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13. Der wandel in Gesellschaft und Siedlungswesen.

13.1. Ausloser und Faktoren des Strukturwandels

Wie bereits eingangs kurz dargestellt, ist der jetzige Kenntnisstand zur Organisation des Siedlungswesens und zur Gesellschaftsstruktur in Estland in der Zeit vor und wahrend der Entstehung der Siedlungen der Asva-Gruppe noch immer problematisch. Dies hangt vor allem mit der generellen archaologischen Fund- und Informationsarmut insbesondere fur die Phase der Alteren Bronzezeit zusammen. Besonders wenig zu erfahren ist zur Besiedlungsgeschichte der Inseln Saaremaa und Hiiumaa und des estnischen Festlands in der ersten Halfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. Graber- und Siedlungsfunde fehlen fur diese Zeit ganzlich, und vornehmlich sind es die Einzelfunde, darunter auch die mutmasslichen als Fertigprodukte importierten Bronze- und Steinartefakte, die Auskunft geben uber Siedlungstatigkeit in dieser sonst an archaologischen Funden ausgesprochen armen Periode. Dafur liefert die Archaobotanik und die Auswertung diverser Pollendiagramme (Holzkohlepartikel, Kultivierungsanzeiger) Hinweise auf in dieser Zeit bereits angewandte slash and burn-Praktiken zur Gewinnung von Weide- und Kulturland (siehe Kap. 12.1).

Allgemein ist anzunehmen, dass in der Alteren Bronzezeit in Estland (1800-1100 BC) regionale Veranderungen und Anpassungen der Wirtschaftsstrategien an die naturraumlichen Gegebenheiten stattfanden, mit alternativen oder kombinierten Methoden landwirtschaftlicher Nahrungsgewinnung und mit von Umweltbedingungen unabhangigeren Lebens- und Siedlungsweisen. Archaologisch lasst sich dies aus der Entstehung neuer, permanent besiedelter Platze, aus der raumlich verdichteten Anordnung von Grabergruppen und aus der Qualitat und Zusammensetzung des uberlieferten Fundspektrums jedoch erst fur die entwickelte Bronzezeit erschliessen. Diese in der materiellen Kultur sichtbar werdenden Veranderungen als Spiegel eines wirtschaftlichen und sozialen Wandels wurden in der estnischen Forschungsgeschichte vor allem von Vello Lougas und Valter Lang untersucht und diskutiert, jeweils mit verschiedenen theoretischen Ansatzen und Schlussfolgerungen. Eine grosse Bedeutung, wenn auch unterschiedlich akzentuierte, wird dabei dem Aufkommen von Metallen und der Adoption von ortlicher Metallverarbeitung im Ostbaltikum zugeschrieben. Ein ebenfalls unterschiedlich in der Forschung reflektierter Problempunkt ist zum einen die generell sparliche Metallfundsituation in Estlands Bronzezeit und die demgegenuber nahezu paradox anmutende Uberlieferung von Spuren intensiver Bronzegusstatigkeit in der Spatphase dieser Periode (siehe Kap. 7). Ein weiteres, bislang wenig behandeltes Thema ist der dynamische Entwicklungsprozess regionaler Anpassung und der Diversifizierung in den Subsistenzstrategien auf der Insel Saaremaa und die wirtschaftliche Rolle des in den Platzen der Asva-Gruppe doch intensiv betriebenen Robbenfangs.

In seiner Kandidatendissertation von 1970 hat Lougas den in der Alteren Metallzeit stattgefundenen Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft erstmals ausfuhrlicher thematisiert, speziell die Etappe der graduellen Entwicklung hin zur kombinierten Subsistenz aus Viehzucht, Weidewirtschaft und Ackerbau (1970a). Der Weg hin zur gemischten Landwirtschaft galt bereits als in der entwickelten Bronzezeit vollzogen. Lougas kam es dabei jedoch nicht darauf an, die Auswirkungen des Wandels in den Subsistenzgrundlagen und Wirtschaftsweisen auf die bronzezeitliche Gesellschaft oder die Organisation und Struktur des Siedlungswesens zu untersuchen oder zu diskutieren. Dies gehorte bekanntlich nicht zu den primaren Problemfragen in Zeiten der sowjetestnischen Archaologie. Ihn interessierte vielmehr der Zeitpunkt des epochalen Wandels hin zur Agrargesellschaft und die in diesem Prozess als wichtig erachtete Rolle und Funktion der Metalle. Den kulturgeschichtlichen Wandel sah Lougas im Werden agrarwirtschaftlich basierter Gesellschaften und Siedlungsweisen sowie in der Entstehung einer 'eigenstandigen' Metallkultur (bereits Lougas 1966b). Ein funktionalkausales Wechselverhaltnis zwischen der Metallnutzung (und--einfuhr), der beginnenden lokalen Verarbeitung (Bronzeguss) und der wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklung im bronzezeitlichen Ostbaltikum sah Lougas als gegeben an bzw. setzte er diese voraus. Die soziookonomische Bedeutung der Metalle wird jedoch nirgends erortert und vielmehr zeigt sich seine sehr pragmatisch-funktionale Einstellung gegenuber der Metallnutzung.

Die den Wandel begunstigenden Faktoren in der Anpassung an den Lebensraum und die sich verlagernden Wirtschaftsweisen werden von Lougas als vornehmlich okologisch-klimatisch bedingt beschrieben (1970a, 25 ff.): Der damalige Forschungsstand liess offenkundig den Schluss zu, dass im Ostbaltikum im zweiten vorchristlichen Jahrtausend, d. h. im alteren und mittleren Abschnitt der Bronzezeit, vergleichsweise gute oder verbesserte Wetter- und Witterungsbedingungen mit warmeren und langeren Sommerperioden vorgeherrscht haben sollen. Da sich die Insel- und Kustengebiete Estlands generell durch ihr milderes und gemassigteres Meeresklima auszeichnen, sollen die Viehzucht und Ackerbau treibenden Siedlungsgemeinschaften sowohl von der Erwarmung als auch von den fur diese Wirtschaftsform gunstigen Bodenbedingungen in den west- und nordestnischen Karstgebieten der loo-Gebiete (bzw. der sog. Alvare) profitiert haben. Anzeichen dieser Entwicklung, in der sich die Bronzezeitgemeinschaften mehr und mehr an die naturraumlichen Gegebenheiten anzupassen und insbesondere das Agrarpotential auszuschopfen lernten, seien schliesslich die raumliche Zunahme und Konzentration der Steinkistengraber, der Siedlungsplatze und der archaologischen Einzelfunde in west- und nordestnischen Kusten- und Inselgebieten (ebd. 44, 247).

Einen gewissen Beitrag in diesem Wandel schrieb Lougas auch den Metallen und den Anfangen der lokalen Metallverarbeitung (Bronzeguss) zu. Nicht unbeeinflusst von der damals vorgegebenen historisch-materialistischen Geschichtsauffassung wurden zunachst die Vorzuge der Bronze als okologisch praktikabler Rohstoff in der Herstellung und vielseitigen Verwendung betont und deren Einfluss auf die Effizienz, die Produktivitat und die Arbeitsteilung unter den sog. Produktivkraften (Lougas 1970a, 236). Im Sinne einer praktischen und okonomischen Bewertung der Metalle von den ostbaltischen Bronzezeitgemeinschaften wurde auch der Umstand gedeutet, dass die wenigen bekannten Bronzeobjekte dieser Periode--neun Axte, eine Sichel und eine Lanzenspitze (alles Einzelfunde)--vornehmlich dem Geratespektrum angehoren (ebd. 241 f.). Demzufolge sollen die Metalle vornehmlich wegen ihrer dem Stein gegenuber bevorzugten Materialeigenschaften eine so bedeutende wirtschaftliche Rolle ubernommen haben. Die Idee der Verwendung der Bronzen als mogliche Prestigeoder Ritualobjekte wurde von Lougas nicht grundsatzlich abgelehnt, weil bei den Bronzeobjekten die Seltenheits- und Importaspekte mitspielten. Es blieb aber bei der uberwiegend praktisch-funktionalen Betrachtung der Bronzen, und eine geistig-ideelle Sphare der Bedeutung und Verwendung von einer Thematisierung unberuhrt (auch Jaanits et al. 1982, 132 ff.). Lougas sah in der Einfuhrung und Etablierung metallverarbeitender Tatigkeiten in den Siedlungen der Asva-Gruppe einen wichtigen kulturgeschichtlichen Entwicklungsschritt, allerdings vor dem Hintergrund eines wachsenden Wirtschaftspotentials und eines grosseren Aktionsradius' der Produktivkrafte, und alles in allem in Verbindung mit Entwicklungen auf dem agrarischen Wirtschaftssektor (Lougas 1970a, 243).

Der bronzezeitliche Wandel wurde also als ein gradueller und kontinuierlicher Entwicklungsprozess seit dem Spatneolithikum betrachtet, mit am deutlichsten sichtbaren Auswirkungen auf den agrarwirtschaftlichen Sektor (Lougas 1970a, 241, 247). Soziale Neuordnungen wurden nur insoweit erkannt oder thematisiert, als dass sich diese in der Neuorganisation des Siedlungswesens abzeichneten: namlich in der Entstehung eines neuen Typs von Wohnplatzen, den befestigten Siedlungen (estn. kindlustatud asulad) von mutmasslichem Mittelpunkt- und Wehrcharakter (ebd. 247). Diese Platze wurden zugleich als Zeugnis einer sich im 9. Jahrhundert v. Chr. in Estland gebildeten, neuen kulturgeschichtlichen Entwicklungsstufe gesehen, als Platze produzierender Verarbeitungs- und Handwerkszweige. Der von Lougas gewahlte okologisch determinierte Erklarungsansatz ermoglichte somit auch im Sinne der damals geltenden politisch-ideologischen Maxime des historischen Materialismus eine kulturevolutionistische Deutung der stufenweisen Entwicklung in (egalitaren) Gesellschaftsformationen mit einem sozusagen kulturell vorgepragten, habituellen Bedurfnis nach Verbesserung und Anpassung der bestehenden "Produktivverhaltnisse" an die okologischen Rahmenbedingungen (ebd. 241 ff.). Die Bewertung sozialer Ungleichheiten oder eine symbolisch-ideelle Betrachtung der Metalle als Wert--oder Prestigeobjekte hatte in dieser historisch-materialistischen Deutungsweise noch keinen Platz, wurde dafur aber in der nachfolgenden Forschergeneration umso mehr thematisiert.

Valter Lang namlich hat die Bronzezeitperiode in Estland und angrenzender Regionen aus dem Blickwinkel einer sich herausbildenden Agrargesellschaft auf der Grundlage vielseitiger archaologischer Studien und Feldforschungen auf dem nordestnischen Festland untersucht und bereits seit Mitte der 1990er Jahre ein umfassendes Theorienkonzept zum Strukturwandel in der Gesellschaft vor dem Hintergrund der okonomischen Entwicklung erarbeitet. Gestutzt auf neue, in eigenen und interdisziplinaren Forschungen mit Geowissenschaftlern und Palaookologen gewonnene Fakten und Erkenntnisse lassen sich die okologischen Rahmenbedingungen und Faktoren in diesem Prozess erstmals beschreiben (siehe Lang 1996; 2007b; 2010). Speziell der siedlungs-, umwelt- und landschaftsarchaologische Forschungs- und Quellenstand der Bronzezeit und Vorromischen Eisenzeit in Nordestland bewegt sich mithilfe der angewandten naturwissenschaftlichen Auswertungs- und Datierungsmethoden auf einem ganzlich neuen Niveau (siehe auch Vedru 2011). Die Besiedlungsgeschichte der nordestnischen Kustenregion und die Phasen der Adoption verschiedener landwirtschaftlicher Betriebsformen in der Bronzezeit und Vorromischen Eisenzeit (und spater) sind somit besser zu beurteilen als noch bis in die fruhen 1990er Jahre moglich gewesen. So wurden Teile des archaologischen Komplexes fossiler Feldlappen im nordestnischen Saha-Loo neuesten Datierungen zufolge bereits in der Spatphase der Alteren bzw. in der Mittleren Bronzezeit errichtet (14.-11. Jahrhundert cal BC; Lang 2007b, 101, Abb. 39) und die altesten Steinkistengraber von Joelahtme und Muuksi 5 datieren mittlerweile in das 12.-11. Jahrhundert cal BC zuruck (Laneman & Lang 2013). Im letzten Viertel des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts beginnt sich also das Spektrum archaologischer Siedlungsanzeiger erheblich zu erweitern, und neben den Steingrabern und den Feldlappen erscheinen auch sog. Schalchensteine massenhaft auf der archaologischen Bildflache. Auch die Zahl der spatbronze- und fruheisenzeitlichen Siedlungsplatze vervielfacht sich (auf uber 130; Lang 2007b, 49). Anhand der Pollendaten und intensivierten kleinregionalen archaologischen Untersuchungen korrelieren die Siedlungsanzeiger insbesondere in Gebieten des nordestnischen Kustenraums in Zonen mit agrarfahigen Rendzina-Boden. Die jungsten Forschungen bestatigen das Bild einer graduellen Ubergangsentwicklung zur gemischtlandwirtschaftlich Subsistenz der bronzezeitlichen Gemeinschaften, und der Fokus von Langs Forschungen richtete sich zunehmend auf die Voraussetzungen und Bedingungen im Werden einer Agrargesellschaft. (212) Was sich abzeichnet, ist, dass diese Ubergangsperiode (transition to farming) von einem drastischen Zuwachs an archaologischen Kultur- und Siedlungsanzeigern begleitet wird. Mit Blick auf die lange anhaltende epineolithische Fazies der Alteren Bronzezeit wird diese als eine regelrechte cultural explosion empfunden (Lang 2007b, 261 f.). Parallel zur kontinuierlichen und graduellen Entwicklung in den Lebensweisen und Wirtschaftsformen entstanden in einer nicht ganzlich vorhersehbaren Kulmination, also explosionsartig, neue Siedlungsformen auf der archaologischen Bildflache und neue landwirtschaftliche Technologien und Verarbeitungszweige kamen zur Anwendung. Diese plotzliche Vermehrung diverser Kulturausserungen und--erscheinungen in der Spatbronzezeit Estlands bzw. in der gesamten ostbaltischen Region wird im engen Kausalzusammenhang mit Neuerungen auf dem agrartechnologischen Sektor gesehen. Die innovativen Entwicklungen und verbesserten Nutzungsanwendungen (Anwendung des Pflugs, Feldersysteme) zeigen auch eine veranderte Beziehung und Einstellung zu Land und Boden als bedeutenden Wirtschaftsfaktor an. Als das Land noch von kleinen und verstreuten Menschengruppen besiedelt war, so die Einschatzung, hat es vermutlich noch locker geregelte, individuelle und nur vorubergehend beanspruchte Rechte auf Nutzung der Agrarflachen gegeben. Mit dem demographischen Zuwachs und nun eingeschrankter verfugbaren Boden und Weideflachen haben sich dann allmahlich erbliche Besitz- und Residenzanspruche (private ownership) entwickelt (Lang 2003; 2007b, 261 f.; 2010, 17 f.). Das Erscheinen fossiler Feldsysteme vom Typ der Baltic fields auf der archaologischen Bildflache und die raumliche Gruppierung und Verbreitung der Steingraber, schliesslich der Siedlungsplatze vom Asva-Typ--sie alle werden als Anzeichen einer neuen Raumordnung im Siedlungswesen, eine von kleinregional-zentralisierter Organisation, aufgefasst.

