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14. Schluss.

Die ersten archaologischen Untersuchungen in den 1930er Jahren in Asva, Iru und im lettischen Klangukalns schienen eine glanzende Ara in der ostbaltischen Bronzezeitforschung anzukundigen. Daher mutet es aus heutiger Sicht paradox an, dass es der estnischen Bronzezeitforschung so spat erst gelungen ist, den schon so lange vorhandenen Erkenntnisstand zu erweitern und zu entwickeln. Bereits kurz nach den ersten Grabungen in Asva vor nunmehr acht Jahrzehnten wusste die Fachoffentlichkeit um die Existenz von fast 3000 Jahre alten Siedlungsplatzen in der westestnischen Insel- und Kustenwelt und von einer durch hervorragende Erhaltungs- und Uberlieferungsbedingungen garantierten Fulle und Qualitat an archaologischen Siedlungsfunden. Neben den Spuren ortlicher Metallverarbeitung und teilweise exotisch anmutenden Keramikfunden, Makroresten und Geraten als Hinweise auf Ackerbautatigkeit wusste man aus der vorlaufigen Auswertung des osteologischen Siedlungsmaterials, dass bereits in diesem Abschnitt der Vorgeschichte Schaf-, Rinder-, Schweine- und Pferdezucht betrieben wurde. Langst erkannt also hatte man die Bedeutung von Platzen wie Asva und der Siedlungsfunde fur die kulturgeschichtliche Verortung einer 'echten' Bronzezeit im Ostbaltikum, dies wegen der Giesserfunde und der Charakteristika in den Siedlungs- und Wirtschaftsweisen, sowie fur die Beurteilung der sozialen Verhaltnisse jener Zeit (Moora 1938, 366).

Bekanntlich haben die politischen Zustande in Estland wahrend der Nachkriegszeit bis zum Fall des Eisernen Vorhangs einen hemmenden Einfluss auf die Asva-Forschung gehabt, was sich in den archaologischen Dokumentations- und Analysemethoden und in dem fehlenden internationalen wissenschaftlichen und informellen Austausch bemerkbar machte. Die Grabungskampagnen der 1940er und 1960er Jahre in Asva brachten abermals viel an Neufunden und Erkenntnissen mit sich, auch durch die begleitende archaozoologische Materialanalyse. Zur Veroffentlichung der Ergebnisse mit Diskussion des Forschungsstands der 1970er Jahre ist es nicht gekommen (unpublizierte Kandidatendissertation von Vello Lougas; 1970a). Erst viel spater, mit den Forschungen Valter Langs zur bronze- und eisenzeitlichen Siedlungs- und Agrargeschichte der nordestnischen Kustenregion seit den spaten 1980er Jahren wurden neue theoretische Deutungsansatze entwickelt und Platze wie Asva und Iru als komplexe Zentralorte, vor allem aber als bedeutende Etappen in der regionalen kulturhistorischen Entwicklung wahrgenommen. Mit den Untersuchungen von Lembi Lougas, Heidi Luik und Liina Maldre in den letzten beiden Jahrzehnten wurden reichlich Material und Daten zum Tierknochen- und Geweihfundspektrum, mit Blick auf Methoden, Techniken und Strategien in Handwerk, Nahrungsbeschaffung und--verarbeitung in den estnischen Bronzezeitsiedlungen publiziert (Kap. 3 und 4). Es war also eine Frage der Zeit, bis man auch die Massenfunde der fur die Archaologie Estlands so prominenten Bronzezeitplatze, die Gefasskeramik und die Giesserfunde, einer Analyse und Auswertung unterzog. Im Laufe der Untersuchung kristallisierten sich diese Fundgruppen mehr und mehr als materialisierte Quellen der sozialen und wirtschaftlichen Lebenswelt der Bronzezeit und seiner strukturellen Entwicklungen und Veranderungen heraus.

Dabei bietet das Thema der Metallverarbeitung in den estnischen Bronzezeitsiedlungen besonders viel an Forschungspotential und Diskussionsstoff (Kap. 7). Das ist zunachst bedingt durch die ausgepragte Metallarmut in der archaologischen Uberlieferung der ostbaltischen Region wahrend der Bronzezeit und die im krassen Gegensatz stehende Situation gegenuber den metallreichen Graber- und Hortfundlandschaften des westlichen Ostseeraums. Mit den Giesserplatzen und -funden im ortlichen Siedlungsmilieu jedoch scheint eindeutig erwiesen, dass Metalle in nicht unerheblichen Mengen im Osten zirkulierten. Daher boten sich Anlass und Gelegenheit einer kritischen Stellungnahme gegenuber dem Paradigma der alteren Forschung von wenig differenzierten und unterentwickelten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustanden im Ostbaltikum. Es scheint, dass die soziookonomische Bedeutung der Metalle uberbetont wurde und das Moment regional und kulturell differenzierter Grab- und Deponierungssitten weitestgehend unberucksichtigt blieb.

