bestarkt--nur sporadisch Neuerungen 'durchliessen'. (181)

Wie breit gefachert jedoch die tatsachliche Palette moglicher Einflussfaktoren auf Keramikverarbeitung, namlich in Bezug auf Veranderungen, ist, zeigen diverse Untersuchungen in der Ethnographie und Archaologie. Aus Thomas Knopfs vergleichenden, ethnoarchaologischen Beobachtungen etwa wird ersichtlich, wie sehr der Markt (und die Nachfrage), der herstellungstechnische Entwicklungsstand, das individuelle Konnen und der Zugang zu geeignetem Rohstoff- und Geratematerial zu den jeweiligen Innovationsprozessen in prahistorischen keramikverarbeitenden Gemeinschaften beitrugen. Veranderungen in der Ausubung von Topferei hangen im Wesentlichen mit Bewegungen in gesellschaftlichen Bereichen zusammen. So konnen Ursachen soziopolitischer und religioser Art, ihrerseits von okologischen und klimatischen Rahmenbedingungen diktiert, angefuhrt werden. Veranderungen auf dem demographischen und ethnischen Sektor tun ihr Ubriges (Knopf 2002, 195-222, Abb. 37).

Thomas Eriksson (2009, 280 ff.) zieht fur das mittelschwedische Malartal gravierende okologische, klimatisch bedingte Veranderungen zum Ende der Bronzezeit in Betracht, die mehr oder weniger erheblichen Einfluss auf den Lebenswandel der damaligen Bewohner dieser Region gehabt haben konnen. Demzufolge konnte das Verschwinden der Henkelschalen im archaologischen Fundbild der fruhen Eisenzeit einen Einschnitt in der Ausubung religioskultureller Brauche und Gewohnheiten anzeigen, dies in Reaktion auf die veranderten okologischen Rahmenbedingungen. Massgebliche gesellschaftliche Veranderungen sollen demzufolge auch ihre Spuren in der Keramikverarbeitung, d. h. in Form und Qualitat der Gefasse, hinterlassen haben.

Fur die Neuerungen in der Asva-Keramik, diese betreffen Aspekte des Stils, der Herstellungstechnik (Form und Aufbau) und der Funktion in der Gefasskategorie der Henkel- und Knickwandschalen, sind verschiedene Ursachen und Vermittlungswege angefuhrt worden. Der Umstand, dass sich etwaige Neuerungen nur an einer bestimmten Gefassgruppe manifestieren, nicht aber an der stets mit Grubchenreihen verzierten Grobkeramik gleichen Siedlungsmilieu und Zeithorizont, weist ganz offensichtlich auf unterschiedliche soziale Verwendungsbereiche und Bedeutungsebenen innerhalb der Siedlungskeramik. Ein moglicher und alternativer Erklarungsansatz ware, etwaige in der besonderen Verbindung zwischen Funktionalitat und Stilbildung eine identitatsstiftende, personlichkeitsbezogene Komponente herauszulesen, wie sie nur den Knickwandund Henkelschalen und weniger den grobkeramischen 'Haushaltsgefassen' zukam.

8.11.3. Grobkeramik, Feinkeramik und die Frage der kulturellen Identitat

Die hier dargelegten Beobachtungen und Feststellungen bezuglich zweier, formal und funktional differenzierter Keramikgattungen verlangen nach abschliessenden Uberlegungen zu den Urhebern und Benutzern des keramischen Formenguts sowie zu einem sich moglicherweise in der Keramik spiegelnden Identitatsbewusstsein sozialer Gruppen. Nicht nur der Umstand, dass die Knickwand- und Henkelschalen im Ostbaltikum der Bronzezeit nur in Siedlungen der Asva-Gruppe vorkommen, verdient Aufmerksamkeit, sondern auch der eigenartige Dualismus bezuglich Konservatismus und Innovation in Stil und Technik der Asva-Keramik.

Mit der besagten Identitatsfindung im archaologischen Material geht die Erwartungshaltung einher, in homogenen und merkmalsahnlichen Kulturerscheinungen (hier: Stil und Technik) spezifische soziale Verhaltensmuster und somit identifizierende Erkennungsmerkmale einer materiellen Kultur zu sehen. Gemeint ist somit keine 'kulturelle' (oder gar ethnische) Identifizierung, auch wenn der Begriff archaologische Kultur selbst eine imaginare Gemeinschaft suggeriert. (182) Hierbei kann es nur um 'kollektive' oder gruppeninterne Identitat im Sinne von sozialen Einheiten gehen und zwar so wie sie sich im archaologischen Befund von Asva im Sinne einer Siedlungsgemeinschaft mit getrennten Wohnsituationen interpretieren lassen. Unter der Pramisse, dass Gruppen zur Wahrung von Gruppenintegritat und Gemeinschaftszugehorigkeit ein gegenuber anderen Gruppen abgrenzendes Verhalten an den Tag legen und diese sich u. a. in der Keramik manifestiert findet, stellt sich die Frage, welche der beiden Gefassgruppen mehr an Gruppenidentitat vermitteln konnte. Zwar dominiert die dickwandige Topfkeramik mit Grubchendekor das Fundmaterial der Asva-Gruppe in Menge und Masse deutlich. Die den groben Topfen zahlenmassig deutlich unterlegenen feinkeramischen Knickwand- und Henkelschalen indes zeichnet ihre besondere Formenvielfalt und Qualitat aus. Asthetische und ergonomische Aspekte haben bei der Gestaltung dieser Gefasse zweifelsohne eine grosse Bedeutung gehabt. Bei den Topfen dagegen scheint es eher auf die Funktionalitat angekommen, die Gestaltung nebensachlich gewesen zu sein. Darin mogen sich unterschiedlich gelagerte Interessen und Wertschatzungen den Gefassgruppen gegenuber manifestiert haben. Indirekt wirft dies auch Licht auf den sozialen Bedeutungsaspekt der in der Asva-Gruppe praktizierten Ess- und Trinkgewohnheiten. Die sich auf alle untersuchten Hausbereiche der estnischen Bronzezeitsiedlungen der Asva-Gruppe gleichmassig verteilende Feinkeramik mag man also auch als Anzeichen kollektiver Identitat sehen.

Uber das noch strittige Wechselverhaltnis zwischen Funktionalitat und Stilbildung hinaus lassen sich in 'Haushaltskeramik' und 'Trinkgeschirr' verschiedene Identitatsausserungen auf verschiedenen soziokulturellen Bedeutungs- und Anwendungsebenen erkennen. (183) Dabei kann die Artikulation eines Identitatsgefuhls in einer materiellen Kultur als absichtliche und bewusste Abgrenzung anderen Gruppen gegenuber verstanden werden, eine gewisse Eigenreflexion der Individuen oder Gruppen vorausgesetzt.

Die Frage nach sozialer Identitatsausserung und deren Erkennbarkeit in der Keramik zielt somit wesentlich auf aussere und formale Aspekte der Gefassgestaltung ab. Die Definition bestimmter, festgelegter Dekorations- und Formmerkmale in der Keramik im Sinne eines Stils ist einerseits problematisch, andererseits auch die Auffassung oder Festlegung, dass diese Merkmalen primar dazu dienten, soziale Informationen auszutauschen oder zu vermitteln (siehe dazu Dietler & Herbich 1998, 236 ff.). Dazu kommen weitere Fragen, namlich ob hinter der Entstehung und Aufnahme neuer Stilmerkmale im Keramikspektrum kurzfristige soziale Veranderungen oder Ereignisse stehen oder langwierige, allmahliche Prozesse und ob oder inwiefern diese Neuerungen von den Herstellern und Benutzern der Keramikwaren als solche wahrgenommen und reflektiert wurden.

