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"Wie kommt einer dahin, sein geliebtestes zu todten?" Theodor Storms Novelle Ein Bekenntnis.

Die Novelle Ein Bekenntnis, erschienen 1887, ist das einzige Werk Theodor Storms, in dem die Krebskrankheit dargestellt und das Thema 'Euthanasie' diskutiert wird. Sie wird jedoch in der Forschung bisher noch nicht genugend berucksichtigt, obwohl sie zusammen mit einigen novellistischen Werken zeitgenossischer Schriftsteller wie Paul Heyses Auf Tod und Leben (1884) sowie Marie von Ebner-Eschenbachs Die Reisegefahrten (1890 verfasst) als Vorlaufer fur das Schreiben uber Krebs und den Euthanasiediskurs des 20. Jahrhunderts gelten. (1) Die Novelle wurde damals von den zeitgenossischen Schriftstellern nicht besonders geschatzt und nicht einmal in den Literaturgeschichten erwahnt. (2) Die Beachtung von Ein Bekenntnis in der Forschung ist bis in die neunziger Jahren relativ selten; die Erzahlung wurde zuerst in den dreibiger Jahren von Elisabeth Pfeil (3) diskutiert, sie wurde dann in den funfziger Jahren in der Dissertation von Ingeborg Welp (4) zusammen mit Storms Novellen behandelt. In den sechziger, siebziger und achtziger Jahren wurden bis auf den Aufsatz von Jans U. Terpstra (5) keine Untersuchungen dazu durchgefuhrt. Erst in den neunziger Jahren erschienen zwei Aufsatze. (6) Der Grund liegt wohl an dem seit Ende der 70er Jahre aktuell gewordenen Thema Krankheit, insbesondere der Aidskrankheit, das durch die Berichte in den Medien in den 90er Jahren noch starker ins Bewusstsein gehoben wurde. (7) So wird die Novelle in der Dissertation (1993) von Marion Moamai und in der Habilitationsschrift (1996/1997) von Rudolf Kaser zusammen mit dem Thema Krankheit, Medizin und Tod berucksichtigt und untersucht. (8) Da Storm in der Novelle ein zeitgemabes Thema vom Ende des 19. Jahrhunderts behandelt, das bis heute noch weiter an Aktualitat gewinnt, weil es uns alle angeht, verdient sie eine intensivere Beachtung.

Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, anhand der Novelle Ein Bekenntnis von Storm herauszufinden, wie die Thematik "Krebskranke", "Totung auf Verlangen" im Zusammenhang mit dem "Euthanasiediskurs" in seinem Spatwerk gestaltet wird; wie Storm seine Lebens-und Todesanschauung darstellt und wie er gegen die Ratlosigkeit /Machtlosigkeit im Leben angeht angesichts der allgemeingultigen Kontingenzprobleme wie Leben und Tod, mit denen jeder konfrontiert wird. Unter Berucksichtigung der bisher veroffentlichten Forschungaufsatze versuche ich anhand der Storm'schen Novelle herauszuarbeiten, wie diese als ein Dokument des zeitgemaben Euthanasiediskurses und als Widerspiegelung der Todesasthetik des Dichters Storm verstanden werden kann.

Ein Bekenntnis und seine medizinische Vorlage

Bereits im Jahre 1885 hatte Storm vor, eine Geschichte eines Arztes zu verfassen. Ihm fiel das Thema ein wahrend seines Besuches bei dem Freund Dr. Heinrich Schleiden in Hamburg. Storm hat die Novelle Ein Bekenntnis wahrend seines Krankenhausaufenthalts verfasst. (9) Der Erstdruck erschien 1887, und zwar in Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte, (10) ein Jahr spater erschien die Novelle im Verlag Paetel, Berlin, seiner lieben Tochter Lucie gewidmet. Es ist nicht auszuschlieben, dass Storm beim Verfassen dieser Novelle besonders an psychischem Schmerz litt, da sein altester Sohn Hans, ein Jahr davor, d.h. im Jahre 1886, gestorben war, (11) dazu kommt, dass Storm selber seit 1886 an Magenkrebs litt und schwer erkrankt war, daher war das Thema unheilbare Krankheit fur ihn womoglich besonders aktuell und es lag ihm am Herzen. Die Zentralfrage geht darum, ob man einem Unheilbaren zum Tode verhelfen durfe. Die Darstellung des Themas in der Novelle stutzt sich auf den medizinischen Rat und die Auskunfte uber die unheilbare Krankheit und deren neue Behandlungsmethode durch seinen Neffen Dr. Ludwig Glaevecke (1855-1905), der damals als Assistenzarzt an der Frauenklinik in Kiel tatig war,12 wie dies Storm in seinem Brief an den Freund Wilhelm Petersen, datiert vom 3. Dez. 1887, schrieb:
   Mein 'Bekenntnis' (...) ist in Kiel von der Facultat (d.h. von Dr.
   Glaevecke, meinem Neffen) gepruft u. approbirt; nur ist allerdings
   die rettende Operation von carcinoma uteri erst vor 15 Jahren
   erfunden.


