Printer Friendly

12. Die wirtschaftlichen grundlagen der Siedlungen der Asva-Gruppe.

In der Forschung herrscht bislang Einigkeit daruber, dass sich die agrarische Nahrungsmittelproduktion vornehmlich aus dem Bereich der Viehzucht und weniger dem Ackerbau zusammensetzte. Das vorhandene, vom Naturraum verfugbare Agrarpotential muss eine ausreichende Subsistenz gesichert und daruber hinaus die Grundlage fur die in diesen Siedlungen zu beobachtenden Spezialisierungstendenzen im verarbeitenden Sektor geschaffen haben, etwa im Metallguss, in der Verarbeitung der Agrarprodukte und der Gerateherstellung (Knochen- und Geweihschnitzerei). Es scheint jedoch bezeichnend zu sein, dass im Ostbaltikum vor der Periode der Spatbronzezeit zwischen Kusten- und Binnenland regionale Differenzen in den okonomischen Strategien und Ausrichtungen festzustellen sind. Solche permanent bewohnten Platze wie Asva, dorfahnliche, kompakte Anlagen mit mehreren Gebauden, basierend auf agrarischen Aktivitaten und solchen, die nicht unmittelbar mit der Nahrungsmittelbeschaffung zusammenhangen (Bronzeguss), werden im Ostbaltikum erst mit der Spatbronzezeit auf der archaologischen Bildflache sichtbar. Synchron zur Entstehung der 'befestigten' Siedlungen, der Wehrcharakter ist zumindest fur einige estnischen Platze fraglich (siehe Kap. 5), hat sich auch in der Entwicklungsgeschichte der Landwirtschaft eine neue Phase eingestellt. Veranderungen und Neuerungen bezuglich der Agrartechniken, der Erntemethoden und der gesamten Arbeitsorganisation scheinen nun starker denn je auf Vorratelagerung und Uberschusse ausgerichtet gewesen. Diese nach und nach zunehmend unabhangigere Lebensweise der Bronzezeitmenschen von den sie umgebenden naturlichen Risikofaktoren ermoglichte eine langfristig sesshafteortsgebundene Siedlungsweise und wird sich auch verandernd auf die Gesellschaftsverhaltnisse ausgewirkt gehabt haben. Neueren Theorien zufolge markieren die Siedlungen vom Asva-Typ eine Entwicklung hin zu Territorialitat und Besitzrecht in Verbindung mit Land und Ressourcen, insbesondere den fur Viehzucht und Feldbau nutzbaren Bodenflachen (siehe unten). Man geht davon aus, dass sich auf Saaremaa und in der nordestnischen Kustenzone verschiedene nebeneinander existierende Siedlungs- und Wirtschaftsareale gebildet haben, mit sog. Zentralplatzen als Leit- und Verteilerstellen, denen die Kontrolle uber Landbesitz, Nahrungsmittelund Guterproduktion oblag. Unter der Vorannahme dieses in der jungeren Forschung allgemein akzeptierten Modells, sieht man fur das Ostbaltikum der Bronzezeit eine vergleichsweise stark gegliederte Gesellschaft gegeben, mit der Verortung von Eliten in den Zentralplatzen--wie jenen Siedlungen der Asva-Gruppe. Im archaologischen Befundbild indes lassen sich sozial privilegierte oder elitare Schichten oder Gruppen nicht ohne weiteres erkennen und vieles deutet lediglich auf gemeinschaftlich organisierte Hauswirtschaften hin, in denen Nahrungsmittelzubereitung, Sekundarverarbeitung agrarischer Produkte und selbst Bronzeguss separat praktiziert wurden. Diese Art von Siedlungs- und Wirtschaftsorganisation setzt zwar eine mehr oder weniger zentrale gesellschaftliche Fuhrung voraus, doch bedarf es einer kritischen Bewertung gewisser soziookonomischer Strukturmodelle (siehe dazu Kap. 13). Auch die wirtschaftliche Rolle des Robbenfangs in Asva und Ridala sollte naher beleuchtet werden.

Die Inselregion Saaremaa erweist sich hierbei als ein besonderer Naturraum, mit anderen Bedingungen und Voraussetzungen fur Agrikultur als in Kusten- und Festlandszonen des heutigen Estland und Lettland. Zugleich haben Erforschung und Rekonstruktion der fruhen Agrargeschichte im Inselraum Saaremaa nicht die gleiche Entwicklung erfahren wie auf dem estnischen Festland. Dort fehlt es noch an Datenerhebungen aus Bereichen der Archaobotanik (Pollenanalysen) und der Siedlungsarchaologie. Die Siedlungsfunde (z. B. das Geratespektrum) und der Schlacht- und Speiseabfall der Wohnplatze der Asva-Gruppe liefern reichlich Hinweise bezuglich der Aktivitaten im Agrarsektor und im wirtschaftlich mindestens gleichbedeutsamen Bereich des Robben- und Fischfangs.

12.1. Ackerbau

Die markanten Veranderungen und Entwicklungen auf dem landwirtschaftlichen Sektor im bronzezeitlichen Saaremaa sind vornehmlich anhand naturwissenschaftlicher Quellen der Palaoethnobotanik dokumentiert. Derzeit am besten lassen sich mehr oder weniger gravierende, menschlich ausgeloste Eingriffe in die Vegetation der bronzezeitlichen Insellandschaft anhand einiger Pollendiagramme ablesen (Kaali, Pelisoo, Surusoo und Vedruka). Anzeiger fur offene Wiesen, Ruderalflora und Waldrodung zeichnen sich dort deutlich ab. Auch die Entstehung der nahrstoffreichen Alvar-Boden wird indirekt mit der wahrend der Bronzezeit zunehmenden Viehweidung in Verbindung gebracht (Abb. 120) (Poska & Saarse 1996, 157 ff., Tab. 1). Zwar mangelt es noch an ausreichend archaologischen Daten fur die Jahrhunderte unmittelbar vor dem Einsetzen der Siedlungen der Asva-Gruppe, doch sprechen zumindest die anthropogenen Kulturanzeiger (und apophyten Gewachse) fur eine stetige Entwicklung auf dem Agrarsektor. Die Pollendiagramme der Region reagieren ab dem ausgehenden Spatneolithikum mit zunehmenden Anzeigern fur Brandrodung und Kultivierung (Poska & Saarse 2002, 560, 566 f., Abb. 4, 10). Dabei zeichnet sich tendenziell eine menschliche Aktionsverlagerung in Inlandszonen der Insel ab, dies vermutlich im Zusammenhang mit fertileren Boden.

