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7. Metallverarbeitung in den Siedlungen der Asva-Gruppe.

Die Reste von funf Giesserplatzen konnten in Asva und Ridala identifiziert werden. Bronzegussaktivitat, wenn auch weniger ausgepragt, wurde fur Iru und die Kratersiedlung Kaali ebenfalls nachgewiesen. Mittlerweile belauft sich die Zahl der in den Siedlungen der Asva-Gruppe gefundenen Gussformfragmente auf uber tausend. Im uberregionalen Vergleich, mit Blick auf Bronzezeitsiedlungen des gesamten Ostseeraums, erscheint diese Fundmenge enorm. Bemerkenswert ist der Nachweis lokaler Metallverarbeitung auf ostbaltischem Gebiet vor allem deshalb, weil die Zahl der Bronzeobjekte in der archaologischen Uberlieferung ausgesprochen klein ist. In Estland ist die Metallfundknappheit besonders ausgepragt, sie mutet im Vergleich mit den Metallfundmengen Danemarks fast extrem an: Den uber 6000 danischen Bronzefunden der Montelius-Perioden IV-VI (Jantzen 2008, 334 ff., Abb. 106) sind nur etwa 50 Stuck aus Estland zur Seite zu stellen. (48)

In Lettland und Litauen zusammen wird die Zahl spatbronzezeitlicher Bronzefunde mittlerweile auf uber 1000 geschatzt (von ca. 300 Fundorten). Mindestens drei Viertel davon verteilen sich auf litauisches Territorium (Sidrys & Luchtanas 1999, 173; Civilyte 2008b, 152; Vasks 2010, 156). In der Spatbronzezeit ist im gesamten Ostbaltikum nicht nur ein merklicher Zulauf an Bronzeobjekten in Zahl und Typenspektrum zu beobachten. Auch fur den Grossteil der Siedlungen dieser Periode lasst sich nun vermehrt Bronzegussaktivitat, wenn auch in unterschiedlicher Intensitat, feststellen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind im Ostbaltikum mindestens 29 Siedlungen der Bronzezeit bekannt, in denen Metalle verarbeitet wurden--davon allein 16 im lettischem Duna-Tal (Vasks 2008, 67, Abb. 1). Der vergleichsweise grossen Zahl an Giesserplatzen nach ist zu schliessen, dass im Ostbaltikum wahrend der Bronzezeit ein Mehrfaches an Metallmengen zirkuliert sein muss als es uns die wenigen Grabbeigaben und Horte suggerieren. Somit besteht eine durchaus interessante Diskrepanz zwischen den Nachweisen ortlicher Metallverarbeitung und der eigentlichen Uberlieferungssituation bezuglich der Bronzen. Schwierig in der Beurteilung der gesamten Metallfundsituation ist die Rolle der Metallimporte aus dem Nordischen Kreis der Bronzezeit. Bekanntlich wurden in einigen ostbaltischen Platzen Bronzen gegossen, die in Form und Stil eindeutig nordischen Vorbildern nachempfunden sind--das ist auch in Asva der Fall.

Waffen (z. B. Lanzenspitzen) und Gerate (z. B. Tullenbeile) finden sich zudem selten unter den Giesserfunden estnischer, lettischer und litauischer Siedlungen--eine weitere regionale Eigenheit in der ostbaltischen Metallfundsituation, und womoglich ein Problem der Uberlieferung oder des gegenwartigen Forschungs stands. Somit fehlt es bislang auch noch an Hinweisen auf die ortliche Verarbeitung technisch und kunstlerisch besonders anspruchsvoller Bronzen (z. B. Schwerter oder sog. Rasiermesser). Was jedoch samtliche Giesserplatze im Ostbaltikum der Spatbronzezeit verbindet, ist der Nachweis des Gusses von Ringobjekten, an einigen Orten besonders intensiv betrieben (z. B. in Asva und Ridala). Ob es sich bei den Gussprodukten um Armringe, Halsringe oder Ringbarren handelte, ist an einigen Stellen spekuliert worden, aber noch immer unentschieden geblieben. Dafur fehlt es einfach noch an grundlichen Auseinandersetzungen mit den archaologischen Quellen der Metallverarbeitung.

7.1. Metallverarbeitung im Ostbaltikum der Bronzezeit ein forschungsgeschichtlicher Uberblick

Bis zur Entdeckung der Siedlungen der Asva-Gruppe wurde die Situation der Metallverarbeitung im Ostbaltikum noch ganzlich anders beurteilt. In einer der fruheren Ubersichtsdarstellungen zur Vorgeschichte des Ostbaltikums hat der Prahistoriker Max Ebert (1913) den derzeitigen Forschungsstand noch den Mangel an sicheren und geschlossenen Fundkontexten problematisiert, vor allem an Graberkomplexen. Datierende Keramikfunde dieser Periode lagen nicht vor und die Zahl an Metallfunden war bedenklich klein. Ausser dem Bronzehortfund von Tehumardi (Saaremaa) waren zu Eberts Zeiten nur 18 einzelne Metallfunde aus den Gebieten Kurlands, Livlands und Estlands bekannt (Ebert 1913, 524). Eberts Erwartungshaltung kunftigen Neufunden gegenuber ist dennoch bemerkenswert: Er glaubte zwar nicht an grossere im Ostbaltikum zirkulierende Metallmengen, doch hielt er es durchaus fur moglich, dass weitere Bronzen und schliesslich auch Belege fur eine lokale Metallverarbeitung ans Tageslicht kommen wurden. Seine Erklarung, Zeugnisse fur die Produktion im Lande selbst, wie Gussformen und halbvollendete Stucke, fehlen bis jetzt (ebd., 526), konnte man in diesem Sinne auslegen. Es sei abzuwarten, angesichts der derzeit noch unzureichend entwickelten archaologischen Bodenforschung. Fur besonders vielversprechend wurde die Insel Saaremaa gehalten, denn der Haufung an Metallfunden auf der Insel nach zu urteilen, habe sie Anteil am Verlauf einer bronzezeitlichen 'Metallhandelsroute' gehabt (ebd., 525 f.).

Aarne M. Tallgren (1922; 1924) sah die Kulturentwicklung im Ostbaltikum merklich pessimistischer als Ebert. Angesichts der in den 1920er Jahren noch immer verschwindend kleinen Zahl an Bronzen (14 Stuck) auf estnischem Territorium und den fehlenden Siedlungsanzeigern deute vieles auf weitestgehend siedlungsleere Landschaften hin. Offensichtlich, so Tallgren, habe dieses Hinterland keinerlei Anteil am Metallhandel zwischen den Kulturzentren Skandinaviens und der Wolga-Kama-Region gehabt (mit Ausnahme Saaremaa). Diese Deutungsweise wird vor dem Hintergrund des damaligen Zeitgeistes verstandlich, vor allem aber mit der gangigen Methode, aus archaologischen Kartierungen stilahnlicher Bronzefunde im Ostseeraum (und daruber hinaus) Wege und Richtungen des vorgeschichtlichen Handels und Gutertauschs zu rekonstruieren. Tallgren (1922, 75; 1924, 62) sprach auch wiederholt von einem Handelsweg aus dem Westen nach dem Osten hin. An eine lokale Verarbeitung der Bronze im Ostbaltikum scheint er (noch) nicht geglaubt zu haben, zumal samtliche estnischen Bronzefunde als Importe deklariert wurden. (49) Der Eindruck der 'Metallarmut' im Osten wurde insbesondere durch den Kontrast zum Metallreichtum der nordischen Regionen verstarkt. Fur Tallgren (und andere) galten solche Gebiete ohne nennenswerte Metallfundaufkommen als peripherisch. Ortlicher Bronzeguss war bis dato fur die baltischen Lander noch nicht nachgewiesen, Tallgren wusste aber von Belegen lokalen Metallhandwerks in Finnland. Gussformen, Tiegel und bronzene Halbfabrikate sind zu dieser Zeit bereits in finnischen Siedlungskontexten zutage getreten, einige bereits aus der Alteren Bronzezeit (Hackman 1911, 30; Tallgren 1914, 11). Metallverarbeitung hatte also in nordlicher gelegenen 'Peripherien' bereits langere Tradition gehabt, obwohl die Metallfunde in Grabern und Horten dieser Gebiete ebenso sparlich sind wie auf estnischem Gebiet.

In den darauffolgenden Jahrzehnten blieb die Einstellung und Erwartungshaltung der Forschung der ostbaltischen Vorgeschichte gegenuber unverandert, zumal sich auch an Entwicklungen oder Erkenntnisfortschritten im Bereich des bronzezeitlichen Siedlungswesens wenig getan hat. H. Moora sprach in den fruhen 1930er Jahren wegen des unveranderten Metallfundmangels im Ostbaltikum noch von einer Stein-Bronzezeit (Moora 1932, 24). Insbesondere fur Estland deute alles auf eine ruckstandige Entwicklung hin, dies auch im wirtschaftlichen Sektor. Man blieb der Auffassung verhaftet, dass dieser Region der Anschluss am Transithandel (mit Metallen) mit bzw. zwischen den Kulturzentren Skandinaviens und Ostpreussens fehle. Schliesslich sei auch das Fehlen von Bernstein als mogliche Tauschaquivalente unter den bronzezeitlichen Funden Hinweis dafur (Moora 1932, 22 ff.). Auch im Ergebnis der kulturenvergleichend-chronologischen Untersuchungen B. Nermans (1933) und E. Sturms' (1935) zeige sich im bronzezeitlichen Fundgut Estlands ein deutlicher Einfluss des Nordischen Kulturkreises, wahrend es an Ansatzen einer Entwicklung eines regionaltypischen Metallformenkreises mangele. Letztendlich weise alles auf eine skandinavische Herkunft bzw. Einfuhr der Objekte oder Graberformen hin. Mit den 'gotlandischen' Grabergruppen (Steinschiffssetzungen) in Kurland wurde sogar eine westliche Kolonisierung des Ostbaltikums erwogen (Nerman 1933, 239, 251 f.). Einfuhr, Import und (westliches) Ursprungsgebiet sind die am haufigsten verwendeten Termini in Verbindung mit den wenigen Bronzefunden dieser Region. Im Osten Spuren einer ortlichen Metallverarbeitung zu finden, hielt man fur unwahrscheinlich.

Mit dem Bekanntwerden der Bronzezeitplatze Asva, Iru und Klangukalns (Lettland) in der zweiten Halfte der 1930er haben sich die diesbezugliche Einstellung und Erwartungshaltung der Forschung ganzlich verandert, denn aus allen drei genannten Fundplatzen kamen Hinweise auf ortliche Bronzeverarbeitung. Dies warf ein ganz neues Licht auf die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Bronze in dieser Region. In Reaktion auf die neuen Siedlungsfunde fuhlte sich Moora veranlasst, sein bisheriges Bild von der ostbaltischen Kulturgeschichte zugunsten einer positiveren Erwartungshaltung zu revidieren und kunftig relevante archaologische Quellen differenzierter zu deuten (1938, 366, 369).