Die wenigen, sporadisch erfassten Siedlungsstellen auf der archaologischen Landkarte der Alteren Bronzezeit in Estland, stets durch dunne oder fehlende Kulturschichten charakterisiert, deuten auf vergleichsweise mobile Siedlungsweisen in dieser Periode. In Ausrichtung auf die ortswechselnde Bewirtschaftung kleiner Feldlappen nach dem slash-and-burn-Muster wurden die Standorte vermutlich haufig verlagert, und zudem scheint die Bevolkerungsdichte gering und die Siedlungen in Einzelhaushalten organisiert gewesen zu sein (Lang 2007b, 19 ff.; 2010, 5 ff., 17 ff.; auch Magi 2007, 37). Die sparlichen materiellen Hinterlassenschaften (z. B. Keramik) dieser Periode lassen darauf schliessen, dass die soziale Kommunikation zwischen den einzelnen Gruppen und Individuen in der Alteren Bronzezeit noch ausgesprochen schwach ausgepragt war, zumindest liefern Stil und Technik der epineolithischen Grob--oder Kummerkeramik sowie der Steinartefakte wenig Anhaltspunkte fur interpretierbare Handlungs--oder Bedeutungskontexte im Sinne individueller oder gruppenbezogener Identitatsausserungen. Ein derart schwach anmutendes soziales Kontaktnetz mag demnach in einer dunnen Besiedlungssituation begrundet sein, mit einem folglich nur massig entwickelten Informationsaustausch zwischen raumlich distanzierten oder z. T. isolierten Gruppen (Lang 2007b, 36 f., 261; 2010, 17 f.). Weil die Vernetzung zwischen den einzelnen Gruppen vergleichsweise loser und sporadischer Art, etwa anlassgegeben (z. B. Heiratsallianzen) gewesen sein konnte, kann das Bedurfnis nach sozialer Reprasentation uber eine kommunizierte oder bedeutungsgeladene Symbolsprache noch schwach ausgepragt gewesen sein. Das epineolithische Phanomen in der Alteren Bronzezeit Estlands konnte demzufolge damit erklart werden, dass sich etwaige geistige und dinglich-materielle Neuerungen und Ideen noch nicht in der flachendeckenden Effektivitat und Konsequenz ausbreiten haben konnen wie in der Spatphase der Bronzezeit und die Entwicklungsschube fur wirtschaftliches Wachstum, soziale Konkurrenz und kulturelle Variabilitat ausblieben (It was the crucial absence of the social engine that determined a slower pace of economic growth; Lang 2010, 17). Deshalb fehlt es im archaologischen Fundspektrum dieser Periode noch an regional differenzierten Ausserungen bzw. Anwendungen in der materiellen Kultur (Stil und Technik). Erst in der Spatbronzezeit zeigt die archaologische Uberlieferung und die Auswertung der Okofakte auf eine raumliche Zunahme und Erweiterung der Siedlungsanzeiger, was ganz offensichtlich im Sinne eines drastischen Populationszuwachses zu werten ist. Es ist aber auch diese demographische Komponente, die, als Druck oder Zwang im Zusammenhang mit zunehmender Ressourcenknappheit verstanden, als Motor der kulturellen Entwicklung und der Verschiebung und Neuordnung der gesellschaftlichen Verhaltnisse gesehen wird (Lang 2007b, 261 f.). Eine sich nun verstarkende Konkurrenz um knapper werdende Agrarressourcen habe fast zwangslaufig zu veranderten Beziehungen und ungleichen Besitzverhaltnissen innerhalb der Gesellschaft gefuhrt, so das von Lang entworfene Entwicklungsszenario vom Strukturwandel in der ostbaltischen Bronzezeit. So lassen Unterschiede in Aufwand und Gestaltung von Grabbau und--architektur der Steinkistengraber bereits ansatzweise vertikale Sozialstrukturen erkennen, und auch uber die vergleichsweise sparlichen Beigaben in Grabern werden Hinweise auf soziale Differenzierungen oder Identitaten gesucht (siehe Lang 2007b, 229, 264 f.). Nichtsdestotrotz darf aber als wahrscheinlich gelten, dass die Bestattung in Steinkisten im Ostbaltikum der Bronze- und Vorromischen Eisenzeit stets einem kleinen, in irgendeiner Form sozial privilegierten Bevolkerungsteil vorbehalten war (Lang 2011).

Was den Wandel in der Bronzezeit Estlands und benachbarter Regionen einleitet, stellt sich in der archaologischen Fundsituation und in den Pollenspektren als Zunahme von Siedlungsanzeigern und als Ausbau von Agrarflachen dar. In diesem Prozess ist es ganz offensichtlich zu einem erhohten Informationsaustausch zwischen den Bronzezeitgruppen, sowohl inner--als auch uberregional, gekommen. Als Zeichen zunehmender sozialer Vernetzung und Kommunikation lassen sich auch die mannigfaltigen stilistischen und technischen Neuerungen in der Asva-Keramik deuten, entsprechend den Uberlegungen Langs, wonach das Fehlen solcher Merkmale in der materiellen (v. a. keramischen) Kultur der Alteren Bronzezeit als Anzeichen schwach ausgepragter sozialer Netzwerke gedeutet werden konnen (Lang 2007b, 36 f., 261; 2010, 17). Die in den Siedlungen der Asva-Gruppe auftretende Feinkeramik und die damit angezeigte Ubernahme neuer Ess- und Trinksitten ist ganz offensichtlich die Folge der Offnung einzelner Bevolkerungsgruppen nach aussen. Der Inselraum Saaremaa tritt in dem in der Spatbronzezeit einsetzenden und sich uber die Fruheisenzeit hinaus entwickelnden Prozess der kleinregionalen Differenzierung der Keramikstile und--gruppen gesondert in Erscheinung (siehe Abb. 56; Lang 2007b). Die Asva-Keramik zeigt synkretische Zuge mit Stilmerkmalen ortlicher Tradition und neuen Fremdeinflussen aus verschiedenen, richtungswechselnden Kontaktzonen.

Somit stellt sich auch die Frage nach den Ursachen dieser "kulturellen Explosion", und Lang halt eine mogliche Antwort bereit (2007b, 261): Did local developments set off the cultural explosion or did new settlers bring it along ready-made, for example, from Scandinavia? Durch Abwiegen verschiedener Argumente wird das autochthone Entwicklungselement (Bestattungssitten, Keramikformen) fur wahrscheinlicher erwogen. Jedenfalls stellt die Erforschung der Grunde und auslosenden Faktoren hinter dem expansiven Wandel der Spatbronzezeit, einhergehend mit demographischem Zuwachs, eine der spannendsten Zukunftsaufgaben der ostbaltischen Bronzezeitforschung dar, und einige Antworten werden etwa von der Genetik und der Isotopenforschung zu erwarten sein. Auch stellt sich noch immer die Frage nach den gesellschaftlichen Beweggrunden fur die Ubernahme agrarisch basierter Subsistenzstrategien. Die Annahme, die damalige Klimaentwicklung hatte die Verlagerung auf gemischte, standortgebundene Landwirtschaft begunstigt oder letztlich gar ausgelost (z. B. Lougas 1970a, 25 ff.), ist fur das Ostbaltikum nicht mehr haltbar (Kap. 12.3). Jungste Proxy-Daten bestatigen zwar einen Erwarmungstrend, diesen allerdings erst in der Spatbronzezeit, ab 2.800 cal BP, d. h. als die Entwicklung bereits in vollem Gange war (Seppa et al. 2009, 528 ff., Abb. 2, Tab. 1; Sillasoo et al. 2009, 318 f., Abb. 2). Die gesellschaftlichen Triebkrafte der transition to farming sieht Lang in der wachsenden sozialen Konkurrenz, im Tausch von Prestigegutern und schliesslich im attraktiver werdenden Konsum von Getreide-basierten Gargetranken, etwa fur (religiose) Festlichkeiten oder Zeremonien. Letztendlich stellen diese die wesentlichsten Elemente entwickelter gesellschaftlicher Kommunikationsformen in der neuen Agrargesellschaft dar (Lang 2007b, 35; 2010, 16 f.).

Dieser Erklarungsansatz wird auch auf die Rolle der Metalle und der Adoption der Metallverarbeitung in dem besagten Wandel ubertragen. Dabei zeigt sich der Einfluss post-prozessueller Geistesstromungen in der jungeren estnischen Bronzezeitforschung, besonders deutlich in der Betonung der Metalle als importierte Prestigeobjekte und der Symbolik hinter den mit der Einfuhr, Zirkulation und Deponierung der Bronzen in diese(r) Region zusammenhangenden Handlungen. Inspirationsgrundlage ist die aus der Ethnologie ubernommene Idee des zeremoniellen Gabentauschs, des gift-exchange, die den zyklischen Besitzerwechsel von Gaben oder Gutern uber kleinregionale Austauschsysteme mit sozialen Obligationen nach reziprokativen Prinzipien propagiert. Auch wenn die archaologisch uberlieferte materielle Kultur der Alteren Bronzezeit im Ostbaltikum bislang keinerlei Anhaltspunkte fur solche auch nur annahernd komplexe Sozial- und Tauschbeziehungen liefert, so sollte dies der mutmassliche Prestigecharakter der Objekte suggerieren, der sich wiederum aus dem Seltenheitswert und der Exotik der importierten Produkte erklare (Lang 2007b, 41 ff.; 2010, 18; Lang & Kriiska 2007, 110 ff.; siehe auch Vasks 2010). Immerhin lassen sich die meisten Bronzefunde und einige der steinernen Schaftlochaxte (ebenfalls Einzelfunde) aus ortsfremdem Gesteinsmaterial als importierte Fertigprodukte ausweisen, und es fehlt bislang an Belegen fur deren ortliche Verarbeitung in der Alteren Bronzezeit. Die Mutmassung oder der Verdacht, die Einzelfunde konnten einst Prestige--oder Statussymbole gewesen sein, stutzt sich auf die Beobachtung oder Feststellung, dass einige besonders prunkvoll gestaltete Bronzeaxte, wie z. B. die Exemplare aus Jarvekula oder Eesnurga (Lang 2010, Abb. 7), keine eindeutigen Gebrauchs--oder Verschleissspuren erkennen lassen. Daraus wird geschlussfolgert, dass diese nicht nur als praktische Utensilien oder Gerate im Einsatz waren, sondern primar ideell-symbolische Bedeutung hatten (Lang 2007b, 41 ff.). (213) Wie auch immer, es bleibt das Problem die elitaren Personenkreise und Macht--oder Kontrollstrukturen hinter dem GabentauschModell mit Metallen oder anderen Preziosen fur die Altere Bronzezeit im archaologischen Befund sichtbar werden zu lassen--ein mehr oder weniger entwickeltes Kommunikationsnetz zwischen sozialen Gruppen vorausgesetzt. Dies mutet vor dem Hintergrund der symptomatischen Armut an Metallfunden in Estlands Bronzezeit (214) und der als epineolithisch und mit der crucial absence of the social engine charakterisierten Ubergangsperiode (siehe oben; Lang 2010, 17) merkwurdig paradox an. (215) Es sei auch bemerkt, dass die dramatische Metallfundarmut von Lang selbst als ein temporares, uberlieferungsund forschungsbedingtes Problem wahrgenommen wird (ebd. 19, 24, 261). Die in den letzten Jahren gewonnenen Neufunde und verbesserten Datierungsanwendungen zeigen namlich, wie unvollstandig das Bild von der bronzezeitlichen Kulturentwicklung Estlands derzeit ist--aber auch, wie offen und breit das Spektrum moglicher Deutungen. (216) Es soll an dieser Stelle nicht weiter spekuliert werden, ob die kleine Zahl an Bronzefunden uberlieferungs--oder forschungsbedingt ist, somit nur eine vorubergehende oder temporare Problemsituation darstellt--oder ob die Bronzefundarmut etwa im Sinne nicht-metallfuhrender Gesellschaften oder Gemeinschaften spatneolithischer Tradition und Lebensweise gedeutet werden sollte (siehe Civilyte 2009). Somit bleibt ebenfalls Spekulation, ob fur die Verwendung und Zirkulation grosserer Metallmengen im Ostbaltikum entweder die gesellschaftliche und wirtschaftlich-strategische Disposition fehlte oder ob etwa von einer ganzlich anderen ideellen wie materiellen Einstellung den Metallen gegenuber auszugehen ist als in Regionen der Nordischen Bronzezeit der Fall gewesen. Auch steht die Uberlegung im Raum, ob und inwieweit regionalkulturell bedingte Deponierungssitten das archaologische Uberlieferungsbild filtern und einseitig pragen, und somit nur eine relative Metallarmut der Region suggerieren.

Problematisch in der Deutung des besagten Strukturwandels in Wirtschaft und Gesellschaft der Bronzezeit im nordlichen Ostbaltikum ist also die in jungster Zeit die Forschung dominierende, auf Metalle und deren soziookonomische Bedeutung zentrierte Perspektive. Zum einen ist diese Betrachtungsweise in der Tradition strukturalistischer Sichtweisen im Sinne klassischer, marxistisch beeinflusster Theorien begrundet, d. h. in Versuchen, jedwede dynamische regionale Kulturentwicklungen primar als Habitus des okonomischen Handelns erklaren zu wollen. Vorkommen und Verteilung von Metallen und Spuren der Metallverarbeitung in Zeit und Raum werden somit als bevorzugte Gradmesser der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung einer Region betrachtet. Dies ist etwa der Fall, wenn in bestimmten Siedlungsraumen die Etablierung von ortlichem Metallguss mit der Entwicklung auf dem Agrarsektor und in der Verlagerung der Subsistenzstrategien zu kulminieren scheint: Bronzeverarbeitendes Handwerk wird oft ungerechtfertigt oder unbegrundet im Lichte von Spezialisierung und Kontrolle (Monopol?) uber Metall- und Fertigwarenhandel gesehen- und dies letztendlich als Resultat einer prosperierenden Agrarwirtschaft mit Uberschussen begriffen (surplus production), sowie als Strategie, wo das Uberschusspotential in den Metallsektor reinvestiert wurde (siehe z. B. Buck 1979; 1986; Coblenz 1986; auch Vasks 1999, 40). In der ostbaltischen Forschung wurde dieser Ansatz verfolgt, um mithilfe der auf Metallen basierenden Pramissen, die Grunde und Faktoren hinter gesellschaftlicher Differenzierung und der Zentralisierung in politischen und wirtschaftlichen Strukturen aufzuzeigen. Speziell die Verarbeitung der kostbaren Metalle ist somit gern im Lichte von Produktion und Arbeitsteilung gesehen worden, in Verbindung mit Macht und Kontrolle uber die Produktionsablaufe und Metalldistribution. So wird der Strukturwandel in den ostbaltischen Regionen hauptsachlich an der in der Spatbronzezeit zu beobachtenden Zunahme der Quellen der ortlichen Metallverarbeitung und der Metalldeponierung festgemacht. Die sich im archaologischen Befund der Siedlungen der Asva-Gruppe mehr oder weniger intensiv niederschlagenden Aktivitaten des Bronzegusses werden somit ebenfalls als den Wandel beschleunigende Faktoren begriffen, denn diese ermoglichten den Siedlungsgemeinschaften den Zugang zum interregionalen Austausch bzw. eine Erweiterung des Tauschmarktes mit Metall- und sekundaren Agrarprodukten. (217) Im ubrigen Ostbaltikum ist die Beurteilung der Auswirkung der Metallverarbeitung und--distribution auf Wirtschaft und Gesellschaft der Bronzezeit eine ganz ahnliche, sie wird sogar im Zusammenhang mit der Errichtung der Wehrsiedlungen und Hugelgraber gesehen ([...] as well as the appearance and spread of metal artefacts were the main causes behind changes in the society; Merkevicius 2005, 43 ff.).

So machte Lang kurzlich den Versuch, die Siedlungen der Asva-Gruppe als quasi-industrielle Standorte in einer uberregionalen Kette der Metallverarbeitung und--verteilung zwischen Sudskandinavien und dem ostbaltischen Binnenland zu deuten (2007a; 78 f.; 2007b, 71, 118, 246 f., 260). Die auf den interregionalen Metallmarkt und Tauschbeziehungen ausgerichtete wirtschaftliche Strategie der Platze Asva und Ridala hatte ihnen eine Art regionale Monopolstellung in der Verarbeitung, Aufbereitung und Verteilung der Bronzen ermoglicht. Die Versorgung mit Rohmaterial sei ganz offensichtlich uber aus dem Nordischen Kreis importiertes, recycel-fahiges Altmetall erfolgt, und die Versorgungs- und Verteilungsrichtung in diesem Metallkreislauf der Spatbronzezeit sei aus der Zusammensetzung und giessertechnisch begrundeten Behandlung der Objekte in den Hortfunden von Tehumardi und Staldzene abzuleiten. Die auf Ring--oder Barrenherstellung spezialisierten Platze der Asva-Gruppe seien in diesem Zusammenhang als Bestandteil und Etappe in diesem uberregionalen Metallkreislauf zu sehen (siehe Kap. 7). Der mit den Siedlungen der Asva-Gruppe argumentierende Erklarungsansatz baut jedoch auf fragwurdigen Pramissen wonach sowohl die (ungleiche) Metallfunduberlieferung westlich und ostlich der Ostsee als auch die genannten Bronzebruchhorte jeweils als Quellen der Handels- und Wirtschaftsgeschichte aufzufassen sind. Hat sich doch in der jungeren Bronzezeitforschung die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Phanomen der Hortung und Einstuckdeponierung von Metallobjekten und--werten, auch solche mit potentiellem Rohund Recyclingmaterial, auch im Lichte von Religion und Kultgeschehens zu deuten ist und die Horte und Einzelfunde als Belege bestimmter rationalpragmatischer Handlungen, und somit auch wirtschaftlichen Verhaltens generell, ausfallen (z. B. Hansel 1997; Maraszek 2006; Hansen 2012). Das sei deshalb erwahnt, weil eben diese Pramissen die Grundlage fur noch weitreichendere Schlusse bildeten, namlich fur die Beurteilung des Strukturwandels im Ostbaltikum vor dem Hintergrund grossraumiger historischer Begebenheiten.