Fur Saaremaa werden in einigen Pollendiagrammen (z. B. Pitkasoo) bereits gewisse Ackerbauaktivitaten im Ubergangszeitraum vom Atlantikum zum Sub-Boreal bzw. im Fruhneolithikum erkennbar (Saarse & Konigsson 1992; Lang 1995a, 130 ff.). Nach den Pollenspektren sind es gewisse Wiesen- und Weidelandanzeiger, die ein stetiges Lichten der Waldflachen signalisieren. Vereinzelten Nachweisen von Kulturpflanzenresten in der Fruhphase des Neolithikums zufolge sollen dann erste zaghafte Versuche des Bodenbaus unternommen worden sein. (202) Eine weitere Zunahme der Getreideanzeiger ist fur das dritte vorchristliche Jahrtausend zu beobachten, und den Pollendiagrammen zufolge sollen sich in Estland Ackerbau und Viehzucht ungefahr zeitgleich mit der Schnurkeramik- und Bootaxtkultur etabliert haben (Saarse & Konigsson 1992; Poska & Saarse 1996, 154 ff.; Lang 2003, 136 f.). Des Weiteren gibt es Anzeichen dafur, dass sich im Ostbaltikum im Zuge des Spatneolithikums die Subsistenz und Ressourcennutzung regional differenziert in den Kusten- und Inlandszonen entwickelte. (203)

Die archaologischen Forschungen in Asva haben bereits fruhzeitig direkte und indirekte Hinweise fur den ortlichen Getreideanbau zutage gebracht. Indreko (1939b, 26 ff.) machte auf steinerne Mahlwerkzeuge (Laufer, Reibsteine etc.; siehe Kap. 10.1) und auf Abdrucke von Getreidekornern an der Asva-Keramik aufmerksam (evtl. Weizenart). Mit Ackerbau in Verbindung gebracht wurden auch knocherne Gerate mit Lochung und einseitiger Zahnung, die konventionell als sog. Flachshecheln gedeutet werden. Allerdings konnte sich nicht bewahrheiten, dass Flachs oder Lein zu dieser Zeit in dieser Gegend uberhaupt angebaut wurde. (204) Weitere Getreideabdrucke auf Keramik wurden als solche von Gerste, Hafer und (vermutlich) Weizen identifiziert (Jaanits et al. 1982, 156, Abb. 107; Lang 2007b, 111 f.). Dass diese und andere Getreidearten tatsachlich genutzt wurden, zeigen die Makroreste aus lettischen Bronzezeitsiedlungen (z. B. Kivutkalns; Graudonis 1989, 106): verkohlte Korner von Weizen, Gerste, Hafer, Hirse sowie von Erbsengewachsen. Angetroffen im Fundmaterial von Asva, Ridala und Iru wurden auch mehrere mit dem Feldbau in Verbindung gebrachte Gerate aus Elchgeweih. Form, Grosse und Zurichtung diese interessanten Artefakte lassen zwischen einfachen Hacken, Psalien und mutmasslichen Ardspitzen unterscheiden. Wahrend die Knebelfunde aus Asva und Iru mit Pferden als Last- und Nutztiere in Verbindung gebracht werden konnen (Maldre & Luik 2009, 41, Abb. 6), gehorten die keilformigen Geweihgerate mit trapezformigem Querschnitt (10-15 cm lang) offenkundig sog. Hakenpflugen an. Form, Grosse und Scharfkantigkeit dieser Gerate sowie der an allen auftretende stufenformige Absatz deutet auf die Funktion als Ardspitze bzw. Schar und zwar in Analogie zu den bekannten ethnographischen und neuzeitlichen Quellen (vgl. Vilkuna 1971). Ilmari Manninen (1933, 51 ff.) zufolge sind noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Osten der Insel Saaremaa Hakenpfluge vom Typ Ruhnu in Gebrauch gewesen. Diese zeichnen sich durch ihren einfachen Aufbau der Grindel aus, vor allem aber durch das Fehlen der Schar aus Metall (Eisen). Man habe zu dieser Zeit in Gegenden Gotlands, Saaremaa und der nordwestlichen Kustenzone bewusst Aufsatze aus Holz bevorzugt (ebd., Abb. 24, 35). Nicht erwahnt wird, um welche Art von Holz es sich handelte oder ob in der Neuzeit dafur auch Geweih verwendet wurde. Dieser sog. Inseltyp bzw. diese Art von Pflugschar soll indes bestens fur steinige Acker geeignet und auch leichter zu handhaben gewesen sein als gewohnliche Hakenpfluge. Ein interessanter Aspekt ist weiterhin, dass das Pflugen in bestimmten Teilen der Insel Saaremaa noch wahrend der Neuzeit als Frauenarbeit beschrieben wird (ebd., 52).

Die Funde mutmasslicher Ardspitzen aus Elchgeweih mit der typischen, einseitig gestuften Keilform beschranken sich indes nicht nur auf Asva, Ridala und Iru allein (Sperling 2006, 103, Taf. XLIX: 4, LVIII: 1-6). Im Material einiger lettischer und litauischer Bronzezeitsiedlungen des Ostbaltikums sind diese Gerate ebenfalls angefunden worden (z. B. Graudonis 1967, Taf. XVIII: 7, 9; Volkaite-Kulikauskiene 1986, Abb. 21-22). Aus der Verbreitung dieser Gerate geht somit hervor, dass die vermuteten Hakenpfluge nicht nur in Bereichen der Alvare auf karstigem Untergrund (Saaremaa, Nordestland) zum Einsatz kamen, sondern in ackerbaulich unterschiedlich geeigneten Boden. In der jungeren Forschung wird mittlerweile davon ausgegangen, dass sich in Estland bereits zum Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends eine primitive Form des extensiven Feldbaus mit Zug- und Lasttieren etabliert habe (Lang 2007a, 105 ff.; 2007b, 111 f.). Diskutiert wird indes, ob die Technologie des Pflugens mit Hakenpflug und Zugtier nicht noch fruher und zwar im Laufe des zweiten Jahrtausends v. u. Z. in Estland Anwendung fand. In diesem Zusammenhang werden auch die spatneolithisch-bronzezeitlichen Steinbeile und Schaftlochaxte gedeutet, fur die neben der Verwendung zum Hacken und Roden der Waldflachen auch eine Funktion als Pflugschar fur moglich gehalten wird (siehe Lang 1995a, 159 ff., Abb. 8 f.; Johanson 2006, 27 f.).

