Printer Friendly

5. Die Siedlungsplatze und Grabungen.

5.1. Asva

Der Fundplatz liegt im Ostteil der Insel Saaremaa, auf dem sudlichsten Teil eines Moranenzuges, nahe dem heutigen Dorf Laimjala, in Sichtweite zur Landstrasse in Richtung Inselhauptstadt Kuressaare. Im Volksmund tragt die Ortschaft um die im Gelande noch deutlich sichtbaren Reste der vendel--oder vorwikingerzeitlichen Wallanlage den Namen 'Burgbergacker' (linnamae pold). Mittlerweile wird das Gebiet als Weide--und Grasland genutzt.

Die Kuste befindet sich heute in ca. 5 km Entfernung vom Fundplatz, da sich die Strandlinie im Zuge der Landerhebung der letzten Jahrtausende stetig zuruckzog (Abb. 6). Im fruhen Limnaea-Stadium der Ostsee ragte der sudlichste Zipfel der Morane, eine inmitten der flachen Insellandschaft seltene geologische Formation, als Halbinsel aus dem Wasser (Jaanits et al. 1982, 136). Nur wenige Kilometer nordlich, auf dem gleichen Moranenzug, befindet sich der zeitgleich besiedelte Fundplatz Ridala.

Den Kalkulationen Richard Indrekos zufolge kam dieser Moranenzug erst im Spatstadium der Littorina-See als Halbinsel an die Wasseroberflache. Mit den fruhesten Besiedlungsspuren ist demnach erst zum Ende der Steinzeit zu rechnen (Indreko 1939b, 19 f.; 1961, 417). Alteste Scherbenfunde mit Schnur--und Kammverzierung, die vereinzelt und sekundar verlagert zwischen dem bronzezeitlichen Fundmaterial von Asva auftauchen, lassen sich grob in das fruhe zweite vorchristliche Jahrtausend datieren (Jaanits et al. 1982, 136; Lang & Kriiska 2001, 93 f.). Der Siedlungsplatz liegt heute etwa acht Meter uber dem Meeresspiegel, der Hohenunterschied betragt bei dem sich leicht neigenden Gelande einige Meter. Aus dem kurzlich von Aivar Kriiska rekonstruierten ungefahren Kustenverlauf der Spatbronzezeit, berechnet und prognostiziert aus der Verbreitung der neolithischen Ufersiedlungen, der Geschwindigkeit der Landerhebung und dem Neigungsgradienten, befand er sich auf einem schmalen Landarm zwischen Meer und einem lagunenartigen Gewasser (Abb. 6; zur Methodik: Jussila & Kriiska 2004; Kriiska & Selart 2005). Von einer Flache von 3500 [m.sup.2], der Platz misst ca. 90 m in der Lange und 47 m an der breitesten Stelle, wurden nur ca. ein Funftel archaologisch untersucht.

Von den Hinterlassenschaften der sog. Burgbergschicht (hier: Asva III) ist nur vergleichsweise wenig bekannt, sie kann nur kurz und bundig charakterisiert werden (dazu Lougas 1967; Sperling 2006, 15 f.). Bemerkenswert ist, dass es eine gegenuber Asva synchrone Bebauungsphase (u. a. mit Wallkonstruktion) in der Siedlung von Iru und im finnischen Lieto gibt (Luoto 1984; Lang 1987a; 1987b).

In dieser Phase, in der Mittleren Eisenzeit nach estnischer Periodisierung (2. Halfte des 1. Jahrtausends u. Z.), wurde der noch heute im Gelande sichtbare Burgwall von Asva errichtet. In den durch die West--und Sudostwalle gegrabenen Profilen wird die Siedlungs--und Bauabfolge gut sichtbar (Indreko 1939b, 21 f., Taf. II; Lougas 1967, 84 f., 92). Dabei wird das spatbronzezeitliche Schichtenpaket (hier: Asva I und II) von einer sterilen, aus reinem Strandkies bestehenden, Aufschuttung abgelost, die zum mutmasslichen Zweck der Begradigung des Gelandes im Zuge der Wallerrichtung und Innenbesiedlung entstand. Die Funde der Schicht des sog. Burgbergs (Asva III) treten, insofern die rezenten Pflugstorungen

oder sonstige Eingriffe in den Boden den ursprunglichen Schichtenaufbau nicht storten, erst oberhalb der Strandkiesdecke auf (siehe auch Tab. 2, Abb. 12; Taf. 65).

Neben den Resten mutmasslicher Wallkonstruktionen sind der Phase Asva III keine der archaologischen Befunde eindeutig Wohnbauten zuzuordnen. Einzig in Asva A und F sind einige Steinpflasterungen aus Schieferplatten als mutmassliche Fussboden bzw. deren Reste anzusprechen (Indreko 1939b, 21 f., Taf. II; Lougas 1966a, 16, Plan 6a-b). Die Fundmengen der mitteleisenzeitlichen Periode sind insgesamt vergleichsweise klein, und das betrifft auch das Spektrum der Objekte. Der Fundreichtum ist erst mit den Grabungen in tiefer gelegenen, spatbronze--und fruheisenzeitlichen Schichtzusammenhangen eingetreten. (27)

An Keramik fallen hauptsachlich feinkeramische Schalen auf. In der Oberflachenbehandlung und scharfkantigen Profilierung sind diese in punkto Gestalt und Qualitat der bronzezeitlichen Keramik ahnlich. Sie sind auch nur dann wirklich gut unterscheidbar, wenn verzierte Rand--oder Schulterpartien erhalten sind. Die mitteleisenzeitliche Ware ist ausgesprochen dunnwandig und fein gemagert, betont ist stets der Schulterabsatz mittels eines scharfen Wandknicks oder einer zusatzlich herausmodellierten Rippe (Taf. 65: 1). Typisch fur diese Periode scheinen die am Umbruch und/oder am Rand befindlichen Horizontallinien, auch in Begleitung von Fischgraten--oder Sparrenmustern, zu sein (Taf. 65: 3-4; Lougas 1967, 86 ff., Abb. 5: 1-6; Lougas & Magi-Lougas 1994, 29 f., Abb. 2, Taf. VII). Topfe (u. a. solche mit Randknick) treten im keramischen Fundmaterial von Asva III seltener in Erscheinung (Lougas 1967, 86, Abb. 5: 7; Sperling 2006, Taf. I: 5).

Unter den Asva-Funden sind auch einige jungereisenzeitlicher Datierung (z. B. Eisenpfeilspitzen und einige Bronzeobjekte), sie lassen sich jedoch stratigraphisch nicht klar zuordnen. Nach Ausweis dieser Funde ist der sog. Burgberg von Asva auch in jungeren Perioden sporadisch aufgesucht worden (Vassar 1955, 129; Lougas 1967, 82; Sperling 2006, 15 f., Taf. I).

5.1.1. Die Grabungen im West--und Sudteil--Asva A-D (R. Indreko)

Nach ersten Prospektionen (1931) wurde 1934 eine erste Kampagne im Nordwestbereich der Siedlung unter Leitung von Richard Indreko unternommen. Dabei wurde ein W-O ausgerichtetes Areal von 54 [m.sup.2] freigelegt. Dort wurden 325 Fundnummern verteilt. Im Jahre 1938 folgte dann ein weiterer Anschnitt am Westrand des Burgberg-Plateaus, die Sonda A (99 [m.sup.2]), die im Jahre 1939 am Abhang und Fusse sowie nach Norden (C) um ca. 45 [m.sup.2] erweitert wurde (Abb. 7). Hinzu kamen neue Schnitte im Suden der Flache (B, D), die den Verlauf des Sudwalls erfassen sollte. Insgesamt wurde von Indreko in den Jahren 1934, 1938 und 1939 eine Flache von 235 [m.sup.2] untersucht (mit insgesamt 1700 Fundnummern).

In allen Grabungsteilen wurden mehrere Siedlungsschichten erfasst. Im westlichen Wallbereich wurde unter den ersten 20 cm, i. d. R. stark pfluggestort, eine bis zu 50 cm starke, russ--und holzkohlehaltige Kulturschicht angetroffen. Diese enthielt Reste einer abgebrannten Wallkonstruktion und Teile einer Steinpflasterung aus Schieferplatten. Sie wird dem Siedlungshorizont des Burgbergs zugeschrieben (Indreko 1938, 1; 1939a; 1939b, 22, Taf. II). Von den tieferen Kulturschichten wird diese durch eine 'sterile' bzw. fundleere, im Wallbereich 30-60 cm starke, Strandkiesschicht getrennt. Sie wird als eine kunstliche Terrainbegradigung des Befestigungsabschnitts zu Zeiten der eisenzeitlichen Wallerrichtung interpretiert (Indreko 1938, 3, Abb. 2; 1939b, 5, 22, Taf. II). Unter dieser Zwischenschicht konnte im Bereich Asva A/C mindestens eine weitere Kulturschicht mit vielen Keramik--und Knochenfunden beobachtet werden. Sie wird als dunkel und russig beschrieben, enthalt ebenfalls Reste von Pflasterungen mit Kalksteinplatten und verkohlten Balkenresten (Indreko 1934, 1 f., Abb. 1b-c, 2). Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um das bronzezeitliche Schichtenpaket mit einem zwischenliegenden Brandhorizont, das von den Ausgrabern in den anderen Grabungsteilen von Asva angetroffen wurde.

In diesem Schichtenpaket wird eine untere Schicht nur knapp als starker und kompakter als die obige geschildert (Indreko 1938, 3; 1939a, 5; 1939b, 22). Schwierig bleibt die stratigraphische Trennung und Zuordnung der Baustrukturen, speziell der Balkenreste. Einige verkohlte Holzer werden im westlichen Randbereich der Sonda zusammen mit den mutmasslichen Resten einer Trockenmauer aus Kalksteinplatten festgehalten. Indreko vermutet darin Spuren einer alteren Besiedlungsphase (Haus oder Zaun), die offenkundig zerstort und an der gleichen Stelle durch eine Mauerung ersetzt bzw. erganzt wurde (Indreko 1939b, 22). Ob die Balkenreste tatsachlich der Siedlungsbegrenzung (Befestigung?) oder einem Wohnbau angehorten, lasst sich dem Befund nicht eindeutig entnehmen. Indreko sieht diese als Vorganger oder Erganzungsbau zur Trockenmauer. Bemerkenswert ist, dass in den anderen Grabungsteilen Asva E und F keinerlei Balkenreste dokumentiert bzw. uberliefert sind, was sich moglicherweise durch eine unterschiedliche Bodenerhaltung erklart. Bauholzer wurden zweifelsohne fur die Hausbauten verwendet, was sich im Befund in den Grundrissen und teilweise sichtbaren Pfostenlochern (Asva F) zu erkennen gibt. Fur die Errichtung von Balkenzaunen fur die Umgrenzung der gesamten Siedlung fehlt es indes an Belegen. Wie in Asva A/C lassen sich in den ubrigen Grabungsteilen Reste von Trockenmauerungen aus ortlich anfallenden Schieferplatten erkennen, allerdings erst in der steinreichen Phase Asva II (Abb. 7).

Mit zunehmender Tiefe nehmen die Gussformen zu, die sich verstarkt um die in der 1939er Grabung freigelegte Herdstelle (auch Giesserplatz) gruppieren. Wie im Grabungsteil Asva F auch, scheint hier die Metallverarbeitung zurzeit der altesten Phase (hier benannt: Asva I) stattgefunden zu haben. Genauere Beobachtungen zur Verteilung der Funde (Keramik etc.) auf die jeweiligen Siedlungsphasen blieben jedoch aus. Anhand der Stilmerkmale der Keramik und Gussformen datierte Indreko (1939b, 35 f.) die unteren Schichten in die jungere Bronzezeit, was seiner Auffassung nach dem 8. und 7. Jahrhundert v. u. Z. entsprache. Zu einem spateren Zeitpunkt sprach Indreko (1961, 417) von unteren, mittleren (beide spatbronzezeitlich) und oberen (alter--oder mitteleisenzeitlich) Schichten. Indreko vermochte eine grobe, dickwandige von einer dunnwandigen Keramik feiner, profilierter Machart zu unterscheiden, legte sich aber vorzeitig darauf fest, dass letztere, weil qualitatsvolle (u. a. mit Politur) auf die oberen Schichten verteilt gewesen sei. (28) Er erkannte zwar einige Gefassscherben der Henkelkeramik, in Stil und Technik an polnische Gruppen des Hallstatt-Kulturkreises erinnernd, als spatbronze--bzw. fruheisenzeitlich an. Er vermutete aber in der grossen Masse an Knickwandschalen eine jungere Periodenzugehorigkeit (Indreko 1939b, 35 f.).

Die Schnitte B und D im Sudwest--und Sudteil stellen Sondagen zur Klarung des Verlaufs von Wall--und Mauerkonstruktionen dar. Besondere Befunde haben sich dort nicht ergeben, dort wurden nur wenige Fundnummern verteilt. An einigen Stellen betragt die Starke der Kulturschicht 50-60 cm, z. T. sind auch Brandspuren und Steinmaterial nachweisbar. Mauer--oder Zaunstrukturen wurden dort keine erfasst.

Im Wallbereich von Asva A wurde Indreko zufolge unter den als bronzezeitlich angesprochenen Schichten noch eine weitere Kulturschicht, nur wenige Zentimeter dunn, ausgemacht. Sie soll unter dem Walllabschnitt nach Westen weitergelaufen sein und einige Knochen und etwas Keramik beinhaltet haben. Zu Art und Zahl der Funde aus dieser Schicht ist jedoch nichts zu erfahren, im Bericht werden auch keine Fundnummern erwahnt (Indreko 1939a, 10, Abb. 2 und 17).

5.1.2. Die Grabungen im Nordteil--Asva E (A. Vassar und M. Schmiedehelm)

Im Nordteil der Siedlung wurde in zwei Sommerkampagnen eine Flache von 129 [m.sup.2] untersucht. Die Fundausbeute ist reichlich, es wurden uber 2000 Fundnummern vergeben (mit uber 6600 Gefassscherben). Auch im Nordteil gibt es Spuren von Metallgussaktivitat mit einer hohen Zahl an Gussformen. In Asva E fehlt es an Funden der eisenzeitlichen Burgwallsiedlung, auch an Hinweisen auf eine Stein--oder Holzwallkonstruktion (wie in Asva A). Man mutmasste, dass der Nordsporn nach der Spatbronzezeit entweder nicht mehr besiedelt wurde oder die jungeren Siedlungsreste weggepflugt wurden (Vassar 1955, 116; Lougas 1967, 84; 1970a, 328 f.).

In den Berichten der Ausgraber ist von mehreren Bauphasen die Rede, die alle der Spatbronze--und Fruheisenzeit angehoren (Vassar 1948, 15 f., 22 f.; Vassar 1955, 116). Zunachst ist man auf einen mit Kalksteinen gepflasterten Horizont, stellenweise mit einer bis zu 40 cm starken Kulturschicht mit Brandspuren (Holzkohle--und Aschereste) gestossen, gefolgt von einer ca. 5 cm fassenden hellsandigen Zwischenschicht'. Darunter kam eine weitere Schicht zutage, von ahnlich dunkler Farbe und Konsistenz, aber intensiver und machtiger als die obere (Vassar 1948, 13 ff., 23). Trotz der Einsicht in die Schichtenfolge wurde nicht nach Schichten gegraben. Bereits zu Beginn der Grabungen gab sich am nordlichen und ostlichen Rand des freigelegten Areals eine aus Kalksteinplatten bzw. dessen Resten dicht gepackte, ursprunglich womoglich geschichtete Einfriedung zu erkennen, die jedoch als solche stehen gelassen wurde (Abb. 7). In der Folge hat man um die Trockenmauer herum gegraben, ohne Schnitt oder Profile in diesem interessanten Grenzbereich anzulegen. Erhalten blieb eine ungefahr halbmeterhohe Einfriedung, von der angenommen wird, dass sie in der alteren und jungeren Bronzezeitsiedlung bestand. Vassar vermutete eine nur kurzzeitige Unterbrechung der Siedlungstatigkeit, wahrscheinlich infolge eines Brandes, was eine Fundtrennung oder deren Zuordnung nach Schichten nicht moglich mache. Beobachtet wurde lediglich, dass in der alteren Schicht die Menge der Tierknochen deutlich zunahm (Vassar 1948, 6 f., 22; 1955, 116 ff.). Ein Hausgrund lasst sich aus den Steinlegungen nicht erschliessen. Interessant ist eine kreisformige Steinplattenstruktur, die vom Ausgraber mit der Metall--und Keramikverarbeitung in Verbindung gebracht wird.

5.1.3. Die Grabungen im Sudostteil--Asva F (V. Lougas)

Die letzte, zweijahrige Grabungskampagne in Asva (1965-1966) fand an der Sudostseite der Siedlung statt. Vello Lougas hatte sich zum Ziel gemacht, Verlauf und Bebauung der Siedlungsgrenze zu klaren und endlich Klarheit in die stratigraphischen Zusammenhange zu bringen (Lougas 1970a, 324). Es gelang ihm letztendlich auch, uber die Befunddokumentation zu verlasslichen Datierungsunterlagen zu kommen.