So wird nicht nur angenommen, dass der Metallboom und die soziookonomische Bewertung der Bronze den besagten Wandel mittrugen und beschleunigten. Bestimmend ist die Idee von der Rolle der Metalle als Prestigeund Machtsymbole, sowie als Mittel sozialer (und religioser) Artikulation und Identitat, und letztendlich der Auffassung, dass die Bildung elitarer oder privilegierter Gesellschaften zwangslaufig aus dem monopolisierten Zugang zu den Quellen oder Verteilungspunkten der Metalle resultierte (siehe z. B. Kristiansen & Larsson 2005). Dies hat insbesondere in der ostbaltischen Bronzezeitforschung zur Betrachtungsweise gefuhrt, in Abhangigkeit von Menge, Typenspektrum und Qualitat der archaologisch uberlieferten Bronzefunde die prahistorischen Gesellschaften im Ostseeraum zu kategorisieren, so etwa in "metallfuhrende" und "metallarme", und aus dieser Ungleichheit auf die Art der sozialen Beziehungen zu schliessen bzw. Hegemonie und Einflussnahme abzuleiten. (218) Das in jungster Zeit fur den Ostseeraum adaptierte Modellkonzept eines bronzezeitlichen Zentrum-Peripherie-Weltsystems politisch und okonomisch ungleicher, aber voneinander weitestgehend abhangiger Macht- und Kraftespharen basiert wesentlich auf den obengenannten Pramissen. Lang zufolge (2007b, 44 ff., 260 f.) habe das heutige Estland in der Alteren Bronzezeit noch den Status einer marginalen Randregion im Ostseeraum innegehabt, mit nur sporadischen Beziehungen zu Kustengebieten Mittelschwedens und Sudwestfinnlands sowie des ehemaligen Ostpreussens. (219) Erst im Laufe der fortgeschrittenen Bronzezeit sei zwischen der Nordischen Bronzezeitkultur Sud- und Mittelschwedens und Gotlands und der west- und nordestnischen Insel- und Kustenregion ein Beziehungs- und Kontaktnetz entstanden, welches sich nach dem BronzezeitWeltsystem-Schema (nach Sherratt) von Zentrum und Peripherie interpretieren liesse (ibid.). Das wechselseitige Verhaltnis zwischen Sudskandinavien und dem Ostbaltikum basierte demnach auf den fur dieses Weltsystembild formulierten Prinzipien sozio-politisch ungleicher (asymmetrischer) Beziehungen und wirtschaftlicher Abhangigkeit. Periphere und marginale Gebiete hatten eine gegenuber dem Zentrum nur schwach ausgebildete Infrastruktur fur die Entwicklung politischer, okonomischer und technologischer Strukturen, wurden aber beeinflusst vom Zentrum durch die Vermittlung und den Austausch von Informationen, und auch durch die Versorgung mit Produkten welche die Randregionen herzustellen nicht in der Lage waren (Sherratt 1993, 4 ff.). Die Beziehungen zwischen Gruppen des Zentrums und der Randregionen seien demnach von standigen Spannungen im Bemuhen nach dem standigen Ausbalancieren der ungleichen Verhaltnisse gepragt gewesen und infolge der kulturellen Eigenentwicklung im Ostbaltikum wurde das asymmetrische Krafte- und Machtverhaltnis zwischen den beiden kulturellen und okonomischen Spharen allmahlich ausbalanciert (The structural processes mentioned above made the peripheries more similar to the core [...]; ebd. 261). Die Ansiedlung der ortlichen Metallverarbeitung in den Platzen der Asva-Gruppe, dazu noch in Ausrichtung auf eine offenkundig wirtschaftliche Strategie (Ring--oder Barrenherstellung), wird also ganz im Lichte grossraumiger Entwicklungen gesehen.

Das Phanomen der Entstehung der Siedlungen der Asva-Gruppe auf der archaologischen Bildflache liesse sich somit auch im Zusammenhang mit externen Entwicklungen erklaren, etwa als Folge von Veranderungen und Krisen in der Nordischen Bronzezeit. In dem zyklisch-kulturhistorischen Systemmodell Kristian Kristiansens (1998, 63 ff.) werden die Metallfunde als Quellen gebietsubergreifender, die Wirtschaft und Gesellschaft beinflussenden Ereignisse und Veranderungen befragt, und zwar mit Blick auf die in Nordeuropa auftretenden 'Deponierungswellen' von Metallhorten--so auch die fur die Spatbronzezeit typischen Horte gemischter Zusammensetzung und mit Bronzebruch (die sog. Handler--oder Giesserverstecke). Okologisch oder agrargeschichtlich bedingte, periodisch auftretende Krisen- und Niedergangszenarien wurden aus dem Verhalten der Metalldeponierung erkennbar werden, und jene Zyklen (evolution/devolution) hatten auf die Art und Intensitat der Fernbeziehungen zwischen jeweiligen Herrschafts- und Einflussbereichen Auswirkung gehabt. Der jeweilige Stand oder Grad der okonomischen Entwicklung einer Region (der sog. Entwicklungsgradient) resultiere indirekt aus der Verkettung uberregionaler Ereignisse. Somit liesse sich auch Langs Theorie von den sich im bronzezeitlichen Ostbaltikum andernden Verhaltnissen um die cultural explosion, den eintretenden Strukturwandel in Gesellschaft und Wirtschaft und den Anzeichen wachsender innerer Widerstande gegen hegemoniale Einflusse von aussen ganz im Zeichen dieser grossraumigen Zentrum-Peripherie-Perspektive verstehen. Der Metallboom der Spatbronzezeit im Ostbaltikum und dessen okonomische Bedeutung wird letztendlich so bewertet, dass der uberregionale Metallwaren- und Gutertausch die regionale Entwicklung zusatzlich vorantrieb, dessen Teilhabe letztlich nur ausgewahlten Gemeinschaften mit der erworbenen Grundlage eines sozial restriktiven Agrarpotentials oblag (Lang 2007b, 260 f.).

Abgesehen von den Schwierigkeiten und Unsicherheiten, okonomische Abhangigkeitsbeziehungen hinter vor--oder fruhgeschichtlichen WeltsystemModellen archaologisch nachzuweisen (siehe Kummel 2001, 74 ff., 95 ff.), so wird auch fur den konkreten Fall der postulierten Ostseeverbindungen der Bronzezeit zwischen Nordischem Zentrum und ostbaltischer Peripherie sehr viel als erwiesen vorausgesetzt. So ist der derzeitige Quellenstand zu den Routen, Anlaufpunkten und der Fahrzeuge des maritimen Transports sowie zu den nautischen Kenntnissen und Erfahrungen der Bronzezeitmenschen noch sehr durftig. Informationen zur Praxis der bronzezeitlichen Schifffahrt sind uber die sudschwedischen Felsbilder und Architekturdenkmaler zu erhalten (z. B. gotlandischen Schiffssetzungen), doch ergeben sich eindeutige archaologische Belege weder fur regelmassig betriebene kustensichtlose Fahrten uber die Ostsee, etwa die vielzitierte Gotland-Saaremaa-Verbindung (160-180 km), noch fur den Einsatz von Booten mit Segeln (in Kombination mit Paddelantrieb; dazu Sperling, im Druck). Dazu kommt, dass mit der Verbreitung der nordischen Bronzefunde in Gebieten ostlich der Ostsee sehr selektiv im Sinne uberregionaler Kultur beziehungen argumentiert wird. Die betreffenden Metallfunde auf estnischem oder lettischem Territorium, ob nun Importe oder lokale Nachahmungen, werden dabei als Referenzobjekte oder--gruppen fur soziale Kommunikation (und Identitat) gebraucht, obwohl die Gruppe der Bronzefunde bezuglich Fundkontext und Verbreitung schwierig in die regionale Materialkultur lokal-autochthoner Auspragung und Tradition (Keramikstile, Bestattungssitten etc.) zu integrieren ist (siehe auch Jaanusson 1981).

Es ist also fraglich, ob der auf die soziookonomische Bedeutung der Metalle zentrierte Ansatz der richtige ist, um die Ausloser und Faktoren des Wandels zu beschreiben. Das gilt auch fur die grossraumige, makro-historische Perspektive. Letztlich fallt auf, dass der Inselraum Saaremaa fur den epineolithisch-alterbronze-zeitlichen Abschnitt der Vorgeschichte in der regionalspezifischen Anpassung an die okologischen Rahmenbedingungen und der Spezialisierung auf Fangtechniken im maritimen Milieu (Robben- und Fischfang) kaum befragt bzw. erforscht wurde. Zugleich sollte der Blick kunftig starker auf die Entwicklungsvoraussetzungen fur maritime Wirtschaftsweisen und Subsistenzstrategien gerichtet werden. Das gilt insbesondere fur das aus dem Robbenfang als Zweig der Nahrungsbeschaffung und die Verarbeitung sekundarer Produkte (Tierhaute, Textilien) und das sich daraus gebotene Wirtschaftspotential. Ganz offensichtlich war der inter- und intraregionale Guter- und Fertigwarentausch nicht allein auf Erwerb, Besitz und Verteilung von Metallen ausgelegt. Fur die Siedlungen der Asva-Gruppe hat es eher den Anschein, dass die Bronzeverarbeitung eine Begleiterscheinung des Strukturwandels ist, jedoch nicht der entscheidend auslosende Faktor. Der von Lang verfolgte Deutungsansatz und Idee der sozial determinierten Restriktion zum Agrarpotential fur den nordestnischen Kustenraum sollte auch auf den Inselraum Saaremaa angewendet und gepruft werden, eine kunftige Erweiterung der archaologischen, archaozoologischen und palaobotanischen Daten- und Informationsgrundlage vorausgesetzt. Interessant ware zu klaren, inwieweit die mit dem Robbenfang in Verbindung stehenden materiellen Spuren, wie sie in Asva und Ridala reichlich vorliegen (Geratespektrum), Aufschluss geben konnen uber diese spezialisierten Jagd- und Fangaktivitaten, sowie die Fangzonen und -zeiten. Diese Subsistenzstrategie wird die Siedlungsweise und--dauer sowie die materielle Kultur massgeblich gepragt haben, was zu einem naheren Vergleich der Siedlungen der Asva-Gruppe mit anderen potentiellen Robbenfangplatzen im Ostseeraum herausfordert. Diese Gesamtentwicklung und der daraus resultierende soziale Wandel lasst sich somit als Folge von okonomischen Impulsen verstehen. Fur die Platze Asva und Ridala wird dieser Verlauf und Einfluss ebenfalls beansprucht, auch im Lichte der Herausbildung einer spatbronzezeitlichen Agrargesellschaft. Die Rolle des Robbenfangs in diesem soziokulturellen und wirtschaftlichen Gesamtprozess wird aber ganz offensichtlich marginalisiert. Ihre Beleuchtung vor dem Hintergrund der in der Bronzezeit stattgefundenen regionalen Diversifizierung in den Subsistenzstrategien kann aber zum Verstandnis der sozialen Beziehungen in einer Siedlung wie Asva und ihrer Funktion erheblich beitragen.

13.2. Asva--soziale und funktionale Aspekte einer Siedlungsform

Im Ostbaltikum werden die Veranderungen in soziokulturellen und soziookonomischen Bereichen vornehmlich im Siedlungsmilieu der Spatbronze- und Fruheisenzeit sichtbar, dies insbesondere in der Entstehung geschlossener (und z. T. wehrhafter) Siedlungen synchron zu den offenen, locker in der Landschaft verteilten Streusiedlungen. Diese Vorgange sind ganz offenkundig Anzeichen einer Verdichtung und strategisch-territorialen Ausrichtung der Siedlungsaktivitaten im Gebiet zwischen Finnischem Meerbusen und Weichsel. Dies scheint mit einer Neuorientierung der Besiedlung an den Wasserwegen einher zu gehen, wobei nun in der Platzwahl vermehrt erhohte Landschaftspunkte mit verkehrsoffener Positionierung entschieden. Gelandeubersicht, naturliches Schutz- und Verteidigungspotential und Anschluss an Transportwege waren ebenso von Bedeutung wie die Nahe zu agrarisch nutzbarem Umland. Von den agrarisch ausgerichteten Streusiedlungen nach Art der Einzelgehofte unterscheiden sich die neuen Siedlungsformen in ihrer geschlossenen und kompakten Anlage als Sammelplatze mehrerer Einheiten mit mutmasslicher Wohn-, Vorratslagerungs- und Verarbeitungsfunktion. Hinter dieser Neuorganisation des Zusammenlebens verschiedener Gemeinschaften auf 'begrenztem' Raum konnte ein wesentlicher kulturevolutionistischer Entwicklungsschritt gesehen werden, sozusagen weg von der rein agrarischen Streusiedlung hin zu Siedlungsformen mit komplexer zusammengesetzter, gemeinschaftlicher und ortsgebundener Lebens- und Wirtschaftsweise. Die nun in solchen Platzen fast regelhaft anzutreffenden Belege nicht-subsistenzbezogener, gewissermassen exklusiver Verarbeitungszweige wie der Bronzeguss sind ein besonderes, bestimmendes Merkmal dieser Platze und zugleich Zeichen intensivierter uberregionaler Kommunikation. Nach dem gegenwartigen Stand der Siedlungsforschung kann Asva als eine neue Siedlungsform als typische Begleiterscheinung eines bronzezeitlichen Wandels mit tiefgreifenden okonomischen Veranderungen und Bruch mit der traditionellen neolithischen Siedlungs- und Wirtschaftsweise angesehen werden. Allerdings ist der diesbezugliche Forschungsstand fur den Inselraum Saaremaa noch durftig entwickelt und stutzt sich vornehmlich auf die sowohl einseitig als auch bezuglich der materiellen archaologischen Hinterlassenschaften uberreprasentierte Quelle der Siedlungen (der Asva-Gruppe). Nicht ganz unproblematisch in der Annaherung an die soziale und funktionale Bedeutung dieser Platze ist deren in der archaologischen Forschung immerwahrend betonte Befestigungs- und Wehrcharakter. In dieser Deutungsfrage bezuglich der Art und Struktur der Sozialbeziehungen in diesen Platzen ist auch die neuere fonktionalistische Interpretation der Platze vom Asva-Typ als Zentralorte wesentlich. Angesichts der noch entwicklungsbedurftigen archaologischen Forschung und der ausgepragten Variabilitat in Gestalt und Form der estnischen Bronzezeitsiedlungen gibt es noch reichlich Diskussionsbedarf.

Die heute noch gelaufige Bezeichnung der Platze der Asva-Gruppe als "befestigte Siedlungen" hat in Estland eine langere Forschungstradition. Eigentlich ist die Entdeckung der ersten Bronzezeitwohnplatze von Asva und Iru das unverhoffte Nebenprodukt fruher siedlungsarchaologischer Forschungen in den fruhen 1930er Jahren, allerdings in Verbindung mit sich auf Burgberge und Burgwalle (estn. linnused) spezialisierenden Ausgrabungen in der ersten Halfte des 20. Jahrhunderts (Lang 2006a, 26 ff.). Das grosse offentliche Interesse an der Erforschung vor- und fruhgeschichtlicher Platze von Befestigungs--oder Wehrcharakter ist teils Resultat der national und romantisch gepragten Erwartungshaltung an das eigene Kulturerbe, und die Errichtung von Burgen oder Wehrsiedlungen galt zu diesen Zeiten sicherlich als Zeichen nicht nur zivilisatorisch bedeutender, sondern auch politische Autonomie und Unabhangigkeit symbolisierender Errungenschaften, die sich von denen einfacher, bauerlich organisierter Gesellschaften unterschieden. Platze wie eben Iru und Asva wurden in wechselnden Perioden wiederbesiedelt und zuweilen befestigt, fur die Besiedlungsphasen der Spatbronzezeit aber liessen sich archaologisch keine Defensivbauten oder--massnahmen feststellen (siehe Indreko 1939b; Vassar 1939). Angesichts der Platzkontinuitat in diesen Siedlungsplatzen und den auffalligen Gelandemerkmalen war die Erwartungshaltung und Uberzeugung gross, die Entstehung burgenahnlicher Siedlungsformen bis in die Bronzezeit, also in eine noch weitere Vergangenheit, zuruckzudatieren.

In der Nachkriegszeit, mit der nun zwangslaufig vorgegebenen Ausrichtung der sowjetestnischen Archaologie auf die Maximen des Historischen Materialismus wurde dem Siedlungstyp befestigter oder wehrhafter Wohnplatze auch ein funktionalistischer, ideologisch angepasster Rahmen gegeben. Harri Moora hat dies in seinen Ubersichtsdarstellungen zur Burgbergforschung im Ostbaltikum explizit aus der Perspektive einer kulturevolutionistischen Entwicklung in zeitlichfunktionale Gruppen bzw. Stufen begrundet (1961; 1967): Asva sei demnach als typischer Vertreter der "ersten" Gruppe befestigter Siedlungen anzusehen, in der die Viehzucht und der Getreidebau eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hatten (Moora 1961, 554). Die anderen Gruppen der Wehranlagen, Fluchtburgen und Burgberge jungerer Perioden wurden aus eben diesem Blickwinkel einer historisch verstandenen und soziookonomisch begrundeten Entwicklung bis hin zur Entstehung und Festigung feudaler Verhaltnisse gesehen (ebd. 1961; 1967). Fur befestigte Siedlungen des Typs Asva hatte Moora zufolge noch der Zustand patriarchalischer Gentilgemeinschaften bestanden (ebd. 1961, 556), und die betreffenden Befestigungsbauten in Asva (auch Ridala) waren somit, obwohl von vergleichsweise moderaten Dimensionen (ebd. 1967, 66; auch Vassar 1955, 116 f.), als eine Art Leitmerkmal der jeweiligen Stufe der Kulturentwicklung aufzufassen. In der Asva-Forschung unter Lougas wurde dieser theoretische, historisch-materialistische Ansatz weitergefuhrt und die Kategorisierung und Entstehung "befestigter Siedlungen" war sogar wesentliche Voraussetzung seiner Arbeitshypothese. In der damaligen sowjetestnischen Archaologie bedurfte eine Charakterisierung bzw. Kategorisierung der Platze der Asva-Gruppe als kindlustatud asulad keiner naheren Begrundung oder Ausfuhrung, obwohl auch Lougas selbst einraumte (1970a, 337), dass fur das spatbronzezeitliche Asva archaologisch keine eindeutigen Befestigungsmassnahmen nachweisbar sind.