Fur die Praxis des Ackerpflugens in der Bronzezeit spricht bereits indirekt die Platzwahl der Asva-Siedlungen in den Zonen der fruchtbaren Rendzina-Boden auf Saaremaa (Alvare). Der Pflug konnte sich besonders auf den sandigen Moranenzugen im Osten der Insel, auf denen Asva und Ridala angesiedelt sind, geeignet haben. Die Handhabe des Hakenpflugs hat man sich znachst unter Einsatz von Zugtieren (Asva: Pferd und Rind) und einer von Baumwurzeln befreiten Ackerflache vorzustellen, wobei der Ard nur die obere Grasnarbe lockert und aufbricht. Im nordestnischen Kustengebiet (Saha-Loo und Proosa) wurden im Rahmen zielgerichtet-grossangelegter Landschaftsarchaologie ganze Areale mit vorgeschichtlichen Feldstrukturen freigelegt und dokumentiert. Gleich mehrere Hektar grosse Komplexe solcher sog. fossil fields wurden uber Feldraine und Feldsteinhaufen erfasst. Bevorzugt wurden auch hier die Zonen der Alvare (Lang 1999, 368). In Umrissen ergeben sich fur die planmassig aneinandergereihten Rechteckparzellen Flachengrossen von 143-920 [m.sup.2]. Diese fossilen Felder vom sog. Baltischen Typ (Baltic oder Pre-Celtic fields) sind in ihrer Entstehung spatestens spatbronzezeitlich (Lang 1995a, 144 ff., Abb. 3-5; 1996, 249 ff.; 2007b, 98 ff.). Die Feldraine und Steinhaufen scheinen gegen den einfachen Hackbau und fur ein planmassiges Pflugen in Kreuzspurtechnik zu sprechen. (205) Diese archaologische Quellengruppe der fossilen Felder ist im Ubrigen auf Saaremaa noch nicht erforscht worden bzw. nachgewiesen.

Zieht man die Beobachtungen der Archaobotaniker zu Rate, so zeigen die Vegetationsanzeiger der Pollendiagramme nicht unerhebliche periodische Ubereinstimmungen mit dem archaologischen Quellenbild dieser Region (Nordestland). Die Pollenspektren des Maardu-Sees, in der naheren Umgebung des nordestnischen Saha-Loo, weisen auf menschlich ausgeloste Impulse, die zeitlich durchaus mit den fruhen Feldern (Typ Saha-Loo) parallelisieren (Lang 1995a, 163). Fur Maardu sind Getreidearten wie Gerste, Weizen und Hafer nachgewiesen. Die dort ebenfalls beobachteten Roggenanzeiger gehen eventuell auf eine Art von wilder Begleitvegetation zuruck. Diese ganze Auswahl an Sussgraserpollen macht sich dort erst um 700 cal. BC bemerkbar (Lang 1995a, 163; Veski & Lang 1996, 194 ff., Abb. 1 f.; Saarse et al. 2010, 23 f., Abb. 6). Die Vegetationsanzeiger fur Grasund Viehweiden nehmen dann erst wieder mit der ausgehenden Vorromischen Eisenzeit zu. Der anhand der Holzkohlepartikel in Pollendiagrammen in Erscheinung tretende Brandfeldbau (slash-and-burn cultivation) konnte in Nordestland im Zuge der bronzezeitlichen Spatphase eingesetzt haben, in Analogie zur Entwicklung in Mittelschweden. (206) Ahnliche Indikatoren fur Flachenrodungen und Landkultivierung spiegeln sich auch in den Pollenspektren im sudostlichen Estland. Entsprechende Untersuchungen am Plaani-See zeigen bereits ab 850 cal. BC eine merkliche Zunahme an Cerealia (v. a. Gerste) und Ruderalflora, einhergehend mit einem deutlichen Ruckgang der Fichte (Saarse et al. 2010, 21, Abb. 3). Vieles spricht fur eine im Laufe der Bronzezeit eintretende, kontinuierlich verlaufende Entwicklung im Agrarsektor.

Was Intensitat und Umfang des praktizierten Bodenbaus zur Zeit der Asva-Gruppe anbetrifft, so bemerkt V. Lang am Beispiel der untersuchten Feldlappen von Saha-Loo, dass die Anbauflachen der Bronze- und Fruheisenzeit wesentlich kleiner gewesen sein mussten als jene in fruhgeschichtlichen und mittelalterlichen Perioden mit mindestens drei Hektar Land pro Haushalt. Die archaologischen Anzeichen eines extensiv betriebenen Ackerbaus wahrend der Spatbronzezeit lassen Ernteertrage von eher kleinerer und unregelmassiger Grossenordnung erwarten. Ackerbau wurde also ganz offensichtlich in Erganzung zur wirtschaftlich dominanten Viehzucht praktiziert (Lang 2007b, 112).

12.2. Viehzucht

Das Halten und Zuchten von Hausvieh lasst sich auf Saaremaa derzeit bis in das ausgehende Neolithikum zuruckverfolgen. Alteste Belege der Rinder- und Schweinezucht stammen vom Fundplatz Loona im Westen der Insel (Maldre 1999, 320 f.). Schaf- und/oder Ziegenhaltung tritt dagegen erstmals mit den Fundplatzen der Asva-Gruppe in Erscheinung. Im Schlacht- und Speiseabfall von Asva und Ridala sind neben Rind (Bos taurus), Schwein (Sus domesticus), Schaf und Ziege (Capra hircus, Ovies aries) erstmalig Pferd (Equus caballus) und Hund (Canis familiaris) nachgewiesen--alles in allem sechs Haustierarten.

In Asva und Ridala konnten insgesamt 4149 bzw. 1554 Knochen Haustieren zugeordnet werden (Maldre & Luik 2009, 38, Abb. 2). In Iru sind Haustiere ebenfalls in grossen Mengen unter den archaologischen Funden (3959 Stuck) vertreten, allerdings lassen sich die spatbronzezeitlichen Siedlungsreste schwer von Fundablagerungen jungerer Perioden trennen (Lang 2007b, 110). Die Siedlungen der Bronzezeit lieferten jedoch mit Abstand mehr Tierknochenabfalle als andere estnische Fundplatze eisenzeitlicher und mittelalterlicher Perioden.

Die Haustierknochen der Siedlungen von Asva, Ridala und Iru machen mengenmassig ca. 75-80% des (terrestrischen) Tierknochenmaterials aus (Jaanits et al. 1982, 155; Maldre 1999, 322). Der Wildtierbestand ist dagegen verschwindend klein. Insbesondere die Dominanz der Schaf- und Ziegenknochen ist bemerkenswert, denn es scheint im Ostbaltikum der Bronzezeit Anzeichen fur Diversifikationen in Tierzuchtwahl und Ernahrungsverhalten zu geben. In den Bronzezeitfundplatzen Lettlands und Litauens verhalt es sich namlich anders: Dort steht der Schaf- und Ziegenanteil deutlich hinter dem der Rinder und Schweine zuruck. (207)

Die regionalen Unterschiede im Nachweis der Schweinehaltung eroffnen mogliche Einblicke in die Vegetation der Umgebungen der Siedlungen. Die Schweinezucht musste durch die Nahe zu Waldweiden begunstigt worden sein, was im Fall Saaremaa indirekt auf die Pflege einiger Baumbestande schliessen liesse. Eichenwalder waren in der subborealen Chronozone auf Saaremaa und dem Festland relativ verbreitet. Auch kann davon ausgegangen werden, dass der im Fisch- und Robbenfang anfallende Speiseabfall eine zusatzliche, wenn nicht gar wesentliche Ernahrungsbasis der Hausschweine bildete (Lougas et al. 2007, 28; Maldre 2008, 266).