Bei R. Indreko (1939b) kommt es erstmals zu einer etwas genaueren Beschreibung der Giesserfunde aus den ersten beiden Grabungskampagnen in Asva (1934 und 1938). Er unterscheidet Gussformen, Gusstrichter und Tiegel und verweist auf entsprechende Parallelen im Material der Siedlung von Iru (ebd., 40 f.). Indreko bemerkt auch die grosse Menge an Funden in Relation zur kleinen Ausgrabungsflache von Asva A (ca. 150 [m.sup.2]). Den Gussformen nach zu urteilen wurden hauptsachlich einfache Hals--und Armringe gegossen. Das Verbreitungsgebiet ahnlicher Ringgussformen sei gross--diverse Fundorte in Ostdeutschland (Thuringen und Brandenburg), Polen (Biskupin) und Ostpreussen weisen mit dem lettischen Klangukalns und Asva auf den mutmasslichen 'Streckenverlauf der weitreichenden Handels--und Kulturverbindungen mit dem Ostbaltikum (ebd., 42).

Mit der Entdeckung weiterer Bronzegusswerkplatze in Asva und Ridala in den 1960er Jahren vervielfachte sich das Material an Giesserfunden, speziell jener keramischen Gussformen. V. Lougas lieferte bald darauf einen ersten Uberblick uber das mit der Metallverarbeitung in Verbindung stehende Fundmaterial in seiner Abhandlung zur Geschichte der bronzezeitlichen Metallindustrie in Estland. Die von Lougas selbst getatigten Neufunde in Asva (Grabungsteil F) des Jahres 1965 wurden dort bereits mit einbezogen, die Ergebnisse der Grabung von 1966 standen noch aus. Vorgestellt und erklart werden ausfuhrlich die Gussformen und verschiedene zur Anwendung gekommene Bronzegusstechniken. Gleichzeitig werden Vergleiche mit Giesserfunden anderer Siedlungen im Ostbaltikum und in Polen (z. B. Biskupin) angestellt: Sowohl in lettischen, nordostlitauischen als auch in polnischen Siedlungen stellte der Ringguss ganz offensichtlich die Hauptbeschaftigung der Bronzegiesser dar (Lougas 1966b, 103 ff.). Die Herstellung von Geraten oder Waffen, die einen hoheren Aufwand im Gussprozess erfordern, ist fur Asva und die anderen estnische Platze nur vereinzelt bezeugt. Angesichts der betrachtlichen Fundmengen und vielen Befunde (Metallgussplatze) in Asva, Ridala und Iru schlussfolgert Lougas (1966b, 109), dass dem Metall im alltaglichen Leben unserer bronzezeitlichen Bevolkerung eine bedeutend grossere Rolle zukam, als man auf Grund der geringzahligen Gelegenheitsfunde annahm. Im uberregionalen Vergleich ist die Zahl der in Estland entdeckten Bronzen tatsachlich klein, wenn auch allmahlich anwachsend. (50) Wie bereits Moora zuvor erkannte Lougas, dass man anhand der wenigen uberlieferten Metallfunde allein keine weitreichenden soziookonomischen Schlusse ziehen sollte. Auf das Phanomen der Mengendominanz der Ringgussformen unter den Funden der Giesserplatze wird nicht weiter eingegangen, dafur aber die Ansicht verbreitet, im Ostbaltikum hatte man die Metalle vornehmlich wegen ihres praktischen Nutzens bevorzugt--weniger als Prestigeobjekte oder Prunkgegenstande. Die Fortschrittlichkeit der Produktivkrafte (auf dem agrarischen Sektor) hatte nun ganz offensichtlich die Teilhabe am uberregionalen Gutertausch und am Metallmarkt begunstigt (1966b, 110 f.). Doch wurde die Bronze, so Lougas, wohl mehr wegen ihrer funktionalen Vorzuge und okologischen Eigenschaften in Alltag und Praxis geschatzt als wegen ihres materiellen wie ideellen Symbolwerts. Das sich in den Gussformen spiegelnde--doch immerhin begrenzte--Typenspektrum zugunsten der Hals--und Armringe, konne man im Sinne der latenten Rohstoffnot und Beschaffungsschwierigkeiten auslegen. Das wurde von Lougas zwar nicht expliziert so formuliert, ist aber letztendlich auch aus der Anspielung auf die hohe Zahl der Knochen--und Geweihartefakte in estnischen Bronzezeitsiedlungen zu verstehen. Wie bereits Indreko zuvor deutet er die knochernen Nadeln und sog. Doppelknopfe, mutmassliche Nachahmungen metallener Vorbilder des nordischen Kulturkreises, vornehmlich vor dem Hintergrund der Metallknappheit im bronzezeitlichen Ostbaltikum (ebd., 112; Indreko 1939b, 40). Trotz der Hinweise auf intensive Aktivitaten auf dem Sektor der lokalen Metallverarbeitung jedoch, so die allgemeine Einschatzung, mussen die Bronzezeitmenschen im Ostbaltikum ein anderes soziales wie wirtschaftliches Verhaltnis zum Metall gehabt haben als die Menschengruppen in Gebieten, in denen ausreichend Metall vorhanden war, um in die Graber und Horte zu gelangen. Andere Erklarungen fur das paradoxe Verhaltnis in der archaologischen Uberlieferung von Metallen auf estnischem Territorium wurden keine geliefert.

An dieser Einschatzung der Metall--und Giesserfundsituation bzw. dessen soziookonomischen Implikationen hat sich in der hiesigen Bronzezeitforschung lange Zeit nichts geandert. Seit Lougas (1966b; 1970a) gab es strenggenommen auch keine materialbasierten Untersuchungen oder Studien, die sich speziell mit dem Thema Metallverarbeitung in den Platzen der Asva-Gruppe befassten. In Lettland hat sich wenige Jahre vor Lougas eine Studie der archaologischen Fundgruppe der Gussformen gewidmet, wobei nicht nur bronzezeitliche, sondern auch mittel--und jungereisenzeitliche Funde berucksichtigt wurden (Dajga 1960). Die Gussformen der lettischen Bronzezeitsiedlungen (derzeit 34 Stuck und meist Ringgussformen) finden sich dort erstmals zusammengefasst (ebd., Abb. 3, Tab. 1). Janis Graudonis hat spater in seiner Monographie zur Spatbronze--und Fruheisenzeit Lettlands ebenfalls Einblicke in das Spektrum an Giesserfunden (nicht nur Ringgussformen) aus Bronzezeitsiedlungen vorgelegt (1967). Der Bronzeguss, so die Erkenntnis, wurde offensichtlich nur in Siedlungen ausgeubt, die sich in der Standortwahl, den Begrenzungs--oder Schutzvorkehrungen und des Fundspektrums als Einrichtungen mit privilegierten Lebens--und Wirtschaftsverhaltnissen als Platze mit territorialer Mittelpunktfunktion deuten lassen. Die Metallverarbeitung erscheint folglich im Lichte einer elitarer Angelegenheit. (51)

In Lettland waren in den 1960er Jahren etwa 5 Siedlungen mit Spuren des Bronzegusses bekannt, aus Litauen mindestens drei (Dajga 1960, 78 f.; Lougas 1966b, 103; Graudonis 1967, 112 f.). Erst in den 1960ern und 1970ern hat sich im Zuge intensiver Siedlungsgrabungen, mit Konzentration auf sog. Burgberge, die Zahl der bronzezeitlichen Siedlungen mit Giesserplatzen deutlich vermehrt und sich die Materialbasis bezuglich der Giesserfunde entscheidend erweitert (z. B. Siedlung Narkunai; Volkaite-Kulikauskiene 1986). Mittlerweile belauft sich Zahl der bronzezeitlichen Siedlungsplatze mit Hinweisen auf ortliche Metallverarbeitung im Ostbaltikum bereits auf mindestens 29, die Platze der estnischen Asva-Gruppe mit einbegriffen. Bis auf zwei Platze alterbronzezeitlicher Datierung (Lagaza, Lettland; Kretuonas, Litauen) handelt es sich um Siedlungen, in denen Metallguss erst fur die Spatbronzezeit, d. h. nach 1100 BC, nachgewiesen ist (Vasks 2008, 66 f., Abb. 1). Zu den wenigen jungeren Forschern, die sich ausgiebiger mit Giesserfunden litauischer Siedlungen beschaftigten, zahlt Aleksiejus Luchtanas, der das Spektrum technischer Keramik (Gussformen und Tiegel) und die sich im archaologischen Befund spiegelnden Bronzegusspraktiken untersuchte (Luchtanas 1981). Die von ihm getatigten Uberlegungen sind auch fur die Untersuchung der Giesserfunde aus den Siedlungen der Asva-Gruppe von Bedeutung. Seit den 1970er Jahren liegen auch Spektralanalysen der elementaren Zusammensetzung ausgewahlter Bronzefunde Litauens vor. Auf der Grundlage fruherer Arbeiten an Bronzeobjekten (83 Funde) vertrat Algimantas Merkevicius (1980) die interessante Hypothese von einem im Ostbaltikum zu Beginn der Spatbronzezeit eingetretenen Wechsel in der Rohstoffversorgung bzw. der geographischen Quellen der Metalleinfuhr. (52) Solche vielversprechenden Methoden der archaometrischen Material--und Gebrauchsspurenanalyse sind erst kurzlich wieder zur Anwendung gekommen. Agne Civilyte, Leiterin eines aktuell laufenden, auf bronzezeitliche Metallfunde spezialisierten Forschungsprojekts des Litauischen Instituts fur Geschichte (Vilnius), untersucht derzeit diverse Bronzen (Axte, Beile u. a.) Litauens und angrenzender Regionen unter ausgewahlten Fragestellungen der Qualitat und Funktionalitat, um uber die technischen Aspekte der Verarbeitung und des betriebenen Aufwands an Erkenntnisse zur sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung der Metalle in der Bronzezeit zu gelangen. (53) Erste Ergebnisse zur Gruppe alterbronzezeitlicher Beilfunde wurden bereits vorgestellt und bieten eine neue Grundlage fur die Diskussion der Bronzeobjekte als alltagliche Gebrauchsgegenstande oder (lokale? importierte?) Prestigeobjekte. Auch gibt es Indizien bezuglich der lokalen Verarbeitung einiger untersuchter Beile und mutmasslich spezifischer Funktionsbereiche (z. B. Holzbearbeitung) (Civilyte & Modlinger 2010).