Die Information von Glaevecke basiert allerdings auf der Publikation des Strabburger Gynakologen Prof. Wilhelm Alexander Freund (1833-1917), (13) der Anfang 1878 zum erstenmal eine an Gebarmutterkrebs leidende Frau durch die operative Entfernung der Gebarmutter geheilt hatte. "Carcinoma uteri", der Unterleibskrebs, galt in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts immer noch als unheilbare Krankheit, deshalb glaubten die Arzte damals, dass eine Operation, bei der die ganze Gebarmutter entfernt wurde, dennoch letal enden musste. Storm bediente sich des veroffentlichten Aufsatzes des Gynakologen Prof. Freund als Vorlage mit fast wortwortlichen Ausfuhrungen, (14) um die Krankheit getreu zu schildern.

In der Novelle geht es um einen renommierten, tuchtigen, doch in den Augen der Kollegen hochmutigen Frauenarzt Franz Jebe, der mit einer jungen Frau Else Fubli glucklich verheiratet ist, der er bei einem treuen Freund zu Hause begegnet ist. Einige Jahre spater erkrankt die Frau, die eine fast panische Angst vor Schmerzen hat, an Unterleibskrebs. Um sie von ihren unmenschlichen Leiden zu erlosen, fuhrt Franz eines Tages bei seiner herzlich geliebten krebskranken Frau die Totung auf deren Verlangen durch. Nach dem Tod seiner Frau liest er in einer vorher nicht beachteten medizinischen Fachzeitschrift einen Artikel uber eine Operationsmoglichkeit fur Patientinnen, die an carcinoma uteri leiden. Der Artikel stammt von seinem akademischen Lehrer, den er hoch achtet. Franz Jebe sieht seine Tat als Mord, er leidet und verliert den Lebensmut. Eine Seuche in der Stadt, die das Leben vieler Menschen kostet, veranlasst ihn, sich selbst wieder in die arztliche Pflicht zu nehmen, um Menschenleben zu retten. Bei einer an Unterleibskrebs erkrankten Etatsratin gelingt ihm die Operation, deren Tochter ihm in der Folge ihre Zuneigung zeigt, aber Franz lehnt eine Beziehung ab. Er trifft zufallig an einem Urlaubsort seinen uber Jahrzehnte lang nicht gesehenen Universitatsfreund Hans, den Erzahler. Ihm vertraut er in einem langen Gesprach sein Geheimnis, die Mordtat, an. Nach dem Bekenntnis geht der Arzt ohne Abschied nach Ostafrika, um dort dem Leben zu dienen. Er will seine Tat dort buben, wo Unwissenheit und Seuchen den Tod der Menschen herbeifuhren. Nach dreibig Jahren erhalt Hans durch einen Brief Kenntnis davon, dass Franz tot ist.

Divergente Bewertung der Euthanasie in Novellen Storms und Heyses

Wichtig ist es hier anzumerken, dass der Dichterkollege Paul Heyse 1884 eine Novelle mit dem Titel Auf Tod und Leben schrieb, (15) die 1886 erschien und in der auch das Thema Carcinoma in den Mittelpunkt geruckt wird. Storm lernte Ende Nov. 1885 Heyses Novelle in seinem Novellenband Himmlische und irdische Liebe kennen. Storm schrieb am

4. Dez. 1885 an Paul Heyse: (16)
   Als ich las: ,Ich habe meine Frau getodtet!, lachte es in mir; denn
   denselben Stoff hatte ich [...] mir im Kopf notirt; nur lag der
   Schwerpunkt anders; bei mir war der Mann ein Arzt, die Umstande,
   wie bei Dir; als er aber nach dem Tode der geliebten Frau eine der
   medizinischen Zeitschriften durchsucht, die wahrend ihrer Krankheit
   ungelesen geblieben waren, findet er einen Artikel einer
   bedeutenden Autoritat, wonach ein Heilweg gefunden ist.


Storm bestritt, dass er von Heyses Thema beeinflusst war, gab jedoch zu, dass er den letzten "Ruck" von Heyse bekommen habe und durch den Kontakt mit dem Kieler Frauenarzt die endgultige passende Krankheit, namlich, Carcinoma uteri, fur die Novelle gefunden habe. (17) Die Argumentationsstrategie aufgrund des divergenten Ausgangs sowie der unterschiedlichen Bewertung der Euthanasie in den beiden Novellen ist aufschlussreich und fur den aktuellen ,Euthanasiediskurs' von Bedeutung. In Heyses Novelle geht es namlich auch wie in Bekenntnis um eine schwerkranke Frau (Marie bei Heyse: Herzleiden), die instandig ihren Ehemann, einen Offizier-in Storms Bekenntnis ist es ja ein Arzt-, gebeten hat, sie von dem "unmenschlichen Leiden zu erlosen." (18) Die Bitte und die darauf erfolgende Tat bilden das Zentrum des thematischen "Euthanasiediskurses": Darf ein Ehemann, egal ob er Arzt ist oder nicht, zur Beendigung der Qual zum Morphium greifen? Die grobte Differenz zwischen beiden Novellen liegt darin, dass die beiden Ehemanner nach der Totung auf Verlangen ihrer geliebten Frauen ihre Tat unterschiedlich empfinden: Storms Arztfigur bekennt seine Schuld und geht nach Ostafrika, "wo mehr die Unwissenheit als Krankheit und Seuche den Tod der Menschen herbeifuhrt," (19) um "in Demut" mit seiner Wissenschaft "dem Leben" (20) zu dienen, wahrend Heyses Hauptperson in einem Kurort die junge Dame Lucile heiratet, der er seine Beichte vorgetragen hat und die ihn von jeder moralischen Schuld freispricht. Bezeichnend ist, dass die junge Dame den Hippokratischen Eid kritisiert:

