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8. Die Siedlungskeramik der Asva-Gruppe.

8.4.5. Textilabdrucke

Zu den verschiedenen Techniken der Oberflachenbehandlung in Asva und Ridala gehort auch der Textilabdruck. Charakteristisch sind netz- oder maschenartig strukturierte Uberzugsmuster auf der Gefassoberflache. Sie ruhren von Faserstoffen her, die auf die noch ungebrannte, weiche Keramik aufgepresst wurden (Abb. 87).

Zunachst sind verschiedene Gewebemuster auf den Gefassen festzustellen. Dabei variieren Musterung, Dichte und Tiefe der Reliefstruktur. Sie sind also hinweisgebend auf Dicke und Grosse der verschiedentlich verwendeten Fasern und Kettfaden. Informationen zu den verwendeten Stoffen, zur Materialart und zur Herstellungstechnik der Gewebe lassen sich aus der Gefasswandoberflache durchaus gewinnen, wie an ausgesuchten estnischen Funden verschiedener Perioden (Neolithikum, Bronzezeit, jungere Eisenzeit) gezeigt wurde (Laul 1966; Kriiska et al. 2005).

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Die Stoffmusterungen bzw. Textilspuren an der Asvakeramik sind alle relativ ahnlich geartet. Bei den meisten Wandscherben haben dichte und regelmassig gewebte Stofffasern einen netzhautartigen Uberzug auf den Gefasswanden hinterlassen. Die Menge der auf diese Weise verzierten Scherbenfunde in Asva und Ridala ist bemerkenswert klein, ihr relativer Anteil am gesamten Keramikspektrum betragt insgesamt weniger als 5%. Es scheinen nur wenige Gefasse dieser Art hergestellt und benutzt worden zu sein. In Formgebung oder sonstiger Verzierungsweise (stets mit Grubchenreihen) unterscheiden sich die textilverzierten Gefasse nicht von der Masse grobkeramischer Topfe mit Besenstrich oder Glattung (Tab. 12, Abb. 82). Allerdings liegen deren Mundungsdurchmesser stets unter dem Mittel, es scheint sich um tendenziell kleinere Gefasse zu handeln.

Stratigraphisch konnten die wenigen Textilkeramikfunde nur fur den Grabungsteil von Asva F naher zugeordnet werden. Dort sind fast samtliche Gefassscherben unter Haus D der alteren Belegungsphase zum Vorschein gekommen und zwar zusammen mit sog. Rauhwandtopfen (Lougas 1970a, 165 f., Anm. 1).

Was die meisten Scherben aus Asva und Ridala kennzeichnet, ist die Schragoder Diagonalmusterung der Grate (Schusslinien) (Abb. 87: 2-4 und 89: 1-4). Abweichungen sind lediglich in der Dichte der Gewebe und unterschiedlich grossen Zwischenraume zu sehen. Diese Struktur ist fur Stoffe typisch, die in der sog. Koperbindung (oder Twill) hergestellt wurden. Das ist insofern bemerkenswert, als dass fur die bisher bekannten und untersuchten Stoffabdrucke auf estnischen Keramikfunden vornehmlich die Technik der einfachen Gewebebindung (sog. Ripsgewebe), also mit rechtwinkligen Fadenkreuzungen, nachgewiesen werden konnte (Laul 1966; Kriiska et al. 2005, 19 ff., Abb. 11a-d, Tab. 2). Die dafur typische langs- oder querlaufende, gerippte Oberflachenstruktur ist soweit nur an einem Bodenstuck Asva F nachzuweisen Abb. 88). Der Topf stand zum Zeitpunkt seiner Herstellung und Bearbeitung auf einer Matte aus einfachem Ripsgewebe. An einem anderen Bodenstuck aus Ridala ist ebenfalls ein Textilabdruck zu erkennen (Abb. 89: 4a), wobei alles auf ein einfaches Kopergewebe hindeutet.

Der Abdruck eines Stoffes, angefertigt in einer weiteren Technik, namlich mittels Nadelbindung oder Schlingentechnik (needle-netting technique), wurde fur ein Randstuck eines spatbronzezeitlichen Gefasses aus dem sudwestestnischen Altkula vermutet. Das Gewebebild zeigt eine Fibrillenstruktur, eine Decke aus dichten, langgestreckten Fasern. Angesichts des ermittelten Alters der Randscherbe (AMS datiert 2885 [+ or -] 45 cal. BP) konnte der bis dato fruhestmogliche Nachweis einer solchen Gewebetechnik fur Textilien im Ostbaltikum gelungen sein (Kriiska et al. 2005, 15, 20, Tab. 2, Abb. 8, 12b). Das Gefassstuck aus Asva A/C zeigt einen sehr ahnlichen Abdruck (Abb. 87: 1), der womoglich ebenfalls von einem nadelgebundenen Stoff herruhrt.

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Die Umstande und Faktoren der Entwicklung von Textilabdrucken auf Siedlungskeramik sind wiederholt thematisiert worden, insbesondere vor dem Hintergrund der weiten geographischen Verbreitung des Textilkeramikphanomens in der osteuropaischen Waldzone wahrend des dritten und zweiten vorchristlichen Jahrtausends. (113) Fur Finnland, Karelien und Estland konnte die Fazies einer Early Textile Ceramics herausgearbeitet werden, welche teils gleichzeitig, teils mit lokalen Kamm- und Schnurkeramikgruppen des ausgehenden Spatneolithikums verwandt ist, d. h. Schnur- und Textilabdrucke konnen an einigen Gefassen durchaus gemeinsam auftreten (Kriiska et al. 2005, 17 f.). Die fruhe Textilkeramik ist in Siedlungen des Ostbaltikums und nordwestlichen Teilen Russlands verbreitet. Die 'eigentliche' Textilkeramik ist ein bronzezeitliches Phanomen (1800-500 BC nach hiesiger Periodisierung). In dieser Phase erreicht diese Oberflachengestaltung auf Keramik ihre maximale raumliche Ausbreitung, erstreckt sich nach Osten bis zur mittleren Wolga und in nordlicher Richtung in den finnisch-karelischen Raum bis zum Weissen Meer (Lavento 2000; 2001, 33 ff., 92 f.). Im Ostbaltikum sind bislang nur vereinzelte Fundorte im estnischen und nordlettischen Territorium mit dieser Keramik aufgetreten (Akali, Kullamagi), darunter auch auf Saaremaa (Loona). Den Funden von Asva und Ridala fallt insofern eine bedeutende Schlusselstellung zu, als dass sie chronologisch und typologisch in einen noch jungeren Horizont gehoren, d. h. an den Beginn des ersten Jahrtausends v. u. Z. Sie sind augenscheinlich Anzeiger einer Kontinuitat bzw. 'genetischen' Verbindung zur alteren textilverzierten Keramik, obwohl Magerungsweise, Gefassaufbautechnik und Formgebung bereits klar bronzezeitliche Zuge aufweisen (ebd.; Kriiska et al. 2005, 17 f.). Textilabdrucke auf Keramik sind im Ostbaltikum ubrigens auch in der Vorromischen und Romischen Eisen- bzw. Kaiserzeit gelaufig (dritte textilkeramische Phase nach Lavento 2000).

In der alteren Forschung gab es wiederholt Bemuhungen, die Funde aus Asva mit einem dieser textilkeramischen Horizonte oder Phasen in Verbindung zu bringen. Der noch unzureichende Forschungsstand bezuglich Fundkontext und Chronologie der textilkeramischen Funde verkompliziert diese Problematik zusatzlich, zumal die Funde aus Asva entweder mit der Fazies der Early Textile Ceramics oder mit den vornehmlich eisenzeitlichen, also weitaus jungeren Keramikgruppen der russischen Gorodistsen verglichen wurden. (114) Die Debatte um die zeitliche und kulturelle Einordnung der Textilkeramik im Ostbaltikum war insofern von besonderer Bedeutung, als dass diese unter ethnischen Gesichtspunkten, d. h. bezuglich der Ansiedlung finno-ugrischer Volksgruppen, betrachtet wurde. Dazu kommt, dass Angaben zur Art und Fundmenge textilverzierter Keramik (in Asva) stets vage und undeutlich blieben, was u. a. dazu fuhrte, Besenstrich und Textilabdruck als gleichwertig typische Merkmale der AsvaKeramik zu beschreiben (z. B. Moora 1961, 554). Die Anzahl solcher Keramikfunde aus Asva und Ridala ist indes ausserordentlich gering, was im Ubrigen bereits von R. Indreko (1961, 417) bemerkt wurde (Gefasse mit Textilspuren sind seltener; Tab. 11, 12). Die Problematik der Textilkeramik hat Indreko trotzdem ausfuhrlich erortert, da er die damals noch gangigen Lehrmeinungen von den Verbindungen zwischen den Kulturgruppen von Asva und Djakovo relativieren bzw. entkraften wollte. Die Erorterung anderer Keramikgruppen und -stile (Besenstrich, Rauhwand etc.) aus Asva ist jedoch ausgeblieben. Wohl aus diesen Umstanden heraus ist der Eindruck noch heute verbreitet, Textilabdrucke seien 'typische' oder charakteristische' Erscheinungen der Asva-Keramik. Eine Folge dieser Fehleinschatzung ist die Annahme, die vereinzelten Textilkeramikfunde in spatbronzezeitlichen Siedlungsplatzen Ostschwedens waren durch die Vermittlung der sog. Asva-Kultur dort hingelangt (Ambrosiani 1959, 121 ff., 127 f.). H. Jaanusson, die sich mit den ostlichen Einflussen in der schwedischen Bronzezeitkeramik naher beschaftigte, wusste diesen Aspekt zu berucksichtigen und die wenigen textilkeramischen Funde aus Asva und Ridala nicht uberzubewerten (Jaanusson 1981, 44 f., 122 f.; 1988; siehe auch Eriksson 2009).

Die Frage nach dem Sinne und Zweck der Textilabdrucke auf Gewasswanden ist in dieser Problematik wesentlicher. Anders als bei der fruhen Textilkeramik scheint der Dekoraspekt (der Stoffabdrucke) in der Asva-Keramik nicht immer vordergrundig gewesen zu sein. Das bezeugen zunachst die Abdrucke auf Gefassboden (Abb. 88 f.), die sich an den ubrigen Gefasspartien nicht in der gleichen Form wiederfinden. Bei den Textilspuren auf Gefasswanden hat man an Bedeckungen und Umwickelungen mit Stoffen gedacht, die im Zuge des Gefassaufbaus und des Glattungsprozesses auf die Oberflachen gedruckt wurden. Die Entstehungsweise der Musterung hat also einiges mit der sog. Besenstrichkeramik gemeinsam (Jaanusson 1981, 44 f.; Reisborg 1989, 93). Auch gibt es Falle, wo Stoffmusterungen nachmalig geglattet oder 'uberstrichen' wurden. An einer Randscherbe aus Asva ist zu sehen, wie Glattspuren (Besenstrich) die Textilabdrucke uberlagern (Abb. 87: 2). Die Entstehung der Abdrucke hat man entweder auf gewebte Fausthandschuhe zuruckgefuhrt, zum Glatten der Oberflache benutzt, oder auf Rocke bzw. Schurzen der Topfer(innen), auf denen die Gefasse im Zuge der Verarbeitung abgerollt wurden (Kriiska et al. 2005, 24 f., Abb. 12; Eriksson 2009, 136 ff., Abb. 58).

8.5. Gefassdetails

8.5.1. Handhaben

Mit Henkeln oder Knubben versehene Gefasse sind unter den Siedlungsfunden im Ostbaltikum ausgesprochen selten. Lediglich aus einigen spatbronzezeitlichen Grabern Lettlands (v. a. in den kurlandischen Steinschiffsgrabern) und Litauens ist etwas Henkelkeramik bekannt (Graudonis 1967, Taf. XLII: 6; Grigalaviciene 1995, 228, Abb. 131 f.).