Die vielen Giesserfunde (Gussformen, Halbfertigprodukte und Geratezubehor) und verschiedenen Werkplatzkontexte der Asva-Gruppe haben einen enormen Quellenwert fur die Erforschung der technischen Prozesse und Ablaufe hinter der Verarbeitung, der Beschaffung und der Distribution von Bronze. In der Auswertung traten die wesentlichen Desiderata der Bronzezeitforschung zutage, vor allem die einer holistischen Betrachtung der Metallverarbeitung und seiner technologischen Parameter (skill und know-how) und zwar vor dem Hintergrund der Wechselbeziehungen zwischen Bronzegiesser(n) und der sozialen und naturlichen Umwelt. Zu viel ist in der Forschung als bekannt oder gegeben vorausgesetzt worden, wobei Aspekte wie Wahl und Verfugbarkeit begrenzter Rohmaterialien und Ressourcen etwa, oder der Technologieinnovationen als Resultate interkultureller Kontakte von der ostbaltischen Forschung kaum oder nur im Ansatz thematisiert wurden.

Naher diskutiert wurde die Funktion und Bedeutung des Ringgusses in Siedlungen wie Asva, im Ostbaltikum und daruber hinaus: Die auffallige Dominanz von Ringobjekten im Gussformenspektrum, diese von augenscheinlich standardisierter Gestalt und Grosse, steht vermutlich mit der Herstellung von ringformigen Barren in Verbindung. Als multifunktionale Halbfertigprodukte sind diese wahrscheinlich als standardisierte Tauschprodukte zum Einsatz gekommen, waren aber letztendlich von spezieller gusstechnischer Relevanz. Die Ringform (mit offenen Enden) war in vielerlei Hinsicht praktisch und vorteilhaft, weil sie dem materialkundigen Bronzegiesser eine optisch und mechanische Prufung der Qualitatseigenschaften erlaubte und fur die Selektion und Portionierung der jeweiligen Metallmengen und--qualitaten zur Schmelze im Gusstiegel geeignet war. Mit dem Ringguss scheinen die Platze der Asva-Gruppe eine Etappe im Metallurgie-Kreislauf zu prasentieren, in der Wiederaufbereitung und Konvertierung von Altmetallen und/oder Primarrohstoffen in handelsubliche und gusstechnisch praktikable Formen (Barren). Was daruber hinaus in den Bronzezeitsiedlungen produziert wurde, vor allem in welcher Menge, Intensitat und von welchem Personenkreis, lasst sich nur mit weiterfuhrenden Untersuchungen am Fundmaterial klaren.

In der Diskussion der sozialen Bedeutung und Funktion der Bronzeverarbeitung in den Platzen vom Asva-Typ sind Uberlegungen zu soziookonomischen Voraussetzungen des Imports der Metalle und Rohmaterialien (nicht nur Altbronze) und des technologischen Wissenstransfers wesentlich. Angesichts der dafur notigen Mobilisierung von Subsistenzmitteln erscheint der Bronzeguss in der Tat als ein privilegiertes oder sozial elitares Betatigungsfeld, jedoch nicht zwangslaufig mit den in der Forschung postulierten Implikationen politischer Macht und Kontrolle. Das untersuchte Fundmaterial von Asva zeugt von der intensiven Ausubung und ortlichen Entwicklung der Bronzegusstechnologie, es zeigt sich aber auch, dass dort (und in Ridala) mehrere Haushalte und Wirtschaftseinheiten in die technischen Prozesse involviert waren. Nach Ausweis der Werkplatze und der gesamten archaologischen Befundsituation scheint also ein Grossteil der Siedlungsgemeinschaft in die gussvorbereitenden und gusstechnischen Prozesse aktiv eingebunden gewesen zu sein. Wie klein oder eingeschrankt der Personenkreis der fur die anspruchsvollen und komplexen Tatigkeiten in der Bronzeverarbeitung war (Metallschmelze und--guss, mechanische Bearbeitung der Produkte), das kann eventuell uber weiterfuhrende, interdisziplinare Einbindung von Methoden der experimentellen Archaologie und Materialforschung entschieden werden. Asva konnte durchaus eine wichtige Rolle ubernehmen in der Diskussion der theoretischen Anwendbarkeit und Auslegung des Begriffes der Spezialisierung auf archaologische Kontexte handwerklicher und standardisierter Verarbeitung. Eine gute Ausgangs- und Vergleichssituation bietet sich nicht nur wegen der Nachweise von Metallproduktion allein, sondern auch wegen der vielen Funde von Geweih- und Knochenobjekten (u. a. Halbfabrikaten) in den estnischen Bronzezeitsiedlungen (Kap. 10).