Somit lasst sich fur keine der spatbronzezeitlichen Siedlungsplatze auf Saaremaa und in Nordestland eine primare Verteidigungsdisposition feststellen, zumindest nicht uber kunstliche Massnahmen der Siedlungsbegrenzung. Ridala ist die einzige der Fundstatten mit Resten einer doppelten Palisadenanlage, doch steht diese, insofern als Befestigung zu deuten, isoliert gegenuber den (jungeren?) Wohnbauten und Besiedlungsspuren da. Wenn fur Ridala eine Wehrfunktion anzunehmen ist, dann eventuell als vorubergehender Ruckzugspunkt in einer dem eigentlichen Besiedlungshorizont vorausgehenden Phase (Kap. 5.2.7). Bei den merkwurdigen, nur unzureichend dokumentierten Pfostenreihen fuhlt man sich an neolithische Kreisgraben oder an die Siedlungen mit zweifachen Ringwallanlagen der Vorromischen Eisenzeit auf Saaremaa erinnert (Lang 2007b, 77 f., Abb. 32). (220) Was Asva anbetrifft, sind dort an verschiedenen Stellen der Siedlung Reste einer Trockensteinmauer dokumentiert worden. Der einfachen Bauweise und geringen Breitenmasse (ca. 1,5 m) wegen wurden die Reste dieser Siedlungsbegrenzung an verschiedenen Stellen als einfache Umzaunungen angesprochen (Vassar 1955, 116 f.; Moora 1967, 66; Lougas 1970a, 337). Diese Bauten sind auch in pragmatisch-praktischer Weise als Schutzvorkehrungen zu Einfriedungen der Hauser und Bewohner vor Winden und Sturmen oder zum Einhegen der Haustiere (auch gegen Wildtiere) denkbar.

In der Siedlung Iru ist die Situation eindeutiger, denn fur die Phase der spatbronzezeitlichen Besiedlung des Burgbergs sind keinerlei Massnahmen kunstlicher Umwehrung festgestellt worden. Die Bezeichnung "befestigte Siedlung" wurde in der jungeren Forschung beibehalten, zunachst mit der Begrundung, dass sich wegen der strategischen Positionierung des Platzes, so in der Gelandeubersicht und der umseitigen Flankierung durch die Flussschleife, zusatzliche Schutzvorkehrungen erubrigt haben mochten. Ausserdem lasse der Vergleich mit anderen Bronzezeitplatzen eine entsprechende Typologisierung zu. (221) Den Hypothesen bezuglich Schutzbedurfnis und Verteidigungsdisposition liegt das von Valter Lang fur das Ostbaltikum adaptierte Konzept der Zentralorte zugrunde, sein system of a central settlement and single farms (Lang 1996, 465 ff., 500, 620 f.; 2007b, 227 ff., 261 f.). Bestimmte Siedlungen wie Iru (oder Asva) liessen sich somit als Mittelpunkte kleinregionaler Herrschaftsbezirke auffassen. Ein Befestigungsoder Wehrcharakter ware aus dieser soziopolitischen und okonomischen Zentralfunktion heraus zu erklaren, entweder als Bedurfnis der Siedlungsgemeinschaft oder einzelner elitarer Gruppen, somit auch zu reprasentativ-symbolischen Zwecken der Statusanzeige und--positionierung. Die Entstehung der Platze wie Asva und Iru musse auch vor dem Hintergrund des zeittypischen und uberregionalen hill-fort-Phanomens der Spatbronzezeit in ganz Mittel- und Osteuropa gesehen werden.

Einige befestigte Mittelpunktorte im sudlichen Ostbaltikum entstanden z. T. gleichzeitig mit den Asva-Siedlungen oder fruher. Circa 35 solcher Siedlungsplatze in Lettland, mindestens 46 in Litauen, sind aus der Ubergangsperiode der Bronzeund Fruheisenzeit bekannt (siehe Graudonis 1967; Grigalaviciene 1995; Vasks 1999; Lang 2007a). Insbesondere die lettischen sind i. d. R. archaologisch besser erforscht als die estnischen, und zunachst in ihrer vielseitigen okonomischen Ausrichtung mit Platzen der Asva-Gruppe vergleichbar. Kivutkalns, Vinakalns und Mukukalns, alle am Unterlauf der Duna, sowie Brikuli, im Osten des Landes, wurden alle vollstandig ausgegraben und untersucht. Diese langerfristig bewohnten, z. T. mehrphasigen Platze liegen auf erhohtem Terrain und waren in unterschiedlicher Weise von Palisaden und Ringwallen umgrenzt. Die Befestigungen im Bereich der Gelandestufen geben sich sowohl als Massnahmen der Platzverteidigung als auch der Terrainbegradigung oder dem Erosionsschutz zu erkennen. (222) Nach Ausweis des Geratefundspektrums, der Tierknochen und der pflanzlichen Makroreste war die Subsistenzform der Siedlungen eine vorwiegend bauerliche (Viehzucht, Ackerbau). Die Verarbeitung grosserer Mengen an Bronze in diesen Platzen belegt deren Vernetzung und Verbindung mit Verkehrswegen zur Beschaffung exklusiver Rohstoffe (etwa Kupfer, Zinn, Altbronze) und das wirtschaftliche Potential, die dafur notigen Subsistenzmittel zu mobilisieren. Eingedenk der raumlich-landschaftlich exponierten Position solcher Siedlungen erkannte man in ihnen bald regionale Mittelpunkte komplexen Charakters von vornehmlich agrarwirtschaftlicher Bedeutung. Janis Graudonis (1989, 106) sprach Platze wie Kivutkalns als "okonomische Zentren" an, begrundete dies mit deren Siedlungsform, der agrarischen Ausrichtung und der Anbindung an den uberregionalen Gutertausch. Somit hat es bereits Ende der 1980er eine erste Formulierung und Anwendung der Zentralort-Idee fur das lettische hill-fort-Phanomen gegeben, wenn auch in rein wirtschaftsgeschichtlicher Beziehung. Die Betrachtung der befestigten Platze aus der Perspektive politischer Macht und der Statuspositionierung elitarer Kreise kam in der ostbaltischen Archaologie erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zur Anwendung. Die Zentralplatze wurden nun als Belege einer new social order infolge tiefgreifender okonomischer Veranderungen aufgefasst. Dieser okonomische und gesellschaftliche Strukturwandel wird als Resultat der Dynamik im Agrarwesen gesehen, bei der auch innovative Methoden in der Landwirtschaft und Viehzucht beteiligt waren (Vasks 1999, 31; Lang 2007b, 261 f.). Hohere Ertrage und eine planmassigere Vorratshaltung schufen zum einen die Basis fur das explodierende Bevolkerungswachstum, zum anderen fuhrten sie zur gesellschaftlichen Konkurrenz um Agrarressourcen (v. a. um Acker- und Weideland). Im Zuge dieser new economy und dem sich verengenden Lebensraum sollen die Bronzezeitmenschen eine neue, privatrechtliche (auch erbliche) Auffassung von Landnutzung und--besitz entwickelt haben (private ownership). Hinter der nun eingetretenen Neuorganisation des Siedlungswesens im bronzezeitlichen Ostbaltikum stand somit auch die Herausbildung einer hierarchisch gegliederten Sozialordnung. Die Auffassung oder Erkenntnis, dass die spatbronzezeitliche Gesellschaft hierarchisch im Aufbau gewesen sein muss, baut auf Untersuchungen an Grabergruppen in Nordestland, u. a. aus Berechnungen zu den sich in den Bestattungen verbergenden Individuenzahlen. Interessanterweise scheint demzufolge nur ein sehr kleiner Teil der dortigen Bevolkerung uberhaupt in Grabanlagen bestattet worden zu sein (Lang & Ligi 1991; Lang 2007b, 226 ff.). (223) Ganz offensichtlich ist fur den Grossteil der spatbronze- und fruheisenzeitlichen Gesellschaft mit einfachsten Erd--oder Brandgrabern als Bestattungsform zu rechnen, die in der archaologischen Uberlieferung nicht auftreten (Lang 2011).

Es gibt somit auch in der jungeren Siedlungsforschung den Ansatz, die Platze der Asva-Gruppe als Reprasentanten der Spitze kleinregionaler Siedlungshierarchien zu sehen. Sie gelten gemass der Zentralortkonzeption als politische Macht- und Wirtschaftszentren, weitestgehend unabhangig oder unbeeinflusst vom Grad kunstlicher Schutz--oder Verteidigungsmassnahmen. Unbestritten handelt es sich um Wohnplatze geschlossener Anordnung mit Blick auf die jeweilig verkehrsstrategische gunstige Topographie mit den sich bietenden naturlichen Voraussetzungen und Bedingungen fur Schutz und Sicherheit der Siedlungsbewohner. Es bleibt aber dabei, dass die kategorische Bezeichnung fortified settlements/ kindlustatud asulad eine eindeutige, doch nicht immer gegebene Defensivfunktion impliziert. Die Siedlungen der Asva-Gruppe werden somit als an sich elitare Siedlungsformen gesehen, doch nicht zwangslaufig im Lichte von tatsachlicher Wehrhaftigkeit und Verteidigungsdisposition, da die Idee der geschlossenen Zentralorte auch die symbolische Bedeutung raumlicher Abgrenzung, etwa zur Statuspositionierung von (elitaren) Personengruppen oder der Artikulation von Macht, zu berucksichtigen weiss und dabei das hierarchische oder asymmetrische Element in der Entwicklung von Sozialbeziehungen zu betonen sucht (Lang 2007b; Vasks 2007).

Massgeblich in der neueren Betrachtung der gesellschaftlichen Stellung und Funktion von Platzen wie Asva als Residenzen und Wirkungsstatten sozialer und politischer Macht ist die Auffassung von der Rolle und Bedeutung der Metallverarbeitung im Rahmen des Forschungsansatzes der sog. political economy (Kap. 7). Metallverarbeitung und--tausch gelten demnach als Zustandigkeitsbereiche sozial exklusiver und elitarer Kreise und demnach der Zugang zu den Rohstoffquellen sowie das technische und praktische Wissen in der Bronzeverarbeitung fast zwangslaufig als monopolisierte Bereiche. Es sind also diese Hypothesen, die zu der funktionalistischen Betrachtung der Entstehung eines hierarchisch und zentralisiert organisierten Siedlungswesens in der ostbaltischen Bronzezeitforschung beigetragen haben. Es geht sogar soweit, dass die Metallverarbeitung in einer Mittelpunktrolle zwischen politisch-okonomischen Strukturen und Prozessen gesehen wird. Es handelt sich demnach nicht mehr nur um Zentralplatze im weitesten Sinne, sondern um bronze-working centres: So wird anhand der lettischen hill-forts eine politisch-okonomische Infrastruktur auf Basis eines uberregionalen Metall- und Fertigwarentauschs hypothetisiert (Vasks 2005; 2008; 2010, 155 ff., Abb. 1). Die Lagekoinzidenz von Metallproduktion in befestigten Standorten vorausgesetzt, wird in Unterscheidung von Fundmengen und--spektren archaologischer Spuren der Metallverarbeitung (Gussformen, Gussreste) ein hierarchisches Stufenmodell der Siedlungsplatze im Gebiet des Duna-Unterlaufs abgeleitet: In terms of the scale of bronze-working four levels of residential sites may be distinguished (Vasks 2005, 96). Die untersten Stufen bilden Platze ohne Nachweise von Bronzeguss, die offenen Streusiedlungen (first, lowest level), und jene hill-forts mit schwach ausgepragten oder fehlenden Anzeichen einer kunstlichen Befestigung (second level). Die oberen Stufen der Siedlungshierarchie kennzeichnen die befestigten Platze, in denen der Bronzeguss entweder sporadisch (third level) oder intensiv betrieben wurde (fourth, highest level). Mit Blick auf die Intensitat des vor Ort praktizierten Metallgusses in Verbindung mit nachweislichen Befestigungsmassnahmen wird fur prominente Platze wie Kivutkalns, Klangukalns und Brikuli eine bedeutende politische und okonomische Machtstellung und Zentralortfunktion vermutet. Dass jedoch solche hierarchischen Gruppierungen in Abhangigkeit von der Menge an gefundenen Gussformen unzulassig sind, liegt an der Schwierigkeit den tatsachlichen Produktionsumfang uberhaupt annahernd abzuschatzen. Mehr oder weniger grosse Mengen an Gussformfragmenten, wie sie in einigen estnischen und lettischen Platzen auftreten, sind zunachst bedingt durch die Methode des Wachsausschmelzungsverfahrens in einmalig verwendeten Gussgarnituren. Bereits eine einzige zerbrochene Ringgarnitur aus Lehm kann im archaologischen Befund mindestens 50-60 Kleinstucke produzieren. (224)

Der Bronzeguss wurde in einigen lettischen Platzen (z. B. Brikuli), soweit zu beurteilen zulassig, zwar auf einem besonders intensiven und komplexen Niveau betrieben. Es lasst sich aber erkennen, dass die Tatigkeiten auch dort, wie in Asva, Ridala oder im polnischen Biskupin, in verschiedene Siedlungsteile (vermutlich Haushalte bzw. Wirtschaftseinheiten) integriert gewesen sein mussen (Vasks 2008, 68 f., Abb. 2 f.; siehe Kap. 7). Dennoch ist die Idee von komplexen, auf Metallverarbeitung und--verteilung basierenden Zentrumsplatzen mit regionaler Kontrolle und Macht uber die Vorgange der Beschaffung der Rohstoffe und die entsprechenden Kanale in der Forschung dominant geblieben- und das betrifft auch die soziale Exklusivitat der Bronzeverarbeitung, sozusagen als Handwerkszweig (Vasks 2005, 96 f.; 2008, 74 f.; 2010, 158 f.). Eine ganz wesentliche Pramisse fur jene funktionalistischen Kategorisierungen der lettischen hill-forts, und grundlegend fur die Auslegung im Sinne einer political economy uberhaupt (vgl. Kristiansen 2006), ist die Annahme bezuglich gewisser Spezialisierungstendenzen in der produzierenden Verarbeitung und einer fast gewerbsmassigen Verteilung der Metalle. In Anbetracht der einseitigen Siedlungsforschung und den neueren Einblicken in die Organisation der Metallverarbeitung in den Platzen der AsvaGruppe scheint ein solches Modell schwierig mit den archaologischen Evidenzen vereinbar zu sein. Bei genauerer Betrachtung der Sach- und Faktenlage ergeben sich fur keine der ostbaltischen Bronzezeitsiedlungen Hinweise auf wirkliche Spezialisierung in der Bronzeverarbeitung und berufsmassige Gruppierungen von Bronzehandwerkern. Vielmehr wirkt der Zugang zur Metallbeschaffung und zum ausgesprochen komplexen technischen know-how unter den ostbaltischen Siedlungsgemeinschaften dennoch offen und demokratisiert. Es bleibt noch zu untersuchen und zu klaren, ob und inwieweit es innerhalb der bronzeverarbeitenden Tatigkeiten Arbeitsteilungen gegeben hat. In einer Siedlung wie Asva wurden die Gussformen moglicherweise gemeinschaftlich oder separat (in Haushalten) hergestellt oder verarbeitet. Die komplizierten Prozesse der Schmelze und Bronzebearbeitung indes konnten als exklusive und teils spezialisierte Tatigkeiten gedeutet werden. Besonders versierte und entwickelte, langjahrige Praxis und Erfahrung auf dem Gebiet des Bronzegusses muss man sich dennoch nicht zwangslaufig beschrankt auf eine einzige, dazu noch mobil und saisonal ortswechselnd arbeitende Person (des sog. Wanderhandwerkers) vorstellen. Angesichts der hier formulierten Beobachtungen zum Spektrum und Verteilungsbild der Giesserfunde (auch der Gerate, Installationen etc.) und speziell der einheitlich anmutenden Techniken im Guss von Ringen und Ringbarren erscheint die Metallverarbeitung, zumindest die gussvorbereitenden Prozesse, mehr Gemeinschaftssache als spezieller Aufgabenbereich eigens und nur dafur zustandiger Personen gewesen zu sein. Zumindest lasst sich angesichts des Befundbilds von Asva und mit Blick auf die vielseitigen und saisonal wechselnden Aktivitaten in der Wirtschaftsweise (Viehzucht, Feldbau, Robbenfang) vermuten, dass der (oder die) Bronzegiesser nicht vollig losgelost von der Subsistenzschaffung der Siedlungsgemeinschaft existierten. Eventuell ist an eine saisonale Teilberuflichkeit zu denken, und zwar im Zeitraum der intensiven Beschaftigung wahrend der kurzen Sommermonate. Womoglich schliesst das die zeitaufwendigen gussvorbereitenden Arbeiten (Herstellung der Lehmgussformen) fur besonders anspruchsvolle Produkte mit ein.