Zur Forschungssituation zur bronzezeitlichen Metallverarbeitung in Lettland gibt es dank der Arbeiten von Andrejs Vasks einen Uberblick und Zugang zu den bereits in den 1970er Jahren reichlich dazugekommenen Daten und Materialien aus bronzezeitlichen Siedlungsplatzen (sog. Burgberge), von denen einige vollstandig archaologisch erschlossen wurden. (54) In den letzten vier Jahrzehnten hat sich auch die Zahl der Bronzeobjekte aus der betreffenden Periode vervielfacht. Spatestens seit den Forschungen von Vasks haben solche Themen wie Bronzeimport,--besitz und--verarbeitung in der Sozial--und Wirtschaftsgeschichte des Ostbaltikums grosse Bedeutung gewonnen. Entwicklungen und Fortschritte soziookonomischer Natur werden zunehmender aus der Perspektive des Reichtums oder des Mangels an Bronzen betrachtet. Interessant sind Vasks' Bemerkungen und Betrachtungen hinsichtlich moglicher symbolischer Bedeutungen von Metallen in vielseitigen Bereichen sozialer Kommunikation, etwa als Anzeiger vertikaler oder horizontaler Hierarchie oder als uberregionale Tauschaquivalente zwischen Siedlungsokonomien (Vasks 1994; 1999; 2005; 2008; 2010). Wenn auch entsprechende materialbasierte Untersuchungen zur technischen Entwicklung und Praxis der Metallverarbeitung im bronzezeitlichen Siedlungsmilieu fehlen, so werden Aktivitaten im Zusammenhang mit der Einfuhr, der Verarbeitung und der Verteilung der Bronze stets als massgeblich oder als treibende Faktoren in Bezug auf soziale und wirtschaftliche Veranderungen gesehen. Angesichts der noch unzureichenden Informations--und Datengrundlage zur Metallverarbeitung im Ostbaltikum der Bronzezeit gilt es zu diskutieren, inwieweit sich bestimmte (elitare?) Siedlungsplatze mit Nachweisen von Bronzegussaktivitat als Quellen der Sozial--und Wirtschaftsgeschichte, speziell in Bezug auf postulierte hierarchische Gesellschaftsformationen, verwenden lassen (dazu Civilyte 2013, 18 ff.). Trotz der noch ausstehenden Untersuchungen am Fundspektrum des Giessermaterials oder der noch unbehandelten technischpraktischen Probleme des Metallgusses (unter bronzezeitlichen Rahmenbedingungen) haben sich in der jungeren Forschung gewisse Postulate bezuglich des regionalen Entwicklungsstands der Metallverarbeitung verfestigt, die sehr an die bereits Lougas zugeschriebene Geisteshaltung erinnern: Angesichts der doch sehr zugunsten der einfachen Ringobjekte beschrankten Produktpalette in den ostbaltischen Giesserplatzen sei davon auszugehen, dass weniger Kenntnisse und praktische Erfahrung im Metallguss im Spiel waren als man es aus dem westlichen Ostseeraum, dem Nordischen Kreis der Bronzezeit, kenne. Alles deute auf eine Art 'Experimentierstadium' hin, das sich aus schwierigen und beschrankten Zugang zu den Metallrohstoffen erklare (Sidrys & Luchtanas 1999, 173; Civilyte 2008b, 153 f.; vgl. Lougas 1966b, 111 f.). Schliesslich sei die 'Metallknappheit' der Region Beleg dafur, dass das Ostbaltikum bereits seit der Alteren Bronzezeit materiell und ideologisch von den metallfuhrenden Gesellschaften (im Westen) abhangig gewesen sein muss (Civilyte 2005, 337). Aus diesem Zirkelschluss resultiert offenkundig auch die Meinung, es handle sich um eine in der Entstehung und im Experimentierstadium befindliche Metallindustrie ohne nennenswerte technologische Fortschritte und Innovationen. (55)

Ein anderer Interpretationsansatz in Bezug auf das Phanomen des 'einfachen' Ringgusses in den ostbaltischen Siedlungen wird dagegen von V. Lang vertreten, indem der Guss von Ringen (Barren?) als eine Art Wirtschaftsstrategie mit gewissen Spezialisierungstendenzen verstanden wird (Lang 2007a; 2007b). Den Siedlungen der Asva-Gruppe wird demnach eine wichtige Position als Wirtschaftsund Verarbeitungsstandorte in einem uberregionalen Tauschsystem mit Metallgutern zugeschrieben und den mutmasslichen Ringbarren die Rolle als Wertmesser und verhandelbare Zwischenprodukte. Es handelt sich also um einen alternativen Ansatz, die Giesserplatze der Asva-Gruppe im Prozess der Verarbeitung und Distribution eines uberregionalen Metalltauschzyklus' zu sehen, und somit nicht vor dem Hintergrund einer anhand der archaologischen Quellen (Graber, Horte) ohnehin schwierig zu verifizierenden 'Metallknappheit'. Beide theoretischen Ansatze bilden die Ausgangs--und Diskussionsgrundlage fur die Untersuchung der Giesserfunde in den Platzen der estnischen Asva-Gruppe. Problempunkte der folgenden theoretischen Auseinandersetzung mit der Metallverarbeitung und ihren soziookonomischen Implikationen stellen allerdings auch gewisse Pramissen bezuglich der Spezialisierung ('Metallhandwerk'?) und der Existenz zentralisierter Produktionsstrukturen dar. Der letztgenannte Punkt betrifft das Axiom, Bronzewerkplatze mit Anzeichen mit intensiver und technologisch versierter Produktion stets in raumlicher Nahe zu Regionen mit metallreichen Graber--und Hortgruppen, nicht jedoch in Gebieten abseits solcher Reichtumskonzentrationen in Verbindung mit Metallfunden zu sehen. Jungste Forschungen zur Thematik der Metallverarbeitung in der Nordischen Bronzezeit machen auf diesbezugliche Widerspruche aufmerksam, die ausgelost werden durch gewisse Pramissen in Verbindung mit dem soziookonomischen Stellenwert der Bronze und seinen Verarbeitungsspuren. Vor diesem Hintergrund erklart sich das grosse Diskussionspotential im Zusammenhang mit der angesprochenen Diskrepanz zwischen der (sparlichen) Metallfundsituation im Ostbaltikum und der Situation der Giesserplatze.

7.2. Metallverarbeitung in der Nordischen Bronzezeit

An dieser Stelle sei kurz auf den aktuellen Forschungsstand zur Metallverarbeitung und deren Stellenwert im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Bronzezeit im westlichen und sudlichen Ostseeraum eingegangen. Der Nordische Kreis der Bronzezeit hat wegen der vielen Waffen--und Geratedeponierungen in Grabern und Horten nicht nur auf die archaologische Fachwelt grosse Faszination ausgeubt. Dabei treten vor allem die danischen Inseln und Sudschweden als uberaus metallreiche Fundlandschaften auf. Die wahrend der Alteren Bronzezeit in Mooren und Feuchtgebieten deponierten Metallmengen, einzelner oder gemischter Zusammensetzung, sind immens (siehe z. B. Willroth 1985). Das Spektrum der Bronzen ist sehr breit, es reicht von einfachen Gebrauchsgeraten (Beilen) bis hin zu exklusiven Besitzanzeigern von rituell-symbolischer Funktion (z. B. Schwertausstattungen in Grab und Hort). Die zahlreichen Waffen-, Schmuck--und Gerateniederlegungen in Mooren und Feuchtgebieten gelten gemeinhin als Anzeichen personlicher oder gemeinschaftlicher Wertanhaufungen, somit auch als Hinweise auf zentralisierte Strukturen im Sinne von Macht und Kontrolle uber Ressourcen und deren Nutzung. Mit der entwickelten Bronzezeit (ab Montelius-Periode IV) nimmt in diesem Raum die Zahl der Bronzedeponierungen noch weiter zu, mit dem Hohepunkt in der Montelius-Periode V (Maraszek 2006, 50). In Schweden konzentrieren sich die Metallfunde vor allem auf die sudliche und sudostliche Kustenregion Schonens, ein Gebiet, das gemeinsam mit dem danischen zu einem der grossen Zentren der nordischen Spatbronzezeit gerechnet wird. (56) In diesen Zeitraum fallt die Errichtung monumentaler Grabbauten mit reichen Metallausstattungen. Das danische Lusehoj und das nordostdeutsche Seddin sind Sinnbilder von Metallreichtum und Machtdemonstration inmitten sog. Grab--und Hortfundzentren. (57) Die Anhaufung von Bronzen oder einiger Goldfunde (Funen und Seeland) stand ganz offensichtlich im Zeichen der Besitzanzeige und Selbstdarstellung privilegierter Bronzezeitgemeinschaften. Die rasante Zunahme an Metalldeponierungen ab der Periode IV in Horten und Grabern--fast alle grosseren Metallhorte fallen in die Epoche der Spatbronzezeit (Perioden IV-VI)--wird vermehrt von Einzelfunden (Schwerter, Beile) begleitet. Es hat also Veranderungen im Gebrauch und Umgang mit dem Metall gegeben, was sich auch im gesteigerten Bedarf an Metallen unter den Bronzezeitgemeinschaften ausserte.

In der Forschung haben sich mehrere Arbeiten ausfuhrlich mit den Metallfunden Danemarks, Sudschwedens und Norddeutschlands beschaftigt. Die meisten Untersuchungen beschaftigen sich mit typologischen und kulturenvergleichenden Fragen, andere widmen sich den Motiven der Deponierungen. Insbesondere die Beschaffung und Verteilung der Rohstoffe fur eine derart grossangelegte Metallbearbeitung in einer Zone ohne (bislang bekannte) naturliche Vorkommen an Kupfer und Zinn beschaftigte die Forschung nachhaltig (zuletzt Ling et al. 2013; 2014). So hat man versucht, die Errungenschaften auf diesem Gebiet im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Machte--und Elitenkonsolidierung zu erklaren (z. B. Kristiansen 1987; 1998). Als mutmassliche Anzeiger von Sozialstatus und Gruppenzugehorigkeit sucht man dem archaologischen Verbreitungsbild der Metalle historische Aussagen zu kulturellen und soziookonomischen Bewegungen und Trends abzugewinnen. Das fur die Bronzezeit in Nordeuropa rezipierte zonal gegliederte Weltsystem abhangiger Wirtschaftsspharen (Zentrum/Peripherie) basiert wesentlich auf dem uberregionalen Vergleich der Metallfunduberlieferungen (siehe Kap. 13). Dabei greift die Pramisse, dass hinter allen deponierten Bronzen immer die gleichen, wirtschaftlich-pragmatischen Erwagungen und Motive stehen, die letztlich wiederum Ruckschlusse auf Handel oder Gutertausch zulassen. Neuere Forschungen zum Phanomen der Metalldeponierungen zeigen indes, dass die Hortniederlegungen weniger auf wirtschaftliche als vielmehr kultisch-religiose Motive zuruckzufuhren sind (z. B. Maraszek 2006; auch Hansel 1997; Primas 2008, 143 ff.). Letztlich ist, trotz dieser wichtigen, quellenkritischen Erkenntnisse zu Hintergrund und Charakter der Hortung, in der Bronzezeitforschung noch immer die Auffassung verbreitet, man konne aus der Art der Niederlegung und der raumlichen Verbreitung der Metalle bedingungslos Ruckschlusse auf das wirtschaftliche Handeln der Bronzezeitmenschen ziehen. Dieser Erkenntnisaspekt gewinnt insbesondere vor dem Hintergrund der beschriebenen Metallfundsituation im Ostbaltikum an Bedeutung.