Sie (die verstorbene Gattin Marie) hat in der hochsten Not den Helfer gefunden, nach dem so manche sich vergebens sehnen wird [...] Ich gestehe ihnen, dab ich oft den Kopf geschuttelt habe, wenn ich sah, wie Arzte es fur ihr Pflicht halten, ein verlorenes Leben, das ihnen jammervoll unter den Handen hinschwindet, mit aller Muhe und Kunst noch um Wochen, Tage und Stunden zuruckzuhalten, Qualen zu verlangern, nur um das arme Dasein, das allen Wert verloren, noch zu fristen [...] Ist das nicht eines der grausamsten, gedankenlosesten Vorurteile unserer menschlichen Gesellschaft? (Heyse 40)

Nach Rudolf Kaser kann Heyses Novelle als eine Stellungnahme "fur die moralische Legitimierbarkeit der Totung Einwilligender durch nahe Angehorige" (Kaser 151) gelesen werden. Die Heirat in Heyses Novelle galt fur Storm als eine "Erlosung von den Selbstvorwurfen," (21) insofern habe Heyse einen "kitschigen oder-wie er selbst meinte [...] frohlichen Schluss" (22) gegeben.

Storm hat am 15. Juli 1887 an Paul Heyse uber die Kerngedanken in seiner Novelle Bekenntnis geschrieben, es ging zuerst darum: "Wie kommt Einer dahin, sein Geliebtestes zu todten?" und er fragte sich: "Was wird aus ihm, wenn er das gethan hat?" (Briefwechsel 156). Eine sittliche Entscheidung bis zur letzten Konsequenz wird von Storm durchgehalten, wahrend bei Heyse die Sittlichkeit nicht die zentrale Frage war, denn es ging ihm eher darum, "ob man einem Unheilbaren zum Tode helfen durfe?" (ebd.) Die Tatsache, dass beide Autoren das Motiv "Totung auf Verlangen" in ihren Novellen verwendet haben, ist ein Indiz dafur, dass am Ende des 19. Jahrhunderts "Sterbehilfe" (oder auch "Euthanasie") ein zeitgemabes Thema in der Literatur war. Denn bis dahin wurde dieses Thema in der Literatur nur sehr selten behandelt, (23) um so wichtiger erscheint uns die Thematik der Novelle zu sein, denn erst danach erschien 1895 die Abhandlung Das Recht auf den Tod von Adolf Jost, (24) die auf der Grundlage utilitaristischer Philosophie und aus nationalokonomischen Uberlegungen heraus die Legalisierung der arztlichen Euthanasie verlangt. Das heibt, erst in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts beginnt in der offentlichen Diskussion die "Forderung nach Liberalisierung der Euthanasie und dem Recht auf den Tod" und mundet im 20. Jahrhundert in die Vernichtung "lebensunwerten Lebens." (25)

Sterbehilfe, Carcinoma Uteri, Schuldfrage

Man benennt die "Totung auf Verlangen" haufig als "Sterbehilfe" oder auch als "Euthanasie". Oft findet man in verschiedenen Schriften die Aussage, dass beide Begriffe das Gleiche bedeuten. Nach Stephan Hontsch ist "Sterbehilfe" ein spezieller deutscher Ausdruck und infolge der "negativen geschichtlichen Vorpragung des Begriffs Euthanasie" (Hontsch 2) wird die Diskussion in Deutschland unter der Bezeichnung "Sterbehilfe" gefuhrt. Man unterscheidet die aktive Sterbehilfe von der passiven Sterbehilfe. Bei der passiven Sterbehilfe wird vom Arzt nicht in die korperliche Integritat des Patienten eingegriffen, d. h. nur ein Sterbenlassen liegt folglich vor, wahrend bei der aktiven Stebehilfe eine zu Tod fuhrende Handlung auf den ausdrucklichen und ernsthaften Wunsch des Betroffenen (26) hin vorgenommen wird. Es handelt sich dabei z. B. in Deutschland um eine strafbare "Totung auf Verlangen".