Zu hinterfragen bleibt zunachst, ob derartig beharrliche Verwendungsweisen bestimmter Gestaltungselemente wie das Grubchenornament und der Besenstrich in der Asva-Keramik als gruppenintegrative und -identifikatorische Anzeiger verstanden werden durfen. In der alteren Literatur hat man die relativ homogene, aber auch schlicht gestaltete Bronzezeitkeramik im Ostbaltikum als Ausdruck eines gebietsubergreifend kollektiv-kulturellen Identitatsbewusstseins, sogar von ethnischer Dimension, verstanden. In der Tat pragte das Einheitlichkeitsschema der Grobkeramik, mit der Dominanz des Besenstrichs als Oberflachenmerkmal, insbesondere unter Forschern wahrend der sowjetarchaologischen Ara, die Vorstellung vom Ethnos 'baltischer Strichkeramiker' (dazu Vasks 1991). Wenig glaubhaft aus heutiger Sicht scheint, auch wegen der ausgepragten Schlichtheit bezuglich Gestalt, Form und Dekor, in der ostbaltischen Grob- oder Kummerkeramik spezifische kulturelle Marker im Sinne einer die Gruppenidentitat kommunizierenden Ideologie erkennen zu wollen. Die keramischen Gestaltungsmerkmale lassen zwar konservative und traditionelle Bezuge in Stil und Technik erkennen, doch bleibt zu bezweifeln, dass sich die Bronzezeitgemeinschaften nach aussen tatsachlich uber Oberflachenmerkmale wie Besenstrich und Textilabdrucke als bzw. von kulturellen oder ethnischen Gruppen zugehorig oder abgrenzend zu artikulieren gedachten. Wie oben dargelegt, ist aus der archaologischen Perspektive nicht einmal gesichert, dass in der jeweiligen Art und Weise der Oberflachenbehandlung in der Asva-Keramik (Besenstrich, Rauhwand oder Textilabdruck) tatsachlich eine primare Dekorfunktion vorlag--und noch weniger, ob mit diesem etwaige soziale Bedeutungsinhalte kommuniziert werden sollten.

Die schlichte Ausfuhrung und Gestaltung sowie die vergleichsweise fantasiearm anmutenden Varianten von Dekor und jeglicher plastischer Verzierung der grobkeramischen Gefasse in den Platzen der Asva-Gruppe weist immerhin auf streng regelkonforme, genormt-repetitive Ablaufe der Gefassherstellung. Neuerungen, also stilistische und technische Anpassungen in der Gefassverarbeitung, sind bei den grobkeramischen Topfen in der langen Periode ihrer Nutzung und Herstellung kaum auszumachen. Beweggrunde fur das Beharren auf solchen formalen Konventionen konnen vielseitiger Art sein, magisch-rituell motiviert etwa (auch durch Aberglaube). Aus der Ethnographie gibt es durchaus Belege fur einen absichtlich gewahrten Konservatismus in den Keramikformen, wobei man sich ganz gezielt wiederkehrender stilistischer Gestaltungsmittel bediente. Erklart wird dies in einigen Fallen aus der Motivation heraus, sich anderen keramikverarbeitenden Gruppen gegenuber ostentativ abzugrenzen und somit die Gruppenzugehorigkeit und Herkunft der Gefasse zu betonen. Wird diese bewusste Beschrankung auf traditionelle Gefassformen innerhalb der Gruppe auch tatsachlich wahrgenommen, dann kann dies sogar die Stellung und das Ansehen der Topfer(innen) im Sozialgefuge starken (Knopf 2002, 200 ff., 211).

Bei der groben Topfkeramik von Asva jedoch fallt es zunachst schwer, an bewusst reflektierende, kunstlerische Stilreproduktionen vor dem Hintergrund einer Gruppenidentitat zu glauben--insbesondere angesichts der merkwurdigen Kontrastmerkmale gegenuber der hiesigen Feinkeramik. Vieles spricht eher fur die Anwendung sog. Handlungsroutinen in der Herstellung der Grobkeramik. In der jungeren ethnoarchaologischen Forschung wird das Thema der Beziehung von kollektiver Identitat und Stilbildung mehr und mehr im Lichte des sog. Habitus betrachtet. (184) Dieses Konzept beinhaltet permanente Keramikstile und Verarbeitungstechniken als Resultate automatisierter, weitestgehend unbewusst ausgefuhrter Ablaufe. Diese konnen zwar ausgesprochen gruppenspezifisch und wenig anfallig fur Veranderungen oder Ubertragungen sein, zeigen sich aber an Keramikgruppen in einem konstanten und nach aussen unspektakularen Erscheinungsbild, vor allem mit ausserlich kaum sichtbaren Anhaltspunkten bezuglich der Funktionalitat der einzelnen Gefasse (Muller-Scheessel & Burmeister 2006, 31 ff.). Der Habitus kann demnach auf Permanenz und Konstanz in der sich reproduzierenden materiellen Kultur einwirken und gleichzeitig identitatsstiftend sein. Ein sich hinter der Reproduktion von Stil und Technik verbergendes kollektives Identitatsbewusstsein ist aber nicht zwingend vorauszusetzen. Die Verarbeitung der Keramik wird nicht bewusst reflektiert oder etwa die technischen Ablaufe sprachlich vermittelt. Vielmehr ist die Stilbildung als das Resultat von Dispositionen im sozialen Umfeld anzusehen. Das Habitus-Konzept meint also objektiv geregelte Ablaufe, wobei Regelhaftigkeiten, aber keine formale Regeln festzustellen sind. Diese mogen Anzeichen von Kollektivitat sein, ohne aber eine kollektive Abstimmung tatsachlich vorauszusetzen (siehe Dammers 2010, 90).

An ethnographischen Belegen fehlt es nicht, wo sich Stilbildungen auf kulturspezifische, form- und funktionsorientierte Gewohnheiten und Ordnungssysteme zuruckfuhren lassen. Insbesondere fur keramikproduzierende Gemeinschaften mit ausgepragter Techniktradition etwa konnte die mangelnde Kenntnis anderer, fremder Methoden in der Verarbeitung nachgewiesen werden. Dies geht mit der Beobachtung einher, dass motorische, fest einstudierte Ablaufe Weiterentwicklungen und Veranderungen durchaus hemmen konnen (siehe dazu Knopf 2002, 196 ff.).

Bei der durchgehend grubchenverzierten Asva-Grobkeramik deutet vieles auf solche automatisierten Handlungsroutinen hin. Nichtsdestotrotz zeigen sich in diesem Beharren auf ein- und denselben Formen- und Motivschatz auch gruppenspezifische Charakteristika. Indes ist fraglich, ob diese primar einer Manifestation von Gruppenidentitat und Abgrenzung nach aussen gedient haben sollten. Fur die Asva-Gruppe ist das interessante Nebeneinander zweier unterschiedlicher Keramikgruppen, die in punkto Stil, Funktionalitat und Symbolcharakter unterschiedlicher nicht sein konnten, also durchaus bezeichnend. (185)

Anders als bei den Topfen von Asva mit ihrem vergleichsweise homogenen Erscheinungsbild zeigt sich in der Knickwand- und Henkelkeramik ein breiteres Formen- und Gestaltungsspektrum von hoherer und differenzierter Qualitat. Die Schalen sind ungleich individueller und zugleich kreativer gestaltet worden. Damit stellt sich die Frage, ob und inwiefern die Feinkeramik der Asva-Gruppe auch als Mittel individueller Selbstdarstellung und als personlicher Wertbesitz gesehen werden kann.

Dass die Veranderungen im Formengut der Asva-Keramik nur beim Ess- und Trinkgeschirr Anwendung fanden, nicht aber bei der Haushaltskeramik, zeigt also, dass sich die Dynamik im Erscheinungsbild materieller Kultur auf einen bestimmten Aktivitatsbereich beschrankte (Kommunikationsebene?). Die obigen Uberlegungen zu den praktischen Verwendungsbereichen von Topf und Henkelschale lassen keine eindeutige Rangfolge in der Nutzungsintensitat erkennen (Kap. 8.8). Vielmehr ist anzunehmen, dass sich Identitat und soziale Reprasentanz in unterschiedlicher Weise auf diese Gefassgruppen projiziert findet. Mit der Feinkeramik sind vermutlich kontextuell-symbolische, also uber Objektfunktionen im Alltagsgebrauch hinausreichende Eigenschaften verbunden.