Leider lasst sich aus den archaologischen Siedlungsbefunden der Asva-Gruppe kaum etwas zu Art und Bedingungen der Tierhaltung aussagen. Lediglich die vergleichsweise schwach ausgebaute Siedlungsbegrenzung konnte ein Hinweis auf die Haltung der Haustiere auf dem umfriedeten Siedlungsareal bedeuten (u. a. im Winter). Das sich in den Tierknochen spiegelnde Verbrauchsbild von Asva und Ridala zeigt bezuglich des Hornviehs ein interessantes Verteilungsbild zugunsten der Schafe/Ziegen gegenuber den Rindern (Tab. 20). Es bleibt schwierig zu beurteilen, ob der Schaf- und Ziegenhaltung der tatsachliche Vorrang in der Viehzucht gegolten haben mochte. Bei Rindern fallen Fleischgehalt und Schlachtgewicht betrachtlich hoher aus als bei Schafen bzw. Ziegen, d. h. bei theoretisch ausgewogener Haltung und Nutzung beider Tierarten sind fur die Bedarfsdeckung an Fleisch weniger Rindertiere als Schafe oder Ziegen vonnoten, was sich folglich auch im Schlachtund Speiseabfall niederschlagen musste. Weitere vergleichende Untersuchungen am osteologischen Material anderer Siedlungsplatze, speziell zu den Schlacht- und Ernahrungsgewohnheiten der Gemeinschaften, durften in dieser Frage weiterhelfen. Lembi Lougas (1994, 75 ff.) und Liina Maldre (2008, 266 ff., Abb. 3-6) konnten am archaozoologischen Material einen vergleichsweise hohen Anteil an Knochen juveniler Tiere nachweisen, doch betrifft dies sowohl Schaf/Ziege als auch Rind. Ungefahr ein Drittel beider Arten wurde im Jungtierstadium geschlachtet. Das trifft insbesondere auf die Schweine zu: In Ridala sind sogar um die 80% der ermittelten Schlachttiere junger als 18 Monate gewesen. Das uberwiegend junge Schlachtungsalter bei den Zuchttieren in den Siedlungen der Asva-Gruppe, speziell bei den Rindern, spricht mehr fur das Nutzenelement der Fleischgewinnung als fur Milch- und Lastvieh. So wurden die meisten Schafe in Ridala nachweislich vor dem zweiten Lebensjahr geschlachtet (Maldre 2008, 268, Abb. 4).

Die Pferde von Asva und Ridala werden als Vertreter einer vergleichsweise kleinen, pony-ahnlichen Rasse angesehen, zumindest sind sie nachweislich kleiner als deren Nachfolger aus wikinger- und jungerzeitlichen Perioden (Lougas 1994, 75; Maldre & Luik 2009, 41). Es gibt Hinweise darauf, dass Bronzezeitmenschen das Pferd nicht nur als potentielles Zugtier (fur Hakenpflug), sondern auch als Nahrungslieferanten nutzten. Unter den Tierknochen von Asva (mind. 15 Individuen allein aus Asva A/C) und Ridala (mind. 8) sind viele von Jungtieren. Es gibt allerdings auch vereinzelte hoheren Alters (uber 4 Jahre) (Lougas 1992, 26; Maldre 2008, 270; Maldre & Luik 2009, 40). Ahnliche Beobachtungen wurden im lettischen Brikuli gemacht, wo der grosse Anteil an Jungtierknochen auf eine Wertschatzung des Pferdefleischs hindeutet (so auch Vasks 1994, 118). Die mutmasslichen Geweihknebel aus Asva sind gleichzeitig Indiz fur die Haltung der Pferde als Zug- und Lasttiere, wenn es auch an diesbezuglichen pathologischen Beobachtungen am Knochenmaterial mangelt (Maldre & Luik 2009, 41, Abb. 6). Schliesslich bleibt die offene Frage, warum ausgerechnet bei den Pferden so unverhaltnismassig viele Zahne im Schlacht- und Speiseabfall von Asva und Ridala auftreten. Bei keiner anderen Tierart ist deren Anteil derart hoch (Maldre 2008, 270).

Beste Einsichten in die Art der Zusammensetzung und Mengenverteilung des osteologischen Fundmaterials von Asva liefert der Grabungsteil F (1965-1966). Den Zahlungen von L. Lougas zufolge (Lougas 1992; 1994) gehoren insgesamt 1828 Tierknochen zum Schlacht- und Speiseabfall (mit Robbenknochen). Die Haustiere machen mit 973 Stuck den Grossteil (79%) der Tierknochenfunde aus. Interessant ist das Ergebnis des Versuchs, die Knochenfunde stratigraphisch den beiden Siedlungsphasen von Asva zuzuordnen (Tab. 21). Festzustellen ist zunachst eine Mengenzunahme der Tierknochen, insofern nicht ubermassig sekundar verlagert, in der Hauserphase A/C/E (Asva II). Bemerkenswerterweise geben sich keine nennenswerten Unterschiede in der raumlichen und mengenmassigen Verteilung der Knochenreste zu erkennen, vielleicht mit Ausnahme im Bereich des Hauses C. Eine innerhalb der Siedlung bevorzugte oder gar gemeinsam genutzte Schlachtstelle lasst sich daraus nicht ableiten. Vieles deutet auf eine nach Hauseinheiten getrennte Verarbeitung und Zubereitung der Fleischbestande hin, zugleich aber auf die grosse okonomische Bedeutung der Viehhaltung fur die Siedlungssubsistenz.