Die Handhaben in Asva haben relativ vielfaltige Formen, zu unterscheiden sind Osenhenkel, Band- und Saulenhenkel sowie Grifflappen bzw.-zapfen (Abb. 90). Bei den meisten Henkeln und Griffen handelt es sich um kleinere Applikationen. Die eindeutige Mehrzahl der Handhaben verteilt sich jedoch auf die Schalen, vornehmlich auf solche mit Profilierung (Tab. 13). Einige wurden auf die Gefasse aufgeklebt (Taf. 31: 6), andere eingezapft (Taf. 23: 4).

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8.5.1.1. Osenhenkel

Bei dieser am haufigsten in der Asva-Keramik vorkommenden Art von Handhabe handelt es sich eigentlich um Grifflappen mit kleiner Ose (Abb. 91). Letztere ermoglichte das Aufhangen der Gefasse an einer Schnur. Zur grifferleichternden Handhabe kommt somit mit der Ose eine erweiterte Funktion hinzu. Die meisten dieser Grifflappen sind wulstartig verdickt und an der Oberseite gerade abgestrichen. Bei einigen ist die Aussenseite gefurcht. In Lange und Breite sind die Osenhenkel relativ einheitlich, meist von gedrungener und ein wenig langgezogener Gestalt. Diese sind fast ausschliesslich in der Randzone der Knickwandschalen angebracht. Einige dieser Osen finden sich wiederholt an Schalen mit Ritzdekor (Taf. 26: 4, 6). In einem einzigen Fall ziert solcher ein Topfchen (Taf. 34: 1).

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8.5.1.2. Osenknubben

Zu den Grifflappen und Osenhenkeln gleicher Grundform kommen noch weitere Knubbenformen, u. a. mit Lochung versehen (Abb. 92). Typisch ist die ihre gehornte oder gezipfelte Gestalt. Den Beobachtungen zum Grabungsteil Asva F zufolge scheint dieser Handhabentyp vornehmlich in der jungeren Hauserphase Asva II vorgekommen zu sein (Abb. 93; Sperling 2006, 119 ff.). In anderen gegrabenen Arealen von Asva und Ridala fehlt es entweder an genugend Vergleichsfunden oder an stratigraphischen Beobachtungen. Ahnlich gehornte oder gezipfelte Knubben kommen ausserdem in Ridala, Iru und Kaali vor, darunter auch solche mit vertikaler Lochung (Taf. 23: 6). Der Bezug dieser Osenknubben zu Knickwandschalen ist eindeutig, obwohl i. d. R. nur kleinste Schalenfragmente mit gelochten Knubben erhalten sind.

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8.5.1.3. Grifflappen und -zapfen

Zu den haufigsten Formen unter den Handhaben zahlen die Grifflappen oder -zapfen. Ahnlich den gehornten Osenhenkeln sind sie von individueller Gestalt, doch ist die formliche Nahe zu den gehornten Osenhenkeln erkennbar. Die Verwandtschaft mit Einzel- oder Zwillingsknubben, wie sie etwa an der Topfkeramik auftreten, ist ebenfalls deutlich. Die knubbenformigen Grifflappen sind vornehmlich an Knickwandschalen anzutreffen. Auch konnen Grifflappen wie Osenhenkel mit Kerbgruppen verziert sein (Taf. 20: 7). In Asva F ist diese Art der Handhabe vermehrt oder mit Schwerpunkt in der Phase Asva II (Hauser A/C/E) aufgetreten. Vergleichbare Funde gehornter Grifflappen und-zapfen stammen aus Ridala, Kaali und Iru (Abb. 91).

8.5.1.4. Band- und saulenformige Henkel

Einige Griffhenkel lassen sich sowohl den flachen Knickwandschalen als auch hoheren Gefassen zuordnen. Anders als die Osenhenkel, Knubben oder Grifflappen dienten die Handhaben mit band- oder saulenformigen Querschnitt als Haltevorrichtung fur grossere und schwerere Gefasse. Aus Asva F stammen Bruchstucke zweier Bandhenkel (Taf. 21: 3, 26: 1), die sich keinem Gefass zuordnen lassen. Beide sind kerbverziert, aber mit unterschiedlichen Motiven versehen (Leiterband, Randkerbgruppen). Weitere Bandhenkelfragmente sind in Ridala aufgetreten. An einem breiten, trapezformigen Band eines bislang einzigartigen Exemplars aus Ridala A ist eine aufwendige Verzierung zu erkennen, die aus einem Muster aus kunstvollen Kerblinien und einer Doppelreihe von Ringabrollungen besteht. Das Stuck ist randstandig an einer flachen Knickwandschale angeklebt (Taf. 50: 5). Ein weiterer Bandhenkel, ebenfalls aus Ridala, ist in seiner schmalen und langgezogenen Gestalt ebenfalls einzigartig im keramischen Fundspektrum der estnischen Bronzezeitkeramik. Erhalten sind nur das schmale, unverzierte Band samt Gefassansatz eines vermutlichen uberrandstandigen Henkels eines feinkeramischen Gefasses unbestimmter Form und Grosse (Taf. 51: 1).

Handhaben sind an der Topfkeramik von Asva und Ridala generell selten. Interessant ist deshalb ein in Form, Brand und Harte interessanter Terrinentopf aus dem Bereich von Haus D in Asva F (Taf. 30: 5). Am Schulterumbruch befindet sich noch der Ansatz bzw. die Bruchstelle eines kraftig ausgebildeten, saulenformigen Henkels. Angesichts der Schwere und Robustheit des Gefasses muss der vermutlich randstandig ansitzende Henkel vergleichsweise belastbar bzw. bruchresistent gewesen sein. Ahnliche Handhaben an grobkeramischen Topfen sind in einigen der bronzezeitlichen Steinschiffsgraber Lettlands vorgekommen (Graudonis 1967, Taf. XLII: 6).

8.5.2. Randbildungen

Bei der Grobkeramik lassen sich bis zu sechs verschiedene Formen von Randabschlussen feststellen. Gerade abgestrichene, abgerundete oder leicht spitz zulaufenden Rander sind die gelaufigsten (Abb. 94: 1-3). Schrag abgestrichene und wulstformige Randgestaltungen sind seltener und vermehrt an Breitformen anzutreffen (Abb. 94: 4-6). Bei den feinkeramischen Schalen sind spitz zulaufende und nach aussen abgestrichene Rander gelaufig, seltener dagegen die verdickten Randabschlusse.

8.5.3. Bodenbildungen

Form und Gestalt der Boden hangt im Wesentlichen von der Technik ab, nach der das jeweilige Gefass geformt wurde. In Asva und Ridala wurden die grosseren Hochformen stets aus Ringwulsten aufgebaut. Dabei wurde das gesamte Gefassunterteil entweder aus einem Tonballen hochgezogen, um dann die einzelnen Wandringe aufzusetzen (Abb. 95: 1-2). Es konnte aber nachgewiesen werden, dass bei den meisten Gefassen die Bodenplatte zuerst und separat hergestellt und der erste Wandring um diese herum geklebt wurde. In diesen Fallen ergeben sich aus Wandansatz und Boden leicht abgesetzte Standplatten, davon einige mit einer daumendicken Furche (Abb 95: 4). Bei der einfachen Machart der Topfe sind die Bodenpartien zumeist sehr schlicht geformt, die Wande sind i. d. R. steil aufgesetzt. Schrage und vom Boden abgesetzte, bauchige Gefasswande sind seltener zu beobachten. Geschwungene, sich leicht hebende Bodenflachen sind Ausnahmen.

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8.6. Verzierungstechniken

Die deutliche Tendenz zur Konformitat und Einheitlichkeit der Topfe und Schusseln in der Asva-Keramik (auch Ridala, Iru) ist bereits erkennbar geworden. Vor allem in der Art der Verzierung der Topfe wurde auf eine ausgepragt einheitliche, aber sehr reduzierte Motivauswahl zuruckgegriffen. Diese Beschrankung in der schopferischen Gestaltung hat sich bereits im kleinen Formenspektrum und in der Technik der Oberflachenbehandlung geaussert (Abb. 96) Der grosste Teil der Gefasse der Asva-Keramik spiegeln Stil und Machart der sog. epineolithischen Grobkeramik der nordosteuropaischen Waldzone wider.

8.6.1. Eingetiefte Verzierungen an der Topfkeramik

8.6.1.1. Grubchen

Die Verzierung mit Grubchenreihen ist fast ausnahmslos den grobkeramischen Topfen und Schusseln vorbehalten. Um die 80% der verzierten Gefasse der Asva-Gruppe sind mit Grubchen ausgestattet. Demzufolge erscheint eine das Gefassoberteil umlaufende Grubchenreihe als nahezu obligatorisches Dekorelement, andere Motive sind vergleichsweise selten.

In der Grosse variieren die Grubchen wenig, sind i. d. R. 0,5-1 cm breit und tief. An der Art und fehlenden Regelmassigkeit der Eindrucke im noch feuchten Ton ist zu erkennen, dass unterschiedlich dicke bzw. breite Holz- oder Knochenstifte zum Einstechen der Grubchen benutzt wurden. Die Enden waren entweder spitz oder leicht abgerundet. Bei den meisten Randscherben lasst die nicht immer gleichmassig runde Kontur der Grubchen fluchtige Drehbewegungen des Einbohrens erkennen. Die Wand des noch ungebrannten Gefasses war sehr instabil und wurde im Moment des Einstechens der feucht-weichen Gefasswande entweder durch ein Formholz oder mit den Fingern abgestutzt. An einigen Gefassen sind auf den Innenseiten die Fingerabdrucke noch zu erkennen (Abb. 97).

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Uberhaupt wird die fehlende Sorgfalt und Eile bei der Verzierung, trotz der Einfachheit des Dekors, deutlich. Die Gestalt der Grubchen ist von Topf zu Topf verschieden und zuweilen ist die gedachte Horizontallinie beim Ausrichten der Eindrucke etwas schief geraten. Auch scheinen Grosse, Form und Art der Oberflachenbehandlung der Gefasse wenig Einfluss auf die Gestaltung der Grubchen gehabt zu haben. Regelmassigkeiten bezuglich der Gefassbreite und -grosse sowie der Gestaltung der Grubchenreihen sind nicht zu erkennen. Eine sorgfaltige und geordnete Platzierung der Grubchen, etwa die Intervalle der Abstande zueinander und eine gerade Ausrichtung zum Gefassrand, gelang je nach Willkur und Laune des Gestalters mit unterschiedlichem Erfolg (Abb. 98). Lediglich fur gegliederte oder profilierte Topfe gibt es Tendenzen, die Grubchenreihen vorzugsweise am Umbruch oder direkt auf dem Schulterknick zu positionieren. Rhythmische und sonst wie asthetische Bedachtsamkeit und Regelvorgaben in der Gestaltung der Grubchenmotive scheint es keine gegeben zu haben. Besonders bei einteiligen, ungegliederten Hochformen wurden Grubchen offenbar wahllos und in zugiger Manier irgendwo im oberen Bereich der Randzone angebracht.

Die Grubchenreihe als Dekormotiv ist von der Siedlungskeramik fruher Metallzeiten im Ostseeraum und in der osteuropaischen Waldzone nicht wegzudenken. Charakteristisch ist das Motiv fur Gefasse der neolithischen Grubchenkeramik (Pitted Ware) Skandinaviens, dort bereits auf Grundlage der fruhneolithischen Trichterbecher- und Kammkeramikkulturen (Timofeev 2000). Im Ostbaltikum reicht die Lokaltradition dieser Verzierung an Topfen bis in die neolithische Narva-Keramik zuruck. Sogar fur die Doppelt- und Dreifachkombination von Grubchenreihen einiger Topfe der Asva-Keramik sind neolithische Vorbilder auszumachen. Grubchen fanden im Ostbaltikum und im Gebiet des osteuropaischen Waldgurtels uber die spatneolithische Schnurkeramik hinaus Verwendung, und haben sich im Laufe der alteren Bronzezeit zum allseits dominanten Dekor der ostbaltischen Siedlungskeramik entwickelt (Kriiska 1995, 72 f., 81 f., 91 ff., 100; Rimantiene 2000, 202, Abb. 5: 1-2).