In der Novelle Bekenntnis geht es um die "aktive Totung" der schwerstkranken Else durch ihren Ehemann Franz Jebe, der zugleich ein Arzt ist; seine schwerstkranke Frau hat ihn darum gebeten, um sie von ihren unertraglichen Schmerzen zu erlosen. Wenn es darum geht, dass Franz seine Frau von den Schmerzen erlosen will, warum leidet Franz danach unter Selbstvorwurfen wegen seiner Tat? Weil er es vorher versaumt hat, sich uber die neueste in einer medizinischen Fachzeitschrift beschriebene Heilmethode zu informieren, mit der die bis dahin als unheilbar geltende Krankheit uberwunden werden kann? Oder weil er ausgerechnet Arzt war? Oder gibt es fur Storm eine andere bestimmte Absicht? Liegt es an seiner Todesasthetik? In dem Artikel des Mediziners Prof. Wilhelm Alexander Freund von 1878, dessen sich Storm fur die Novelle bedient, wird deutlich, welche Grunde es fur bis das Scheitern der "Arbeit des Operateurs am Gebarmutterkrebs" gab (Freund 912). Freund fuhrt aus:

Hierfur giebt es zwei Grunde: der eine liegt bei der Kranken, der andere beim Arzt. Weil man so haufig Falle zur Behandlung bekommt, deren 'Heilzeit' langst vorubergegangen ist; und weil der Arzt in Fallen, deren 'Heilzeit' noch besteht, mit seinem Messer nicht uber diejenige Stelle an dem leidenden Organe hinauszugehen wagte, welche die Krankheit wahrscheinlich sehr fruh uberschreitet (Freund ebd.).

In Bekenntnis erfahren wir eindeutig durch das Gesprach zwischen Franz und seinem Universitatsfreund Hans, dem Erzahler, dem Zuhorer seines Bekenntnisses, dass in dieser Zeit diese Krankheit bei den Frauen fur unheilbar gehalten wurde und dass deshalb zum Zeitpunkt des Todes von Else keine Chancen auf Heilung bekannt waren. Franz berichtet: "Es war eine jener Abdominalkrankheiten, die so viele Frauen, wenn auch meist erst in spaterem Alter, hinraffen; und bald war der Gipfelpunkt erreicht, wo auch die kuhnste Hoffnung sinken mubte" (B 609). Hier liegt die Keimzelle fur Franz' Selbstvorwurfe, mit denen er sich zu seinem eigenen Hochmut und seiner Schuld im Gesprach mit seinem Freund, dem Erzahler Hans, bekennt, denn nachdem er den Artikel seines ehemaligen akademischen Lehrers gelesen hat,27 der von der Moglichkeit einer erfolgreichen Operation berichtet, bekennt er seinem Freund Hans: "Es gibt etwas, von dem nur wenige Arzte wissen; auch ich wubte nicht davon, obgleich ihr mich zum Arzt geboren glaubtet, bis ich daran zum Verbrecher wurde" (B 629). Fur ihn gilt die Erkenntnis der Unantastbarkeit der "Heiligkeit des Lebens", und er erklart:

Das Leben ist die Flamme, die uber Allem leuchtet, in der die Welt ersteht und untergeht; nach dem Mysterium soll kein Mensch, kein Mann der Wissenschaft seine Hand ausstrecken, wenn er's nur tut im Dienst des Todes; denn sie wird ruchlos gleich der des Morders! (B 629)

Es stellt sich die Frage, warum Storm die Krebskrankheit, genauer gesagt den Unterleibskrebs, als Erzahlmotor in der Novelle genommen hat? War es, weil Storm beim Verfassen der Novelle sich im Krankenhaus befunden hat und selbst am Magenkrebs litt, sprach ihn diese unheilbare Krankenheit deshalb besonders an? Nach Marion Moamai ist die Antwort medizingeschichtlich bedingt. Sie weist darauf hin, dass Krebs erst im 19. Jahrhundert Eingang in die Literatur gefunden hat, und sie nimmt das fiktive Arzttagebuch Passages from the Diary of a Late Physician (1830) als Beispiel fur eine Fallstudie "dieser schecklichen Geibel des weiblichen Geschlechts-Krebs." (28) Aufschlussreich ist auch Pierre Darmons Behauptung, Krebs gelte seit dem 18. Jahrhundert bis Ende des 19. Jahrhunderts vorwiegend als Frauenkrankheit. (29) In der Literatur des 19. Jahrhunderts wurde auch oft uber die Krankheiten von Frauen geschrieben; und nach der Meinung eines Physikers in Passages from the Diary of a Late Physician litten haufig die schonsten Frauen an solchen unheilbaren Krankheiten. (30) Moamai fugt weiterhin hinzu, die Krebskrankeit als Thematik wurde es Storm erlauben, "die Schuldproblematik zu vertiefen" (Moamai 51). Meiner Meinung nach geht es bei Storm nicht nur um die Darstellung der Schuldproblematik, sondern auch um die Liebe, die Verganglichkeit im Leben, die stets wichtige Themen in seinen Werken sind, und schlieblich auch darum, dass sich Storm mit den rationalen medizinischen Auslegungen bezuglich arztlicher Verhaltensweisen auseinandersetzen wollte. (31) Franz betrachtet sich selbst als "Morder" (B 617), als "Verbrecher" (ebd.), auch wenn ihm bewusst ist, dass er in seiner letzten Stunde Else's letzte Wort "Dank, Franz!" (B 614) horen wird. Er leidet unter der Schuld und in den Augen seines juristisch gebildeten Zuhorers Hans war die Tat des Freundes eine Totung: "Franz [...] du hast dein Weib getotet!" (ebd.)

