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7. Metallverarbeitung in den Siedlungen der Asva-Gruppe.

7.4.1.1.3. Eine Gussform fur eine Griffzunge mit Nietlochern

Aus dem Grabungsteil Ridala A stammen zwei Fragmente, die mit grosser Wahrscheinlichkeit zu ein und derselben Gussform gehoren (Taf. 13: 4-5). Die beiden Stucke sind von langlicher Form und ziemlich flach, sie sind jeweils nur 0,5 bis 1,2 cm dick. Das grossere Stuck der beiden hat beidseitig ausgeformte Randwulste und in der Mittelzone, zwischen den Randern, zwei kreisrunde Vertiefungen von ca. 1 cm Durchmesser (0,4 cm tief). Bei dem anderen, kleineren Fragment sind statt der Rander nur Bruchnahte sichtbar. Beide Formhalften stimmen in den Breitenmassen von 3 cm uberein. An Stelle der kreisrunden Vertiefung befindet sich bei dem kleinen Gegenstuck ein plastischer Buckel mit abgebrochenen Zapfen, offensichtlich die Aussparung fur die obigen Nietlocher. Den Bruchstellen beider Passhalften nach zu urteilen, liegen die Reste einer einteiligen Gussgarnitur vor, wenn auch fur den Guss eines vergleichsweise kompliziert gestalteten Gegenstands. Vielleicht wurde in dieser Form die flache Griffzunge eines einschneidigen Messers gegossen. Zu erkennen ist, wie sich der Gusskorper an einem Ende, oberhalb des ersten Nietlochs, plotzlich verjungt.

Dass das fragliche Gerat mit Griffzunge aus einer verlorenen Form stammt, wurde auch die besonders materialsparende, flache Gestaltung beider Gussformstucke erklaren. Die bei mehrmaligen keramischen Gussformen so haufige Lehmbeschichtung oder Ummantelung (mittels Wickelschnure) fehlt hier, die Ruckseiten sind glatt. Die Herstellung dieser Form erfolgte nach dem herkommlichen Prinzip des Wachsausschmelzens, erst nach dem Einguss der Bronze wurden die Halften auseinandergebrochen und weggeworfen.

7.4.1.2. Mehrmalig verwendete, zweiteilige Gussformen

Unter der grossen Masse der einteiligen und einmalig verwendeten Gussformen aus den Siedlungen der Asva-Gruppe sind auch solche, die theoretisch wiederholt oder mehrmalig verwendet werden konnten. Dabei handelt es sich um zweischalige Formen zum Guss von Waffen, Schmuckobjekten oder Geraten, welche gegenuber den herkommlichen Ringobjekten komplizierter in der Herstellung und Nachbearbeitung gewesen sind. Auch die Risiken bezuglich im Vorfeld eintretender Fehlbrande der Gussformen oder Fehlgussen waren gegenuber den einteiligen Ringgussgarnituren betrachtlich hoher.

Die zweiteiligen oder zweischaligen Gussformen sind auch Hinweis dafur, dass zumindest einige Bronzegiesser der Siedlungen der Asva-Gruppe den Lehm oder Ton anderen Materialien fur Gussformen gegenuber bevorzugten. Das lasst sich jedenfalls aus dem Umstand deuten, dass es in Estland bislang an Funden steinerner oder metallischer Gussformen aus bronzezeitlichen Kontexten ganzlich fehlt. Ebenso ist nicht zu erwarten, noch verwertbare oder unversehrte Gussformen im archaologischen Siedlungsmaterial vorzufinden, da diese, wie andere Wertund Gebrauchsgegenstande auch, bei Verlassen der Siedlungsplatze womoglich mitgenommen wurden. Fragmente solcher nichtkeramischen Gussformen sind jedenfalls andernorts, aus bronzezeitlichen Fundplatzen Finnlands etwa, bekannt (z. B. aus Topfstein; Meinander 1954b, Abb. 10, 27, 34). Man darf deshalb annehmen, dass die arbeitstechnischen und praktischen Kenntnisse der Bronzegiesser auf dem Umgang mit lokal und unbegrenzt verfugbaren Rohstoffen basierten. Die entsprechende Erfahrung in der Bearbeitung und im Brennen des Lehms vorausgesetzt, bot sich mit diesem Rohmaterial und Werkstoff ein grosser Spielraum im Experimentieren mit verschiedenen und komplizierten Methoden des Bronzegusses bzw. unterschiedlichen, zu giessenden Objekttypen.

Nichtsdestotrotz ist die Zahl der zweiteiligen Gussformen unter der enormen Gesamtmasse an Gussformen auffallig klein. Es sind nur 12 sichere Fragmente zweiteiliger Gussformen aus Asva, Ridala und Iru bekannt, und auch das Spektrum der darin gegossenen Bronzetypen ist relativ klein (Tab. 4). Dennoch sind diese wenigen Funde ein Hinweis darauf, dass man sich offensichtlich nicht nur in der Anfertigung einfacher Ringe verstand, sondern auch um die Herstellung komplizierter Bronzeobjekte wusste.

Von den zweiteiligen Gussformen sind jeweils nur die Reste der Schalen bzw. Formhalften erhalten, nur einige lassen am Negativabdruck den Typ des giessenden Bronzeobjekts erkennen. Auch ist jeweils nur ein Fragment einer von zwei formgleichen Halften erhalten. Letztendlich kann ohne Materialanalysen und nachweisliche Metallspuren nicht mit Gewissheit gesagt werden, ob diese Formhalften im Guss uberhaupt oder je im Bronzeguss benutzt wurden. Denkbar ist zunachst, dass diese nach einem oder wiederholten Guss unbrauchbar geworden sind und somit mit den zerschlagenen Ringgussformen im Siedlungsabfall verblieben.

7.4.1.2.1. Gussformen fur Lanzenspitzen

Nur aus dem Grabungsteil Asva E sind Gussformen fur Lanzenspitzen aufgetreten. Funf Fragmente lassen sich drei verschiedenen Formhalften dieses Waffentyps zuordnen. Profil und Aufsicht aller drei Gussformen lassen die Endpartie vermutlich ein und desselben Lanzenspitzentyps erkennen (Taf. 6: 4-6). Aus der vereinfachten Gestalt und geringen Grosse der Formhalfte lasst sich zumindest auf vergleichsweise kurze und einfache Lanzen mit breiten Tullen schliessen. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Lanzenspitze nach Art der gedrungenen, spatbronzezeitlichen Kurzformen des sog. westbaltischen Typs (nach Jacob-Friesen 1967, 250 ff.). Ein entsprechender Fund stammt aus der Siedlung Iru (Lang 2007b, Abb. 73: 1), dieser misst ca. 9 cm und 3 cm in Lange bzw. Breite.

Aus Asva E stammt ein weiteres Formfragment, das Lougas (1966b, 108, Abb. 2: 1) zufolge ebenfalls dem Lanzenspitzenguss zugeschrieben wird. Sichtbar ist lediglich eine sehr schmale Eingusspartie (max. 1,2 cm) fur ein Tullengerat mit rundem Wulst (Taf. 6: 2). Besonders die Art der Tullenprofilierung ist fur Gussformen von Lanzenspitzen bislang nicht nachzuweisen (siehe Jantzen 2008, 58 f., Abb. 15). Ob in der namlichen Gussform wirklich eine Lanze gegossen wurde, muss offen bleiben. Noch sind die Reste einer zusatzlichen Ummantelung mit Lehm und auch der Abdruck der die beiden Formhalften umwickelnden Schnur zu sehen.

Im Ostbaltikum ist der Guss von Lanzenspitzen ansonsten fur das lettische Brikuli bekannt. An mindestens drei verschiedenen keramischen Formhalften fur Lanzenspitzen sind anhand der Negativabdrucke grossere Partien der Lanzenblatter samt Tullen gut einsehbar (Vasks 1994, Taf. XVI: 1-3). Dort gehoren sie einem langen und schmalen, kraftig profilierten Waffentyp an.

7.4.1.2.2. Gussformen fur Tullenbeile

Bemerkenswert ist der Fund einer Gussform fur ein Tullenbeil aus dem Siedlungsteil Asva E (Taf. 7: 4; Gewicht: 65 g). Es handelt sich um eine nur leicht beschadigte Passhalfte aus dem gleichen Lehmsandmaterial wie die ubrigen ein--und mehrteiligen Gussformen. Ein ca. 7 cm langes Tullenbeil mit einer etwa 5 cm breiten Schneide konnte aus dem Model gegossen werden. Der annahernd kreisrunde Tullenmund hatte einen Durchmesser von 3 cm. Ein fur diesen Geratetyp gebrauchlicher Osenhenkel fehlt, zumindest in dieser Passhalfte. Deutlich erkennbar sind die schmale, nur 0,3 cm breite Randwulst am Eingussbereich der Tullenpartie sowie die drei langs verlaufenden, die untere Beilhalfte erfassenden Gusskanale (Breite 0,2-0,7 cm). An der Aussenseite der Formhalfte ist die Ummantelung zu sehen, die nach dem Zusammenschnuren der beiden Gusspartien lose und noch im weichen Zustand aufgetragen wurde. Im Relief des Tonmantels ist noch gut die Fliessrichtung des Lehms erkennbar--ein Hinweis darauf, dass die Gussform in vertikaler Stellung, also aufrecht, gebrannt wurde (Taf. 7: 4; vgl. 6: 2).

Das Beilprodukt war offenkundig von gedrungener und einfacher Gestalt. Deutlich erkennbar ist eine Querwulst, die den eigentlichen Abschluss des Tullenrands bildete. Die drei Kanale auf der unteren Schneidenpartie hatten wahrscheinlich die Funktion, der Gasblasenbildung beim Bronzeeinguss vorzubeugen und die gleichmassige Verteilung der Gussbronze im Forminnern zu begunstigen. Spater, nach dem Erharten des Metalls in der Form, wurden die Kanale entweder abgeschliffen oder als Dekorelemente belassen (74).

In Grosse und Gestalt orientiert sich das Beilprodukt an den nordischen Kurzformen der Montelius-Perioden V und VI. Aus einer anderen keramischen Gussform aus dem Grabungsteil Asva E konnte ebenfalls ein Tullenbeil hervorgegangen sein (Taf. 7: 2). Darauf deuten der halbrunde Querschnitt der Form und der mutmassliche Negativabdruck einer Beilschneide. Allerdings misst das fragliche Beil nicht mehr als 3 cm in seiner maximalen Breite an der Schneidenpartie. Es ware demnach auch denkbar, dass in dieser Gussform ein kleines Tullengerat, etwa ein Meissel, gegossen wurde. Entsprechend schmale Gussformen aus Keramik und Stein fur Tullenmeissel gibt es in den danischen Siedlungen Vebbestrup, Fyn und Asted (Jantzen 2008, 62, 140, Taf. 8: 34, 32: 161-162).

Lehmgussformen fur Tullenbeile sind auch aus litauischen Siedlungen bekannt (Narkunai, Vosgeliai), darunter mindestens eine fur Beile vom sog. Malartyp (Grigalaviciene 1995, 102, Abb. 55: 2-3). Aus Sokiskiai stammt eine weitere, fast komplette tonerne Formhalfte mit dem Negativ eines kurzen Tullenbeils mit Osenhenkel. In Grosse und Einfachheit scheint es dem Beil aus Asva E nahezustehen (ebd., 102, Abb. 55: 1). Bemerkenswerterweise finden sich ausserhalb des Ostseeraums auffallig wenige Tullenbeil-Gussformen aus Lehm. In der Uberlieferung dominieren solche, die aus verschiedenen Steinmaterialien gefertigt wurden, wie es etwa fur die finnischen Bronzezeitplatze der Fall ist (Meinander 1954b, Abb. 10, 27, 34). Im sudskandinavischen Raum hat der Fund einer keramischen Gussform, wie jene aus dem danischen Hortfund von Vebbestrup etwa, bereits Seltenheitswert (Jantzen 2008, 62, Taf. 7: 33). Vor allem in polnischen Bronzezeitsiedlungen dominieren steinerne und sogar metallene Gussformen (z. B. Kostrzewski 1953, Abb. 23-24; Gediga 1982, Abb. 10, 13-14). Entweder bezeugt der mehrfache Nachweis des Gusses dieser Gerate in zweischaligen Lehmformen eine regionale, ostbaltische Eigenart oder diese Uberlieferungssituation ist mit unterschiedlichen Boden--und Erhaltungsbedingen fur Lehmformen allgemein zu erklaren. Das Fehlen diesbezuglicher Gussformen aus Stein in den ostbaltischen Bronzezeitplatzen, auch Ausbleiben von Steinfragmenten im Siedlungsabfall, deutet zumindest darauf hin, dass man im Bronzeguss auf die Verwendung ortlich anfallender oder importierter Steinmaterialien (z. B. Topfstein) zugunsten keramischer Formen verzichtete.

7.4.1.2.3. Gussformen sonstiger oder unbestimmter Objekttypen

Der Guss von Staben oder Ringbarren wurde vermutlich nicht nur in einmalig verwendeten Formen ausgeubt. Mindestens zwei Stucke mutmasslich zweiteiliger Gussformen (Taf. 2: 4-5) erinnern in ihrem eckigen Querschnitt und spitzdachformigen Aufbau an die Stabgussformen, wie sie in der Siedlung an der Walkemuhle in Gottingen, dort in grosseren Mengen, vorgekommen sind (Drescher 1988, 151 ff.). Nichtsdestotrotz ist angesichts des sehr fragmentarischen Zustands dieser Stucke nicht auszuschliessen, dass sie Teil einer grosseren Gussgarnitur gewesen sind (z. B. fur Waffe oder Gerat).

Unter den mutmasslich mehrteiligen Gussformenfragmenten sind auch solche fur den Guss langlicher und ebener Gegenstande (Taf. 6: 1, 3; 7: 3). Form und Typus der Objekte zu bestimmen, ist wegen der fragmentarischen Erhaltung kaum mehr moglich. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass einige fur den Guss von Schwert--oder Messerklingen bestimmt waren. Solche sind im Ostbaltikum bislang nirgends nachgewiesen.

Nicht eindeutig zu bestimmen ist das Gussobjekt eines Formfragments aus Asva E (Taf. 7: 1). In dem zierlichen, ca. 3 x 3 cm kleinen Stuck ist der Gusskanal fur einen Stab o. a. zu erkennen. An dem einen Ende, dort wo sich die Spur des Kanals erweitert, befindet sich ein horizontales Rillenpaar. Man konnte das Stuck als eine Gussform fur einen nicht naher bestimmbaren Nadeltyp mit profiliertem Kopf auslegen.