Gleichfalls bedeutsam hinsichtlich des Umgangs mit den archaologischen Quellengruppen ist die vielfach getatigte Beobachtung, dass die in Graber--und Hortfundgruppen Sudskandinaviens sichtbaren Reichtums--und Vermogensanzeiger nicht mit den Ergebnissen der Forschungen auf dem Gebiet der Landschafts--und Siedlungsarchaologie in Deckung zu bringen sind. Abgesehen von der Inselregion Funen ergeben sich aus den danischen und schwedischen Siedlungsgrabungen stets einfache und homogene Strukturen haus--und hoforganisierter Siedlungsverbande (z. B. Fokkens 2009, 97 f.). Wurde man nur die Siedlungsbefunde isoliert von den ubrigen Quellengruppen betrachten, ergabe sich, ohne Rucksicht auf raumliche Metallfundverdichtungen, ein nahezu egalitares Gesellschaftsbild.

Interessanterweise verhalt es sich mit den Spuren des Nordischen Metallhandwerks ganz ahnlich. Aus den archaologischen Quellen der Metallbearbeitung sind Reichtumszentren und Produzentenkreise nicht so klar ablesbar. Detlef Jantzen (2008) hat sich explizit dem nordischen Metallhandwerk im Spiegel der archaologischen Hinterlassenschaften gewidmet, dabei samtliche verfugbaren Quellen und Fundgruppen Danemarks und Schleswig-Holsteins speziell auf die Organisationsweise, technische Entwicklung und Stellung der Metallverarbeitung im Siedlungs--und Sozialgefuge hin befragt. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in gewisser Hinsicht ernuchternd: Der Metallguss erscheint in den Siedlungsbefunden fast nirgends im Lichte einer eindeutig elitaren Tatigkeit. Inwieweit das Handwerk(ertum) organisiert und uberregional vernetzt war, ob etwa ortsfest eingebunden oder tatsachlich mobil produziert wurde, wie oftmals angenommen, dazu geben die Befunde und Funde kaum oder nur unzureichend Auskunft. Ausmass und Umfang der Bronzeproduktion lassen sich fur die wenigsten Fundplatze auch nur annahernd ermitteln. Letztendlich uberrascht die kleine Zahl an bekannten Giesserplatzen. So ist fur die meisten archaologisch untersuchten Siedlungen Danemarks uberhaupt keine Metallverarbeitung nachzuweisen. Bronzegussaktivitat ist nur in 6% der erforschten Siedlungen auszumachen, i. d. R. scheint der dortige Produktionsumfang dann auch verhaltnismassig gering. Das gilt ebenso fur Giesserplatze, die offenkundig auf einem hoheren technischen Niveau und grosserer Typenbandbreite produzierten. (58) Uberhaupt gelingt der Nachweis fur eine langerfristige Ansiedlung von Metallhandwerkern, insbesondere fur Spezialisten, die sich auf die Herstellung technisch anspruchsvoller und wertvoller Objekte verstanden, nur fur sehr wenige Platze (z. B. Flemlose, Funen). Jantzen deutet diesen Gesamtbefund im Sinne saisonaler Metallverarbeitung und mobiler Handwerkerschaft. Es wird konstatiert, dass sich Sozialstatus und Spezialisierungsgrad des Metallhandwerkers aus dem (danischen) Quellenmaterial nur unzureichend erschliessen lassen. Den wenigen Hinweisen bezuglich der Qualitat gewisser Produkte und der Praferenzen in der Herstellung gewisser Objekttypen nach zu urteilen, waren Stellung und Rolle des Bronzegiessers in der Bronzezeitgesellschaft verschieden. (59) Ein hauslich organisierter Bronzeguss in familien--oder sippenahnlichen Wirtschaftsgemeinschaften scheint dennoch nicht der Regelfall gewesen zu sein (Jantzen 2008, 311 f.). Mit Blick auf die Metallverarbeitung im bronzezeitlichen Siedlungsmilieu, die okologische Rahmensituation und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Grundlagen scheinen im Ostbaltikum andere Bedingungen und Voraussetzungen geherrscht haben. In den Siedlungen der Asva-Gruppe erscheint der Bronzeguss weniger im Lichte einer exklusiven Tatigkeit als vielmehr im Rahmen saisonal ausgeubter, hauslicher Aktivitaten. Darauf wird noch einzugehen sein.

7.3. Metallverarbeitung im Spiegel der Befunde

7.3.1. Giesserplatze mit mutmasslichen Schmelzgruben

7.3.1.1. Die Herdstellen mit Metallguss im Bereich Asva A/C

7.3.1.1.1. Die Herdstelle im Sudbereich

Im Grabungsteil Asva A gibt es Hinweise, dass der Bronzeguss im Nordostund im Sudbereich stattgefunden haben konnte. Indreko vermutete an zwei Stellen Metallgussaktivitat, dies bereits anhand der raumlichen Verbreitung zerschlagener Gussformen. Die grosse Masse (ca. zwei Drittel) an Gussformen kam erst mit Tiefergraben der Flache A in der zweiten Grabungskampagne des Jahres 1939 zutage. (60) Im Vorjahr wurde vornehmlich der Wallbereich im Westteil untersucht, nun konzentrierte man sich zunehmend auf den Innenbereich und die Herdstellen. Die in Indrekos Grabungspublikation (Indreko 1939b) vorlaufig veroffentlichten Ergebnisse der 1938er Kampagne im Westteil Asva A erwahnt bereits eine Feuerstelle innerhalb der Steinmauer, die der alteren Schicht zugeordnet wird (Abb. 31) (Indreko 1939b, 22 f., Abb. 6). An dieser Stelle traten die Gussformen gehauft auf. Im Grabungsbericht weist Indreko (1939a, 7 f. Abb. 6) nochmals auf den Befund im Suden der Flache A hin, inmitten des Quadrantenbereichs II-2/III-3. Bereits im Vorjahr sind dort durch Hitzeeinwirkung zerbrochene Steine und in wachsendem Masse Holzkohle, Asche und Russpartikel aufgefallen (Indreko 1939b, 23). Im Grabungsbericht vermerkt wurden Gussformen in diesem Bereich und die Vermutung, es konnte sich um eine Herdstelle fur den Metallguss handeln (Indreko 1939b, 7).

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Die Verbreitungskarte der Gussformenfunde in der Flache A (Abb. 32) bezeugt in der Tat eine gewisse Aktivitat von Bronzeguss im sudlichen Teil, dafur spricht jedenfalls die vergleichsweise grosse Menge an Ringgussformen im sudlichen Quadranten III-2/IV-3. Dem naheren Umfeld der Herdstelle II-2/III-3 (A-Sud) namlich, innerhalb eines Radius von drei Metern etwa, lassen sich 55 Stuck (zusammen 566 Gramm) an Gussformen zuordnen. Anteilig an der Gesamtmenge aller in Asva A/C gefundenen Gussformenstucke (1503 g) machen die des Sudbereichs ungefahr ein Drittel aus. Da sich die Herdstelle nur einen halben Meter von der sudostlichen Grenze der Grabungsflache entfernt befindet, erfasst die ermittelte Gussformenzahl nur einen Teil der tatsachlichen Fundmenge dieses Bereichs.

Beschreibend lasst sich zum genannten Befund im Sudteil nicht viel sagen, der Ausgraber hat diesen nur in wenigen Satzen in seinem Fundbericht kommentiert. In zwei Planumzeichnungen wird diese Herdstelle erfasst (Indreko 1938, Abb. 4; 1939a, Abb. 5; 1939b, Abb. 6), Schnitte durch den Befund wurden nicht angelegt. Auf den Zeichnungen ist ein mittiger Kreisrund von ca. einem Meter Durchmesser zu erkennen, der sich im Boden durch eine dunkelgraue bis schwarzliche Fullung mit verkohlter Erde und Holzkohlepartikeln absetzt. Diese Verfarbung war mit unterschiedlich grossen Schiefersteinen (zwischen 20 und 40 cm) und wenigen Granitsteinen angefullt. Auch die Reste eines verkohlten Holzbalkens, vermutlich aus dem Bauschutt der Brandschicht stammend, sind wiederholt verzeichnet. Im Gegensatz zu der anderen Herdstelle mit Spuren intensiver Bronzegussaktivitat ist diese Stelle nicht weiter dokumentiert worden. Zur Art der Verfullung, zum inneren Aufbau des mutmasslichen Herdplatzes liegen keine Informationen vor. Dass in diesem Bereich Metall gegossen wurde, kann lediglich wegen der Fundkonzentrationen im Sudbereich der Grabungsflache vermutet werden. Der Schwerpunkt der Gussformen liegt jedoch weiter westlich, in drei Metern Entfernung. Das konnte bedeuten, dass das Zerschlagen der Tonformen entweder in einem gewissen Abstand von der Feuerstelle (Schmelzgrube?) vollzogen wurde oder dass der eigentliche Metallguss jenseits der sudlichen Grabungsgrenze stattfand.

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7.3.1.1.2. Die Herdstelle im Bereich A/C

Wegen der im Grabungsjahr 1938 reichlich aufgetretenen Gussformen ging Indreko bereits von einer Metallgusstatigkeit im Westbereich der Asva-Siedlung aus. Der Ausgraber vermutete auch im Bereich des Nordprofils von Asva A einen Schmelzofen (Indreko 1939b, 23, Taf. II). Diese Stelle sollte in der nachfolgenden Kampagne (1939) naher untersucht, und die Grabungsflache gen Nord erweitert werden. Im Nordbereich der Flache A wurde nun im Bereich der Quadranten I und II ein neuer, 3 mal 3 m grosser, mit "C" benannter Schnitt angelegt.

Im Grabungsbericht von 1938 wurde bereits eine nahere Beschreibung der Herdstelle im Nordprofil mitgeliefert (Indreko 1938, 4 f., Abb. 2). Darin findet sich bereits eine vergleichsweise grundliche Zeichnung vom Aufbau des Befundes, seinen Fundkontexten und der Schichtenfolge (Abb. 30). Indreko erkannte hierin bereits eine interessante Situation, die es lohnte ausfuhrlicher zu beschreiben (1938, 4 f., Abb. 2): Bei der etwas uber einen Meter und ca. 60 Zentimeter breiten, ovalen Herdanlage (Richtung: W-O) handle es sich augenscheinlich um eine der altesten Siedlungskonstruktionen in diesem Bereich. Die Herdgrube wurde demnach in einer 40-45 cm tief in den anstehenden Moranenboden (mit Steingeroll) eingebracht. Von der dauerhaften Auskleidung dieser Vertiefung im Boden zeugt noch eine bis zu 13 cm starke Lehmfullung. Auf dieser lagern nun vereinzelte Feld--und Schiefersteine sowie eine intensiv mit Holzkohle und Asche angereicherte dunkle Schicht, auf der wiederum eine starke Brandschicht aufliegt. Obenauf folgen weitere Steinfullungen, abermals abgelost von Lehmschichten. Indreko hielt es fur moglich, dass die obere, wiederholt aufgetragene Lehmauskleidung der Herdgrube eine erneute Nutzungsphase des Siedlungsbereichs inklusive Feuerstelle anzeigen wurde. Zu den Funden dieser Grube werden Knochenabfall und Knochenartefakte (Pfrieme) sowie einige Gefassscherben gezahlt (61).