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8.6.1.2. Fingertupfen

Die Technik der gefassumlaufenden Verzierung mittels Eintupfen des Fingers im Rand- oder Schulterbereich der Topfe (in regelmassigen Intervallen) ist der Grubchenverzierung entlehnt. Die Unterscheidung von Fingereindrucken und solchen mit Stabchen o. a. kann schwierig ausfallen, wenn der Abdruck der Fingerkuppe keine Kerbung des Fingernagels erkennen lasst oder die Fingertupfen langlich eingebracht sind (Taf. 18: 2). In der Regel sind die Fingertupfen dichter als Grubchen positioniert und in der Anordnung insgesamt sorgfaltiger ausgefuhrt. Bevorzugt wurden diese im Bereich des Ubergangs zum Gefassrand angeordnet. Sie sind auch auf einigen Leistenapplikationen zu finden (Taf. 29: 3).

8.6.1.3. Kerben

Kerbverzierungen sind vornehmlich den feinkeramischen Schalen vorbehalten, seltener an Topfen und Schusseln auftretend. Die Einkerbungen stammen entweder von der Spitze oder Klinge eines Messerchens oder wurden mit dem blossen Fingernagel in den feuchten Ton eingeritzt. Sie sind meist 0,4-1 cm gross und treten in regelmassigen Abstanden in Reihung und Schragstellung auf, meist am Schulterknick profilierter, glattwandiger Gefasse (Abb. 96). Unterschiede in der Qualitat der Ausfuhrung sind insbesondere zwischen Hoch- und Breitformen festzustellen. Sowohl bei grobkeramischen Schusseln als auch bei den feineren Schalen sind die Kerbreihen i. d. R. sorgfaltig und gleichmassig in die Oberflache eingeritzt worden. An Topfen sind Einkerbungen, ahnlich den Grubchen, weniger behutsam und fluchtiger vollzogen. Generell scheint die Anordnung von Kerben in Gruppen selten zu sein (Taf. 20: 7; 33: 8).

8.6.1.4. Sog. Wickelschnur

Aus Asva und Iru sind einige Gefassfragmente mit Stempelgruppen nach Art der Tiefstichverzierung bekannt, wie sie bereits an neolithischer Keramik verbreitet und in mannigfaltiger Ausfuhrung und Motivik aufgetreten ist. Unter der Gefasskeramik der spatbronze- und fruheisenzeitlichen Siedlungsschicht von Iru (Taf. 58: 5) sind mindestens zwei Scherben, die mit Abdrucken einer um einen Stab gewickelten Schnur verziert sind (Lougas 1970a, 172, 184; Lang 1996, 42, Taf. III: 9, 12). Meinander (1954a, 145 ff.) hat das Problem bezuglich sog. falscher und echter Wickelschnur und deren Unterscheidung fur die finnische Keramik angesprochen: Die 'unechte' Variante ist durch einen tiefen Furchenstrich mit nachmaligen Einkerbungen gekennzeichnet und einem sog. Stacheldrahtmuster ahnlich. Bei der echten Wickelschnur entstanden Stempelabdrucke mittels schmaler, mit Schnuren umwickelter Stabchen, die sich in wechselnder Anordnung oder Richtung als Stempel einsetzen lassen. Anders als bei der Technik der Schnurverzierung wurde das Gefass nicht mit gedrehten Schnuren umspannt. Jene stets unregelmassig angeordneten Wickelschnurstempel gruppieren sich schrag an der Randpartie grobkeramischer Gefasse zusammen mit paarigen Grubchen (sog. Katzenpfotchen) und der Verzierung des Randabschlusses. In Kombination sind diese Merkmale typisch fur die Morby-Keramik der Vorromischen Eisenzeit Sudwestfinnlands (Meinander 1954b, 173 f., Taf. 26: a-f; 1969, 41, Abb. 9). In Estland wird die Keramik vom Ilmandu-Typ, aus dem namengebenden Graberfeld (sog. tarands), mit jener Morby-Keramik parallelisiert. Wahrend der Vorromischen Eisenzeit ist der Wickelschnurstempel an S-profilierten Topfen mit Besenstrich, Grubchenreihen und Randabschlussverzierung in Teilen des nordestnischen Kustenstreifens und auf Saaremaa ebenfalls verbreitet (Lang 2007b, 130 ff., 235 ff., Abb. 61, 145).

Die Wickelschnurverzierung im Morby/Ilmandu/Typus tritt in Asva nur vereinzelt (Taf. 47: 2), in Ridala uberhaupt nicht auf. Aus Asva E stammt ein interessantes Gefassstuck (Taf. 47: 6) mit diesem Stempelmuster in Kombination mit Grubchen und Randabschlussverzierung. Dessen Datierung scheint jedoch fraglich, weil es sich in der Verzierungsweise von der ubrigen Asva-Keramik abhebt. Der Gefassrand tragt zwei parallele Girlanden- oder Zickzackbander in Wickelschnurmanier, von sich wiederholenden Grubchenpaaren unterlaufen. Der Randabschluss tragt ein dichtes Relief aus quer gesetzten Wickelschnurstempeln. A. Vassar hat das Stuck als kammstempelverziert bezeichnet und mit neolithischer Kammkeramik Sudostestlands verglichen (1955, 124, Anm. 9, Abb. 37: 1-2). Indreko (1961, 417, Taf. 44: 6) dagegen beschreibt es richtigerweise als unechte Wickelschnur im Sinne Meinanders und zwar wegen der Kerbgruppen innerhalb der vorgezogenen Furchen. Auch die Stempel auf der Randverzierung bleiben nicht unerwahnt. Er ordnete das Gefass der bronzezeitlichen, unteren Schicht von Asva zu und fuhrt fur Kombination von Grubchenpaar und Zickzacklinie mutmasslich 'bronzezeitliche' Vergleichsfunde mit Kammstempelverzierung aus dem Wolgagebiet an (ebd., 419, Taf. 44: 1-2). Die Motivwahl und die Verzierungstechnik bei diesem Gefass indes verstand er als untypisch fur die Asva-Keramik und eher charakteristisch fur neolithische Keramikkreise (116).

Was nun die sog. Wickelschnurverzierung betrifft, ob echt oder unecht, so ist diese bereits seit der fruhneolithischen Trichterbecherkultur weit verbreitet gewesen. In Regionen westlich und ostlich der Ostsee sind diese Techniken der Tief- und Furchenstichverzierung von spateren Grubchen- und Kammkeramikgruppen aufgenommen und weiterentwickelt worden (Timofeev 2000, 215 f., Abb. 1-2). Insbesondere die Kammkeramik bediente sich sowohl der Kamm- als auch der Wickelschnurstempel fur Diagonal- und Zickzacklinien, stets in Verbindung mit dem Grubchenornament und der dekorierten Randmundung. Es hat es in der Tat den Anschein, dass es sich bei der Randscherbe aus Asva E um einen verlagerten Fund aus einem fruheren, neolithisch-kammkeramischen Besiedlungskontext handelt (vgl. Gurina 1955, Taf. XXXVI: 11). (117)

8.6.1.5. Ritzlinienverzierungen

Ein einziger grobkeramischer Topf aus Asva E tragt ein Ritzmuster aus Linienzonen, angefullt mit dreireihigen Zickzacklinien in der Manier sog. Sparrenmuster. Das Dekorband wird ober- und unterseitig von Grubchenreihen begleitet (Taf. 47: 8). Bei dem Gefass handelt es sich vermutlich um einen ungegliederten Topf (A V-Typ). Sowohl der Ritzdekor als auch die mundungsnahe Anordnung der Grubchenreihe sind ausgesprochen selten unter der Asva-Keramik (vgl. mit Taf. 47: 7). In der fluchtigen und nachlassigen Ausfuhrung der Verzierung, v. a. die etwas schief geratenen Ritzlinien, entspricht das Gefass wiederum ganz der ublichen, grobkeramischen Verzierungsweise.

In der von der einfachen Grubchenornamentik dominierten Bronzezeitkeramik des Ostbaltikums ist diese Verzierungsart nicht wiederzufinden (Abb. 99). Das Motiv ahnlicher Ritzlinienbander und Schragstrichlinen in Kombination mit Tupfenreihen begegnet dagegen in ferneren Regionen des nordeuropaischen Tieflands, etwa an fruheisenzeitlicher Graberkeramik Niedersachsens (an Urnengefassen vom sog. Nienburger Typ; Bohnsack 1973, 31 f., 48, Taf. 6, 7, 20).

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8.6.1.6. Verzierte Mundungsrander

Einige Gefasse aus Asva tragen Verzierungen auf den Randern bzw. Mundungen. Am haufigsten sind Einstich- und Kerbreihen. Bei einem Topf wurden in regelmassigen Abstanden Grubchen eingedruckt. Diese zusatzliche Randverzierung tritt vornehmlich an kleineren Topfen mit ausgepragter Profilierung auf, die ansonsten mit vergleichsweise reichem Dekor versehen sind. In Asva F ist diese Verzierungsart hauptsachlich der fruhesten Belegungsphase (Asva I) zuzuordnen. Gleich zwei solcher, mit Kerbreihen auf Schulter und Rand verzierten Topfchen fanden sich in Bereichen der Hauser B und D (Taf. 35: 1).

Im Ostbaltikum ist das Verzieren der Topfmundungen keine ausschliesslich bronzezeitliche Sitte gewesen, Randkerben kommen wie die Grubchenreihen bereits an kamm- und schnurkeramischen Gefassen vor (Jaanits et al. 1982, Abb. 80: 1, 3-6). In der mittel- und nordeuropaischen Bronze- und Fruheisenzeit sind ahnliche Randverzierungen an Siedlungskeramik durchaus gelaufig (z. B. Busch 1975; Jaanusson 1981).

8.6.2. Eingetiefte Verzierungen an der Feinkeramik (Schalen)

Unterschiede in der Anwendung der Verzierungstechniken zwischen den Topfen und den Knickwand- und Henkelschalen treten in der Asva-Keramik deutlich hervor. Die fur die keramischen Hochformen obligatorischen Grubchenreihen sind bei der Feinkeramik nur in besonderen Ausnahmefallen anzutreffen. Dagegen wurden die Techniken der Gefassverzierung bei den Breitformen merklich filigraner und zeitaufwendiger ausgefuhrt. Ritzlinien, Kerbgruppen und vor allem Stempelabrollungen wurden bei der Gestaltung der Topfkeramik bewusst vermieden, sie treten nur an den Schalen auf. Insgesamt ist etwa die Halfte der Feinkeramik mit eingetieften Ziermotiven versehen, wobei die Oberflachenglattung (Politurglanz) und Ausstattung mit Handhaben den Dekorcharakter der Schalen zusatzlich verstarkt.

8.6.2.1. Kerben

Einkerbungen gehoren zu den haufiger eingesetzten Verzierungstechniken, sind jedoch nur an Schalen aus Asva zu finden (Abb. 100). Zwar wurden auch einige Topfe mit Kerbreihen oder -gruppen versehen, doch kamen bei den Schalen feinere Gerate und mehr Sorgfalt in der Ausfuhrung zum Einsatz. Bevorzugte Gefasspartien fur Einkerbungen sind wie bei den Topfen der Schulterknick und der Mundungsrand. Meist kommt es zur durchgangigen Aneinanderreihung schrager oder senkrechter Kerbungen entlang exponierter Stellen. Gefassform und -grosse hatten offensichtlich Einfluss auf die Kerbengrossen und die Intervalle der Abstande. Die filigranen Kerbungen (0,4-0,6 cm Lange) auf den Knickwandschalen verlangten demzufolge bedeutend mehr an Zeit und Aufwand als bei der groben Topfkeramik. Auch wurden Sorgfalt und Behutsamkeit in Gestaltung der Kerbreihen auf das sonstige Erscheinungsbild des Gefasses abgestimmt, d. h. auf die Eigenschaften von Brandqualitat, Profil und, Oberflachenglanz. Bei einigen Schalen von groberer Machart oder Aussehen zeigt sich dies in einer vergleichsweise nachlassigen Ausfuhrung der Kerbverzierung (Taf. 27: 3, 5-6).