Am Beispiel Mittelschwedens hat Th. Eriksson auf einen interessanten Aspekt in Verbindung mit den Henkelschalen aufmerksam gemacht, namlich in der Betonung auf den symposialen Charakter solcher Gefasse. Deren Anwendungsbereiche sieht er im feasting, den gesellschaftlich instituierten Trank- und Libationssitten aus dem geistigen Umfeld der Urnenfelder- und Hallstattkulturen. Im Rahmen von Umtrunken und Speisungen wird den Schalen ein gewisser Ritualcharakter zugesprochen, ebenso wird in ihnen ein wesentlicher Bestandteil in der sozialen Kommunikation zwischen bzw. innerhalb bronze- und eisenzeitlicher Gemeinschaften gesehen. Demnach sollen inszenierte Ablaufe der Darreichung, mit eigens dafur vorgesehenen Gefassen, die Kommunikation und Integration zwischen Gruppen gefordert und harmonisiert haben, da sich mit den Symposien auch politische und soziookonomische Interessen verbanden (Eriksson 2008, 49; 2009, 280 ff.). (186) Das gemeinschaftliche Trinken und Feiern liefert somit ein hypothetisches Szenario, dass den besonderen, symbolischen Bedeutungskontext der Schalen zu erklaren vermag. Zwar mussen nicht alle Schalen der Asva-Keramik als zeremonialverbindliche Objekte gesehen werden. Genauso wenig hat man sich den bronzezeitlichen Alltag nur von Festen oder Umtrunken ausgefullt vorzustellen. Dennoch spiegeln sich in dieser Gefassgruppe die Adaption neuer Tischsitten und ein im Ostbaltikum offenkundig exzeptioneller Wandel in der Lebensweise wider. Als Anzeiger personlichen Sachbesitzes und Gebrauchs sind sie zugleich Mittel und Zweck sozialer Bindungen. Die Schalen mogen so eine individuelle, die mit ihnen praktizierten Handlungen auch eine kollektive Identitat nach aussen artikuliert haben.

Die Veranderungen in der materiellen Kultur betreffen hier nur den Bereich der sozialen Reprasentation, die sich im Offentlichen abspielt. Es ist bezeichnend, dass sich bei den in Form und Stil austauschbaren Topfen der Grobkeramik keine Zeichen der Anpassung an veranderte Sitten und Gewohnheiten finden. Grobkeramik und Feinkeramik vertreten ganz offensichtlich zwei Bereiche des gesellschaftlichen Lebens: einer privaten, hauslichen Sphare (Haushalt) und einer offentlichen, der Aussenwelt zugekehrten (soziale Reprasentanz; Ritual). Die uneinheitlichen Ausserungen von Stilen und die Kommunikation von Identitaten in der AsvaKeramik sind ganz offensichtlich im Sinne des von Nils Muller-Scheessel und Stefan Burmeister (2006, 33) formulierten Dualismus von Handlung und Struktur zu betrachten. Die aussere, offentliche Sphare zeigt sich Veranderungen gegenuber aufgeschlossen, sie adaptiert den neuen Lebenswandel. 'Draussen' bestimmen die okonomischen und sozialen Rahmenbedingungen den Habitus und Ritus. Die inneren, 'privaten' Bereiche der Gesellschaft sind dagegen bestandiger im sozialen Habitus, hausliche Traditionen und Gewohnheiten zeigen sich Veranderungen weitestgehend unberuhrt. Dort bestimmen nach wie vor die eigenen Strukturen, die sozialen Familiensysteme etwa, die Organisation des hauslichen Lebens.

Die Feststellung, dass die Gefassgruppe der Knickwand- und Henkelschalen gewisse gesellschaftliche Veranderungen reflektiert, Fremdbezuge und Aussenkontakte widerspiegelt und letztendlich Entwicklungsfortschritte in der Keramiktechnologie anzeigt, fande mit dem dualistischen Habitus-Konzept eine Erklarung. Dies ist auch ein Zeichen dafur, dass sich die Gemeinschaft mit den Handlungen auf der Ebene sozialer Interaktion und Reprasentation identifiziert. Die Feinkeramik durfte als ein Resultat von Selbstdarstellung und Identitatsausserung angesehen werden.

Die Formen und Arten der sich hinter der feinkeramischen Gefassgruppe verbergenden Identitaten, ob geschlechts-, alters- oder gruppenspezifisch, werden kaum zu erschliessen sein. Auch bieten sich im archaologischen Befund keinerlei Hinweise auf eine mogliche emblematische Funktion der Schalen, d. h. hinsichtlich des sozialen Status ihrer Besitzer und Benutzer. Hinweise auf eine differenziert geartete Lagerung von Grob- und Feinkeramik gibt es keine. Die raumliche Verteilung der Schalen zeigt keine Auffalligkeiten, vielmehr hat es den Anschein, dass diese regelmassiger Bestandteil eines jeden Hausinventars der Asva-Gruppe gewesen sind. In dieser Hinsicht stimmt die Beobachtung mit dem in den meisten der untersuchten Hauserbereiche der Asva-Gruppe praktiziertem Metallguss uberein. Ein sozial-exklusiver Bezug in Besitz und Funktion von Feinkeramik und der Bronze macht sich in der archaologischen Befundsituation nicht ohne weiteres erkennbar, doch schliesst das nicht aus, dass diese nur bestimmten Mitgliedern innerhalb der sozialen Gemeinschaften vorbehalten gewesen sind.

Die besagten Gemeinsamkeiten bezuglich der Ausstattung und okonomischen Ausrichtung der Siedlungen von Asva, Ridala, Kaali und Iru sind wiederum als Anzeichen einer Gruppenidentitat zu werten, wenn auch auf mikrokommunaler Ebene. Die im gleichen Formen- und Stilkreis anzusiedelnde Feinkeramik steht fur gemeinsame Vorstellungen und Brauche in Bezug auf die Ess- und Trinksitten. Der sich in der ostbaltischen Grobkeramik manifestierende Kanon in Stil und Technik konnte fur eine Identitat auf weitraumiger Ebene stehen und zwar im Sinne eines uberregionalen Gruppenverbandes. Die den Siedlungen der Asva-Gruppe eigenen Knickwandschalen stunden fur eine sog. Kleingruppenspezifische Identitat. Solche Erklarungsmodelle finden bereits fur ahnliche, sich in Ornamentik und Herstellung unterscheidende Keramikgruppen im mittel- und sudosteuropaischen Neolithikum ihre Anwendung (siehe Zeeb-Lanz 2006, 89 f.; Dammers 2010, 88).

Ausblickend stellt sich in Verbindung mit dem in der Asva-Gruppe thematisierten Wandel die Frage, ob und inwiefern die sich in der Feinkeramik spiegelnden Neuerungen in den Ess- und Trinksitten auch Veranderungen auf soziookonomischer und kultureller Ebene darstellen. Wenn diese Brauche, die breite Bedeutungsspanne sozialer Kommunikation mit eingeschlossen, als identitatsstiftend fur eine Gemeinschaft gesehen werden, dann konnte das Auftauchen und Verschwinden der Keramik zusammen mit den Siedlungen der Asva-Gruppe ein mogliches Indiz fur Menschengruppen sein, die eigene bzw. neue Gewohnheiten und Brauche 'mitbrachten' (und mitnahmen). Die mit der Feinkeramik zusammenhangenden Veranderungen beschrankten sich nicht nur auf formale Ausserlichkeiten, etwa bestimmte Verzierungsmuster oder -techniken, sondern bedeuteten keramikverarbeitende, technologische Neuerungen, die sich ihrerseits nur aus veranderten funktionalen Anspruchen an das Gefassspektrum erklaren. Veranderungen auf dieser Ebene, die sich in einem Lokalmilieu mit eigener materieller Kultur abspielen, sind sicherlich ein Hinweisgeber fur etwaige Gruppenbewegungen im Siedlungswesen (siehe z. B. Meyer 2005). Das Thema des kulturell Fremden in der Bronzezeitkeramik der Insel Saaremaa wird sich indes erst dann adaquat erortern lassen, wenn ausreichend keramisches Material aus etwaigen Vorgangersiedlungen der Asva-Gruppe zur Auswertung vorliegt. Es bleibt also kunftige Erkenntnisfortschritte zum ortlichen Keramikspektrum sog. epineolithischer Zeitstellung abzuwarten.

doi: 10.3176/arch.2014.2S.09

(96) Kriiska et al. 2005, 10 f., 18, Tab. 1. An einem Gefass aus der Siedlung Akali liess sich etwas verkohlte organische Kruste an der Innenseite bestimmen. Das ermittelte Alter liegt bei 2840-2490 cal. BC (I-Sigma).

(97) In Brikuli (3410 [m.sup.2] untersucht) wurden 33.107 Keramikscherben gezahlt, davon 24.376 statistisch erfasst (Vasks 1994, 116).

(98) D. Hopp hat in seiner Bearbeitung der fruheisenzeitlichen, handgemachten Siedlungskeramik des Mittelrheingebiets (1991, 19 f., Abb. 4) funf Kategorien der Keramikerhaltung vorgeschlagen. Zwischen der ersten Kategorie mit exakt ansprechbaren Typen und der funften (keine sichere Formbestimmung) wurde sich die Asva-Keramik in den Kategorien 3 und 4 bewegen. Ein wesentliches Kriterium ist dabei die mogliche Erfassung des Randdurchmessers der Gefasse und der Formung des Gefassumbruchs.

