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12 FRAGEN AN MARIO F. BROGGI.

1. Welche sind aus Ihrer Sicht die drangendsten Umweltprobleme?

Fur jene, die sich mit der biologischen Vielfalt beschaftigen oder einfach nur aufmerksam die Natur beobachten, ist es der Biodiversitatsverlust. Trotz zahlreicher Konferenzen, Strategien und enormer Anstrengung der Naturschutzverbande ist das Ausma[sz] und die Dringlichkeit der Biodiversitatsproblematik in der Politik noch nicht angekommen. In Rechenschaftsberichten wird gern viel versprochen, was so nie eingehalten werden kann. Liechtenstein hat inzwischen ein geplantes Biodiversitatsmonitoring abgesagt, weil es zu viel Geld koste. In der Schweiz werden mit parlamentarischen Vorsto[sz]en die bisherigen Errungenschaften des Naturschutzes untergraben.

2. Was gibt Ihnen Hoffnung auf eine Verbesserung der Umweltsituation?

Hoffnung bei einem gegebenen dreifachen "okologischen Fu[sz]abdruck"? Nein, Hoffnungen habe ich kaum, vor allem nicht fur die Umsetzung von Anliegen, die langer dauern und komplex sind--etwa die Verkehrs- und Luftreinhaltepolitik oder die Landnutzung mit der Zersiedlung. Dennoch stehe ich jeden Tag auf und mache weiter, weil ein Grundoptimismus offensichtlich zum Menschen gehort.

3. Welche umweltpolitische Reform bewundern Sie am meisten?

Fur mich steht keine Einzelma[sz]nahme im Vordergrund. Mut machen mir Menschen, die sich mit viel Empathie fur die Mitwelt einsetzen. Das gibt mir immer wieder Hoffnung und Auftrieb.

4. Welchen Trend in der Umweltpolitik halten Sie fur eine Fehlentwicklung?

Ich habe die Illusionen verloren, dass es in Wachstumsphasen gelingt, landschaftliche Werte in Talraumen auf Dauer zu bewahren. Als besonders krasse Fehlentwicklung empfinde ich die Landwirtschaftspolitiken, die uns unter dem Deckmantel der Landschaftspflege als "grun" verkauft werden. Sie sind es dramatisch nicht, die Stickstoff- und Pestiziddepositionen sind allgegenwartig und wirken noch uber viele Jahrzehnte auf Luft, Wasser und Boden ein. Die Landwirtschaftslobby blockt die notige Okologisierung der Landwirtschaft ab. Jede(r) funfte Bundesparlamentarier(in) in der Schweiz soll mit der Landwirtschaft verbunden sein. Da braucht es keine zusatzliche Lobby in den Wandelgangen mehr, sie sitzt direkt im Parlament.

5. Wozu Umweltforschung?

Es braucht die Kenntnisse fur ein Systemverstandnis, das alle Schritte von der Hypothese uber die Methodik, Ergebnisse, Umsetzung, Erfolgskontrolle und Ruckkoppelung umfasst--dies umfasst auch all die politischen Prozesse, die intensive Uberzeugungsarbeit erfordern. Erst plausible Wirkungs- und Umsetzungsziele konnen ein Vertrauen schaffen, aufgrund dessen uberhaupt Mittel bewilligt werden. Hier bleibt noch viel zu tun.

6. Welche Erfahrungen haben Sie beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnis in die Praxis gesammelt?

In der zweiten Halfte meines Berufslebens galt es, wissenschaftliche Exzellenz mit Hilfe von Veroffentlichungen mit hohem impact factor und citation index zu erzeugen. In dieser Hinsicht ist einiges pervertiert. Ich erinnere mich an eine Anfrage, die Bewerbungen fur eine Naturschutzprofessur zu beurteilen. Ich stellte fest, dass neun von zehn der nur mannlichen Kandidaten des Rankings keine Beruhrungspunkte zur Naturschutzpraxis hatten, aber fast alle mit der Molekularbiologie. Sie holten sich denn auch dort die Punkte fur ihre Bewerbung. "Folgerichtig" galt es lange als nutzlos, in den Heften der traditionellen naturforschenden Gesellschaften zu veroffentlichen. Man verkaufte lieber sein erworbenes Wissen in homoopathischen Dosen in mehreren Artikeln und nach dem Motto "Wenn du mich zitierst, zitiere ich dich auch." Die Umsetzung in die Praxis wurde dabei zum Stiefkind auf der Jagd nach dem Ranking. Ahnlich erging es der inter- und transdisziplinaren Arbeit, die kaum honoriert wurde. Das Pendel scheint wieder etwas in die Gegenrichtung auszuschlagen. Die Wissenschaft sieht ein, dass sie die Kommunikation braucht.