Im Bereich der Diskussion um die "Euthanasie" spielt der "hippokratische Eid," (32) der angeblich im 4. Jahrhundert v. Chr. und mit einiger Sicherheit nicht von Hippokrates selbst formuiert (33) wurde, eine ganz besondere Rolle. Der Eid steht als "eines der Grundgesetze arztlicher Sittlichkeit" (34) auber Frage. Was die arztliche Pflicht angeht, so ist der Eid insofern wichtig, als der junge Arzt quasi erst durch den Schwur als "Familienmitglied in die Sippe seines Lehrers" aufgenommen wird. Udo Benzenhofer konstatiert: "Auf diesen sogenannten Vertragsteil des Eides folgten der sogenannte Sittenkodex und schlieblich die Abschlubformel" (Benzenhofer 40). Die Pflicht des Arztes ist es, das Moglichste tun, um das Leben der Patienten zu verlangern, also selbst dann, wenn er keine Chance auf Heilung sieht-so wie im Wort "Patient" kaum verborgen die Bedeutung von "Leiden" mitschwingt. Im Folgenden werden die wichtigsten Aussagen aus dem hippokratischen Eid (35) zitiert:
   [...] Ich will weder irgend jemandem ein todliches Medikament
   geben, wenn ich darum gebeten werde, noch will ich in dieser
   Hinsicht einen Rat erteilen. Ebenso will ich keiner Frau ein
   abtreibendes Mittel geben. In Reinheit und Heiligkeit will ich mein
   Leben und meine Kunst bewahren. Ich will das Messer nicht
   gebrauchen, nicht einmal bei Steinleidenden, sondern will davon
   abstehen zugunsten der Manner, die sich mit dieser Arbeit befassen.
   [...] Wenn ich diesen Eid erfulle und ihn nicht verletze, mich des
   Lebens und der Kunst zu erfreuen, geehrt durch Ruhm bei allen
   Menschen auf alle kunftige Zeit; wenn ich ihn ubertrete und falsch
   schwore, sei das Gegenteil von all diesem mein Los.


Die "aktive Sterbehilfe" des Arztes Franz Jebe in Bekenntnis widerspricht gerade dem ersten Satz in dem oben zitiertem Abschnitt des Eids: "Ich will weder irgend jemandem ein todliches Medikament geben, wenn ich darum gebeten werde [...]" (Benzenhofer 208). Der Arzt bricht den Eid, obwohl wir durch seine Erzahlung von der Schwere der unheilbaren Krankheit eindringlich erfahren: "Das Leiden galt derzeit in der Wissenschaft fur absolut unheilbar; nach leise heranschleichenden, alles Menschliche uberbietenden Qualen war stets der Tod das Ende" (B 609). Franz fuhlt sich schuldig, obwohl es schlieblich Else war, die unter unertraglichem Schmerzen ihn gebeten hat, dass er ihr "Zaubertranke" gebe, damit ihr "Leib ohne Zucken" einschlafe (B 611): "Erlose mich! Du mubt es, Franz!" (B 610) Franz erzahlt, dass "Liebe, Mitleid und Erbarmen" ihm als einem, der Else nicht mehr helfen konnte, "zu furchtbaren Damonen" (B 614) geworden sind. Franz hat den arztlichen Eid gebrochen, weil er als Arzt nicht das Moglichste getan hat, um das Leben der Patientin zu verlangern und auch weil er es sich als Hochmut anrechnet, dass er die neue Heilmethode seines akademischen Lehrers unbeachtet gelassen hat. In der betreffenden Veroffentlichung steht namlich, wie Franz berichtet,

Man hat bisher [...] dies Leiden fur absolut todlich gehalten; ich aber bin im Stande, in Nachstehendem ein Verfahren mitzuteilen, wodurch es mir moglich wurde, von funf Frauen drei dem Leben und ihrer Familie wiederzugeben (B 619).

Er brach den hippokratischen Eid und schwor falsch, daher ist das "Gegenteil" sein Los. Ihn konnen "weder Richter noch Priester" (B 620) erlosen, und er mit seinem Hochmut allein hat die Verantwortlichkeit dafur, er sucht eine "Suhne" (Ebd.). Er erkennt seine Selbstsicherheit-seinen Hochmut-als Frevel, wenn er sagt, "an Leichnamen hatte ich den innern Menschen kennen gelernt, so dab mir alles klar vor Augen lag, und wie mit solchen rechnete ich mit den Lebendigen; was war da Grobes zu bedenken!" (B 591) Der Artikel der medizinischen Autoritat in der Fachzeitschrift hat ihm die Einsicht in die Sachlage gewahrt, dass die "Sense des Todes" noch gar nicht vorhanden war und dass nur "seine eigene gottverlassene Hand" (B 619) seine eigene Frau getotet hat-fur ihn war es sein Hochmut, der zum Schicksalschlag wurde. Josef De Cort hat fur Storms episches Werk die Bedeutung der Ethik betont: "wo der Einzelne gegen das moralische Gesetz verstobt, erfolgt Schuld." (36) Storms Intention ist klar: Die Rationaliat der Medizin darf nicht absolut gesetzt werden. Dennoch ist es fur ihn ein Problem, ob die Tat des Franz tatsachlich ein Verbrechen darstellt. Was die Heiligkeit des Lebens angelangt, ist es Sunde, ein Leben zu loschen; was das Leiden betrifft, so war seine Tat menschlich und notwendig. Rudolf Kaser behauptet, dass Storm mit seiner Novelle nicht gegen die Verurteilung der Totung pladieren wolle, denn, so Kaser: "Ein Seitenblick in die Rechtsgeschichte zeigt jedoch, dab Storm seine Erzahlung nicht im luftleeren Raum angesiedelt hat, sondern sie durchaus in Bezug setzt zu damals umstrittenen juristischen Tatbestanden." (37)