7.4.2. Mutmassliche Formhalften fur eine Scheibenkopfnadel

Unter den Giesserfunden des Grabungsteils Asva F sind vier Bruchstucke kleiner, flacher Scheiben--alle aus dem Bereich des Giesserplatzes von Asva F, in einem Umkreis von sechs Metern Entfernung (Abb. 38). Die Scheibenstucke sind einseitig mit einem konzentrischen Muster feiner Rillen versehen und deren Ruckseiten plan (Taf. 10: 2-3). Alle Stucke hatten vermutlich eine herausmodellierte Randwulst (siehe Taf. 10: 3a). Anhand der nur wenige Zentimeter grossen Stucke lasst sich der ursprungliche Durchmesser der Scheiben auf 6-8 cm schatzen. In punkto Farbe, Magerung und Brand des verwendeten Lehms scheint es sich bei den Stucken in der Tat um Gussformen zu handeln. Angesichts des konzentrischen Kreisrillendekors, der Scheibengrosse und des ebenfalls in Asva F gemachten aussergewohnlichen Fundes einer bronzenen Nadel (sog. Typ Harnevi; AI 4366: 141, Taf. 10: 1) mit uberdimensioniertem Scheibenkopf und entsprechendem Dekor gab es bislang auch keinerlei Zweifel an der Ansprache als zugehorige Gussformen (Lougas 1970a, 119 ff., Taf. 29: 3; Sperling 2006, 34, 39). Gemutmasst wurde dabei, es handle sich um Uberreste wiederverwendbarer, zweischaliger Kokillen fur den Guss der Scheibenkopfe. Auch liegt eine solche Deutung zunachst wegen der flachen Unterseiten der Scheibchen nahe. Vom Fundplatz Skalby im ostschwedischen Uppland sind ca. 19 Stuck ahnlicher Scheibengussformen bekannt, welche ebenfalls als Gussformen fur Nadeln des sog. Harnevi-Typs gehalten werden (Oldeberg 1960, 20, Abb. 34: 1-12). Die dortigen Scheiben tragen die charakteristischen, konzentrisch angeordneten Rillengruppen, zuweilen auch mit groberem Ringrelief und der herausmodellierten Randzone--und sind allesamt ausgesprochen dunnwandig. Es ist jedoch deren merkwurdige Dunnwandigkeit der Scheiben, die angesichts neuerer Uberlegungen eine Verwendung als Kokille bzw. Zweischalengussform unwahrscheinlich macht. Drei der Stucke aus Asva sind nur zwischen 0,8 und 1 cm dick, ein Stuck bleibt unter 0,8 cm. Es ist deshalb zu vermuten, dass diese wegen der fehlenden Stabilitat dem Einguss der geschmolzenen Bronze nicht standhalten wurden. Gleichzeitig fehlt es an Hinweisen auf eine Ummantelung und Verstarkung mit einer zusatzlichen Lehmschicht, wie es z. B. bei den Tullenbeilgussformen aus Asva der Fall gewesen ist (siehe oben). Die Verwendung der Tonscheiben aus Asva F und Skalby in der Herstellung der Scheibenkopfnadeln wird in derzeit anlaufenden Versuchen experimenteller Nachgusse zu klaren sein. Dabei stellt sich auch die Frage der Verzierungstechnik (Kreisrelief) der Lehmgussformen bzw. der Wachsmodeln.

7.4.3. Schmelztiegel

Gemessen an der Menge des Gussformenmaterials aus den Siedlungen von Asva, Ridala, Kaali und Iru ist die Zahl der bekannten bzw. bestimmbaren Tiegelfragmente ausserst klein. Mittlerweile belauft sich die Stuckzahl aller eindeutig als Schmelztiegel identifizierbarer Fragmente auf mindestens 20. Bislang sind diese nur in Siedlungsgrabungen in Asva zutage getreten, Tiegelreste scheinen unter den Giesserfunden von Ridala oder Iru zu fehlen (so bereits Lougas 1966b, 102). Die meisten Tiegelfragmente kamen in Asva E zutage, nur ein einziges Stuck aus dem Grabungsteil F.

Keiner der Tiegel ist vollstandig erhalten, die meisten sind jedoch in Grundgestalt und Grosse weitestgehend rekonstruierbar. Funf sichere Tiegel lassen sich aus den 20 Fragmenten zusammensetzen. Alle Tiegel haben die charakteristische ovale Grundform mit einer langgezogenen, eng zulaufenden Mundung. Die Enden der Ausgussrinnen oder--schnabel lassen bei zwei Exemplaren im Ansatz eine Rinne erkennen. Bei dem Exemplar aus Asva F ist der Ausguss zipfelartig hochgezogen (Taf. 11: 3), bei den ubrigen Tiegeln aber abfallend (Taf. 11: 1, 4). (75)

Die Grossenmasse der Tiegel sind relativ einheitlich. Diese liegen zwischen 12-13 cm in der Lange und 8-9 cm in der Breite. Unterschiede indes sind in der Randgestaltung erkennbar, was trotz der mutmasslichen Einheitsgrossen auf merklich abweichende Fassungsvermogen der Schaleninnenraume der Tiegel hindeutet (Abb. 48). Damit einher geht auch die unterschiedlich ausgepragte Randdicke, die bei flacher Tiegelform mit wenig ausladendem Rand zuzunehmen scheint. Bei allen Tiegeln ist ein flacher Standboden vorhanden, der bei dem Exemplar aus Asva F deutlich von der runden Schalenform abgesetzt ist (Abb. 48: 4; Taf. 11: 3). Trotz der etwas abweichenden Gestaltung der Tiegelboden (kantig oder abgerundet) hatten alle Tiegel einen geraden Stand, sie waren somit fur einen ebenen Untersatz konstruiert.

Kategorisch einzuordnen sind alle Tiegelformen aus Asva in Jantzens Gruppe der offenen Tiegel mit flachem Boden (2008, 187 ff.). Dabei handelt es sich um einen uber den Ostseeraum hinaus gelaufigen Tiegeltyp, der schon in der fruhen Bronzezeit in Mittel--und Nordeuropa Verbreitung fand. Sowohl der flachbodige, dickwandige Tiegel mit schwach ausgepragter Randbildung (Abb. 48: 1-3) ist unter den danischen und schwedischen Giesserfunden des Ofteren zu finden, als auch der tiefe Typus mit hochgezogenen Randern und abgesetzter Bodenpartie (Abb. 48: 4). (76) Ein anderes estnisches Exemplar mit andeutungsweise hohen Randern hat eine betont rohrenformige Ausgusspartie. Da nur eine Seitenpartie des Ausgusses erhalten ist, bleibt unklar, ob sich das stark einbiegende Mundungsprofil nicht eventuell durch Uberhitzung verzogen und dadurch diese Form angenommen hat (Jantzen 2008, 188; vgl. Oldeberg 1960, Abb. 20). Tiegelformen mit rundlichem oder gewolbtem Boden, solche mit Standfussen oder gar solche von dreieckiger Gestalt scheinen in den estnischen Platzen zu fehlen (siehe Jantzen 2008, 186 ff.).

Flache, offene Tiegel sind ausser aus Asva auch aus Brikuli bekannt, mindestens eines der dortigen Exemplare gehort einem rundbodigen Typus an. Doch fallt angesichts der vergleichsweise vielen lettischen Tiegelfunde die individuelle Ausformung der Tiegelrander auf (Vasks 1994, Taf. XII: 1-12, XIII: 1-10, XVI: 7). Das breite Spektrum der Tiegelformen steht offenkundig fur vielfaltige Verwendungsoglichkeiten und Funktionsweisen der Tiegel im ortlichen Bronzeguss.

Die meisten Tiegel aus Asva weisen eine blasig-lochrige Oberflache auf. An manchen Stellen der Innenseite ist die Haut besonders poros und rissig. Die lochrigen Stellen erfassen vornehmlich die oberen Randbereiche der Tiegel. Nur ein einziger Tiegel (Abb. 49) zeigt in der Tiegelmitte eine solche Kraterhaut, doch ist diese zum Teil mit einer Art Glasfluss verfallt. Es lassen sich somit eindeutige Spuren des Gebrauchs erkennen. Die feinen Oberflachenrisse und Klufte sind auf die im Ton der Tiegel enthaltenen Quarzanteile zuruckzufuhren, welche durch Ausdehnung und Zersetzung des Quarzes bei hoher Hitze und extremer Abkuhlung entstehen (Jantzen 2008, 196). Bei einem Exemplar aus Asva ist zu sehen, wie die Fullflache des Tiegels teilweise bedeckt wurde von der Zinn--und Bleischmelze und den aus dem Quarzanteil entstandenen Silikatglasen (Abb. 49). Bei einigen Tiegeln haben sich in der Fullflache millimeterdicke Schichtungen gebildet. Derartige Risse und Verglasungen sind fur die meisten erhaltenen Tiegel ublich (z. B. Oldeberg 1960, 53; Jantzen 2008, 195 f.).

Zudem geben die Asva-Tiegel Hinweise auf eine mehrmalige Verwendung. Dem drohenden Zerbrechen der Tiegel durch entstandene und partiell mit Glasfluss gefullte Risse wurde vermutlich vorgebeugt, indem man die Innenflache mit erneuten Tonlagen bestrich. Im schichtweise erfolgten Bruchverhalten einiger Tiegel ist dies sichtbar (Taf. 11: 1, 3). Doppelte oder mehrfache Beschichtungen an Tiegeln als Folge von Ausbesserungsarbeiten fur deren Wiederverwendung hat man auch anderswo beobachten konnen (Oldeberg 1960, 52 f., Abb. 27 f.; Jantzen 2008, 200).

Lougas hielt es fur moglich, dass zu den genannten bronzezeitlichen Tiegeltypen im Asva-Material auch bedeutend kleinere, verschiedenartige Formen gehorten. Aus einem spitzbodigen Unterteil eines Gefasses rekonstruierte er ein U-formiges Profil (1966b, 108, Abb. 2: 10). Dieser vermeintliche Tiegelboden konnte unter den Keramikfunden nicht ausfindig bzw. begutachtet werden, doch gibt es ein anderes Gefassstuck aus Asva A, welches einem Tiegel angehort haben mag. Das Randstuck (Boden fehlt) misst ca. 4 cm Durchmesser im Mundungsbereich und stammt von einem Topfchen von ursprunglich 6-8 cm Hohe (Taf. 1: 2). Merkwurdig aufgefallen ist es wegen seiner Oberflachenmerkmale, v. a. der rissiglochrigen Haut der ausseren Randpartie. Der Aufbau der Wand ist tonnchenformig, der Boden war entweder rund oder spitz zulaufend. Eine intensive Hitzeeinwirkung, sehr wahrscheinlich nicht durch einen sekundaren Brand erfolgt, lasst sich an diesem Kleingefass tatsachlich ablesen, wenn auch innen wie aussen keine Verglasungsspuren o. a. sichtbar sind. Unter den Giesserfunden des Nordischen Kreises scheinen solche Tiegelformen nicht gelaufig zu sein (vgl. Jantzen 2008, 180 ff.). Lougas raumte ausserdem ein, dass es sich dabei um einen Fund aus der oberen, mittel--bis jungereisenzeitlichen Siedlungsschicht Asvas handeln konne (1966b, 108). Stratigraphisch lasst sich die zeitliche Herkunft der Tiegel aus Asva A (z. B. AI 3428: 616) nicht eindeutig klaren. Dass aber eine Verwendung tonnchenformiger und rund--oder spitzbodiger Gefasse als Tiegel in der Spatbronzeund Fruheisenzeit Ostmitteleuropas durchaus in Frage kommt, zeigen die Funde aus dem polnischen Zawada, Woj. Tarnobrzeg, im Karpatenvorland. Reste schmaler Spitzbodengefasse mit nur wenigen Zentimetern Mundungsdurchmesser waren von hohen Temperaturen beeintrachtigt, gleichzeitig zeigten sie Spuren von gelblich-gruner Verglasung--was also auf eine Verwendung als Schmelztiegel hindeutet (Michalski 1982, 206, Abb. 3: 1-2). Man kennt sie in Mitteleuropa sonst eher aus vorromischen und romischen Zeitzusammenhangen. Solche und ahnliche Kleinstgefasse kamen auch unter dem spatbronzezeitlichen Siedlungsmaterial lettischer Fundplatze (mit ortlichem Bronzeguss), z. B. Mukukalns und Klangukalns, zutage. Graudonis bezeichnete (1967, Taf. XL: 1-10) sie aus nicht naher erlauterten Grunden als Tiegel.

Insgesamt ist der Bestand an Schmelztiegeln im Giesserabfall von Asva verschwindend gering. Die tatsachliche Zahl verwendeter Gussgerate wird sich darin nicht einmal ansatzweise widerspiegeln. Ein interessanter Hinweis bezuglich des Fehlens von Tiegeln im hiesigen Gussabfall ist in Jantzens Beobachtung (2008, 184 ff.) zu sehen, wonach Tiegelfragmente in Siedlungen des Nordischen Kreises mehrheitlich aus Gruben stammen. Es ist demnach denkbar, dass gebrauchte und nicht wiederverwendbare Tiegel in eigens dafur vorgesehenen Abfallgruben oder Halden ausserhalb der Arbeits--und Giesserplatze landeten. (77) Ebenso darf angenommen werden, dass die bruchigen Tiegelreste in zerriebenem und zerkleinertem Zustand als Magerungsmittel fur Gefasskeramik und neue Tiegel verwendet wurden.

7.4.4. Gusstrichter

Im Fundmaterial der Gussformen treten zuweilen Fragmente auf, die in Gestalt und Form zunachst an Wand--und Randstucke von Tiegeln erinnern. Jedoch haben Tiegel vergleichsweise ausgepragte Wandstarken, einen festeren Brand und in der Regel sichtbare Spuren der Metallschmelze. Von den zerschlagenen, fragmentarischen Eingusstrichtern der Ringgussgarnituren sind sie somit gut unterscheidbar.

Einen Grossteil des Gussformenmaterials machen bekanntlich die Bruchstucke der zerschlagenen Lehmmantel aus, welche, um die gegossenen Bronzeringe zu befreien, zerschlagen werden mussten. Unter den Resten dieser zerbrochenen Ringgussgarnituren sind aber einige Stucke, die von der Art des Eingusses in den tonernen Ringmantel zeugen. In der Regel erfolgte der Einguss durch Trichter, die an die Ringformen anmodelliert wurden. Da samtliche Ringgussformen eine flache Unterseite besitzen, die Gussgarnitur fur Bronzeringe demnach auf einer Unterlage gelegen haben muss, war der Trichter schrag geneigt. Fragmente solcher Trichter sind in allen estnischen Siedlungen mit nachweisbarer Bronzegussaktivitat aufgetreten (ausser Narva Joaorg). Erkennbar sind die Trichter besonders dann, wenn es sich bei den Fragmenten um Randstucke handelt (z. B. Kaali, Taf. 14: 6). Unterschieden werden konnen schmale Trichteroffnungen und vergleichsweise breite Eingussdurchlasse von mehreren Zentimetern wie die Beispiele aus Asva und Iru zeigen. Ein Stuck (AI 3428: 1210; Taf. 16: 1) misst noch an der schmalsten Stelle fast 3 cm. Ein ganz ahnlicher, nahezu vollstandig erhaltener, breiter Trichter (samt Ringgussmantel) stammt aus Brikuli (Vasks 1994, Taf. XV: 5). In diesen Fallen ist von einer Fullung des Eingusskanals mittels Gusskern auszugehen (siehe Jantzen 2008, 226 ff., Taf. 13: 52a, 21: 123-124).

7.4.5. Gusskerne

Zu den Giesserfunden zahlen auch tonerne Kerne, wie sie beim Guss fur Objekte mit Hohlraumen zur Anwendung kamen. Zu den Resten einer Gussform eines hohl gegossenen Armrings aus Asva A/C von ca. 10 cm Durchmesser sind drei Kernfragmente zugehorig (siehe oben, Abb. 46). Die Kerne und der Gusskanal haben jeweils eine Dicke von 1,2 cm. Der 0,3-0,4 cm breite Wulst an den Tonkernen fungierte als eine Art Riegel zwischen der den Hohlraum umschliessenden Bronze. Vermutlich hatte dieser den Zweck, dass man nach dem Guss leichter an den Tonkern gelangen konnte.

Um Gusskerne handeln konnte es sich bei zwei Stucken tonerner, gebogener Stabchen von 0,4-0,5 cm Durchmesser. Davon ist eines in Asva A/C (AI 3799: 268) und ein anderes in Iru gefunden worden (AI 3428: 502). Beide nur wenige Zentimeter lange Tonstabchen konnten zunachst als Henkelfragmente angesehen werden, doch dafur scheinen diese zu feingliedrig und fragil zu sein. Das leicht gebogene Stuck aus Asva tragt an der Aussenseite ein Kerbenpaar und liefert eventuell eine interessante Parallele zu zwei tonernen Fragmenten aus der Siedlung Biskupin. In der Literatur wurden solche als mutmassliche Gusskernfragmente fur Armringe interpretiert (Pieczyriski 1950, 117, Abb. 6; Kostrzewski 1953, 197, Abb. 32; Ostoja-Zagorski 1982, 178, Abb. 3: 8). Kerbgruppenverzierte, kreisformig gebogene Tonstabchen aus Grzybiany werden ebenfalls als Gusskerne fur hohle, verzierte Armringe gedeutet (Gajewski 1982, 154, Abb. 15). Es ist also nicht ausgeschlossen, dass es sich bei den beiden unscheinbaren Fragmenten um Gusskerne fur hohle Ringe handelt. Denkbar ware der Einsatz solcher Tonkerne auch beim Guss kerbverzierter Hohlrander nordischer Plattenfibeln--wie etwa das Exemplar im Tehumardi-Hort (Abb. 4: 5).