Im Sudostteil Asva F wurde die grosste zusammenhangende Flache dieser Siedlung untersucht (206 [m.sup.2]). Aus diesem Bereich stammen auch die fur die Chronologieproblematik relevantesten Funde. Besonders die Keramik ist in Asva F reichlich vertreten (ca. 14.000 Gefassscherben), darunter viel an Henkel--und Knickwandkeramik. Insgesamt wurden 1941 Fundnummern vergeben. Ein offizieller Grabungsbericht der 1965er-Kampagne ist im Tallinner Archiv nicht mehr auffindbar, erhalten sind indes die Plane und Profilzeichnungen. Es lasst sich also nur auf den schriftlichen Bericht von 1966 (und zugehorige zeichnerische Dokumentationen) zuruckgreifen. Lougas liefert auch in seiner Dissertation (1970a) eine eingehende Zusammenfassung aller seiner Grabungsergebnisse.

Letztlich gehen Lougas' Beobachtungen zur Siedlungsabfolge im Sudostteil Asvas mit denen von Indreko, Vassar und Schmiedehelm in den ubrigen Grabungsteilen konform. Seine Untersuchungen haben eine Aufeinanderfolge zweier spatbronzezeitlicher Wohnphasen aufzeigen konnen, die erst wahrend der Mittleren Eisenzeit von einer Neubesiedlung mit Wallaufschuttung uberlagert werden (Lougas 1966a, 10; 1967, 86 ff.). Sporadische Einzelfunde sind noch jungeren Alters, aber nicht direkt mit Befunden in Verbindung zu bringen.

Wie in fruheren Grabungen dokumentiert, wird die sog. Burgbergschicht durch eine kompakte Sterilschicht aus Strandkies vom zweifachen Besiedlungshorizont der Spatbronzezeit getrennt. Eine Brandschicht steht zwischen zwei Phasen mit jeweils zwei bzw. drei Wohnbauten, die sich zudem in Ausrichtung und Bauart (Stampf--und Steinfussboden) voneinander unterscheiden (Lougas 1966a, 27 ff.; 1970a, 334 ff.). Auf diese beiden bronzezeitlichen Siedlungsphasen verteilt sich reichlich Fundmaterial (u. a. Metallguss). Erst die Grabungen in Asva F haben eine ausreichende Informations--und Arbeitsgrundlage fur Untersuchungen zu Siedlung und Handwerk der Bronzezeit in Estland geschaffen.

5.1.4. Siedlungsabfolge--Asva F

Die Stratigraphie der Siedlung, insbesondere deren Hiatus, markiert durch einen Brandhorizont, und deren Neubebauung innerhalb einer keramischen Stilperiode hat Lougas mit seinen Grabungen in der Sonda F dargestellt und beschrieben (1970a). Die dort festgehaltenen Beobachtungen bildeten fur Sperling (2006) die Grundlage fur den Versuch, die verschiedenen Fundgruppen (Gefasskeramik, Giesserfunde, Knochen--und Geweihgerate u. a.) ihren stratigraphischen Kontexten nach zuzuordnen und zu untersuchen. An dieser Stelle soll ein Uberblick uber die stratigraphischen Zusammenhange der Siedlung prasentiert werden.

Lougas (1970a, 331 f.) verweist auf die zwei Belegungsphasen der Spatbronzezeit, die auch in den Grabungsteilen Asva A und E beobachtet wurden. Demnach scheint es in allen untersuchten Siedlungsteilen im Zuge der Unterbrechung und Neubesiedlung keine gravierenden Umbauten gegeben zu haben. Zwar zeichnen sich die Wohnbauten im archaologischen Befund der Grabungsareale im Westund Nordteil nicht klar als solche ab, allerdings konnte dort nachgewiesen werden, dass Feuerstellen uber beide Siedlungsphasen hinweg weitergenutzt wurden. Nur Form und Grosse der Herdplatze wurden leicht verandert, etwa durch Steinkonstruktionen erganzt.

Uberall steht der Siedlungsabbruch (Asva I) mit einem Brandhorizont in Verbindung, welcher an einigen Stellen wiederum durch sog. Zwischenschichten aus Lehm oder Kies uberlagert wird. Allerdings, so stellt Lougas fest (ebd.), kann die Pause zwischen den beiden Phasen keine allzu lange gewesen sein. In dem von ihm untersuchten Grabungsteil Asva F wurden abermals zwei spatbronzezeitliche Bauphasen beobachtet, wieder wurde die Siedlungsunterbrechung durch eine Brandschicht und kunstliche Erd--und Lehmaufschuttungen markiert. Die Befunde waren dort allerdings besser als in den ubrigen Grabungsteilen erhalten und strukturiert. Vielversprechend fur die Dokumentation sind die Wandverlaufe, Pfostenspuren und Steinpflasterungen (der Fussboden). Erstmals wurden in Asva die Konturen und Ausrichtungen verschiedener Hausbauten sichtbar.

Asva ist der einzige Fundplatz unter den estnischen Bronzezeitsiedlungen mit einer im Grossen und Ganzen gut nachvollziehbaren Siedlungsabfolge (inkl. Abbruch und Neubau), wenn auch viele Unklarheiten in Bezug auf einige Befunde, etwa Art und Struktur der Begrenzung bzw. Einfriedung, geblieben sind. Massnahmen kunstlicher Befestigung werden Lougas' eigenen Erkenntnissen erst in Zeiten der mitteleisenzeitlichen Burgwallerrichtung sichtbar. Worauf indes die angesichts der Befundsituation ungerechtfertigte Kategorisierung der Siedlungsphasen Asva I und II als 'befestigt' grundet, dies wird an keiner Stelle so recht deutlich. Die Idee und Uberzeugung bezuglich der Verteidigungsdisposition erwachst vielmehr aus dem Denken, auch aus der zeitgeistlichen Stromung der Forschung, dass Asva in ihrem mutmasslichen Status einer bronzezeitlichen Mittelpunktsiedlung zwangslaufig ein Wehrcharakter zugekommen sein musse. Die moderate Dimension der kunstlichen Begrenzungsmassnahmen, die Bronzezeitsiedlung war lediglich durch eine leichte Trockenmauer umfriedet, entspricht jedoch nicht dem Bild einer sog. befestigten Siedlung--auch nicht im Sinne symbolischer Machtdemonstration. Desweiteren entbehrt die periodische Trennung in Spatbronzezeit (nach Lougas Asva I) und Fruheisenzeit (Asva II) jeglicher Beweisgrundlage, doch auch dazu an spaterer Stelle mehr (Kap. 9).

Das was die Untersuchungen am Grabungsteil Asva F so interessant und hilfreich fur Einblicke in die bronzezeitliche Siedlungssituation macht, ist die dokumentierte Abfolge zweier auf den ersten Blick unterschiedlicher Wohnphasen. Die dichte Schichtenabfolge und das reichhaltige Keramikmaterial bezeugen Entwicklungen, die in einem kurzen Zeitraum stattgefunden haben mussen, denn das keramische Fundgut bewegt sich im gleichen Stilhorizont. Zu den nennenswerten Neuerungen der Siedlungsgeneration nach einer mutmasslichen Brandkatastrophe gehort die erstmalige Verwendung des ortlichen Kalksteins als Baumaterial und die Einstellung der vormals intensiv betriebenen Metallverarbeitung (Bronzeguss). Ansonsten sind Wohn--und Wirtschaftsweise von keinerlei gravierenden Umgestaltungen betroffen, ein echter Bruch im bronzezeitlichen Siedlungswesen tritt erst mit der Aufgabe der Siedlung Asva II ein.

Kurz sei auch die von Lougas (1970a, 325) erwahnte Schicht der offenen, 'unbefestigten' Erstbesiedlung von Asva angesprochen, deren Spuren und Reste jedoch nur im Westteil von Asva (1934; A/C) in Form einer wenige Zentimeter dunnen Kulturschicht zum Vorschein kamen. Im dortigen Grabungsprofil ist zu sehen, wie diese unter der bronzezeitlichen Siedlungsgrenze auslauft. Datierende Funde aus dieser Schicht wurden keine dokumentiert, auch wenn Gefassscherben und Knochenfunde erwahnt werden (siehe oben). Unter den Siedlungsfunden von Asva (alle Grabungsteile) sind vereinzelte Gefassscherben 'epineolithischer' Machart (u. a. schnurverziert), vermutlich sekundar verlagerte und einer Vorgangerbesiedlung an diesem Platz zugehorig. Lougas' zeitliche Einordnung seiner sog. Phase III (Beginn 1. Jahrtausend v. u. Z.; 1970a, 325) hangt offensichtlich mit einigen Knochenartefakten aus Schichtenzusammenhangen von Asva I und II zusammen. Dazu gehoren sog. Doppelknopfe und Nadeln, die in ihren Formen nach an Nordische Metallobjekte der Montelius-Periode IV erinnern und, so Lougas, diesen nachempfunden seien. Da sich die ubrigen, stratigraphisch fixierten Fundgruppen von Asva I (v. a. Keramik, Giesserfunde) mit dieser Fruhdatierung nicht recht vereinen lassen, wurde Lougas offensichtlich genotigt, die Lebensdauer der Siedlung etwas zu 'strecken'. Die schnurverzierten Keramikscherben indes finden keine plausible Berucksichtigung in Verbindung mit der bezuglich ihres Alters fraglichen Vorgangerphase. Auf die Problematik der chronologischen Einordnung der Knochengerate wird an anderer Stelle naher eingegangen (Kap. 9). Im Folgenden soll die Siedlungsstratigraphie von Asva an den Ergebnissen der Lougasschen Grabungskampagne erlautert werden (Abb. 8).

5.1.4.1. Asva F: Hauserhorizont A/C/E (Asva II)

Der Grossteil der uber die Kalksteinplatten sichtbaren Hausstrukturen wurde wahrend der 1965er Grabungskampagne freigelegt. Leider fehlt der schriftliche Bericht zu den dort stattgefundenen Arbeiten, so dass in der Bewertung und Deutung der Befunde nur die zeichnerischen Dokumentationen (Zeichnungen der Plana und Profile) und der Bericht der Kampagne des Folgejahres (1966) befragt werden konnen (Lougas 1965, Plan 12-13; auch Lougas 1970a, mit Planen).

Lougas berichtet, dass bereits zu Beginn der Arbeiten in Asva F, nach Abtrag des oberen pfluggestorten Horizonts (Burgwallphase), den Resten der Wallaufschuttung und der sterilen Kiesschicht, bereits ab 35-40 cm Tiefe (von Feldkante) kleinere und grossere Steinplatten, sorgfaltig gelegt und viele in situ, zum Vorschein kamen. Der Form und Ausdehnung der regelrecht gepflasterten Schieferplatten nach zu urteilen, handelte es sich um die Reste von Fussboden mindestens zweier West-Ost ausgerichteter Wohnbauten. Die reichlich auftretende Keramik, darunter solche von grober, dickwandiger Machart mit Grubchenmuster, Besenstrich und Textilabdrucken an der Oberflache sowie einigen Knickwand--und Hangegefassen mit Griffknubben, entsprach dem spatbronzezeitlichen keramischen Fundspektrum aus den anderen Grabungsteilen von Asva (Lougas 1970a, 333 f.).

Uber die freigelegten Steinplatten konnten einige Wandverlaufe erschlossen werden, zu mindestens zwei rechteckigen Hausboden gehorig. Im Nordwestteil (13-14/q-s) waren ca. dreissig, annahernd rechteckformige Kalksteinplatten, die meisten mit Massen von 40-60 cm mal 20-30 cm, langs west-ostlich ausgerichtet und ergaben eine Struktur von ca. 4 m in der Lange und 2 m in der Breite. Lougas bezeichnete diesen Befund als 'Hausgrund A'. In der 1966er Kampagne wurde die Grabungsflache nach Osten hin erweitert und in ca. zwei Metern Abstand eine weitere Pflasterung erschlossen, die mit 'C' bezeichnet wurde. Die Steinbodenlege von A schien in einigen Teilen gestort gewesen zu sein, erhalten war aber in ihrer Sudostflanke (13-14/s) eine annahernd quadratische Steinpackung, die vom Ausgraber als Reste einer Turschwelle gedeutet wurde (Lougas 1970a, 332, Taf. 93; Jaanits et al. 1982, 172, Abb. 110). In der Grundstruktur ergabe sich fur den Befund A ein rechtwinkliger Langsbau von ca. 16 [m.sup.2] Flache, also mit ausgesprochen kleinen Ausmassen. Lougas hielt es fur moglich, dass die Reste der Steinboden A und C ursprunglich ein und demselben Wohnbau angehorten, zumal deren sudliche Wandverlaufe in einer Flucht liegen. Die ca. 1,5 m breite Lucke zwischen den Steinplatten konne auf eine spatere Storung zuruckgehen und der Befund A/C ein Langhaus ergeben. Zu den Ausmassen, der Art und Konstruktion dieses ca. 12 m in der Lange messenden Baus wird sich aber nicht weiter geaussert. Wegen der fehlenden Pfostenfarbungen im Befund kann uber die ursprungliche Ausrichtung und Konstruktion des Hauses nur gemutmasst werden. Dennoch spricht trotz der geringen Flache des mit A bezeichneten Hausgrunds nichts gegen eine Deutung als Einzelbau. Zumindest lassen sich in der raumlichen Verteilung der Keramik unterschiedliche Gebrauchs--und Aktivitatszonen ablesen, hinter denen sich eventuell getrennte Haus--bzw. Wohnbereiche verbergen (siehe Kap. 8.1.1; Sperling 2006, 95 f., Abb. 27).

Im Sudteil von Asva F kam ab einer Tiefe von 70-80 cm reichlich Steinmaterial zum Vorschein (Abb. 9). Auf einer Flache von ca. sechs mal sechs Metern befinden sich viel Steinbruch und, darunter sind auch einige grossere Kalksteinplatten wie in den Befunden A und C, einige vermutlich gestort oder verlagert. Es ist wegen der Kompaktheit und Dichte der Steine in diesem Bereich anzunehmen, dass sich auch dort ein Haus befand. Zumindest ergibt sich aus der Verteilung einiger Feldsteine und einiger senkrecht im Boden stehender Schieferplatten mutmassliche Wandkonturen. Auch Lougas (1970a, 333) vermutete hierin die Reste eines mit Steinen ausgelegten, rechteckigen Hausbodens. An dieser Stelle, unter der Steindecke des Hauses E (Abb. 10), kamen die gut erhaltenen Reste eines Vorgangerhauses zutage, begleitet von reichlich Keramik und Gussformen (sog. Giesserhaus B).

Weniger eindeutig im Befund niedergeschlagen als die Steinfussboden einstiger Hausbauten haben sich die Umrisse der den Siedlungsabschnitt begrenzenden Mauer. Die Reste einer 1,3-1,5 m breiten Trockenmauer aus Schieferplatten kamen bereits in Asva A und E zum Vorschein. Dort fallt allerdings die stratigraphische Zuweisung zu den Siedlungsphasen schwer, weil sich der Mauerstreifen im Befund nicht immer als solches zu erkennen gibt bzw. in den Zeichnungen nicht von den angrenzenden Steinstrukturen (Bodenpflasterung) zusammenlauft (Asva A). Im Nordteil (Asva E) wurde die Steinmauer, den Befund--und Profilzeichnungen nach zu urteilen, offensichtlich stehen gelassen. Man hat in der Folge (1949er Kampagne) nur in deren Innenbereich gegraben. Man kann also nur die nicht uberprufbaren Bemerkungen der Ausgraber zur Kenntnis nehmen, wonach die Mauerzuge auf dem anstehenden Boden grunden und verschiedene Bauphasen erkennen lassen sollen. (29)

Im Grabungsteil Asva F konnte Lougas ebenfalls die Fundamentreste einer solchen Siedlungsbegrenzung beobachten. In Umrissen lasst sich aus der Anordnung der Kalksteinplatten ein Mauerzug von 1,5-1,7 m Breite ablesen, dem naturlich vorgegebenen Verlauf der Gelandekante folgend (Abb. 9). Er bestand nur teilund ansatzweise, weil er vermutlich von spateren, burgwallzeitlichen Eingriffen und Umbauten gestort wurde (Lougas 1970a, 357 f.). Aus den Befundzeichnungen und Profilplanen geht indes hervor, dass die steinerne Umfassung nicht von Beginn an, d. h. mit der Phase Asva I, bestanden haben kann. Auch stellte Lougas fest, dass sie im Ostteil den Bereich des im Befund (Stampfboden, Brandreste) gut sichtbaren Wohnbaus D schneidet. Brand--und Kulturschicht des Hauses verlaufen sichtbar unterhalb der Steinmauer nach Osten weg, der Steinzaun (kivitara) kann folglich erst in der nachsten Siedlungsperiode errichtet worden sein (1970a, 337; siehe unten). Daraus liesse sich nur schlussfolgern, dass Asva nicht in allen Phasen der Besiedlung und nicht von allen Seiten umfriedet war. (30)

5.1.4.2. Asva F: Hauserhorizont B/D (Asva I)

Nach Abtrag der Steinpflasterung (Haus E) kam noch im Grabungsjahr 1965 der Hausgrund B mit Resten eines Giesserplatzes zutage. Der mit B benannte Befund konnte indes erst im Folgejahr vollstandig untersucht werden. Unter der dunnen Brandschicht kamen Huttenlehm und grosse Mengen an Keramik und Gussformen zum Vorschein. Steine wurden mit zunehmender Grabungstiefe immer weniger. Im nachsten Planum, unter der Steindecke und der partiell auftretenden Lehmdecke, hob sich durch seine Dunkelfarbung ein rechteckiger Hausgrund vom helleren, anstehenden Boden ab (Abb. 11). An einigen Wand--und Eckbereichen sind im Planum dunkle, mutmassliche Pfostenfarbungen sichtbar, die aber nicht untersucht oder dokumentiert wurden. Die Wandverlaufe werden an einigen Stellen von langlichen Lehmeintragen und Granitsteinen begleitet. Somit werden die Umrisse eines ca. sechs mal vier Meter in Lange und Breite messenden, West-Ost ausgerichteten Hauses gut sichtbar. Lougas beschrieb den festen und dunkelbraun-schwarzlichen Boden als eine Art Trampelschicht (Lougas 1966a, 25). Im Hausinnern kam eine Herdstelle mit Lehmboden und Lehmmantel zutage sowie zahlreiche gebrannte Huttenlehmstucke. Die Ostwand liegt jenseits der Grabungsgrenze, doch hat es den Anschein, dass mindestens zwei Drittel des langlichen Rechteckbaus erfasst wurden. Auf den sudlich des Hauses B vorgelagerten Bereich mit reichlich Spuren von Metallgusstatigkeit wird an spaterer Stelle detaillierter eingegangen.