12.3. Jagd

Der Wildtierbestand ist im osteologischen Fundmaterial der Siedlungen der Asva-Gruppe ausgesprochen klein. Fur Asva F und A-D sind von grosseren potentiellen Jagdtieren nur vereinzelte Knochenfunde nachgewiesen, etwa vom Elch (Alces alces), Wildschwein (Sus scrofa), Braunbar (Ursus arctos), Biber (Castorfiber) und Fuchs (Vulpes vulpes) (Indreko 1939b, 24 ff.; Lougas 1994, 82). In Asva F belauft sich die Gesamtzahl aller Wildtierknochen im Schlacht- und Speiseabfall auf nur 46 (2,5%), in Ridala auf 3% (Maldre 2008, 272). Die Bedeutung der Wildtierjagd stand ganz offensichtlich klar hinter der Viehzucht und dem Robbenfang zuruck, was teils auch mit den naturraumlichen Bedingungen der Insel zu erklaren ist (kleine Tierpopulationen, Uberjagung etc.). Interessant ist dennoch das geringe Knochenvorkommen vom Elch und anderer Cerviden im Schlachtabfall der Siedlungen, zumal sich im Artefaktmaterial ganz andere Anteile abzeichnen. Neben dem Geweih der Wildtiere, diese waren auch durch gezieltes Aufsammeln der Abwurfstangen zuganglich, wurde reichlich Knochenmaterial vom Elch zu Gerat und Schmuck verarbeitet. In Asva und Ridala wurden 16% bzw. 17% aller Horn- und Knochenartefakte aus Elchgeweih gefertigt, 4% bzw. 1-2% aus Elchknochen. Obwohl die Jagd auf Wild nur sporadisch erfolgte, wurde das Rohmaterial scheinbar ausgiebig genutzt bzw. verarbeitet (Maldre 2008, 271; Luik 2013b). In der Subsistenz der Siedlungen der Asva-Gruppe scheint die Jagd auf Wildtiere eine vollig untergeordnete Rolle gespielt zu haben.

12.4. Robbenfang

Bereits die ersten Grabungskampagnen in Asva (1934; 1938) wurden von fachkundigen Untersuchungen am archaozoologischen Material begleitet (Johannes Lepiksaar). Vier Robbenarten--Sattelrobbe, Kegelrobbe, Ringelrobbe und Seehund--liessen sich nachweisen (Indreko 1939b, 24). Dem Robbenfang stand somit ein nicht unbedeutender Stellenwert in der Siedlungsokonomie von Asva zu. (208) Auf Lembi Lougas gehen die jungsten Analysen am Tierknochenmaterial der AsvaGruppe zuruck, mit genauest moglichen Angaben zur Menge und Verbreitung der Knochen und in Rucksicht auf die jeweiligen Robbenarten (Lougas 1994, 85 ff., Tab. 12-14; Stora & Lougas 2005, 99 f., Tab. 1).

Asva und Ridala stellen die bislang einzigen archaologisch untersuchten Fundstellen im ostlichen Ostseeraum dar (Neolithikum-Bronzezeit), in denen sich subfossile Uberreste aller vier Robbenspezies zusammen fanden (Tab. 19; vgl. Stora 2001, 25 f., Tab. 7). Dabei liessen sich im Siedlungsabfall von Asva (alle Grabungsteile) insgesamt 721 Knochen- und Zahnfragmente der genannten Robbenarten ermitteln. Anteilig macht dies ca. 39% am gesamten Tierknochenmaterial aus. In Ridala (A und B) wurden 377 (19%) Robbenknochen gezahlt (Stora & Lougas 2005, Tab. 1, 3; Maldre 2008, 272). Aus Kaali sind 39 Stuck uberliefert (nur Sattel- und Kegelrobben).

Das Knochenmaterial erweist sich indes als sehr fragmentarisch, so dass kaum verlassliche Grossen- und Altersangaben zu den in Asva zerlegten Robbentieren moglich sind. Beobachtungen zu Jagdgewohnheiten und--zielen (Jagdsaison, bevorzugtes Jagdalter der Robben) sind somit nur eingeschrankt zu erhalten. Zugleich ist der Mengenanteil der artenspezifisch nicht bestimmbaren Knochen sehr hoch (Tab. 22). Welche der Robbenarten bevorzugt gejagt oder ausgebeutet wurden, lasst sich daher nicht feststellen. Zumindest sind Sattel- und Kegelrobbe am haufigsten im Schlachtabfall vertreten. Der vergleichende Blick auf die sog. Robbenfangerstation von Otterbote zeigt, je nach Erhaltung der Knochenreste und der Bestimmungsmethoden, wie viel an Beobachtungen zu Jagd- und Fanggewohnheiten sowie der Art der Nutzung der Tiere getroffen werden konnen. Im bronzezeitlichen Schlachtabfall auf Aland gehort ein Grossteil der Robbenknochen juvenilen Kegelrobben an (unter einem Jahr). Immerhin ist dies hinweisgebend bezuglich der unternommenen Jagden wahrend der kurzzeitigen Brut- und Aufzuchtperioden der Robben. Gleichzeitig weist dies auf eine mutmassliche Praferenz der Jungtiere in Bezug auf deren Fettreserven (Tran), Fleischanteile und Lederhaute (Stora & Lougas 2005, 99, 104).

Im Ostseeraum stellte die Jagd auf Robben bereits seit dem mittleren Neolithikum eine wichtige Wirtschaftsquelle der prahistorischen Gemeinschaften dar (Stora 2001). Auf Saaremaa sind Sattelrobben und Kegelrobben bereits in zwei neolithischen Siedlungen (Loona, Naakamae) nachgewiesen (Lougas 1999, 193, Tab. 3). Diese beiden Robbenarten dominieren sowohl das osteologische Fundmaterial von Asva als auch das der Bronzezeit-Siedlungsplatze auf den Aland-Inseln (Stora & Lougas 2005, Tab. 2). Heutzutage haben sich Sattelrobben und Kegelrobben in nordliche Bereiche der Ostsee zuruckgezogen, sind ansonsten vornehmlich in subarktischen und kalttemperierten Zonen des Atlantiks anzufinden. (210)

Von den Sattel- und Kegelrobben ist bekannt, dass diese alljahrlich zum Winterende (ab Ende Februar) ihre Brutplatze auf Packeisflachen anzulegen pflegen und zwar stets in sicherer Nahe zum offenen Wasser. Bei milden Wintern ohne geeignete Eisdecken werden dann auch Brutplatze auf Scharen oder in hoher gelegenen, wellengeschutzten Strandgegenden aufgesucht. Fur die Scharengebiete in Mittelschweden (Stockholmer Gegend), auf den Aland-Inseln und auf dem westlichen Teil von Saaremaa ist dies hinlanglich dokumentiert (Gustavsson 1997, 111; BACC 2008, 344). Die Jungtiere der Sattelrobben verlassen das Eis nicht in ihren ersten sechs Lebenswochen, fur Jager mochten sich in dieser Zeit beste Fangmoglichkeiten geboten haben. Die Herden der Sattel- und Kegelrobben pflegen, dem allmahlichen Ruckzug der Eisflachen folgend, weite Gebiete abzuwandern. Die Ringelrobben dagegen sind ganzzeitlich ortsgebunden.