7.4.6. Mutmassliche Geblasedusen

Unter den Giesserfunden des Werkplatzes von Asva E ist ein auf den ersten Blick unscheinbares Tonfragment, welches bei oberflachlicher Betrachtung nach einem Gusstrichter aussehen mag. Von den Trichterrandern der Gussgarnituren unterscheidet sich das Stuck vor allem in seiner Randgestaltung. Dieser ist vergleichsweise breit (max. 1 cm) und gerade abgestrichen. Bei den Gusstrichtern sind die Randpartien i. d. R. spitz zulaufend und auch weniger sorgfaltig proportioniert als das Exemplar aus Asva E (Taf. 5: 2). Letztendlich sprechen die ausgepragte Wandstarke, bei nur ca. 4 cm Randdurchmesser, und die merkwurdige Trichterform der Innenwand fur eine besondere Funktionsweise des Stucks. In der Literatur begegnen solche kurzen Dusen in Verbindung mit alterbronzezeitlichem Handwerksgerat des Bronzegusses (Jockenhovel 1985, 196 ff., Abb. 1: 1-3; Primas 2008, 135 f., Abb. 5, 14). Vermutlich handelt es sich dabei um das Randstuck einer Geblaseduse, und zwar von der Art, wie sie im mitteleuropaischen Raum bereits fur die altere Bronzezeit bekannt sind. Ahnlich einfache und konisch geformte Aufsatze, ob nun als Geblasedusen oder Endstucke von Blasrohren gedeutet, konnten die Hitzeentwicklung bei einfacher Gruben--oder Tiegelfeuerung gezielt beschleunigen und erhohen.

Ein neuer Typ von Geblaseaufsatz hat sich in der Spatbronzezeit entwickelt, namlich in Form eines konischen und ungleich langeren Dusenrohrs mit angewinkeltem Endstuck. Solche geknickten Geblasedusen sind vergleichsweise haufig in Fundplatzen des Nordischen und Lausitzer Kulturkreises anzutreffen, stets zusammen mit Gussformen und Tiegeln. Lange, Knickwinkel und Verzierungsmotive der Dusen (Leisten, Rippen etc.) konnen bei diesen Formen indes variieren. (78) Die Geblasedusen reprasentieren somit eine weitraumig verbreitete Gusstechnologie der Spatbronzezeit. Im Ostbaltikum indes scheinen bislang noch keine Dusen unter den Giesserfunden der Bronzezeitsiedlungen identifiziert worden zu sein.

7.4.7. Die Metallfunde der Siedlungen

7.4.7.1. Eine Scheibenkopfnadel aus Asva F

Die Bronzenadel kam im Sektor F von Asva bereits zu Beginn der Grabungen des Jahres 1965 zum Vorschein. Der Fund wurde allerdings an einer Stelle der Siedlung gemacht (Quadrant 15/f, 40 cm Tiefe von der Feldkante), an der die Kulturschichten, anders als im Randbereich der Siedlung, vergleichsweise dunn sind und somit keine genauere stratigraphische Fixierung moglich machen. Lougas (1970a, 139) zufolge liesse sich der Nadelfund dem alteren Schichtenzusammenhang (Asva I) zuordnen, gemeinsam mit Funden knocherner Doppelknopfe und den diesem Nadeltyp zugehorigen 'Gussformen'. Allerdings ist die stratigraphische Zuweisung der Nadel nicht so eindeutig wie die der Giesserfunde im Bereich des sudlich gelegeneren und spater von der Phase Asva II uberbauten Giesserplatzes (Haus B) (Sperling 2006, 34 ff., Abb. 9). Es ist ebenso denkbar, dass die Deponierung (oder sekundare Verlagerung) der Bronzenadel mit der jungeren Bronzezeitphase Asva II in Zusammenhang steht.

Es handelt sich um eine ca. 18 cm lange Nadel mit einem uberdimensionierten Kopf in Form einer flachen Scheibe (Taf. 10: 1). Der Scheibenkopf nimmt fast die Halfte der Nadelgrosse ein und ist mit feinen konzentrischen Kreisrillen verziert. Der Nadelschaft ist ca. 0,5 cm dick, rund im Querschnitt, und knickt am Kopfende ab. Die Scheibe misst etwa 7 cm im Durchmesser und besteht aus 1-2 mm dunnem Bronzeblech. In der Scheibenmitte ist ein Knopf an der Stelle der Verbindung von Nadelschaft und Scheibe schwach herausmodelliert. Insgesamt ist der Erhaltungszustand der Nadel ausserst schlecht: Sie ist ganzheitlich von einer millimeterdicken grunen Patina uberzogen und lasst im Bereich der Scheibe nur stellenweise gewisse Merkmale der Verzierung und Profilierung erkennen. Auf der Ruckseite der Scheibe ist nahe dem Schaftansatz eine kleine Ose erkennbar. Bezuglich der Scheibengrosse, des Kreisreliefs (mit Mittelknopf) und der Ose hat die Nadel von Asva eine gute Entsprechung in der Scheibenkopfnadel von Kaali (Taf. 10: 4). (79) Nadeln dieses Typs sind im Ostbaltikum ausgesprochen selten, dafur vermehrt in Hortfund--und Einzelfundkontexten Mittel--und Ostschwedens sowie mehrfach auf der Insel Gotland aufgetreten. Man kennt solche Nadeln unter der Bezeichnung Harnevi-Typ, benannt nach einem eponymen Bronzehort im ostschwedischen Uppland, welcher mehrere solcher Scheibenkopfnadeln beinhaltet (Forsgren 2010, Abb. 1). Evert Baudou unterschied innerhalb der Gruppe der Nadeln mit ubergrossem Scheibenkopf und konzentrischem Kreisrillenrelief (Typ XXV B 2c) ostschwedische von gotlandischen Varianten. Der sog. gotlandische Untertyp wird durch die Gestaltung der Scheibe mittels abgesetzter Rillengruppen innerhalb der Reliefkreise und einer gewolbten, nach aussen gebogenen Randzone charakterisiert (Hansson 1927, Taf. 33: 156, 44: 178, 51: 186; Baudou 1960, 79, 326, Taf. XVI: XXV B 2c). Die Nadeln von Kaali und Asva entsprechen den Nadeln sog. gotlandischer Machart, wenn auch Lange und Dicke der Nadelschafte variieren. Zeitlich werden die Nadeln der sog. gotlandischen Variante an der Schwelle der Montelius-Perioden V und VI der Spatbronzezeit angesiedelt, welche absolutchronologisch ungefahr bei 800 BC anzusetzen ist (Baudou 1960, 79; Vandkilde et al. 1996). Aus dem lettischen Hortfund von Staldzene sind vor wenigen Jahren drei weitere Scheibenkopfnadeln zutage gekommen, zusammen mit typischen Bronzeformen der Montelius-Periode VI (Vasks & Vijups 2004, 26 f., Abb. XVII: 1, 3-4). Bezuglich der Gestaltung der Scheiben, etwa in der fehlenden Wolbung der Aussenkante und der weniger uberdimensionierten Scheibenkopfe, stehen die lettischen Nadeln den ostschwedischen nahe (vgl. Forsgren 2010, Abb. 1). Aus der 2012er Grabungskampagne in Asva G kam zudem das Fragment einer mutmasslichen Scheibenkopfnadel zum Vorschein (AI 7061: 1116; Sperling et al. 2013, 39, Abb. 9). Der Scheibenkopf fehlt, doch ist der leicht geschwungene und zum Ende einknickende Nadelschaft ausgesprochen charakteristisch fur die verkleinerten Varianten der Scheibenkopfnadeln des Harnevi-Typs. Wenn auch etwas kurzer (ca. 5 cm Lange), so lasst sich die Nadel aus Asva G dennoch gut mit dem Exemplar aus Kaali vergleichen.

Unter den bisher insgesamt etwa 30 bekannten sudskandinavischen und ostbaltischen Scheibenkopfnadeln ist das Exemplar aus Asva der bislang einzige Fund aus einem Siedlungskontext. Die ubrigen entstammen fast ausnahmslos Horten oder sind Einzelfunde. Im uberregionalen Vergleich scheint die Nadel von Asva auch in ihrer Lange (ca. 18 cm) uberdurchschnittlich gross zu sein--fur ein Bronzeobjekt von mutmasslicher Schmuck--oder Zierfunktion sind Grossen--und Massenverhaltnisse beachtlich. Immerhin handelt es sich um ein Bronzeobjekt von 90-100 Gramm Gewicht. Angesichts der wiederholt in der Forschung diskutierten 'Metallknappheit' im Bronzezeitmilieu des Ostbaltikums wirft dies Fragen auf bezuglich der besonderen Verwendungsweise und nichtalltaglichen Funktion solcher Scheibenkopfnadeln. In der alteren archaologischen Literatur fiel bereits die Bezeichnung Prachtnadeln des Fundes von Harnevi, dies in Betonung des Prestigecharakters solcher Objekte (Stenberger 1977, 220). In der jungeren Bronzezeitforschung wird auch starker auf den moglichen Symbolgehalt der Scheibenkopfnadeln und anderer Gegenstande mit Kreis--oder Spiralsymbolik aufmerksam gemacht, so etwa in Verbindung mit Sonnenkultvorstellungen in der nordischen Kosmologie. Dabei wird auch die mogliche (rituelle) Motivik hinter den Hortniederlegungen der Art Harnevi bzw. Staldzene diskutiert (Forsgren 2010; 2012).

7.4.7.2. Ein Tullenbeil aus Ridala A

Ganze, unversehrte Bronzefunde gehoren in den Siedlungen der Asva-Gruppe zu den Ausnahmen. Im Ostteil der Siedlung Ridala wurde gleich zu Beginn der Grabungsarbeiten (6. Juli 1963) ein Tullenbeil gefunden. Es kam prompt nach erstem Abtrag der obersten Steindecke zutage und muss, nach Meinung des Ausgrabers, bereits mehrere Male sekundar verlagert worden sein bis es schliesslich in Abhangnahe am Grenzbereich der Siedlung an die Oberflache kam (Vassar 1963, 3).

Das Tullenbeil mit schwarzlicher Patina misst 9 cm in der Lange und 5 cm im Bereich der leicht ausladenden Schneide. Der Randdurchmesser der kreisrunden Tulle misst 4 cm. Die zusammen mit dem Beil gegossene Ose ist vergleichsweise kraftig ausgebildet und erfasst ungefahr ein Drittel des schwach profilierten, vergleichsweise kantigen Beilkorpers.

Lougas (1966b, 111, Abb. 2: 12) ist in seinen Untersuchungen zur Entwicklung des ortlichen Metallgusses auch auf diesen Beilfund eingegangen. Zusammen mit dem ahnlichen Tullenbeil aus Juri (Nordestland) werden beide als typische Vertreter skandinavischer Beile der Montelius-Perioden V-VI angesehen--jedoch kleiner und einfacher ausgefuhrt als diese. Die estnischen Beile sollen lokale Sonderformen darstellen, die sparsame Ausfuhrung der Gerate sei zwangslaufig durch die misslichen Umstande der ortlichen Metallknappheit bedingt gewesen (80). Der Auffassung Lougas' von der unterentwickelten Lokalpragung ostbaltischer Tullenbeile liegen ganz offensichtlich Pramissen zugrunde, aus der Verbreitung, der Qualitat und aus dem Spektrum der Bronzefunde direkte soziookonomische Ruckschlusse zu erhalten. Auch verhinderte der Untersuchungs--und Publikationsstand der 1960er Jahre einen adaquaten Uberblick uber das Formenspektrum an entsprechenden Tullenbeilen. Mit dem heutigen Kenntnisstand indes kann konstatiert werden, dass es im westlichen und sudlichen Ostseeraum keineswegs an guten Vergleichsfunden zu den estnischen Beilen mangelt. Vielmehr zeichnen sich die spatbronzezeitlichen Tullenbeile allgemein durch ihre individuellen Auspragungen in Gestalt, Dekor und Grosse aus. Sowohl die kleinen Tullenbeile als auch sparliche oder fehlende Verzierungen sind als typische Stilmerkmale der Beilentwicklung der Periode VI anzusehen. (81)

7.4.7.3. Eine Lanzenspitze aus Iru

Der bislang einzige Fund einer bronzenen Lanzenspitze stammt aus Iru. Es handelt sich dabei um eine im westlichen und sudlichen Ostseeraum sehr gelaufige Form. Sie lasst sich den gedrungenen, spatbronzezeitlichen Kurzformen sog. westbaltischen Typs, mit betont breiter Tulle zuordnen (nach Jacob-Friesen 1967, 250 ff.). In der Lange und maximalen Breite misst die Lanzenspitze gerade einmal 8,7 bzw. 3,1 cm, das Gewicht wird mit 40 g angegeben (Lang 1996, 46, Taf. VII: 1; 2007b, Abb. 73: 1). Wie bei dem Tullenbeil aus Ridala kommt Lougas zu der gleichen Schlussfolgerung, dass dieser Lanzenspitzentyp wegen seiner geringen Grosse und der damit verbundenen Materialersparnis in der ostbaltischen Region besonders attraktiv gewesen sein muss (1970a, 98). (82)

Interessanterweise sind unter den Giesserfunden im Siedlungsmaterial von Asva auch solche, die zum Guss dieser Lanzenspitzentypen bestimmt waren (Abb. 50; Kap. 7.4.1.2.1). Bemerkenswert ist ferner, dass in Asva bis dato keine Lanzenspitzen gefunden wurden und unter den Giesserfunden von Iru entsprechende Gussformen fehlen. Dies wirft nicht nur Licht auf die Verbreitung typengleicher Metallobjekte in den Siedlungen der Asva-Gruppe, sondern auch auf unterschiedliche Uberlieferungsverhaltnisse bezuglich archaologischer Funde und den Quellen der Metallverarbeitung.

7.4.7.4. Ringfragmente

Aus den Siedlungen der Asva-Gruppe sind nur wenige Fragmente von Bronzeringen uberliefert, die auch als mutmassliche Produkte der lokalen Herstellung in Frage kommen. Angesichts der intensiven Spuren der Verarbeitung solcher Bronzeringe anhand der uber tausend Gussformenfragmente in den untersuchten estnischen Siedlungsplatzen ist die verschwindend geringe Zahl bemerkenswert hinsichtlich der archaologischen Uberlieferungssituation und der tatsachlichen Verarbeitung und Zirkulation von Metallmengen in den Platzen der Asva-Gruppe. Bis dato sind in etwa funf Ringfragmente bekannt, und zwar aus Asva, Ridala und Iru zusammen. Vermutlich hat es mehr solcher Funde in Asva gegeben, doch gelten momentan einige als verloren oder nicht auffindbar (siehe Kap. 7.4.6.6). Zwei erhaltene Bruchstucke gehoren tordierten Ringen an (Abb. 51). Sie stammen aus Ridala und Iru (AI 4261: 446; 3428: 1158; Lang 1996, 47, Taf. VII: 13). Die ubrigen Ringe sind von einfacher Machart mit rundem Querschnitt (AI 4366: 1257; 5302: 225). Samtliche Stucke sind kurzer als sechs Zentimeter und zwischen 0,4-0,6 cm dick. Der jungste Fund eines Ringbruchstucks aus Bronze (Lange: 3,8 cm, Dicke 0,5 cm; noch ohne Fundnummer) stammt aus dem Grabungsteil von Asva G (Jahr 2013).

Auf die Funktion solcher Ringobjekte vor dem Hintergrund des vor allem in der Siedlung Asva intensiv betriebenen Bronzeringgusses wird unten naher eingegangen (Kap. 7.7).