Die Asva-Keramik (Kap. 8) bildet einen weiteren grossen Themenkomplex der Untersuchung. Nach verschiedenen morphologischen, herstellungstechnischen und funktionalen Kriterien ergibt sich im Ergebnis ein vergleichsweise breites Spektrum grob- und feinkeramischer Warenarten und Gefassformen der Siedlungskeramik.

Die von Harri Moora (Eingangszitat) angesprochenen 'Aussenbindungen' betreffen dabei nur die Gefassgruppe der Henkel- und Knickwandschalen, die nicht nur das lokale Gefassformenspektrum bereichern, sondern auch unter technischen Herstellungsaspekten einen Qualitatsanstieg anzeigen. Diese offenkundig fremdbeeinflussten Veranderungen scheinen sich aber nur auf den Bereich der Ess- und Trinksitten ausgewirkt zu haben. Die grobkeramische Haushaltsware zeigt dagegen traditionsbehaftete Zuge, wie sie in Form der Grubchenkeramik in weiten Teilen der nordosteuropaischen Waldzone wahrend der Bronzezeit und fruhen Eisenzeit in Gebrauch war. Mit Blick auf das Spektrum und die Funktion der Formen in der Asva-Keramik sind die stilistischen und technischen Innovationen kaum in den von der einfachen Topfkeramik besetzten, 'hauslichen' Bereich durchgedrungen. Neuerungen wirkten ganz offensichtlich nur in der praktischen Verwendungsebene des feinkeramischen 'Tischgeschirrs'. Es ist gemutmasst worden, ob in der an den Schalen hervortretenden Selektion bestimmter Herstellungs- und Gestaltungsmerkmale und der dadurch betonten Sichtbarmachung von Qualitat und Dekortechnik, eine soziale, identitatsstiftende Komponente zugrunde gelegen haben konnte. Ob die Henkelschalen mit der Darreichung spezieller Flussigkeiten oder Speisen moglicherweise exklusiver Zubereitung oder Herkunft zusammenhangen, ist nur mittels naturwissenschaftlicher Analysen organischer Ruckstande (z.B. Lipide) zu klaren. Die stilvergleichenden Uberlegungen jedenfalls vermuten, dass sich in der Verwendung der Henkel- und Knickwandschalen ferne Einflusse aus dem Milieu der mittel- und ostmitteleuropaischen Urnenfelderkulturen widerspiegeln und die Schalen aus dem Blickwinkel sozialer Selbstdarstellung und im rituellen Kontext (z.B. feasting) zu betrachten sind. Fragen nach dem Wie und Warum hinter der Entwicklung der grob- und feinkeramischen Gefassgruppen, ein offensichtlich exklusives Phanomen der estnischen Bronzezeitplatze im Ostbaltikum, zielen auf die Anwendungs- und Rezeptionsmoglichkeiten hinter den verschiedenen Stil- und Formauspragungen der Asva-Keramik. Die Grobkeramik und die feinkeramischen Henkelschalen werden vor dem Hintergrund von Beharrlichkeit und Innovation in der Herstellungstechnik und Gestaltung der Gefasse gesehen, und somit als mogliches Resultat eines kollektiven und dualistischen Habitus: Die Topfe und Schusseln grober Machart als Vertreter der hauslichen Sphare scheinen stilistischen und technischen Neuerungen gegenuber verschlossener (Zubereitung, Lagerung---innere Sphare), wahrend die individualisierten und aufwendig gestalteten Henkelschalen dagegen als Teil des offentlichen und kommunikativen Gebrauchs zu interpretieren sind (Darreichung aussere Sphare). In der Asva-Keramik finden sich also Ausdrucksformen sozialer Gestik und Identitat (u.a. Besitzanzeige, Selbstdarstellung).