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Bemerkenswert ist das Fehlen von Fingernageleindrucken an den feinkeramischen Schalen. Zur Verzierung wurden nur Messerklingen, Stichel oder Spatel benutzt. Fur zierliche und feine Kerbreihen wurden vermutlich Nadeln oder kleine Pfrieme aus Metall oder Knochen verwendet. Insgesamt uberwiegt die vertikale Anordnung bei den Kerbreihen (Taf. 27: 3, 5-6, 45: 6), bei den in Abstanden platzierten Kerbgruppchen wurde die schrage oder angewinkelte Lage bevorzugt (Taf. 20: 7, 33: 8). Kerbgruppen treten vorwiegend an Gefassen mit Handhaben auf.

8.6.2.2. Einstichreihen

Feine Punkteinstiche, angelegt in Reihen oder Doppelreihen, sind ebenfalls nur der Feinkeramik vorbehalten. Hierbei wurden millimeterdicke Nadel- oder Ahlenspitzen noch vor dem Gefassbrand behutsam in den feuchtweichen Ton eingestochen, je nach Ausfuhrbewegung beim Einstechen ergaben sich Punktreihen oder langsovale Einkerbungen. Ahnlich den Kerbreihen und Ringabrollungen wurden die Gefasse mit umlaufenden Ornamentbandern verziert, auch wurden nur glattpolierte Schalen verwendet. Die Gestaltung und der Richtungsverlauf der feinen Einstiche imitierte ganz offensichtlich den Stempeleffekt der Ringabrollung (siehe unten; Taf. 21: 1, 49: 8).

8.6.2.3. Ringabrollungen

Eine Besonderheit der Asva-Keramik stellt die Stempelverzierung an den Schalen dar. An Topfen ist sie ausgesprochen selten anzutreffen und dann auch nur an profilierten Kleinformen. Es handelt sich um Abdrucke an der Gefasswand, meist im unmittelbaren Bereich des Schulterknicks der Schalen, die durch das Abrollen von tordierten Bronzeringen auf dem noch feuchten, ungebrannten Ton entstanden sind. Experimentelle Versuche konnten solche Verzierungseffekte mittels tordierter Metallarmringe bestatigen (Tuitjer 1987, 15, Anm. 61).

Je nach Drehrichtung und Ringstarke konnten die dabei entstandenen Linien beliebig variiert und kombiniert werden. Im Vergleich zur Einstich- und Kerbverzierung verlangte diese Technik weniger Zeit und Achtsamkeit, das Ergebnis war fast immer ein sauberer Konturverlauf des Stempeldekors. Um vom Betrachter wahrgenommen zu werden, verlangte diese Technik nach besonders ebenen, reflektierenden Oberflachen (Licht-Schatten-Wirkung). Dieser feine Stempeldekor ist deshalb nur an glattpolierten, mattglanzenden Schalen mit betonter Profilierung zu finden.

Die Stempelabdrucke sind einheitlich, d. h. spitzoval und schrag in Reihen liegend, sozusagen treppenartig angeordnet. Die Grossen der Abdrucke variieren in zwei wahrnehmbaren Gruppen mit i. d. R. 2-4 bzw. 4-6 mm. Alles weist auf tordierte Bronzeringe von der Grosse und Starke hin wie sie in Ridala und Iru (fragmentiert) gefunden wurden. Es konnen aber auch Drahtspiralen und strichgruppenverzierte Arm- oder Halsringe als Stempel in Frage kommen. Die in den Ton eingedruckten, sichelformigen Windungen sind stets sehr dicht aneinander gesetzt. Mit Rollradchenverzierung und seinen viereckigen und parallelseitig versetzten Abdrucken sind diese nicht zu verwechseln. Soweit anhand der zumeist kleinteiligen, weil sehr bruchanfalligen feinkeramischen Scherben zu urteilen, wurden die meisten mit Abrollung verzierten Schalen mit einfachen oder paarigen Strichreihen verziert. Am haufigsten sind die mehrfachen, entweder parallel, gegensatzlich oder wechselnd ausgerichteten Reihen. Bevorzugt wurden die Torsionsabdrucke unmittelbar uber oder auf dem Schulterknick der Gefasswand aufgetragen.

Kompliziertere Motive finden sich nur an wenigen Schalen aus Asva und Ridala (Abb. 101). Selbst bei drei- bis vierfacher Anordnung der Stempelreihen an einigen Gefassen, zuweilen als Fischgratenmuster, wurde streng nach dem Prinzip der parallelen Reihung und Gruppierung gearbeitet. Umso mehr fallen die wenigen Schalen auf, an denen gewinkelte Stempelgruppen in Strahlen- oder Tannzweigmanier auftreten. In diesen Fallen sind die Gefasspartien beidseits des scharfen Umbruchs verziert (Taf. 26: 7, 45: 8, 53: 5). In einem Fall ist ein sternoder strahlenformiges Muster von Torsionsabdrucken auf der Bodenflache einer Schale uberliefert (AI 4366: 1875, Haus D) (118).

Die Verzierungstechnik der Ringabrollung kann zu den auffalligsten und interessantesten Fremdmerkmalen der Asva-Keramik gezahlt werden. In strenger Gesetzmassigkeit treten Abrollungen nur an feinkeramischen Knickwandschalen auf. Im Ostbaltikum beschranken sich die auf diese Weise verzierten Schalen im Kern auf die Insel Saaremaa. Die wenigen Schalenfunde aus Iru sind fur das ostbaltische Festland exzeptionell (Taf. 61: 5). Einzigartig ist bislang der Nachweis solcher Gefassfunde fur Gebiete des nordlichen Ostseeraums. In der sudfinnischen Siedlung Vanhanlinna (Lieto) sind einige Schalen mit einzelnen oder doppelten Abrollungszeilen oberhalb des Schulterknicks versehen, also in einer fur Asva ganz typischen Machart (Luoto 1984, Taf. VGN, VNR). Herkunft und Weg dieser in Estland und Finnland nachgewiesenen Verzierungstechnik sind schwierig zu bestimmen. In Mitteldeutschland, vor allem im nordlichen Harzvorland, speziell im niedersachsisch-hannoverschen Raum, kommen Ringabrollungen unter der spatbronze- und fruheisenzeitlichen Keramik vergleichsweise oft vor. Gleichfalls gilt diese Technik als ein Charakteristikum der fruheisenzeitlichen Goritzer Gruppe im unteren Odergebiet. Bezuglich Herkunft und Datierung der Ringabrollung gibt es abweichende Ansichten, wobei die ostdeutsch-polnischen Funde mit Ringabrollung als merklich junger als die mitteldeutschen gelten und zugleich als unabhangige Regionalentwicklungen aufgefasst werden (Busch 1975, 31; Tuitjer 1987, 78 ff.; Suhr 2007, 69 f., 86).

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Im nordlichen Mitteleuropa tritt die Abrollung im Laufe der ausgehenden Spatbronzezeit vornehmlich an Grabkeramik auf, d. h. an den fur das ostbaltische Gebiet fremden Doppelkoni und Terrinen. Die unterschiedlichen Gefassformen (Hochform versus Breitform) und Verwendungskontexte (Grabbeigabe versus Siedlungsfund) erschweren Vergleiche mit der Asva-Keramik. Nichtsdestotrotz kommen sowohl in Niedersachsen als auch im Odergebiet Abrollungsmuster vor, die denen der Asva-Keramik sehr ahnlich sind. Auffallig sind im Zusammenhang mit Abrollungen bestimmte Gesetzmassigkeiten, die uberall beobachtet werden konnen. Zunachst sind nur feinkeramische Topfe und Schalen mit betontem Korperprofil auf diese Weise verziert worden. Dann sind insbesondere die Umbruchszonen der Gefasse fur die Verzierungen vorgesehen. Ausserdem ist der Politurglanz an Topf oder Schale eine wesentliche Voraussetzung fur die Abrollung. Interessant ist zudem, dass Ringabrollungen an Gefassen haufig synchron mit Gefassen auftreten, die mit sog. imitierten oder lediglich vorgetauschten Ringabdrucken versehen sind (d. h. Einstichreihen, Feinkerben) (Verse 2006, 80; Suhr 2007, 69). (119) Beide Verzierungsweisen kommen auch in Asva und Ridala vor.

Hans G. Tuitjer (1987, 14 f., Abb. 1: 2) unterschied einige Ringabrollungstechniken anhand hallstattzeitlicher Graberkeramik Niedersachsens. Bei den Formvarianten 1 und 2 wurden einseitig gedrehte Ringe ohne Richtungswechsel, mit Grossenunterschieden der Abdrucke von 2-3 bzw. 6-8 mm, abgerollt. Das entspricht den Beobachtungen am estnischen Material, nur dass die Grossenschwankungen der verwendeten Ringe nicht so deutlich ausfallen. Auf der Suche nach vergleichbaren Motiven stosst man wieder auf die Nienburger Urnenkeramik und den Abrollungen in Form dreizeiliger Zickzackbander, u. a. gerahmt mittels Abrollungen, Ritzlinien oder Kerbreihen (Tackenberg 1934, 82 f., Taf. 23: 34-36; Tuitjer 1987, 14, Taf. 3: 3). Die fraglichen tordierten Ringe sind seit der Periode V in Mitteleuropa verbreitet. Tuitjer (1987, 78 ff.) zufolge fallt die Datierung der Nienburger Grabgefasse mit Ringabrollung bereits in die Stufe Ha C, d. h. fruher als die Ringabrollungen der Stufen Goritz II bzw. Ha D an ostdeutscher und polnischer Keramik (siehe Suhr 2007, 69 f., 86).

8.6.2.4. Ritzlinien

Einige Knickwand- und Henkelschalen der Asva-Keramik tragen ganz spezielle und unverwechselbare Verzierungen in Form feiner, einmaliger Ritzlinien im Zickzackmodus zwischen Knickwand und Mundungsrand. Mit einer Nadelspitze wurde dabei in zugigen und etwas wackeligen Bewegungen flach in den weichen Ton geschrieben'. Das Ergebnis war eine fluchtige Linie mit ungleichmassigen Verlaufen, in etwa an grafische Aufzeichnungen elektrischer Spannung von Herzschlagen erinnernd (Abb. 102-103). Drei solcher ritzlinienverzierter Schalen aus Asva sind mit einem verdickten Osenhenkel versehen (Taf. 26: 4, 6). Ausser in Kaali kehrt die Zickzacklinie auf Schalen aller Siedlungsplatze der Asva-Gruppe wieder (auch in Iru; Taf. 59: 9).

Schalen mit Ritzliniendekor sind profiliert und geglattet, stehen aber hinsichtlich Magerungsweise und Brandqualitat (Harte) den dunkelglanzenden, polierten Knickwandschalen (mit Ringabrollung) nach. Ausserhalb der Insel Saaremaa sind Schalen mit dieser Ritzornamentik nur aus Iru und aus einem eisenzeitlichen Tarandgrab in Viimsi bekannt (ca. 8 km nordlich von Iru), dort ganz offensichtlich aus einem fruheren Siedlungskontext sekundarverlagert (Lang 1996, 41, Taf. VI: 6).

Das Zickzacklinien-Motiv ist im mittel- und osteuropaischen Raum weit verbreitet, tritt aber relativ selten an Knickwand- und Henkelschalen auf. Uberhaupt fallt es schwer, potentielle Vorbilder fur die estnischen Schalen mit Ritzliniendekor zu finden. An den wenigen bekannten Fundbeispielen polnischer Siedlungen der Fruheisenzeit (Biskupin, Sobiejuchy etc.) erscheint die Dekorlinie ungleich sorgfaltiger und ausgearbeiteter in der Ausfuhrung, u. a. auch in Kombination mit anderen Motiven. (120) Auch ist der Wellen- bzw. Zickzackliniendekor, wenn auch nur sporadisch, an Keramik der Urnengraberfelder im HannoverischNiedersachsischen zu finden (z. B. Fundort Garbsen). Ein einziges Exemplar einer bikonischen Schale zeigt diese Ritzlinie in der Randzone, in der ebenso unfertigen und fluchtigen Ausfuhrung (Tackenberg 1934, 72, Taf. 15: 7). Des Weiteren ist auch die Kombination der Ritzlinie mit ober- und unterseitig flankierenden Kerben- oder Einstichreihen bekannt. (121) Die betreffenden Gefasse datieren in die Fruheisenzeit (Beginn Montelius P VI). Mogliche Inspirationsquellen fur die merkwurdigen Ritzmuster an den estnischen Schalen konnen demnach vielerorts im nordlichen Mitteleuropa zu suchen sein.