7.4.7.5. Gussabfall: Zapfen und Spratzer

Unter dem Fundmaterial der Bronzewerkplatze der estnischen Siedlungen sind einige Gussspratzer, d. h. im Gussvorgang anfallende Metallspritzer und--tropfen. Solche stammen aus Asva A/C (2 Stuck), Asva E (3), Asva F (> 5) und Ridala A (3). (83)

Ein einziger Gusszapfen wurde in Asva A/C gefunden (AI 3799: 24; Lougas 1966b, Abb. 2: 11). Er hat einen verdickten, pilzformigen Kegel, ist nur 3 cm gross und an der schmalsten Stelle gerade abgetrennt worden (0,8-1 cm, mit rundem Querschnitt). Das Stuck hat nur einen einzigen Gussarm und entspricht Jantzens Kategorie nicht zuweisbarer Gusszapfen (2008, 223 ff., Taf. 63: 329).

7.4.7.6. Sonstige Bronzefunde

Den Auflistungen der Kleinfunde aus Asva zufolge sind unter den Funden noch einige Bronzeobjekte gewesen. Lougas erwahnt einige Armringfragmente und Pfrieme (AI 4366: 556, 746; 3994: 1486), die jedoch nicht mehr auffindbar sind (1966b, 109; 1970a, 339 f., Taf. 28: 4, 8, 15). Das vergleichsweise grosse Fragment eines kantigen 'Stabbarrens' aus Asva muss ebenfalls als verschollen gelten. (84)

Aus Asva A ist eine schmale, feine Bronzepunze mit abgeflachtem Ende, 4 cm lang und max. 2 mm breit, erhalten (AI 3658: 280). Gleich vier Exemplare kleiner Bronzepfrieme stammen aus Iru, alle mit Langen zwischen 2,9 und 6 cm. Sie wurden in verschiedenen Grabungsbereichen der Hohensiedlung gefunden und werden alle der spatbronzezeitlichen Schicht zugeordnet (Lang 1996, 47, Taf. VII: 6-8).

7.4.7.7. Eisenfunde

Aus Iru stammen die bislang altesten Eisenartefakte auf estnischem Territorium. Es handelt sich nur um vereinzelte Kleinfunde, die noch von einer fruhen und eher sporadischen Verwendung von Eisenobjekten im bronzezeitlichen Siedlungsmilieu zeugen. Der Nachweis ortlicher Eisenverarbeitung ist im Ostbaltikum bislang fur keine der spatbronzezeitlichen Siedlungen gelungen und noch fehlt es selbst fur die Vorromische Eisenzeit an zweifelsfreien Belegen. Dennoch lassen die Eisenobjekte (Halsringe u. a.) in den Grabern der Fruhen Eisenzeit Estlands eine lokale Verarbeitung vermuten (siehe Lang 2007b, 120 ff.).

Aus einem gesicherten spatbronzezeitlichen Fundkontext stammt der kleine Eisenpfriem aus Iru (Nordplateau). Es ist ein relativ kleines und kurzes Exemplar, von nur 5 cm Lange und 0,5 cm max. Breite (Lang 1996, 47, Taf. VII: 9). Aus Asva sind mindestens zwei Eisenpfrieme bekannt, deren stratigraphische Zuweisung und somit Datierung unsicher bleiben mussen. Fur Asva A erwahnt die Fundliste eine 'Eisenspitze' (AI 3658: 613; aus Quadr. [II.sub.1]/[II.sub.2]-[III.sub.1]/[III.sub.2]) und aus Asva E stammt ein kurzer Pfriem, ahnlich dem Fund aus Iru, von ca. 3 cm Lange und 0,5 cm Kopfbreite (AI 3994: 568; Vassar 1955, 128, Abb. 41: 10).

7.5. Beobachtungen zur Metallgusstechnik anhand der Siedlungsfunde

7.5.1. Materialeigenschaften der Gussformen

Die Gussformen aus Asva, Ridala, Kaali und Iru haben mehrheitlich eine hellrotlich-rosa und zuweilen ins Gelbliche wechselnde Grundfarbe. Die grosseren Stucke zweiteiliger Gussformen zeigen in der Farbe kaum merkliche, ortliche Farbanderungen und sind ebenfalls von hellrotlich-rosa Grundfarbe und gleichmassig gebrannt. Der Ton der Formen ist vergleichsweise weich und bruchig, lasst sich leicht mit blossem Finger ritzen und brechen.

Alle Tongussformen wurden mit mineralischen Substanzen gemagert. Mit blossem Auge erkennbar sind kleinste Stuckchen von Quarz und Glimmer als Magerungsbestandteile. Andere Zutaten, organische Substanzen etwa, sind ohne optische Hilfsmittel nicht eindeutig auszumachen. Die Mengen--und Dichteverhaltnisse der verwendeten Quarz--und Glimmerpartikel variieren je nach Art und Verwendungszweck der Gussformen. Zwar konnte der verwendete Formlehm bereits feinkornige Quarze und Quarzsande enthalten, doch hat man gezielt Glimmer und Quarzsande bei Bedarf zugesetzt. Das zeigt sich am Beispiel einer Gussform fur eine Lanzenspitze aus Asva E (AI 3994: 1556). Auf der Innenseite der Form (dem Gusshohlraum) sind mehrere, unterschiedlich grosse und unregelmassig verteilte Quarzpartikel von bis zu 1 mm zu sehen. Im Lehmaufstrich an der Aussenseite der Form dagegen kommen diese fast gar nicht vor. Der aussere, zusatzliche Tonmantel, welcher die Lehmform verstarken und die Umwicklungsschnure abdecken sollte, lasst eine andere Lehmmischung als die eigentliche Gussform erkennen.

Die Magerungszusatze machten die Gussformen hitzebestandig und formstabil. Roher, ungemagerter Lehm indes ware zu dicht und wurde den thermischen Veranderungen nicht standhalten und wahrend des Gussprozesses reissen, da die sich entwickelnden Gase nicht entweichen konnten. Insbesondere Quarze und Glimmer neigen bei drastischer Hitzesteigerung zur Ausdehnung. Sie machen den Ton der Gussformen elastischer und durchlassiger (Jantzen 2008, 78 f.).

Kein Zweifel durfte daran bestehen, dass in Asva sowohl die Verarbeitung der Gussformen als auch der Gefasskeramik stattfand. Das bezeugt der Fund eines per Hand annahernd rund geformten und geglatteten Tonklumpens aus dem Grabungsteil Asva A/C. An dem Tonklumpen von ca. 10 x 15 cm Durchmesser sind an mehreren Stellen Griff--und Entnahmespuren zu erkennen (Abb. 75). Als Rohmaterial zur Herstellung der unzahligen Gussformen in Asva und Ridala stand der ortlich anfallende, quaternare Geschiebelehm zur Verfugung (siehe Kap. 8.3.1).

7.5.2. Ringguss in der 'verlorenen Form'

Auf den einmaligen Guss in zerschlagenen Formen wurde bereits in der Beschreibung der Gussformen eingegangen. Es sei hier nochmalig in Kurze und stark vereinfachter Form das in den Siedlungen der Asva-Gruppe angewandte Prinzip des Ringgusses erlautert. Fur den gewunschten Ring wurde vor dem Herstellen der dafur vorgesehenen Gussform ein spezielles Ringpositiv aus Wachs o. a. Material gefertigt. Um den geformten Wachsring wurde der noch feuchte Tonmantel gewickelt und samt Wachsring gebrannt. Wahrend des Brennens oder im Zuge eines zweiten Arbeitsganges schmolz der Wachsring aus. Was blieb, war der Negativabdruck des Ringes, den spater die flussige Bronze ausfullte.

Samtliche Fragmente zerschlagener Ringgussformen sind in ihrem Grundaufbau spitz--oder runddachformig und mit einer flachen Unterseite versehen. Die Gussformen wurden also auf einer ebenen Unterlage gebrannt und mussen wahrend des Trocknens und Brennens des Lehms in dieser Position gelegen haben. Beim Bronzeguss konnten diese samt Unterlage in leichter Schieflage positioniert gewesen sein, auch mag es zum Einguss der Bronze ausgereicht haben, die Gusstrichter schrag an die Ringgussgarnitur zu fixieren (Abb. 52). Auch in der Horizontalen (bei schrag aufgesetztem Trichter) war der Einguss und die Verteilung der flussigen Bronze in der Gussform gut moglich. Das Prinzip des Gusses auf flachen Unterlagen, vermutlich auf eigens dafur hergestellten Tonscheiben, findet man an verschiedenen Stellen eingehend erlautert (z. B. Jantzen 2008; Mierzwiriski 2003, Abb. 54, 62).

Unterschiede konnen in der Gestaltung der Profile der Ringgussformen beobachtet werden. Sehr wahrscheinlich erfolgte diese Formung bewusst, damit der Giesser spezielle Ringtypen wiedererkennen konnte. Zuweilen wurden die Formen auch verziert, wie in einem Fall mittels Eindrucke durch Fingerkerben (Taf. 5: 3). Bei einigen Gussformen fehlen die Gusskanale ganzlich, bei anderen enden diese plotzlich bzw. schliessen ab (Vassar 1939, Abb. 43; Taf. 3: 1, 9: 10). Daraus lasst sich der praktizierte Guss von Ringen mit offenen Enden ablesen. Bei dem Guss mit offenen Ringenden waren die Ringobjekte leichter aus den Schalen zu ziehen. Dass in Iru insgesamt grossere Schalenstucke erhalten sind als z. B. in Asva wurde vielleicht darauf hindeuten, dass dort vermehrt Ringe mit offenen Enden gegossen wurden. Letztendlich gibt das Material an Gussformen in den Platzen der Asva-Gruppe keine sichere Auskunft daruber, ob uberhaupt geschlossene Ringe hergestellt wurden. Dazu fehlt es an kompletten Gussgarnituren im Fundmaterial. Aus dem lettischen Hortfund von Staldzene jedenfalls sind mehrere solcher einfachen Ringe mit offenen Enden uberliefert (Vasks & Vijups 2004, Taf. XII-XVI).

7.5.3. Werkzeuge der Metallbearbeitung

Das Spektrum der in der Metallbearbeitung verwendeten Werkzeuge und Gerate reicht von Tullenhammern, Tullenmeissel, Ambossen, Bronzepunzen etc. uber Steinwerkzeuge verschiedenster Art bis hin zu den Geblasedusen. In Asva sind Werkzeuge nur mit gewissen Schwierigkeiten auszumachen bzw. als solche anzusprechen. Das gilt z. B. auch fur das fragliche Fragment einer Duse. Sog. Gelegenheitswerkzeuge, der vergleichsweise einfachen Formgebung nach universell einsetzbare Stein--und Geweihgerate, kommen in den estnischen Siedlungen zwar reichlich vor. Ihr Bezug zum Bronzehandwerk aber kann nur uber Vergleichsfunde aus anderen Fundplatzen mit Spuren der Metallverarbeitung erschlossen oder wahrscheinlich gemacht werden.

In der Literatur zu bronzezeitlichen Giesserplatzen und--funden sind haufig rundliche Schleifsteine mit seitlich umlaufenden Kanneluren oder mit Napfchen anzutreffen, welche vornehmlich in Siedlungen des Elbe-Oderraums vorkommen. Diese sog. Kannelursteine werden in diesem Zusammenhang u. a. als Schmiedewerkzeuge zum Schleifen und Hammern gedeutet (siehe Simon 1985, 176, Abb. 9: 1, 4; Horst 1985, 75, Abb. 12: 1-9; Mierzwiriski 2003, Abb. 60: 1). Als Werkzeuge des Metallhandwerks werden zuweilen auch jene vergleichsweise einfach gestalteten Steinobjekte mit Mittelrille und von rundlich-ovaler Form aufgefasst (Horst 1989, 99). Einige dieser Art sind unter den Steinartefakten in Asva und Ridala vertreten. Doch ob es sich dabei um solche Gerate handelt, sei dahingestellt. In der archaologischen Fachliteratur kursiert eine seit langem gangige Funktionsansprache im Sinne sog. Netzsenker (im Fischfang), zumal sie oft in Siedlungen ohne Giessercharakter vorkommen und nicht jeder der Steine mit Mittelrille Hammer--oder Schlagspuren zeigt (Sperling 2006, 115 f.).

Aus dem Gerateinventar eines Bronzegiessers in Asva, Ridala oder Iru sind Punzen, Meissel und Pfrieme nicht wegzudenken. In anderen Bronzezeitsiedlungen mit Spuren der Metallverarbeitung kommen auch metallene Gerate dieser Art vor (Simon 1985, Abb. 9: 3; Vasks 1994, Taf. X: 37-41). Letztendlich ist nicht ausgeschlossen, dass es sich bei den von Lougas erwahnten (verschollenen) 'Pfriemen' aus Asva um Gegenstande des Giesserrepertoires gehandelt haben konnte, etwa zum Einsatz bei Verzierungsarbeiten an Wachsmodellen oder den Bronzeprodukten.

Es ist ebenso damit zu rechnen, dass sich viele Arbeitswerkzeuge der Metallverarbeitung aus Knochen oder Geweih zusammensetzen. Der interessante Fall einer spatbronzezeitlichen Bestattung aus dem sibirischen Graberfeld Sopka II zeigt dies in selten anschaulicher Weise: Ein mannlicher Bogenschutze (u. a. Bogenfragmente, Pfeilspitzen) im Sopka-Kurgan (Nr. 2, Grab 64) enthalt die wesentlichen Elemente der Gerate--und Produktpalette eines Bronzegiessers. Alle Funde, darunter Waffen und Giesserfunde, wurden zur Rechten des Toten aufgehauft. Dazu gehoren ein regionaltypisches Tullenbeil aus Bronze (SeimaTurbino Kreis), mindestens drei tonerne Gussformen (gleicher Beiltyp) und drei vollstandig erhaltene Tiegel verschiedener Form und Grosse. Als besonders an dieser Grabausstattung sind die dazugehorigen Knochen--und Geweihartefakte anzusehen, die mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit als Giesserwerkzeuge anzusprechen sind. Es sind zwei Tierzahne von Schwein und Pferd, drei Pfrieme und Ahlen (tierische Rohrenknochen) und ein Wildschweinhauer darunter, die nach Meinung des Ausgrabers u. a. in der Herstellung der Gussformen verwendet worden sein konnten (Molodin 1983, 101, Abb. 6: 4, 6-7, 7: 3-4, 6). Als Gussgerate kommen womoglich auch die Steinartefakte besonderer Formgebung in Betracht (ebd., Abb. 5: 2; 6: 1). Bemerkenswerterweise handelt es sich bei den meisten dieser Grabbeigaben um Funde, die in den meisten europaischen Bronzezeitsiedlungen gelaufig sind. Somit sind fur die Pfrieme, Spitzen, Schaber u. a. aus Knochen und Geweih aus Asva vielseitige Einsatzbereiche in Betracht zu ziehen, auch die Metallverarbeitung. (85)

7.6. Spuren der Bronzeringverarbeitung im bronzezeitlichen Ostbaltikum

Die Frage, warum sich litauische, lettische und estnische Bronzezeitsiedlungen vorzugsweise dem Guss einfacher Objekte in Arm--oder Halsringform verschrieben, blieb lange Zeit ungestellt. Einzig bei C. F. Meinander (1954b, 60) ist in diesem Zusammenhang von 'Ringbarren' die Rede, was, ohne naher ausgefuhrt zu werden, gedanklich voraussetzt, dass die Produkte des Ringgusses nicht primar Schmuckoder Trachtbestandteile darstellten. Meinander mag dabei an Halbfabrikate im Sinne von Bronzebarren gedacht haben, die zur Weiterverhandlung oder zum Weitertransport an andere Orte gegossen wurden. Die Idee, die ring--oder stabformigen Gussprodukte konnten Metallwerte, bemessen nach Grosse oder Gewicht, symbolisiert haben, ist erst in jungster Zeit wieder aufgenommen worden. Wenn auch implizit, aber in diesem Sinne, hat sich A. Vasks (1994) zu den Gussformen aus der Siedlung Brikuli geaussert. Nach seiner Aussage wurden sich im Fundmaterial verschiedene Ringgrossen (v. a. Durchmesser) zu erkennen geben, die grob einem Grossen--und Werteverhaltnis von 1:2:3 entsprachen. Messdaten zu den Grossenunterschieden der lettischen Gussformen wurden keine vorgelegt und somit bleibt dies reine Hypothese.