(99) Grosse Teile des im Tallinner Instituts (AI) lagernden Scherbenmaterials wurden vom Ausgraber Vello Lougas und seinem Team in aufwendiger Kleinarbeit geklebt und zusammengesetzt.

(100) Zur Orientierung und zum Vergleich mit der Keramik von Asva und Ridala wurde nur die spatbronzezeitliche Keramik der Grabungen auf dem Nordplateau und Nordteil von Iru aufgenommen und erfasst (1936-38 und 1984-86 durch Indreko/Vassar bzw. Lang). In seiner Erfassung und Bearbeitung der spatbronzezeitlichen Keramikscherben aus Iru hat Lang aus den von ihm ausgezahlten 4150 Stuck ca. 55 grobkeramische und 34 feinkeramische Gefasseinheiten gegliedert. Aufgenommen wurden dabei sog. Gefasseinheiten uber typenkundlich zuweisbare Rand- oder Schulterpartien (Lang 1996, 37 ff.). Die Diskrepanzen zur hiesigen Zahlung erklaren sich somit aus den unterschiedlichen Aufnahmesystemen und letztendlich subjektiven Betrachtungsweisen in der Keramikbearbeitung.

(101) Sie werden zur Gruppe mit S-Profil gezahlt (Grigalaviciene 1986a, 78 ff., Abb. 23: 1-11, 29; 1986b, 131 ff., Abb. 38a; 1995, 204 f., Abb. 119 f.).

(102) Topfe mit kurzem Zylinderhals und solche mit S-Profil (Trichterrand) machen ungefahr ein Drittel der untersuchten Siedlungskeramik aus (Vasks 1991, 44 ff., Tab. 9, 13, Abb. 5: 7, 9, 7: 4, 8, 9: 2).

(103) Dudak et al. 2002, 50, Abb. 49: 7. Ein anderes Schalchen von besonders winziger Gestalt (ca. 2-3 cm Mundungsbreite/Hohe) wird einem jungeren, spathallstattisch-latenezeitlichen Fundzusammenhang zugeschrieben (ebd., 48, Abb. 51: 11).

(104) Zu den verschiedenen Ausformungstechniken der bronze- und eisenzeitlichen Siedlungs- und Graberkeramik im mitteleuropaischen Raum siehe Simon 1983 und Hopp 1991.

(105) Z. B. AI 4366: 690 (mit 0,5 cm breiten Grubchen in der Bodenmitte), 1188, 1545; aus Ridala: z. B. AI 4329: 560.

(106) Aus einem Ganzen geformte Unterteile kamen vermehrt bei kleineren Gefassen (Bodendurchmesser 4-9 cm) zur Anwendung (z. B. AI 4366: 385, 1188, 1449, 1633).

(107) Von einer solchen Methode beim Aufbauen hoher Gefasse wird bei praktischen Anleitungen zum Thema Werken mit Ton (Neuhaus 1978, 101) ausdrucklich abgeraten, weil damit enorme Risiken im Verarbeitungsprozess und bezuglich der Standfestigkeit der Gefasse verbunden sind. Am sichersten sei es, den Boden mitsamt dem Rand zu formen und darauf zu achten, dass die Bodenflache mit dem unteren Gefassteil eine Einheit im Material ist und nicht zusammengesetzt wird.

(108) Das Einzapfen des oberen Aufbauringes mittels Rinne fur die stehende, untere Ringwulst ist in Asva nicht sicher nachgewiesen (H-Technik).

(109) Jaanusson 1981, 58 f.: At Asva some of the burnished sherds have a black, highly lustrous surface, more intensely burnished than on any sherds found at Hallunda. In this respect they resemble some of the ware from Hallstatt C and D in Poland.

(110) Zur Entstehung der Politur siehe ausfuhrlicher Lydia Berger (2010, 30): Ein sog. Eigenuberzug (self slip) kann bereits durch Glattung mit einem angefeuchteten Gerat entstehen. Die Bildung einer feinen Schicht kommt zustande, wenn ein lederhart trockenes Gefass mit einem weichen, flexiblen Gegenstand 'poliert' wird. Dieser feine Slip wiederum zieht nach dem Keramikbrand den Glanzeffekt nach sich.

(111) C. F. Meinander (1954b, 171) bezeichnete die an der westfinnischen Bronzezeitkeramik zu beobachtende Kammstrichelung als besonders typisch fur die Asva-Keramik.

(112) Auf estnischer Forscherseite hat es vormals wiederholt Versuche gegeben, die Funde aus Asva und Ridala einzig und allein auf Sudkontakte mit Lausitzer Kulturgruppen zuruckzufuhren (Indreko 1939b, 39; Vassar 1955, 124 f.; Lougas 1970a, 186; Jaanits et al. 1982, 138). Der mittlerweile fortgeschrittene Untersuchungsstand zu dieser Problematik konnte dies revidieren (siehe Eriksson 2009).

(113) Die Quellengruppe Textilkeramik ist bislang nur fur das finnische und karelische Gebiet von Mika Lavento (2001) systematisch untersucht worden. Dabei ist zu bemerken, dass diese dort weitaus haufiger als im Ostbaltikum vorkommen, sie aber keineswegs die ortliche Keramikkultur in ihrer Gesamtheit dominieren. Anteilig machen Gefasse mit Textilabdrucken nur etwa ein Viertel der finnisch-karelischen Keramik aus.

(114) Das Erscheinen von estnischer Textilkeramik ging Lembit Jaanits zufolge auf die Einflussnahme der ostlichen Fatjanovo-Kultur zuruck (Yanits 1959, 300). Die Textilabdrucke an der Keramik von Asva hat Richard Indreko daraufhin ebenfalls mit Beziehungen zu ostlichen Gorodistse bzw. Djakovo-Kulturen, mit Einflussen vonseiten der fruhen Textilkeramik des Ostens (Fatjanovo), zu erklaren versucht. Die bronzezeitlichen Merkmale der Asva-Keramik stunden dagegen fur eine eigenstandige, autochthone Stilentwicklung unter gewissen (Lausitzer) Sudeinflussen (Indreko 1961, 419 f.).

(115) Von der Grobkeramik aus Iru, nur das Material des Nordteils wurde zum Vergleich in die Untersuchung mit einbezogen, sind 74,6% verziert, meistens mit Grubchen (82%). Fingertupfen oder Leisten fehlen (Kerbreihen: 4,5%). Zur statistischen Fundauswertung der Iru-Keramik siehe Lang 1996, 40 ff.

(116) Unter ihren Funden gibt es auch Keramik mit einem Ornamentband um die Offnung (Taf. 44, 6), was an die Fatjanowokeramik erinnert und ein fruhes Element sein durfte [...]. Naturlich kann dieses Motiv aber auch lange nachgelebt haben (Indreko 1961, 419).

(117) Es gibt noch zwei weitere, vermutlich zusammengehorige Randstucke aus Asva A/C (AI 3799: 229) mit einer Verzierung, ahnlich dem sog. Kammstempel. Es handelt sich dabei aber um eine Art von Stacheldrahtmuster in Wickelschnur-Manier. Der Randgestaltung mit geradem Abstrich und Lippe nach zu urteilen, scheint es sich ebenfalls um eine spatneolithische Fazies der Kammkeramik zu handeln.

(118) Das Fragment ist nicht mehr auffindbar, aber abgebildet (Lougas 1970a, 207, Taf. 64: 10; Jaanits et al. 1982, Abb. 96: 9-10).

(119) Bereits bei den fruhesten Nachweisen von ringabrollungsverzierter Feinkeramik im nordostbayrischen und bohmischen Raum der mittleren Urnenfelderzeit (Ha A-B) handelt es sich vornehmlich um graphitierte Trichterrandbecher (Rind 2002, 103). Also auch dort ist der Bezug von Abrollung zu besonders feingestaltiger Ware gegeben.

(120) Ein der Asva-Schale annahernd ahnliches Exemplar (auch S-Profil) ist unter den fruheisenzeitlichen Siedlungsfunden von Smuzsewo. Dort ist der Raum der Randzone von einer dreifachen Zickzacklinie eingenommen (Durczewski 1985, Taf. 23: 20).

(121) Siehe auch Bohnsack (1973, 26, Taf. 2) zu einer doppelkonischen Schussel vom niedersachsischen Graberfeld am Sudrand des Garbsener Moores (Fundplatz 20, Flur Wegener): ... auf dem Hals Zickzack-bzw. Wellenband, begrenzt und teilweise begleitet durch keilformige Einstichreihen.