Schicksalsmachte und Todesasthetik bei Storm

Bei Storm spielen die Schicksalsmachte oft eine nicht zu ubersehende Rolle im Zusammenhang mit dem Unbewussten in vielen seiner Werke. Dadurch wird das tragische Element nicht nur zum Inhalt der Erzahlung , sondern auch in seiner Schicksalsgebundenheit zu einem unentrinnbaren Los fur den Einzelnen. So wird die Schuld in der Novelle Bekenntnis auch als Einfluss von Schicksalsmachten erfahrbar, die der Hauptperson Franz zum Verhangnis werden. So sagt Franz zur Hilda, der Tochter seiner Patientin, nachdem er deren Mutter das Leben gerettet hat und jene ihm zu Fuben sinken will: "(E)s hat wohl Jeder sein eigenes Geschick" (B 627). Die Schickalsmachte verbinden sich mit dem Unbewussten in Bekenntnis, sind als Tragikkette durch ihre Erscheinungsform im Traum und in der Nachtvision eingebettet. Der Erzahler Hans berichtet von Franzens Studienzeit, in der jener Interesse am Unbewussten und an mysteriosen Kenntnissen zeigte. Seine Erzahlung beruht nach Peter Sprengel auf den "Arbeiten von Perty und Daumer uber die dunklen Regionen des Seelenlebens," (38) und zwar war es das Buch Mystische Erscheinung der menschlichen Natur (39) von Maximilian Perty (1804--1884) und das Werk Das Geisterreich in Glauben, Vorstellung, Sage und Wirklichkeit von Georg Friedrich Daumer (1800--1875), das in Storms Besitz war. (40) Jan U. Terpstra behauptet, die "dunklen Regionen des Seelenlebens" konnten aus psychologischer Perspektive als der "Wirkungsbereich des Unbewubten" (Terpstra 133) gedeutet werden. Sprengel stellt dar, dass die Geheimwissenschaften der Parapsychologie, (41) des Spiritismus und Okkultismus (42) den Umgang mit Erscheinungsformen des Unbewussten boten (Sprengel 96). Jan U. Terpstra weist auf die marchenhaften Elemente in Bekenntnis hin, die in einem dem Fouqueschen Kunstmarchen Undine (43) frei nachgebildeten Motiv-und Handlungszusammenhang funktionieren und auch Storms Bindung an die Romantik erkennbar werden lassen, (44) so wird z. B. deutlich, dass der Arzt Franz ein Bewunderer von Perty und Daumer war, die zu den Nachfolgern romantischer Philosophie und Psychologie gehorten.

Ingeborg Welp konstatiert die "Vorherbestimmtheit des Schicksals" (Welp 101) in Bekenntnis, erkennbar daran, wie Franz dem Freund Hans seinen Traum, seine nachtliche Vision erzahlt:

Von jener Fensterhohle aus [...] habe ich ein Gesicht gehabt, das, wie ich mir noch heute nicht verreden kann, mein ganzes spateres Leben bestimmt hat; nur ein Nachtgesicht, das mir mit geschlossenen Augen offenbar ward [...] ich sah, ich erlebt es. [...] Aber wer war denn jenes geheimnisvolle jungfrauliche Kind? Schon bei der Erinnerung an sie fuhlte ich einen suben Schauder durch alle meine Nerven rieseln. War sie ein Genius des Todes, der mich im Traume zuvor noch einmal mitleidig angeschaut hatte? (B 587, 589)

Als Franz bei dem befreundeten Advokaten Wilm Lenthe zum ersten Mal seine kunftige Frau Else kennen lernt, war der Augenblick fur ihn erschutternd, denn:

ein geheimnisvoller Schrecken, zugleich die Empfindung eines schicksalschweren Augenblickes und eines betaubenden Gluckes hatten mich getroffen [...] vor mir im hellen Lampenlichte sah ich die Augen und das blasse Antlitz meines Nachtgesichtes [...] mir war, als habe ein Damon, der meinige, sie, wer weib woher, hier in das Hause meiner Freunde gebracht (B 593).

Franz entdeckt "so manches Eigene, Fremdartige" (B 594) an seiner Frau, die ihn verwirrte, als ware sie von einer anderen Existenz, wie er ruckblickend zu Hans sagt: "Was wissen wir denn auch von diesen Dingen" (B 594). Bezeichnend ist auch, wie Else mit gespenstischen Augen zu Franz sagt: "Du Franz, wir mussen uns fruher schon gesehen haben!" (B 606) Diesbezuglich weist Ingeborg Welp auf die Schicksalsgebundenheit und ihre Machte in Storms Novellen hin. (45) Problembereiche wie z.B, "ob das menschliche Leben Machten unterworfen ist, gegen die der Wille des Menschen machtlos ist und bei der nach dem Wesen dieser Krafte und der Art und Weise, wie sie sich den Menschen mitteilen oder gar in Erscheinung treten" (Welp 104), werden etwa auch in den beiden Grobnovellen Zur Chronik von Grieshuus (1883/84) und Der Schimmelreiter (1885/88) thematisiert.