Von Ringelrobben und Seehunden wird angenommen, dass diese seit dem spaten Holozan in Regionen der Aland-Inseln und Westestlands eher seltene und unregelmassige Besucher darstellten. Unsicher ist noch immer, ob diese Robbenarten in der ostlichen Ostsee Brutstatten hielten (Stora & Lougas 2005, 102). Wahrend die Seehunde ihre Jungen wahrend der Sommermonate aufzogen, waren die Ringelrobbenjungen vorwiegend im Spatwinter zu jagen. Die Ringelrobben legen, anders als die Sattel- und Kegelrobben, ihre Aufzuchtplatze in oberirdischen Schneenestern und in direkter Nahe zu selbst geformten Eis- und Luftlochern an. Die Verstecke der Robbentiere in den sog. Koben im Schnee sind stets gut getarnt und neuzeitliche Quellen wissen von Robbenfangern zu berichten, die deshalb ihre Hunde auf Jagden mitzunehmen pflegten um diese aufzuspuren (Lehtonen 1971, 184). Im Tierknochenspektrum von Asva und Ridala sind Hunde bekanntlich nachgewiesen, so dass sich ein moglicher Zusammenhang dieser Haustiere mit dem Robbenfang auftut. Anderen Quellen zufolge sollen bei solchen Fangaktionen nur vergleichsweise wenige Tiere erschlagen oder harpuniert worden sein. Massenfange auf dem Eis waren bei Ringelrobben nicht moglich (Gustavsson 1997, 111 f.; Stora 2001, 46).

Kenneth Gustavsson (1997, 112, 115 ff.) beschreibt die Abhangigkeit des Jagderfolgs bei winterlichem Robbenfang im nordlichen Ostseeraum von der jeweiligen Jahrestemperatur und der Beschaffenheit der Eisdecke. Bei besonders kalten Winterbedingungen konnen sich die Robbengruppen auf kustenferne und fur den Menschen gefahrvolle Wegdistanzen zuruckziehen. Milde Winter mit schnellem Eisruckgang oder gar driftenden Eisschollen indes konnten die Robben zu nachster Nahe zum Land bzw. zur Kuste zwingen. Mit vergleichsweise wenig Arbeits- und Zeitaufwand liesse sich unter solchen, wenn auch freilich selten eintretenden Bedingungen reichlich Beute machen. Unabhangig von Gustavssons Uberlegungen geht Jan Stora (2001, 46) davon aus, dass im Ostseegebiet wahrend der Jungsteinzeit Jagden vorwiegend in eisfreien Perioden, d. h. in Fruhlingsund Sommermonaten, unternommen wurden. Auch vermutet er Brutplatze der Sattelrobben in schwer erreichbaren Lagen weitab der Kusten (u. a. auf Treibeis). Ausgehend von seinen osteologischen Analysen am Schlachtabfall verschiedener neolithischer Siedlungen sei der Jagdmodus in vorgeschichtlichen Zeiten (v. a. Neolithikum) auf eine begrenzte, aber kontrollierte Beutezahl und uber langere Perioden hinweg ausgerichtet gewesen. Somit stellt sich auch die Frage nach dem Verhaltnis zwischen Aufwand und Nutzen der Robbenjagd im Neolithikum und in der Bronzezeit und ob die standige Beutemaximierung im Robbenfang wirklich ein erstrebtes Ziel der Jager darstellte. Man war sicherlich darauf bedacht, die Tierpopulationen nicht drastisch zu minimieren und zugleich das Gefahrenrisiko der Jagd niedrig zu halten. Dennoch fragt sich, wie gross die fur die okonomische Gemeinschaftssubsistenz erforderlichen Beutemengen gewesen sein konnten.

Versuche, einige der archaologischen Funde der Asva-Gruppe mit dem Robbenfang in Verbindung zu bringen, erwiesen sich bislang als hypothetisch. Das betrifft zunachst die keramischen 'Trangefasse' (siehe Kap. 8.8.1). Bei den sog. Harpunen ist diese Verwendung ebenfalls fraglich (Abb. 121: 1-2). Um die zahe Lederhaut der Robbentiere zu durchdringen, wird eher eine schmale, angespitzte Jagdwaffe erwartet. Indreko indes bezeichnete diese Gerate als Seehundstechgabeln, ohne jedoch deren Funktion zu erlautern (1939b, 24, Abb. 7: 1; 1961, 420, Abb. 1: 5). Er bezog sich ganz offensichtlich auf das aus der Ethnographie bekannte 'Stechen' der Robben--eine Methode, die noch in Verbindung mit dem Robbenfang moderner Zeiten Erwahnung findet (Lehtonen 1971, 183). Durch gezieltes Verstopfen der Eisluftlocher zwang man die Robben zum Luftschnappen an die Oberflache einer der wenigen ausgesuchten Offnungen und stach ihnen bei sich bietender Gelegenheit die Harpunenspitze in den offenen Rachen. Das abtauchende und bald ermudende Tier mit der losen, an einem Strick befestigten Harpune im Korper konnte dann unter dem Eise hervorgezogen werden. Ansonsten kamen bei den Jagden, den ethnographischen und archaologischen Belegen zufolge, vornehmlich Fangnetze zum Einsatz (Manninen 1931, 79 f.; Stora 2001, 46 f.).

Zur Bedeutung des Seehundfangs fur die betreffenden Siedlungsokonomien der Bronzezeit sind Gustavssons Ausfuhrungen zur Robbenjagd auf den AlandInseln (Kokar-Schare) zu Rate zu ziehen (Gustavsson 1997, 112 ff.; mit weiterer Literatur): Die aus Robbentieren zu gewinnende Produktpalette des Menschen ist ausgesprochen breit, sie reicht vom Fleisch der Robben uber deren Fell bis zum Tran. Die Moglichkeiten der Verarbeitung der tierischen Bestandteile sind nicht minder vielseitig. Laut ethnographischen Quellen (u. a. fur Kokar und Umgebung) wurde sowohl das Fleisch (inklusive Innerereien, Blut) als auch der Tran (u. a. als Butterersatz) zubereitet und verzehrt. Dabei schien stets das Fleisch der Jungtiere bevorzugt worden zu sein. Ausgewahlten Hautpartien der Robben (mit Tran) wurde sogar eine gewisse medizinische Heilkraft zugesprochen, weshalb sie im fennoskandischen Raum der Neuzeit ein weit gefragtes, uberregional verhandeltes Produkt darstellten. Auch wusste man stets das Fell der