7. Welchen Bereich der Umweltwissenschaften, au[sz]erhalb Ihres eigenen Arbeitsgebiets, finden Sie besonders spannend?

Das ist die Klimaforschung. Ich staune immer wieder, welche Erkenntnisse man aus dem Eis oder aus Tropfsteinen gewinnen kann.

8. Wer oder was hat Sie in Ihrem Engagement fur die Umwelt besonders gepragt?

Es war meine Jugendzeit. Ich wuchs trotz Stadtnahe abseits am Waldrand auf, mit Krebsen und Gro[sz]muscheln im Bach, dem Wiedehopf als Brutvogel in den alten Eichen. Es war ganz allgemein die Faszination fur die damals noch vielfaltige Natur.

9. Welches Wissen wurden Sie jungen Menschen uber die Umwelt mitgeben wollen?

Es ware viel erreicht, wenn wir der Jugend den Eigenwert der Natur, etwas Demut vor der Schopfung und Empathie fur die Mitwelt vermitteln konnten, damit sie sensibler fur diese Anliegen wird.

10. Mit welchen Widerspruchen im Alltag sind Sie als Wissenschaftler, der sich mit Nachhaltigkeitsproblemen beschaftigt, konfrontiert?

Mich nervt, dass alles auf dieser Welt als nachhaltig und damit als Worthulse verkauft wird. Dennoch erachte ich die Veroffentlichung des Brundtland-Berichts 1987 mit der nachfolgenden Rio-Konferenz als wichtigen Meilenstein. Was mich derzeit am meisten beschaftigt ist, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse in die breite Offentlichkeit und Politik transportiert. Das ist uns wahrend Jahrzehnten nicht ausreichend gelungen. Wir haben uns schon vor 30 Jahren die Finger wundgeschrieben, dass es ein Insektensterben gibt. Mit More than Honey von Markus Imhoof und einer deutschen langjahrigen Wirkungskontrolle bei Insekten in Naturschutzgebieten ist es sehr spat gelungen, diese Erkenntnisse in die breite Bevolkerung zu tragen. Worauf kommt es also in der Kommunikation an?

11. Was lesen Sie gerade?

Fur eine Buchbesprechung lese ich Das Verstummen der Natur von Volker Angres und Claus-Peter Hutter, parallel eine Biografie von Emmanuelle Loyer uber den Ethnologen und Philosophen Claude Levy-Strauss sowie die Festschrift Biogeography and Biodiversity of the Aegean, weil ich seit 45 Jahren mit Kolleg(inn)en jedes Jahr eine naturkundliche Exkursion auf griechische Inseln durchfuhre.

12. Welche hier nicht gestellte Frage ist fur Sie die wichtigste?

Bei Zugfahrten durch die Schweiz frage ich mich immer wieder: Wie kann man sich im Alltag fur die ganz "normale" Landschaft geeigneter einsetzen?

Mario F. Braggi, ehemaliger Direktor der Eidgenossischen Forschungsanstalt furWald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf.

Geboren 1945 in Sierre, Schweiz. Studium der Forstwissenschaften. 1986 Promotion an der Universitat fur Bodenkultur Wien (BOKU), 1999 Habilitation an der Universitat Wien. 1983 bis 1992 Prasident der Internationalen Alpenschutzkommission (CIPRA). 1997 bis 2004 Direktor der WSL, Birmensdorf. 2004 bis 2007 Berater des ETH-Rats in Nachhaltigkeits- und Raumfragen. 2007 bis 2014 Mitglied des Universitatsrats Universitat Liechtenstein.

Mitgliedschaften: Wissenschaftlicher Beirat Vision Landwirtschaft Schweiz | Wissenschaftlicher Rat des Liechtenstein-Instituts (2008 bis 2016, ab 2012 Vorsitzender) | Eidg. Natur- und Heimatschutzkommission (2000 bis 2007) | Management Committee der International Union of Forest Research Organizations (2000 bis 2007) | Wissenschaftlicher Beirat GAIA (2000 bis 2012).