Eine Ansprache der betreffenden Platze als sog. Metallverarbeitungszentren scheint demzufolge unzulassig, auch wenn die Metallverarbeitung als ein sozial exklusives Privileg der Platze vom Asva-Typ oder ostbaltischen hill-fort-Siedlungen anmutet (Ligi 1995, 214; Merkevicius 2005, 43 ff.; Lang 2007a, 76 f.; 2007b, 117). Nicht die Exklusivitat der gusstechnischen Fahigkeiten, sondern die Idee vom Machtmonopol uber die Beschaffung, Verarbeitung und Verbreitung der Metalle als Ausloser soziookonomischer Umwalzungen bleibt kunftig zu diskutieren.

Wenn in Anbetracht dieser eindeutigen Uberlieferungssituation davon auszugehen ist, dass sich auch hinter der estnischen Gruppe der Bronzezeitsiedlungen vom Typ Asva im weitgefassten Sinne elitar zu beschreibende Siedlungsformen und Lebensweisen verbergen, so ist zu fragen, inwiefern es moglich ist anhand der archaologischen Befundsituation Hinweise auf die Art der Sozialbeziehungen und Identitatsausserungen zu erkennen. Angesichts der bislang fehlenden, den Platzen der Asva-Gruppe zugehorigen Bestattungsplatze oder Graberfelder blieben Erkenntnisse zur Rekonstruktion von Sozialstruktur oder--typus nur uber Analogieschlusse moglich, so etwa uber die von Lang et al. untersuchten Grabergruppen der Vorromischen Eisenzeit in nordestnischen Kustengebieten (Lang 2007b). Der gegenwartige Uberlieferungs- und Forschungsstand zum Grabermilieu der Bronzezeit auf der Insel Saaremaa ist bezuglich der Kenntnis von Bestattungsplatzen und dort praktizierten Totenritualen ein ganzlich anderer als in Nordestland. Bislang ist nicht geklart, in welcher Art, Form und Differenzierung die Siedlungsbewohner (und Eliten) von Asva und Ridala bestattet wurden. (225)

Die Untersuchungen zur gesellschaftlichen Bedeutung und Funktion einer Siedlung wie Asva sind somit ebenso Teil sozialarchaologischer Forschungen zur Bronzezeit der Region Saaremaa, nur mit der einschrankenden Nichtverfugbarkeit von Graberquellen. Die Artefakte und Okofakte der Bandbreite und Qualitat wie in Asva jedenfalls vermogen reichlich Auskunft zu geben uber die verschiedenen wirtschaftlichen und technischen Tatigkeiten und, je nach Kontextbeschaffenheit und--situation, Einblicke in die soziale Wohnplatz- und Haushaltsorganisation und dortigen wirtschaftlichen Aufgabenverteilungen. Darauf wiederum grunden Absichten oder Versuche, das Wesen sozialer Identitaten und Beziehungen aus den materiellen Siedlungshinterlassenschaften abzuleiten. Letzteres ist nicht minder problematisch als die Rekonstruktion gesellschaftlicher Verhaltnisse und Strukturen (soziale Schichten) uber Graberkontexte, also uber Aufwandskriterien bezuglich Konstruktion und Ausstattung, da bereits die soziologischen Pramissen der Archaologen die Art und Weise der Interpretation chronologischer, demographischer und letztendlich sozialer Zusammenhange gewissermassen bedingen (dazu Veit 2013, 211 ff.). Dies betrifft allerdings ebenso die Versuche, Sozialstrukturen und -beziehungen aus der jeweiligen Siedlungs- und Wirtschaftsform bzw.--organisation abzuleiten, weil auch hier zwangslaufig subjektive und von voraussetzungs reichen Ansprachen und Deutungen fur bestimmte Fragestellungen relevanter architektonischer Formen und Anlagen (z. B. Bauweise) greifen und materielle Hinterlassenschaften (wie Objekte, Fundgruppen) als Ausdruck bestimmter Tatigkeitsbereiche, Aktivitatszonen und des Sozialverhaltens der Siedlungsbewohner insgesamt verstanden werden. So besteht auch im konkreten Asva-Fall die Gefahr, eine bestimmte von den Siedlungsbewohnern ausgeubte Tatigkeit in seiner okonomischen Bedeutung anderen voranzustellen, und somit Vorkommen und Verbreitung im archaologischen Fundspektrum einseitig uberzubewerten. Auch im Siedlungsmilieu wirken uberlieferungstechnische Filter und Verzerrungen im Befundbild, die zum einen forschungsbedingt fragmentarisch und ausschnitthaften Einblicken in das 'Innenleben' prahistorischer Wohnplatze bedingt sind, zum anderen aber in schwierig zu erfassenden verfalls--oder zerstorungsbedingten Faktoren der cultural formation, einschliesslich der abandonment und post-abandonment-Prozesse (z. B. Schiffer 1987; Allison 1999). Die auf der Funktionsdeutung materieller Uberreste und Baubefunde grundende soziale Analyse ist somit wegen der Verzerrung der archaologischen Uberlieferung grundsatzlich problematisch und so auch der theoretische Ansatz, raumlich einzugrenzende Befundstrukturen (Siedlungen, Siedlungsteile, Hauser) entweder als Teile eines funktionalen Beziehungssystems sozialer Einheiten aufzufassen oder diese uberhaupt funktional und chronologisch in irgendeiner Weise einzuschranken. Auch in dieser Untersuchung ist gern von Haus--oder Wirtschaftseinheiten gesprochen worden, obwohl die soziookonomischen und archaologisch abgeleiteten Kriterien der Definition und Abgrenzungen von Wohn- und Lebensraum in einer Siedlung wie Asva grundsatzlicher Prufung und Klarheit bedurfen.

Somit sind Quellenkritik und Uberlieferungssituation wesentliche Bestandteile in der Diskussion um die soziale und funktionale Bedeutung von Asva als Siedlungsform. Was sich in dieser Untersuchung auch zeigt, ist, dass es teils unterschiedliche Ansatzen und Betrachtungsweisen in sozialarchaologischen Fragen der Asva-Forschung gibt. So ging es bislang darum, die treibenden Faktoren im bronzezeitlichen Wandel zu beschreiben, und so auch in jungeren Forschung unter Lang und dem funktionalistischen Blickwinkel von Siedlungshierarchie und komplexen Zentren. Der in dieser Arbeit verfolgte Ansatz der inneren Perspektive orientiert sich an der Analyse ausgesuchter Objekt- und technischer Materialgruppen in der Suche nach Anhaltspunkten fur soziale Kommunikation im weitesten Sinne, und zwar anhand von Siedlungen wie Asva als materialisierte Quellen wirtschaftlicher und technischer Tatigkeitsbereiche. Allerdings wird deutlich, wie unterschiedlich sich die 'politische' Dimension soziokulturellen und okonomischen Verhaltens anhand der subsistenzbezogenen und nichtsubsistenzbezogenen (oder--sichernden) Wirtschaftsweisen deuten lasst: Entweder man sieht in den Aktivitaten auf dem an sich exklusiven metallverarbeitenden Sektor Anzeichen eines expansiven okonomischen Handelns nach modern aufgefassten Prinzipien der Gewinnorientierung und dem Streben nach Kontrolle und Besitz, die Entstehung ungleicher gesellschaftlicher Verhaltnisse implizierend, oder man ordnet die bronzeverarbeitenden Tatigkeiten mehr oder weniger den funktionalen Bedurfnissen der Siedlungsgemeinschaft nach Lebenserhaltung und Uberlebenssicherung unter. In diesem Sinne konnte die saisonal betriebene Herstellung von Ringbarren oder anderer Gegenstande zwar als Ausdruck wirtschaftlicher Strategien zum vielseitig einsetzbaren Tausch gesehen werden, jedoch unter einschrankendem Einfluss bestimmter sozialer und kulturell-religioser Institutionen und Zwange. Die Metalle waren demnach mehr als zweckmassige Mittel in der Artikulation bestimmter soziookonomischer Interessen denkbar, bei denen die Schaffung und Akkumulation personlichen Wertbesitzes und daraus resultierendes kompetitives Sozialverhalten in Verbindung mit dem Sektor der Metallverarbeitung nur in einem begrenzten Rahmen moglich war. Angesichts der fur die ostbaltische Bronzezeit begrenzten Quellen zur Nutzung und Zirkulation von Metallen bleibt es notgedrungen bei Hypothesen.

Wie aber oben gezeigt (Kap. 5 und 7), heben sich Bronzegussaktivitaten im Siedlungsbefund von Asva und Ridala nicht von anderen, etwa Nahrung verarbeitenden Tatigkeiten oder uberhaupt von mutmasslichen Wohnbereichen ab. Er wurde in verschiedenen Bereichen der Siedlungen praktiziert, und stets nach denselben technischen Prinzipien und fur die gleiche Produktpalette (Ringe und Ringbarren). Auch die sog. Feinkeramik zeigt in der raumlichen Verteilung oder Streuung im Siedlungsareal keine zonale Verdichtung an, aus der sich eine besondere, orts--oder raumbezogene Funktion ableiten liesse. Die ubrigen Fundgruppen (z. B. Knochen- und Steingerate), einschliesslich des Schlacht- und Speiseabfalls der Siedlungsbewohner, streuen auf alle Arbeits- und Wohnbereiche ebenso relativ gleichmassig. Laut Befundbild scheint es keine sozialen und funktionalen Unterschiede zwischen den einzelnen Siedlungsteilen zu geben. Aus der Verteilung der Tierknochenfunde und des Geratespektrums in Asva zu schlussfolgern, fielen Robbenfang, Viehzucht und Feldbau in den Zustandigkeitsbereich getrennter Haushalte und Wohneinheiten (Kap. 10 f.). Relativ klar umrissene Befunde einstiger Wohnbauten konnten vor allem im Sudostteil F von Asva ausfindig gemacht werden, mit Bauten von vergleichsweise kleiner Grundflache (30-40 [m.sup.2]), die als separate Wohn- und Arbeitseinheiten interpretiert werden konnen. In der Annahme, dass diese Haushalte von Familien mit 4-8 Personen gleichzeitig bewohnt und bewirtschaftet wurden, lasst sich fur eine Siedlungsphase bei annahernd dichter Bebauung des gesamten Siedlungsareals (ca. 3.500 [m.sup.2]) auf mindestens zehn Wohnbauten und eine ansassige Mindestpersonenzahl von funfzig Menschen schliessen. Lang (2007a, 73 f.) schatzt die Gemeinschaftsgrosse in Iru auf 30-40 Menschen, fur die ubrigen Platze der AsvaGruppe mindestens ebenso viele. Die Personenzahlen einiger lettischer Bronzezeitsiedlungen, darunter die vollstandig ausgegrabenen Platze Vinakalns, Kivutkalns und Brikuli, werden von den jeweiligen Ausgrabern auf 30-50, 40-60 und 40-70 geschatzt (ebd.). (226) Es scheint sich alles in allem um uberschaubare Grossenverhaltnisse zu handeln, macht aber wahrscheinlich, dass Familienund Verwandtschaftsverhaltnisse den eigentlichen Integrationsmechanismus in Gemeinschaftsleben und Wirtschaftsweise einer Siedlung(sform) wie Asva bildeten. Fur die Entstehung und Verortung elitarer, durch Macht und Kontrolle privilegierter Kreise waren die vorhandenen Spielraume und Moglichkeiten ganz offensichtlich begrenzt und es stellt sich die Frage nach der wirklichen Komplexitat der sozialen Beziehungen und Funktionen einer Siedlung wie Asva--bzw. nach der unsrigen Erwartungshaltung an eine Vielschichtigkeit der dortigen Verhaltnisse.

In solche Uberlegungen spielen auch Betrachtungen der Platzwahl und der mutmasslichen Vorzuge aus der naturraumlichen Beschaffenheit des bronzezeitlichen Siedlungsplatzes mit ein. Schwierig bei dem gegenwartigen Forschungsstand, aber dennoch relevant ist die Erfassung des wirtschaftlichen Einzugsgebiets der Siedlung: Als Weideland fur das Vieh kommt die unmittelbare Umgebung, auch die der Siedlung vorgelagerte, noch heute als Pferdekoppel genutzte halbinselformige Landerhebung in Frage (Abb. 6). Fossile Feldlappen und Feldrainstrukturen sind aus der Gegend bislang keine bekannt oder nachgewiesen, doch zeichnet sich die unmittelbare Umgebung durch potentielle, fur Feldbau gunstige Alvar-Zonen aus (Abb. 120). Die fur den Robbenfang relevanten Fangreviere lassen sich nur vermuten, doch kommen als Einzugsgebiete der Robbenjager die sudliche Kustengegenden von Saaremaa und die Rigaer Bucht mit ihren noch in der Neuzeit bekannten Seehundpopulationen durchaus in Frage (Kalits 2006, 84 ff.). Die Ansiedlung der Wohn- und Verarbeitungsplatze von Asva ausgerechnet in dieser exponierten und meerzugewandten Kustenlage lasst sich nur mit dieser speziellen, maritim ausgerichteten Wirtschaftsweise erklaren. Hatte doch eine landeinwarts gesuchte Niederlassung fur die Siedlungsgemeinschaft nicht nur eine sichere Versteck- und Ruckzugsituation in Gefahr--oder Krisenzeiten geboten, sondern auch bessere Witterungs- und Windverhaltnisse als in der direkten, meerzugewandten Lage. Angesichts dieser Platzwahl bleibt anzunehmen, dass die direkte Anbindung an das Meer als Verkehrs- und Wirtschaftsraum mit den sich bietenden Transportrouten und Verbindungswegen gesucht wurde. Die fehlenden Befestigungsmassnahmen lassen indes schliessen, dass vom Meer keine wesentliche Bedrohung oder Gefahr ausgegangen sein muss. Geoklimatisch bedingt war in den langen Herbst-, Winter- und Fruhlingsmonaten ohnehin kein oder nur eingeschrankter Seeverkehr moglich. Bei einer hypothetischen Schutz- und Verteidigungsdisposition ware der Siedlungsplatz potentiellen Bedrohungen auch von der Landseite her ausgesetzt gewesen. Sollte nun, was wahrscheinlich ist, auch die nachweislich arbeits- und zeitintensive Beschaftigung auf dem Sektor der Metallverarbeitung in den kurzen Sommermonaten stattgefunden haben, dann ist eine mehr oder weniger permanente Rauchentwicklung zu erwarten. Wurden die meisten Gussaktivitaten, besonders die Metallschmelze, bei Tageslicht und in unmittelbarer Siedlungsnahe ausgefuhrt, dann muss die Lageposition dieser mit exklusiven und wertvollen Rohstoffen arbeitenden Siedlung von der weiten Umgebung oder die Gegend befahrenden, ortsfremden Menschengruppen leicht wahrgenommen worden sein. Alles in allem entsteht der Eindruck einer weitest gehend friedvollen, verkehrs- und kontaktoffenen Siedlungssituation, und nur die in Asva beobachteten Brandschichten, die Folgen eines offensichtlich verheerenden, fremd--oder selbstausgelosten Siedlungsbrands scheinen dem zu widersprechen. Die eigentlichen, die Platzwahl und--funktion der Siedlung von Asva bestimmenden Faktoren und Beweggrunde bleiben also fraglich.

Auch wenn bei der zunachst oberflachlichen Betrachtung der Befunde das soziale Leben in der Asva-Siedlung vergleichsweise undifferenziert und nahezu egalitar organisiert anmutet, so heisst das nicht, dass es keine sozialen Unterschiede oder keine Siedlungsbewohner und Gemeinschaftsmitglieder mit herausragenden politischen (oder auch religiosen) Kompetenzen und Funktionen gegeben hat. Auch bei vergleichsweise schwach gegliederten Gesellschaften sind festgeschriebene soziale Rangfolgen und Abhangigkeitsbeziehungen die Grundvoraussetzung fur das Funktionieren als politische Organisationsform (dazu Veit 2013). Vor allem die vielseitigen Wirtschaftsweisen und exklusiven Verarbeitungszweige, insbesondere die lebendigen, interkulturellen sozialen Kontakte wie im Fall Asva mussen ein standiges Neuformieren und Etablieren von Identitaten und Eigeninteressen innerhalb der Gruppen oder Gemeinschaften mit sich gebracht haben, alles in allem Konfliktpotential sozialer Konkurrenz und Rivalitat. Der Zusammenhalt solch komplexer sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen innerhalb der Siedlungsgemeinschaften musste von gewissen Institutionen gesteuert und geregelt werden, und diese vermutlich in der Rolle von Sippen oder Familienverbanden vorstehenden Oberhauptern oder Altesten, also stets auf der Basis erweiterter Familien- und Verwandtschaftsverhaltnisse. Solche komplexen, Status und Rang anzeigende Strukturen werden im archaologischen Siedlungsmilieu nicht sichtbar (siehe Harding 1982). Es gibt wenige Moglichkeiten, in den archaologischen Siedlungshinterlassenschaften Hinweise zu finden auf materialisierte Identitats- und Personlichkeitsdarstellung oder auf entsprechende Artikulierungen eines kollektiven Bewusstseins. Bisher beschranken sich diesbezugliche Einblicke nur auf bestimmte keramische Objektgruppen (siehe Kap. 8.11.3).