Ein anderer, mit D bezeichneter Hausgrund kam 1966 nach Abtrag der zum Hauskomplex C gehorigen Steindecke zutage. Grosse Teile des in einem Brand zerstorten Wohnbaus wurden von einer kompakten Lehmschicht (14-15/o-a), eine Flache von ca. 10 [m.sup.2] einnehmend, uberlagert. Im Nordprofil (Abb. 12) sind die wohl zum Zweck der Planierung aufgetragene, bis zu zwanzig Zentimeter dicke Lehmschicht und der darunter liegende asche--und holzkohlehaltige Brandhorizont gut erkennbar. Diese 10-15 cm dicke Brandschicht trat direkt unter der ostlichen Seite des Hauses C ab einer Tiefe von 130 cm (vom Festpunkt) in Erscheinung. Die Keramik aus dieser Schicht zeigt starke Brandspuren (Lougas 1966a, 28). Im Planum sind mehrere Asche--und Holzkohlenester verstreut, einige rundliche Einfarbungen konnten von Wandpfosten (Giebelwand?) herruhren. Im Westteil des Planums sind lose verteilte Kalksteinplatten eingetragen, die offensichtlich der jungeren Siedlungsphase angehoren (Einfriedung). (31) Auch bei dem Hausgrund D handelt es sich um einen gestampften Erdfussboden (Lougas 1966a, 31) mit den Haus B ahnlichen langsrechteckigen Konturen in West-Ost Ausrichtung. Die einstigen West--und Sudwande werden durch einige grossere Schieferplatten flankiert, die mit dichtgepackten kleinen Kieseln und Steinschutt Reste eines mutmasslichen Pflasterwegs und Eingangsbereichs darstellen (vgl. Haus B). Die Lage der von der Grabungsgrenze abgeschnittenen Ostwand ist nur annahernd lokalisierbar. Immerhin liesse sich aus den Umrissen des Erdfussbodens ein vergleichsweise grossflachiger Wohnbau rekonstruieren, mit Massen von ca. 4 x 6-8 Metern. Huttenlehm und Hinweise auf Metallguss gab es im Bereich von Haus D keine.

5.1.4.3. Brandnachweise

Die gute Erhaltung der Hausstrukturen und der Siedlungsfunde, z. T. in geschlossenen archaologischen Kontexten, gehen grosstenteils auf deren Konservierung durch die Brandschichten zuruck. In den Ausgrabungsberichten fur Asva F wird eine zentimeterdicke Schicht mit Holzkohle, Asche und stark feuer--bzw. hitzegeschadigter Keramik erwahnt, welche der Siedlungsphase der Hauser B und D angehort. Besonders im Ostteil von Asva F, eine Flache von uber 35 [m.sup.2] einnehmend, werden die Brandschaden sichtbar (Lougas 1965, Plan 13-14; 1966a, 25 f., Plan 9). In der Kartierung von eindeutig intensivem Schadfeuer ausgesetzter Gefasskeramik (blasige, geschwarzte Oberflache) im Grabungsteil Asva F kommt eine raumliche Konzentration im Mittelbereich des Hauses D zum Vorschein. Eine weitere Verdichtung der Keramikscherben mit sekundaren Feuerschaden gibt es im Haus B (Abb. 13).

Auch die Hausbauphase A/C/E (Asva II) soll von einem Schadfeuer betroffen gewesen sein, Brandspuren sind dort vereinzelt nachgewiesen. Aus einem Holzkohlenest des steingepflasterten Hauses E, es soll sich um Reste verkohlter Pfosten handeln, wurden vom Ausgraber Proben fur [sup.14]C-Datierungen entnommen (Lougas 1966a, 3 f.; 1970a, 346).

Im Grabungsteil Asva A hat der Brandschutt die Reste verkohlter Balkenbauten konserviert (Indreko 1938, 4, Abb. 4; 1939b, 3 f., Abb. 1) und im Nordteil E wurde ein hoher Anteil an Ascheresten und Holzkohle, ebenfalls in der alteren Siedlungsphase (wie Asva F), bemerkt (Vassar 1948, 8, 13, 18 f., 23 f.). Es hat demnach den Anschein, dass die ganze Asva-Siedlung mindestens einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel.

5.2. Ridala

Der Fundplatz liegt ca. funf Kilometer nordlich von Asva auf dem gleichen Moranenzug. In der Spatbronzezeit wird diese Landerhebung zu ca. zwei Dritteln von Wasser umgeben gewesen sein. Heute ragt das Siedlungsplateau (ca. 4000 [m.sup.2]) noch anderthalb Meter im Gelande hervor. Die archaologischen Untersuchungen, insgesamt drei Grabungskampagnen, konzentrierten sich auf den westlichen und ostlichen Grenzwall (Abb. 14). Alles in allem kann nur ca. ein Zehntel der Anlage als erforscht gelten (insgesamt 435 [m.sup.2] Grabungsflache). Bemerkenswert sind die Untersuchungsergebnisse, zumal aus Ridala fast ausschliesslich Siedlungsfunde der Spatbronzezeit und Befunde einer interessanten Doppelpalisade zutage kamen. Doch ist die Grabungsdokumentation sparlich und mangelhaft, ein offiziell verfasster Bericht zu den Untersuchungen liegt nicht vor. Zeichnungen der Plana und Profile gibt es, nur sind diese lediglich mit Hilfe der handschriftlichen Tagebuchnotizen der Ausgraber auswertbar. Zwar sind die Palisadenstrukturen in der Literatur wiederholt erwahnt und diskutiert worden. Eine kritische Reflektion der verfugbaren Fakten zur archaologischen Befundaufnahme und--situation hat bislang noch nicht stattgefunden. Im Zuge der Vorarbeiten dieser Untersuchung, d. h. der Sichtung der Materialien und Aufzeichnungen, ergab sich, namlich die Siedlungsabfolge und Palisadenbauten betreffend, ein gewisser Diskussionsbedarf. Im Folgenden sollen in Kurze die Befunde (Palisaden, Wohnbauten) vor dem Hintergrund ihrer Entstehungsprozesse vorgestellt werden.

In Ridala hat man Reste von Palisadenkonstruktionen festgestellt. Eine derartige Befestigungskonstruktion, insofern es sich tatsachlich um solche handelt, ist bislang im gesamten nordlichen Ostbaltikum dieser Zeitperiode und daruber hinaus einzigartig. Unter den bekannten und untersuchten Siedlungen der Spatbronzeund Fruheisenzeit Lettlands sind zwar mehrere Wallanlagen und Palisadenbauten, doch sind diese nicht direkt mit denen von Ridala vergleichbar. Was den hiesigen Fall besonders hervorhebt, sind besonders zahlreichen Pfostengruben, die sich im Grenzbereich der Siedlung in einer Art Kranz um die Siedlung ziehen und deren Funktion bislang nur in Ansatzen diskutiert wurde. Der Befestigungscharakter Ridalas und zahlreiche Pfeilspitzenfunde gaben bereits fruh Anlass zur Hypothese, die Siedlung konnte akuten Bedrohungen von ausserhalb ausgesetzt gewesen sein und ihr Ende letztendlich in einem Angriff oder Uberfall gefunden haben. Die Thematik vom Uberfallszenario und der fortifikatorischen Disposition der Siedlung wurde an anderer Stelle ausfuhrlicher diskutiert (Sperling & Luik 2010).

Wie bereits erwahnt, lasst sich in der Interpretation der Grabungsbefunde von Ridala (Palisaden, Hauser) auf keine Grabungsberichte zuruckgreifen. Bei der Erorterung und Deutung der Befundlage sind zumindest die Zeichnungen und Skizzen der archaologischen Befunde hilfreich. (32) Einige Ergebnisse der Kampagnen 1961-1963 wurden von H. Moora vorgestellt, und zwar im Rahmen der Uberblicksdarstellung zum damaligen Forschungsstand zu den sog. Burgbergen im Ostbaltikum (1967). Moora fugt seinem Artikel auch einen Grabungsplan von Ridala A und B bei. Dort sind die Pfostengruben, Steinstrukturen und Brandstellen mitsamt den Hohenlinien des Siedlungsgelandes vom sog. Burgberg eingetragen (Abb. 15). Die Bodenverfarbungen der Pfosten (dort schwarz markiert) lassen klare in Fluchten von NO nach SW verlaufende Doppelreihen erkennen. Fur den Grabungsteil Ridala A sind 28 Pfostengruben dokumentiert, fur das flachenmassig grossere Areal Ridala B ca 53. Die auf diesem Plan ebenfalls eingetragenen Bebauungsspuren (Herde, Steinplatten) im Innenbereich der Pfostenreihen zeigen, dass der Charakter der Siedlungsbegrenzung nicht nur ein rein fortifikatorischer gewesen sein mag. Zudem weisen die Wohnbauten und Siedlungsreste von Ridala A und B untereinander signifikante Eigenheiten und Unterschiede auf, die erst noch erortert werden mussten. In den Grabungstagebuchern von Kustin und Vassar finden sich nur wenige Kommentare zum Verlauf der Pfostenreihen im Gelande.

5.2.1. Die Palisaden

5.2.1.1. Ridala A

In der Ersterwahnung der Pfostenanlagen durch H. Moora ist von zwei Umzaunungen die Rede (Moora 1967, 68). Es gibt eine innere und eine aussere Wand, getrennt durch einen 5-6 m breiten Zwischenabstand. Der bogenformige Verlauf orientiert sich am Rand des Siedlungshugels, entlang der Landerhebung. Moora vermutete, dass die Pfosten sowohl zu 'Umzaunungswanden' als auch zu ehemaligen Wohnbauten gehorten, welche sich anhand von Herdstellen und Pflasterungen von Kalksteinfliesen zu erkennen geben (Abb. 16-17). Auf den Sinn und Zweck dieser merkwurdigen, doppelten Pfostenkonstruktion wurde aber nicht weiter eingegangen.

Von der Existenz einer Siedlungsbefestigung zeugen einzig und allein die wahrend der Ausgrabung gut erhaltenen und sichtbaren Pfostenlocher, und zwar in den beiden Siedlungsarealen. Insgesamt belauft sich die Zahl der leider nur unzureichend dokumentierten Gruben auf uber 80. Von Balken oder Holzschalenwanden eines mutmasslichen Palisadenbaus sind keine erhalten.

Verlauf und Anordnung der Pfosten sprechen fur eine systematische Planung und Ausfuhrung der Siedlungsbegrenzung. In Ridala A sind ca. 28 solcher Gruben ausgemacht worden. Leider wurde die Dokumentation dieser vernachlassigt, so dass die meisten nur im Planum zeichnerisch erfasst wurden. Profilschnitte durch diese Gruben und begleitende Beschreibungen liegen, bis auf zwei Ausnahmen, sonst keine vor. Wie aufschlussreich allerdings die Aufnahme samtlicher Gruben gewesen ware, zeigen jene beiden Pfostenbefunde (Abb. 18). Sowohl im Durchmesser als auch in der Tiefe sind diese voneinander ganzlich abweichend und hinweisgebend auf die Grosse und Beschaffenheit der jeweils verwendeten Pfostenholzer. Ein U-formiges, trichterartiges Profil mit kaum ausgepragtem Boden zeugt von einem ca. 20-30 cm dicken und leicht angespitzten Stamm. Die andere dokumentierte Pfostengrube ist ca. 60 cm breit, kesselformig und vergleichsweise flach in den Boden eingetieft. Beide Pfosten zeugen also von sehr unterschiedlicher Gestalt und Funktion, wobei nicht festzustellen ist, wo diese im Haus--oder im Palisadenbau eingesetzt wurden.

Auch aus der Verteilung der Pfostengruben im Gelande lassen sich gewisse Strukturen erkennen. Im Ostteil von Ridala A sind diese in zwei parallelen Reihen, in Richtung SW-NO, angeordnet. Die Pfosten jeder Reihe sind mit Abstanden von 2 m auf die gegenuberliegenden ausgerichtet, ergeben bei Verbindung aneinandergereihte rechteckige Strukturen. Die Anordnung der Pfosten ist demnach nicht zufallig, sondern systematischer Natur mit zwei Wandverlaufen und zwischenliegenden, fast quadratischen Kammern. Im Westteil, ungefahr in 6 m Distanz zu dieser Doppelreihe, sind weitere Pfostenreste aufgetaucht, wieder in Reihen nach NO verlaufend. Die Anzahl der erkannten Gruben in diesem Bereich ist kleiner und unregelmassiger, scheint jedoch einen ahnlich doppelten Wandaufbau anzudeuten. Der Abstand zwischen den Pfostenreihen ist grosser (ca. 3 m).

Interessant ist die Pfostensetzung im nordostlichen Teil von Ridala A. Dort sind 7 Gruben zu 3 und 4 Reihen in einer Art Korridor angeordnet, der den besagten Wandverlauf unterbricht und diagonal kreuzt. Es hat also den Anschein, es konnte sich an dieser Stelle um eine Offnung der Begrenzung handeln, um ein Art Tor womoglich. Denkbar ware eine Passage oder ein Einlass, zumindest wurden sich so der dichte Aufbau der Pfosten und deren Ausrichtung erklaren. Vom defensorischen Standpunkt her betrachtet ware der Zugang an diesem Platz sinnvoll, da der Knickverlauf der Begrenzung den sich der Siedlung Nahernden zwingt, die Pfostenwand mit seiner rechten, ungeschutzten Seite zu umlaufen. Leider bleibt diese Deutung hypothetisch, weil sich der Befund im Bereich der Grabungsgrenze befindet.

5.2.2. Ridala B

Diese besagten Pfostenreihen sind in Ridala B noch klarer zum Vorschein getreten. Die Mehrzahl der 53 Pfostengruben verteilt sich in ziemlich deutlicher Regelmassigkeit auf funf Reihen (so auch Lougas 1970a, 351), vier davon durchziehen die ganze ergrabene Flache (Abb. 19). Davon gruppieren bzw. paaren sich jeweils zwei Reihen solcher Gruben im inneren Bereich, also im nordwestlichen Teil der Flache. Die drei ubrigen Pfostenstrange umlaufen die aussere Siedlungsgrenze (Sudosten der Flache), wobei die ausserste (dritte) Reihe von einer langlichen, streifenartigen Steinsetzung unterbrochen wird. Was die Doppel--bzw. Dreifachreihen wiederum auszeichnet, ist deren Paarigkeit der Pfosten (wie in Ridala A). Jeder Pfostengrube einer Reihe ist im Abstand von ca. 2 m eine weitere, unmittelbar gegenuberliegende zugeordnet. Die Intervalle zwischen den Pfostenpaaren des ausseren Strangs sind grosser, bis zu 4 m, als jene des Inneren (ca. 2 m). Bei Verbindung der entsprechenden Pfostenpaare ergibt sich eine zweifache Kettenstruktur aus rechteckigen Gliedern, die sich schienenartig um das Siedlungsinnere herum und an der Terassierung entlang zieht. Bemerkenswert ist der nur von einigen unregelmassig verteilten Pfosten gesaumte Innenraum, der beide Postenwande in einem Abstand von ca. 6 m trennt. Dort verteilt sich ein Grossteil der Siedlungsfunde und einige Feuer--und Herdstellen.