Warum lasst Storm ausgerechnet in allen diesen Novellen der 80er Jahre seinen Erzahler sich mit der schicksalhaften Verstrickung im menschlichen Dasein auseinandersetzen? Moglicherweise konnte die Beantwortung dieser Frage auf das zunehmende Alter und die Todesasthetik Storms hinweisen. Er hat zwar die Einsicht, dass Leben und Tod unentrinnbar sind, jedoch leidet er an der Unzulanglichkeit des Menschenlebens und versucht deshalb, sich mit den visionaren schicksalhaften Machten auseinanderzusetzen, damit das in Erinnerung Gebliebene (Liebe, Gluck) trotz des Todes stets unverganglich bleibt. So fragt Else z.B. Franz, ob Liebe verschwindet, wenn der Tod da ist:

(G)laubst du, dab die Toten von den Lebenden getrennt sind? O nein, das ist nicht. Solange du mich liebst, kann ich nicht von dir; du weibt, ich kann's ja gar nicht; nicht wahr, du weibt es? Ich bleibe bei dir, du hast mich noch [...] (B 611).

Wolfgang Fruhwald konstatiert, der Tod sei in Storms spaten Erzahlungen als "Gegenbild zum Leben" zu verstehen, also als eine "Form des Menschlichen in die Ganzheit des Lebens" integriert, und somit erlosche die Individuation "nicht im Gedachtnis derer, die uberleben" (Fruhwald 12). Storm druckt seine Auffassung durch Franz Jebe als Sprachrohr aus: das, was Else so weh macht, das ist "nicht der Tod, das ist das Leben!" (B 611) Die Erlauterung dieses Satzes kann am besten mit Storms Spatgedicht "Geh' nicht hinein" (46) von 1879 veranschaulicht werden, das aufzeigt, wie der Sterbende den Abschied von der sichtbaren Welt erleidet:
   Da plotzlich losch es aus; er wub'es plotzlich,
   -Und ein Entsetzen schrie aus seiner Brust,
   [...]-er lag am Abgrund;
   Bodenlos, ganz ohne Boden.
   -[...] Taumelnd schlug
   Er um sich mit den Armen; ziellos griffen
   In leere Luft die Hande; noch ein Schrei-
   Und dann verschwand er.


Schon im Jahre 1864 hat Storm sich Gedanken uber den unausweichlichen Tod, die Sterblichkeit des Menschen und die Todesangst gemacht. Man kann das mit dem Gedicht "Beginn des Endes" (47) belegen. Er will damit den Leser "mit dem letzten Erlebnis des Menschen auf Erden, der Begegnung mit dem Tode" (Boswell 226), vertraut machen. Auch in den Novellen wird der Tod haufig als Schicksalsmacht betrachtet, der wie ein Eindringling, ein Fremder ins Leben drangt; der Tod sei gezeichnet, so Fruhwald, als "Einbruch kosmischer Kalte in das scheinbar geordnete Dasein des Individuums" (Fruhwald 13) in Storms Weltverstandnis empfunden, der dem Gluck sowie der Liebe einen tiefen Schatten gibt. Man kann in diesem Zusammenhang an seine Erlebnisse mit dem Tod seiner ersten Frau Constanze Esmarch im Jahre 1865 und dem Tod seines altesten Sohns Hans im Jahr 1886 denken. (48) Auch sein Leiden an Magenkrebs zur Zeit der Niederschrift seiner Novelle Bekenntnis im Krankenhaus, die Erfahrung der Gebrechlichkeit alles Lebenden und schlieblich der unausweichliche Tod werden unmittelbar wahrgenommen.

In Hinblick auf den Tod ist die Bejahung des Daseins, die Hinwendung zum Leben bei Storm deutlich zu beobachten. In Bekenntnis wird das Festhalten des Gluckes, auch wenn es nur kurz ist, aufgrund der Krankheit und der Todesangst, als Hinwendung zum Leben gezeigt, (vgl. B 604) wie Wunsch feststellt, es ist ein "Leben im Zeichen des Todes" (Wunsch 255). Wie Gluck ist auch Liebe als das Leben legitimierender Wert vom Tode bedroht, jedoch wird sie durch die "omniprasente Bedrohtheit vom Tode aufgewertet und gesteigert" (Wunsch 270). Die Mahnung an die Vergeudung des Lebens und die fehlende Ehrfurcht vor dem Leben wird durch den Advokaten Freund Lenthe zum Ausdruck gebracht. Er fungiert namlich als ein Lebensbote, der den isolierten, verlorenen, einsamen und lebensunmutigen Franz an das Leben erinnert:

Du siehst ubel aus [...] als ob du dein Leben ganz der Toten hingegeben hattest. Das ist Frevel, Franz! Die Stadt drauben ist in Not und Schrecken um ihre Sohne und Tochter, und du, der sonst der Helfer war, sperrst dich ab in deinem Hause und labt von deinem eigenen Gram dich fressen (B 620).