Die Beschreibung der Ergebnisse der Untersuchungen der Herdstelle A/C (Quadrant II) im Grabungsbericht ist mit Verweis auf die Beobachtungen des Vorjahres vergleichsweise knapp gehalten (Indreko 1939a, 8). Es wurden zwar erneute Profil--und Planumzeichnungen der Herdstelle angefertigt, doch sind diese in der zeichnerischen Genauigkeit nicht mit den Abbildungen des Vorjahres vergleichbar. Auch wurde die Grube nicht geschnitten oder in ihren Entstehungsphasen dokumentiert. Die Zeichnungen zweier Plana sind vielmehr skizzenhafter Natur und mit fehlendem Bezug zum Grabungsplan (Indreko 1939a, Abb. 2, 10-11), sie geben aber dennoch grob Auskunft uber die Beschaffenheit der im Zusammenhang mit Metallguss stehenden Herdstelle. Es wurden also abermals Profile und Plana von dem Befund angelegt, diesmal jedoch im Bereich der Herdmitte, womit diesmal der Bereich der Grubensohle dokumentiert wurde. Somit wurden genauere Einblicke uber Beschaffenheit und Aufbau ermoglicht, insbesondere bezuglich der zweiphasigen Lehmplanierungen und Steinfullungen. Es zeigt sich, dass die langsovale Feuerstelle mit muldenformiger Grube mit Lehm ausgekleidet und mittig mit einer grosseren Schieferplatte (Ausmasse ca. 30-40 cm) sowie kleineren Granitsteinen ausgelegt wurde. Indreko berichtet des Weiteren, dass die untersten Steine auf dem anstehenden Strandkies bis zu 73 cm Tiefe aufliegen (Indreko 1939a, 8). Gut sichtbar wird in Planum und Profil die obere 'Lehmpackung', die im Randbereich um die Steinfullung mit Branderde herum aufgeworfen wurde (Abb. 31). 63 Ringgussformenstucke (508 g Gesamtgewicht) sind dieser Herdstelle zuzuordnen. (62)

7.3.1.2. Die Herdstelle in Asva E

In den beiden Grabungskampagnen der Jahre 1948 und 1949 im Nordteil ("E") der Asva-Siedlung konnten die Ausgraber A. Vassar und M. Schmiedehelm eine weitere Herdstelle freilegen, die mit intensiver Metallgussaktivitat im Zusammenhang steht.

Dass es sich bei dem Befund im Westbereich von Asva um keine gewohnliche Herdstelle handeln konnte, wurde von Vassar fruhzeitig erkannt. Vor allem die Menge an Gussformen (auch Knochengerate) in diesem Bereich machte den Ausgraber aufmerksam. Vassar dokumentierte die Herdstelle nur im Planum (mithilfe von Skizzen), Schmiedehelm lieferte spater auch Profilschnitte.

Im Bericht wird erwahnt, dass im Bereich 13-12/i-j direkt unter der pfluggestorten Humusschicht ortliche Aschespuren auftraten (Vassar 1948, 8). Zwischen und auf dem Steinpflaster nahm die Zahl an Keramikfunden und organischen Resten zu (Knochenstucke und Fischhaute). Ab einer Bodentiefe von 20-30 cm zeichneten sich im Quadranten 12/i-j deutlich erkennbar die Umrisse einer Feuerstelle ab (Abb. 33). Der annahernd kreisformige Herdplatz wird als ein kompakter, mittig gewolbter Brand--bzw. Aschekegel von ca. einem Meter Durchmesser beschrieben (Schmiedehelm 1949, 9 f.). Aus dem kalkfarbenen Ascheherd, von einer weissgrauen, verkohlten Brandschicht umgeben, kamen ab einer Tiefe von 35 cm (Feldkante) stark feuerbeeintrachtigte Knochenreste und Keramik zutage. Auch wurden im Nordbereich des Herdes dicke, von starker und dauerhafter Hitzeeinwirkung zeugende Lehm--und Torfpackungen (blaugrauliche Farbe) beobachtet. Steine fanden sich im Innern der Feuerstelle nur vereinzelt.

Interessante Detailinformationen liefert Vassar in Bezug auf die Torf--und Lehmlagen an der Nordgrenze des Ascheherds. Vor allem die braunliche Torferde sehe nach eigens an dieser Stelle angehauftem Brennmaterial aus (Vassar 1948, 10 ff.). Die Lehm--und Torfpackungen unmittelbar nordlich der Herdstelle konnten aus einem Stadium der Brennvorbereitung (fur die Metallschmelze?) hervorgehen, die Lagerung des Materials an dieser Stelle bezweckt gewesen sein. Das Gleiche hat Vassar auch fur

die Ansammlungen des Lehmsandes im Ostbereich des Herdplatzes angenommen, wobei er wegen dessen gut knet--und formbaren Konsistenz des Lehms und den vor Ort gefundenen Gussformen ahnlichen Tonfarbgebung an eigens vorbereitete und herbeigeschaffte Rohmasse dachte (ebd.) (63). Auch der sandige, die Herdstelle umgebende Untergrund konne als absichtliche Einlagerung gedeutet werden. Zusammen mit den um ihn herum verteilten, zerschlagenen Gussformen stunde dieser Befund im Verdacht ein Giesserplatz zu sein. (64)

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Schmiedehelms Untersuchungen im Bereich der Feuerstelle wurden in einer Grabungstiefe von 40-50 cm (Planum III) fortgesetzt (1949, 8). Es wurden auch tiefergehende Schnitte in den Nachbarquadranten angelegt, namlich dort, wo der anstehende Boden noch nicht erreicht wurde. Schmiedehelm liefert nun eine abermalige Beschreibung desselben Befundes, eine Deutung oder Interpretation der Herdstelle im oder gegen den Sinn Vassars als Giesserherd findet nicht statt. Erwahnt wird abermals die eigentumliche Wolbung des kompakten Ascheherds im Planum mit seinem Scheitelpunkt im Grenzbereich der Quadranten 12/i zu 12/j. Dem Bericht und den Skizzen der drei dokumentierten Plana der Herdstelle ([III.sub.1], [IV.sub.1], [IV.sub.2]) zufolge bestand die Auffullung am Sudzipfel der Herdstelle aus weisslich-kalkhaltigem Sand, gepaart mit nur wenige Zentimeter dicken, dunklen Brandstreifen (mit Holzkohle). Ab einer Tiefe von 45-50 cm ist unter dem weisslichen Kegel eine aschehaltige Schicht in Erscheinung getreten, gefolgt von einer Auflage helleren Kiessandes. Weiter unten setzt sich die feingliedrige Schichtenabfolge fort, ahnlich, wie bereits von Vassar beobachtet (Abb. 34): weitere, dunkle Brandschichten (2-3 cm) uber einer bis zu 12 cm dicken, braunlichen Schicht mit organischen Bestandteilen ('Speiseresten') und vereinzelten Holzkohlepartikeln. Letztere sei im unteren Bereich merklich dunkler als oben gewesen und habe im Quadranten 12/j ein Stuck Birkenrinde, vom Feuer verkohlt und zusammengerollt, enthalten (Tiefe von 45 cm). Der anstehende Boden wurde im Bereich 11-12/i-j in einer Tiefe von 88 cm erreicht. Bemerkenswert ist auch hier das Fehlen von Steinen in der Herdstelle. Der Verbau von Steinmaterial beschrankte sich nur auf den obersten Teil, wo es eine Art Herdumgrenzung andeutete (Abb. 33).

Der Blick auf die Verbreitung und Verteilung der Funde in der Grabungsflache zeigt ein der Erwartung entsprechendes Bild. Der gewichts--und zahlenmassige Schwerpunkt der Gussformen--wie auch in Asva A/C fast ausschliesslich Ringgussformen--liegt im Westbereich der Flache (Abb. 35). Die zerschlagenen Formenfragmente konzentrieren sich in einem Radius von ca. zwei Metern nordlich und sudlich der Herdstelle (Quadranten 9-15/i-j). Der fundleere Streifen westlich der Kernverbreitung entstand dadurch, weil diese Quadranten nicht naher untersucht wurden. In diesem Bereich verlauft der steinerne Mauer--oder Wallbereich, der unangetastet blieb (65). Im naheren Umkreis der Herdstelle fanden sich 204 Bruchstucke von Ringgussformen (zusammen 947 g). Insgesamt fanden sich in Asva E 449 Stuck solcher Gussformenstucke (2129 g), nahezu die Halfte konzentrierte sich um den mutmasslichen Giesserplatz.

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7.3.1.3. Der Giesserplatz von Asva F

Im Sudteil der Siedlung kam im Zusammenhang mit der Metallverarbeitung ein besonders interessanter Befund zutage. Bekanntlich tragen die beiden bronzezeitlichen Besiedlungsphasen im Sudteil von Asva (F) bezuglich der Ausgestaltung und Artung ihrer Baubefunde sehr unterschiedliche Zuge, was sich vornehmlich entweder im Fehlen oder in der reichlichen Verwendung von Schiefer oder Granit als Baumaterial aussert. Auch in der Funktion und Nutzung der Hauser vor und nach der Wiederbesiedlung im Sudbereich von Asva bestanden deutliche Unterschiede. So fanden umfangreiche Steinbauten vornehmlich der jungeren Phase Asva II statt (Pflasterungen, Trockenmauer). In der Grabungsdokumentation ist gut belegt, dass die Spuren der Metallgussaktivitat im Sudteil der alteren Bronzezeitschicht Asva I angehoren. Der Giesserplatz (sudlich des Hauses B) liegt unter der Steinpflasterung (Lougas 1965; 1966a; 1970a; Sperling 2006, 17 ff., Abb. 9). Nach dem Brand und Neuaufbau der Siedlung wurde an dieser Stelle (Asva F) keine Metallverarbeitung mehr ausgefuhrt.