Die Ausmasse der Pfostengruben schwanken zwischen 20 und 40 cm, sie wurden allerdings nicht alle in einem Zuge oder in einem Tiefenniveau aufgenommen und dokumentiert. Wie im Ostteil A fehlt es an Einmessungen und Zeichnungen der Pfostengruben, bis auf einzelne Ausnahmen gibt es keine Profildarstellungen der Pfosten. Dieser Umstand schrankt die Beurteilung der gesamten Anlage enorm ein. Dass es sich jedoch mit Sicherheit um Pfostengruben handelt, geht aus der Beschreibung ihrer Gestalt und ihres Inhalts im Grabungstagebuch und aus den zeichnerischen Farbdokumentation hervor. Meist ist aus den Berichten nur zu erfahren, dass es sich um Pfostengruben mit vertikalen oder schragen Wanden handelt. In Ridala B wird allerdings ausdrucklich auf Besonderheiten bezuglich der Lage und Ausrichtung der Pfosten hingewiesen. Mindestens zwei im Bereich der sudlichen Wandreihe (7/i NW; 8/j) werden als schrag eingetieft beschrieben. Demnach sollen diese deutlich nach innen geneigt haben, d. h. in Richtung NW (Vassar 1963, 28). Die Lage und Stellung dieser Schragpfosten konnte auf deren besondere Stutzfunktion an der Aussenwand weisen.

In der Profildarstellung der nordostlichen Grabungsgrenze von Ridala B ist der innere Pfostenkranz erfasst. Beide Pfosten mit einem Zwischenabstand von zwei Metern sind gut sichtbar und bis zu 50 cm tief unter der braunlich-humosen Kulturschicht im anstehenden Moranenboden eingebracht (Abb. 20).

5.2.3. Aufbau und Zusammensetzung der Palisaden

Aus dem Verlauf der Pfosten im Gelande und ihrer Beziehung zueinander geht mit grosser Wahrscheinlichkeit hervor, dass diese zu einer die Siedlung umlaufenden und begrenzenden Anlage gehorten. Zu solch einer Konstruktion, die zunachst nur fortifikatorischen Charakter bedeutet haben kann, sind bis auf die Pfostengruben allerdings keine weiteren Befunde oder Indizien erhalten. Es gibt laut Fundbericht keine Hinweise auf etwaige Pfosten, Balken oder Wandreste. Wie sich zeigt, sind es vor allem die letzteren, die den eigentlichen Anteil an erhaltenen Holzresten (mit Verkohlungen etc.) ausmachen (siehe unten). Von etwaigen Palisaden, Umfassungswanden oder dergleichen zeugen einzig und allein die Pfostengruben.

In der Literatur gibt es zur Ridala-Siedlung und dem eigentlichen Aufbau sowie der technischen Ausfuhrung der Pfostenanlage nur sehr allgemeine Beschreibungen. V. Lougas (1970a, 352 ff.) ist von einer zweifachen Balkenwand ausgegangen (estn. kahekordne puutara; palktara). (33) Demnach sollen die Pfosten eine zweischalige Mauer aus Holzbrettern o. a. gestutzt haben. Im Westteil B befindet sich jenseits der ausseren Pfostengruppe, entlang der Hanglange, ein ca. zwei Meter breiter Streifen von Steingeroll. Diese Kalksteintrummer seien Lougas zufolge entweder als 'Steinversturz' des ehemaligen Palisadenzauns zu deuten (ebd., 353 f.) oder sind ihrerseits Reste eines weiteren Walls, der den Holzzaun einst erganzte oder verstarkte. Eine Steinmauer solle also die ausgebaute oder verlagerte Partie des Umfassungszauns dargestellt haben (siehe auch Lougas & Selirand 1989, 202). Ridalas Befestigungsanlage konne demnach ebenso gut mehrphasig gewesen sein.

Hierbei ist anzumerken, dass man sich bislang einzig und allein auf die von Moora (1967) abgebildeten Plane der Grabungsareale bezogen hat. Dort hat man ausgewahlte Befunde bestehend aus Pfostengruben, Herdstellen und Steinsetzungen hervorgehoben und im Wesentlichen vereinfacht.

V. Lang hat das Palisadenproblem erneut erortert. Auch er vermutet eine Schalenwandkonstruktion mit 1,5-2,5 m breitem Zwischenraum sowie Pfosten der Vorder--und Ruckwand verbindende horizontale Querbohlen. Auch sei davon auszugehen, dass der Zwischenraum der Schalenwande mit Erde und Steinen gefullt war. Die Steinhaufung am SO-Rand der Siedlung kame als sekundar verlagertes) Fullmaterial in Frage, nicht jedoch als eine separate Steinmauer (nach Lougas' Theorie) (Lang 2007b, 64 ff.). Alles in allem wird fur Ridala von einem ansehnlichen Holzbau ausgegangen, mit Wehrgang oder einer Brustwehr und bis zu drei Meter hohen Aussenwanden. Beispiele fur ahnliche Konstruktionsprinzipien in Palisadenbauten werden aus anderen Siedlungen der Nachbarregionen angefuhrt (BrikuIi, Mukukalns, Kivutkalns, Narkunai und Sokiskiai), doch gibt es keinen direkten Vergleich zum Befestigungsbau von Ridala (ebd., 68).

Der Befund von Ridala offenbart allerdings interessante Gemeinsamkeiten mit dem geschlossenen Palisadenring von Havor auf der Ostseeinsel Gotland. Dort ist der gesamte Platz von einer kreisformigen Steinumgrenzung umgeben, unter der sich die Reste einer einstigen Doppelpfostenanlage befanden. Die Befestigung der Flachlandsiedlung soll im Zeitraum zwischen Spatbronze--und Vorromischer Eisenzeit errichtet worden sein (uber konventionelle [sup.14]C-Datierung) (Nylen et al. 2005, 133 ff.). Die Pfostenanlage, als Palisade angesprochen, besteht aus einem Zweifachring aus paarig gegenuberstehenden Pfosten, die zu einem System von kastenartigen Aneinanderreihungen um die gesamte Siedlung angelegt sind. Abstande und Intervalle zwischen Pfostenreihen und Pfostenpaaren entsprechen ganz dem von Ridala. Hinweise auf Wandreste oder verwendete Fullmaterialien fehlen. Von einer umfangreichen Erdentnahme zeugt allerdings der die Siedlung umlaufende Graben (ebd., 102 ff., Abb. 4-5).

Angesichts der Stellung, Anordnung und Dimension solcher Pfostengebilde ist die Deutung der Konstruktion im Sinne erd--und steinverfullter Palisadenwande die wahrscheinlichste. Aus Mitteleuropa ist das Modell der mitteleuropaischen Pfostenschlitzmauern bekannt, Aufschuttungen von Erde oder von Mauerwerk, die in regelmassigen Intervallen durch Schlitze fur die Stutzpfosten unterbrochen werden. Die Konstruktion solcher Wallanlagen wird durch einander gegenuberstehende Vorderwand--und Ruckwandpfosten gefestigt, wie etwa am Beispiel des sachsischen "Burzelbergs", Lkr. Leipzig (Altere Latenezeit). Dort sind nur die Steinmauern erhalten, allerdings mit den charakteristischen Aussparungen der einstigen Pfosten (siehe Spehr 1981, 20, Abb. 3). Aus spatbronze--und fruheisenzeitlichen Kontexten im Gebiet der Lausitzer Kulturgruppen gibt es noch weitere solcher Beispiele. Aus Podrosche, Bez. Cottbus, ist eine mehrphasige Befestigungsanlage bekannt. Der altere sorgfaltiger ausgebaute Abschnitt bestand aus einem Holz-Erde-Wall, bei dem gespaltene Eichenstamme rostartig aufgeschichtet und deren Zwischenraume verfullt wurden (Erde, Reisig). In einer spateren Phase folgten Plankenwande als Begrenzung, teils zweifach und parallel angelegt und durch paarige Pfosten gestutzt (Buck 1982, 98, Abb. 1: D-F). In Ridala kamen also ganz ahnliche Prinzipien der Bauweise zur Anwendung. Angesichts der zuhauf im Siedlungsgelande von Ridala verteilten Kalksteinplatten erscheint es wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil der Wallkonstruktion mit diesen aufgefullt bzw. gemauert wurde. Der intensiver mit Steinen verfullte Randbereich von Ridala B wird ebenfalls mit dem Palisadenbau in Verbindung gebracht. Seine zum Zeitpunkt der Ausgrabung vorgefundene Lage indes spricht vielmehr fur eine (sekundare?) Terrassierung des stufenartig abfallenden Gelandes. Eine vergleichbare Verwendung von Steinmaterialien kennen wir aus der lettischen Siedlung Vinakalns, wo man den Abhang mit grosseren Steinen und einer aufliegenden Decke von Geroll und Lehm begradigte (Graudonis 1989, 58, Abb. 35, 38). Der die gesamte Siedlung umgebende Steinstreifen ist ca. 5 m breit. In Ridala kann an dieser Stelle beobachtet werden, dass eben jener 'gepflasterte' Abschnitt mit Siedlungsfunden, vornehmlich mit Keramik, regelrecht aufgefullt war (siehe Kap. 8.7.2).

5.2.4. Wohnbauten

Ein wesentliches, noch zu klarendes Problem ist das Verhaltnis der Wohnbauten zu den Palisadenringen. Lang (2007b, 64) vermutete, es konnten zwei verschiedene Etappen der Befestigung vorliegen. Tatsachlich spricht einiges fur verschiedene Bau--und Belegungsabschnitte.

Reste von Hausbauten wurden in beiden Grabungsarealen festgestellt. In Ridala B wurden diese zunachst durch Herdstellen und einige Pfostengruben identifiziert. Deren Verteilung im gegrabenen Areal schien jedoch raumlich keine Rucksicht auf die Lage der mutmasslichen Palisaden zu nehmen, musste folglich zumindest teilweise junger als jene datieren. Lougas wies auf den merkwurdigen Umstand hin, dass sich einige Feuerstellen und Pfosten im unmittelbaren Umfassungsbereich direkt am abfallenden Terrain befanden. Dies konnte vorlaufig, eingedenk des nur geringfugig untersuchten Bereichs, als Hinweis auf eine Belegungsphase vor der Befestigung der Plateaugrenze zu deuten sein (Lougas 1970a, 353). In diesem Sinne hat Lougas auch die auffallige Haufung von Steinmaterial im sudostlichen Teil von Ridala B angesprochen und somit die Idee einer Mehrphasigkeit fur Ridala formuliert.

Die fraglichen Wohnbauten wurden von Lougas und Lang naher beschrieben. Beide haben sich vornehmlich auf die bei Moora (1967) abgebildeten Grabungsplane bezogen. Je ein Hausbau konnte in Ridala A und B im Bereich innerhalb der beiden Palisadenringe ausgemacht werden. Grosse, Ausrichtung und Gestalt der Bauten variieren.

In Ridala A lasst sich die Grobstruktur des mutmasslichen Hauses bereits an der dichten Lege der Kalksteinplatten ablesen. Offenkundig hat man hier einen Hausfussboden wie in Asva F (jungere Phase II) gepflastert (Lougas 1970a, 351). Wandverlauf und Ecken sind deutlich im Planum sichtbar, da sich die grosseren Steine (auch Feldsteine) in klaren Fluchten vom ubrigen, unregelmassig verteilten Geroll abheben. Die Gestalt eines SW-NO ausgerichteten Steinfussbodens wurde bereits vom Ausgraber beobachtet, einschliesslich der Wandkanten und Ecken (Vassar 1962, 6 ff.). Die Lage des rechteckigen, 3,5-5 m breiten Wohnbaus parallel zu den Pfostenreihen des inneren Palisadenrings und eine Rechteckform lassen sich daraus deutlich ablesen (Lougas 1970a, 351; Lang 2007b, 64). Unmittelbar sudwestlich davon schliesst sich ein Grubenkomplex mit Hinweisen auf dort stattgefundene Bronzegussaktivitat an (siehe Kap. 7.4.1.4). Die Langenmasse des Hauses lassen sich schwer ermitteln, da ein Teil dessen jenseits der Grabungsgrenze liegt und nicht gegraben wurde. Eine der mutmasslichen Langsseiten des Hauses ist anhand der steinfreien, ca. meterbreiten Zone zu erkennen, sie verlauft in Richtung SW-NO und wurde von Vassar bereits als solche angesprochen (Vassar 1962, 13 ff.). Die Nordseite des Hauses kann entweder im Bereich der Quadranten 3/m-1/k oder bei 1/o verlaufen, so dass seine Lange ca. 7 bzw. 9 m betruge. Wie aus dem Planum hervorgeht, handelt es sich bei der Form der Steinpflasterung nur andeutungsweise um ein Rechteck. Einige der Steinplatten sind unregelmassig gelagert und vermutlich sekundar verschoben und verteilt worden.

Zu den besagten Pfostenreihen und deren Anordnung ist festzustellen, dass die Steinpflasterung in ihrer gesamten Ausrichtung keinerlei Rucksicht auf diese zu nehmen scheint. Vielmehr kreuzt der innere Palisadenring die Steinlege nicht nur, sondern unterlauft sie geradezu. Im nordlichen Teil der Pflasterung sind funf Pfostengruben von Steinen bedeckt (Abb. 16). Es hat demnach den Anschein, dass der Hausboden die einstige Pfostenwand uberlagerte, also in keinem architektonischen Zusammenhang mit dieser steht. Dieser beachtenswerte Umstand ist in der bisherigen Beschreibung der Befunde untergegangen, obwohl dieser bereits vom Ausgraber beobachtet wurde und sich auch in den Planumzeichnungen dokumentiert findet (Abb. 21). Vassar (1962, 14, 23) hat in seinem Grabungstagebuch auf diesen Umstand an verschiedenen Stellen hingewiesen, ohne aber diesen Punkt weiter auszufuhren oder zu deuten. Dass der Wohnbau und die besagte Doppelpfostenkonstruktion sehr wahrscheinlich nicht gleichzeitig sind, geht auch aus der ortlichen Verteilung einer ganz speziellen Kategorie von Massenfunden in Siedlungskontexten, der Keramik, hervor (siehe Kap. 8.7.2). Die Gefassreste namlich haben ihren mengen--und gewichtsmassigen Schwerpunkt in Bereichen des Palisadenverlaufs.

Ein weiterer Wohnbau, ein rechteckiges Langhaus ohne Steinboden, wird in Ridala B vermutet. Zunachst ist man auf diesen durch einige Herd--und Feuerstellen im Innern der Palisadenringe aufmerksam geworden. Der Ausgraber Vassar hat diese zwar beschrieben, jedoch nichts von der Existenz eines Hauses verlauten lassen. Erst Lougas mutmasste einen solchen Bau wegen einiger verstreuter Pfostengruben im Bereich zwischen den Palisaden. Hinweise auf Wandreste fehlen, vermutlich wurde er von den Palisadenwanden begrenzt. Ausserdem sollen die zwei Herdstellen zum inneren Wohnbereich gehoren (so auch Lang 2007b, 64 f.). Es sind ca. 13 unregelmassig in der Flache verteilte Pfostengruben, die dem Bau zugeschrieben werden, weil sie offenkundig in keiner Beziehung mit den Pfostenpaaren der Palisade stehen. Einige Gruben im Zentrum der Flache, dort wo sich eine rechteckige Herdstelle befindet, scheinen eine Flucht anzudeuten. Sie wurden darum als dachtragende Stutzen gedeutet (Lougas 1970a, 353 f.; Lang 2007b, 64). Es solle sich demnach um einen zweischiffigen Bau handeln, dessen Breite auf 6-7 m und dessen Lange auf mindestens 9 m geschatzt werden. Ausgegangen wird also von einer Ausrichtung des Hauses parallel zur ausseren Palisade, was auf eine Gleichzeitigkeit von Befestigung und Innenbebauung schliessen liesse. Wie bereits angedeutet, lassen sich jedoch keine klaren Wandverlaufe erkennen, zumindest nicht anhand der Pfostengruben, die sich doch eindeutig den Mauerzugen zuordnen lassen. Es muss also offenbleiben, um was fur eine Art von Wohnbau es sich hierbei handeln konnte. Denkbar ware auch eine Art uberdachter Unterbau an der Innenwand der Palisade.

5.2.5. Brandreste

Spuren der Brandeinwirkung, die nicht unmittelbar mit Herd--oder Feuerstellen in Verbindung zu bringen sind, hat man in beiden Grabungsteilen vielerorts feststellen konnen. Bislang ist man davon ausgegangen, dass in Ridala ein mehr oder weniger grossflachiger Brand gewutet habe, der auch das Ende der Siedlung herbeifuhrte. Schliesslich sei sogar anzunehmen, dass der Siedlungsbrand aus einem Kampfe oder Angriff um bzw. auf Ridala resultiert haben konne (siehe Sperling & Luik 2010).