Die fur uns bisher wesentliche Frage, ob und inwiefern hinter der Siedlungsform vom Typ Asva stark gegliederte Gesellschaften stehen mussen, zielt ab auf die oben besprochenen Ausloser und Faktoren im sozialen und okonomischen Wandel der Bronzezeit. Als wesentlich in der Diskussion wurde erachtet, wie die Rolle der Metalle und deren Verarbeitung in der Bronzezeitgesellschaft eigentlich zu bewerten sei. Die Beschaffung, der Besitz (bzw. Verarbeitung) und die Verteilung der wertbehafteten Bronzen, so die gangige Auffassung, sei nur im Zusammenhang mit der Entstehung soziopolitischer Macht- und Kontrollstrukturen denkbar und somit die Errichtung der neuen (befestigten oder wehrhaften) Siedlungsformen aus der Sicht primar metallverarbeitender Zentralorte zu erklaren.

Asva aus dem theoretischen Blickwinkel von Zentralortbeziehungen im bronzezeitlichen Siedlungswesen zu betrachten, ist m. E. ein zulassiger, weil aus den Beobachtungen und Ergebnissen im archaologischen Siedlungs- und Grabermilieu der Spatbronze- und Fruheisenzeit im nordestnischen Arbeitsgebiet resultierter Deutungsansatz (zuletzt Lang 2007b). Dieser empirisch gestarkte Ansatz der Sozialinterpretation kann sich wesentlich auf gewonnene Daten zu den agrarischen Wirtschaftsweisen und der Kulturlandschaftsnutzung uber archaologische, archaobotanische und--zoologische Forschungen stutzen.

Die Frage scheint aber berechtigt, ob die an sich exklusive Tatigkeit des Bronzegusses in der zentralen Bedeutung fur die gesamte Siedlungsokonomie gesehen werden muss. Die bisherigen Untersuchungen zu Asva zeigen ein sehr komplexes Bild bezuglich der vielseitigen subsistenz- und nicht-subsistenzbezogenen Tatigkeitsbereiche und eine grosse Bandbreite moglicher Aufgabenverteilungen innerhalb der Siedlungsgemeinschaft. Sowohl der Grad sozialer Ungleichheit oder Differenzierung als auch die Beweggrunde der Entwicklung zu dieser geschlossen angeordneten Siedlungsform erschliessen sich aus dem archaologischen Befund jedoch nicht. Somit sind andere bzw. alternative, gleichfalls hypothetische Deutungen der Art von soziopolitischen Beziehungen und der Siedlungsorganisation zulassig, ohne die Rolle und Funktion des Metallgusses unzulassig zu marginalisieren.

So machten Tobias L. Kienlin und Pawel Valde-Nowak (2008) unlangst auf eine mit der Asva-Problematik potentiell vergleichbare bronzezeitliche Siedlungssituationen aufmerksam, namlich ausgehend von grossangelegten archaologischen Untersuchungen im polnischen Dunajec-Tal (Region Kleinpolen). Auch die dortige Forschung befindet sich gegenwartig in einem kritisch-reflektierenden Entwicklungsstadium, in dem die polnischen 'Burgen' der spaten Lausitzer Kultur differenzierter und nicht mehr allein aus dem Blickwinkel lokaler Machtzentren mit unhinterfragter Wehrfunktion heraus zu betrachtet werden. Selbst fur geschlossen angeordnete Platze in exponierter Lage mit naturraumlich gunstigen verkehrs- und verteidigungsstrategischen Voraussetzungen wird der Befestigungscharakter diskutiert. Es wird auch der Gedanke formuliert, dass einige solcher Platze nicht unbedingt und notwendig Herrschaftszentren kleinregionaler Eliten darstellen mussen. Im Einzelfall kann es sich um hofartige Platze handeln, die sich uber die Siedlungsareale periodisch verlagerten oder etwa um Zusammenschlusse mehrerer ehemaliger Einzelgehofte (Kienlin & Valde-Nowak 2008, 213 ff.). Die interessante Idee von konglomeratischen, weitestgehend autonom agierenden Einzelhaushalten, aus erweiterten Kernfamilien bestehend, wird zunachst beispielhaft an sich durch ihre gleichformigen Innenbebauungen charakterisierten spatbronzezeitlichen Platzen wie der sudwestdeutschen Wasserburg Buchau oder dem polnischen Biskupin exerziert. Es muss sich demnach nicht um Zentralorte und Machtbereiche von Eliten handeln, und ein solches Szenario der lokalen Konzentration und Vereinigung mehrerer Klein--oder Einzelsiedlungen ware theoretisch auch fur den Fall Asva zu erwagen. Dieser, dem gegenwartigen Forschungsstand gemass neue Siedlungstyp konnte aus einem Konglomerat verschiedener Sozial- und Wirtschaftseinheiten, im Wesen vom ursprunglichen Einzelhofcharakter, resultieren. Der sich im Siedlungswesen im Zuge der Bronzezeit formierte Zusammenschluss ware als ein mit Blick auf Saaremaa regionalspezifischer Prozess anzusehen, zunachst mit den Aktivitaten auf dem Sektor der Robbenjagd in Verbindung stehend. Angesichts der spezialisierten Fangtechniken in entfernter gelegenen Jagdrevieren, nur in gemeinschaftlich organisierten Fangfahrten praktikabel und effizient, konnte sich hinter dieser Entwicklung der Entstehung der Siedlung Asva eine Art wirtschaftsstrategisches, auf den gemeinschaftlichen Fangerfolg orientiertes Solidarverhalten verbergen. Die Zusammenfuhrung von einst weitestgehend separat lebenden Gruppen oder Sozialeinheiten zu einer Siedlungsgemeinschaft kann die sozialen und politischen Beziehungen langerfristig gepragt und eine starkere innergesellschaftliche Gliederung gebremst haben. Mit dem oben skizzierten Bild von der sozialen und funktionalen Rolle der Metallverarbeitung in Asva bzw. der Idee von einer Art demokratisierten' Zugang zu den komplex entwickelten Techniken und Praktiken im Bronzeguss ware dieser Form von Siedlungsorganisation vereinbar.

Nichtsdestotrotz braucht die Asva-Forschung eine entwickelte und vielseitigere Quellenbasis um uber die Verknupfung von Informationen zu Wirtschaft und Gesellschaft zu einer annahernd adaquaten Vergleichsbasis zur spatbronzezeitlichen Siedlungssituation in Nordestland zu gelangen. Der jetzige Untersuchungsstand zur Asva-Problematik baut sehr einseitig auf Siedlungsfunden und den, wenn auch reichhaltigen, materialisierten Quellen wirtschaftlicher und technischer Tatigkeitsbereiche. Die Einblicke in die mogliche soziopolitische Organisation einer Siedlungsform wie Asva sind angesichts des Mangels an Informationen aus der hiesigen Graberarchaologie noch sehr begrenzt.

13.3. Das Ende einer kurzen Ara? Diskussion moglicher Faktoren

Der tiefgreifende Wandel in Siedlungswesen, Wirtschaft und Gesellschaft in der Bronzezeit des heutigen Estland wirft nicht nur Fragen auf zu den Faktoren und Bedingungen der Entstehung der Platze der Asva-Gruppe (Kap. 12.1). Auch fur das so plotzlich anmutende Verschwinden dieser Siedlungsform von der archaologischen Bildflache ist nach Erklarungen zu suchen. Angesichts der fur den Inselraum Saaremaa in vieler Hinsicht noch unterentwickelten Forschungssituation bleibt ein breiter, weitestgehend hypothetischer Deutungsspielraum.

Der Ubergang von der Spatbronze--zur Fruheisenzeit im Nordischen Raum wird in der jungeren Forschung allgemein als eine von einer okonomischen Krise begleitete und gezeichnete Periode angesehen, die die bestehenden kleinregionalen Macht- und Kontrollstrukturen stark erschutterte und verkleinerte, im westlichen Ostseeraum vermutlich verstarkt militarisierte (so bereits Kristiansen 1987, 87). Der Eintritt in die 'Eisenzeit' in sudskandinavischen Gebieten sei durch den Fall der chiefdom-Gesellschaften charakterisiert und von einer massgeblichen Neuorganisation und Restrukturierung in der Siedlungs- und Wirtschaftsorganisation begleitet, wenn auch in regional differenzierten Ablaufen (Kristiansen 2006, 189 ff.). Die drastische Zunahme der Metalldeponierung und--hortung im P VI-Horizont (nach Montelius) wird im Lichte dramatischer, menschlich ausgeloster okologischer Krisen gesehen (ecological Overexploitation) und somit das Ende der Bronzezeit im kausalen Entwicklungszusammenhang mit einem allmahlich ausbleibenden Zugang zu den Metallressourcen (declining metal supplies) (ebd., 189 ff., Abb. 50). Im Ostbaltikum werden Verlauf und Situation im Ubergang zur Fruheisenzeit anders beurteilt und auch den (wenigen) Metallfunden scheint ein anderer Quellencharakter zuzukommen. Folgt man den Uberlegungen Valter Langs (2007b, 261 f.), dann ist der durch die Asva-Gruppe markierte Wandel kein drastischer Ab--oder Umbruch gewesen, sondern eine sukzessive, eher auf externe Entwicklungen reagierende Neuordnung in Gesellschaft und Siedlungswesen. Der oben beschriebenen, weltsystemtheoretisch verhafteten Anschauung zufolge hatte der Nordische Kreis allmahlich an seiner 'Attraktivitat' als kulturelles und okonomisches Zentrum verloren, und das Ostbaltikum ware aus seinem Schatten hervorgetreten und hatte auf Basis seines Agrarpotentials eine Eigenentwicklung starten konnen. Die Veranderungen im Siedlungsbild seien in der neuen Einstellung der Gemeinschaften gegenuber den sich zunehmend verknappenden Ressourcen begrundet. Langs Untersuchungen in der nordestnischen Kustenregion konnten belegen, dass wahrend und nach dem Zeitpunkt des Verschwindens der AsvaSiedlungen von der archaologischen Karte eine Intensivierung und Ausweitung in der agrarischen Landnutzung einsetzte. Die sich im Ubergang von der Spatbronzezur Fruheisenzeit vermehrenden Anzeiger fur kleinterritoriale Aufteilungen der agrarfahigen Boden und Felder sind ganz offensichtlich Anzeichen fur sich entwickelnde Besitzrechtsanspruche, auch in Reaktion auf die zunehmende Landverknappung, speziell der fruchtbaren Rendzina-Boden (Lang 2007b, 113 ff., 145 f.). Synchrone Tendenzen auf dem agrarischen Sektor lassen sich auch fur den sudwestfinnischen Raum feststellen (Asplund 2008, 280). So gesehen konnten die platzkonstanten Mittelpunktsiedlungen vom Asva-Typ ihre okonomische Existenzberechtigung verloren haben, weil sich die fruheisenzeitliche Gesellschaft Estlands einer agrarisch gepragten und gewissermassen mobileren Siedlungs- und Wirtschaftsweise annahm.

Interessant sind dennoch die mit dem sudskandinavischen Raum parallelisierbaren Verlaufe im Ubergang zur Vorromischen Eisenzeit (vgl. Kristiansen 2006, 189 ff.): Im Ostbaltikum, speziell in Estland, scheinen jene durch Vielseitigkeit und hohes Niveau auf dem technischen und verarbeitenden Sektor (u. a. Bronzeguss) und durch komplexe Organisation gekennzeichnete Siedlungs- und Wirtschaftsformen zu verschwinden. Im Gegenzug werden kleinregionale Sonderentwicklungen in der materiellen Kultur sichtbar und Anzeiger jener vormals so stark nordische oder sonstige Aussenkontakte gehen fur eine gewisse Zeit ebenfalls zuruck. Zwar sind fur Saaremaa die kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen wahrend der Vorromischen Eisenzeit durch den luckenhaften Forschungsstand schwierig oder kaum zu beurteilen. Doch zeigt das Stil- und Formenspektrum der Siedlungsund Graberkeramik der ungleich besser erforschten nordestnischen Kustenlandstriche (v. a. die Kreise Harju und Viru; dazu Lang 2007b) eine interessante Entwicklung in regionale Kleingruppen (Kap. 8.1; Abb. 56). Die Knickwandund Henkelkeramik, im Vorkommen bislang ausschliesslich auf Platze Asva, Ridala, Kaali und Iru begrenzt, tritt in der Vorromischen Eisenzeit nicht auf. Es entsteht somit der Eindruck, es mit einem zeit- und regionaltypisch begrenzten Phanomen zu tun zu haben. Gefassformen feinkeramischer Machart erscheinen im archaologischen Fundspektrum erst in der Spatphase der Vorromischen Eisenzeit, im Stil der Cord-Impressed und Comb-Impressed Pottery, aber ohne die Asvatypischen Henkelschalen (Lang 2007b, 132 f., Abb. 62). Es ist also anzunehmen, dass der offensichtliche Bruch in der Entwicklung der Keramik durch Veranderungen okonomischer und gesellschaftlicher Art ausgelost wurde, mit Einfluss auf bestehende Ess- und Trinksitten. Er konnte aber einen vorlaufigen Untersuchungsstand darstellen, bedingt durch die mangelnde Kenntnis oder Datierung von Siedlungsfunden sowie durch zeitspezifische Deponierungsfilter (u. a. Grabbrauche).

Dem gegenwartigen Forschungsstand gemass stellt das Ende der Siedlungsplatze der Asva-Gruppe einen gravierenden Einschnitt in der Entwicklung im Siedlungswesen dar, und lasst die Pramisse zu, dass sich hinter diesem Bruch wesentliche Umstrukturierungen in den subsistenzbezogenen Wirtschaftsweisen verbergen, die nicht ohne Auswirkungen auf die sozio-politischen Beziehungen und Verhaltnisse geblieben sein konnen. Offene Siedlungen mit kleinen Hausverbanden als bestimmende Siedlungsformen und--muster bedingten auch ganz offensichtlich unscharfere Sozialdifferenzierungen. Doch bleiben offene Fragen bezuglich der Ursachen und Ausloser intern und/oder externer Art hinter diesem scheinbar abrupten Wandel. Im Nordischen Raum werden okologische Krisenszenarien mit ihren gravierenden Folgen auf Wirtschaft und Gesellschaft angefuhrt (siehe Kristiansen 1998; 2006). Demographischer Druck und Ressourcenknappheit werden als haufige Begriffspaare im Versuch der Ursachen- und Verlaufsrekonstruktion im okonomischen und sozialen Wandel der Spatbronzezeit genannt. Auf Konsequenzen okologischer Art infolge sich drastisch entwickelter Landnahme im Ubergang von der Spatbronze--zur Fruheisenzeit etwa hat auch die Bronzezeitforschung in Bezug auf den Niedergang der polnischen Siedlungen vom Biskupin-Typ verwiesen. Aus den sich reduzierenden Weide- und Anbauflachen habe ein Konfliktpotential mit Auswirkung auf die sozio-politischen Beziehungen zwischen den benachbarten Siedlungsgemeinschaften resultiert (Kristiansen 1998, 297; Harding et al. 2004, 198 f.) und in der Endphase der Periode der sog. Lausitzer Kultur hatten diese wirtschaftlichen Engpasse zwangslaufig zu Kriegen, Raubzugen und Abwanderungen gefuhrt. So ist auch in der polnischen Forschung die Hypothese der Klimaverschlechterung als zusatzlicher, die Prozesse wie Wirtschaftskrisen und Standortverlagerungen der Spatbronze- und Fruheisenzeit beschleunigender Faktor, zur Anwendung gekommen: Janusz Ostoja-Zagorski (1983, 202 ff.) hatte bereits, ebenfalls in Bezug auf die polnischen Siedlungsplatze, diverse Moglichkeiten intern und extern ausgeloster Storungen im okonomischen und gesellschaftlichen Gleichgewicht diskutiert, und dies auch vor dem Hintergrund eines in Kulturgruppen der Urnenfelderzeit deutlich abzeichnenden demographischen Wandels. Als entscheidende Faktoren gelten wieder die jeweiligen klimatischen und okologischen Rahmenbedingungen (Deren Ursachen waren letzten Endes ungunstige Klimaveranderungen.--ebd., 202), dies naturlich mit Folgen fur die sozio-politischen Beziehungen und Verhaltnisse. Landschaften der Spatbronze- und Fruheisenzeit im nordlichen Polen waren nachweislich von Uberschwemmungen betroffen, was dazu gefuhrt haben mag, dass die ohnehin leichteren und vergleichsweise wenig fruchtbaren Boden schneller ausgewaschen und abgetragen wurden. Somit wurden auch der Rekonstruktion bestehender okologischer Rahmenbedingungen sozial- und landwirtschaftsgeschichtliche Aussagen abgewonnen. Hinter der Neuorganisation im polnischen Siedlungswesen zu Beginn der Fruheisenzeit, und der offensichtlichen Verlagerung des Verkehrsund Wegenetzes, weg von den vormals kulturell einflussreichen Sudverbindungen, ware demnach mit einem okologisch-adaptiven Verhalten der Gemeinschaften an die ungunstigen Umweltbedingungen zu erklaren (ebd., 203). Kurze Zeit spater ist man von dieser bioklimatisch zentrierten Argumentation etwas abgeruckt und hat in der Begrundung des Wandels im Siedlungswesen interne, sozio-okonomische Ursachen vorangestellt (siehe Harding & Ostoja-Zagorski 1993).