In Bezug auf dessen Erhaltung und Dokumentation handelt es sich um den besten Befund eines Giesserplatzes in den estnischen Bronzezeitsiedlungen--die derzeit gangigen Grabungs--und Untersuchungsmethoden berucksichtigt. Der Giesserplatz wurde als solcher erst in der fortgeschrittenen Phase der zweiten und letzten Grabungskampagne in Asva F (1966) bemerkt. Die kastenformige Herdstelle lag inmitten der Grabungsgrenze. Der Befund ist also jeweils unvollstandig dokumentiert und ist nur uber die in verschiedenen Jahren angefertigten Grabungsplane zeichnerisch zu rekonstruieren (Abb. 36). Vorboten der Hinterlassenschaften einstiger Metallgussaktivitat in Asva F waren zunachst die vielen, auf der ganzen Flache verbreiteten Streufunde von Gussformenstucken, deren Menge im sudlichen Bereich deutlich zunahm (siehe Abb. 38). Leider sind von der 1965er Ausgrabung nur die Grabungsplane erhalten (Bericht fehlt), die Befundbeobachtungen zum Bronzeguss sind also nur den Zeichnungen zu entnehmen. Laut Ausgraber traten im Sudbereich (bei 10/r) im dokumentierten Bodenplanum bei 90 cm Tiefe erste intensive Brandspuren auf, und zwar in Form grosserer als russig beschriebener Flecken mit Resten verkohlter Nadelbaumholzer. Uberhaupt seien die plotzlichen Mengen an Holzkohle aufgefallen, mit zunehmender Tiefe habe sich die aschige Brandschicht uber den ganzen Sudteil (11-9/q--t) ausgebreitet (Lougas 1965, Plane 11, 13, 15; 1966a, 15, Plan 7). Erst mit der naheren Untersuchung des Bereichs sudlich der Quadranten 11/r--t im Jahr 1966 haben sich interessante Beobachtungen eingestellt, die sich laut Ausgraber wie folgt wiedergeben lassen (Lougas 1966a, 18; eig. Ubers.):

Ein interessanter Befund kam im Quadranten 10/r zutage. Hier war eine [...] steinfreie Zone mit auf beiden Seiten befindlichen, geradlinig aufgereihten Granitsteinen und vertikal in den Boden eingegrabenen, grosseren Schieferplatten. [...] Die Stelle zwischen den genannten Steinen war ungefahr in einer Dicke von 10 cm gefullt mit sehr russiger reiner Erde, die viel Holzkohle eines Nadelgewachses enthielt. Nordlich dieses Russkastens blieb eine Ansammlung von Kopfsteinen, zwischen denen und drum herum verstarkt Asche auftrat. Es schien, dass dieses Aschenest mit der Brandaschenzone von 11/s und 11/t zusammenfuhrte. Aus den Quadranten 10/r und 11/r stammen einige Bronze--und Gussformenfragmente.

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Neben dem 'Russkasten' bemerkt Lougas auch den merkwurdigen Verlauf einer sich durch senkrecht stehende Platten markierten Steinreihe, die bei 10/s einen rechtwinkligen Knick nach Norden anzudeuten scheint (Abb. 36). Funktion und Zweck dieser Steinstruktur bleiben fraglich, sie stehen aber im Zusammenhang mit der beinah rechteckigen, westlich--ostlich ausgerichteten Grube. Die vertikalen Steinplatten sind noch im tieferen Planum von 110 cm sichtbar (Lougas 1966a, 23, Plan 9).

Das Profilbild der einstigen Grabungsgrenze gestattet nur grob umrissene Einblicke in diesen Befund (Abb. 37). Dort zeichnet sich durch angeschragte Wandungen eine trapez--bis wannenformige Grube ab. Im Sudteil wird eine Wand durch einen grosseren Stein angedeutet, im Nordteil werden die vertikalen Kalksteinplatten nur im Planum sichtbar. Die Starke der russ-, holzkohle--und aschehaltigen Erdfullung der eingetieften Mulde nimmt im sudlichen Teil zu. Auch ist von einer hellen Sandfullung im nordlichen Bereich des sog. Kastens die Rede, die im Planum bereits ab 90 cm Tiefe sichtbar wurde (Lougas 1966a, 18 ff., Plan 8).

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Ab 100 cm Tiefenplanum kamen um den Befund herum mehr und mehr Gussformen zutage, darunter das Stuck einer mutmasslichen Gussform fur eine Scheibenkopfiiadel (Lougas 1966a, 19 f.). Des Weiteren wird noch eine weitere Besonderheit erwahnt und zwar eine kompakte Lage aus rohem und gebranntem Lehm im Quadranten 10/s, ungefahr zwei Meter ostlich des sog. Kastens (Abb. 36 und 38). Die Dicke der Lehmschicht betrage ungefahr 20 cm, zeichnerisch festgehalten ist diese langsovale Struktur auf mehreren Plana (Lougas 1966a, Plane 7-9). Mit zunehmender Planumtiefe nimmt diese Lehmstelle in Durchmesser und Form stetig ab, letztendlich ist ein Kreisrund von 50-60 cm Durchmesser mit Holzkohlepartikeln ubrig (ebd., Plan 9). Die rotliche Farbe des Lehms weist auf eine permanente und hitzeintensive Feuerung an dieser Stelle. Lougas hat diese Feuerstelle zwar nicht mit dem Giesserplatz in Verbindung gebracht, doch konnte es sich dort um die eigentliche Grube fur die Metallschmelze handeln.

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Die Verbreitung und Konzentration der Gussformen und Metallspratzer in der Flache bestatigten Lougas in seiner Vermutung, es an dieser Stelle mit einem langerfristig genutzten Giesserplatz zu tun zu haben. Dort gruppierten sich die zerschlagenen Formen im Bereich sudlich des sog. Kastens. Den Quadranten 9-10/q--r, einer Flache von 16 [m.sup.2] entsprechend, sind 210 Stuck (730 g) solcher Gussformen zuzuordnen, somit knapp uber die Halfte (56%) aller Giesserfunde aus Asva F (insgesamt 364 Gussformenfragmente / 1293 g).

7.3.1.4. Die Herdstelle von Ridala A

Ridala ist bereits im Zusammenhang mit bronzezeitlichem Metallguss auf Saaremaa des Ofteren erwahnt worden (z. B. Moora 1967; Lang 2007a; 2007b). Aus den Siedlungsgrabungen in Ridala kamen nach Asva die grossten Mengen an Gussformen und sonstigen Giesserruckstanden auf estnischem Gebiet zutage.

In den Berichten der Grabungstagebucher ist von Giesser--oder Werkplatzen keine Rede. Auch ist in den Tagebuchern nichts zu Art und Verbreitung der Artefakte gesagt, Funktionsdeutungen der Herdstellen in Verbindung mit dem Metallhandwerk bleiben vage. In Ridala A, im Nordwestteil, deuteten gewisse Mengen an Holzkohle, Asche und feuergezeichnete Steine auf die Reste einer 'Ofenanlage'. Um welche Art von Ofen es sich dabei handeln konnte, wurde offengelassen. Die namliche Herdstelle kam erst zum Ende der ersten Grabungskampagne (1961) zum Vorschein und konnte deshalb nur teilweise erfasst und dokumentiert werden (Kustin 1961, 18 ff., Plane 6-7).

In seinem 1962er Grabungstagebuch bezieht sich Vassar auf den besagten Befund. Zuerst wurde im Bereich der Quadranten 8-9/g (Planum 80-100 cm von Feldkante) eine 'intensive' Ascheschicht bemerkt, desweiteren Schieferplatten und Feldsteine (Vassar 1962, 10). Die rotlich bis hellweiss wechselnde Farbe der Schieferplatten und teilweise zersprungenen Steine bezeugen, dass an dieser Stelle mit hohen Temperaturen gearbeitet wurde. Die weitere Freilegung der Steinsetzung in 10/e--f zeigt noch ein Fortlaufen der Anlage um einige Meter nach Suden. Schliesslich beobachtet Vassar eine merkwurdige Anordnung der brandgefarbten Steine in ein bis zwei 'Kammern' (ebd., 17, Abb. 39). Unter Anderem sei im Bereich 9-10/e--f eine viereckige, fast rechteckige Struktur zu erkennen gewesen, gefullt mit einer 10-13 cm dicken Aschelage und einer schwarzlichen Zwischenschicht von torfahnlicher Konsistenz, von der einige Proben genommen wurden. Letztere verlaufe uber den Steinbereich nach Suden hinaus, z. T. unter den Steinen hindurch. Diese NO--SW ausgerichtete Herdstelle ist an den zuvor freigelegten Hausbefund, das rechteckige Steinpflaster, angegliedert (ebd., 21, Pl. 9-10). Der Befund eines Hauses mit einem ihm unmittelbar vorgelagertem Werkplatz fur den Bronzeguss von Ridala A erinnert an die Grabungssituation von Asva F. Im Detail aber haben beide Anlagen ihre besonderen Eigenheiten und Unterschiede.

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In Ridala A markieren Steine und Brandspuren ein breites Areal, ca. 4 x 2 m in Lange und Breite. Das eigentliche Zentrum der Feuerstelle wird im sudlich gelegeneren Teil (9-10/f--g) zu suchen sein. Dort verdichten sich die gebrannten Steine zu einem dichter gepackten Haufchen, in der Zeichnung des Sudprofils wurde an eben dieser Stelle eine muldenformige Vertiefung festgehalten (Abb. 40). Zwei Schichten, eine ca. 40 cm starke russgeschwarzte Fullerde und eine reine Asche-Kohlenschicht (im Planum sichtbar), losen sich im Bereich der 'Brandgrube' einander ab.

In der zeichnerischen Gesamtansicht des mutmasslichen Giesserareals (Abb. 41) lasst sich der von Vassar im Tagebuch beschriebene Komplex aus sog. Kammern (kambrid) rekonstruieren. Zwei meterbreite Reihen aus Steinplatten flankieren jeweils sudlich jene Packungen intensiv erhitzter Steine mit Brandaschefullung. Es konnte sich in der Tat um zwei aneinandergereihte Feuer--oder Herdstellen handeln, die beide in verschiedenen, aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten im Gussprozess zur Anwendung kamen (Schmelze, Guss, Kuhlung des Metalls etc.; siehe unten). Der ganz durch eine langlich fliessende Aschedecke verbundene Komplex erstreckt sich laut Planumzeichnung und Beschreibung uber eine Lange von funf Metern bis hin zur sudlichen Grabungsgrenze.

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Die materiellen Zeugnisse der Giesseraktivitat in diesem Bereich, die zerschlagenen Gussformen und sonstigen Metallfunde (Spratzer etc.) verteilen sich vornehmlich sudlich der Anlage in einem Radius von ca. drei Metern (Abb. 42). Auch ein Bronzestuck (AI 4261: 444; Verbleib unbekannt) wurde im Zentrum des Giesserbezirks gefunden, nur ein einziger Bronzefund, das Fragment eines tordierten Armrings (AI 4261: 446), einige Meter weiter nordlich (Quadr. 11/n). Die Gussformenstucke treten fast nur im sudlichen Randbereich der Steinsetzungen auf, der eigentliche Giesserplatz wurde von Gussabfallen und Bronzeresten freigehalten. Angesichts der Menge der hiesigen Funde und der Grosse der Anlage scheint sich im Siedlungsteil Ridala A eine merklich intensivere Metallverarbeitung abgespielt zu haben als in Ridala B.