Bei der Sichtung der Grabungsberichte zeigt sich aber, dass die Befundlage nicht dem Bild vom Katastrophenszenario entspricht. Zunachst liegen keine Zerstorungsschichten von niedergebrannten Palisaden oder Mauern vor. In Ridala B, dort, wo sich die doppelte Ringstruktur der Palisaden anhand der Pfostengruben am deutlichsten zeigt, sind laut Grabungsbericht und Zeichenplanen nahezu keine Brandspuren festgestellt worden (siehe Abb. 20). Davon sind naturlich die Herdstellen ausgenommen. Hier zeigt sich besonders, dass die Pfostenwande entweder aus freien Stucken entfernt wurden oder zum Teil spurlos im Boden vergangen sind, zumal sich wiederholt Funde und Steine in den Gruben anhauften, was sich sonst nicht ohne weiteres erklaren liesse (so auch Vassar 1963, 19). Nur fur eine einzige Pfostengrube mit partieller Steinumrandung konnte eine starke Feuereinwirkung bezeugt werden (4/p), ein Befund, den der Ausgraber zunachst noch als Feuerstelle deutete, spater aber als Pfostenrest, der niedergebrannt sei (ebd., 14, 18, Pl. 5). Obwohl es sich bei dem mutmasslichen Pfostenrest erwiesenermassen um eine Einzelerscheinung handelt, wurde an dieser Stelle die Meinung vertreten, die Palisadenwande konnten abgebrannt sein (ebd., 18).

In Ridala A wurden Brandschichten an mehreren Stellen beobachtet, was vom Ausgraber entweder als Uberreste des dortigen Hauses (mit Steinpflasterung) gedeutet wurde oder zum Befund gerechnet, den wir mittlerweile als zum selbigen Haus zugehorigen Giesserplatz kennen. Von zusammengestutzten und verkohlten Palisadenwanden ist an keiner Stelle die Rede. Anders verhalt es sich bei den an bestimmten Stellen aufgetretenen, linear verlaufenden Asche--und Holzkohlekonzentrationen, die teils auch als Russschichten beschrieben werden. Diese sind verstarkt an den Seiten der rechteckigen Bodenpflasterung bemerkt und auch explizit als Reste der niedergebrannten Holzwande angesprochen worden (Vassar 1962, 6 f., 11, 16 f., 22, 27). An manchen Stellen wurden sogar noch verkohlte Holzreste ('Balken') erkannt, jedoch ohne diese naher zu beschreiben oder als solche in den Planen hervorzuheben. Wie bereits festgestellt, sind die paarigen Pfostengruben der Palisaden nicht zum Hausbau gehorig und auch nicht von Hitze oder Feuer beeintrachtigt gewesen. Es lasst sich also kein Zerstorungshorizont in Verbindung mit dem Palisadenbau nachweisen.

5.2.6. Herdstellen

Hinweise auf mindestens eine Feuerstelle gibt es zunachst aus Ridala A. Im Ostprofil ist am nordlichsten Quadranten (1/p) eine etwa meterbreite, schwarzliche Brandschicht zu sehen, die zum grossten Teil weg gegraben und nicht weiter dokumentiert wurde. Sie liegt eindeutig auf der Hohe der ebenfalls im Profil gut sichtbaren Steinpflasterung des Hausbodens, dem Siedlungsabschnitt nach den mutmasslichen Palisadenbauten. Auf dieser knappen Grundlage ist nicht festzustellen, ob es sich tatsachlich um eine ehemalige zum Haus gehorige Feuerstelle handelt oder um eine anderweitige Brandstelle (Wandreste). Noch grosser sind diesbezugliche Zweifel bei einer anderen im Bericht mehrfach genannten 'Feuerstelle' im Bereich 2/j-k, die wegen ihrer unregelmassigen Form und Ausbreitung wohl eher als Brandherd bzw. Reste des gebrannten Hauses zu werten sind. Das erscheint aus dem Grunde wahrscheinlich, da die Steinpflasterung selbst keine bauliche Herrichtung fur eine Feuerstelle (Steinumrandung etc.) erkennen lasst. Nur eine grossere, darunter liegende Steinplatte zeigt deutliche Spuren der Hitzeeinwirkung (siehe Vassar 1962, 10, Pl. 2-4).

Eindeutiger als Herdstellen identifizierbare Befunde konnten fur Ridala B beobachtet werden. Zwei solche liegen im Innenbereich der Palisadenringe und sind offenkundig gleichzeitig in Benutzung gewesen. Der Abstand zwischen den Herdstellen betragt etwa sechs Meter, sie sind wahrscheinlich verschiedenen Wohn--oder Arbeitsbereichen zuzuordnen. Die im nordostlichen Teil befindliche Stelle ist streng N-S ausgerichtet und in der Form langsoval (Abb. 19). Die maximale Lange und Breite betragt 1,5 bzw. 0,7 m. Teile der steinernen Begrenzung, die vermutlich den gesamten Bereich umfasste, sind erhalten. In der Nordostecke wurden Granitsteine verbaut, die starke Brandspuren gezeigt haben sollen (Vassar 1963, 25, 30, Pl. 5). Im Sudwestbereich ist gehauft Holzkohle vorgekommen, auch Knochenstucke vom Schlachtabfall wurden vermerkt. Das Fragment einer knochernen Pfeilspitze war auch darunter. Im Nordostteil sind einige Gussformenreste (Nr. 730) aufgetreten. Die maximale Tiefe der Herdoder Feuerstelle betrug 21 cm im Sudbereich, 15 cm im nordlichen Teil. Es soll sich aber um keine sehr ausgepragte Ascheschicht gehandelt haben (ebd., 25).

Die andere, zweite Feuerstelle befindet sich im Zentrum der Grabungsflache von Ridala B (Abb. 22). Sie ist rundlich, misst ca. einen Meter im Durchmesser und zeichnet sich wie die letztgenannte durch einen stark von Branderde und Holzkohlepartikeln durchsetzten Kernbereich aus. Reste einer ehemaligen Umrandung lassen sich nur aus den verstreut umher liegenden Steinen erahnen. Besondere Funde sind keine gemacht worden.

Lougas schliesslich (1970a, 353) hat weitere Feuerstellen erwahnt, die sich ausserhalb der eigentlichen Palisadenwande im Bereich des Abhangs am Sudostrand von Ridala B befanden. Sie seien vermutlich Hinweis auf eine fruhere Besiedlungsphase (vor den Palisaden). In Vassars Grabungsnotizen (1963, 11 f.) indes findet sich nur eine einzige Erwahnung fur den Bereich 5-6/i: Eine mutmassliche Feuerstelle, die nebst Keramik auch Reste von Holzkohle, Fischgraten und Knochen--also offenkundig Speise--und Schlachtabfall--enthielt. Bemerkt wurde ist diese erst, als man am Aussenhang ein weiteres Planum (Tiefe 140) angelegt hatte, wahrend der ubrige, innere Bereich (bis Tiefe 120 cm) bereits abgetragen und dokumentiert wurde (Abb. 23). Vassar (1963, 11 f.) ausserte an dieser Stelle den Verdacht, dass es sich eventuell um die alteste Besiedlungsspur entweder vor oder wahrend der Palisadenerrichtung handelte. In den Planen allerdings ist kein eindeutig als Feuerstelle o. a. zu deutender Befund fur diese Quadranten eingetragen. Es ist also nicht nachvollziehbar, was Vassar gemeint haben konnte. Spuren intensiver Feuereinwirkung finden sich dagegen im Bereich 7-8/g, im Grabungsplan Nr. 11 (ab Tiefe 140 cm). Doch handelt es sich nur um einen Brandflecken mit Holzkohlepartikeln (ca. 20 cm im Durchmesser), der auch gut als Pfostenrest gedeutet werden konnte (so auch bei Moora 1967, Abb. 3).

5.2.7. Siedlungsabfolge--Palisaden und Wohnbauten

Lougas vermutete in den Feuerstellen im Aussenbereich der Palisadenwande Reste von Vorgangerbauten der Palisadensiedlung (Lougas 1970a, 353). Diese Erklarung resultiert aus der Vorstellung, dass die Palisadenbauten zu einem nicht naher definierbaren Zeitpunkt zerstort wurden und danach angeblich keine Wiederbesiedlung stattfand. Die Beobachtungen zu Ridala A indes deuten auf eine umgekehrte Besiedlungsabfolge, namlich auf eine Bebauung der einstigen Palisadenflache, was auch aus den Grabungsberichten hervorgeht (Abb. 16). Auch machte Vassar im Zuge der Arbeiten in Ridala B die Feststellung (Vassar 1963, 18 f.), dass die Pfosten der Befestigung die Erstbesiedlung des Moranenhugels anzeigen. Zudem seien Pfostengruben mit Steinen und Keramik verfullt worden als, so vermutete er, die Holzpfosten herausgezogen wurden (ebd., 19).

In Ridala A wurde der Palisadenbau von einem Hausbau mit Bodenpflasterung und dem sudlich angelegten Bronzeverarbeitungsplatz uberlagert. Es fehlt der raumliche Bezug zwischen Palisaden und Wohnbau. Brandreste stehen hier eindeutig mit Letzterem in Zusammenhang. Ein Zerstorungshorizont, vom Brand der Palisaden, gibt sich nicht zu erkennen. Auch mangelt es an uberzeugenden Hinweisen auf einen erfolgten Gewaltakt von aussen (Sperling & Luik 2010). Es erscheint wahrscheinlich, dass auch im Ostteil B eine Siedlungsabfolge stattfand, in deren Verlauf die Palisaden errichtet und relativ kurze Zeit spater wieder entfernt wurden, das Areal aber weiterhin bebaut und besiedelt wurde. Auch hat die hiesige Fundverteilung diese Annahme bestatigen konnen. Bei der Keramik ist aufgefallen, dass diese sich schwerpunktmassig auf die Steinpflasterung verteilt, die sich ihrerseits als Uberrest einer Terrassenfestigung uberzeugend deuten lasst. Der gesamte Aussenbereich, einschliesslich der einstigen Palisade, ist also erst im Nachhinein besiedelt und bebaut worden.

Auch spricht nichts gegen die Gleichzeitigkeit der beiden Palisadenringe, wenn dies auch mangels zureichender Dokumentationsmethoden und der ausschnitthaft gegrabenen Flache nicht vollends geklart werden kann (ca. ein Zehntel der Siedlung untersucht). V. Lang halt es fur wahrscheinlich, dass die Palisadenringe von Ridala nicht gleichzeitig entstanden sind, verweist aber auf einen moglichen ideellen Zusammenhang mit spateren, eisenzeitlichen Burgwallen mit zweifachen Umfassungsringen auf Saaremaa (2007b, 64 f., 77, Abb. 32).

Die Datierung der Keramik, Gussformen und Bronzen (Tullenbeil) aus Ridala legt einen Belegungszeitraum der Siedlung innerhalb der Montelius-Periode VI nahe (750-550 BC), d. h. inklusive Bau und Abbruch der Palisadenringe sowie der Hausbauten. Dem oben Dargelegten zufolge hat es den Anschein, dass die Zeit der Palisadennutzung vergleichsweise kurz gewesen sein musste, denn das meiste Siedlungsmaterial lasst sich vornehmlich dem jungeren Siedlungshorizont zuordnen. Dies wirft indes auch ein wenig Licht auf den Charakter dieser besonderen Bauten, der nicht notwendigerweise als rein fortifikatorisch angesehen werden muss. Auf andere, prominentere Palisadenbauten der Spatbronze--und Fruheisenzeit wie Vistad (Ostergotland) und Havor (Gotland) jenseits der Ostsee wurde in diesem Zusammenhang bereits hingewiesen (Sperling & Luik 2010). In beiden Platzen finden sich nur ausserst wenige materielle Besiedlungsspuren. In Vistad tragt die Keramik ortsfremde Zuge, Stilmerkmale des sog. Lausitzer Urnenfelderkreises (mutmasslich ostdeutsch-polnischer Provenienz), was die Idee saisonaler Besuche von Menschengruppen aus dem Bereich des sudlichen Ostseegebiets aufbrachte. Fruhe Eisengewinnung und--verarbeitung vor Ort sollen zu dieser besonderen Mittelpunktrolle und Anziehung des Platzes beigetragen haben. Die Palisadenzuge hatten nach Ansicht der Ausgraber wohl mehr eine symbolische Bedeutung gehabt, um die exklusiven Aktivitaten im Innenbereich der Siedlung von der Aussenwelt abzuschirmen (Larsson & Hulthen 2004, 52). Militarische oder fortifikatorische Beweggrunde in der Errichtung solcher und ahnlicher Palisadenanlagen der Bronzezeit sind nicht unbedingt zwingend anzunehmen oder vorauszusetzen. Die Errichtung solcher Bauten an Siedlungsplatzen in markanten Landschaftspunkten hatte neben der offensichtlichen Funktion, Annaherungshindernis zu sein, auch einen psychologischen Aspekt und eine Symbolbedeutung in Verbindung mit Macht--und Mittelpunktdemonstration der ansassigen Bevolkerung (oder auch gesellschaftlichen Elite) (so auch Vasks 2007, 36 f.). Die Nutzung von Kreispalisaden oder umzaunten Platzen kann administrativ-politischer, wirtschaftlicher und/oder religios-kultischer Art zugleich gewesen sein. Fur Ridala verlangt es nach grundlicheren und umfassenderen Untersuchung der Palisadenkonstruktion, um in der weiteren Funktionsdeutung der Siedlung (sbegrenzung) eine grossere und verlasslichere Diskussions--und Argumentationsbasis zu gewinnen. Bei dem derzeitigen Untersuchungsstand und dem Wissen um Kreisgraben--und Palisadenanlagen des Jungeren--und Spatneolithikums sowie den Befestigungsbauten der Bronzezeit in Mitteleuropa (Meyer & Raetzel-Fabian 2006; Primas 2008, 41 ff.) bleiben fur Ridala viele Erklarungsmoglichkeiten: von befestigter Siedlung, uber Fluchtburg und Viehpferch bis zum Versammlungs--und Ritualplatz mit besonderen Baumerkmalen und--massen (astronomische Bezuge?).

5.3. Kaali

Der Kraterplatz zahlt mittlerweile zu den geologischen und archaologischen Hauptattraktionen der Insel Saaremaa und ist seit jeher ein touristischer Anziehungspunkt (Abb. 24). Bekannt ist der Krater auch als "Opferplatz" oder "Sakralort", obwohl er archaologisch noch unzureichend erforscht ist. Um ihn ranken sich diverse in der Folklore uberlieferte Legenden, die mit seiner 'himmlischen' Entstehung oder etwa den Geheimnissen um den Kratersee in Zusammenhang gebracht werden (Abb. 24; dazu Lang 2007b, 76 f.). Seit den Ausgrabungen der 1970er Jahre wird Kaali der Offentlichkeit als eine Bronzezeitfestung und ein eisenzeitlicher Kultplatz prasentiert (zuletzt Kraut 2004), und es hat den Anschein, als hatte die Arbeit der Archaologen den Mythen und Legenden um diesen Platz ihren langersehnten authentischen Kern verschafft. Der KaaliAusgraber Vello Lougas (1996) hat dies in seinem popularwissenschaftlichen Buch Kaali kraatrivaljal Phaethonit otsimas (dt. "Suche nach Phaethon im Kraterfeld von Kaali") zumindest so aussehen lassen. Dennoch kamen im Zuge der Ausgrabungen bemerkenswerte Befundstrukturen und Ergebnisse zutage: so etwa die Reste einer Trockenmauer, Spuren spatbronzezeitlicher Besiedlung mit Fundmaterial von gewisser Exklusivitat (u. a. Belege fur Metallguss, auch Feinkeramik), mindestens ein Hortfund mit Silberobjekten, und an anderen Stellen Tierknochen, die gern als Schlachtopfer interpretiert werden. Allerdings ist die Dokumentation der Ausgrabungsarbeiten entweder sehr mangelhaft durchgefuhrt worden oder es sind wichtigste Erlauterungen und Beschreibungen relevanter Befund--und Kontextsituationen nicht uberliefert (bzw. im Archiv nicht auffindbar). Bei genauerer Prufung des Daten--und Fundmaterials von Kaali zeigt sich, dass die verfugbare Fakten--und Indizienlage nicht immer sehr verlasslich oder sicher ist und der Forschungsstand zur Archaologie des Fundplatzes nach wie vor unzureichend. Zwar sollen solche bedeutungsschweren kategorischen Bezeichnungen wie "Kultplatz", "Opferstatte" und "Befestigung" auf die symbolische Bedeutung und Funktion des Meteoritenkraters in der Vergangenheit aufmerksam machen, doch sind die bislang verwertbaren Indizien und Details der bisherigen archaologischen Forschung entweder zu durftig oder widerspruchlich, um in Fragen zur Besiedlungsgeschichte und Funktion des Platzes endgultige Klarheit zu bekommen.