Robben mit zu nutzen und, je nach Verwendungsart und Verarbeitungsmethode, Kleidung, Schuhwerk (bzw. Sohlen) und Handschuhe zu fertigen. Langste Zeit waren vor allem die Fellbzw. Lederprodukte ihrer flexiblen, reissfesten und wasserfesten Eigenschaften wegen begehrt. Abgesehen von Mutzen, Taschen oder Sammelbehaltern konnen aus dem Robbenleder ausserst elastische, belastbare Seile und Taue hergestellt werden, die lange Zeit im Schiffsbau oder im Fischfang (u. a. fur Netze) Anwendung fanden. Interessanterweise sollen sich die Felle von Jungtieren besonders gut verarbeiten lassen und ausgesprochen wasserfest sein. Schliesslich wird das Robbenfett, der Tran (engl. blubber), zu den wertvollsten, da ebenso vielseitig einsetzbaren Produkten gezahlt. Zunachst liess sich daraus eine Art von Teer gewinnen, der als wasser- und windabdichtendes Baumaterial verwendet werden konnte. Auch kennt man die Verarbeitung und Verwendung des Robbenfetts als Lampenol. Der Tran durfte bereits in vorgeschichtlichen Perioden zu einer unverzichtbaren Licht- und Warmequelle fur die Menschen avanciert sein. Fur das bronzezeitliche Ostbaltikum fehlt es noch an archaologischen Indizien fur eine Verwendung des Trans als Lampenol (z. B. Gefassruckstande). Trotzdem ist davon auszugehen, dass die Gemeinschaften der Asva-Gruppe regen Gebrauch vom Tranol machten (u. a. als Lampen). (211)

Angesichts dieser vielseitigen Verwendungsmoglichkeiten ist die Bedeutung des Robbenfangs fur die Siedlungsokonomien der Asva-Gruppe nicht hoch genug einzuschatzen. Die dabei anfallenden Produkte waren nicht nur lebenserhaltend, sie steigerten auch erheblich das Lebensniveau der Gemeinschaften. Es ist gut denkbar, dass sich bei den Menschen der Asva-Gruppe gute Absatzmoglichkeiten fur Tran-, Fleisch- und Lederprodukte, auch uberregional, boten. Dahin weisen die wetter- und naturbedingten Risiken der Beschaffung, zumal die Jagden auf Robben gefahrliche Unternehmungen fur Leben und Existenz der Menschen und Gemeinschaften darstellten. Die beschriebenen Aktivitaten auf dem Agrarsektor, eingedenk des vielseitig verarbeitenden Handwerks, mogen theoretisch ausreichend gewesen sein fur eine autark funktionierende Siedlungsokonomie. Das wird zumindest aus dem Vergleich mit anderen Siedlungen der Asva-Periode in benachbarten Regionen deutlich, bei denen eine vergleichbar zusammengesetzte Subsistenz wie die von Asva lediglich von der Wildtierjagd erganzt wurde (siehe Vasks 1994). Der hohe okonomische Stellenwert des Robbenfangs erschliesst sich uns nicht nur durch den hohen Tierknochenanteil im Schlachtabfall der Siedlungen allein. Dahinter steht noch der Zeit- und Arbeitsaufwand der Beschaffung. Gustavsson hat die lebensbedrohlichen Risiken der Fangfahrten beschrieben (auch Indreko 1939b, 24). Ungunstige Wetter- und Eisbedingungen konnten weite, kustenferne Fahrten uber mehrere Wochen erfordert haben (Manninen 1931, 88 f.; Gustavsson 1997, 111 ff.). Zudem hat man sich die Robbenfangaktionen in Gruppen organisiert, mit mehreren beteiligten Personen, vorzustellen--auch ein nicht unwesentlicher Risikofaktor im alltaglichen Kampf um die Existenzsicherung der bronzezeitlichen Lebensgemeinschaften. Nichtsdestotrotz scheinen die Aussichten auf Erfolg und Ausbeute derlei Unternehmungen motiviert und gewissermassen entschadigt zu haben, so dass die wirtschaftliche Bedeutung der Robbenjagd fur die Siedlungssubsistenz allein aus diesem Aspekt heraus den anderen Wirtschaftsweisen vorangestellt werden musste. Gerade vor dem Hintergrund der mit den Fangfahrten verbundenen Kontakt- und Austauschmoglichkeiten und der angesprochenen Fremdbezuge in der ortlichen Keramik und den Giesserfunden mag sich der Robbenfang und die Verarbeitung der dabei anfallenden Tierprodukte zu einem Wirtschaftszweig mit verlockenden uberregionalen Absatzmoglichkeiten entwickelt haben. Interessant scheint deshalb der Gedanke, die regional exklusive Erscheinung der Knickwand- und Henkelschalen und der intensiven Bronzeverarbeitung in der Asva-Gruppe in direkter Verbindung mit einer spezialisierten Robbenfangtatigkeit zu sehen.

doi: 10.3176/arch.2014.2S.13

(202) Jungst sind Zweifel an der Zulassigkeit pollenanalytischer Nachweise von Cerealia-Typen laut geworden, wegen eventueller Fehldeutungen von Wildgraspollen oder Probenkontaminationen (siehe Behre 2007, 208). Fruher, primitiver Getreideanbau in ostbaltischen Siedlungsregionen (Lettland, Litauen) soll bereits im Mittelneolithikum praktiziert worden sein (Lang 1999, 364 f.; Berzins 2008, 371 f., 403 f.). In Finnland datieren die fruhesten Belege merklich spater, erst in das ausgehende Neolithikum.

(203) Dazu Lang 1999, 366 f.

(204) Zur jungsten Funktionsdiskussion der aus tierischen Schulterblattern hergestellten Werkzeuge siehe Luik & Lang 2010; Sperling 2006, 110. Die Anwendungsmoglichkeiten reichen vom Ahrenschneiden bis hin zur Fell- und/oder Lederbearbeitung.

(205) Pflugspuren sind wiederum nur aus Nordestland bekannt. In Ilumae II kamen diese unter einer Siedlungsschicht der spaten Romischen Eisenzeit zutage. Von deren Zeitstellung im Bereich Neolithikum-Bronzezeit wird ausgegangen (Lang 2003, 156 f., Abb. 44; 2007b, 106 f., Abb. 46). Aus dem lettischen Dievukalns sind Pflugspuren unter der spatbronzezeitlichen Wallanlage aufgetreten und vermutlich bereits mittelbronzezeitlich (Lang 2007a, 67). Zu den moglichen Anwendungen und Vorteilen des Hakenpflugs in Relation zur Bodenart siehe Schier (2009, 36).