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7.3.2. Auswertung der mit dem Bronzeguss in Zusammenhang stehenden Befunde

Archaologische Befunde bronzezeitlicher Schmelzgruben in Siedlungen haben einen hohen Seltenheitswert. Das betrifft insbesondere solche, die sich in Aufbau und Funktionsansprache einigermassen sicher rekonstruieren lassen (Jantzen 2008, 293). Von den vorgestellten estnischen Siedlungsplatzen konnten bislang fur jeden der Grabungsteile Spuren von Metallgussaktivitat nachgewiesen werden. Im Befund einwandfreie Werkplatze von Bronzegiessern indes sind nur fur vier Siedlungsareale dokumentiert worden. Abgesehen von der interessanten Erkenntnis, dass in Asva und Ridala mehrere Giesser in benachbarten Wohn--und Wirtschaftsbereichen parallel mit Bronzegussaktivitaten beschaftigt waren, sind die zur Metallverarbeitung errichteten Anlagen bemerkenswert individuell in Form und Aufbau (Tab. 3). Offenkundig wurden in den Siedlungen zwar die gleichen Bronzetypen hergestellt, doch die Handhabung des Bronzegusses erfolgte nach unterschiedlichen Methoden.

Alle Herdstellen vereinten in nahester Umgebung reichlich Gussformenfunde und intensiv auftretende Holzkohle--und Brandspuren. Ausser Frage steht, dass dort Metallguss betrieben wurde. (66) Die zu den Giesserarealen zahlenden Bodenverfarbungen haben unterschiedlich grosse Flachenausdehnungen, mit schwankenden Langen zwischen anderthalb und vier Metern. Stets sind im Zentrum dieser Bodenfarbungen flache, wannenformige Gruben auszumachen, deren Fullungen (Holzkohle) und Brandschichten sie ohne Zweifel als Herdstellen ausgeben.

In Ridala kam die grosste mit dem Metallguss zusammenhangende Anlage zutage. Der Befund aus kompakten Brand--und Holzkohleschichten dehnt sich streifenformig in NO-SW Richtung in einer Lange von uber acht Metern aus, die Steinsetzung selbst uber sechs Meter. Eine Einsicht in das Profil ist nur im Nordteil moglich, namlich dort, wo der Befund wannenformig eingetieft ist. Sudlich daran anschliessend verlangert sich der Befund, abermals treten reihlings liegende, grossere Steinplatten beieinander. Auch die rundliche Anordnung brandgesprungener Kopfsteine im Innern scheint auf eine zweite Grubenvertiefung hinzudeuten. Die kleinere, ovale Herdstelle von Asva A/C zeichnet sich indes durch eine kompakte, dicke Lehmwandung aus. Auch der Untergrund der Grube wurde wiederholt mit Lehm beschichtet. Einmalig nachgewiesen ist das Auftreten von Torf nahe der Feuerstelle in Asva E, der moglicherweise wegen seiner hitzebeschleunigenden Eigenschaften als Brennstoff verwendet wurde. Die Anlage war ebenerdig und ohne Steinschutz gebaut, umgeben von einer Auflage feinen Lehmsandes.

Herausragend unter den Giesserplatzen der Asva-Gruppe ist die Anlage sudlich des sog. Giesserhauses B in Asva F. Der rechteckige, leicht im Boden eingetiefte Kastenbau, teilweise umrandet von vertikal aufgestellten Schieferplatten, ist mit schwarzer, holzkohle--und russdurchsetzter Branderde gefullt gewesen. Kaum Zweifel besteht an dessen Funktion im Zusammenhang mit dem Metallguss, und dies nicht zuletzt wegen der Fulle zerschlagener Gussformen unmittelbar sudlich des Kastens. Leider wurde dieser interessante Befund nur unzureichend ausgegraben und dokumentiert. Die Kastengestalt und der Verbau mutmasslicher Wandplatten legen zunachst nahe, dass es sich um eine Art Schmelzofen handeln konnte. Doch lassen sich Aufbau und Gestalt der Wande aus den wenigen Grabungsplanen nur schwierig rekonstruieren. (68) Der ca. 1,80 m lange und 1 m breite Kasten erscheint fur die Durchfuhrung einfacher Tiegelschmelzfeuer deutlich zu gross zu sein, insbesondere wegen des dafur benotigten Brenn--und Feuerraums sowie Energieverbrauchs (Sperling 2006, 35 f.). In ihren Grossenmassen ubertrifft die Anlage die gelaufigen bronzezeitlichen Schmelzofen um das Doppelte. So ist das bekannte Beispiel eines kastenartig mit Sandsteinwanden konstruierten Schmelzofens aus dem suddeutschen Bad Sackingen nur 44 x 26 cm gross. Bei einem experimentellen Nachbau dieses Ofens konnte die fur Tiegelschmelze und Bronzeguss erforderliche Hitze (min. 900 Grad C.) problemlos erreicht werden (Krabath 2006, 396 f., Abb. 14), was fur einen Ofen der Grossenordnung von Asva F schwerlich denkbar scheint.

Dennoch mussen hier bestimmte Arbeitsgange in Verbindung mit dem Metallguss stattgefunden haben, denkbar ware eine Verwendung als permanent geheizter Brennherd fur die im Metallguss benotigte Zufuhr von Holzkohlenasche, sowie als ein Platz, an dem spater die bereits in die Gussformen eingefullte Bronze abkuhlen konnte. (69)

Den jungsten Beobachtungen und Uberlegungen zur bronzezeitlichen Metallgusstechnik und zum Gebrauch der Tiegel zufolge reichten fur effiziente Schmelzfeuer bereits 10-20 cm eingetiefte, sogar nahezu ebenerdige Gruben aus (Krabath 2006, 392 ff.; Jantzen 2008, 194 ff., 297 ff.). Dabei kam das bereits in diversen archaologischen Experimenten erprobte Gussverfahren in einem einfachen Tiegel zur Anwendung, einer Technik, bei der man Geblasedusen oder Blasrohre verwendete. Dabei wurde i. d. R. der in die Aschefullung der Grube oder Herdstelle eingelassene Schmelztiegel von oben erhitzt. Die Gruben, in denen die Schmelze erzeugt wurde, treten nicht immer und uberall einzeln bzw. isoliert auf. Es ist eine Tendenz zur Kombination mit unmittelbar benachbarten Feuerstellen zu beobachten. Solche Herdplatze mogen dazu gedient haben, die Gussformen vor dem Einguss der Bronze vorzuheizen und die Bronze hernach in den Gussformen vor deren Zerschlagung oder Offnung langsam abkuhlen zu lassen. (70) Fur die meterlange, fast linear verlaufende Steinsetzung aus Ridala A mit seinen Brandschichten im Innern ware dies anzunehmen, nur dass hier von mehreren, nach und nach verlagerten Schmelzfeuern ausgegangen werden kann. Die Anordnung und Ausrichtung der Anlagen in und ausserhalb der Siedlungsbereiche war sicherlich nicht zufallig, da man die fur die Feuerung gunstigen Windkanale zu nutzen wusste.

Die Verwendung von Lehm im Bau der Schmelzgruben ist aus anderen Bronzezeitplatzen des Ostbaltikums hinlanglich bekannt, aus Narkunai und Brikuli etwa (Luchtanas 1981; Vasks 1994). Der Hitze und Wasser abweisende Rohlehm diente nicht nur der Wandverkleidung in der beschriebenen Grube von Asva A/C. Im Siedlungsteil Asva F wurde die ovale Herdstelle, ca. zwei Meter ostlich der besprochenen Steinkiste gelegen, ebenfalls mit Lehm ausgekleidet und war scheinbar langzeitig intensivem Feuer ausgesetzt (Rotfarbung). Es ist moglich, dass an dieser Stelle die Metallschmelze stattfand und im asche--und russgefullten Kasten das Abkuhlen und Zerschlagen der Formen.

Aus der unterschiedlichen Art und Ansiedlung der Werkstatten in Asva zu schliessen, wurde in getrennten Hausgemeinschaften produziert. Bemerkenswert ist die unterschiedliche Bauform und Gestaltung der Herdstellen an mindestens drei Werkplatzen, obwohl davon auszugehen ist, dass fur die gleiche Produktpalette (Ringe oder Barren) ahnliche Prinzipien der Metallschmelze und des Bronzegusses zur Anwendung kamen. Selbst wenn man notwendigerweise berucksichtigt, dass der Bau und die Platzwahl der Schmelzfeuer massgeblich von der Siedlungs--und Hanglage, der Bodenbeschaffenheit, von Windrichtungen etc. beeinflusst waren, so lasst sich an den abweichenden Ergebnissen unter Verwendung gleicher Baustoffe (Stein, Lehm, Sand) eine gewisse technologische Experimentierfreude in diesem Handwerk ablesen. Gleichzeitig ist dies alles Hinweis darauf, dass in Asva mehrere Giesser jeweils eigene praktische Kenntnisse und Erfahrungswerte im Bronzeguss anwendeten.

7.4. Die Giesser--und Bronzefunde

7.4.1. Gussformen

Die grosse Masse des mit dem Bronzeguss zusammenhangenden Fundmaterials wird von den keramischen Gussformen gebildet. Es handelt sich dabei um die Reste einmalig verwendeter und nach dem Guss zerschlagener Formen, die insbesondere im Bronzeguss im Wachsausschmelzungsverfahren reichlich auftreten. Um die Negativform des gewunschten Metallprodukts herzustellen muss zunachst ein Wachsmodell des Objekts angefertigt werden. Der Wachs wird beim Brennen des Lehms der Gussform ausgeschmolzen, spater wird die entstandene Hohlform mit der flussigen Bronze ausgefullt. War die Bronze erkaltet, musste die tonerne Gussform aufgebrochen und in Stucke zerschlagen werden, um an das Gussprodukt zu gelangen (siehe unten). Selbst bei einmaligem Guss eines einfachen Ringobjekts konnten auf diese Weise vergleichsweise grosse Mengen an Gussformstucken auftreten. Vom in den ostbaltischen Siedlungen stattgefundenen Bronzeguss zeugen meist nur die verstreuten Uberreste solcher 'Einwegformen', Metallfunde oder Werkzeuge der Metallbearbeitung sind dagegen ausserst selten im archaologischen Fundmaterial der Giesserplatze anzutreffen.

Weniger haufig sind mehrteilige Gussformen, d. h. mehrmals verwendbare Gussvorlagen, i. d. R. aus zwei passgerechten Halften mit eingelassenen Negativen der zu giessenden Objekte bestehend. Diese sind in der Herstellung und Ausfuhrung ungleich komplizierter als die nach einmaligem Guss zerstorten, einteiligen Formen.