5.3.1. Der Meteoritenkrater

Kaali, fast zentral auf der Insel Saaremaa gelegen, kann zu den bestuntersuchtesten der ca. 170 auf der Welt bekannten Krater gezahlt werden, zumindest was dessen Geologie und Geomorphologie betrifft (Veski et al. 2004, 197). Der KaaliHauptkrater ist mit 105-110 m im Durchmesser und 16-22 m Tiefe der grosste in einem Feld von neun Kratern, alle zwischen 12 und 40 m im Durchmesser, verteilt auf einer Flache von 1 k[m.sup.2] (Raukas & Stankowski 2010, 64). Man geht davon aus, dass ein mindestens 450 Tonnen schwerer und ca. 4,8 m grosser Meteorit mit 21 km/s Einschlagsgeschwindigkeit fur die Bildung des Kraters verantwortlich war. Die fur die Formung eines derart grossen Kraters benotigte Energiefreisetzung soll bei vorsichtiger Schatzung auf eine Schlagkraft von mindestens 1-2 Kilotonnen TNT zuruckgehen (Veski et al. 2007, 267 f.; Raukas & Stankowski 2010, 63).

Der Kratersee misst je nach Stand zwischen 30 und 60 m in der Breite, dessen Spiegel fallt je nach Jahreszeit, Niederschlagen und Grundwasserstand unterschiedlich hoch aus, betragt die meiste Zeit aber nur wenige Meter (0,5-4 m). Im Spatsommer oder Fruhherbst kann dieser sogar fast austrocknen (Abb. 25). Aus diversen Bohrungen im Krater geht hervor, dass das Becken mit 5-6 m dicken See--und Sumpfablagerungen angefullt ist. Unter einem 2 m starken, kalkhaltigen Schlammboden (Gyttja) mit vielen organischen Einschlussen liegen einige Meter schlammig-lehmiger Schichten mit reichlich Baumholzern und Pflanzenresten (Veski et al. 2004, 199, Tab. 1; Moora et al. 2008, 222 ff., Abb. 11).

Nicht ganz unproblematisch verliefen bislang die Versuche, uber diverse Bohrungen die Geologie und Sedimentmorphologie des Kratersees zu bestimmen, da die kompakten Einlagerungen von Steinen und Baumholzern unter den Schlammschichten entweder nicht durchdrungen werden konnten oder die Bohrkernprofile wegen der Sedimentverlagerungen im Kratertrichter nicht korrelierten. Daran sind sowohl naturlich als auch menschlich ausgeloste Faktoren beteiligt gewesen (Hangerosion durch grossen Besucherandrang, Abfalle im See etc.) (Moora et al. 2008; Raukas & Stankowski 2010, 64). Die vielen rezenten Testbohrungen (mind. 98) und Sondagen im Kraterbereich ergeben nicht in alle Fallen ein einheitliches Bild--ein Umstand, der es nach wie vor schwierig macht, die untersten bzw. altesten Sedimente nach der Kraterentstehung zu erfassen und diese u. a. fur Datierungszwecke des Kraters (d. h. Einschlagszeit) zu nutzen. Mittlerweile kann man auf eine Fulle von chronologischen Messdaten zuruckgreifen, die jedoch in der Zeitspanne sehr breit streuen. Von den Bohrproben in Bereichen der Kratermitte und des unteren Kraterrands liegen derzeit 31 Datierungen vor. Bis auf vier AMS-Daten (terrestrische Makrofossilien) beruft man sich auf [sup.14]C-Messungen, die selbst bei Beprobungen der Gyttja in tieferen Schichtenzusammenhange (>3,65 m) in einem breiten Zeitintervall von 1400-200 cal. BC streuen (Veski et al. 2004, 199 f., Abb. 2 f., Tab. 3). Die im Labor der Universitat Uppsala erstellten AMS-Messungen an einer Laufkaferart (Carabidae) und organischen Resten (Birkensamen, Fichten--und Kiefernadeln) aus dem Schichtensegment des Kratersees (Tiefen 4,79-4,83 m) erbrachten Daten wie 1690-1510, 1130-920 und 1000-830 cal. BC. Ein einziges Radiokarbondatum aus einer Torfschicht im Kraterinnern (4,85 m tief) belauft sich auf 1740-1620 cal. BC (1-sigma) (ebd., 202, Tab. 3). Es sind also nicht mehr als zwei Messwerte, die auf Vegetation des Kraterbereichs in der Alteren Bronzezeit hindeuten. Palaobotanische Untersuchungen der 1980er haben das Alter des Kraters--noch ohne Kenntnis dieser Daten--noch weitaus hoher eingeschatzt (mind. 4000 BP; Raukas et al. 2005, 352). Auch wird der Bewuchs des Kratertrichters nach dem verheerenden Meteoriteneinschlag erst allmahlich eingesetzt haben, da der zerborstene, silurische Dolomit zumindest eine Weile lang offen gelegen haben muss. Angesichts der breiten Streuung der Messwerte kann den aus dem Kraterbereich stammenden Radiokarbondatierungen nur noch bedingt Vertrauen geschenkt werden. Die Sedimentverlagerungen (speziell der organischen Einschlusse) im Kratertrichter und wahrscheinliche [sup.14]C-Kontaminationen stellen ganz offensichtlich hinderliche Faktoren fur eine verlassliche Altersbestimmung dar. (34)

Was die jungste Kontroverse um das Alter des Kaali-Kraters ungemein belebte, ist die von Siim Veski et al. seit 2001 anhand von Untersuchungen an Pollenspektren entwickelte Hypothese, wonach der Meteoriteneinschlag mit Wahrscheinlichkeit wahrend der Spatbronzezeit stattgefunden habe und Bewohner der Asva-Siedlung Zeuge bzw. gar Opfer der verheerenden Einschlags gewesen seien. Der Aufprall soll eine okologische Katastrophe ausgelost haben, der womoglich mit dem Brandhorizont der Siedlung Asva in Zusammenhang zu bringen sei (Veski et al. 2001; 2002). Bereits kurz nach Beginn der ersten geologisch-archaologischen Untersuchungen in Kaali im Jahre 1976, mitinitiiert von V. Lougas, kamen erste [sup.14]C--Messungen zutage, die ein mutmassliches Alter des Kraters zwischen 800 und 400 BC (unkal.) anzeigen sollten. Da die aus den Brandschichten von Asva gewonnenen [sup.14]C-Messungen grob in diesen Zeitraum datierten, machte die Hypothese einer vom Meteoriteneinschlag verursachten Brandkatastrophe schon damals ihre Schlagzeilen, wenn auch zunachst nur vor einem popularwissenschaftlichen Forum (Aaloe et al. 1977; Lougas 1996). (35) Von dieser Idee inspiriert, und gestutzt auf gewisse archaologische Befunde, suchte eine Gruppe estnischer Palaobotaniker und Palaookologen bestimmte Anomalien im Pollenspektrum vor dem Hintergrund einer Kaali-Katastrophe zu erklaren (Veski et al. 2001; 2002). Streitthema ist eine Torfschicht des im 6 km nordwestlich von Kaali gelegenen Piila-Hochmoors. Dort gibt es einen Anreicherungshorizont des bodenfremden (extraterrestrischen?) Minerals Iridium (Ir), der im Pollenspektrum mit Anzeigern fur Flachenbrande und einem Kulturpflanzenminimum korreliert (Abnahme um fast zwei Drittel). Auf diese Periode folgen Indikatoren fur einen wachsenden Bestand an anspruchslosen, gewohnlich in bodenarmeren Gebieten heimischen Kiefern. Drei Pollenzonen werden in pre-impact-, after-impact--und sog. recovery-Stufen unterteilt, bestimmt von Pramissen, wonach der Ir-Horizont von Piila den Meteoriteneinschlag in Kaali anzeige, dieser wiederum zwischen 800 und 400 cal. BC passierte (Veski et al. 2001, 1373 ff.).

Dieser Versuch, einen kosmisch ausgelosten Hiatus im bronzezeitlichen Siedlungswesen sowohl im palaobotanischen als auch im archaologischen Befund sichtbar zu machen, hat in Fachwelt und Offentlichkeit fur Aufsehen gesorgt, sich in der wissenschaftlichen Diskussion jedoch nicht lange behaupten konnen. (36) Das Argument des erhohten, Ir-Nachweises in den Pollendiagrammen wird nicht mehr zwingend im Zusammenhang mit einem Meteoritenkorper gesehen, vielmehr wird dies unter Verweis auf die Verbreitung und Erhohung mineralischer Bestandteile im Boden als ein Ergebnis naturlicher Prozesse betrachtet, kann also gut moglich das Ergebnis periodisch eintretender Waldbrande sein (Raukas et al. 2005, 350 ff.). Ubrigens wurden am selben Piila-Torfmoor bereits fruher Versuche gemacht, den Zeitpunkt des Meteoriteneinschlags uber bodenfremde Minerale zu bestimmen. Eine Torfschicht mit erhohten Anteilen siliziumhaltiger Mikrospherule wurde bereits von Raukas et al. in 6400 cal. BC datiert (siehe Veski et al. 2004, 202). Auch wird eingeraumt, dass die in den unteren Fullsedimenten des Kaali-Kraters anzufindenden Fichtenpollen bereits ab 3800 BC in den Pollendiagrammen von Saaremaa auftreten (Veski et al. 2007, 269). Jungst versuchte man sich in der Datierungsfrage auch an der Thermolumineszenz-Methode an Quarzkornern aus dem Krater. Die Messwerte liegen zwischen 5800 und 5600 BP (Raukas & Stankowski 2010, 64).

Von der Hypothese des Meteorit-Events als Ausloser einer okologischen Katastrophe am Ubergang zur Fruheisenzeit ist man mittlerweile abgegangen. Allerdings sind einige Forscher, Naturwissenschaftler und Archaologen, von der Idee besonders angetan, im Meteoritenfall auf Saaremaa ein einzigartiges Naturphanomen sehen, welches sich im kulturellen Gedachtnis der vorgeschichtlichen Bewohner der Ostseeinsel und Nachbarregionen tief eingepragt haben muss und geradezu pradestiniert sei fur Legendenbildungen um den Ort und seine 'himmlische' Entstehungsgeschichte. Kaali hat bereits vor den ersten archaologischen Nachforschungen in den spaten 1970ern eine grosse Faszination auf Kenner und Besucher des Ortes ausgeubt, doch hat erst die Entdeckung vorgeschichtlicher Siedlungsreste (u. a. Steinwalle, Tierknochenfunde) und einiger prezioser Silberobjekte der Forschung und Offentlichkeit zur Idee verholfen, in Kaali nicht nur einen Ort mit besonderer, mythischer Aura zu sehen, sondern eine einstige Kultstatte oder einen Sakralort (Veski et al. 2004; 2007; auch Lang 2007b). Dies formulierte bereits Lougas (1996), indem er die Kratersiedlung nicht nur zum Schauplatz des von Tacitus beschriebenen Nerthus-Kults und die Insel Saaremaa zur mythischen Heimstatt der von Germanen verehrten Gottin machte, sondern im Einschlag des Meteoriten in Kaali eine Art historischen Kern im Antikenmythos vom Unfall des Phaethon (Sohn des Helios) mit seinem Sonnenwagen vermutete. Andere Forscher glauben, dass das Ereignis der Kaali-Katastrophe im finnischen Sagenepos der Kalevala tradiert sei, die Entstehung des Mythos der klassischen Antike um den Himmelssturmer Phaethon womoglich gar von dem namlichen Meteoriteneinfall im Ostbaltikum beeinflusst gewesen sei (Haas et al. 2003, 61 f.; kritisch dazu Magi 2003).

Bemerkenswerterweise kommen Kritik und Widerspruch nicht vom archaologischen Fach, sondern vonseiten eines kleinen Geologen--und Palaookologenkreises der sich mit der gesamten Faktenlage um Kaali eingehender auseinandersetzte und der Sakralplatztheorie nuchterner und weniger emotional gegenubersteht (Raukas et al. 2003; Moora et al. 2008, 209 f.). Der Fundplatz Kaali bietet also Potential fur kontroverse Diskussionen um dessen soziopolitische und sakrale Mittelpunktfunktion in der Vorgeschichte der Insel Saaremaa. Problematisch bestellt bleibt es aber um die Informationslage zu den bronzezeitlichen (und jungeren) Spuren der Besiedlung und der Nutzung des Platzes als mutmasslichen Sakraloder Ritualort. In punkto Aufnahme und Aufarbeitung ist die archaologische Befundsituation in Kaali durchaus mit dem schlechten Dokumentationsstand der Grabungskampagnen der Palisadensiedlung von Ridala vergleichbar. Angesichts der in der archaologischen Literatur verbreiteten Hypothesen zur Sakralfunktion (eisenzeitlicher Opferplatz) und zum Befestigungscharakter (Befestigung aus der Bronzezeit; Kraut 2004) der Kratersiedlung ist diese Forschungssituation umso bedauerlicher.

5.3.2. Die Kratersiedlung und die archaologische Befundsituation

Es sei vorneweg genommen, dass sich in der Beschreibung der Grabungsbefunde nur auf die drei in Artikelform verfassten Vorberichte zugreifen lasst (Lougas 1978a; 1978b; 1980). Ein offizieller Report mit einer detaillierten Dokumentation der archaologischen Arbeiten in Kaali liegt nicht vor, er ist vermutlich auch nicht angefertigt worden (mdl. Mitteilung Mirja Ots, Archiv des AI in Tallinn). Nur zwei Grabungsplane (Abb. 26) sind vorhanden, dazu ein Fundkartierungsplan, weitere Zeichnungen (von Profilen u. a.) indes fehlen. Im Vorfeld geplanter denkmalpflegerischer Instandsetzung und Baumassnahmen hat Marika Magi kurzlich eine Evaluierung und Revision des unter Denkmalschutz stehenden archaologischen Bestands vorgenommen. Dabei erfolgte auch eine kritische Prufung und Diskussion der bisherigen Untersuchungsergebnisse, auch in Bezug auf die gemass der derzeitigen Faktenlage nicht sachgerechte Titulierung der Kratersiedlung als "befestigt" bzw. als "Opferplatz" (Magi 2013). (37)

Die Ausgrabungen in Kaali in den Jahren 1976-1979 konzentrierten sich im Wesentlichen auf folgende Stellen (Abb. 25):

--den Randbereich des Kratersees (Sondierungsschnitte) (38)

--den NO-Bereich des Kraterwalls

--den ausseren Steinmauerring und den anliegenden Eisenverarbeitungsplatz (neuzeitlich).

In der ersten Grabungskampagne (1976) wurde ein Schnitt in SW-NO Richtung durch das Kraterplateau angelegt, in der Folge wurde an dieser Stelle eine Flache von 135 [m.sup.2] untersucht. Gleich zu Grabungsbeginn kamen in diesem Bereich des Kraterwalls die bislang spektakularsten Funde zutage: Zwei Spiralarmringe und ein Halsring aus Silberblech sind mutmassliche Bestandteile eines Hortkomplexes, ein weiterer silberner Spiralfingerring wurde separat gefunden (Lougas 1996, 59 ff.). Genauere Angaben zu den Auffindungsumstanden, zu den stratigraphischen Kontexten (Lage, Positionierung der Stucke, Fundtiefe), fehlen. Die Funde sollen aber im Zusammenhang mit einer im Wallbereich erfassten Kulturschicht gemacht worden sein. Die Silberfunde, gemeinhin als Votivniederlegungen gedeutet, stammen vermutlich aus der Spaten Romischen Eisenzeit (3.-5. Jahrhundert u. Z.) (Lougas 1996, 61; Lang 2007b, 77; Tamla & Kiudsoo 2009, 16 f.), sind somit offenkundig jungeren Datums als die freigelegten Steinbauten in diesem Grabungsbereich (siehe unten). Die Metallfunde von Kaali (Opfer? Weihefunde?) jedenfalls trugen, trotz der Unklarheit bezuglich der Fundumstande und des zeitlichen Verhaltnisses zur Siedlungsaktivitat (und Mauerkonstruktion) im Kraterbereich, wesentlich zur Anwendung der Kult--oder Sakralplatztheorie bei (z. B. Lougas 1996, 61 f.).