Im Rahmen seiner diachron angelegten Studie zur sozialen und funktionalen Bedeutung der Bronze- und Eisenzeitkeramik der Grossregion Mittelschwedens suchte Thomas Eriksson (2009) die Klimahypothese erneut in die Diskussion einzubringen. Als massgeblich und hinweisgebend in Bezug auf soziale und okonomische Veranderungen wird der offensichtliche Bruch in der Herstellungsund Stiltradition dieser Keramikprovinz gedeutet. Es ist vor allem die am Ubergang zur Fruheisenzeit deutlich nachlassende technische Qualitat der Keramikverarbeitung und das Ausbleiben der Henkel- und Feinkeramik in den Folgeperioden, die zunachst auf gesellschaftliche Ursachen zuruckgefuhrt werden. Da sich die Schalen und Henkeltassen im dortigen Grabermilieu als Anzeiger besonderer Ess- und Trinksitten ausweisen und vermutlich sozial privilegierten Gruppen vorbehalten waren, scheint der veranderte Gebrauchs- und Deponierungsmodus dieser Gefasstypen moglicherweise auf neugestaltete soziale Verhaltnisse und Beziehungen in dieser Region zuruckzugehen. Eriksson macht in diesem Zusammenhang auch auf die zeitlich annahernd synchrone Mengenzunahme an Bronzedeponierungen in Ostmittelschweden in der fruhen Montelius-Periode VI aufmerksam. Die vermehrte Hortung von Metallwerten und der Wandel in den Keramikformen werden also beide als Ausdruck und Anzeiger sozialer und wirtschaftlicher Stresssituationen im Ubergang zur Fruheisenzeit aufgefasst. Uberhaupt wird es im dortigen Grabermilieu der entwickelten Fruheisenzeit schwieriger, Anhaltspunkte bezuglich gesellschaftlicher Differenzierung zu finden (Beigaben, Grabbau etc.). Gravierende strukturelle Veranderungen, insofern als solche wahrzunehmen, werden primar mit klimatisch-okologischen Auslosern in Verbindung gebracht, wie Eriksson anhand von Vergleichsdaten pollen- und baumringbasierter Klimakurven Mittel- und Sudschwedens zu beweisen sucht: Fur die besagte Ubergangszeit ist um 750 cal. BC ein Abfall der Jahres- und Julitemperatur von etwa 1 [degrees]C festzustellen, einhergehend mit Anzeichen einer beginnenden Feuchtperiode (Eriksson 2009, 266, Abb. 141). Aus der Korrelation der Klimadaten mit dem Anstieg des atmospharischen Kohlenstoffanteils--das sog. Hallstattplateau (ca. 800-400 BC) in der Kalibrationskurve--wird geschlossen, dass sich das sich verschlechternde Klimaregime nachhaltig auf das Agrarpotential auswirkte, somit auf weite Sicht auch die sozio-okonomischen Rahmenbedingungen beeinflusste (ebd., 263 ff.). Die drastische Zunahme der Metallniederlegungen in Mittelschweden wird demnach als alarmierendes Signal einer wirtschaftlichen Krisenperiode gedeutet und nicht etwa als Anzeichen einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wohlstands- und Uberschusssituation.

Fur weite Teile Europas lassen sich inzwischen Klimaschwankungen im Ubergang von der Spatbronze--zur Fruheisenzeit feststellen. In der Erforschung der Ursachen von Transformationserscheinungen in Wirtschaft und Gesellschaft dieser Periode werden zunehmend feuchtkaltere Witterungserscheinungen genannt. Messungen in niederlandischen Hochmooren und aus dem nordalpinen Raum zeigen fur den Zeitraum 850/845-760/755 cal. BC klimatische Verschlechterungen an (siehe Primas 2008, 9, Abb. 1.4; auch Widgren 2013, 130 f.). (227) Wachstumsanomalien der Moore bezeugen fur diese Phase einen zunehmenden Wasserhaushalt und abnehmende Verdunstung, alles in allem Hinweise auf anhaltende Feuchtperioden. (228) Der Wechsel zu einem feuchtnassen und kalten Klima wird in Zusammenhang mit einer messbaren Erhohung des Kohlenstoffanteils in der Atmosphare gesehen, erkennbar am Kurvenbild des sog. Hallstatt-Plateaus. Die eigentlichen Ursachen dieser zyklischen Klimaveranderungen sind noch strittig. (229)

Interessanterweise gibt es fur den genannten Zeitraum unterschiedliche Ausschlage der Proxidaten, zumindest einige Regionen Nordeuropas betreffend. So lasst sich in Mooren im sudmittelschwedischen Varmland eine Trockenphase zwischen 2700 und 2250 cal. BP beschreiben, also in abweichender Tendenz zu den Messdaten kontinentaler und selbst benachbarter Regionen (Asplund 2008, 276 ff.; vgl. Eriksson 2009, Abb. 141). Es deutet also alles auf Klimaveranderungen und--schwankungen hin, die regional und periodisch verschieden wirkten oder so zu interpretieren sind. Auch stellen Temperatur- und Niederschlagswerte, alleingenommen, ungenugende Parameter in der Rekonstruktion einstiger Umweltbedingungen dar. Die Windverhaltnisse, der Nahrstoff- und Wasserhaushalt der Boden etwa, bilden weitere wesentliche Faktoren. Zudem sei angemerkt, dass sich das rekonstruierte Bild eines sich plotzlich verschlechternden Klimaregimes und seinen Folgen nicht immer und uberall im archaologischen Befund als solche zu erkennen geben mussen (so Jensen 1994, 111; auch Widgren 2013).

Mutmasslich negative Auswirkungen sich verschlechternder klimatischer Bedingungen, so die gangige Annahme in Verbindung mit der Klimahypothese, mussten zunachst auf dem Agrarsektor spurbar gewesen sein. Temperaturabfall und zunehmende Nasse werden Viehzucht und Reproduktion auf Dauer beeintrachtigt haben, insbesondere von extensivem Feldbau und Weidung beanspruchte Boden konnten verstarkt unter Nahrstoffauswaschungen und Erosion gelitten haben. Bei der rapiden Entwicklung der Landwirtschaftsmethoden in der Bronzezeit mag der Klimawandel diese Prozesse beschleunigt haben (Jockenhovel 1997, 216). Im Zusammenhang mit der klimatischen Verschlechterung wird somit gern an eine Verknappung der Ernahrungs- und Versorgungslage mit Fatalfolgen gedacht. Man ware somit versucht, die Auflosungserscheinungen an Siedlungsstrukturen wie der Asva-Gruppe vor dem Hintergrund eines solchen Szenarios zu sehen. In der Tat standen in der Region des heutigen Estland, vor allem der Insel Saaremaa, fur Ackerbau und Viehweidung nur limitierte Landflachen zu Verfugung (heute noch ca. 160 [km.sup.2]), allerdings sind die Alvar-Flachen Estlands allein im letzten Jahrhundert auf ein Funftel ihrer ursprunglichen Ausbreitung geschrumpft (Kap. 12.1; Abb. 120; Lang 1999, 334 f., Abb. 3; Helm et al. 2007, 34). Der Kalksteinuntergrund und die dunnen Boden der Alvare (loo) erforderten eine umsichtige Nutzung, um der Uberweidung und Verarmung der Boden entgegenzuwirken. Auch gilt diese Landschaftsform als ungeeignet fur Dungung mittels periodischem Abbrennen (also kein haufiges slash-and-burn; Lang 1999, 335). Von einer Feld-Gras-Wechselwirtschaft in der Bronzezeit, vermutlich unter Verwendung des Hakenpflugs, wird auszugehen sein. Bei richtiger Bearbeitung konnten dieser Bodenform schliesslich gute Ernten schnellwachsender Getreiden (v. a. Gerstenarten) abgewonnen werden. In der Theorie ware anzunehmen, dass die Verdichtung des Siedlungsnetzes und der allmahlich einsetzende Bevolkerungsdruck in der Spatbronzezeit das regionale Agrarpotential derart auslasteten, dass Abbruch und Verlagerung der bislang langzeitig bzw. permanent besiedelten Platze die Folge war. (230) Allerdings fehlt es fur die Spatbronzeund Fruheisenzeit der Insel Saaremaa und der nordestnischen Kustenregion an verwertbaren Hinweisen auf ausgelaugte oder uberweidete Felder oder Landstriche in dieser Periode. Fur die nordestnischen Felder-Komplexe Saha-Loo und Proosa lasst sich der Zustand der Bodendegradierung und des Ubergangs zur Weidelandnutzung erst am Ende der Vorromischen Eisenzeit feststellen, somit mussten Veranderungen im Siedlungswesen sicherlich nicht unbedingt und alleinig okologisch-determiniert begrundet werden (Hinweis von V. Lang per E-Mail vom 25.11.2013). Eigentlich ware angesichts einer solchen Entwicklung eine raumliche Verlagerung der komplexen Zentralorte wie Asva (oder Iru) zu erwarten, und deshalb mussten fur das Verschwinden von Siedlungen dieses Typs in der archaologischen Uberlieferung eher alternative Erklarungen oder Grunde herhalten. Zwar erweist sich die durch die Bodenform der Alvare (bzw. loo) gepragte Karstzone West- und Nordestlands als ein gegenuber anthropogen ausgelosten Eingriffen vergleichsweise sensibles Okosystem. Allerdings fehlt es fur den estnischen Raum bislang an eindeutigen bodenkundlichen Befunden und Belegen, die fur Degradationserscheinungen im prahistorischen Kulturlandschaftsmilieu sprechen. Auch scheinen in ausgewahlten Langzeitstudien zur Agrargeschichte schwedischer Gebiete, namlich in solchen mit fur estnische Verhaltnisse ganzlich vergleichbaren Bodenformen und sonstigen naturraumlichen Bedingungen (z. B. Ostergotland oder Aland), okologische Krisenszenarien, etwa durch Uberweidung oder einseitiger Kultivierung ausgelost, uberhaupt keine Rolle zu spielen. Kontinuitaten und Bruche werden stets aus einem sozial determinierten Blickwinkel betrachtet und interpretiert (z. B. Widgren 1983; Fallgren 2006). Es darf jedenfalls angenommen werden, dass sich die Bronzezeitgemeinschaften auf graduelle Veranderungen im Klimaregime und auf Risiken im Agrarsektor (Missernten etc.) bereits fruhzeitig einzustellen wussten.

Auch liesse sich kritisch diskutieren, ob und inwiefern die betreffenden Schwankungen und Veranderungen in Klimaverlaufsrekonstruktionen als Ausloser oder Beschleuniger solch gravierender Prozesse und Entwicklungen in prahistorischen Wirtschaftsweisen und Gesellschaften anzuerkennen sind. So mussen Temperaturschwankungen und eintretende Feuchtperioden, wie im beschriebenen Fall Mittelschwedens (Eriksson 2009), nicht zwingend mit drastischen Verschlechterungen im Agrarsektor erklart werden. Mats Widgren appelliert hier an eine starkere Wahrnehmung sozialer Ausloser und Faktoren hinter den sich in der materiellen Kultur des ersten Jahrtausends v. u. Z. spiegelnden Veranderungen (im westlichen Ostseeraum). Nach dem jetzigen Quellen- und Kenntnisstand fehle es entweder an Hinweisen oder uberzeugenden Argumenten diesbezuglich, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse mit klimatischen Einflussen oder Faktoren in kausale Verbindung zu bringen seien (Widgren 2013, 130 f.). Des Weiteren zeigen jungste Forschungen zur zukunftigen und prognostizierbaren Klimaentwicklung im Ostseeraum, wie vielseitig und komplex die umweltbeeintrachtigenden Faktoren eigentlich wirken: Auch bei einem Temperaturanstieg (um 1-2 [degrees]C) und bei zunehmend trockenerem Milieu konnen negative Folgen fur Okosystem und Agrarpotential (z. B. Bodenqualitat) eintreten. (231) Die Hypothese der Klimaverschlechterung scheint in der Theorie bei andersgearteten Proxidaten auf die archaologische Uberlieferungssituation ebenso anwendbar zu sein. Der Bezug auf Klimakurven in Rekonstruktionsversuchen vorgeschichtlicher Lebensbedingungen, vor allem angesichts regional abweichender Klima- und Landschaftstypen, ist daher fur andere Zeitperioden mit eindeutigeren und historisch belegten Anomalien im Klimaverlauf (z. B. sog. kleine Eiszeit) eher zulassig als fur den Ubergangszeitraum von Spatbronze--zur Fruheisenzeit.

In der estnischen Forschung, speziell im Zusammenhang mit dem Hiatus im spatbronzezeitlichen Siedlungswesen, hat die Klimahypothese bis dato keine wirkliche Rolle gespielt. Ausgehend von dem gleichformigen Verlauf der Wachstumsprofile der estnischen Torfmoore bot sich keinerlei Veranlassung, von folgenreichen Klimaveranderungen im Laufe des letzten vorchristlichen Jahrtausends auszugehen (Jaanits et al. 1982, 169 f.). (232) Ein nennenswerter Temperaturabfall hat nach Ausweis der jungsten Forschungen ebenfalls nicht stattgefunden. Dies geht aus diversen Pollenprofilen von Susswasserseen in Inlandsregionen Norwegens, Mittelschwedens und Sudfinnlands hervor, die zum Zwecke der Rekonstruktion der Temperaturentwicklung in Nordeuropa in den letzten Jahrtausenden befragt wurden. Drei Messungen aus Estland wurden mit einbezogen (Rouge, Raigastvere, Viitna). Aus den ermittelten Jahresdurchschnittstemperaturen (Jahresmittel und Julimonat) ergeben sich, bis auf die prominenten Perioden des 8.2 event und der sog. kleinen Eiszeit, keinerlei auffallige Anomalien in den jahrlichen Temperaturverlaufen, also zumindest kein klimatisch bedingter Kausalzusammenhang mit den beschriebenen Vorgangen im Siedlungswesen der Spatbronzezeit (Seppa et al. 2009, 528 ff., Abb. 2, Tab. 1; siehe auch Sillasoo et al. 2009, Abb. 2 f.).

Auf den Inselraum Saaremaa jedenfalls konnte eine agrargeschichtliche Gesamtentwicklung wie fur den nordestnischen Raum ebenfalls rekonstruiert werden, doch bleibt die in der Asva-Forschung bislang marginalisierte wirtschaftliche Rolle des Robbenfangs zu berucksichtigen. In den Siedlungen der AsvaGruppe konnte dieser wirtschaftlich vermutlich unterschatzte Subsistenzzweig eine breite Palette an Nahrungsmitteln und tierischen Produkten schaffen (Kap. 12.4). Auch ist denkbar, dass der Robbenfang einen wesentlichen Einflussfaktor in der Entstehung der Wohnplatze vom Typ Asva darstellte, d. h. in Bezug auf Organisation, Standortwahl und Ortsgebundenheit der Siedlungen. Auch die mit den gemeinschaftlich unternommenen Robbenjagden und Fangfahrten verbundenen Gefahren und Risiken fur das Leben und Uberleben der Beteiligten (siehe Gustavsson 1997, 112 ff.) sind in Betracht zu ziehen, und somit in ihr Einflusspotential auf das wirtschaftliche und soziale Gleichgewicht solch komplexer Siedlungsformen. In dieser Frage bleibt zu klaren, ob das Fehlen jeglicher archaologischer Nachweise von Robbenfangaktivitaten in der Vorromischen Eisenzeit und spater tatsachlich einem luckenhaften Forschungsstand geschuldet ist (siehe Lougas 1999, 193), oder ob der Niedergang der estnischen Bronzezeitplatze, vor allem Asva, auch in einem existentiellen Zusammenhang mit Krisenszenarien stehen konnte, ausgelost durch diese spezialisierte Jagd- und Subsistenzform.