Das Mit- und Nebeneinander von neuen und alten Elementen, von Lokal- und Fremdkolorit in Stil und Technik der Asva-Keramik, illustriert nicht nur die Einbindung der west- und nordestnischen Insel- und Kustenregion in ein weitgespanntes uberregionales Kontaktnetz, sondern auch die komplexen Wege und Mechanismen in der Verbreitung und Verschmelzung kultureller Stimuli und Innovationen in kleinregionalen Keramikgruppen. Die Fremdmerkmale an den Schalen- und Henkelgefassen der Asva-Keramik verteilen sich in unterschiedlicher und eklektischer Weise mit Stileinflussen, wie Reminiszenzen an Vorbilder geographisch streuender, kleinregionaler Keramikgruppen West- und Mittelpolens, Sudschwedens und Gotland. In der Gesamtschau verleihen sie der Feinkeramik vom Asva-Typ einen eigenartigen Hybridcharakter. Es hat also den Anschein, als hatten hier sporadische Inspirationen und Fremdanregungen richtungswechselnder Herkunft gewirkt. Dass sich diese kulturellen Einflusse ausgerechnet in der sog. Feinkeramik der estnischen Bronzezeitplatze niederschlagen, und die Henkelschalen im Ostbaltikum nordlich der Memel offensichtlich keine Aufnahme und Verwendung fanden, weist einmal mehr auf deren besonderen sozialen und symbolischen Bedeutungsgehalt.

In der Schlussbetrachtung wurden der Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Siedlungswesen im Ostbaltikum thematisiert und dabei die gangigen Theorien und Szenarien der Bronzezeitforschung anhand der eigenen Beobachtungen am Fundmaterial und der archaologischen Befundsituationen diskutiert (Kap. 13). Platze wie Asva, permanent ortsgebunden und in geschlossener Anlage mit Raum fur grossere Gemeinschaften, mit vielseitigen die Subsistenz einer gemischt-land-wirtschaftlichen Subsistenz erganzenden Verarbeitungs- und Tatigkeitsbereichen, erscheinen in der Spatbronzezeit als an sich elitare Siedlungsformen von regionalen Mittelpunktcharakter auf der archaologischen Bildflache. Fraglich bleibt, ob und inwieweit diese nun als Zentren kleinraumiger Herrschaftsbezirke gesehen werden durfen und wie die archaologische Befundsituation dem Bild von politischen Macht- und Kontrollstrukturen auf der okonomischen Grundlage des Agrarpotentials, der Technologie der Metallverarbeitung und des Zugangs zu den Metallhandelsrouten tatsachlich gerecht wird. Alternativ wird versucht, die Ursachen und Begleitumstande des gesellschaftlichen Wandels vor dem Hintergrund der in der Forschung bislang marginalisierten Bedeutung des Robbenfangs zu deuten: So wird der maritime Charakter der estnischen Bronzezeitsiedlungen aus der Perspektive des Robbenfangs als marine Wirtschaftsquelle heraus gedeutet. Zweifellos geht der hohe Anteil an Robbenknochen im tierischen Schlacht- und Speiseabfall von Asva und Ridala auf eine ausgiebige, vielseitige Verwertung der Robbenprodukte zuruck. Die Subsistenzsicherung der Bronzezeitplatze auf Saaremaa war somit nicht mehr nur eine gemischt-agrarische, die einzig auf die Verarbeitung einer breiten Palette agrarischer Produkte ausgelegt war. Es ist anzunehmen, dass die Jagd auf Robben einen wichtigen Stellenwert in der Siedlungsokonomie einnahm und auch die Standortwahl der Platze, zumindest die der Siedlungen Asva und Ridala, primar bestimmte. Auf einer von Karstlandschaften dominierten Insel wie Saaremaa mit nur begrenzt vorhandenen Ackerund Weidelandflachen (in Zonen der Alvare) mag also der Seehundsfang zur permanent ortsgebundenen Siedlungsweise gefuhrt haben. Uber die von den Bronzezeitmenschen festgelegte Rangfolge der okonomischen Bedeutung der lebenswichtigen, vermutlich auch vor Ort verarbeiteten Produkte wie Fleisch, Tran (u.a. als Brennstoff) und das flexible Robbenleder (fur Kleidung, Behalter u.a.) lasst sich derzeit nur spekulieren. Die Bronzezeitforschung wird diesbezuglich verstarkt die reichlich verfugbaren ethnographischen Quellen zum archaologischen Vergleich mit einbeziehen mussen. Wandel oder Veranderungen in der Lebensweise, wie sie am Asva-Fallbeispiel sichtbar werden, basierten offensichtlich nicht auf landwirtschaftlichen Grundlagen oder Voraussetzungen allein. Es wird also geschlussfolgert, dass diese Art von Siedlungstyp auf der Insel Saaremaa hervorgegangen sein konnte aus dem Zusammenschluss konglomeratisch in der Landschaft verteilter Einzelhofe, die bereits im Vorfeld saisonale Fanggemeinschaften bildeten. Das Verschmelzen und Kulminieren verschiedener wirtschaftlicher und verarbeitender Tatigkeiten, die scheinbar gemeinschaftliche oder demokratisierte' Ausubung der Bronzeverarbeitung, auch die dieser zugrunde liegenden Kontakt- und Tauschbeziehungen sowie die vielseitigen Kultureinflusse in der Asva-Keramik--diese Entwicklung im ortlichen Bronzezeitmilieu konnte mit den jahrlichen Robbenfangaktivitaten, womoglich in weitlaufigen Fanggebieten entlang der ostlichen und sudlichen Ostseekusten, in einem kausalen Zusammenhang stehen. Nicht nur die Form der Siedlungsorganisation und die Art und Differenziertheit der sozialen Beziehungen, auch Charakter und Praxis der maritimen Ausrichtung eines Platzes wie Asva und seine Anbindung an den Kommunikationsraum Ostsee erscheinen in einem neuen Licht.