Im namlichen Bereich der Terrasse auf dem Kraterwall kamen ab einer Schichtentiefe von 30-40 cm die Reste mit Kalksteinplatten ausgelegter Baukonstruktionen zum Vorschein (Abb. 26). Mindestens ein Bau ist in der Anordnung der gepflasterten Steine rechteckig, ahnlich der Bauten mit Steinboden in Asva und Ridala. Das archaologische Fundspektrum setzt sich aus ca. 300 Gefassscherben, Fragmenten von Gussformen und Tiegeln zusammen, sowie aus nicht naher bestimmten Fundmengen tierischen Schlachtabfalls (... and quite a number of animal bones; Lougas 1978a, 64). Als interessant erweist sich die Befundsituation auf dem terrassenformigen Plateau in 0,8 m Tiefe, wo sich die Konturen eines 3,8 m breiten Steinbodens mit Kalksteinplatten auftaten. Bei diesem handelt es sich ganz offensichtlich um den Befund auf dem mit "Schicht IV" bezeichneten Plan (kiht IV; Abb. 26, rechts, und Abb. 27). Die Bauten wurden aber nur teilweise erfasst und laufen jenseits der Grabungsgrenzen im NW--und SO-Bereich weiter. In der Folge wurden weitere Gefassscherben gesammelt (1415 Stuck) und insgesamt 369 Fundnummern vergeben. Zum Fundmaterial gehoren die fur Asva und Ridala typische Keramik grober Machart mit Besenstrich--und Grubchenverzierung und die der Schalen mit Henkeln, Oberflachenpolitur und Abrollstempeln (Taf. 55 f.). Teile der handgemachten, geglatteten Grobkeramik weisen Lougas zufolge in die Spate Romische Eisenzeit, wegen der vemuteten Ahnlichkeiten mit Keramikfunden aus dem unweit von Kaali befindlichen tarand-Grab von Liiva-Putla (Lougas 1996, 61 f.). Beobachtungen hinsichtlich einer Schichtenfolge oder--trennung hat es keine gegeben oder diese wurden nicht schriftlich oder zeichnerisch festgehalten. Die Dicke der Kulturschicht soll aber im Bereich des Wallaussenhangs eine Dicke von bis zu zwei Metern erreicht haben. Verwirrung stiftend ist die anderswo getatigte Aussage, die Siedlungsspuren in Verbindung mit der Steinarchitektur im Bereich des Wallplateaus seien vermutlich samtlich spatbronzezeitlich. (39)

Aufmerksamkeit in Zusammenhang mit der Kult-, Sakral--oder Opferplatztheorie und Kaali erregte ein weiterer Befund im Bereich des Kraterplateaus: Dem Bericht des Ausgrabers zufolge stiess man bereits im Vorfeld der Grabungen in Kaali, im Zuge erster Inspektionen im Jahr 1976, auf Spuren einer soliden Trockensteinmauer. Diese trat im namlichen Plateaubereich zutage (Lougas 1978a, 64). Schon im Bereich der mutmasslich spatbronzezeitlichen, mit Steinplatten planierten Hauserboden ist man mit dem Freilegen von grossen Mengen einer Mauer zugehorigen Kalksteinschutts beschaftigt gewesen (herabgebrockelte Mauersteine). Weitere Untersuchungen im nordostlichen Wallbereich ergaben eine im Halbbogen 110 m lange und 2 m dicke Kalksteinmauer, die teilweise noch eine Hohe von bis zu 2,2 m erreichte (Lougas 1978b, 327, Taf. I: 2). Sogar von verbrannten Holzresten ist die Rede (hinter der Kalksteinmauer; ebd. 327), doch fehlt es auch hier wieder an jeglichen uberprufbaren Belegen. Somit konnte in diesem Bereich einiges auf eine Art Pfostenschlitzmauerkonstruktion deuten (Abb. 28). Da der Mauerzug die Steinplattenpflasterungen uberlagerte und von einer Fortsetzung der Kulturschicht beidseits der Mauer berichtet wird, ist davon auszugehen, dass die Errichtung der Mauer zu einem viel spateren Zeitpunkt stattfand. Auch ist in Verbindung mit den mutmasslich spatbronzezeitlichen Steinkonstruktionen von einer offenen, also unbefestigten Siedlungsphase die Rede (ebd., 329).

Im Jahre 1979 konzentrierten sich archaologische Untersuchungen auf unmittelbar an den Meteoritenkrater anschliessende Bereiche, auch den neuzeitlichen Eisenverarbeitungsplatz. Insbesondere die den Krater perimetrisch umlaufende und noch heute gut sichtbare, massive Steinmauer aus Feldsteinen gab hinsichtlich Entstehungszeitpunkt und Zweck der Anlage neue Ratsel auf. Lougas (1980, 358 f., Taf. II: 1) beschreibt die 470-metre-long stone wall als eine den Krater ursprunglich einschliessende Umgrenzung, teilweise mit Resten der ursprunglichen Mauerbasis, bestehend aus grossen, doppelt gereihten Granitfindlingen. Der massive Steinzirkel erreicht eine Dicke von 2,3-2,8 m. Nicht klar ist, ob dieser bereits zu Beginn als eine echte Begrenzungs--oder Schutzmauer konzipiert war oder als eine Art Steinkreis von symbolischer Bedeutung. Die Anlage ist in Teilen nachweislich neuzeitlich und wurde von Feldsteinen des benachbarten Gutshofs uberbaut bzw. erganzt. Laut Lougas sollen an manchen Stellen der ursprunglich mehrschichtige Aufbau bzw. Ansatze einer Mauerung zu sehen sein (ebd., 358). An der von ihm archaologisch untersuchten Mauerpartie an der Sudwestseite des Kraters, in einem Streifen von 10 x 3 m, kamen jedoch weder signifikante architektonische Details noch datierbare Funde zutage. Erwahnt werden--bis auf zahlreiche Tierknochen--nur die Reste eines einzigen Tongefasses, dass in seiner Machart als neuzeitlich eingestuft wird (ebd.). Abbildungen oder Beschreibungen zur Befundsituation (oder zum Gefassfund) fehlen auch hier. Fragen nach der Datierung der ominosen Steinmauer bleiben vorlaufig unbeantwortet. Das betrifft auch deren Funktion im Zusammenhang mit der Sakral--oder Opferplatztheorie. Interessant scheint diesbezuglich, dass im Innern der Mauer reichlich Tierknochen und--zahne auftraten, im Aussenbereich jedoch keine. Aus dem Ubergewicht an Zahnfunden gegenuber anderen tierischen Skelettbestandteilen und einer raumlich verdichteten Verteilung vorlaufig bestimmter Tierknochen--Rind, Pferd, Schwein, Schaf/Ziege und Hund (keine Wildtiere)--schlussfolgerte Lougas, dass es sich nicht um einen gewohnlichen Platz mit Schlacht--oder Speiseabfall handeln konne. Vielmehr sprache alles fur eine Art Opferstatte, allerdings spatmittelalterlichen oder neuzeitlichen Alters: Evidently those animals were sacrificed at that spot. It may have been done at the time when the church surveillance prohibited sacrifice in the lake. The foot of the former circular wall limited the place of sacrifice--the sacrificial animal had to be put behind it (ebd., 358). Eine vollstandige osteologische Auswertung der Tierknochenabfalle ist bislang ausgeblieben, auf einen offiziellen Grabungsbericht lasst sich nicht zuruckgreifen. Die Angaben bezuglich der Fundzusammensetzung und Fundzusammenhange lassen sich nicht prufen. Zumindest geht aus dem Zitat des Ausgrabers hervor, dass ein vorgeschichtlicher Zeitpunkt der Entstehung des ausseren Steinrings fraglich scheint. (40) Das ist insofern bemerkenswert, weil einige Forscher von der Errichtung der ausseren Kratermauer in der Spatbronzezeit oder Vorromischen Eisenzeit ausgehen. (41)

Verhaltene Kritik am in der jungeren Kaali-Forschung gepflegten Umgang sowohl mit der Datierungsproblematik als auch mit Opfer--oder Kultplatztheorien wurde bereits an verschiedenen Stellen geaussert (Raukas et al. 2003; Jonuks 2009, 190 ff.). Auch ist festzustellen, dass im Zusammenhang mit Kaali die Anwendung bedeutungsschwerer Termini wie Kultstatte, Ritualort oder Opferplatz meist unreflektiert und ohne Auseinandersetzung mit der archaologischen Befundsituation erfolgte. Dies beruht im Wesentlichen auf folgenden Hypothesen: Die im Kraterrandbereich freigelegten Siedlungsspuren, mit Kalksteinplatten ausgelegte Wohnbauten oder Terrassen, haben Parallelen in den Bronzezeitplatzen Asva (Phase II) und Ridala. Auch die Feinkeramik und Gussformen stellen exklusive, nur die Siedlungen der Asva-Gruppe auszeichnende Fundgruppen dar. Die Trockenmauer uberlagert die Spatbronzezeitphase, liefert aber sonst keine naheren datierenden Anhaltspunkte. Deren Bedeutung und Funktion ist fraglich, wird aber im Kontext von vorwiegend symbolisch-ideeller Abschirmung und Abgrenzung des durch Mauer und Ringwall markierten 'Sakralbereichs' aufgefasst. Die Deponierungen der Silberobjekte, angeblich im Innern des Mauerbereichs gefunden, gelten als Hauptargumente in diesem Interpretationsrahmen. Die den Kratersee und Ringwall umfassende Aussenmauer, zwar ebenso unklar in Datierung und Funktion wie der innere Mauerring, wird eingepasst in die Gesamtkonzeption eines in verschiedenen Perioden frequentierten Kult--oder Sakralorts. Bislang erwies sich jedoch der Kratersee fur das Team der von Lougas gefuhrten Archaologen und Geologen als 'undurchdringbar' bezuglich seiner in der Tiefe verborgenen Geheimnisse und lediglich die altereisenzeitlichen Silberfunde sind, trotz ihrer schleierhaften Auffindungsumstande, als die einzigen Indizien fur den Sakralortcharakter von Kaali anzusehen.

5.3.3. Kaali--ein bronzezeitlicher Kultplatz?

Es spricht einiges fur sich, dass Kaali wegen seiner besonderen Topologie mit dem hoch aufgeschossenen Kraterrand und der kreisformigen Senke mit einem Kratersee als ein in der vorgeschichtlichen Kulturlandschaft ungewohnlicher Platz wahrgenommen wurde und die Menschen angeregt hat zu lokalen Mythenbildungen um dessen "himmlische" Entstehungsgeschichte (so bei Haas et al. 2003). Die zur allgemeinen Begeisterung fur Opfer--oder Sakralplatztheorien angeregte symbolische Aura des Platzes geht wesentlich auf die religionsphanomenologisch inspirierte Vorstellung eines von der Aussenwelt abgesonderten und geschlossenen "heiligen" Raums zuruck, der zu Zwecken von Ritual--oder Kulthandlungen frequentiert wurde (dazu z. B. Karl-Brandt 2011). Im Falle Kaali ist die Erwartungshaltung in der Forschung immer sehr hoch gewesen, solche an Ort und Stelle praktizierten Kulthandlungen im archaologischen Befund bestatigt zu sehen.

Hinweise auf bronzezeitliches Kultgeschehen gilt es aber noch zu erschliessen. Zu erkennen geben konnen sich kultische Praktiken, auch solche der Weihung oder Opferung, uber Niederlegungen bzw. Deponierungen von wertbehafteten oder bedeutungsgeladenen Objekten. Jedoch mussen sich aus der Kombination, Komposition und Behandlung dieser Objekte gewisse Muster und Regeln deuten lassen, um symbolische Intentionen im Umgang mit den Objekten vor und wahrend der Niederlegung uberhaupt zu erschliessen. Schwierig ist es fur die Archaologie, die jeweils moglichen Motivationen hinter rituellen Niederlegungen zu deuten, denn "Weihefunde" oder "Opfer" geben sich aus der Uberlieferungssituation der Funde i. d. R. nicht als solche preis. Auch stellt sich die Frage, ob oder inwieweit solche kategorischen Trennungen zulassig sind bzw. ob diese von den an Niederlegungshandlungen Beteiligten als solche reflektiert oder intendiert wurden (so Oras 2014, 142). Zudem muss die Interpretation und Kategorisierung von Ritualhandlungen den jeweiligen Zeit--und Kulturkontext mitberucksichtigen, da dieser einflussnehmend ist auf die Art der Niederlegung und die Bedeutung und Bewertung von Objekten und Symbolik (Karl-Brandt 2011, 70 ff.; Oras 2014, 139 ff.). Die Bezeichnung "Opferplatz", wie sie fur Kaali generalisierend Anwendung findet, impliziert ganz konkrete Handlungen und Intentionen, die der derzeitige Fakten--und Untersuchungsstand nicht ansatzweise rechtfertigen kann. Die Frage stelle sich dennoch, ob fur Kaali die Diskussion als ein potentieller Sakralort zulassig ist und was sog. Kultplatze kennzeichnet.

Wie bereits angemerkt, prasentiert sich ein Fundplatz wie Kaali, mit Kraterring und--see, in einem idealtopographischen Kontext mit einer markanten Visualitat in der Kulturlandschaft und erscheint in seiner ausgepragten symbolischen Aura geradezu pradestiniert als Anziehungspunkt fur kultisch motivierte Handlungen und Niederlegungen. Versuche sind gemacht worden, aus dem Bau und der Anordnung von Ringwallen oder Mauern exponierter Platze eine gewisse Symbolik der Abgrenzung zwischen sakralen und profanen Spharen abzuleiten, und aus diesen Vermutungen heraus diesen Orten einen Kultplatzcharakter zuzuschreiben (z. B. Veski et al. 2004; 2007). Auch Haus--und Grabarchitektur wird mit praktizierten Kulthandlungen in Verbindung gebracht, wenn es der archaologische Gesamtkontext wahrscheinlich macht. Ein bekanntes und in diesem Zusammenhang vielzitiertes Beispiel ist Tonija Tuulingumagi auf Saaremaa, der als Versammlungsort, Kultstatte und Bestattungsplatz der Vorromischen und Romischen Eisenzeit interpretiert wird (dazu Magi 2001; 2005). (42)

In die kunftige Diskussion um den Kraterplatz als mutmassliche Statte bronzezeitlichen Kultgeschehens sollten jedoch samtliche archaologischen Hinterlassenschaften einbezogen werden, die von menschlichen Aktivitaten, sowohl sakrale als auch solche des profanen Bereichs, einbeziehen. In der Tat gibt es in Kaali genugend Hinweise fur eine periodische Nutzung des Kraters als Wohn--und Siedlungsplatz, in der Spatbronzezeit und spater. Im Fundmaterial sind Reibsteine und Mahlsteinunterlieger vertreten und gewisse Mengen tierischen Speise--und Schlachtabfalls sind gleichfalls Beleg der Nahrungsverarbeitung und Tierhaltung vor Ort (Kap. 10 f.). Von der symbolischen Aura im Zusammenhang mit dem Sakralortcharakter abgesehen, boten Kratersee und Wall vermutlich gunstige Bedingungen fur Wasserversorgung und Haustierhaltung. Sicherheits--und verteidigungsstrategische Aspekte mogen bei der Platzwahl ebenso eine Rolle gespielt haben. Das Typenspektrum des keramischen Fundmaterials bietet, soweit bei der vergleichsweise kleinen Menge an bestimmbaren Materials festzustellen moglich, Raum fur Interpretationen bezuglich sowohl profaner als auch sakraler Nutzung der Keramik. Der Formen--und Typenschatz der Kaali-Keramik entspricht dem der Gefasskeramik von Asva, Ridala und Iru, und bezeugt eine breite Palette an Funktionsbereichen der Grob--und Feinkeramik (Kap. 8). Angesichts der Exklusivitat in der Verbreitung der Henkelschalen im Ostseeraum der Bronzezeit bietet sich aber die Moglichkeit, die Feinkeramik der Kratersiedlung als Hinterlassenschaften besonderer Handlungen im Rahmen gesellschaftlicher oder kultischer Anlasse zu sehen (z. B. Trinkfeste; dazu Eriksson 2008; 2009; Kap. 8). Ebenso liefern die Giesserfunde (Ringgussformen) Diskussionspotential in der Deutung des Kraters als Kultplatz, denn im Kontext der Nordischen Bronzezeit gibt es Beispiele fur Bronzeguss an Sakral--oder Bestattungsplatzen, die Spuren der Metallverarbeitung konnen also auch auf kultisch-sakral motivierte Handlungen weisen (siehe Goldhahn & Oestigaard 2008). Auch die aus der Insel Saaremaa stammenden Metallobjekte der Bronzezeit lassen eine Verbindung zu kultischen und religiosen Vorstellungen und Praktiken erkennen--sich aussernd in der Hortung oder Niederlegung von Metallwerten. Funde wie der Bronzebruchhort von Tehumardi (oder aus dem lettischen Staldzene), sind in der wiederkehrenden Komposition und Behandlung der niedergelegten Objekte als Zeugnisse uberregional verbreiteter Ritualhandlungen anzusehen. Sie sind seltene, aber anschauliche Beispiele der Ubernahme nordischer Kult--und Glaubensvorstellungen (dazu Sperling 2013). Kaali ist auch in diesem Kontext zu nennen, denn der Kraterplatz wird als Fundort einer nordischen Scheibenkopfnadel vom Typ Harnevi genannt (Fundumstande unklar; Lougas & Selirand 1989, 209 f.). Solche Nadeln mit uberdimensionierten Kopf und konzentrischem Rillenmuster (Sonnensymbolik?) treten im Ostseeraum der Spatbronzezeit vorzugsweise einzeln auf (Einstuckdeponierung), ansonsten in gemischten Niederlungen (Mehrstuckhorte). Eine andere typengleiche Scheibenkopfnadel) kam in Asva wahrend der Siedlungsgrabung zutage (siehe Kap. 7.4.7.1). Es ist also denkbar, dass die Scheibenkopfnadeln an ausgesuchten Platzen, auch einzeln, deponiert wurden. Auf Kaali werfen die sog. Harnevi-Nadeln ein interessantes Licht, weil der namengebende Hortfund aus dem schwedischen Uppland als ein herausragendes Beispiel fur bronzezeitliches Kultgeschehen interpretiert wird (Forsgren 2010; 2012). Platze von mutmasslichem Sakralortcharakter stellen eine von der Bronzezeitforschung bislang marginal behandelte Quellengruppe dar, aber es mehren sich die Erkenntnisse, dass es in der Bronzezeit in Bezug auf Ort und Art der Niederlegung von Objekten mit Wert und Symbolik feste Regeln und Vorstellungen gegeben haben muss. Ganz offensichtlich wurden fur Metalldeponierungen Orte und Platze aufgesucht, die metaphorischen Grenzbereichen entsprachen (Karl-Brandt 2011; Hansen 2013; Neumann 2013). So wurden in der Nordischen Bronzezeit Moore oder Gewasser fur Metallniederlegungen bevorzugt und auch der Kratersee von Kaali erhalt vor diesem Hintergrund eine gewisse Symbolik als Tor zur transzendenten Welt. In diesem Zusammenhang sind auch die aktuellen Forschungen Martin Rundkvists zu rituellen Hortfundlandschaften in der Malarsee-Region (auch Uppland) von Interesse, denn sein Fokus richtet sich auf die Rekonstruktion raumlich-topographischer Bezuge potentieller Sakral--und Deponierungsorte (sacrificial sites). Seiner Auffassung nach kennzeichnet Platze wie Harnevi the attractiveness of wet, high, topographically dramatic and ancestral locations to Bronze Age sacrifices (Rundkvist, im Druck). In der Ansprache als hypothetischen Handlungsort bronzezeitlichen Kultgeschehens vereinigt der Kraterplatz von Kaali all diese Attribute und rechtfertigt den hypothetischen Bezug zur Sakralorttheorie. Wie oben dargelegt, bedarf es in kunftigen Untersuchungen zu dieser Thematik aber einer emotional gemassigteren Erwartungshaltung, speziell in der Revision der archaologischen Uberlieferungssituation in Kaali und mit Blick auf die fur profan-alltagliche Siedlungsaktivitaten sprechenden Funde und Befunde.