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8.6.2.5. Verzierte Mundungsrander

Das Verzieren der Mundungsrander wurde nicht nur an der Grobkeramik von Asva ausgeubt. Bei einigen Schalen kommen Kerb- oder Einstichreihen auf den Randern ebenfalls vor (Taf. 45: 1-3). In allen Fallen sind nebst den Mundungsrandern auch die Knickwandpartien der Schalen verziert (Kerben oder Abrollmuster). Fur Asva F konnte nachgewiesen werden, dass diese Art der Verzierung nur im alteren Siedlungsabschnitt von Asva I auftritt, unter der Keramik der Neubesiedlungsphase (Asva II) dagegen zu fehlen scheint. Fur die ubrigen Grabungsteile Asva A/C und E ist dies ebenfalls angenommen worden (Lougas 1970a, 205 f.), bleibt aber mangels stratigraphischer Beobachtungen unsicher.

8.6.3. Plastische Verzierungen

8.6.3.1. Leistenzier

Vergleichsweise selten unter der Topfkeramik von Asva und Ridala sind plastische Verzierungen, wie an die Gefasswande angeklebte Tonrippen (Abb. 104). R. Indreko (1939b, 38 f., Abb. 13: 4) hat in den Leisten eine hallstattzeitliche Mode der Gefassverzierung gesehen und den Lausitzer Kulturkreis als Vermittler dieses Fremdmerkmals vermutet. In der Tat sind solche plastischen Elemente ausgesprochen selten in der Siedlungs- und Graberkeramik des Ostbaltikums. Es gibt einige Gefassfunde mit solchen Rippen aus lettischen Siedlungen, sie bilden aber Ausnahmeerscheinungen (z. B. Klosterkalns und Tervete, siehe Vasks 1991, Taf. IV: 1-2). Ansonsten sind Leistenverzierungen an spatbronzezeitlicher Siedlungskeramik in weiten Gebieten der nordeuropaischen Tiefebene vergleichsweise typisch (siehe Schmidt 1993, 95).

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Aus Asva sind 15 Gefassreste mit solchen Leisten bekannt, aus Ridala sechs (Tab. 14). Bei einer grobkeramischen Schussel aus Asva F wurde diese aus dem Ton herausmodelliert. Davon zeugen noch sichtbare Streichspuren (Taf. 30: 3). Die Leisten waren stets als Trager eingetiefter Ornamente gedacht, meist Grubchen oder Fingertupfen. Die meisten haben einen halbkreisformigen Querschnitt, seltener einen kantigen bzw. dreieckigen. Am haufigsten wurden diese mit Grubchenreihen versehen, meist in Erganzung zu der an den Topfen ohnehin bestehenden Verzierung mit Grubchenreihen. Ausserdem sind Fingertupfen haufig, Einkerbungen und Spateleindrucke seltener. In der Verwendung der plastischen Verzierung fur spezielle Gefassformen lassen sich keine eindeutigen Tendenzen erkennen. Sowohl gegliederte als auch ungegliederte Gefasse tragen diese Leisten. Sie sind eindeutig der Grobkeramik vorbehalten, bei den Knickwandschalen gibt es dagegen plastisch ausgeformte, scharfkantige Rippen zur Verscharfung des Profils. Am haufigsten konnten die Tonrippen fur Gefasse aus Asva F nachgewiesen werden, vermutlich wegen der gegenuber anderen Siedlungsteilen grosseren Keramikfundmenge.

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Fur gewohnlich umlief ein solches Band das gesamte Gefass und zwar stets am Schulterbereich. Die Anbringung einer Leiste direkt unter der Randmundung eines Topfes ist eher die Ausnahme (Taf. 34: 3). Die Platzierung der Tonwulste im Bereich der 'Halszone' in Verbindung mit bestimmten Verzierungsmerkmalen konnten Thomas Eriksson zufolge als Hinweise auf anthropomorphe Bezuge in der Gefassgestaltung gesehen werden (2009, 221 f., Abb. 119). So konnten mit den Leisten auch Halsringgehange o. a. dargestellt worden sein, die Gefasse selbst sogar auf abstrahierte Nachahmungen menschlicher Figuren oder Korper zuruckgehen. Angesichts der haufigen Kopplung von Zierleisten mit anderen Verzierungstechniken (Fingertupfen, Grubchenreihen) erscheint eine solche Idee der anthropomorphen Symbolik nachvollziehbar. Bei der Einformigkeit und Seltenheit der Leistenverzierung musste den Gefassen in der Tat ein hoher Wiedererkennungswert zugekommen sein.

8.6.3.2. Knubben

In Asva F sind drei Scherben mit Resten von Applikationen nach Art der Knubben oder Griffknubben gefunden worden. Das eine Stuck aus dem Bereich des Hauses B hat die Form eines runden Buckels von ca. einem Zentimeter Durchmesser (Abb. 105). Leider ist die Gefasszugehorigkeit dieser Applikation nicht auszumachen, auch handelt es sich um das bislang einzige Stuck aus Asva.

Ausserdem fanden sich in Asva F zwei Applikationen in Form von Buckelpaaren, ebenfalls einzeln gefunden. Beide konnten zu ein- und demselben Gefass gehort haben (Taf. 20: 1-2). Ahnlich den gelochten Griffknubben wurden die spitzzulaufenden Doppel- oder Zwillingsknubben aus einer schmalen Tonleiste (ca. 2,5 cm Lange) modelliert und an das Gefass aufgeklebt bzw. garniert.

8.6.3.3. Kombinationen verschiedener Verzierungsweisen und -techniken

An den Gefassresten von Asva sind insgesamt nur 46 Falle von Verzierungskombinationen festzustellen. Uberhaupt sind Verknupfungen verschiedener Motive ausgesprochen selten in der hiesigen Siedlungskeramik. Einzig unter der Bronzezeitkeramik von Iru gibt es einige Gefasse mit entsprechenden Paarungen verschiedener oder gleichartiger Verzierungstechniken. In Ridala und Kaali scheinen diese hingegen ganzlich zu fehlen. Angesichts der insgesamt hohen Rate, aber eintonigen Art der Verzierung, v. a. bei der Grobkeramik, ist diese schopferische Zuruckhaltung in der Gefassdekorierung bemerkenswert. Auch darin zeigten sich gewisse Zwange bezuglich Konvention und Konformismus in Stil und Technik der Asva-Keramik. Nicht nur das begrenzte Spektrum an Verzierungstechniken, auch die Art der Anbringung bezeugt bestimmte Regelvorgaben. Selbst bei der immer wiederkehrenden Grubchenverzierung ist wenig Abwechslung zu spuren, kaum ein Gefass kam ohne diese einfachen Eintiefungen aus. Zusatzlicher Dekor kam bei den Topfen und Schusseln entweder in Form der Leisten oder mit gewissen Oberflacheneffekten (Textilabdruck) zur Anwendung. Selten geblieben ist auch die Kombination von Grubchenreihen mit Fingertupfen (Tab. 15).

Es konnte bereits eine gewisse Abhangigkeit der Verzierungsarten in Bezug auf die Gefassgruppe oder Warenart festgestellt werden. Grubchen sind nur der Grobkeramik, Ringabrollungen nur den Knickwandschalen vorbehalten. Einzig die Kerbreihen auf den Randmundungen kommen sowohl bei keramischen Hochals auch bei Breitformen vor. Bestimmte Verzierungstechniken wie Abrollungen oder Punkteinstiche treten bevorzugt an polierten Oberflachen auf.

8.7. Die Keramikgruppen: Bemerkungen zu Fundkontext und Stratigraphie

8.7.1. Die Knickwand- und Henkelkeramik in Asva

Die gegliederten Schalen mit Politur und Verzierung mittels Ritzliniendekor (im Zickzackmodus) und Abrollstempelung sind besonders charakteristisch fur die Keramik der Siedlungen der Asva-Gruppe und stellen vermutlich lokale Schopfungen und Eigenkreationen dar. Das Zickzackdekor auf den Schalen kommt ausser in Asva noch in Ridala und in Iru vor. Die feinen Abdrucke tordierter Ringe auf glattpolierten Schalen sind indes auch in Kaali aufgetreten. Unklarheit herrschte bislang bezuglich des Verhaltnisses der Knickwand- und Henkelschalen zur groben Topfkeramik. Uber eine gleichzeitige Verwendung der groben sog. Haushaltskeramik und des feinen Tischgeschirrs gibt es spatestens seit den Forschungen von V. Lougas Gewissheit. Wann aber die Feinkeramik und die damit verbundenen 'Tischsitten' in Asva Einzug hielten, ist bislang nicht naher thematisiert worden. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die Beobachtungen, die Lougas im Zuge seiner Grabungen machte und auf die er sich spater in seiner Dissertation bezog (Lougas 1970a).

Von Bedeutung ist hierbei, dass sich besondere Qualitatsmerkmale wie die Politur der Schalenoberflache, die Stempeltechnik der Ringabrollung und die sehr eigentumliche Art der Zickzackritzungen an den Halszonen der Knickwandschalen bereits von Beginn an in Asva nachweisen lassen. Da diese Gefassmerkmale im uberregionalen Zusammenhang auch Datierungsanhaltspunkte darstellen, hat diese Feststellung Gewicht. In Asva F, wo sich die beiden Haushorizonte (B/D; A/C/E) durch Lehm- und Brandschichten gut trennen lassen, sich also abgeschlossene Fundkomplexe gebildet haben, sind die Knickwandund Henkelschalen fur beide Siedlungsphasen nachgewiesen (Abb. 93). Der erste Hauserkomplex B und D hat indes keine Vorganger, er stellt die fruheste Besiedlungsphase dar. Teile der vom Feuer zerstorten Gebaude wurden nachmalig mit Lehm planiert, die noch im Hauserschutt befindlichen Funde auf diese Weise abgeschlossen. Lougas hat dazu einige wichtige Feststellungen gemacht, etwa, wenn besondere Gefassfunde an der Sohle der untersten Kulturschicht oder im Bereich des unberuhrten Strandkiesbodens auftraten (Tab. 16). Bemerkenswert ist dabei, dass sich in Asva F nahezu samtliche Schalen mit dem zackigen Ritzlinienmuster auf diesen alteren Horizont (Asva I) verteilen (Abb. 106). Lougas (1970a, 201 f.) hat aus dieser stratigraphischen Beobachtung samtliche Schalen mit Zickzackdekor als eine zeit- und phasentypische Erscheinung der fruheren Belegung gedeutet. Die vereinzelt aus hoheren Schichtenlagen stammenden Scherbenfunde dieser Art seien vermutlich sekundar verlagert worden.

Die profilierten Schalen mit ihrem aufwendigen Oberflachenglanz sind demnach seit der fruhesten Belegung in Asva in Gebrauch gewesen (Tab. 16) und zwar vor dem Ende der Siedlungsphase Asva I und dem Neubeginn der Neubauphase (Hauser A/C/E) als Schalen nach wie vor in Verwendung blieben. Auch im Grabungsteil Asva E wurde eine ahnliche Beobachtung gemacht. Dort verteilen sich die mittels Ringabrollung verzierten Schalen vornehmlich im Sudteil, im Siedlungsinnern (Abb. 107). Laut Vassar und Lougas treten die Funde erst mit zunehmender Tiefe auf, lassen sich dort ebenfalls in den untersten Schichtenlagen nachweisen (Lougas 1970a, 205, Tab. 10). Mit Asva A/C verhalt es sich gleichermassen. Bis auf eine einzige Ausnahme (AI 3568: 167) sind alle relevanten Schalenfunde mit Zickzackdekor und Ringabrollung erst im Zuge der Grabungskampagne von 1939 zutage getreten, nachdem die oberen Lagen der Siedlung in diesem Areal bereits abgetragen wurden (ebd., 205). (122)

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Der Umstand, dass Knickwand- und Henkelschalen bereits zu Siedlungsbeginn in Asva in Gebrauch waren, ist fur die Chronologie-Problematik des Fundplatzes von Bedeutung. Keramik mit Ringabrollung ist im Ostseeraum Bestandteil des spatbronze- und fruheisenzeitlichen Siedlungs- und Grabermilieus, tritt fast uberall mit der Montelius-Periode VI in Erscheinung (Kap. 8.10.5). Darauf wird noch einzugehen sein (Kap. 9).