Publikationen (Auswahl): Die Schutzgebiete im Alpenbogen und ihre Lucken (Natur und Landschaft, 2017; mit M. Jungmeier, G. Plassmann, M. Solar) | Inselsehnsucht: 44 Reisen in den Mediterranraum mit Schwerpunkt Agais (Berichte der Botanisch-Zoologischen Gesellschaft Liechtenstein-Sargans-Werdenberg, 2018) | Hochste Zeit fur Wildnisgebiete in Mitteleuropa (Nationalpark, 2018). Publikationsliste auf www.mariobroggi.li.

MARIO F. BROGGI

Dass wir uns 1970 im ersten Europaischen Naturschutzjahr kennengelernt haben, ist bezeichnend: Broggi war frisch diplomierter Forstingenieur der ETH Zurich und suchte im Zentralsekretariat des Schweizerischen Bundes fur Naturschutz Dokumente und Materialien zum Naturschutzjahr. Ich war dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Doch was trieb Broggi als Frischling der Forstpartie zum Naturschutz? Sein Naturell. Wer Forster mit Bambi und Turkenbund assoziiert, liegt ebenso schief wie beim Metzger Tierliebe orten zu wollen. Der Wald ist des Forsters Schlachtfeld und Broterwerb. Doch fur Mario war das Korsett des Forstmanns mit Kluppe, Sage und Wirtschaftsplan allzu eng. So lie[sz] er sich nicht im grunen Dom nieder. Der Waldrand konnte fur ihn keine Grenze sein. Nichtsdestotrotz blieb er lebenslang den Natur- und Urwaldern verpflichtet.

Kaum diplomiert, entschied er sich dafur, seinen Berufsweg als selbststandiger Unternehmer zu beschreiten. Von Beginn an suchte er--neben forstnahen Auftragen -Arbeiten im gesamten, damals noch sehr kargen Umweltbereich. Die1970er Jahre waren die Epoche der neuen Naturschutzpioniere--nach jenen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Motivation der Alteren waren die Umweltprobleme der Industrialisierung, die Jungeren wurden von Rachel Carsons Silent Spring und sichtbaren Umweltschaden angetrieben.

Naturschutz und angewandte Naturschutzforschung faszinierten ihn und er begann zu publizieren. Die Publikationsliste umfasst aktuell 557 Titel--fur "Review-Orthodoxe" fast ein Horror! Diese Liste spiegelt die stupende Schaffenskraft wider.

Seine Ambitionen gelten aber nicht a priori der Wissenschaft. So promovierte er relativ spat mit einer Studie zum Landschaftswandel im Talraum Liechtensteins. Auch die Habilitation lief fast nebenher. So wenig sich die Natur aus Broggis Sicht in Disziplinen pressen lasst, so multidisziplinar wurden seine Umweltaktivitaten. Auch in raumlicher Hinsicht kannte er keine Schranken und forschte uber Europas Grenzen hinweg.

Stellvertretend fur den hartnackigen Einsatz fur die Gewasser, Moore und den Alpenrhein sei seine Expertentatigkeit fur Wasserkraftprojekte im Alpenraum genannt. Unbedingt zu erwahnen ist die Zeit als Prasident der Internationalen Alpenschutzkommission (CIPRA). Auch seine Tatigkeit als Experte des Europarats von 1969 bis 1997 hinterlie[sz] Spuren in den Naturschutzbestrebungen. In den letzten Jahren galten viele seiner Bemuhungen und Schriften den Nationalparks. Auch die Gro[sz]schutzgebiete im Alpenraum bannten sein Interesse.

Die Ferien verbringt Broggi am Mittelmeer--mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter die Kleinlebewelt, vor allem Amphibien und Reptilien in der Agais, untersuchend.

Klaus C. Ewald, 1987 bis 1993 Ordinarius fur Landespflege an der Albert-Ludwigs-Universitat Freiburg i. Br., 1993 bis 2006 Ordinarius fur Natur-und Landschaftsschutz an der ETH Zurich

https://doi.org/10.14512/gaia.28.1.2
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Title Annotation:MAGAZINE
Author:Braggi, Mario F.
Publication:GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society
Date:Mar 1, 2019
Words:1440
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