V. Lang halt eine Funktion und Verwendung der Ringe in einem gewichtsund mengenbasierten Tauschwertsystem des bronzezeitlichen Wirtschaftsgefuges ebenfalls fur glaubhaft (2007a, 77 ff.; 2007b, 117 ff.). Demnach konnten die Siedlungsokonomien von Brikuli, Asva und anderen Platzen (mit nachweislichem Ringguss) auf die Produktion uberregional akzeptierter, grossen--oder gewichtsnormierter Metalle, also Tauschwerten, ausgerichtet gewesen sein.

Im Gebiet zwischen Memel und Finnischem Meerbusen sind nach jetzigem Kenntnisstand mindestens 22 Siedlungsplatze der Spatbronzezeit bekannt, in denen Bronzeringguss nachgewiesen werden konnte. Unter den lettischen und ostlitauischen Siedlungen weist Kivutkalns die mit Abstand meisten Gussformen und Tiegelfunde auf. Ca. 702 Gussformen und Tiegel (34% aller Fundstucke) kamen in der komplett untersuchten Siedlung zutage (650-700 [m.sup.2]; Vasks 2008, 68 ff.). Aus Brikuli (1350 [m.sup.2]) sind 21 Bronzen, 227 Fragmente einteiliger Ringund Stabgussformen, 21 Schalengussformen und 170 Tiegelbruchstucke uberliefert. Die Giesserfunde machen dort 42% aller Fundnummern aus (Vasks 1994, 116). In den anderen lettischen Siedlungen belauft sich die Zahl der Ringgussformen stets im zweistelligen Bereich (Abb. 53; siehe Liste der Fundorte im Anhang). (86)

7.6.1. Verbreitung und Vorkommen der Ringgussformen

Uber Menge und Umfang der in Asva, Ridala und Iru gemachten Giesserfunde hat V. Lougas bereits an fruherer Stelle berichtet (1966b, 102). Seinen Angaben zufolge belief sich die Menge an Gussformen aus Asva auf 673 Stuck, wobei die Funde des Giesserplatzes in Asva F (Haus B) in diese Zahlung noch nicht einbezogen werden konnten. Nach Abschluss der 1966er Grabung ist die Zahl der Gussformenstucke auf 807 angestiegen (Lougas 1970a, 118, Tab. 4). Die neuere Zahlung der Gussformenstucke im Vorfeld dieser Untersuchung erbrachte fur Asva eine Gesamtstuckmenge von 1006. Fur Ridala A und B wurden zusammen 74 Stuck und fur Iru 66 ermittelt (Tab. 5). (87)

Das Gesamtgewicht aller Gussformenreste der estnischen Fundplatze belauft sich auf 5,7 kg, eingedenk der i. d. R. nur wenige Gramm wiegenden Kleinstfragmente eine nicht unbetrachtliche Masse an Materialabfallen. Zudem ist fur Asva und Ridala festzustellen, dass sich die wenigsten Bruchstucke gleicher Fundquadranten wieder zusammensetzen oder in ihren Grossen--und Formmerkmalen als einer Gussgarnitur gehorig ansprechen lassen. Vermutlich wurden die Werkplatze in regelmassigen Abstanden von den Giesserruckstanden gesaubert, so dass nur kleinste Bruchstucke an Ort und Stelle verblieben. Sehr wahrscheinlich wurde in den Giesserplatzen mehr Metall verarbeitet als es der Masse an Gussformen nach den Anschein hat.

In dem Versuch, die Gussformen in absoluter Stuckzahl im Verhaltnis zum Absolutgewicht zu betrachten, fallen zwischen den ausgegrabenen Siedlungsteilen erhebliche Diskrepanzen in den Zahlen auf, die Ruckschlusse auf das Bruchverhalten der Gussformen geben. Das zeigt in aller Deutlichkeit, dass Mengenangaben ohne zugehorige Gewichtsmessungen ein gegenuber der tatsachlichen Uberlieferungssituation sehr abweichendes Bild liefern konnen. So steht die verhaltnismassig grosse Zahl an Gussformfragmenten aus dem Siedlungsteil Asva F fur eine intensive Brucheinwirkung, die mit der spateren Ubersiedlung und Steinpflasterung an der Stelle des Giesserplatzes zu erklaren ist. Angesichts der relativ kleinen Menge an Gussformen aus Iru fallt deren Gesamtgewicht gross aus, vor allem in Berucksichtigung der Grabungsflache. Dies wiederum wirft ein anderes Licht auf das Bruchverhalten bzw. den Erhaltungszustand der Giesserruckstande von Iru.

Fur das von Siedlung zu Siedlung stark abweichende Bruchverhalten keramischer Gussformen gibt es mehrere Einflussfaktoren. Zum einen wurden unterschiedliche Methoden in der Zerstorung der Ringgussgarnituren angewandt. Einige wurden langs 'gespalten', womit grossere Partien ubrig blieben. Dennoch sind langere Stucke solcher Ringmantel im Fundmaterial eher selten anzutreffen. Der Grossteil der Ringgussformen wurde in Querstucken zerteilt bzw. an mehreren Stellen zerschlagen, so dass zwangslaufig kleinere, wenige Zentimeter lange Schalenbruchstucke anfielen. Auch spielten in der Erhaltung der bruchanfalligen, da unter niedrigen Temperaturen gebrannten und geringfugig gemagerten, Gussformen die jeweiligen Bodenbedingungen eine massgebliche Rolle.

7.6.2. Grosse, Durchmesser und Starke der Ringe

Es soll auch der Versuch unternommen werden, die Ringgussformen aus Asva, Ridala, Kaali und Iru in ihren Merkmalen zu vergleichen. Zunachst stellt sich die grundsatzliche Frage, ob uber die Gussformen Aussagen zu den Gussprodukten getroffen werden konnen, ob etwa Hals--oder Armringe bevorzugt gegossen wurden oder ob sich innerhalb der Werkplatzkreise bestimmte Praferenzen in Bezug auf die Produkte zu erkennen geben. Auch sollten die Formfragmente auf etwaige Grossenordnungen und Typengewichtungen der gegossenen Metallringe befragt werden. So lassen sich Anhaltspunkte hinsichtlich moglicher Standardisierungs--oder Normierungstendenzen gewinnen--und somit Klarung in der Frage, inwieweit uberhaupt Anlass besteht, in den Ringobjekten mogliche Barren im Sinne von Wert--oder Tauschmessern zu sehen.

Zunachst geben die Innendurchmesser der Gusskanale in den Gussformen Auskunft uber die Ringstarke. Diese Werte sind nahezu allen Stucken zu entnehmen, bei denen der Abdruck der Ringbreite (Gusskanal) mindestens zur Halfte erhalten ist. Schwieriger verhalt es sich mit der Ermittlung der Ringdurchmesser bzw. --grossen uber die Krummungen der Ringschalen, denn der Erhaltungszustand der Gussgarnituren ist bekanntlich ein sehr fragmentarischer, d. h. kleinteiliger. Die meisten Daten sind daher zu den Ringstarken zu gewinnen (Tab. 7). Berucksichtigt wurden samtliche Einzelstucke mit noch messbaren Gusskanalen, auch in den Fallen, in denen die Fragmente mutmasslich zur selben Gussgarnitur gehorten.

Aus den diesbezuglichen Messungen (Tab. 6) geht indes hervor, dass es sich mit der statistischen Aufnahme und Messbarkeit der Gusskanale nicht in allen Siedlungen und Grabungsteilen einheitlich verhalt. Die Grabungsflachen mit den meisten Gussformen, Asva E und Asva F, liefern jeweils nur ein Funftel messbares Material. In anderen Siedlungsteilen mit merklich weniger Funden lassen sich dagegen zahlenmassig mehr Ringstarken ablesen. Tendenzen in der Gruppierung der Ringstarke gibt es keine, die grosse Mehrheit der Gusskanale bewegt sich zwischen 0,5 und 0,7 cm. Dabei ist von vornherein einschrankend zu bemerken, dass an ein und demselben Bronzering Abweichungen in der Ringstarke von bis zu zwei Millimetern durchaus moglich sein konnen. Solche Unregelmassigkeiten in den Ringmassen konnten entweder bereits beim Kneten und Formen der Ringmodelle aus Wachs--eigentlich Stabe, die zu Ringen gebogen werden--oder in der Anfertigung der Lehmgussform entstehen. Insgesamt ergibt sich fur die Ringstarken ein verhaltnismassig einheitliches Bild. Es hat zumindest den Anschein, dass in Siedlungen der Asva-Gruppe vorwiegend bzw. bevorzugt Ringe mit Starken um die 0,6 Zentimeter gegossen wurden. Nur wenige Gussformen (alle aus Asva) weisen Kanale mit uber einem Zentimeter Durchmesser auf. Massiv oder hohl gegossene Ringe scheinen kaum oder selten gegossen worden zu sein.

Bei einem Teil der Ringgussformen lassen sich mittels KreisdurchmesserSchablone die ursprunglichen Ringgrossen ermitteln. Aus den Messungen der Durchmesser kann annahernd auf die mutmasslichen Objekttypen oder--grossen (Halsring oder Armring) geschlossen werden. Die Anzahl der Abmessungen, bedingt durch den allgemein schlechten Erhaltungsgrad der Gussformen, ist vergleichsweise gering: Lediglich fur 53 Stuck konnte die Ringgrosse ungefahr ermittelt werden (Tab. 7). Besonders wenige Messungen (4) konnten am Fundmaterial von Asva F gemacht werden. Trotz der Materialfulle an Gussformen ist der Fragmentierungsgrad in diesem Siedlungsbereich ausgesprochen hoch.

Im Gesamtbild ergeben sich keinerlei auffallende Gruppierungen oder Verlagerungen in den Ringgrossen, was auch z. T. der kleinen Zahl der Messungen geschuldet ist. Grob lasst sich eine gewisse Tendenz zu Ringgrossen zwischen 12 und 15 cm ausmachen. Besonders kleine Ringe (5 cm Durchmesser) sind uber die Gussformen nur in Asva E und Iru nachgewiesen. Der grosste ermittelte Ringdurchmesser liegt bei 17 cm. Die Mehrheit der in den Platzen der AsvaGruppe gegossenen Ringe bewegt sich in Grossenkategorien etwaigen Halsringen entsprechend.

Bei 51 Gussformen der Asva-Gruppe konnten sowohl Durchmesser als auch Ringstarke ermittelt werden (Abb. 54). Setzt man die jeweiligen Messwerte ins Verhaltnis zueinander, dann ergibt sich daraus ein annahernder Querschnitt durch die Ringgrossen (Abb. 54). Im Diagramm gruppieren sich die Ringdurchmesser im Bereich 12-15 cm und die Ringstarken bei 5-7 mm, vor allem in den Ringgussformen aus Asva E und Ridala A. Insgesamt geben die Messwerte aller Siedlungen relativ einheitliche Ringgrossen wieder--ein moglicher Hinweis darauf, dass man uniforme Metallgewichtungen oder Grossenwerte anstrebte Allerdings ist die Datenbasis insgesamt klein und es nicht sicher, ob vorzugsweise geschlossene Ringe gegossen wurden. Deutlich ist lediglich die Gruppierung in der Ringdicke, bei 5-7 mm. Der Vergleich der uber die Gussformen ermittelten Ringmasse mit grosseren Materialmengen einiger lettischer Siedlungen aus dem Duna-Tal (z. B. Kivutkalns) konnte Gewissheit schaffen bezuglich etwaiger lokaler oder regionaler Standardisierungstendenzen in den Ringgrossen.

7.6.3. Uberlegungen zur Bedeutung und Funktion der Ringobjekte als 'Ringbarren'

Es ist moglich, dass sie nicht als Formen fur wirkliche Gegenstande aufzufassen sind, sondern zum Guss von Bronzeschrott fur leichter zu handhabende Barren dienten (Meinander 1954b, 60).

Wie eingangs erwahnt, hat Meinander in Bezug auf die Ringherstellung in den Siedlungen der Asva-Gruppe die Idee formuliert, es konne sich dabei um Halbfertigprodukte handeln, deren Verwendungszweck darin bestand, spater eingeschmolzen zu werden und den Rohstoff Metall ('Bronzeschrott') in eine handels--und tauschubliche Ringform umzugiessen. Angesichts der Spuren intensiver Ausubung des Gusses von Ringobjekten in den estnischen Bronzezeitsiedlungen und der verschwindend geringen Hinweise auf die Herstellung von Gegenstanden spezifischer Gebrauchsfunktion (Waffen, Gerate) soll im Folgenden die von Meinander angesprochene Idee und Konzeption bezuglich der Ringbarren als Form einer metallwirtschaftlichen Strategie erortert werden. (88)

Im Zitat wird bereits die Vermutung ausgedruckt, die Barren hatten sich wegen der leichteren Handhabe in Transport und Distribution der Metalle angeboten. Damit wird impliziert, dass die in den Siedlungen gegossenen Ringobjekte zur regionalen und uberregionalen Verbreitung von Rohmaterial vorgesehen waren. Der Begriff Barren oder 'Ringbarren' ist mit dem Konzept verknupft, wonach die Bronze(objekte) verschiedenen Typs und Funktion auf ihren Metallwert reduziert werden (als recycelbares Rohmaterial). Auch verknupft ist damit die Auffassung, dass Rohmaterialien in Form von ausgedienten oder unbrauchbar gewordenen Bronzeobjekten vor Ort in Barrenformen umgeschmolzen wurden, um diese wieder dem Metallkreislauf zuzufuhren bzw. zu verhandeln oder einzutauschen. Wenn auch vergleichsweise passiv und ohne Entwicklung lokaltypischer und technisch wie kunstlerisch anspruchsvoller Bronzeprodukte, so erscheinen die ostbaltischen Siedlungen in den uberregionalen Verkehr mit Metallgutern als Umschlag--und Verarbeitungsplatze eingebunden. Im Blickfeld der bisherigen Forschung ist es stets der westliche Ostseeraum, der Nordische Kreis, gewesen, da das Metallund Giesserfundspektrum der ostbaltischen Platze offensichtliche Kontakte mit der skandinavischen Halbinsel (und Gotland) belegt (siehe Lang 2007b). Die Auffassung vom importierten 'Bronzeschrott' ruhrt daher, dass die wenigen Hortfunde in raumlicher Nahe zu den Giesserplatzen der Asva-Gruppe (z. B. Tehumardi) vornehmlich Bronzebruch enthalten und die fragmentierten Gegenstande dieser Horte als Altmetalle oder eben Schrott interpretiert werden. Mit Blick jedoch auf die Qualitat des sonstigen Fundspektrums in den Siedlungen der AsvaGruppe und den Zeugnissen fur eine autarke und vielseitige Subsistenzwirtschaft wird auch die Metallverarbeitung zu Ringbarren im Lichte einer wirtschaftlichen Strategie gesehen.

Hinter der Idee der Ringbarren wird somit eine praktikable Handelsform des Rohstoffs Bronze vermutet. Mit dem Begriff Barren sind aber auch Vorstellungen von der pragmatisch und okonomisch motivierten Standardisierung und Normierung von Metallobjekten in einem uberregionalen Kommunikationsraum und etablierten Tauschsystem verknupft. Insbesondere die in der Fruhbronzezeit im nordlichen Alpenraum uber Mittel--und Ostmitteleuropa einsetzende Verbreitung der sog. Osenhalsring--und Spangenbarren und in der entwickelten Bronzezeit die der serienweise gegossenen Beil--und Sichelformen bezeugen nicht nur eine Standardisierung in der Massenproduktion. Ersichtlich wird daraus auch eine deutliche Systematik in der Verwendung und Komposition solcher Objekte, vor allem im Hortfundmilieu. Es haben sich im Laufe der Bronzezeit bestimmte Wertvorstellungen im Zusammenhang mit der Herstellung und der Verwendung der Bronzen etabliert, sowohl im profanen als auch im sakral-religiosen Bereich. Wahrend die Barrenformen allgemein als Belege fur Aquivalenz und Konvertibilitat im Metallverkehr gesehen werden, so wird in der Bronzezeitforschung Mittel-, Ostmittel--und Nordeuropas sogar die Existenz gewisser Gewichtssystematiken in Bezug auf bestimmte Objektgruppen diskutiert--vor allem in Bezug auf massenhaft deponierte Ringsatze (z. B. Malmer 1992; Hossfeld 2006; siehe auch Primas 2008, 160 ff.). Interessanterweise sind es wiederholt jene Arm--und Halsringe, die im Lichte weitverbreiteter Massenproduktionen und--deponierungen auftreten und zwar mit eindeutigen Tendenzen der Standardisierung in Gestalt und Grosse. (89) Auch ist zu erkennen, dass oftmals die eigentlich praktische Primarfunktion als Schmuckobjekt zugunsten einer bestimmten Grossennormierung aus handels--oder herstellungstechnischen Grunden an Bedeutung zu verlieren scheint (Hansel 2009).