In die Suche nach internen Auslosern des mutmasslichen Niedergangs der Siedlungsform vom Typ Asva sind auch mogliche kulturelle, sozial bedingte Faktoren und Ursachen einzubeziehen. Eine derart komplexe Organisationsform von Aktivitaten einerseits subsistenzbezogener und andererseits exklusiver Art (Metallverarbeitung) lasst Fragen aufkommen zur individuellen und kollektiven Identitat und eventuell damit verbundenen Spannungsverhaltnissen. Es ist also auch eine sozial determinierte Perspektive auf hiesige Veranderungen im Siedlungswesen zulassig. In der anglo-amerikanischen Sozialwissenschaft und Sozialanthropologie hat man sich mit Aspekten der Gruppenidentitat und des Kollektivgedankens seit langerem auseinandergesetzt, dabei das Wesen von in-groups (d. h. der Wir-Gruppe) gegenuber out-groups (Sie-Gruppe) thematisiert. So wurden etwa fur das Handeln der Individuen in sozialen Gruppen und Netzwerken u. a. Begriffe wie group/grid theory gepragt (siehe Petermann 2004, 519, 938). Dabei ist das Spannungsfeld zwischen sich stetig formierenden und legitimierenden Identitaten und Interessen einzelner Individuen gegenuber denen der Gruppe sowohl fur die Sozialwissenschaft als auch fur die Archaologie von besonderem Interesse. Die gedanklichen Ausfuhrungen des Sozialwissenschaftlers Stephen Worchel (1998) konnen beispielhaft herangezogen werden, um auf das latente Konfliktpotential im Wechselspiel der Formierung und Artikulierung sozialer Identitaten (Individuum vs. Kollektiv) aufmerksam zu machen, dem sich alle sozialen Gruppen quasi naturgemass ab einem bestimmten Stadium ihrer Existenz zu stellen haben. Alle Mitglieder jeder Art von Gruppe durchlaufen zunachst eine sog. Identifikationsphase (group identity), in der soziales Verhalten und Eigeninteresse den kollektiven Normen untergeordnet werden. Dauerhaft auf die Probe gestellt wird jedoch der Zusammenhalt einer Gemeinschaft insbesondere in der Phase der Produktivitat (group productivity). Es sind die fahigsten und produktivsten Mitglieder der Gruppe, solche mit specific task skills, die nach allmahlicher Festigung ihrer Position und ihres Status in der Gemeinschaft beginnen, die konventionellen Normen und Werte der Gruppe in Frage und ihre personlichen Belange vor das 'Gemeinwohl' zu stellen (ebd., 60). In diesem Stadium der Individualisierung (individuation) droht das bislang verbindende Engagement fur Kollektivitat und Solidaritat der Gruppe zu schwinden. Dabei kann der Verfall der Gemeinschaft durchaus auf Konkurrenzverhalten, Interessenskonflikte und Entfremdung zwischen den Mitgliedern zuruckgefuhrt werden. Diese sich anbahnende Situation kann aber zugleich der Ausgangspunkt fur die Formierung neuer Gruppen oder Personenverbande sein. Es sind auch Szenarien und Ablaufe denkbar, in denen die Gruppe an inneren Auflosungserscheinungen zu zerbrechen droht, jedoch plotzlich einsetzende aussere Einflusse wie naturlich oder sozial ausgeloste Krisen (z. B. kriegerische Bedrohungen) das Kollektivbewusstsein und den Zusammenhalt wieder erneut starken. In solchen Fallen durchlauft die Gruppe eine erneute Phase der Identitatsbildung. Vor diesem Hintergrund der zyklischen Entwicklung und Formierung individuellen und kollektiven Bewusstsein und der sozialen Rollenverteilung besteht fur alle Gruppen die standige Gefahr des Verfalls der Gemeinschaft (decay).

Den Versuch, ein solches Kreislaufschema auf archaologische Gruppen anzuwenden, hat A. Zeeb-Lanz kurzlich am Beispiel keramischer Kulturen des Neolithikums in Sudwestdeutschland vorgefuhrt. Den Ablauf zwischen Gruppenbildung und Verfall nach Produktivitats- und Individualisierungsphasen stellte sie etwas differenzierter dar, sieht in der Gruppenentwicklung verschiedene Stadien der Produktivitat (inklusive Hohepunkt), der Auflosung und des Zerfalls (ZeebLanz 2006, 90 ff., Abb. 13 f.). Demnach konnten sich im archaologischen Befund einer Kulturgruppe sowohl Ansatze des Niedergangs von Gruppenstrukturen als auch Konsolidierungserscheinungen zu erkennen geben. Auch bringt sie etwaige Splittergruppen' innerhalb keramischer Stilprovinzen mit dem Szenario des Gruppenzerfalls in Verbindung. Ein solches Modell mit Stadien des gruppenkonstitutiven Verhaltens und der Produktivitatsphase ist in der Theorie durchaus auf die Entwicklung von Siedlungsformen wie Asva anwendbar. Dort wird die Struktur mehrerer produzierender Grundeinheiten (Haushalte, Familien etc.), v. a. in Bezug auf das verarbeitende Handwerk (z. B. Bronzeguss), eine streng regulierte Rangordnung, Arbeits- und Rollenverteilung vorausgesetzt haben. An intern ausgetragene Rivalitaten und Interessenskonflikte in solchen Verbanden ware in der Tat zu denken, auch an Eskalation und potentielle Storungen des sozialen Gefuges, etwa durch extern ausgeloste Krisen oder Unruhen. Dies bleibt bei einer hypothetischen Idee, weil sich solche Ablaufe oder Ereignisse im archaologischen Befund schwierig zu erkennen geben. Wann und wo genau die Gemeinschaft der Asva-Siedlung ihre Art von 'Definitionsphase' durchlebt haben mag, also der kollektive, gruppenidentitatsstiftende Zusammenschluss einsetzte, erschliesst sich aus dem luckenhaften Fundbild nicht. Die potentiellen Vorganger der Asva-Siedlungen, ob nun bereits mit ahnlich kollektiver Organisationstruktur oder aus verstreuten Einzelgehoften bestehend, sind archaologisch noch nicht erfasst. Im Sinne des beschriebenen Modells der Gruppenentwicklung (nach Worchel 1998; Zeeb-Lanz 2006) jedenfalls erscheinen die Siedlungen der AsvaGruppe, so hat es den Anschein, erst inmitten ihrer 'Produktivitatsphase' auf der archaologischen Bildflache. Die vielseitig zusammengesetzten Wirtschaftsweisen dieser Platze und die Organisation der verarbeitenden Aktivitaten belegen eine funktionierende Anpassung der Gemeinschaften an die okologischen Rahmenbedingungen und vielseitig entwickelte Fahigkeiten der Ressourcennutzung. Auch die innere Organisation der Siedlungsokonomie scheint bemerkenswert komplex und einzigartig im Vergleich zu anderen bekannten Fundplatzen alterer und jungerer Zeitstellung in dieser Region. Gleichzeitig weist der Aspekt der selektiv eklektischen Fremdmerkmale im Fundgut (v. a. in der Keramik) auf interessante Vermischungsvorgange, die sich viel starker in den estnischen Bronzezeitsiedlungen abspielten als in Platzen der ostbaltischen Binnenlander. Ob sich dahinter nun Stimuli primar geistig-ideeller Art verbergen oder Anzeichen im Sinne historisch-diffusionistisch zu deutender Verbreitung von Kulturmerkmalen, auch diese offene Frage bleibt zunachst dem luckenhaften Forschungsstand geschuldet. Die Ergrundung der Umstande und Faktoren, die zum Niedergang der Platze vom Asva-Typ fuhrten, einer in der estnischen Vorgeschichte einzigartig komplexen Form der Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur, wird besser moglich, wenn der Einfluss spezifisch-regionaler Umweltbedingungen auf die Lebensweise mittels archaologischer und naturwissenschaftlicher Methoden besser sichtbar wird. Bislang stehen beide Interpretationsansatze, der okologisch determinierte und der soziale, auf hypothetischen Argumentationsgrundlagen. Es zeigte sich aber, dass der okologische Ansatz, Umweltveranderungen als Ausloser fur soziale und wirtschaftliche Krisen herauszustellen, in der Asva-Problematik weniger auf die Erforschung von Klimakurven setzen sollte als auf die Rekonstruktion eventueller Negativentwicklungen in der ortlichen Nahrungsmittelversorgung. Der Robbenfang als potentielle Subsistenzgrundlage dieser Platze ware ein geeigneter Forschungsschwerpunkt in dieser Frage. Weiterfuhrende Erkenntnisse aus archao-zoologischen (und auch archao-botanischen) Analysen sind ohnehin vonnoten um die regionalspezifischen Strategien der Umweltanpassung und Ressourcennutzung der Bronzezeitmenschen von Asva aus einem moglichst langerfristigen Blickwinkel beurteilen zu konnen.

doi:10.3176/arch.2014.2S.14

(212) Das erste Kapitel seiner jungsten Monographie tragt den programmatischen Titel Prerequisities for the Development of an Agrarian Society: the Early Bronze Age (Lang 2007b).

(213) Eine ganzlich andere Sichtweise wurde noch von Vello Lougas vertreten: Den Rand- und Absatzbeilen wurde eine primare Bedeutung als universal einsetzbare und gegenuber Steinaxten effektivere Arbeitsutensilien zugeschrieben, nicht indes als Pracht--oder Prestigeobjekte (Jaanits et al. 1982, 132 ff.). Es spricht nichts gegen eine Verwendung der bronzezeitlichen Axte und Beile als preziose Tauschguter, doch ist bei diesen Waffen--oder Geratetypen wahrend ihrer denkbar langwahrenden Nutzungsdauer mit verschiedenen, wechselnden oder kombinierten Bedeutungs- und Funktionsebenen (sakral-symbolisch-profan) zu rechnen (dazu Johanson 2006, 49 ff.; Zadin 2012, 39 f.). Entscheidend ware die Sicherstellung, welche Funktion die Bronzen zum Zeitpunkt unmittelbar vor der Deponierung hatten. Auch fehlt es bislang an vergleichenden Untersuchungen zu Gebrauchsspuren an den estnischen Bronzeaxten.

(214) Die Gesamtzahl der alterbronzezeitlichen Metallfunde Estlands belauft sich derzeit auf etwa 20 Stuck (Kriiska & Kuzminykh 2012, 43, Abb. 3). Darunter sind mindestens 15 Rand-, Absatzund Tullenbeile und zwei Sichel- und Lanzenspitzenfunde. Diese verteilen sich auf Regionen der west- und nordestnischen Insel- und Kustenwelt sowie des Binnenlands in breiter Streuung (ebd. Abb. 3; Lang 2010, 11 f.).

(215) Allerdings greift hier der nachvollziehbare Analogieschluss, wonach die Verbreitung und Deponierung der Bronzen auf ostbaltischem Territorium mit einer ahnlichen "Ideologie" begrundet werden konnte wie fur die massenhaft uberlieferten Einzelstuckniederlegungen von Axten, Beilen, Schwertern und Lanzenspitzen in Danemark und Sudschweden (siehe Willroth 1985; Larsson 1986). Es stellt sich aber die Frage, ob und inwieweit die wenigen ortlichen Metallfunde in ihrer sozialen Rolle und Funktion aus der 'nordischen' Perspektive beurteilt werden durfen.

(216) So etwa die nicht ganz widerspruchsfreien Annahmen, dass die fruhen Metallaxte in Estland in praktisch-funktionaler Hinsicht keinen signifikanten Nutzen oder Vorzug fur die Wirtschaft und Arbeitsproduktivitat erkennen lassen (siehe oben), denn sonst hatte dies deren ortliche Herstellung zur Folge haben mussen. Zugleich wird aber eingeraumt, dass Metallguss fur die lettischen und litauischen Nachbarregionen bereits in der Alteren Bronzezeit praktiziert wurde und entsprechend fruhe Nachweise auch auf estnischem Territorium zu erwarten sind (Lang 2007a, 30, 36; Lang & Kriiska 2007, 110).

(217) In diesem Sinne: The beginning of local bronze working was also an economically significant change (Lang 2007b, 260).

(218) A. Civilyte vermutete diesbezuglich, die Bronzezeitmenschen des Ostbaltikums seien materiell und ideologisch von den metallfuhrenden Gesellschaften (im Westen) abhangig gewesen (2005, 337).

(219) In Langs Kapitel Centre--Periphery Relations wird dies explizit ausgefuhrt (2007b, 44 ff.). Es handelt sich um den Versuch, das in der europaischen Vorgeschichtsforschung vielzitierte Theoriemodell von A. Sherratt (1993) zu Beziehungen zwischen geographischen Wirtschaftsund Gesellschaftsspharen im Mittelmeerraum der Bronzezeit modifizierend auf den Ostseeraum zu ubertragen. Estland sei demnach ... the outermost periphery for the important Baltic Sea cultural centres of southern Scandinavia and former eastern Prussia during the Early Bronze Age (Lang 2007b, 260, Abb. 14).

(220) Die Funktion dieser Platze ist noch nicht geklart, eine funktionale Einordnung als religioskultische Sammel--oder Mittelpunkte ware moglich. Fur die Kratersiedlung von Kaali etwa ist die Interpretation nicht minder kompliziert, und dies angesichts der von der jungeren Forschung vorgeschlagenen Deutung als Kultstatte mit Wehrcharakter (Kap. 5.3.2).

(221) Although no fortifications made by man have been found so far, the settlement can be called fortified' because of the good natural preconditions for defence as well as by comparison with the other fortified settlements in Estonia and Latvia of that time (Asva, Ridala, Klangukalns etc..) (Lang 1995b, 54).

(222) Vasks (2007, 36) sieht in einigen der Befestigungsbauten nicht nur verteidigungsstrategische Funktionsaspekte. Fur Platze wie Kivutkalns und Vinakalns mag der enorme Gemeinschaftsaufwand in der Errichtung der Palisadenbauten eine wichtige Symbolik im Sinne von Demonstration politischer Macht und Potenz gehabt haben.

(223) Es hat auch Versuche gegeben, uber vergleichende Analysen zur Beigabenausstattung und zum Aufwand in der Graberarchitektur eine dreigliedrige Gesellschaft mit Ober- und Mittelschicht zu rekonstruieren (Lang 2007b, 229, 264 f.; auch Merkevicius 2005, 49). Die Idee einer dreigegliederten Gesellschaftshierarchie wurde bereits von Priit Ligi formuliert (1995, 215) und zwar in Verbindung mit den Siedlungen Asva-Gruppe als Residenzen sog. chiefs bzw. Haupter kleinregionaler Bronzezeitgesellschaften. Lang indes suchte angesichts der vergleichsweise bescheidenen Grossen der politischen und wirtschaftlichen Machtbezirke und Bevolkerungsgruppen, bedeutungsschwere Begriffe wie chieffom-Gesellschaft zu vermeiden (1996, 463 ff.; 2006a, 101). Auch Margot Laneman (2007, 177 ff.) sieht in den sich im fruheisenzeitlichen Milieu der nordestnischen Steinkistengraber abzeichnenden Eliten eher high-level leaders or rulers. Die verschiedenen sozialarchaologischen Deutungsansatze in der ostbaltischen Bronzezeitforschung wurden kurzlich von Agne Civilyte eingehender diskutiert (2013).

(224) Auch sind Risiko und Anfalligkeit der Gussformen bezuglich Bruch und Verlust bereits im Prozess des Trocknens und Brennens der Keramik mit zu berucksichtigen. Ein grosser Teil der in Siedlungen gefundenen Gussformen muss es demnach nicht unbedingt bis zum Metallguss geschafft haben.

(225) Erste Antworten auf diese Fragen konnten die Steinkistengraber von Uuvere-Kahtla bereithalten (Abb. 6). Eines der gegenwartig noch untersuchten, radiokarbondatierten Knochen liefert ein Asva-zeitliches Datum: 804-776 cal BC (68.2%)--laut Mitteilung von V. Lang per Mail am 14.05.2014.

(226) Es sind dennoch nur ausschnitthafte Einblicke in die Dimensionen und Verhaltnisse der Platznutzung. Von Asva ist bislang nur ein Sechstel archaologisch untersucht, und die Grabungsflachen in Ridala und Kaali sind im Verhaltnis zu den Siedlungsgrossen noch kleiner. Auch in Iru wurde von den Grabungen bislang nur ein Viertel des Siedlungsplateaus erfasst (Lang 2007a, 41).

(227) Diese europaweit messbare Klimaschwankung fallt zeitlich in das spate Ha B3 und fruhe Ha Cb was im Norden in den Ubergang von der Periode V zur Periode VI (nach Montelius) gleichzusetzen ist. In diese Zeit fallt die Entstehung der Siedlungsgruppe um Asva (Kap. 9).

(228) Siehe auch die ausfuhrliche Diskussion der Klima-Proxies in Verbindung mit der archaologischen Fundsituation der Bronze- und Eisenzeitperioden bei Henrik Asplund (2008, 275 ff.).

(229) Erklart wurde dieser Effekt bislang mit verringerter Solaraktivitat (sowie kosmischer Strahlung und Geomagnetik). Heikki Seppa et al. (2009) zufolge sollen nicht solare Strahlungsschwankungen, sondern ozeanisch und atmospharisch bedingte Zirkulationswechsel den Klimawechsel ausgelost haben.

(230) So wird als Hauptgrund fur den Niedergang einiger Siedlungsplatze auf lettischem Gebiet wahrend der Vorromischen Eisenzeit die Degradierung der Boden nach intensiver Nutzung angefuhrt (Vasks 1999, 36 f.).

(231) Fur den Ostseeraum hat man solche kunstlichen Szenarien periodischer Klimaerwarmungen entwickelt. Zyklonartige Sturme im nordlichen Atlantik konnten fur warmere Luftstrome in zentrale und nordliche Gebiete der Ostsee sorgen. Mehr Wintersturme und anschliessende Tauphasen sind die Folge, was zu verminderter Entwicklung der Eis- und Schneedecken (und mehr Schmelzwasser) in Anrainergebieten fuhre. Die fruhzeitiger und ungewohnt stark einsetzende Wasserbewegung macht die Boden in den Sommermonaten trockener und nahrstoffarmer, was wiederum das Pflanzenwachstum empfindlich hemmen kann. Ebenso konnen verkurzt eintretende Schnee- und Frostperioden im Winter die Bodennahrstoffe schneller auswaschen (BACC 2008, 273, 280 f.).

(232) Von Hypothesen bezuglich einer um 600 BC eingetretenen Klimaverschlechterung, deren okologische und wirtschaftliche Folgen nur mit der lokal einsetzenden Eisennutzung kompensiert wurden, ist Lougas zwischenzeitlich abgegangen (vgl. 1970a, 263 ff.). Keinen Bestand mehr in der Asva-Forschung hat auch die Hypothese der durch den Meteoriteneinschlag in Kaali verursachten, um 800--100 BC stattgefundenen, okologischen Katastrophe (siehe Kap. 5.3.1).
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Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:14917
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