8.7.2. Die Keramik von Ridala und die Frage der Besiedlungsabfolge

An dieser Stelle soll nur kurz auf den Aspekt der raumlichen Verbreitung der Keramikfunde in Ridala eingegangen werden. Aus der Verteilung und Fundverdichtung der Keramik in den beiden Grabungsteilen von Ridala ergeben sich neue Einsichten in die mutmasslichen Besiedlungsablaufe. Bislang stand die Siedlung wegen ihrer die Siedlung umlaufenden Pfostenreihen eines Palisadenbaus im Mittelpunkt des Interesses. Im Zuge der Grabungen in Ridala wurden auch Hauskonstruktionen (Steinpflasterungen) und Herdstellen (u. a. fur Bronzeguss) festgestellt, diese meist jedoch unzureichend dokumentiert. In der Literatur wird die Siedlung meistens als einphasiger, befestigter Platz beschrieben, dessen Ende bzw. Abbruch gewaltsam, d. h. von aussen erzwungen gewesen sein soll (siehe dazu Sperling & Luik 2010; Kap. 5.2.7).

Bei der Sichtung der Grabungstagebucher und Plane ist indes aufgefallen, dass vieles auf zwei Siedlungsphasen von Ridala hinzudeuten scheint, demnach ein alterer Palisadenbau bestand, der spater von Haus- und Wohnbereichen uberlagert wurde. In Ridala A kamen mehrere Pfostengruben erst unter der Steinpflasterung eines Wohnbaus zum Vorschein und auch schien die Struktur des Hausbodens in seiner Ausrichtung keine Rucksicht auf den Verlauf der einstigen Palisadenwand zu nehmen. Fur Ridala B fehlte es fur die dem Palisadenring aussen vorgelagerte Steindecke an uberzeugenden Erklarungen. Von Lougas (1970a, 351 ff.) wurde sie als eingesturzte Mauerpartie (auch Palisadenfullung) gedeutet.

In Ridala A zeigt die Keramikverteilung zonale Verdichtungen an und zwar um den Bereich des Steinbodens und der Wandpartien des Wohnbaus herum (uber dem Palisadenbereich; Abb. 108). Auch wurde der innere Palisadenbereich mit reichlichen Keramikresten angefullt. Im Grabungsteil B hat sich der Schwerpunkt der Keramikfunde auf den Bereich ausserhalb der Palisaden verlagert, namlich auf dem steingepflasterten Hang, der von Vassar (1963, 11) als 'Terrasse' angesprochen wurde. (123) Die Keramik scheint also indirekt Aufschluss zur Art und Dauer der Nutzung bestimmter Befunde zu geben. Die Haufung der Gefassreste und anderer Artefakte im Bereich der Siedlungsgrenze konnte auf eine Nutzung der Zone fur den Siedlungsabraum hindeuten. Es fallt somit schwer, langerfristige Besiedlungsspuren mit der Pfosten-Palisadenkonstruktion zu verbinden. Entweder war der Platz mit seinen Umzaunungen nur kurzzeitig besiedelt oder er wurde nur in gewissen Abstanden uber langere Zeit aufgesucht. Zumindest wird aus der raumlichen Fundverteilung der Gefassreste in Ridala A und B ersichtlich, dass die Spuren des Palisadenbaus und der Wohnsiedlungen in einem gewissen Widerspruch zueinander stehen.

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8.7.3. Ridala und Keramik aus Pfostengruben

Angesichts der neuen Fragen zur Palisadenanlage sind die Beobachtungen und Notizen interessant, die Vassar zu Funden von Keramik und Tierknochen in den Pfostengruben machte. Dass Gefassreste und Schlachtabfall in Pfostengruben gelangten, konnte zunachst auf sekundare Fundverlagerungen hindeuten. Diese konnen vor der Errichtung, wahrend der Benutzung und nach dem Entfernen der Holzpfosten entstanden sein. Auch konnen die Artefakte zu spateren Zeitpunkten durch Erdumlagerungen in den Bereich der Pfostengruben geraten sein. Andererseits weckt die Art und Zusammensetzung einiger Funde aus Pfostengruben gewisses Interesse: u. a. ein Miniaturgefass, ein knocherner Pfriem und ein Bernsteinstuck. Das besagte Kleingefass liess bereits gewisse Erinnerungen an die keramischen Sonderformen des Lausitzer und Billendorfer Kulturkreises ostdeutsch-polnischer Gebiete aufkommen. Nicht selten erscheinen dort Miniaturgefasse in kultischsymbolischen Deponierungskontexten (Kap. 8.2.3.5).

In der jungsten Forschung hat man indes auf die Fundsituation 'Pfostengrube' in Verbindung mit speziellen Keramikfunden aufmerksam gemacht. Beobachtungen zu Pfostengruben von Hausbauten im nordalpinen Raum der Urnenfelder- bis Fruhlatenezeit haben an die Moglichkeit intentioneller Niederlegungen denken lassen (Trebsche 2008). Dabei hat sich ergeben, dass Henkelschalen und Miniaturgefasse zu den haufigsten Keramikfunden aus Pfostenlochern zahlen. Insbesondere Schalen und Tassen treten als typische Gefassdeponierungen der Urnenfelderzeit in Erscheinung, naheliegend ist eine Verbindung zu Trankopfern. Die Auswahl und Positionierung deponierter Gegenstande in ausgewahlten Pfostengruben (meist SW-Ecke der Hauser) konnte auf 'Bauopfer' o. a., zumindest auf gewisse Symbolhandlungen, hindeuten (ebd., 71 ff., Abb. 8). Noch ist die Basis ausgewerteter Funde und Befunde klein, aber die vorlaufigen Beobachtungen zu mutmasslichen, offenkundig mit dem Hausbau in Verbindung stehenden Deponierungen, sind dennoch bemerkenswert. (124) Mit den Funden aus Ridala verknupfen sich also ganz ahnliche Uberlegungen, auch wenn die verfugbare Quellen- und Informationsbasis durftig ist. (125) In seinem Grabungstagebuch erwahnt Vassar (1963, 7), neben einem Miniaturgefass mit Bodendelle (Ridala B, Pfostenloch 10/q NO; Taf. 53: 1), einen anderen Pfostenfund im Bereich 10/p (Ridala B): dort fand sich das Unterteil eines Gefasses (Fund Nr. 203) [...] mit kleinem Boden = Durchmesser 5 cm. Es stand noch ganz in Horizontallage, das Oberteil war bereits abgepflugt (eig. Ubers.). Aus der Notiz wird eine gewisse Verwunderung uber die Fundumstande des kleinen Gefasses deutlich. Die Frage, wann und wie die Keramik in die Pfostenlocher fand, hat sich auch Vassar gestellt (1963, 19). Seinen Uberlegungen zufolge konne diese auch wahrend oder infolge des Entfernens der Pfosten die Gruben erreicht haben. Es ist aber auch moglich, dass einige Gefasse absichtlich in die Grube gelangten. Fur intentionelle Niederlegungen sprechen auch die wiederholt in den Gruben angefundenen Tierknochen, darunter mindestens ein Knochenartefakt (Pfriem). Auch ein Bernsteinstuck ist aus einem Pfosten uberliefert (AI 4329: 832; Quadr. 8/t; Vassar 1963, 19 f.). Einiges deutet auf intendierte Regelmassigkeiten in der Komposition und Anzahl der Gegenstande in Pfostengruben hin, dennoch bleibt es mangels umfassender, gebietsubergreifender Vergleichsuntersuchungen zu Pfostendeponierungen im bronzezeitlichen Ostbaltikum nur bei einer interessanten Idee bezuglich ritueller Praktiken im Siedlungsbau, der bei kunftigen Grabungskampagnen in Verbindung mit auftretenden Pfostengruben starker Beachtung geschenkt werden sollte.

8.8. Funktionsbereiche der Asva-Keramik

Die Verwendungsbereiche der Gefasskeramik von Asva wurden bislang entweder uberhaupt nicht oder nur ansatzweise thematisiert. Im Vordergrund der bisherigen Untersuchungen standen vielmehr Aspekte wie Typengliederung, Stileinflusse und Formgenese (Lougas 1970a; Lang 1991). Die kategorische Ansprache der Hoch- und Breitformen in 'Haushaltsgefasse' und 'Essgeschirr' (nach Lougas) suggeriert zwar bestimmte Verwendungsbereiche, sie bleibt indes hypothetisch.

Erste Uberlegungen zur Funktionsdeutung, auch in Verbindung mit der AsvaKeramik, machte C. F. Meinander in Bezug auf den relativ homogenen Gefasstypus der bronzezeitlichen Keramik der Robbenfangplatze von Tjarnan und Otterbote auf den alandischen Inseln. Die dortigen Tonnengefasse schienen eine spezielle Art von Gebrauchskeramik zu reprasentieren, mit Verwendungsbereichen, die den Transport und die Speicherung tierischer, im Robbenfang anfallender Produkte abdecken. Meinander zufolge dienten die Topfe der Lagerung von Seehundspeck (der) an den Herden unter freiem Himmel geschmolzen und in den speziellen Otterbote-Gefassen weitertransportiert worden ist (1954b, 142 ff., Taf. 18: a-d). Neben der Grobkeramik dieser Fundplatze werden auch profilierte Schalen erwahnt. Gefasse letzteren Typs kenne man als Urnenabdeckungen aus der 'Lausitzkultur' und aus Danemark--sowie aus Asva (ebd., 150). Mit dem Gefasstypenspektrum der alandischen Siedlungsplatze hatte man also eine erste Vorstellung gewonnen, welche keramischen Utensilien die alandischen Bronzezeitmenschen zu benutzen wussten. In seiner Bearbeitung der Otterbote-Keramik hat sich K. Gustavsson (1997) wesentlich auf das Thema der Funktionsdeutung konzentriert und zwar mit Fokus auf die Wirtschaftsweise der Scharensiedlung. Seine Feststellungen sind auch fur Asva interessant, zumal der keramische Formenschatz von Otterbote mit dem der Asva-Siedlungen vergleichbar ist und der Robbenfang ebenfalls einen wichtigen Bestandteil der wirtschaftlichen Subsistenz der estnischen Bronzezeitsiedlungen bildete.

Bei der Asva-Keramik lasst sich nur uber die Erorterung der Gefassformen und bislang kaum uber etwaige Gebrauchsspuren auf die einstige Verwendungsweise schliessen. Aus den Befundsituationen und den Kontexten der Gefasse sind keine Hinweise zu ihrer Funktion zu erhalten. Hinweisgebende Spuren an und in den Gefassen bezuglich der Art ihres letzten Einsatzes sind in der Asva-Keramik nur schwierig auszumachen. (126) Auch lassen sich an der Grobkeramik nur schwer Gebrauchsspuren von postfunktionalen Materialeinwirkungen oder Beschadigungen unterscheiden.

8.8.1. Vorratshaltung

Das Spektrum der Gefasstypen, ob Hoch- oder Breitformen, ist vergleichsweise begrenzt und einheitlich. Die Gefasse sind mehrheitlich gegliedert, die Randpartien jedoch nur schwach vom Gefasskorper abgesetzt. Eine zunehmend betontere Profilierung ist mit Abnehmen der Gefassgrossen und Fullvermogen festzustellen. Zwar lassen sich die Topfe kategorisch den Hochformen zuordnen, doch ist deren Gefasshohe in Relation zur Gefassbreite nicht allzu ausgepragt. Die Gefasshohe lasst sich im Einzelfall schatzungsweise aus dem Verlauf des Gefassprofils ablesen. Insgesamt sind nur 26 Exemplare aus dem Grabungsteil Asva F in Form und Grosse nahezu vollstandig rekonstruierbar, darunter sind 15 Topfe und 11 Schalen. Bei der kleinen Zahl lassen sich folglich keine reprasentativen Durchschnittswerte bezuglich der Gefasshohen und -breiten ermitteln. Allerdings fallt auf, dass es unter den Topfen nur wenige vergleichsweise schlanke und hohenbetonte Formen gibt, wie etwa bei den Gefassen nach Art der sog. Trangefasse von Otterbote (Abb. 109: 2). Es hat in der Tat den Anschein, dass die Asva-Keramik von breitenbetonten Topfen dominiert wird.