Im Ostbaltikum wird diese Entwicklung erst in der Spatbronzezeit, mit dem Eintreten bestimmter Metalldeponierungen mit Mehrfachausstattung typengleicher Objekte, sichtbar. Der jungst entdeckte Hortfund von Staldzene (Lettland), ein von (teils fragmentarischen) Ringobjekten dominierter Mehrstuckhort, muss vor dem Hintergrund solcher Standardisierungstendenzen oder Vereinheitlichung der Bronzeprodukte gesehen werden. Je nachdem, wie die Beweggrunde fur die Niederlegung solcher Mehrstuckhorte zu deuten sind ('Altmetallversteck' oder 'Materialopfer'; Forsgren 2012; Sperling 2013)--die mit den Bronzeringen (Barren?) verknupfte Auffassung von Werteinheiten in Metallform gibt sich jedenfalls in den Funden der Bronzegiesserplatze (Beispiel Asva) und in den Metalldeponierungen (Staldzene) in gewisser Deutlichkeit zu erkennen. Bemerkenswerterweise sind unter den verschiedenen Objekttypen des genannten Hortfunds (5,7 kg Gesamtgewicht an Bronzen) mindestens 38 ganze und fragmentarische Ringobjekte von annahernder Armringgrosse (Vasks & Vijups 2004, Taf. X-XVI). Bei diesen handelt es sich um die einfachen, rundstabigen Formen mit offenen Enden, wie sie in den Siedlungen der Asva-Gruppe hergestellt wurden (Abb. 55). Die meisten der Rohgusse messen 10-12 cm im Durchmesser. Ausserdem wurde von einer grundlicheren Nachbearbeitung der Ringe vor deren Deponierung abgesehen, die Eingusskanale sind mehr oder weniger notdurftig abgetrennt worden. Ablesbar sind an den deponierten Ringen hier nicht nur Tendenzen einer Grossennormierung annahernd vergleichbar den Gussformen in den Platzen der Asva-Gruppe, sondern vermutlich auch Aquivalenzen in der Anzahl (Ringsatze). Dies konnte auf eine primare Funktion der Ringe als Barren im Sinne von Halbfertigprodukten und Werteinheiten in der Verbreitung der Metalle deuten.

Angesichts der an den Ringgussformen der estnischen Bronzezeitsiedlungen gemachten Beobachtungen hinsichtlich gewisser Grossenorientierung stellt sich die Frage nach der Bewertung der Ringe, wenn von 'etalonisierten' Metallbarren auszugehen ist. Offensichtlich wurde der Lange und Dicke der Ringstabe zentrale Bedeutung beigemessen. Von einer den Ringen zugrunde liegenden Systematik der Gewichte muss nicht unbedingt ausgegangen werden (siehe z. B. Hossfeld 2006), da die betreffende Ringlange und--starke auf dem Herstellungsprinzip der Wachsmodel im Vorfeld des Ringgusses basiert. Durchmesser und Dicke eines Bronzeringes wurden also durch die Gestalt, Form und Lange der Wachsstabe, der Vorform der Ringe, festgelegt. Naheliegend, wenn auch hypothetisch, ware die Langeneinheit eines Stabes von einem altgriechischen Fuss (30,8 cm). Wird der Stab zu einem Rund gebogen, dann ergabe der Ringdurchmesser etwa 10 cm. Die funf Millimeter Ringdicke, wie sie den meisten Abmessungen der untersuchten Gusskanale im Giesserfundspektrum und den Ringen aus Staldzene abzulesen ist, entsprachen einem Viertel des altgriechischen Daktylos (19,3 mm). Vier Wachsstabe gerollt und aneinandergehalten kamen ungefahr einer Fingerdicke gleich. Die hypothetischen Fusslangen und Fingerdicken (Ring von 1/4 Fingerdicke) konnten einer allgemeinen und uberregionalen Festlegung auf aquivalente Ringgrossen zugrunde liegen. Entweder spiegeln die Asva-Ringe der Gussformen andere Grossenordnungen wider oder die Diskrepanzen erklaren sich aus der bevorzugten Herstellung offener Ringe, mit dem Resultat grosserer Durchmesser in den Gussformenfragmenten. Letzlich ist mit Schwankungen und Ungenauigkeiten in den Ringgrossen zu rechnen, und wahrscheinlich hat es ungefahre oder annahernde Angleichungen in der Bemessung der Metalle im Tauschverkehr ergeben. Ausserdem wurden gewisse Grossenabweichungen wegen der im Bronzeguss zwangslaufig eintretenden Materialverluste toleriert. Was sich mit der Ringform und der Verwendung als Barren vielmehr anbietet, sind dessen Vorteile im Prozess der Verarbeitung: Ringe eignen sich im Guss besser als dunne Stabe. Letztere bereiten in der Herstellung und im Brennen der Gussformen eher Schwierigkeiten als ringformige Gussgarnituren, weil sie bruchanfalliger sind und dadurch umstandlicher zu platzieren. Am stabformigen Gussprodukt fallen ausserdem mehr Gusskanale (bzw.--zapfen) an, die nachher mit gewissem Aufwand zu beseitigen sind. Auch verteilt sich die flussige Bronze in der kreisrunden Lehmform besser als in einem geradlinig zulaufenden Gusskanal. Zwar wurden in den Platzen der Asva-Gruppe und in anderen Bronzezeitsiedlungen durchaus Stabe gegossen, doch vermutlich hatten diese eine uber die Verwendung als Barren hinaus gehende Funktion (siehe Kap. 7.4.1.2.3).

Eine Doppelfunktion der Ringobjekte kommt ebenso in Frage. Das Tragen einfach oder kompliziert gestalteter Ringe als Schmuck oder Trachtenbestanteile und der Einsatz in Barrenfunktion schliessen sich nicht aus. Ringe hatten gleichzeitig ideellen und materiellen Symbolwert. In dieser Doppelfunktion liegt vermutlich der hohe Wiedererkennungswert und der vielfaltige Einsatzbereich begrundet. Es sind eben die Ringobjekte und deren Dominanz in bronzezeitlichen Mehrstuckund Bronzebruchhorten, an denen sich die Diskussion um die Niederlegungshintergrunde (profan oder sakral) solcher Ringdeponierungen entzundete. Als wahrscheinlich ist anzunehmen, dass sich mit den Ringen im Hortmilieu der Spatbronzezeit (Staldzene)--ob fragmentarisch, ganz und in abgezahlten Satzen deponiert--Materialwertegrossen oder--einheiten ausdruckten. Ohne dass eine bestimmte Gewichtssystematik vorausgesetzt werden musste, lassen sich Ringe proportioniert teilen bzw. stuckeln (in Halften, Viertel usw.) um als Metallwerte im Tauschverkehr flexibler eingesetzt zu werden.

Ringobjekte erwiesen sich daruber hinaus nicht nur in der Handhabe, Lagerung und im Transport als praktikabel. (90) Als mutmassliche Handels--bzw. Tauschform boten Bronzeringe ein hohes Wiedererkennungs--und Vergleichspotential hinsichtlich der Grosse, Gewicht, Qualitat und asthetischen Aspekten. Hinsichtlich der Aspekte der Qualitat und Asthetik boten die Ringe Moglichkeiten der ausserlichen Materialprufung. Ringbarren konnten zunachst optisch beurteilt werden, namlich uber die Farbgebung und Oberflachenstruktur des Metalls. Sehr wahrscheinlich waren bronzezeitliche Giesser mit den optischen Kriterien der Erkennung geeigneter und ungeeigneter Kupfersorten und--legierungen vertraut und vermochten aus der optischen Betrachtung Qualitatsurteile bezuglich der Haltbarkeit und mechanischen Beanspruchung der Bronze abzuleiten. Eventuelle Verunreinigungen der Kupferlegierung (Schlackenbildungen) oder Anzeichen einer Porositat des Metalls liessen sich vor allem durch mechanische Prufung beurteilen. Dafur boten sich die Ringe mit offenen Enden besonders gut an: Die Art der Flexibilitat und der Grad der Bruchanfalligkeit der Bronzeringe im kalten und erwarmten Zustand konnte durch Auf--und Einbiegen der Ringenden gepruft werden. Die offene Ringform war somit gut geeignet, wesentliche Qualitatseigenschaften oder --mangel zu erkennen. Hat man also die Ringprodukte auf diese oder ahnliche Weise gepruft, so wurden moglicherweise einige Fehlgusse oder Ringe mutmasslich minderwertiger Qualitat aussortiert und von der weiteren Verarbeitung und Verbreitung ausgeschlossen. In diesem Zusammenhang mussten die wenigen in den Platzen der Asva-Gruppe gefundenen Ringstucke betrachtet und unter Anwendung moderner, naturwissenschaftlicher Messmethoden untersucht werden unter der Fragestellung etwa, ob es sich bei den Ringfragmenten um von Bronzegiessern aussortierten Ausschuss handelt, den es nicht lohnte, wieder dem Metallkreislauf zuzufuhren bzw. zu recyceln. (91)

Diese Uberlegungen zur Bedeutung des Ringgusses in den Siedlungen der Asva-Gruppe und zur Konzeption der Barrenform als Medium in der Verbreitung und Bemessung von Metallen gehen mit den Uberlegungen V. Langs zu den soziookonomischen Implikationen der Metallverarbeitung in dem Sinne konform, wo die oben beschriebenen Aktivitaten auf dem Sektor des Bronzegusses als eine Art Begleiterscheinung der im Ostbaltikum der Spatbronzezeit einsetzenden Dynamik und regionalen Diversifizierung in den Subsistenzstrategien gesehen wird. Demnach sollen im Ostbaltikum, wie im westlichen Ostseeraum auch, nach Ende der Alteren Bronzezeit allmahlich komplexere und regelmassigere Formen des Waren--und Gutertauschs die Praxis des einfachen Tauschens und Schenkens von Bronzeobjekten abgelost haben (Lang 2007b). Die Siedlungen der AsvaGruppe seien also im Lichte dieser uberregional zu fassenden, soziookonomischen Entwicklungen zu betrachten. Weiterhin Diskussionsbedarf besteht in der Frage, welche Aussagen sich aus den Giesserfunden und--befunden zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung und Funktion der Metallverarbeitung denn nun eigentlich aus dem Fall Asva ableiten lassen.

7.7. Auswertung: Metallverarbeitung in der Asva-Guppe

Mit Blick auf die lokale Organisation des Metallhandwerks in den Siedlungen der Asva-Gruppe und dessen Bedeutung fur die Siedlungsokonomien lassen sich wichtige Feststellungen treffen. Den Befunden aller untersuchten Siedlungsteile nach zu urteilen, waren die Tatigkeiten auf dem metallverarbeitenden Sektor Angelegenheit und Aufgabe hauslicher Wirtschaftsbereiche. Die an sich exklusive Tatigkeit des Bronzegusses fand also nicht separiert vom Siedlungsleben statt, in einem Aussenbereich der Siedlung etwa, sondern integriert in die jeweiligen Wohnbereiche. In Asva waren demnach mehrere Giesser (gleichzeitig?) tatig. Interessant sind dort auch die Beobachtungen hinsichtlich der von Siedlungsteil zu Siedlungsteil abweichenden Konstruktionsmerkmale der Giesserkomplexe. Gewisse Unterschiede in Bau und Anordnung der Herdstellen und Gruben mit Spuren von Bronzegussaktivitaten scheinen anzudeuten, dass gewisse Methoden und Praktiken im Metallguss innerhalb der Siedlungsgemeinschaften individuell oder variiert gehandhabt oder nach und nach verbessert und optimiert wurden.

Fur Asva ist seine betrachtliche Zahl an Gussformen (1006 Stuck, ca. 4,5 kg) bemerkenswert, zumal bislang nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Siedlung untersucht wurde. (92) Im lettischen Kivutkalns beispielsweise wurden 702 Gussformen und Tiegel gezahlt (Vasks 2008, 68 ff.) und im polnischen Biskupin 698 Stuck. Beide Siedlungen wurden vollstandig ausgegraben. In Kivutkalns und Biskupin ist der Befund bezuglich der raumlichen Verteilung der Giesserplatze und Gussreste mit der von Asva vergleichbar. Die Ringgussformen aus Biskupin verteilten sich bei ihrer Auffindung auf ganze 18 Wohnplatze (Pieczyriski 1950, Abb. 23). Demnach ist Asva kein Einzelfall in Bezug auf den in separaten Wohn--und Arbeitsbereichen praktizierten Metallguss.

Die wenigen in Asva produzierten Objekte, die von hoherer technischer Fertigkeit zeugen (Scheibenkopfnadeln, Hohlgussarmringe, Lanzenspitzen), entsprechen Typen nordischer Metallverarbeitungstradition. Auf Grund dieser Funde darf geschlussfolgert werden, dass Technikinnovationen und die fur die Entstehung des ortlichen Bronzegusses notige Infrastruktur aus Gebieten des Nordischen Kreises vermittelt wurden. Uber Stil--und Typenvergleiche im Metallfundspektrum der lettischen und estnischen Gebiete (vorwiegend aus Einzelfund--oder Hortkontexten) wurden Beziehungen mit Ostschweden und der Insel Gotland hergestellt, doch bleibt der Nachweis solcher Kulturkontakte in anderen Quellen--und Fundgruppen mit dominanter Lokalauspragung schwierig (z. B. Graberformen und Siedlungskeramik; Jaanusson 1981).

Organisation und Praxis der Metallverarbeitung ist z. B. fur den Fundplatz Hallunda annahern beurteilbar (Fpl. 13 und 69; siehe Jantzen 2008; Jaanusson 1981). Raumlich scheinen diese Giesserplatze nicht in der Form in Wohnbereiche integriert gewesen zu sein, wie fur die Platze der Asva-Gruppe bezeugt ist. Vielmehr zeigt sich dort ein interessanter Parallelbezug zwischen der Anordnung von Giesserarealen und Bestattungsplatzen (auch Skalby; Oldeberg 1960). Vermutet wird neuerdings, dass die dortigen Bronzegussaktivitaten mit rituellen Handlungen der Leichenverbrennung in einem ideell-kosmologischen Zusammenhang standen. Auch werden fur die Ansiedlung des Bronzegusses an Verbrennungsplatzen praktische Hintergrunde erkannt, etwa in den speziellen Platzbedingungen und Herdkonstruktionen fur die Schaffung der extrem hohen Brenntemperaturen fur die Metallschmelze (Goldhahn & Oestigaard 2008). Fur die Platze der Asva Gruppe fehlt es an Hinweisen fur ahnlich geartete Zusammenhange zwischen Metallverarbeitung und rituellen, kultisch oder sakral motivierten Handlungen. Parallelen oder Verbindungen zu bzw. zwischen ostbaltischen und ostschwedischen Metallverarbeitungsplatzen sind nur uber ausgewahlte Fundtypen zu ziehen (Gussformen fur Scheibenkopfnadeln und Tullenbeile vom sog. Malartyp). Ein merklicher Unterschied, dieser moglicherweise uberlieferungs--und forschungsbedingt, ist in der Palette der Bronzeprodukte zu sehen. Der Umfang und das Ausmass, in dem der einfache Ringguss in einigen ostbaltischen Siedlungen betrieben wurde, scheinen fur eine spezifische, strategische Ausrichtung der Metallverarbeitung im Ostbaltikum zu sprechen. In den Giesserplatzen des Nordischen Kreises ist zwar stets Ringgussaktivitat nachweisbar, jedoch nicht in vergleichbarer Weise und Intensitat wie im Osten (siehe Fundliste zur Verbreitung der Ringgussformen). Dort hat es offenkundig andere Praferenzen im Objektspektrum gegeben, die in einer anderen Metallverarbeitungstradition und einem anderen sozialen und okonomischen Stellenwert der Metalle begrundet gewesen sein konnen. Schliesslich kann die im Vergleich zum Ostbaltikum sicherlich bessere Vernetzung mit den Quellen (Alpenraum, Iberische Halbinsel) und Verteilungsrouten im Metallverkehr eine Rolle in dieser Eigenentwicklung gespielt haben (Ling et al. 2013; 2014).