(122) Die Zugehorigkeit zu den untersten Schichtenlagen lasst sich an den Scherbenfunden mit Zickzackdekor ablesen (vgl. Profil Asva A/C): AI 3799: 13 (89 cm tief); 150/159 (112-118 cm); 171 (139 cm); 179/377 (96-165 cm); 184 (115 cm); 190 (120-125 cm); 419; 420 (beide 50-165 cm).

(123) Der steinerne Untergrund im Aussenbereich der Bronzezeitsiedlung Vmakalns in Lettland wird in der gleichen Weise, d. h. als Begradigung des Hangs interpretiert (Graudonis 1989, 58, Abb. 35, 38).

(124) Berucksichtigung fanden 18 Fundorte mit 39 Deponierungen in Pfostengruben (insgesamt 44 Gegenstande). Bei allen wird davon ausgegangen, dass es sich um intentionelle Deponierungen handelt. Ein funktionaler Verwendungszusammenhang der Niederlegungen wird dabei genauso ausgeschlossen (z. B. als Pfostenstutze etc.) wie Sekundarverlagerungen (Trebsche 2008, 69).

(125) Wahrend der Arbeiten im Grabungsteil A (1961-1962) wurden Pfosten zunachst nur beilaufig graphisch dokumentiert und als archaologische Befunde beschrieben. Erst wahrend der Kampagne in Ridala B (1963) wurde den Pfosten und Inhalten vermehrt Beachtung geschenkt. Insgesamt jedoch wurde die archaologisch-begleitende Beobachtung der Pfostengruben vollig vernachlassigt, d. h. die Beobachtungen zu Grubeninhalten sind unzureichend, selten wirklich brauchbar. Angaben zu Fundumstanden sind unregelmassig und knapp bemessen. Es ist nicht immer feststellbar, aus welchem Bereich der Grube und in welcher Anordnung der jeweilige Fund stammt.

(126) Unter der Leitung von Lembi Lougas befassen sich gegenwartig Nelja Kadorova und Heli Illipe-Sootak, Magistranten am Institut fur Mathematik- und Naturwissenschaften der Tallinner Universitat, mit der Analyse von organischen Resten (u. a. Lipiden) an der Asva-Keramik. Die Ergebnisse stehen noch aus.

(127) Bei den Tonnengefassen wird das Volumen nach dem Kreiszylinder-Prinzip ermittelt. Vom Rand-, Maximal- und Bodendurchmesser wird der Mittelwert genommen (Abb. 109).

(128) An den Gefassscherben aus Otterbote wurden Reste einer schwarzlich verkohlten Ablagerung festgestellt (...many of the sherds have a black, charred residue on the inner surface, sometimes also on the outer). Welche Gefasstypen oder Gefasspartien davon betroffen waren, ist nicht angegeben. Vier grobkeramische Testscherben wurden auf ihre organischen Inhalte (Lipide, Fettsauren) gepruft und mit rezentem Robbenfett verglichen (Gustavsson 1997, 95). Nur zwei Ergebnisse waren verwendbar: Der Lipidgehalt einer Scherbe kommt dem von Robben- oder Waltran nahe, bleibt aber unsicher. Die andere Testscherbe ergab Ruckstande einer pflanzlichen, fermentierten Speise (unbestimmte Gemuseart).

(129) Letzteres solle etwa den Verdampfungsprozess der Speise verzogern. Informationen zur Harte der Wande gibt es keine, doch sind sie generell dickwandig. Die durchschnittliche Hohe belauft sich auf ca. 18 cm, der maximale Offnungsdurchmesser um die 24 cm. Die Ermittlung der Volumina almost all are quite short and squat (Henrickson & McDonald 1983, 631).

(130) Archaologisch nachgewiesen ist der Genuss von Met spatestens fur die Bronzezeit Mitteleuropas. Fur Bier stehen diesbezugliche Nachweise noch aus, doch hatten sich in der Bronze- und Fruheisenzeit Anbau und Nutzen von Gerste langst etabliert (Jockenhovel 1997, 204).

(131) Die Bearbeitung der Keramikinventare grosser Graberfelder Mitteldeutschlands (Niederkaina, Liebersee u. a.) hat interessante Regelhaftigkeiten in der Ausstattung und Positionierung der Urnen- und Beigabengefasse erkennen lassen. Dabei ist immer wieder von "Trinkgeschirrsatzen", bestehend aus sog. Schopf- und Trinkgefassen, die Rede. Schalen und Tassen spielten bei den Bestattungsfeierlichkeiten (,Libationsriten') eine besondere Rolle (Coblenz & Nebelsick 1997, 17 ff.; Ender 2000, 23 ff.).

(132) Das wird auch aus der Verbreitung der Keramikfunde im Grabungsareal E deutlich (Abb. 58). Die Zone innerhalb und ringsum die besagte Steinkonstruktion ist so gut wie leer an Funden. Dies spricht keineswegs gegen eine Ansprache als Brennofen fur Keramik, doch ist eine Deutung dieses Komplexes wegen der widerspruchlichen Angaben schwierig.

(133) In anderen Siedlungsgrabungen sind solche in Verbindung mit Ofenresten aufgetreten (z. B. Paruzel 2003, 251). Doch gibt es genugend Falle mutmasslicher Keramikbrennofen, wo keinerlei Keramik aufgetreten ist (Hingst 1974, 69 ff.).

(134) Es folgt der Literaturhinweis auf Fundorte im deutschen Rheingebiet und u. a. aus dem Fundort Hallstatt, ausgehend von den Zierleisten, Grifflappen und Osenhenkeln (Indreko 1939b, Abb. 13: 1, 4). Bei den Schalen sind S-Profil und Politur gemeinsame, aber unspezifische Merkmale im Vergleich mit der Asva-Keramik. Das gilt auch fur die Knickwandschalen aus schlesischen Urnengrabern (ebd., 33, Anm. 14). Mit den estnischen Funden haben die zitierten Grifflappen (von Terrinen) und sonstigen Handhaben (breite Bandhenkel) wenig gemein.

(135) W. Kockas Artikel zur Keramik von Biskupin (1938, Taf. XXIII: 8-11; XXIV: 1-1).

(136) Zwar zeugen Lougas' Recherchen und Ausfuhrungen von seiner profunden Literatur- und Materialkenntnis zur Bronzezeit im Ostseeraum, doch sind die meisten chronologischen Anhaltspunkte wenig brauchbar, auch wegen der nicht wenigen, gewissermassen 'erzwungenen' keramischen Stilvergleiche. Argumentiert wird u. a. mit bestimmten von ihren Gefassformen isolierten Verzierungsmotiven (z. B. Zickzackbander oder Kerbreihen).

(137) Es fehlt im Ostbaltikum der entwickelten Bronze- und fruhen Eisenzeit nicht nur an Gefassformen im Lausitzer oder im nordischen Urnenfelderstil, sondern auch die im Ostseeraum verbreiteten Verzierungsmuster. Horizontalriefe, Flechtband, Sparrenmuster oder schraffierte Dreiecke sind der ostbaltischen Siedlungs- oder Graberkeramik ganzlich fremd. Zur Frage der Ausbreitung des sog. Lausitzer Keramikstils im Ostseeraum siehe Jaanusson 1981; Dabrowski 1983; 1989; Gustavsson 1997; Thrane 2008; Eriksson 2009.

(138) Zur Problematik und Bedeutung der ostbaltischen Besenstrichkeramik in der Forschungsgeschichte siehe Vasks (1991, 9 ff., 119 ff.).

(139) Die keramischen Bronzezeittypen untersuchter Siedlungsplatze am Unterlauf der Duna (Kivutkalns, Vinakalns, Mukukalns u. a.) sind ahnlich gegliedert wie die Formen aus Asva und Ridala. Profilierte Topfe machen in den lettischen Siedlungen anteilig ein Drittel der Keramik aus (Vasks 1991, 44 ff., Tab. 9: 13, Abb. 5, 9).

(140) Vasks 1991, Tab. 9: 13, Taf. XX, XXI, XXIII. Auch erfolgte der Gefassaufbau nach den gleichen Methoden und Verbindungsweisen (Wulsttechnik, Einzapfen etc.) wie in der AsvaKeramik (Vasks 1994, 49, Abb. 34: 1-1).

(141) Vasks 1991, 35 ff., Tab. 9: 13; Grigalaviciene 1995, 210 ff., Abb. 124, 126-129, 141-142.