Daraus konnte man schlussfolgern, dass der gangige Topftyp der AsvaKeramik fur einen freien und unbehinderten Zugriff zum Gefassinhalt konzipiert war. Die betonte Breite der Topfe und die i. d. R. schwach einbiegenden Randpartien sprachen dafur. Fur die Zubereitung von Speisen oder anderen Inhalten bieten solche formalen Eigenschaften Vorteile. Das Lagern und Speichern von Lebensmitteln gestaltet sich bei schwacher Profilierung und niedriger Hohe nachteiliger, wegen der geringen Aufnahmefahigkeit und der Gefahr des Austritts flussiger Inhalte. Eine primare Verwendung im Transport der Topfe scheint wegen des geringen Fassungsvermogens und der Materialeigenschaften nicht in Frage zu kommen.

Eines der grosseren Gefasse der Asva-Keramik misst im Randbereich 27 cm, ist aber nur ca. 25 cm hoch (Abb. 109: 1). In Anbetracht der breiten Tonnenform und seiner relativen Dunnwandigkeit scheint eine Lagerung oder Vorratsspeicherung zweckmassig zu sein. Fur die Verwendung im Transport oder in der Nahrungszubereitung fehlt aber die notige Robustheit. Ein Fassungsvolumen (127) von ca. 14 Litern bei einem Gefass der grossten Kategorie erscheint bemerkenswert gering in Bezug auf Vorratskeramik. Dass es sich insgesamt um vergleichsweise kleine Topfgrossen handelt, vermitteln auch die Mittelwerte der Randdurchmesser (15-20 cm) und der Gefassboden (12-15 cm) (Abb. 110). Das erwahnte Tonnengefass aus Asva F (Abb. 109: 2) ist davon nicht ausgenommen, es hat nicht mehr als acht Liter Fullkapazitat.

Grobkeramische, schwach gegliederte Topfe dieser Art sind aus der Literatur unter der Bezeichnung blubber container oder Trangefass bekannt (z. B. Matiskainen 1998, 297 f., Abb. 3). Zu dieser konventionellen Funktionsansprache mit Bezug auf die mutmasslichen Robbentrangefasse von Otterbote hat K. Gustavsson begrundete Zweifel angemeldet. Er verwies auf die hohe Porositat und Durchlassigkeit der groben Siedlungskeramik, die alles in allem ausserst ungeeignete Eigenschaften fur die Lagerung von Robbenol darstellen, da es die Gefasswande nach kurzer Zeit durchdrungen und schmierig gemacht hatte (Gustavsson 1997, 92). Die Gefasse mussten deshalb innenseitig mit einem dichten Uberzug geschutzt sein, um eine bestandige Speicherung zu ermoglichen. Bislang konnten an der OtterboteKeramik jedoch keine Spuren solcher Beschichtungen festgestellt werden. Gemessen am hohen Eigengewicht des Trans in Relation zur geringen Grosse und Form der Topfe ist deren Handhabung schwierig bzw. umstandlich. Zudem ist die Grobkeramik sehr bruchanfallig, was Lagerung und Bewegung insbesondere bei Wintertemperaturen (Hauptjagdsaison) unnotig erschweren durfte (ebd.). Schliesslich spricht Gustavsson die geringe Grosse der Gefasse an. Er verweist auf die aus ethnographischen Beobachtungen gewonnene Erkenntnis, dass bei den saisonalen Jagden bereits bei einer einzigen (ausgewachsenen) Robbe Tranmengen bis zu 80-90 Liter anfallen konnten (ebd., 98). Selbst bei weniger sorgfaltiger Ausbeute pro Tier musste mit mindestens 40 Litern Ol zu rechnen sein. Fur einen mittelgrossen Otterbote-Topf werden 4-6 Liter Fullkapazitat angegeben, bei zusatzlichem Keramikgewicht pro Behaltnis (je 3-4 kg) hatte sich der Abtransport zu einer ausserst aufwendigen Angelegenheit entwickelt. All diese Punkte konnten auch fur die Asva-Keramik ins Feld gefuhrt werden. Als Behaltnisse fur Lagerung und Transport kommen andere Materialien ausser Keramik in Frage, etwa die leichten und elastischen Robbenhaute wie sie aus der Ethnographie hinlanglich bekannt sind.

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Ein neuer Aspekt hat sich mit den jungsten Untersuchungen von J. Stora und L. Lougas (Stora & Lougas 2005, 104) am osteologischen Material von Otterbote ergeben. Sie konnten nachweisen, dass sich im Schlachtabfall vornehmlich Jungtiere von Kegelrobben befinden, somit Fleisch, Speck und Fell vom Nachwuchs der Robben fur die Gemeinschaften womoglich ausreichten bzw. begehrter waren. Somit konnten theoretisch auch kleinere Gefasse als Transport- und Vorratsbehalter von Robbenfleisch und Tran genugt haben. Allerdings stehen dieser Deutung nach wie vor die genannten Qualitatseigenschaften im Wege. Noch ist der archaologische Nachweis nicht gelungen, ob und wie viel Robbentran in den genannten Ostseeplatzen gesammelt wurde. (128)

8.8.2. Zubereitung

8.8.2.1. Kochgefasse

Verlassliche Hinweise zur Art der Speisenzubereitung in Bronzezeitkeramik sind ohne Spezialuntersuchungen kaum moglich. Spuren direkter Feuereinwirkung an Bodenunterseiten oder Gefassinnenseiten wurden bislang keine festgestellt, auch nicht an der Innenflache. Das gilt ebenfalls fur mutmassliche Speisereste in den Gefassen. In der Theorie sprache nichts gegen eine Verwendung der grobkeramischen Asva-Topfe als Kochgefasse. Insbesondere porose und durchlassige, niedrig gebrannte Keramik von grober Magerung wird als optimal bezuglich Warmeleitfahigkeit und Resistenz gegenuber Temperaturschocks beschrieben (Naschinski 2001, 20, 133 ff.). Aus der Erfahrung mit Testversuchen und Experimenten sowie aus ethnographisch-archaologischen Vergleichsuntersuchungen wurden fur handgemachte Grobkeramik einige technologische Material-Parameter bezuglich optimaler Form- und Funktionsmerkmale von Kochgefassen entwickelt. Eine breite Basis, eine niedrige Hohe, eine insgesamt gedrungene Form sowie ein einbiegendes Oberteil machen ein 'ideales' Kochgefass aus (Henrickson & McDonald 1983, 631) (129). Alles in allem handelt es sich dabei um Gefasse von ahnlich ausgeglichenem Hohen-Breiten-Verhaltnis wie wir sie an der Grobkeramik von Asva und Ridala vorfinden. Es bleibt nur das Problem, dass sich ausserlich (makroskopisch) keine derartigen Verwendungsspuren erkennen lassen.

Aus der Ethnographie und der experimentellen Archaologie kennt man das Kochen und Garen in speziellen Gruben, u. a. mit sog. Kochsteinen. Die vor allem fur das skandinavische und norddeutsche Gebiet reichlich bekannten Befunde aus prahistorischen Siedlungsplatzen von Steinhaufen und Gruben mit Ansammlungen von stark hitzegeschadigten Steinen werden mit der Nahrungszubereitung in Zusammenhang gebracht, doch ist die Beweislage nicht eindeutig. Auch das Fullen der Topfe mit erhitzten Steinen zum Erwarmen der Speise ist denkbar, denn auf diese Weise bleiben die Gefasse lange haltbar und die vergebliche Suche nach Koch-oder Feuerungsspuren an der Topfkeramik fande eine weitere Erklarung. Es bleibt vorerst bei der interessanten Hypothese, dass die prahistorische Siedlungskeramik auch ohne Kochgefasse ausgekommen sein mag (siehe Andraschko 1995, 56 ff.; Gustavsson 1997, 94). Auch fur Asva und Ridala sind sporadische Anhaufungen von Granitsteinen mit Feuer-oder Hitzespuren beobachtet worden. Sie sind jedoch entweder nicht ausreichend in diesem Zusammenhang dokumentiert worden oder sind i. d R. zu gross, um als potentielle Kochsteine fur Topfe der Asva-Keramik in Frage zu kommen. Es fallt aber auf, dass im Gegenzug zu Kalksteinen vornehmlich Feldsteine verschiedene Merkmale der Brandeinwirkung tragen. Dem Granit wird eine grosse und lang anhaltende Belastung unter Extremtemperaturen nachgesagt, Schiefer neigt schneller zum Platzen. Bemerkenswert sind auch die experimentellen Nachweise bezuglich verbesserter und kurzerer Garzeiten in Gruben mit Lehmauskleidung (Andraschko 1995, 59). Angesichts der Befundbeobachtungen in den Grabungen von Asva und Ridala durfte mit derartigen Zubereitungsmethoden zu rechnen sein.

8.8.2.2. Mischgefasse

Eine weitere Aufbereitungsart der Inhalte, etwa das Mischen von Speisen (z. B. Gerstengrutze), verlangte nach offenen Gefassen fur einen leichtmoglichen Zugang. Eine gewisse Tiefe der Gefasse und hochgezogene Wande verhinderten das Austreten der Stoffe und ermoglichten grossere Fullmengen. Bei der Zubereitung wurden die Inhalte unter standiger und wiederholter mechanischer Bewegung stofflich verandert, was wiederum einen vergleichsweise robusten Aufbau und Dickwandigkeit der Gefasse voraussetzte. Angesichts der breiten und schwach profilierten Topfe der Asva-Keramik kommen viele der Gefasse fur derartige Aufbereitungsprozesse in Frage.

Lougas hat die Schalen mit drei oder mehr Osenknubben und Osenhenkeln als Hangegefasse angesprochen. Vorbilder fur diese Formen und Konstruktionen mit Hangeosen vermutete er in den Metallgefassen der Nordischen Spatbronzezeit (Lougas 1970a, 199 ff., Taf. 58: 3). Gemeint sind die kunstvoll verzierten, sog. Hangebecken der Montelius-Perioden IV und V, wie sie haufig aus Mehrstuckdepots als Behaltnisse oder Deckel bekannt sind. Ein solches Exemplar stammt auch aus dem Bronzebruchhort von Staldzene (Vasks & Vijups 2004). Die Deutung der Becken ist noch strittig, als Erklarung kommen Gurtelgehange und/oder Ritualgefasse in Frage. Fur letztere mag es sich angeboten haben, sie an Stricken aufzuhangen und in dieser Hangeposition mit speziellen Inhalten zu fullen, zuzubereiten oder zu lagern (Olfeuer, Weihrauch etc.).

In Asva F (Haus D) ist ein Topf mit Terrinenform aufgetreten (mit Henkelansatz und Kerbreihung), der einzige dieser Art aus Asva (Taf. 30: 5). Er zeichnet sich durch einen sehr harten Brand und guter Glattung der Innen- und Aussenflachen aus--alles Eigenschaften, die die Gefasswand ausgesprochen dicht und wasserabweisend erscheinen lassen. Der Knickwandtopf konnte als ein Flussigkeitsspeicher und/oder als ein Mischbehaltnis gedient haben.

8.8.3. Darreichung (Speise- und Trinkgeschirr)

Die Bezeichnung Essgeschirr (estn. sooginoud) fur die Knickwand- und Henkelschalen der Asva-Keramik geht auf Lougas zuruck (1970a, 190). Deren Fremdcharakter und mogliche Herkunftsgebiete der Schalchen wurden an verschiedener Stelle diskutiert (z. B. Jaanusson 1981; Lang 1991), kaum indes die Frage ihrer Verwendung. Angesichts des ganzlichen Ausbleibens von Feinkeramik (estn. peenkeraamika) im Gefassfundspektrum der lettischen und litauischen Bronzezeitsiedlungen liefern die Henkel- und Knickwandschalen der Siedlungen der Asva-Gruppe interessante Hinweise auf moglicherweise regional beschrankte Ess- und Trinksitten.