Angesichts der in Massen deponierten Ringobjekte im Hortmilieu in der mittel--und ostmitteleuropaischen Urnenfelderzeit und im Nordischen Kreis der Bronzezeit (Sommerfeld 1994; Maraszek 2006) erscheint das Fehlen entsprechender Verarbeitungsspuren (Ringguss) in diesen Hortfundlandschaften bemerkenswert. Fur diese einseitige Uberlieferungssituation mitverantwortlich sein konnen unterschiedliche Erhaltungsbedingungen im Boden oder bestimmte Techniken der Weiterverwendung der Lehmgussformen (z. B. in der Keramikherstellung). Dennoch sind auch fur metallfundreiche Gegenden Polens reichlich Verarbeitungsspuren nachzuweisen (siehe Fundliste und Abb. 53). In der Spatbronzezeit gibt es also interessante Diskrepanzen bezuglich der regionalen Verbreitung archaologisch nachweisbarer Verarbeitungsspuren von Ringobjekten und deren zahlreichem Auftreten in Hortfunden. Angesichts dieser Uberlieferungssituation hat V. Lang den Versuch gemacht, auf der Basis eines Metallgutertauschs Direktbeziehungen und Uberseekontakte der Platze der Asva-Gruppe mit dem westlichen Ostseeraum herzustellen. Demzufolge konnten die estnischen Bronzezeitsiedlungen als mogliche Etappenstandorte in einem vom sudskandinavischen Raum koordinierten Verkehr mit Metallwaren und Rohmaterialien (Altmetall) gesehen werden. Die Hortfunde von Tehumardi und Staldzene beinhalten den Bronzeschrott, der fur die Verarbeitung in den Siedlungen der Asva-Gruppe bestimmt war. Eine ostschwedische oder gotlandische Herkunft der Horte wird dabei vorausgesetzt. Das zu Halbfabrikaten von Tauschwert verarbeitete Metall (Ringbarren) hatte somit einen Absatzmarkt in Regionen westlich der Ostsee. Die Platze der Asva-Gruppe sollen somit eine wesentliche Rolle im Kreislauf der Metallverteilung ubernommen haben, wobei diejenigen Personengruppen, die diese Verteilung kontrollierten, auch auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in der Region Einfluss nehmen konnten (Lang 2007a, 78 f.; 2007b, 71, 118, 246 f., 260). (93) Das Problem um die Deutung der Bronzebruchhorte als Altmetallverstecke wurde bereits an anderer Stelle angesprochen. Es sei nur bemerkt, dass die Horte, allein ihrer geringen Zahl wegen, als Quelle wirtschaftlichen Verhaltens und Belege eines Metallwarenhandels nicht so einfach in Frage kommen. (94) Auch stellen die in der archaologischen Literatur wiederholt postulierten Uberseekontakte mit Regionen Ostmittelschwedens und der Insel Gotland einen weiteren Diskussionsund Streitpunkt dar, weil sich diese Kulturbeziehungen mit dem Westen in anderen archaologischen Fundgruppen (z. B. Keramik; Jaanusson 1981; siehe Kap. 8) nicht in der gewunschten Eindeutigkeit ablesen lassen, um daraus tatsachlich direkte 'Handelskontakte' oder wirtschaftliche Abhangigkeitsverhaltnisse abzuleiten (Sperling, im Druck). Die von Lang formulierte Idee, dass sich hinter den Ringobjekten eine okonomisch motivierte Strategie verbirgt, die es ermoglichte auf einem klein--oder uberregionalen Tauschmarkt eingesetzt zu werden, sollte in kunftigen Untersuchungen zum Ringgussphanomen in den Nachbarregionen und mutmasslichen Kontaktzonen der estnischen Platze weiterverfolgt werden. Die lettischen Siedlungsplatze im Duna-Tal verdienen in diesem Zusammenhang mehr Aufmerksamkeit, zumal sich in Verbindung mit den Siedlungsfunden der Asva-Gruppe interessante Beziehungen in einem anderen handwerklichen Sektor, der Knochen--und Geweihverarbeitung, aufzeigen lassen. Angesichts der Gemeinsamkeiten in Qualitat und Art des Spektrums sowie den ubereinstimmenden Details der technischen Verarbeitung der Harpunen, Pfeilspitzen und den vielen multifunktionalen Gelegenheitswerkzeugen in den estnischen und lettischen Fundplatzen scheinen solche Kontakte und Beziehungen zwischen den Bronzezeitplatzen im Ostbaltikum reichlich belegt (dazu Luik 2013a mit weiterer Literatur).

Abschliessend soll auf die soziookonomische Implikationen der Metallverarbeitung im Spiegel der archaologischen Befunde zuruckgekommen werden. In den estnischen Siedlungen fanden Bronzegussaktivitaten im unmittelbaren Umfeld der Wohnbauten und Platzen der Nahrungszubereitung statt. In der Qualitat des Fundspektrums oder Gestaltung der Wohnareale heben sich die Giesserplatze nicht vom ubrigen Umfeld der Siedlung ab. Auch ist wichtig festzuhalten, dass es sich bei der Metallverarbeitung um saisonal praktizierte Tatigkeiten handelt. Die Annahme, eine tendenzielle oder ansatzweise Spezialisierung im Sinne eines Handwerks oder gar zentralisierter Produktionsstrukturen zu erkennen, ist somit nicht zulassig. Bestimmte Aktivitaten in der Vorbereitung des Bronzegusses, etwa die Verarbeitung der Lehmgussformen, d. h. das Zubereiten des Lehmgemischs, die Trocknung und das Brennen der Gussgarnituren, wurden klima--und wetterbedingt mit grosser Wahrscheinlichkeit nur in den Sommermonaten praktiziert. Aus diesem Grunde sind selbst an Giesserfunden besonders reiche Platze wie Asva, Kivutkalns oder Brikuli nur bedingt als sog. Metallverarbeitungszentren (bronze-work centres) zu verstehen (so Vasks 2008; 2010). Schwieriger ist die Auffassung, diese Platze als Orte zu sehen, in denen die Beschaffung, die Verarbeitung und die Redistribution von Metallen nur in Residenz--und Herrschaftsbereichen lokaler Eliten stattfanden. (95) Zwar vermittelt die geographische Verbreitungskarte ein klares Bild, wonach sich Metallverarbeitung im bronzezeitlichen Ostbaltikum in den Siedlungsformen vom sog. hill-fort Typ konzentriert, und diese sich von den einfachen Siedlungen und Einzelgehoften durch die Dauerbesiedlung, vielfaltige Wirtschaftsweisen und besondere Qualitat und Breite des Siedlungsfundspektrums auszeichnen. Uber die Bildung sozialer Hierarchien und sonstiger Beziehungen auf der Grundlage oder in Verbindung mit dem Besitz und der Verarbeitung von Metallen ist damit noch wenig ausgesagt. Vielmehr vermitteln die auf den folgenden Seiten vorgestellten Untersuchungen am Siedlungsmaterial der Asva-Gruppe doch ein ziemlich klares Bild generalisierter und saisonal wechselnder Tatigkeiten im verarbeitenden Handwerk (eigentlich Hauswerk) und in der Nahrungsbeschaffung und--verarbeitung (Viehzucht und Robbenfang). Das Beispiel Asva, die archaologische Befundsituation bezuglich der hauslichen und gewissermassen demokratisierten' Organisation des Bronzegusses, verlangen eine Neubewertung der soziookonomischen Implikationen von Metallverarbeitung im Siedlungsmilieu der Bronzezeit. Angesichts einer sicherlich streng geregelten Organisation der Lebens--und Wirtschaftsweise ist von einer mehr oder weniger strengen hierarchischen Gliederung der Siedlungsgemeinschaften der Asva-Gruppe auszugehen. Doch die soziale und wirtschaftliche Rolle und Bedeutung der Metallverarbeitung und der darin involvierten Personenkreise erschliesst sich aus dem archaologischen Siedlungsbefund nur indirekt. Wichtiger ist in diesem Zusammenhang, andere Ressourcen und Tatigkeitszweige der Subsistenz, wie z. B. den Robbenfang (siehe Kap. 10), zu beleuchten--und zu erortern, woher die fur Beschaffung und Verarbeitung der Bronze erforderlichen Subsistenzmittel kamen und in welcher Form diese im Metall--oder ubrigen Tauschverkehr eingesetzt worden sein konnen. Auf diese Weise wird man zu einem differenzierten Bild von der Organisation und wirtschaftlichen Bedeutung der Bronzeverarbeitung in den estnischen Platzen gelangen--ohne dabei die Rolle der Metalle zu uberschatzen.

doi: 10.3176/arch.2014.2S.08

(48) Danemark und Estland jeweils mit Flachengrossen von ca. 43.000 [km.sup.2] bzw. ca. 45.200 [km.sup.2].

(49) Von besonderer Bedeutung ist seit jeher der Tehumardi-Hortfund gewesen (Abb. 4). Man mutmasste, es wurde sich um das Versteck eines reisenden Metallhandlers handeln. Interessanterweise wurde der Bestimmungsort des wertvollen Bronzebesitzes nicht in Estland oder Saaremaa vermutet, sondern in ferner gelegenen russischen Provinzen (Tallgren 1922, 78; Sperling 2013).

(50) Von damals 39 bekannten Bronzefunden ist die Rede, dabei der Bronzebruchhort von Tehumardi inbegriffen (Lougas 1966b, 102, 109 f.). Mittlerweile hat sich die Gesamtzahl an auf estnischem Territorium gefundenen Bronzen verdoppelt.

(51) Eine bedeutende Rolle der Metalle in der Gesellschaftsentwicklung (bzw. Gliederung) oder gar Tendenzen der Spezialisierung oder Monopolisierung in der Bronzeverteilung und--verarbeitung wurde sicherlich gesehen, doch galten solche Erkenntnisse oder Denkmuster derzeit als (noch) nicht zulassig im Sinne der zeitgenossischen sowjetmarxistischen Ausrichtung der lettischen Archaologie (siehe Sne 1999).

(52) Neueste, auf Spurenelement--und Isotopenforschung ausgerichtete Untersuchungen an sudskandinavischen Importbronzen bestatigen einen solchen Wechsel der Rohstoffquellen (Kupfererze) in der beginnenden Spatbronzezeit (Ling et al. 2013; 2014).

(53) Mit dem Forschungsprojekt (2011-2014) Technology and Social Development in Prehistory: A study of Bronze Age Metal Objects (laut Civilyte 2013, 14).

(54) Ein Fundplatz von herausragender Bedeutung, dies wegen der Quantitat und der Vielfalt an Gussformen, Bronzen, Gerat und sonstigem mit dem Metallguss zusammenhangendem Material, ist das von Vasks vollstandig archaologisch untersuchte Brikuli im Osten Lettlands (Vasks 1994).

(55) Sidrys & Luchtanas 1999, 182: As local foundries did not smelt imported ore, but simply recast small quantities of imported scrap and broken tools, advancements in metalworking technology throughout the period were minimal.

(56) Siehe Larsson 1986, 99, Abb. 29. Weitere Metallfundzentren befinden sich in Vastergotland und Halland sowie der Insel Oland. Die gute Versorgung des sudschwedischen Gebiets mit Bronze, v. a. in der Spatbronzezeit bezeugen die vielen Prestigeguter aus Grab--und Hortfunden, vornehmlich im Gebiet um Kalmar auf der Insel Oland (Maraszek 2006, 65, Abb. 30 A-B).

(57) Hierarchische Siedlungsstrukturen (sog. Zentralorte), die sich auch im Grabermilieu niederschlagen, sind eher Ausnahmefalle, wie etwa in Sudwestfunen (Voldtofte, Kirkebjerget) (siehe Maraszek 2006, 49-69). Das gelaufige Siedlungsbild der sudskandinavischen und norddeutschen Gebiete setzt sich i. d. R. aus langzeitig bewohnten Einzelgehoften zusammen.

(58) So z. B. die Aussensiedlung der "Hunenburg" in Niedersachsen, Fundort von Gussformen besonders prezioser Objekte--eines Bronzebeckens und eines Griffzungenschwerts. Hinsichtlich des Umfangs an Gussformen, es liegen auch einige Bronzefunde vor, ist die Fundausbeute vergleichsweise bescheiden (Heske 2010; Heske et al. 2010, 178).

(59) Wobei Jantzen (2008, 308) annimmt, dass Metallhandwerker mit hoheren Fahigkeiten und breiteren Erfahrungsschatzen enger an bestimmte Platze und Personenkreise mit politischem Machtpotential gebunden sind als solche (mobileren?) Bronzegiesser, deren Produktpalette kleiner und einfacher ist und die womoglich nur Gerate herstellten.

(60) Die Gesamtmenge der im Bereich Asva A/C gefundenen Gussformenfragmente betragt 193 Stuck, sie ergibt ein Gesamtgewicht von 1503 Gramm. Die im Jahr 1938 in diesem Grabungsschnitt A gefundenen 50 Stuck bzw. 458 g machen also ungefahr nur ein Drittel der Fundmasse an Gussformen in diesem Bereich aus.

(61) Im Profilbild (Indreko 1938, Abb. 2) sind keramische Funde auch eingezeichnet, eingebracht in der untersten Schicht der Lehmauskleidung und in der dunklen, mit Steingeroll aufgefullten Erde.

(62) Indreko hatte keine Zweifel daran, dass mit der Herdstelle von Asva A/C ein Giesserplatz vorliege, denn um die Feuerstelle herum fanden sich eine Menge Gefassscherben, einige Knochengerate, massig Gussformen und Boden von Tiegeln fur den Metallguss. Es deutet sich an, dass an dieser und der vorigen Feuerstelle mitunter eine Metallschmelze und--Verarbeitung stattfand (Indreko 1939a, 8; eig. Ubersetzung).

(63) Im Bericht von 1948 ist von einer zweiten und kleineren Herdstelle die Rede (Quadrant 12/h), die dem Giesserplatz im Ostteil benachbart ist und Vassar zufolge eine jungere bzw. verlagerte Erganzung zur Feuerstelle darstellen konnte (Vassar 1948, 12; siehe Vassar 1955, 117, Taf. XXII). Diese Stelle wurde von Schmiedehelm in der ersten Planumzeichnung aufgenommen (1949, Beilage: alumise kihi plaan): ein runder Asche--oder Brandherd von einem halben Meter Durchmesser, nordlich und sudlich von kleineren Steinen flankiert. Es bleibt fraglich, ob oder inwiefern es sich tatsachlich um eine Herdstelle handelt.

(64) Vassar 1948, 11 f. (eig. Ubers.): Der beschriebene Komplex gehort vermutlich keinem gewohnlichen hauslichen oder innerhauslichen Herd an, auch wenn in einigen Schichten einige Knochenstuckchen und Speisereste vorkommen. Grossere Knochen oder Knochenfunde uberhaupt treten an der beschriebenen Stelle jedoch ungemein durftiger auf als bei gewohnlichen Herdstellen, zumal auch Gefassscherben sparlicher vertreten waren. Indessen kommen eben in diesem Bereich vergleichsweise reichlich Gussformen--und Tiegelfragmente vor, die anzeigen, dass es sich um einen Platz zum Guss von Gegenstanden aus Bronze handelt. Die Intensitat des Brandherdes in der unteren Partie, die dicken Holzkohle--und Aschevorkommen und Sandschichten, die Ansammlungen von sandigem Lehm und Torf--all diese fur einen herkommlichen Haus--oder Herdbefund fremden Kennzeichen werden aber verstandlich wenn ein Metallverarbeitungsplatz vorliegt.