5.4. Iru

Der Fundplatz Iru kann zu den prominentesten der Burgwalle, Wallanlagen und befestigten Hohensiedlungen Estlands gezahlt werden. Der Burgberg ist uber mehrere Perioden hinweg besiedelt worden, wesentliche Teile der Fortifikation stammen aus der Mittleren und Jungeren Estnischen Eisenzeit (2. Halfte des 1. Jahrtausends u. Z.). Die uber 5.000 [m.sup.2] grosse Anlage ist seit den 1930er Jahren in Abstanden archaologisch untersucht worden, mittlerweile wurde ca. ein Viertel davon ausgegraben (Abb. 29).

Sie liegt auf einem erhohten Gelandesporn ca. 10 km entfernt vom Zentrum der estnischen Hauptstadt. Die Kuste ist ungefahr 4,5 km entfernt. Das Siedlungsplateau mit seinen steilen Abhangen hebt sich von der Umgebung 9-12 m empor. Der Sporn selbst wird von der West--und Ostseite vom Fluss Pirita umlaufen. In der Lange und Breite erstreckt sich die besiedelte Terrasse mit Wallanlagen auf 212,5 bzw. 16-52 m (Lang 1995b, 53 f., Abb. 1). Die Grabungen der Jahre 1936-1938, 1952-1958 und 1984-1986 (Indreko, Vassar und Lang) erbrachten detaillierte Einblicke in die Siedlungsabfolge an diesem Platz. Verschiedene Phasen sind entweder uber Keramik und sonstige Funde oder uber konkrete Befunde (Hausstrukturen, Mauer--und Wallkonstruktionen) nachweisbar. Die altesten drei gehoren dem Spatneolithikum (Spatphase der Bootaxtkultur), der Spatbronzezeit sowie der Vorromischen Eisenzeit an. Der Mittleren und Spaten Estnischen Eisenzeit konnen funf Wohn--und Bauphasen zugeschrieben werden, im Zuge derer die Errichtung umfangreicher Befestigungsmauern und--walle im Suden und Norden sowie auf dem zentralen Plateau, inklusive Resten einer turmartigen Struktur, stattfand. V. Lang (1987a; 1996; 2007a; 2007b) hat die Grabungsergebnisse zu Aufbau und Besiedlung von Iru detailliert dargestellt und geschildert.

Die spatbronzezeitliche Besiedlungsphase von Iru begegnet in der Literatur als Periode der fortified settlement, obwohl das Fehlen jeglicher Befestigungsspuren eingeraumt wird (Lang 1995b, 54; 2007b). Dabei wird vorausgesetzt, dass die Platzwahl auf dem erhohten Terrain an sich bereits ein Schutzbedurfnis ausdruckt, ausserdem wird so die synchrone Existenz mit den anderen Siedlungsplatzen der Asva-Gruppe von mutmasslicher Verteidigungsdisposition betont.

Bronzezeitliche Befunde, begleitet von Keramik und auch einigen Metallobjekten (u. a. eine Lanzenspitze, zwei Ringfragmente, vier Bronze--und ein Eisenpfriem), kamen hauptsachlich in Grabungen der 1950er und 1980er auf dem Mittelteil des Nordplateaus zum Vorschein. Die Strukturen von mindestens vier Hausern wurden dort entlang der Westkante in West-Ost Ausrichtung freigelegt. Uber die Bodenverfarbungen und Lage der Pfostenbauten (steingestutzt) konnten Bauten in Blockbautechnik, ca. 10 m lang, 3-5 m breit, rekonstruiert werden (Lang 2007b, 58 f., Abb. 20). Das Fundmaterial ahnelt in vielen Aspekten und Details dem von Asva und Ridala. Die Knochen-, Geweih--und Steingerate belegen eine ganz ahnlich vielseitige Subsistenz in Iru wie bei den Siedlungen auf der estnischen Ostseeinsel. Dem Geraterepertoire zufolge wurden neben der Viehzucht und dem Feldbau (u. a. Ardspitzen, Mahlsteine) auch Robbenfang (Harpunen) betrieben und die dabei anfallenden Agrar--und Fangprodukte vor Ort verarbeitet. Die Keramik von Iru zeigt ebenfalls ganz ahnliche Zuge gegenuber der AsvaKeramik. Die Fundausbeute an ca. 4.150 Gefassscherben aus Iru ist verglichen mit Asva (ca. 26.200 Stuck) eher klein und Ausdruck einer weniger intensiven oder andauernden Bronzezeitbesiedlung an diesem Ort. Auch scheint es sich bei Iru nur um eine einmalige Siedlungsperiode zu handeln.

Bronzezeitliche Siedlungsfunde kamen auch im Nordteil der Siedlung zutage (Grabungen 1936-1938). Neben Herdstellen und Keramikfunden konnte dort der fur die Asva-Gruppe charakteristische Bronzeringguss nachgewiesen werden. Bis auf einzelne Ausnahmen fanden sich die keramischen Ringgussformen (uber 60 Fragmente) nur im Nordteil von Iru (Lang 2007b, 59, 116, Abb. 19, 53). Der Umstand, dass Spuren der Metallproduktion in Estland und Nachbarregionen nur in Siedlungen an ausgewahlt verkehrsstrategischen Standorten und mit komplexer Subsistenz vorkommen, macht auf die bedeutende Rolle des Metalls in der Siedlungsokonomie aufmerksam. Die folgenden, von Asva ausgehenden Untersuchungen werden auch fur Iru klaren helfen, ob die Lokalisierung des Metallhandwerks als eine an und fur sich elitare Tatigkeit zwangslaufig auf privilegierte Bevolkerungsteile mit gesellschaftlicher und okonomischer Vormachtstellung hinweisen muss (Metallmonopol?). Immerhin wird der Hohensiedlung eine soziopolitische Mittelpunktstellung in der fur seine verdichtete archaologische Fundprasenz bekannten Pirita-Region zugeschrieben (u. a. Lang 2003, 185 ff.; 2007b, 94, 264 f.).

doi: 10.3176/arch.2014.2S.06

(27) Lougas dazu (1967, 92): (es) kann zur Charakterisierung des obersten Fundkomplexes noch gesagt werden, dass Bernstein, Gussformenfragmente, knocherne Schmucknadeln u. a. Funde, die fur die untere (spatbronzezeitliche) Schicht charakteristisch sind, dort nicht mehr vorkommen.

(28) Indreko 1939a, 10; 1939b, 35 f.: Die Erkenntnis, dass die Feinkeramik der bronzezeitlichen Asva-Gruppe in qualitativen und asthetischen Gesichtspunkten der Keramik der Mittleren Eisenzeit Estlands kaum nachsteht, reifte erst mit Anwachsen der Fundmengen in den nachsten Siedlungsgrabungen.

(29) Indreko 1938, 3 f.; Vassar 1948, 7; 1955, 116.

(30) Die Ausgraber selbst rekonstruierten nur brusthohe Steineinfriedungen bzw. Umzaunungen (ca. 1,5 m Hohe), in Analogie zu den noch heute auf Saaremaa anzutreffenden Gehoft--oder Weilerumgrenzungen (Vassar 1955, 116 f.; Moora 1967).

(31) Das bestatigen die im Plan eingetragenen Hohenwerte (Lougas 1966a, Plan 10). Siehe auch das Profil der Nordwand (gleichzeitig Grabungsgrenze): Dort gibt sich eine Herdstelle zu erkennen, die jedoch an keiner Stelle dokumentiert wurde, aber die steinerne Einfriedung kreuzt.

(32) Auch V. Lougas bezieht sich in seiner Untersuchung auf die Grabungstagebucher (estn. Kaevamispaevikud) von A. Kustin und A. Vassar (Lougas 1970a, 349, Anm. 1). Die handschriftlichen Notizen sind zwar teilweise schwer lesbar, aber enthalten meist brauchbare Beobachtungen zu den Befunden und zum weiteren Grabungsverlauf.

(33) In der Literatur zum Palisadenproblem wird stets von einem Zaun oder einer 'Umfassungswand' (estn. tara) gesprochen, nicht jedoch von einer Mauer o. a. Es scheint also gewisse Vorstellungen vom Charakter und der Dimension der Befestigung einer solchen 'Wehrsiedlung' gegeben zu haben.

(34) Nichtsdestotrotz wird in der Kontroverse um das Alter von Kaali vorzugsweise mit Einzeldaten (z. B. Ua-1796: 1690-1510 cal. BC) argumentiert (z. B. Veski et al. 2007, 269).

(35) Lougas, zwischenzeitlich begeisterter Anhanger dieser Theorie einer durch den Meteoriten verursachten Bronzezeitkatastrophe auf Saaremaa (u. a. zum Niedergang von Asva fuhrend), ist bereits langst von dieser Idee abgeruckt, weil sich Hinweise auf eine Alterdatierung des Kaali-Impakts mehrten (Lougas & Selirand 1989, 209 f.; Lougas 1996, 65 f.).

(36) Auch hat man versucht, abgesehen von der nicht haltbaren Datierung, das zerstorerische Ausmass des Meteor-Aufpralls fur die Kaali-Umgebung zu relativieren. Demnach sei die in der Fachliteratur postulierte Sprengkraft des Einschlags, verglichen mit dem der Hiroshima-Atombombe (ca. 20 Kilotonnen), um ein Vielfaches zu hoch angesetzt (Raukas et al. 2003; vgl. Veski et al. 2002, 108).

(37) Unter Kaali sind im amtlichen Denkmalschutzregister gelistet: 1. "befestigte Siedlung und Opferplatz" (estn. kindlustatud asula ja ohverdamiskoht) (unter Nummer 12602), und 2. ein neuzeitlicher "Eisenverarbeitungsplatz" (rauasulatuskoht) (Nr. 12603). Siehe http://register.muinas.ee/?menuID= monument&action=view&id=12602 (am 9.1.2014 zuletzt eingesehen). Diese Funddenkmaler sind auch vor Ort als solche ausgeschildert. Magi (2013, 15 f.) pladiert anstelle der bisherigen Doppelbezeichnung (unter Nr. 12602) fur eine Verwendung des ihrer Meinung nach neutraleren Terminus linnus (Burgberg-Siedlung).

(38) Nennenswerte Funde oder Beobachtungen hat es dort keine gegeben. Lougas setzte bei einem seiner Versuche der archaologischen Sondierung des Kratersees im Jahre 1978 sogar einen Senkkasten ein und liess das Wasser des Sees teilweise vollig abpumpen. Dabei konnte er wegen der kompakten Lagen grosser Baumholzer nur bis ca. zwei Meter Tiefe vordringen. Dendrodatiert wurde das Splintholz eines spatmittelalterlichen Eichenstamms (ermitteltes Datum: 1426 u. Z.; Lougas 1996, 148 ff.).

(39) So in dem 1977 (oder spater) von Lougas verfassten Begleittext im Denkmalschutzregister (http://register.muinas.ee/?menuID=monument&action=view&id=12602--am 9.1.2014 zuletzt eingesehen). Valter Lang merkte in diesem Zusammenhang an (per E-Mail vom 03.02.2014), dass zum tarand-Grab von Liiva-Putla auch ein Schichtenhorizont der Vorromischen Eisenzeit gehort (siehe auch Lang 1996, 303). Kaali konnte also periodisch in der Spatbronzezeit und Vorromischen Eisenzeit als Wohn--oder Kultplatz frequentiert worden sein--seiner Meinung nach ein weiterer Hinweis auf eine gegenuber Asva und Ridala gesonderte Funktion des Kraterplatzes.

(40) Obwohl oder gerade weil Lougas nur sehr vage Informationen zur vermeintlichen Befestigung der Kratersiedlung preisgab, haben seine knappen Ausfuhrungen in der jungeren Forschung eine Verkettung von Missverstandnissen ausgelost: One single sherd of a handmoulded pot from the uppermost wall-layer confirms that the construction took place in prehistoric times, perhaps contemporary with the fortification on the crater rim (Veski et al. 2004, 201; auch Kraut 2004, 57).

(41) Es wurde aber die Idee formuliert, die Architektur der zweifachen Wall--oder Steinringanlagen von Siedlungen im Nordwesten Saaremaas (mit Datierung in die Vorromische Eisenzeit) konne dem sog. Kaali-Komplex nachempfunden sein und somit (ebenfalls) im Sinne von Kultplatzaktivitat interpretiert werden (Veski et al. 2004, 204, Abb. 5; 2007, 272, Abb. 15.6). Die entsprechenden Ringwallanlagen der Platze Vohma und Pidula sind archaologisch nur ansatzweise uber Probesondierungen erforscht.

(42) Magi (2013, 7) weist in ihrem Bericht auf mogliche Beziehungen hin in Bedeutung und Funktion zwischen den rechteckigen Steinkonstruktionen von Kaali (siehe oben, Abb. 27) und Tonija, namlich im Sinne erhohter Unterbauten (estn. platvorm) zur Praktizierung verschiedener Kulthandlungen. Sie ist sich aber des Dilemmas in der Datierung der Siedlungsbefunde von Kaali bewusst.

Tabelle 2. Darstellung der Abfolge der einzelnen
Siedlungsschichten von Asva

       Stratigraphie von Asva nach
           Lougas (1970a, 325):

                Schichten                        Chronologie

I - Burgwallschicht    a - Siedlungsreste        2. Halfte des 1 .
(linnusekiht)          b - sterile Kiesschicht   Jahrtausends u. Z.
                       (Wallaufschuttung)

II - Schichten der     a - Steinfussboden bzw.   7.-6. Jahrhundert
befestigten            an Steinen reiche         v. u. Z.
Siedlung               Siedlungsschicht          (fruheisenzeitlich -
(kindlustatud                                    varane rauaaeg)
asula kihid)
                       b - Kulturschicht ohne    9.-7. Jahrhundert
                       Steine und mit            v. u. Z.
                       Brandspuren               (spatbronzezeitlich -
                                                 hilispronksiaeg)

III - Schicht der      /                         Beginn des 1.
offenen                                          Jahrtausends v. u. Z.
Siedlung
(avaasula kiht)

        Stratigraphie von Asva nach              Benennung
             Lougas (1970a, 325):                der Phasen

                 Schichten                       wie folgt:

I - Burgwallschicht    a - Siedlungsreste        Asva III
(linnusekiht)          b - sterile Kiesschicht
                       (Wallaufschuttung)

II - Schichten der     a - Steinfussboden bzw.   Asva II
befestigten            an Steinen reiche         spatbronzezeitlich
Siedlung               Siedlungsschicht
(kindlustatud
asula kihid)
                       b - Kulturschicht ohne    Asva I
                       Steine und mit            spatbronzezeitlich
                       Brandspuren

III - Schicht der      /                         / spatneolithisch-
offenen                                          alterbronzezeitlich
Siedlung                                         (sekundarverlagerte
(avaasula kiht)                                  Funde)
COPYRIGHT 2014 Estonian Academy Publishers
No portion of this article can be reproduced without the express written permission from the copyright holder.
Copyright 2014 Gale, Cengage Learning. All rights reserved.

Article Details
Printer friendly Cite/link Email Feedback
Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:15324
Previous Article:Liste der fundorte mit bronzeringguss.
Next Article:Vorwort.

Terms of use | Privacy policy | Copyright © 2021 Farlex, Inc. | Feedback | For webmasters |