(142) Eine Ausnahme stellt das Osenhenkelfragment aus der Siedlung Kivutkalns dar, vermutlich zu einer profilierten Schale gehorig (Graudonis 1989, 49, Taf. XXXVIII: 9).

(143) Die wenigen Uberblicksdarstellungen zur Bronze- und Eisenzeit im ehem. Ostpreussen konnen durch die verheerenden Kriegszerstorungen meist nur auf vor dem Zweiten Weltkrieg angefertigte Photographien und Zeichnungen zuruckgreifen. Uber die Abbildungen allein ist es schwierig, an vergleichsrelevante keramische Detailinformationen zu kommen.

(144) Die Keramik des Weichsel-Memel-Gebiets zeigt Verbindungen und Einflusse mit bzw. aus Zentral- und Grosspolen sowie Masowien (Antoniewicz 1964; Dabrowski 1966, 40 f.).

(145) Die meisten untersuchten Siedlungsplatze datieren in einen Zeithorizont zwischen Ha D und Lt A/B (Antoniewicz 1964, 54 ff., Taf. IX: e-p; siehe Taf. XLI-XLII).

(146) Eine dieser Henkelschalen oder Tassen mit S-Profil ist am Schulterumbruch bzw. Ubergangsbereich zur Randzone sowie entlang des Bandhenkels mit einem solchen Kerbmuster verziert worden. Sowohl die Verzierungstechnik als auch die Art der Platzierung am Umbruch und Henkel ist aus Asva, wenn auch nur vereinzelt, bekannt. Ein mogliches Vergleichsexemplar stammt aus dem Grab 53 im Graberfeld Mala Kepa 1, pow. Kulm (Chelmno) (Chudziakowa 1974, 119 ff., Taf. VIII: 7; Periode V bis Lt A).

(147) Chudziakowa (1974, 127) erwahnt eine Schale mit Ringabrollung aus dem Graberfeld Sloricz 1, Grab 38, Kr. Kulm/Che mno (unpubliziert).

(148) 1. Gruppe: Bronzezeit P IV-V, 2. Gruppe: P VI-Ha D, 3. Gruppe: Lt A-B, 4. und 5. Gruppe: Vorromische Eisenzeit.

(149) Mit Blick auf die Verbreitung der KAM-Tullenbeile und deren Gussformen nach zu urteilen soll Rohkupfer aus uralischen Lagerstatten der Hauptgegenstand dieser Handelsroute gewesen sein. Das verhandelte Kupfer wurde demnach von Osten uber den Finnischen Meerbusen via Saaremaa transportiert (Okulicz 1976, 326).

(150) Pietrzak & Podgorski 2005, Taf. II: 2, XII: 2, XVI: 2. Eines dieser Gefasse ist mit einer Schwanenhalsnadel vergesellschaftet (Grab 2).

(151) Wieruszow-Podzamcze (Fpl. 1) und Kurow-Grodzisko (Fpl. 1) (Janiak 2003, 30, 48, Abb. 13: 18, 22, 24: 9-10, 13, 17, 25: 1). Einfache, tonnenformige Rauhtopfe sind fur diese Platze typisch.

(152) Das Material wird einheitlich in die Bronzezeitperiode V datiert (Pierog 2003, 60 f., Abb. 21: 6, 35: 2, 48: 8, 49: 4, 142: 3).

(153) Diese Leitformen der Billendorf-Gruppe, etwa die Terrine, der Doppelkonus und die Kanne, sind auch nicht nach Ostmittelschweden durchgedrungen (Eriksson 2008, 256 f., Abb. 138). Wie im Ostbaltikum wurden dort nur ausgewahlte Gefasstypen adaptiert (Schalen, Eitopfe u. a.).

(154) Svingelbjerg, Viborg amt, und Gjettrup Mark, Randers amt. In beiden Grabfunden sind die Topfe mit datierenden Metallbeigaben (Pinzette bzw. Nadel mit Vasenkopf) vergesellschaftet (Jensen 1997, 132, Abb. 55: 11-13, 14-15).

(155) Dort hat die Publikationstatigkeit besonders in den letzten Jahrzehnten wegen der gross angelegten, archaologisch begleiteten Verkehrs- und Wohnbauprojekte zugenommen (z. B. Oresundprojekt).

(156) Topfe der B-Gruppenkeramik sind aus diversen anderen, im Rahmen des Oresundprojekts untersuchten Fundplatzen der Malmo-Gegend aufgetaucht (Fosie II A-D und Lockarp 7A, 7B) (Rudin & Brink 2002, Abb. 189: b; Eliasson & Kishonti 2003, 189, 191, Abb. 108 f.; Hadevik & Gidlof 2003, 151, Abb. 124: d).

(157) Stjernquist 1969, 41 ff., Abb. 10: 1-6, 13: 1. Vereinzelt sind auch Schalenfragmente einer sehr feinen, polierten und schwarzglanzenden Warenart darunter (ebd., 82, Abb. 25: 3).

(158) Fosie IIA-D, Lockarp 7A und 7B (Rudin & Brink 2002, 181, Abb. 188: a-e; Eliasson & Kishonti 2003, 192 f., Abb. 112-115; Hadevik & Gidlof 2003, 151, Abb. 124: b, c). Auch ist das Formenspektrum der Schalen mit dem von Asva vergleichbar. Es gibt die aus Asva bekannten Formen B II, III und IV sowie variierende Grossen bzw. Durchmesser (kleinere 13-15 cm und grossere bis 20 cm). Auch sind nicht alle durchweg feiner Qualitat und Machart, einige werden zuweilen als vergleichsweise grob beschrieben (Eliasson & Kishonti 2003, 192 f.).

(159) Stromberg 1975, 170, Abb. 101; Jensen 1997, Taf. 38: 1-3, 39: 8-9. Anhand der Metallbeigaben (u. a. Stangenkopfnadel und Wendelring) sind Datierungen der Grabkomplexe in die Perioden VI moglich. Es gibt auch einen entsprechenden Siedlungsfund: das Kegelhalsgefass mit Griffknubbe Fosie IV (B-gruppenzeitlich) (Bjorhem & Safvestad 1993, 53, Abb. 60d; Lindahl et al. 2002, Abb. 145).

(160) Ein dunnwandiges Knickwandgefass der schwedischen B-Gruppe, eine hohe Schussel aus Fosie II, tragt einen vertikalen Grifflappen, der, zwar undurchlocht, an einige Osenhenkel aus Asva erinnert (Hadevik & Gidlof 2003, 151, Abb. 126: b).

(161) So urteilte Jaanusson (1981, 122 f.): It is remarkable that in Roslagen [...] there was a Late Bronze Age settlement which has typical Asvan pottery (Ambrosiani 1959). [...] In fact, [...] the Nordic pottery influence on Darsgarde pottery is weaker than on pottery from Asva and Ridala on Saaremaa. Von einer 'typischen' Asva-Keramik in Ostschweden kann aber nicht die Rede sein. Auch der 'nordische' Einfluss in der ostbaltischen Keramik bleibt zu diskutieren.

(162) The striated pottery is roughly datable to the late Bronze Age/early Iron Age (Olausson 1993, 86). Andere ebenso stark verscherbte Gefassrander (u. a. mit S-Profil) werden als smoothed pottery of Lausitz type beschrieben, obwohl sich keinerlei Erkennungsmerkmale eines 'Lausitzer' Stils zu erkennen geben (siehe ebd., Abb. 13).

(163) Die Fruhdatierung geht auf Indreko und Lougas zuruck, die in den Doppelknopfen aus Geweih zeitgenossische Nachahmungen nordischer Bronzeknopfe sahen. Die hiesigen Beobachtungen zu den Fundgruppen und der Stratigraphie belegen eine Entstehung der Asva-Siedlung nicht vor Periode V (siehe Kap. 9).

(164) Jaanusson (1981, 93): It has been suggested (Indreko 1939b, 50; Vassar 1955) that such vessels indicate an influence from Lusatian culture, but in view of their commonness in Nordic pottery and rarity in the Lusatian region their occurrence suggests instead an influence from the west.

(165) Eriksson 2008, 49; 2009, 330, 336, Taf. 3 (Montelius-P II-IV) und Taf. 6 (P IV-VI).

(166) Wahrend eines Besuchs der archaologischen Fundsammlung in Visby im August 2010 konnte ich Bronzezeitkeramik aus verschiedenen Fundorten und -kontexten Gotlands einsehen. Nur wenig an Graber- und Siedlungskeramik scheint uberhaupt uberliefert oder erhalten zu sein, zudem wurden samtliche Altfunde in das Stockholmer Historische Museum verlagert. Das Gefass aus Soby (Abb. 115: 2) war einer der wenigen mit Wiedererkennungswert fur einen Stilund Formenvergleich mit Bronzezeitkeramik aus dem Ostbaltikum.