Nicht nur Form und Gestaltung der Knickwand- und Henkelschalen deuten auf besondere Verwendungsbereiche innerhalb der Siedlungskeramik hin. Deren Herstellung verlangte ganzlich andere und aufwendigere Arbeitsschritte, die sich bereits in der Tonaufbereitung von denen der groben Topfkeramik unterschieden. Die Eigenheiten in der Machart der Schalen (Form, Oberflachenbehandlung) sind derart offenkundig, dass die Verwendungsbereiche, Nutzungsintensitaten und Lebensdauer von Grob- und Feinkeramik sehr verschieden gewesen sein mussen.

Bei den Schalen finden sich technische und asthetische Eigenschaften nahezu optimal vereint. Die polierte Oberflache und der gute Brand machte die Gefasswand nicht nur wasserabweisend und undurchlassig. Der dunkle Politurglanz war gleichzeitig auffalliges Dekormerkmal, zumal dieser und die betont scharfe Knickwand nur den Schalen vorbehalten sind. Auch die Auswahl der jeweiligen Dekorierung, etwa die Stempeleindrucke (durch Ringabrollung) ist speziell auf die Feinkeramik zugeschnitten. Es hat den Anschein, dass die Topfer(innen) jegliche formale und stilistische Ahnlichkeit zwischen 'Tischkeramik' und grob anmutender Gebrauchskeramik von vornherein vermeiden wollten.

Folglich liegt es nahe, uber den Darreichungscharakter der Schalen zu spekulieren. Dieser Verwendungszweck wird durch die kleine Grosse, das geringe Gewicht und eine demzufolge leichte Handhabe vermittelt. Die Fullkapazitaten der Schalen sind begrenzt, Lagerung oder Zubereitung kommen als Funktionsbereiche nicht in Frage. Der mittlere Wert der fur den Grabungsteil Asva F ermittelten Randdurchmesser der Schalen (meist die maximale Gefassbreite) betragt 15,3 cm. Die Hohe liegt bei durchschnittlichen 6 cm (von 49 Gefassen). Bemerkenswerterweise ist die Tiefe der Knickwandschalen auch bei zunehmender Breite vergleichsweise niedrig (Abb. 111). Die flachen Gefasse waren somit nur fur kleine Mengen konzipiert. Bei grosseren Inhalten und Fullmengen haben die Behaltnisse bereits grobkeramischen Charakter und die Gestalt hoher bzw. tiefer Schusseln angenommen.

Der Art des Brandes und der nachhaltig verdichteten Oberflachen zufolge waren die Schalen sehr wahrscheinlich fur Flussigkeiten bestimmt gewesen. Auch die ubrigen Schalen von vergleichsweise einfacher Glattung konnen im Verwendungsbereich der 'Darreichung' angesiedelt werden. Gustavsson (1997, 96 ff.) spricht die Schalen aus Otterbote und anderen Bronzezeitplatzen Sudwestfinnlands als Trinkgefasse fur garende Getranke an, fur Bier oder Met etwa. In diese Deutung einbezogen wurden u. a. volkskundlich und historisch uberlieferte, germanischsprachige Bezeichnungen fur Schalen (bowl, olbolle oder dryckesbolle). (130)

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Zu den Eigenschaften der Form und Qualitat kommen noch die der Dekoration und der darin investierte Aufwand, speziell in Bezug auf den Politurglanz vieler Schalen. Bei feinkeramischen Gefassen dieser Machart kann die Verwendung der Schalen auch uber das Profane der Darreichung hinausgereicht haben (siehe Riemer 1997, 127). In der Bronzezeit begegnen Schalen, Henkelschalen oder Tassen erstmals in einer breiten Verwendung als Objekte im Rahmen von Kulthandlungen. In diesem Zusammenhang ist die bis in die Fruhbronzezeit zuruckzuverfolgende Tradition der Trinkgeschirrdeponierung zu sehen. Vor allem in der mittel- und jungbronzezeitlichen Urnenfelderkultur des nordalpinen Raums und in Teilen Ostmitteleuropas ist die Sitte, gut sortiertes und qualitatives Trinkgeschirr niederzulegen, sehr verbreitet gewesen (Primas 2008, 107 f.). Ob in ganzen Sets in Urnengrabern oder als singulare Deponierungen in Gruben--die Fundumstande deuten auf einen rituellen Gebrauch der Gefasse in Verbindung mit Trankopfer und gemeinschaftlichen Trinkgelagen. Feinkeramische Henkelschalen der Bronzezeit sind also langst zu Anzeigern spezieller Trinksitten rituellen Charakters avanciert. Dies lasst sich zumindest anhand verschiedener Graberkontexte schlussfolgern. (131)

Grabbrauche in Verbindung mit Brandbestattung, Urnenbeisetzung und Geschirrsatzinventar sind in der Bronzezeit auch in den westlichen Ostseeraum, bis nach Mittelschweden, vorgedrungen. Gefasse mit besonderen Gestaltungsund Verzierungsmerkmalen, die auch in gewissen Details der Henkelkeramik von Asva wiederkehren, sind etwa in der spatbronzezeitlichen Grabergruppe des mehrperiodischen Graberfeldes von Loderup (Schonen) als Deckgefasse der Urnen verwendet worden (Stromberg 1975). Bezugnehmend auf die bronzezeitlichen Henkelschalen glaubt man auch fur die schwedischen Regionen an eine Primarverwendung im Bereich des Trink- und Tafelgeschirrs (Hulthen 1977, 202; Eriksson 2009).

Die sich mit dem Aufkommen der Schalen und Henkelgefasse im westlichen Ostseeraum der Bronzezeit andeutenden Veranderungen im Ess- und Trinkverhalten werden von Thomas Eriksson im Rahmen des feasting-Konzepts im Sinne ritualisierter Brauche und Gewohnheiten der Darreichung von Speisen und Getranken gedeutet. Die Schalen sind sogar als exklusiver, besitzanzeigender Bestandteil elitarer Personenkreise denkbar, die bei feierlichen Umtrunken und Festgelagen mit eigens dafur vorgesehenen Gefassen kommuniziert haben (Eriksson 2008, 49; 2009, 280 ff.). Bislang fehlte es fur Saaremaa und das estnische Festland an Hinweisen auf die Verwendung von Gefasskeramik im Rahmen ritueller Handlungen, auch im ortlichen Bestattungsmilieu der Bronzezeit. Fur die Knickwand- und Henkelschalen der Asva-Keramik jedoch, mit der ihnen eigenen Verzierungsweise und Oberflachenbehandlung, erscheint der Gedanke an deren symbolisch-reprasentative Verwendung, auch im rituellen Kontext, durchaus attraktiv. Zugleich mag die in den Siedlungen der spatbronzezeitlichen AsvaGruppe vermutlich neu eingefuhrte Schalenform ein Indiz fur eine besondere, aber den bisherigen Ess- oder Trinkgewohnheiten angepasste Gebrauchskeramik sein. Denkbar ist die Benutzung der Schalen fur Getreidebreie oder -grutzen, hergestellt aus der in dieser Klimazone spatestens in der Bronzezeit angebauten, schnellwuchsigen Gerste (siehe Falkenstein 2009, 160). Ilmari Manninen (1933, 29 f.) zufolge ist die Gerstengrutze in Estland (speziell Saaremaa) noch bis in die spate Neuzeit hinein wichtigstes Nahrungsmittel der Bauern gewesen. Fur die Henkel- und Knickwandschalen der Asva-Keramik ist somit auch eine alltaglichpraktische Nutzung nicht ausgeschlossen oder ganzlich unwahrscheinlich. Angesichts der Kontrastmerkmale bezuglich technischer und asthetisch-stilistischer Eigenschaften zwischen Grobkeramik und der sog. Feinkeramik der estnischen Bronzezeitplatze indes spricht vieles fur eine individualisierte und besitzanzeigende Verwendung der Schalen, die uber eine blosse Verwendung als 'Essgeschirr' hinausging.

8.8.4. Multifunktion

Die Feststellung wurde bereits gemacht, dass der uberwiegende Grossteil der grobkeramischen Topfe relativ einheitliche Breiten- und Hohenmasse aufweist. Als mogliche Erklarung ware eine Multifunktionalitat der Gefassformen anzufuhren. Die gleichfalls einheitlichen Form- und Grossenmerkmale der Topfkeramik von Otterbote deutete Gustavsson (1997, 98 f.) im Sinne von Allzweck-Gefassen (basic all-purpose vessels). Ein vielseitiger Einsatz der Gefasse ware mit den Saisonfahrten auf die Scharen notwendig gewesen, da nur eine beschrankte Auswahl an Behaltern mitgenommen werden konnte. Diese sollten sich folglich sowohl zur Speicherung und zum Transport als auch zur Zubereitung (u. a. Garung) von Speisen oder Getranken geeignet haben.

Die Multifunktionalitat mag zumindest wegen der fehlenden Hinweise zu einer Gefassformen- und Grossenspezialisierung bei den Asva-Topfen eine Rolle gespielt haben. Wenn sich auch keine potentiellen Kochgefasse ausmachen lassen, so sind mogliche Uberschneidungen in den Bereichen der Zubereitung und Lagerung zu erwarten. Nicht unbedingt einseitig benutzt wurden vermutlich die Klein- und Miniaturgefasse aus Asva und Ridala. Hille Jaanusson (1981, 112) spricht bezuglich der sog. pygmy vessels aus Hallunda vom moglichen Einsatz als Speicher kleinerer Ingredienzen oder Speisezutaten und verweist auf die gleichzeitig mogliche Verwendung solcher Kleingefasse als Ollampen anhand eines Beispiels aus einem anderen, rezenten Kulturmilieu. Letztendlich liegt bei allen Gefassformen und -typen der Asva-Keramik eine multifunktionale Verwendung auf der Hand, nur dass der Uberschneidungsgrad vielseitiger Verwendungsbereiche unterschiedlich gross ausgefallen sein mag. Zugleich mag sich bei entsprechender Haltbarkeit und anhaltender Benutzungsdauer das Spektrum der Anspruche an die jeweiligen Gefasse verschiedentlich erweitert und verandert haben (siehe z. B. Riemer 1997, 123).

8.8.5. Sonderfunktion

Als interessant bezuglich ihrer Deutung, namlich wegen der Moglichkeit symbolisch-ritueller Sekundarverwendung, sind Gefassreste aus Pfostengruben. In Asva wurden derlei Fundkontexte nicht dokumentiert oder bei Ausgrabungen moglicherweise nicht explizit verfolgt. In Ridala wurde Keramik, Schlachtabfall und ein Bernsteinstuck in vielen Pfostengruben der mutmasslichen Palisadenkonstruktion vorgefunden. Bemerkenswert ist zudem der oben erwahnte Fund eines rundbauchigen Miniaturtopfes. Ein weiteres Kleingefass (5 cm Bodendurchmesser) soll in einer der Pfostengruben in aufrechter Position gestanden haben (siehe Kap. 8.7.3). Der besondere Bedeutungsgehalt der Miniatur- und Kleingefasse wurde bereits angesprochen, vor allem angesichts der zahlreichen archaologischen Belege fur eine kultische Verwendung der keramischen Miniaturen in der jungeren Bronzezeit Mitteleuropas (Kap. 8.2.3.5). Aus dem suddeutschen Raum sind mindestens vier Falle bekannt, in denen Miniaturgefasse in Pfostenlochern auftraten (Trebsche 2008, 71 f., Abb. 8, Katalog Nr. 27, 31, 32, 35). Auch die ebenfalls aus Pfostengruben bekannte Henkelkeramik (Tassen, Henkelschalen etc.) konnte im Sinne der urnenfelderzeitlichen Gefassdeponierungen auf Trankopferriten zuruckgehen, etwa in Verbindung mit dem Hausbau (ebd., 73 ff.). Fur die Siedlungen der Asva-Gruppe scheint zumindest eine Weiterverwendung und Umfunktionierung einiger Gefasstypen in kultisch-rituellen Bereichen als denkbar.
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Title Annotation:p. 215-257
Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:10832
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