In dieser Untersuchung liegt nicht nur eine Materialvorlage ausgewahlter und unter verschiedenen Gesichtspunkten reprasentativer oder relevanter Fundtypen der estnischen Bronzezeitsiedlungen vor. Aus der materialimmanenten Betrachtung der Siedlungsfunde heraus wurde versucht, die wesentlichen Aspekte der Entstehung, des Charakters und der Existenzgrundlage dieser besonderen Platze zu diskutieren, dies auch mit Blick auf die in den Siedlungshinterlassenschaften sichtbaren Sozialbeziehungen. Mit den bisherigen Erkenntnissen aus der Archaozoologie und--botanik lassen sich viele Schlusse ziehen bezuglich der Fahigkeiten der Bronzezeitmenschen in der Anpassung an die okologischen Rahmenbedingungen und die moglichen Ursachen und Grunde fur Veranderungen und Wandelerscheinungen in der Bronzezeitgesellschaft. Zur sozialen Organisation und der raumlich-geographischen Dimension der Landschafts- und Ressourcennutzung und der maritimen Kulturkontakte der estnischen Bronzezeitplatze allerdings bleiben viele offene Fragen.

Asva jedoch hat das Potential, innerhalb der Bronzezeitforschung des Ostbaltikums und daruber hinaus eine Schlusselposition zu ubernehmen. Spektrum und Vielseitigkeit des Material- und Datenbestands, eingedenk der exzellenten Erhaltungsbedingungen im Boden, scheinen mit den heutzutage verfugbaren methodischen, interdisziplinaren Moglichkeiten und Anwendungen der Wissenschaften noch um vieles erweiterbar. Einige der hier verschiedentlich formulierten Fragen und Hypothesen in Verbindung mit den bronzezeitlichen Technologien (v.a. Metall- und Keramikverarbeitung) im Lichte von Tradition, Innovation und Kulturkontakt werden bereits in Forschungszusammenarbeit der Spezialdisziplinen Materialforschung und experimentellen Archaologie untersucht und diskutiert. Mit den jungst gestarteten Grabungskampagnen in Asva (seit 2012) sind weitere interessante Funde und Befunde, und neue Fakten, hinzugekommen. Es besteht auch die Hoffnung, mehr uber andere Funddenkmaler im Umkreis der untersuchten Siedlungsplatze zu erfahren (v.a. Graber). Die Insel Saaremaa wird bald sicherlich noch mehr uber ihre ereignisreiche und archaologisch spannend zu entschlusselnde Vorgeschichte preisgeben. Die Asva-Forschung wird sicherlich ihren Teil dazu beitragen.

doi:10.3176/arch.2014.2S.15
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Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:2330
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