(167) Inventarnummer SHM 27760:8/59. Die gotlandischen Graberinventare lagern grosstenteils im Archiv des Historischen Museums von Stockholm, sind aber frei im Online-Archiv einsehbar (http://mis.historiska.se/mis/sok/resultat_invnr.asp) (eingeschen am 09.06.2014).

(168) Ansonsten sind nur Topfe mit Knubben versehen. Ein einziger fragmentarischer Osenhenkel einer profilierten Schale (Gustavsson 1997, 58, Tab. 33, Abb. 53) mit einer zierlichen, etwas verbreiterten Ose auf dem Schulterknick ist erhalten. Dessen Form ist nicht mehr sicher zu rekonstruieren (Doppelknubbe?). Anders als die ubrigen Gefassformen kommt dieser Henkeltyp nicht in der vorwiegend P IV-zeitlichen Hallunda-Keramik vor (vgl. Jaanusson 1981, Abb. 43). Das ist deshalb erwahnenswert, weil er den Henkelformen von Asva nahe steht und vermutlich jungeren Datums ist.

(169) Basierend auf dem Fund einer Bronzenadel mit profiliertem Kopf, datierend in P V-VI (Meinander 1954b, 139, 144; Baudou 1960, 86).

(170) Als Gefasse Lausitzer Typs werden nur die Typen VGA und VGT, also profilierte, glattwandige oder polierte Schalen ohne Verzierung, bezeichnet (Luoto 1984, 30, 36 f., 39, 45, 51 f., 59, 62). Schalen mit Ringabrollungen indes werden nur beilaufig mit Funden aus Asva (zitiert wird Vassar 1955, Abb. 39) und mit grober, kerbverzierter Keramik aus den kurlandischen Schiffsgrabern verglichen (zitiert wird Graudonis 1967, Taf. XLII: 7-8). Auf Datierungsfragen wird nicht naher eingegangen (Luoto 1984, 122 ff.).

(171) Dabrowski 1981, 111: Bemerkenswert ist auch, dass die in Skandinavien gefundenen Gefasse nicht nur an lausitzische Formen aus Pommern oder dem Odergebiet anknupfen, sondern auch an Gefasse, die fur die Lausitzer Gruppen in Zentral- und Sudpolen charakteristisch sind.

(172) M. Meyer (2005, 209 f.) beschreibt an anderer Stelle ein ahnliches Phanomen in Verbindung mit der latenezeithchen Przeworsk-Keramik im Oder-Bereich: namlich eine selektive Ubernahme der fremden Elemente in unterschiedlichen Siedlungstypen. Die raumliche Verbreitung von Przeworsk- und Drehscheibenkeramik scheint dort vom jeweiligen Bodenmilieu und seiner Agrarfahigkeit abzuhangen. In Hohensiedlungen konnte die fremdartige Keramik des PrzeworskTyps auch nicht nachgewiesen werden.

(173) Insofern dort die Schalen nicht aus organischen Materialgruppen (Holz, Horn, Leder) bestanden. Alles in allem spiegeln sich im Uberlieferungsbild regional abweichende Rezeptionen in Bezug auf keramisches Trinkgeschirr wider. Augenscheinlich wurden keramische Schalengefasse im Ostbaltikum nicht von allen Bronzezeitgemeinschaften gleichermassen geschatzt oder verwendet.

(174) Trotz der monoton wirkenden Erscheinung der Topfe sind diese in Form und Aussehen nicht alle deckungsgleich. Die Fluchtigkeit und der Mangel an Sorgfalt in der ausgefuhrten Verzierungsweise und Oberflachenbehandlung ist den Gefassen deutlich anzuerkennen.

(175) Es gibt ethnographische Fallbeispiele zu keramikproduzierenden Gemeinschaften, wo langzeitlich konstante Stilerscheinungen auf kleine Abnehmerkreise, auf saisonale Produktion begrenzten Ausmasses, u. a. fur die notwendigsten Gefasse, zuruckzufuhren sind. I. d. R. ist der dort zu beobachtende Herstellungsaufwand minimal. Spezialisierungstendenzen und Markte bzw. Nachfrage sind hinsichtlich keramischer Produktpalette und Qualitat nachweisliche Einflussfaktoren, aber nicht immer bestimmend fur Traditionsbildungen. Bei sporadisch ausgeubter Topferei und fehlender Routine erleichtern und vereinfachen Ruckgriffe auf bewahrte, traditionelle Formbildungen die keramische Produktion (siehe Knopf 2002, 195 ff.).

(176) Zu erwahnen an dieser Stelle sei Erikssons (2009, 221 f., 279) Deutung gewisser Dekorelemente an Topfen des nordisch-lusatischen Kreises im Sinne anthropomorpher Symbole, so z. B. die plastischen Leisten oder auch die Textilabdrucke.

(177) In Estlands vorgeschichtlicher Keramik scheinen sich traditionell bedingte Merkmale der Gefassform und Motivsymbolik noch lange uber die fruhe Eisenzeit hinaus gehalten zu haben. Schalen mit S-Profil und der typischen Stempelverzierung, Abrollungen mittels Ringen oder Rollradchen kommen vereinzelt in der Mittleren und Jungeren Estnischen Eisenzeit vor (siehe z. B. Moora 1955, Abb. 27: 2; Magi 2002, Taf. 85: 3).

(178) Die gegenuber der,Gebrauchskeramik' merklich kurzere Haltbarkeitsdauer und haufigere Reproduktionsrate der sog. Kuchenkeramik (kitchen pottery) des Lausitzer Kulturkreises hat J. Dabrowski (1988, 108) angesprochen. Umso bemerkenswerter erscheint ihm der trotz alledem langanhaltende Formentraditionalismus in dieser Region.

(179) Zur Problematik mutmasslicher Zerstorungshandlungen im Hortmilieu der Bronzezeit siehe Sperling (2013).

(180) It is difficult to imagine tradesmen from faraway countries carrying their delicate clay vessels over long distances and using them to demonstrate to the local people the proper' way of making ceramics. It is more likely that local people went to other countries where they saw various styles of ceramics; ... (Lang 2007b, 258).

(181) Die estnischen Kulturgruppen in dieser aktiven 'Nehmerrolle' zu sehen, entspricht so gar nicht dem in der bisherigen Literatur entworfenem, von kultureller Ruckstandigkeit gepragten Bild ostbaltischer Bronzezeitgemeinschaften, wenn es um das Thema Metallreichtum bzw. -armut im Ostseeraum geht (siehe Kap. 7).

(182) Zur Problematik kollektiver Identitat und materieller Kultur siehe Muller-Scheessel & Burmeister 2006, 12 f., 18; Davidovic 2006, 39, 52; Dammers 2010, 88 f.

(183) A. Zeeb-Lanz in ihrer Studie zu Sozialaspekten in neolithischen Keramikgruppen (2006, 81 f.): Der Mensch definiert sich durch seine sozialen Bindungen; daher ist jede Identitat--sei es die ganz personliche, sei es die einer Gruppe--in erster Linie als soziale Identitat aufzufassen. Die personliche Identitat kann als "soziale Reprasentation" betrachtet werden. [...] Wichtiger Bestandteil der Identitatsfndung und -erhaltung in der Gruppe sind symbolische Werte im Sinne sozialer Reprasentationen, wie sie gleichermassen auch fur das Individuum zu definieren sind.

(184) Laut dem vom Soziologen P. Bourdieu in den 1970er Jahren entwickelten Habitus-Konzept beruhen Sozialstrukturen auf der Regularitat gemeinsamer Praktiken, ohne dass den Handelnden und Beteiligten mittelbar bewusst ware, wie diese zustande kommen. Regelmassige Strukturen des Habitus' bilden sich vielmehr aus Erfahrungen konkreter Praxiskontexte, sind nichts anderes als erworbene, systembasierte Reproduktionsablaufe (siehe Petermann 2004, 985).

(185) Dazu Nils Muller-Scheessels und Stefan Burmeisters (2006, 32 f.) Gedanken zum Habitus und der gruppenspezifischen Stilbildung: Da sie [Handlungsroutinen] Bestandteil der Sozialisation sind und zudem vielfach unbewusst ausgefuhrt werden, sind sie nicht so anfallig fur kulturelle Ubertragungen. Sie wirken oft weder funktional noch transportieren sie nach aussen eine soziale Signifikanz, weswegen sie von Aussenstehenden kaum wahrgenommen werden. Die sich aus den habituellen Handlungen ergebenden kulturellen Merkmale bilden quasi den ruhenden Gegenpol zu all jenen dynamischen kulturellen Merkmalen hoher erkennbarer Funktionalitat oder emblematischer Funktion sozialer Reprasentanz ...