Bislang sind die in den estnischen Siedlungen anzutreffenden Gussformen ausschliesslich solche aus gebranntem Lehm (Tab. 4). Steingussformen sind im Fundmaterial noch nicht aufgetreten oder als solche erkannt worden. Gegossen wurden in den Platzen der Asva-Gruppe vorwiegend Ringe verschiedenster Form und Grosse, nur vereinzelt sind Waffen und Gerate unter dem Formenspektrum. Besonders bemerkenswert sind einige Tonfragmente aus Asva, die zum Guss einer nordischen Scheibenkopfnadel bestimmt sind. Selbiger Bronzenadeltyp wurde in unmittelbarer Nahe zum Giesserplatz (in Asva F) gefunden.

7.4.1.1. Einmalig verwendete Gussformen

7.4.1.1.1. Gussformen fur Ringe

Der Grossteil der Gussformenreste stammt aus dem Guss von Bronzeringen im Wachsausschmelzverfahren, wobei sich nicht immer eindeutig feststellen lasst, ob es sich bei den Erzeugnissen um Arm--oder Halsringe handelte. Die fast durchweg sehr kleinen Bruchstucke mit annahernd dreieckigem, glocken--oder birnenformigem Querschnitt sind meist zwischen einem und vier Zentimeter in der Lange erhalten, geben sich jedoch als solche stets uber ihren mittigen Gusskanal zu erkennen. Stets ist die Unter--oder Auflageseite (Boden) abgeflacht, von der ursprunglichen Ringform zeugt noch die leichte Krummung in der Aufsicht. Grossere bzw. langer erhaltene Stucke sind eher die Ausnahme, doch lasst sich in den wenigen Fallen der Kreisdurchmesser der Ringe rekonstruieren (Abb. 43).

Das bekannte Typenspektrum der Ringherstellung aus bronzezeitlichen Siedlungen in mittel-, ostmittel--und nordeuropaischen Regionen reicht von tordierten Halsund Armringen uber vierkantige oder rundstabige Ringe, die auch gedreht oder strichgruppenverziert sein konnen, bis hin zu massiven Hals-, Fuss--oder Armringen mit oder ohne Hohlguss. Allem Anschein nach sind im Repertoire der Gussformen estnischer Siedlungsplatze samtliche aufgezahlte Formen nachweisbar.

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Unterscheidbar sind die Gussformen--von ihrer Materialzusammensetzung einmal abgesehen--nach der Grosse ihrer Ringgusskanale (Starke des Ringes) und ihrer Durchmesser (Grosse des Ringes). Die in den Gussformen hergestellten Ringe sind meistens von rundem Querschnitt, sie variieren lediglich in der Dicke bzw. der Starke der Gusskanale. In der Regel wurde je Gussform ein Ring gegossen, es gibt aber auch einige Gussformen mit zweifachen Kanalen. In der Formgebung und Grosse sind die doppelten Ringgusse den ubrigen Ringgussformen ahnlich, also nicht komplizierter oder sonst irgendwie anders gestaltet.

In der Gesamtschau betrachtet sind die Fragmente der Ringgussformen einheitlich, etwa in Grosse und Art des Bruches. Im Profil entspricht die Grundform einem liegenden D, mit einem Gusskanal im Zentrum. Alle Stucke zeichnen sich durch ihre flache Standflache aus, wogegen die Seiten verschieden ausgeformt sein konnen. Zwar ergibt sich in der Gesamtschau aller Ringgussformen bzw. der zerschlagenen Reste ein ziemlich uneinheitliches Bild, was die Profilierung und Dicke der Lehmform betrifft--nicht jedoch in der Auspragung der Ringgrossen und--dicken. Die kreis--oder hufeisenformige Grundform einer Ringgussgarnitur ist bedingt durch das technische Prinzip des Wachausschmelzungsverfahren, wobei die Wachsmodelle von einem feinen Schlicker und dem Lehmmantel umwickelt wurden, ohne dabei zu viel an Lehmmasse zu verwenden und das Ringmodell aus Wachs im Zuge des Austrocknens und Brennens zu brechen. Unverkennbare individuelle Zuge der Tonringe bestanden dennoch (Abb. 44). Man konnte die verschiedenen Ausformungen zunachst auf spontane Launen der Hersteller in der Gestaltung der Lehmformen zuruckfuhren, doch spricht einiges dafur, dass man darauf bedacht war, in der gleichzeitigen Anfertigung mehrerer Gussformgarnituren die Ringe im spateren Gussverfahren besser auseinanderzuhalten.

Einige Ringgussformen belegen den Guss zweifacher Ringe. Im Resultat erhielt der Giesser Ringpaare anstatt der ublichen Einzelringe (Abb. 45). Die Gusskanale, meist unterschiedlich dick und somit fur Ringpaare verschiedener Starken, liegen mehr oder weniger dicht aneinander. In den meisten Fallen des Doppelgusses ist ein Gusskanal nur 2-3 mm dick, was auf eine Verwendung der dunnen Ringe in der Drahtherstellung schliessen lasst (so Jantzen 2008, 74). In Bezug auf die aussere Gestalt heben sich die Gussformen mit doppelten Hohlraumen kaum von den ubrigen Ringgussformen ab. Lediglich zwei Stucke aus Asva F (Abb. 45: 6-7) sind grosser und gestreckter gestaltet worden und somit ausserlich von den ubrigen mit einfachem Ringkanal unterscheidbar.

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In Asva sind Reste von Ringgussgarnituren mit Doppelkanalen nur in den Grabungsteilen E und F nachgewiesen. Aus Iru stammt mindestens ein Exemplar (Vassar 1939, Abb. 43), aus Ridala und Kaali sind keine bekannt. An Beispielen fur den doppelten oder mehrfachen Ringguss in einem Herstellungsgang fehlt es nicht in anderen Fundplatzen des Ostbaltikums (Brikuli und Kivutkalns) und Polens (Juszkowo und Jankowo) (Ostoja-Zagorski 1982, 178, Abb. 3: 2-3; Podgorski 1982, 226, Abb. 2: g, i; Graudonis 1989, Taf. XXXV: 12; Vasks 1994, Taf. 15: 28-30).

Unter den Ringgussformen ist auch ein Exemplar mit ubergrossem Hohlraum, fur einen Ring mit einer ungefahren Dicke von 1,2 cm (Abb. 46). Es handelt sich um die Gussform eines hohl gegossenen Armrings vom Typ der Hohlwulstringe. Ebenfalls aus dem Fundmaterial von Asva A/C stammen drei Stucke des zur Gussform zugehorigen Gusskerns (Lougas 1966b, 105, Abb. 1: 10, 2: 5). Der Kern besitzt eine langslaufende Wulst an der Stelle, die beim Gussprodukt aus dunnem Bronzeblech den fur die Hohlwulstringe charakteristische Schlitzoffnung an der Innenseite markiert. Durch diesen Schlitz konnte der tonerne Gusskern nach dem Guss aus dem Bronzeblech entfernt werden. Die Herstellung der Lehmformen fur solche uber einen Kern gegossenen Ringe kann als vergleichsweise kompliziert angesehen werden, da der Kern uber gewisse Stutzkerne oder Halterungen im Innern der Form verankert sein musste, ohne dass Gusskern und Hohlwand wahrend des Wachsausschmelzens (beim Brennen) und des Metallgusses einander beruhren oder zumindest Ausfluss und Einguss nicht behindern (dazu Drescher 1958, 73 f.). Der Hohlguss von Arm--oder Fussringen uber einen Tonkern ist fur einige Siedlungsplatze der Spatbronze--und Fruheisenzeit Ostmitteluropas nachgewiesen (Fogel 1982, 197, Abb. 3b; Simon 1985, 178, 189 f., Abb. 19), im Nordischen Kreis der Spatbronzezeit (vorwiegend Montelius-Perioden VI-Kontexte) in drei danischen Fundorten (Jantzen 2008, 69 f., Taf. 12: 47-49). Im Ostbaltikum ist der Asva-Fund bislang einzigartig, an sonstigen Belegen fur die Anwendung des Hohlringgusses fehlt es ganzlich. Offen bleibt, um welchen Typ von Hohlwulstring es sich im Fall von Asva handeln konnte. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Hohlwulstringe als Hort--oder Einzelniederlegungen in Gebieten des Nordischen Kreises vergleichsweise haufig auftreten (z. B. Leyden 1980, 80 f., Abb. 19: 31-36; Hvass & Storgaard 1993, 157). Zu den Hohlwulstringen zahlen auch die sog. Eidringe mit Trompetenenden, wie sie aus dem schwedischen Hortfund von Poppeln, Simrishamn (Schonen) mehrfach vorliegen. Jene Bronzearmringe wurden zusatzlich mit Goldblech uberzogen (Stenberger 1977, 215, Abb. 136). Im Spektrum der ostbaltischen Metallfunde indes fehlen solche Armringtypen ganzlich.

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Bei der in Asva gefundenen Gussform eines hohl gegossenen Armrings handelt es sich um den bislang einzig sicheren Beleg fur die Herstellung eines Ringprodukts von Schmuckcharakter. Fur die ubrigen Ringgussformen lasst sich indes vermuten, dass diese dem Guss von Zwischenprodukten von Barrencharakter dienten.

7.4.1.1.2. Gussformen fur Stabe

Unter den Gussformen sind auch solche, die offenkundig nicht zum Guss von Ringobjekten bestimmt gewesen sind. Es handelt sich zwar um Reste einmalig verwendeter Gussformen mit Gusskanalen kantigem Querschnitts und geradlinigem Aufbau. Man darf vermuten, dass sie Gussformen fur Bronzestabe angehoren. Von den Ringgussformen sind diese in der Starke bzw. Dicke der Hohlraume und der kantigen Ausformung zu unterscheiden (Abb. 47; Taf. 4: 1-2, 8: 5-6). Die Gusskanale zeigen mitunter viereckige, rhombische und prismenformige Profile. Bei den nur ungenau als Stabe klassifizierbaren Gussprodukten konnte es sich entweder um Schafte von Schmucknadeln o. a. handeln oder um Vorlaufer in der Herstellung von Ringobjekten. Die besagten Kanten an den Staben oder Ringen konnten als Vorformen fur tordierte Ringe anzusehen sein. Unter den Siedlungsfunden von Asva, Ridala und Iru sind einige wenige Bruchstucke aufgetreten (73). Moglicherweise wurden die Stabe an den Kanten mit zangenahnlichen Werkzeugen gedreht und gestreckt. Immerhin ist die Breite der Gusskanale fur solche mutmasslichen Stabe mit kantigem Profil merklich ausgepragter (zwischen 0,7 und 1,2 cm) als bei den gewohnlichen Rundstabringen, doch wurde der Stabkorper bei der Drehung gestreckt und der tordierte Ring erhielt dabei seine optimale Form und Dicke. Bislang sind in den Siedlungen der Asva-Gruppe keine einteiligen Gussformen mit Negativen fur unechte Torsionen vorgekommen, wie sie etwa von danischen Fundplatzen her bekannt sind (Jantzen 2008, 65 f., Taf. 10: 39-41). Offensichtlich hat es verschiedene Techniken und Arbeitsgange in der Herstellung tordierter Ringe gegeben.

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Title Annotation:p. 103-137
Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:9766
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