(206) Nur ist fur das Ostbaltikum nicht jener drastische Ruckgang der Kulturanzeiger in der fruhen Vorromischen Eisenzeit festzustellen, wie es fur den Westen der Fall ist (Veski & Lang 1996, 200). Zur Agrartechnik des Brandfeldbaus als Dungemethode in Archaologie und Experiment siehe Schier (2009). Fur Estland ist diese in den vorgeschichtlichen Perioden nur in bestimmten Regionen Nordestlands nachgewiesen.

(207) Siehe Brikuli, Kivutkalns, Vinakalns und Narkunai (Vasks 1994, Tab. 7 f.; Daugnora & Girininkas 1995, 48, Tab. 1; Maldre 2008, 266). In punkto Grosse der untersuchten Ausgrabungsflachen und Mengen des Tierknochenabfalls stehen die estnischen Siedlungen den genannten ostbaltischen deutlich zuruck.

(208) Auf eine gewisse Bedeutung des Fischfangs fur die Siedlungsokonomien von Asva und Ridala wurde wiederholt hingewiesen (Indreko 1939b; Lougas 1999; Maldre 2003), doch liegen noch wenig ausgewertete Daten und Informationen zum Fischknochenspektrum im Speiseabfall der Siedlungen vor. In den gegenwartig laufenden Grabungskampagnen von Asva G werden von Lembi Lougas die Fischknochenfunde mittels Flotation aus dem Erdmaterial gesiebt und untersucht--auch in der Frage, warum bislang nur Suss--oder Brackwasserfische (Hecht, Barsch, Plotze) und keine Meeresfische (Dorsch, Flunder und Baltischer Hering) nachgewiesen werden konnten (dazu Sperling et al. 2013).

(209) Zu den 665 ermittelten Robbenknochen werden noch 56 Stuck der kurzlebigen und fundarmen Phase Asva III (mittlere bis jungere Eisenzeit) zugeordnet (Stora & Lougas 2005, Tab. 1). Meist handelt es sich dabei um Oberflachenfunde, die auch gut sekundar verlagerte Siedlungsfunde sein konnen. Es ist nicht erwiesen, ob in Asva spater uberhaupt Robbenfang betrieben wurde.

(210) Kegelrobben und Ringelrobben indes gehoren zu den Seehundarten, die noch bis in die Neuzeit regelmassig in Kustenbereichen des Bottnischen und Finnischen Meerbusens gejagt wurden (Lehtonen 1971, 182, Karte 1, 2). Einige Populationen von Ringelrobben haben noch heute Brutplatze in verschiedenen Kustengegenden des Finnischen Meerbusens und der Rigaischen Bucht.

(211) Solche sind bereits aus der Ertebelle-Kultur bekannt und werden in den keramischen Ovalschalen aus der neolithischen Siedlung im lettischen Sarnate vermutet (Berzins 2008, 162 ff., Abb. 39; spates Sarnate, ca. 3630-2850 cal. BC).

Tabelle 20. Anzahl und Verteilung der Haustierarten auf
die Grabungsteile in Asva und Ridala (nach Lougas 1994;
Maldre 2008, 265 f.)

              Anzahl der      Schaf/Ziege,   Rind,
            Haustierknochen        %           %

Asva A-D         2429              51        17,9
Asva E            696             37,1       36,3
Asva F            973              44         31
Ridala A          855             39,6       21,2
Ridala B          733             56,1        14

            Schwein,   Pferd,   Hund,
               %         %        %

Asva A-D      18,8      11,8     0,5
Asva E         14       10,6      2
Asva F         15        9        1
Ridala A      29,4      15,1     2,3
Ridala B      24,1       4       1,8

Tabelle 21. Haustier- (79%), Wildtier- (2%) und Robbenknochen
(19%) aus Asva F, verteilt auf die Hauserbereiche und -horizonte
A/C/E und B/D (insgesamt 1237 Stuck; Stuckzahlen nach L. Lougas
(1994 und mundliche Mitteilung)

Asva F (n = 1237)        Ubrige    Hauser (Asva II)

                                    A      C      E

Schaf/Ziege (n = 433)      128      51     95     71
Rind (n = 290)             131      28     61     14
Schwein (n = 149)          52       18     19     18
Pferd (n = 91)             31       12     25     7
Hund (n = 10)               /       /      3      4
                           342     109    203    114
Elch (n = 23)               7       1      4      2
Wildschwein (n = 6)         /       /      1      3
                            7       1      5      5
Sattelrobbe (n = 116)      19       27     24     19
Kegelrobbe (n = 59)         8       22     9      11
Ringelrobbe (n = 46)        4       19     7      2
Seehund (n = 14)            1       3      1      2
                           32       71     41     34

                           Hauser
Asva F (n = 1237)         (Asva I)     Asva I+II

                          B      D        A-D

Schaf/Ziege (n = 433)     43     45       305
Rind (n = 290)            27     29       159
Schwein (n = 149)         17     25        97
Pferd (n = 91)            5      11        60
Hund (n = 10)             /      3         10
                          92    113       631
Elch (n = 23)             4      5         16
Wildschwein (n = 6)       /      2         6
                          4      7         22
Sattelrobbe (n = 116)     2      25        97
Kegelrobbe (n = 59)       /      9         51
Ringelrobbe (n = 46)      3      11        42
Seehund (n = 14)          /      7         13
                          5      52       203

Tabelle 22. Die Robbenarten (Knochenanzahl) in den Siedlungen
(nach Stora & Lougas 2005, Tab. 1, 3)

                                                 Asva A-F
Spezies                 Lat.; engl.             (665) (209)

Sattelrobbe    Pagophilus groenlandicus;            44
                 harp seal
Kegelrobbe     Halichoerus grypus; grey seal        32
Seehund        Phoca vitulina; harbour seal         12
Ringelrobbe    Phoca hispida; ringed seal            8
Unbestimmte                                         569

                Ridala
Spezies        A-B (379)   Kaali (39)

Sattelrobbe       28           2
Kegelrobbe        22           14
Seehund            6           /
Ringelrobbe        2           /
Unbestimmte       321          23
COPYRIGHT 2014 Estonian Academy Publishers
No portion of this article can be reproduced without the express written permission from the copyright holder.
Copyright 2014 Gale, Cengage Learning. All rights reserved.

Article Details
Printer friendly Cite/link Email Feedback
Publication:Estonian Journal of Archaeology
Date:Dec 1, 2014
Words:5710
Previous Article:11. Funde aus Knochen und Geweih--Objekttypen und Anwendungsbereiche.
Next Article:13. Der wandel in Gesellschaft und Siedlungswesen.

Terms of use | Privacy policy | Copyright © 2018 Farlex, Inc. | Feedback | For webmasters