(186) The activities in which cups and bowls were involved were common in most part of Europe during the Bronze Age. These cups and bowls must be seen, not as ethnic markers, but more broadly as instruments in a tradition of feasting: one of the most basic action people do to socialize and create bonds, mobilize labour, and perform rituals, is to share food and drink (Eriksson 2008, 49).
Tabelle 8. Die Keramikfundmengen aus Asva, Ridala und Kaali.
Scherbenanzahl und Gewicht in Relation zur Flache

Grabungsareale       Flache      Gewicht    Scherbenzahl
                  ([m.sup.2])      (kg)

Asva 1934         54             12         ca. 600
Asva A/C; B; D    183            120        ca. 5000
Asva E            129            140        ca. 6.600
Asva F            206            283        ca. 14.000
Gesamt            572            560        26.200 Stk.

Grabungsareale       Flache      Gewicht    Scherbenzahl
                  ([m.sup.2])      (kg)

Ridala A          204            14         ca.1.600
Ridala B          231            11         ca. 2.100
Gesamt            435            25         3.700 Stk.

Grabungsareale       Flache      Gewicht    Scherbenzahl
                  ([m.sup.2])      (kg)

Kaali             135            6,7        ca. 1.150

Tabelle 9. Asva. Keramikfunde (Gewicht und Scherbenzahl)
in Relation zur ausgegrabenen Flache

Grabungsareale       Flache      Gewicht   Scherben-
                  ([m.sup.2])     (kg)     anzahl (n)

Asva A/C; B; D        183          120       5.000
Asva E                129          150       6.600
Asva F                206          283       14.000

Grabungsareale    kg/[m.sup.2]   n/[m.sup.2]

Asva A/C; B; D        0,7           27,3
Asva E                1,2           51,2
Asva F                1,4            68

Tabelle 10. Mengenverteilung der Gefassoberteile in den Siedlungen

                     Anzahl
                 der GefassRand-      Grobkeramik      Feinkeramik
                  Einheiten (n)    (Topfe/Schusseln)    (Schalen)

Asva                   667                443              224
Ridala                 58                 32               26
Kaali                  25                 22                3
Iru-Nord (100)         83                 59               24

Tabelle 11. Keramik von Asva. Oberflachenbehandlungsweisen
und Gefassformen

Oberflache    Topfe Asva F (n = 315)    Topfe Asva E (n = 52)

              Typ A     Anzahl     %    Typ A    Anzahl    %

poliert        III     5          3       /      /
                I      3                  /      /
                II     3 = 11             /      /

glatt           I      63         59      V      14        69
                V      43                 I      9
               III     39                 VI     5
                II     22                 II     4
                VI     16                III     4 = 36
                IV     3 = 186

unbehandelt     I      4          2       /      /
               III     2                  /      /
                II     1                  /      /
                V      1 = 8              /      /

Strich          I      26         30      VI     4         27
               III     26                 I      3
                V      16                III     3
                II     15                 II     2
                VI     10                 IV     1
                IV     2 = 95             V      1 = 14

Rauhwand        V      2          1       /      /
                I      1                  /      /
               III     1 = 4

Textil          V      3          3       I      1         4
                I      6                  V      1 = 2
                II     1
                IV     1 = 11

Oberflache    Topfe Asva A/C (n = 75)

              Typ A    Anzahl    %

poliert         /      /
                /      /
                /      /

glatt           I      15        59
                V      10
                VI     10
               III     4
                IV     3
                II     2 = 44

unbehandelt     /      /
                /      /
                /      /
                /      /

Strich          I      8         37
               III     6
                VI     5
                V      4
                II     2
                IV     3 = 28

Rauhwand                         1
                VI     1 = 1

Textil          V      1         3
                VI     1 = 2

Tabelle 12. Keramik von Ridala. Oberflachenbehandlungsweisen
und Gefassformen

Oberflache     Topfe Ridala A (n = 20)  Topfe Ridala B (n = 12)

              Typ A    Anzahl          Typ A    Anzahl

poliert        III     1         15
                V      1
                VI     1 = 3             /      /

glatt           V      3         30     III     2         58
                I      1                 V      2
                II     1                 VI     2
                VI     1 = 6             I      1 = 7

unbehandelt     VI     1 = 1     5       V      1 = 1     8

Strich          I      3         45                       17
               III     2
                VI     2
                II     1                 I      1
                V      1 = 9             IV     1 = 2

Rauhwand       (x)     (x)              (x)     (x)

Textil         III     1 = 1     5       I      2 = 2     17

Tabelle 13. Verteilung der Handhaben auf die Gefasstypen

         I     II    III   IV    V     VI    offen   Gefasstyp

Asva           6     6     2     2     1     6       Topfe
(40)     1     8     3     1     1     3             Schalen

Ridala                                 3             Topfe
(7)                        1           3             Schalen

Kaali                                                Topfe
(1)                                    1             Schalen

Iru                                    1             Topfe
(4)                                    3             Schalen

Tabelle 14. Anzahl und Verteilung der Leisten auf die Gefasstypen
(Topfe und Schusseln)

            I    II    III   IV

Asva A/C
Asva E            2
Asva F      1           3     1
Ridala A
Ridala B

            V    VI    offen   gesamt (21)

Asva A/C          1                 1
Asva E                              2
Asva F      1     5      1         12
Ridala A          2                 2
Ridala B    1     1      2          4

Tabelle 15. Anzahl und Art der Verzierungskombinationen in der
Grob- und Feinkeramik von Asva (0/0/0 * = Areale AC/E/F; Stern
(*): Kombination auch an Iru-Keramik vorkommend)

Asva AC/E/F     Grubchen    Fingertupfen   Wickelschnur

Grubchen
Fingertupfen      2/3/1
Wickelschnur     0/l/0 *
Randkerben
Kerbenreihe       0/0/3
Einstichreihe     0/1/0
Abrollung
Ritzlinien        0/l/0
Leiste           0/0/10        1/2/5
Knubbe

Asva AC/E/F     Randkerben   Kerbenreihe   Einstichreihe

Grubchen          0/0/2
Fingertupfen
Wickelschnur      0/1/0
Randkerben
Kerbenreihe      0/0/5 *
Einstichreihe
Abrollung         2/3/0
Ritzlinien        1/0/0                        0/0/1
Leiste                          0/0/1
Knubbe

Asva AC/E/F     Abrollung   Ritzlinien   Leiste   Knubbe

Grubchen
Fingertupfen
Wickelschnur
Randkerben
Kerbenreihe
Einstichreihe
Abrollung
Ritzlinien
Leiste
Knubbe

Tabelle 16. Auflistung der Fundkontexte aller verzierten
Schalen in Asva F

          Abrollung (a);              Fundtiefe,
AI 4366   Ritzlinie (zz)   Quadr.    Schicht (cm.)

697             zz          13/q        100-110
713             a           15/s           /
1187            a           11/u        80-100
1199            a           15/v          100
1200            a           15/v          100
1265            a           14/o        130-160
1470            a          13/t-s         110
1483            a           15/v        100-110
1538            a           12/t        100-110
1562            a           14/u        100-110
1567            a           13/u        100-110
1595            a           12/v        110-130
1597            a           12/u        110-130
1675            zz          15/5           /
1677            zz          15/a          150
1783            a           13/u        110-130
1789            a           14/u        110-130
1809            a           15/u        180-200
1884            zz          15/o        170-180
1921            zz          13/o           /

                                   Bemerkungen laut
             Anstehender             Lougas 1966a
AI 4366   Boden bei... (cm)          (Fundkatalog)

697            100-110        auf anstehendem Boden
713              100          nahe anstehendem Boden
1187             120
1199             130
1200             130
1265             160
1470             120
1483             130
1538             120
1562             140
1567             130
1595             130
1597             130
1675             175          unter Lehmschicht
1677           170-180        unter Lehmdecke
1783             130
1789             140          unter Lehmdecke in Erdboden
                                von Haus D [...] aus
                                Asche- und Russschicht
1809             200
1884             175          auf anstehendem Boden
1921           160-170        vom Hausbodenniveau,
                                auf anstehendem Boden
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Title Annotation:p. 258-306
Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:22079
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