(65) Auch fallt der fundarme Bereich 15/i-j auf. An dieser Stelle trat ein mit grosseren Kalksteinplatten ausgelegter Herd--oder Ofenbefund zutage. Der Ausgraber deutet die Struktur als Reste eines Topferbrennofens (Vassar 1955, 117, Taf. XXII).

(66) Mehrmalige und dauerhafte Verwendung der Feuerstellen von Asva A/C und Asva E belegt die sich abwechselnde Schichtenfolge von Brandschutt und Lehmdecke.

(67) Mehrmalige und dauerhafte Verwendung der Feuerstellen von Asva A/C und Asva E belegt die sich abwechselnde Schichtenfolge von Brandschutt und Lehmdecke.

(68) Der Befund ist zum Ende der ersten Grabungskampagne in Asva F (1965) bereits zur Halfte angeschnitten und abgetragen worden, damals noch nicht als Ofenanlage o. a. erkannt. Erst im Folgejahr wurde der Befund bzw. dessen Rest weiter untersucht und im Grabungsplan eingezeichnet.

(69) Entgegen der Lougasschen Deutung im Sinne oberirdischer Schmelzofen (1970a, 36, 119, 335 f.) fehlen Hinweise fur solche Schalenwande (aus Lehm, Stein). Im danischen Vindblass hat sich neben der Schmelzfeuerstelle eine rechteckige Steinsetzung mit feuergeschwarzten, gespaltenen Platten befunden. Dort konnten Jantzen (2008, 267 f., 300) zufolge die Gussformen vorgewarmt worden sein.

(70) So auch Jantzen 2008, 267 f., 300. Nach diesem Prinzip scheint die Herdstelle A 69 von Hallunda konstruiert worden zu sein. Zur Schmelzgrube gehort auch eine eckige Steinstruktur mit intensiven Hitzespuren, moglicherweise zum Vorheizen der Gussformen (ebd., 298, Taf. 98).

(71) Die genaue Funktion der vier 'Gussform'-Fragmente einer Scheibenkopfnadel aus Asva F ist noch fraglich (siehe Kap. 7.4.2).

(72) Koivukula (Kreis Tartu) wird hier nur unter Vorbehalt aufgefuhrt. Der Nachweis von Gussformen an diesem Fundort ist wegen der bisherigen Fundleere im Sudosten Estlands bemerkenswert: Grabungen im Jahre 2011 brachten auf der Hohensiedlung mind. 28 Stucke von Ringgussformen zutage (Valk et al. 2012). Eine sichere Datierung (z. B. uber 14C-Methode) steht noch aus. Die Grobkeramik aus dem gleichen Schichtenzusammenhang ist nicht mit Sicherheit als spatbronzezeitlich einzuordnen und die sonstigen Keramikfunde (jungerer Schichten) sind mitteleisenzeitlich, aber in der Grubchen--und Textilverzierung der Asva-Keramik durchaus ahnlich (wie z. B. Peedu Kerikmagi, Kreis Tartu; zur Problematik bereits Moora 1939, 110 f.). In Anbetracht der Funde wurde in Koivukula der Bronzeringguss nach gleichen technischen Prinzipien und Verfahren wie in der Asva-Periode praktiziert. Letztlich bleibt die Datierungsfrage noch unbeantwortet.

(73) Bruchstucke tordierter Ringe stammen aus Asva F (AI 4366: 1257), Ridala A (AI 4261: 446) und Iru (AI 3428: 1158).

(74) Zu Funktion und Ornamentcharakter solcher Rippen an Tullenbeilen siehe Gotze 1925, 150, Taf. 73: a-d.

(75) Schwierig wegen des sehr fragmentarischen Zustands ist die Ansprache eines Fundes aus der Siedlung Kaali (Taf. 14: 7). Erkennbar ist die im Ansatz rohrenformige, spitz zulaufende Biegung eines quarzgemagerten Randstucks von ca. 6 cm Lange, welches in seiner Form an die Ausgusspartie eines Tiegels erinnert. Verglasungs--oder Schlackespuren fehlen.

(76) Vgl. Oldeberg 1960, 10 ff., Abb. 1-26; Jantzen 2008, 187 ff., Taf. 46-53. Mit Blick auf die Grossenmasse (Breite, Lange) sind die Tiegel aus Asva zur zahlenmassig meist frequentierten Grossenklasse I zu rechnen. Das Fassungsvermogen der Tiegel dieser kleinsten Klasse (bis GK III) soll zwischen 25 und 40 [cm.sup.3] liegen (Jantzen 2008, 197, Abb. 73).

(77) Das wurde auch helfen zu erklaren, warum sich Ringgussformen so selten zu grosseren Stucken einer Gussvorrichtung zusammensetzen lassen. In den Siedlungen scheinen wohl nur die kleinteiligen, bruchigen Formenfragmente zuruckgeblieben zu sein, weil vermutlich die Werkplatze von den grosseren Schalenstucken gesaubert wurden.

(78) Jantzen 2008, 207 ff., Taf. 56-59; auch Kostrzewski 1953, 196 f., Abb. 32-33; OstojaZagorski 1982, 178, Abb. 3: 4, 7. Auch wenn es sich bei dem fraglichen Fragment aus Asva nicht um eine geknickte Duse zu handeln scheint, zeigen die bisherigen Beobachtungen zu den Gussformen und Herdbefunden, dass sich die ortlich angewandte Gusstechnik nicht wesentlich von der anderer Fundplatze gleicher Zeitstellung unterschied (Kap. 7.4.2).

(79) Bei der Letzteren handelt es sich um einen Altfund aus den 1930er Jahren ohne naher bekannten Fundkontext, offensichtlich in Nahe zur bronzezeitliche Kratersiedlung gefunden (Lougas & Selirand 1989, 210).

(80) Die geringe Grosse dieser wie so mancher anderen einheimischen Bronzegegenstande erklart sich wohl durch die Notwendigkeit, das kostbare Metall zu sparen (Lougas 1966b, 111).

(81) Vergleiche das Beil von Ridala mit Jensens danischen Tullenbeilen vom Typ C3--alle Einzeldeponierungen der Periode VI (Jensen 1997, 156 f., Abb. 78).

(82) Lougas 1970a, 98 (eig. Ubers.): Auf estnischem Gebiet, wo es offensichtlich Schwierigkeiten in der Beschaffung der Metalle gab, waren solche kleinen Lanzenspitzen anscheinend zweckmassig.

(83) AI 4366: 851, 1138, 1256, 1290; 3994: 16, 622; 4012: 12; 4261: 265, 357, 444.

(84) Lougas (1966b, 109): eine dortselbst gefundene kleine bronzene Stange, die von vierkantigem Querschnitt ist und 11,7 x 0,4 x 0,4 cm misst, darf offenbar fur eine Art Halbfabrikat gehalten werden.

(85) In der raumlichen Verteilung der sog. Gelegenheitswerkzeuge im Siedlungsteil Asva F scheint sich eine Gruppierung von Geweih--und Knochenspitzen um den Giesserplatz von Haus B (altere Phase Asva I) anzudeuten (Sperling 2006, 102, Abb. 34).

(86) Versucht man indes die Fundmengen an Gussformen aller Platze zu vergleichen, dann fallt es schwer, die in der Literatur angegebenen Stuckzahlen (Fragmentstucke) zueinander in Relation zu bringen. Angaben zu Masse und Gewicht der Gussabfalle, in Abhangigkeit von der untersuchten Siedlungsflache, wurden Umfang und Ausmass der Giesseraktivitaten in den Siedlungen besser begreifbar machen (siehe unten).

(87) Mitberucksichtigt in der Fundzahlung wurden auch kleinste Fragmente--in jedem Fall solche, die mit Sicherheit einer Gussgarnitur angehorten. In der Lougasschen Auflistung (1966b, 102) liegt die Zahl der Gussformen (inkl. zweiteilige) aus Ridala und Iru bei 58 bzw. 39.

(88) Die Ausfuhrungen in diesem Kapitel basieren auf gemeinsamen Uberlegungen mit Jaak Mall vom Estnischen Geschichtsmuseum in Tallinn und zwar anlasslich der Planung und Durchfuhrung experimenteller Versuche im Guss von Bronzeringen nach dem Asva-Vorbild (Zeitraum: Mai-Juni 2012).

(89) Ausfuhrlicher zur Funktion bronzezeitlicher Ringe im Hortmilieu bei Sommerfeld (1994, passim).

(90) An dieser Stelle sei auf den Zinnring (510 g) aus dem von Ringobjekten dominierten Mehrstuckhort im ostschwedischen Langbro (Montelius-Periode V) verwiesen (Ling et al. 2014, Abb. 4).

(91) Ein moglicher Untersuchungsansatz ware die Labormethode der Dichtebestimmung an den betreffenden Bronzen, um den Anteil des Wasserstoffs im Metall zu klaren. Mit steigendem, unverhaltnismassigen Wasserstoffgehalt (gegenuber Sauerstoff und Kohlenstoff) erhoht sich das Risiko entstehender sog. Lunker--und Gasporositat in Kupferlegierungen (Brunhuber 1986, 125 ff., 256 ff.).

(92) Es sei bemerkt, dass die in der archaologischen Fachliteratur gangige Stuckzahlung der Gussformenfragmente in der Bewertung von Dauer und Intensitat der Bronzegussaktivitaten missdeutet werden kann. Das Beispiel Asva zeigt, dass sich Schwankungen im Fragmentierungsgrad in den Stuckzahlen sehr deutlich niederschlagen, aber nicht so stark im absoluten Gewicht der Giesserfunde. Auch gilt es, die Zahlen in Relation zur Grabungsflache zu berucksichtigen.

(93) As discussed above, the raw material for bronze items was brought from Scandinavia in the form of scrap metal, and some of it was taken back to Scandinavia after being recast into bars. This indicates close (but asymmetric) economic relations, and even the development of certain divisions of labour and interdependence between the eastern and western coasts of the Baltic Sea. This verifies that the northern and western coastal zones of Estonia and Saaremaa Island had become the peripheries of the Nordic Bronze Age culture (Lang 2007b, 260).

(94) Auch sei hier der Einwand angebracht, dass der standige Bedarf an dem Rohstoff Bronze nicht alleinig aus beliebig zusammengemischten Altmetallen zu decken war. Damit wird dem legierungsund herstellungstechnischen Anspruch des bronzezeitlichen Giessers an sein Material nicht gerecht. Angesichts der intensiven und dauerhaften Tatigkeiten auf dem Sektor der Metallverarbeitung in Asva ist naheliegend, dass das Ostbaltikum von Zeit zu Zeit auch mit frischem' Rohmetall in Form von Kupfer--und Zinnbarren versorgt wurde. Das Exemplar eines ringformigen Zinnbarrens aus Langbro (Sodermanland) belegt, dass solche exklusiven Rohmaterialien fur Kupferlegierungen im Ostseeraum kursierten (Ling et al. 2014, Abb. 4).

(95) Aus dieser Entwicklung resultiere auch das Bedurfnis, die fur den Metallverkehr strategisch bedeutsamen Siedlungsplatze zu befestigen (siehe Merkevicius 2005).

Tabelle 3. Gegenuberstellung verschiedener, als Schmelz- und
Gussplatze zu deutender Befunde in Asva und Ridala

              D: Durchmesser/         Form im
Fundstelle    T: Grubentiefe          Planum

Asva A/C      D: ca. 2,20 x 1,80 m;   regelmassig oval
              Grubenkern:             (W-O)
              ca. 1,10 x 0,6 m;
              T: ca. 0,45 m

Asva E        D: 1-1,2 m              regelmassig rund

Asva F        D: ca. 1,80 x 1 m;      rechteck
              T: ca. 0,20 m           (W-O)

              D: ca. 1 x 0,80 m       unregelmassig
              T: min. 0,20 m          oval (W-O)

Ridala A      D: ca. 6 x 2 m;         langoval
              T: 0,40-0,50 m;         (NO-SW)
              Grube: ca. 1 m (D)

                                   Besondere
              Grubenform im        Baumerkmale
Fundstelle    Profil               (z. B. Stein, Lehm)

Asva A/C      kesselformig         einige Feldsteine in
                                   Brandgrubenmitte;
                                   Lehmwandung

Asva E        Brandherdkegel,      keine Steine; Torfreste
              konkav, gewolbt

Asva F        wannenformig         Langsseiten mittels
                                   vertikalen Schieferplatten
                                   befestigt

              trichterformig       Lehmpackung

Ridala A      NO-Teil ebenerdig,   Randbefestigung mittels
              Grube: wannen-       Steinsetzung z. T. aus
              formig, mit Absatz   grossen Schieferplatten

Tabelle 4. Anzahl und Verteilung von Gussformen aus estnischen
Fundplatzen (siehe auch Tab. 6)

                  Zweischalenformen (71)   Einteilige Formen
FO                       (Stucke)              (Stucke)

Asva E                      9                     449
Asva F                     (4)                    364
Asva A/C                    2                     193
Ridala A                    /                     44
Ridala B                    1                     32
Iru Nord                    /                     66
Kaali                       /                     32
Koivukula (72)              /                     28
Narva Joaorg                /                      1
Gesamtzahl              12 bzw. 16               1181

Tabelle 5. Verteilung und Verbreitung der Gussformen fur Ringe

             Flache (qm)        Menge (n)        Gewicht (g)

Asva E           128               449              2129
Asva F           244               364              1293
Asva A/C         144               193              1045
Ridala A         168                42               438
Ridala B         230                32               70
Iru-Nord         100                66               739
gesamt         1184 qm             1146            5714 g

                  %                 %                 %
            (1184 qm/100%)   (1146 Stk./100%)   (5714 g/100%)

Asva E            11                41               37
Asva F            21                33               23
Asva A/C          12                13               18
Ridala A          14                4                 8
Ridala B          19                3                 1
Iru-Nord          8                 6                13

Tabelle 6. Anzahl und Verteilung abmessbarer Gusskanale

Ringstarke (cm)/
Stuckzahl          0,4    0,5    0,6    0,7    0,8    0,9     1

Asva B-D 21         1      1      5      5      2      4

Asva A/C 193        2      19     30     23     8      4

Asva F 363          2      17     18     16     10     7      3

Asva E 449          2      23     28     24     12     4      1

Ridala A 42                13     9      2

Ridala B 32         2             4      1      2

Iru-Nord 70         3      3      4      5      2      1

Kaali 33            2      1      2

Ringstarke (cm)/                                Anzahl
Stuckzahl          1,1    1,2    1,3    1,4    Messungen    %

Asva B-D 21                1                      19       90

Asva A/C 193                             1        87       45

Asva F 363          1                             74       20

Asva E 449          1                             95       21

Ridala A 42                                       24       57

Ridala B 32                                        9       28

Iru-Nord 70                                       18       26

Kaali 33                                           5       15

Tabelle 7. Anzahl und Verteilung abmessbarer Ringdurchmesser

Ring-D (cm)/
Stuckzahl        5     6     7     8     9

Asva B-D 21                              1

Asva A-C 193                 1     1     1

Asva F 363

Asva E 449       2     1                 1

Ridala A 42

Ridala B 32

Iru-Nord 70      1

Kaali 33

Ring-D (cm)/
Stuckzahl       10    11    12    13    14

Asva B-D 21            1

Asva A-C 193     2     1     2     1     3

Asva F 363                   1     1

Asva E 449                   2     2     4

Ridala A 42      1           1     2     2

Ridala B 32

Iru-Nord 70      1           2     1     2

Kaali 33         1

Ring-D (cm)/                              Anzahl
Stuckzahl       15    16    17    18    Messungen     %

Asva B-D 21                                 2        10

Asva A-C 193     1     1                    14        7

Asva F 363             1     1              4         1

Asva E 449                   1              13        3

Ridala A 42      2     2                    10       24

Ridala B 32                  1              1         3

Iru-Nord 70      1                          8        11

Kaali 33                                    1         3
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Title Annotation:p. 137-170
Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:14555
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