Lenthe fungiert hiermit als Sprachrohr, um an den "sozialen Gemeinschaftsgeist" (49) des Individuums, der als Bedingung des Uberlebens bei Storm zu beobachten ist, zu erinnern. Erich Schmidt weist in seinem Essay in der Deutschen Rundschau von 1880 auf die Wirkung von Storms Intention fur die Novelle hin, in dem er schreibt, Storm "will ruhren, nicht erschuttern." (50) Im Nov. 1881 erklart Storm in seinem Brief an Erich Schmidt, dass zwischen ,Ruhren' und "Erschuttern' bei ihm "wesentlich ein Drittes" stehe, namlich: "den Leser in einer herben Nachdenklichkeit uber die Dinge <des> Lebens zuruckzulassen"" (Briefwechsel 50). Das zeigt sich auch am Schluss der Novelle, in dem der Erzahler die Geschichte uber Franzens Leiden mit dessen Tod in Ostafrika abschliebt:
   So war sein Leiden denn zu Ende.-Ob eine solche Bube notig, ob es
   die rechte war, daruber mag ein Jeder nach seinem Inneren urteilen;
   dab mein Freund ein ernster und ein rechter Mann gewesen ist, daran
   wird Niemand zweifeln.


Schluss

In Storms Spatwerk Ein Bekenntnis zeigen sich Lebenskonflikte und Lebenshaltung des Dichters. Als Kind seiner materialistischpositivistischen Zeit und unter dem Einfluss des Fortschritts der Naturwissenschaften und der medizinischen Entwicklung sieht er seine Erkenntnis bestatigt, dass Gluck und Liebe im Irdischen stets der Verganglichkeit und dem Tod unterworfen sind. Dem tragischen Schicksal mit seinen unbeherrschbaren Machten und verhangnisvollen Wirkungen ist jeder Einzelne unterworfen. Mit seinen literarisch erprobten Fiktionen im geschichtlichen Kontext versucht Storm, sich mit dem Schicksal auf der Ebene der zeitgemaben medizinethisch sowie psychologisch fundierten Kenntnisse auseinanderzusetzen. Dabei bildet die Verganglichkeit stets den Grundakkord seiner gesamten Welt-und Lebensauffassung. Die Ehrfurcht vor dem Leben und die Wahrnehmung der Kurze des Gluckes, der Liebe und deren Verganglichkeit im Leben werden im Schicksal des hochmutigen Arztes Franz Jebe und in der tiefen ehelichen Liebe zwischen ihm und seiner Frau Else als hochste Begluckung deutlich. Liebe dient insofern als Stutze im Leben, das gelebt wird, trotz des Leidens durch die Krankheit, trotz des unabweislichen Todes und der Unzulanglichkeit des menschlichen Existenz.

Wie wir den Gedichten Storms entnehmen konnen, hat er sich mit den Themen Todesangst und Sterblichkeit des Menschen schon in den 60er Jahren auseinandergesetzt. Dass er sich kurz vor dem Ende seines Lebens in der Novelle Ein Bekenntnis noch mit dem Thema "Sterbehilfe" beschaftigt hat, kann mit folgenden Grunden erklart werden: die moralische Frage war fur ihn stets besonders wichtig; hinzu kommt, dass er in der Familie den Verlust geliebter Menschen (Constanze Esmarch, Hans Storm) erlebt hat und dass er die Magenkrebskrankheit und den bevorstehenden Tod wahrgenommen hat. Schlieblich liegt ein Grund auch darin, dass das Thema Krebskrankeit bei den Frauen damals ein Ausgangspunkt fur den Euthanasiediskurs war. Storm versucht, der Unzulanglichkeit des Menschentums Widerstand zu leisten, indem er die unergrundliche Menschenseele, angeknupft an wissenschaftliche Veroffentlichungen (Perty, Daumer etc.), in der Novelle in Form einer Traumvision gestaltet, um so die Schicksalsgebundenheit im Leben darzustellen. Storms Bekenntnis-Novelle von 1887 kann insofern als ein nicht zu ubersehendes Beispiel fur den Euthanasiediskurs der Zeit betrachtet werden kann: Er hat namlich die medizinischen Fakten bezuglich der Behandlung der carcinoma uteri als Erzahlmotiv in die Novelle eingebaut und das Schuldbekenntnis aufgrund der 'Sterbehilfe' durch die Arztfigur zum Ausdruck gebracht. Dabei erreicht er die Verknupfung seines eigenen Seelenzustands und der subjektiven Grenzen mit der "objektiven" Rationalitat der medizinischen Leistung zu einem uberzeitlichen Kunstwerk, das mit seinen interdisziplinaren Perspektiven die medizinische Vorlage, die psychologischen Abhandlungen und die durch die Euthanasie hervorgerufenen juristischen, bioethischen und moralischen Auseinandersetzungen-ein eindrucksvolles Bild der Zeit und der Gesellschaft entwirft. So gesehen verdient Storms Bekenntnis, das bisher in der Forschung nicht genugend berucksichtigt wird und deshalb unter Storms Werken wenig bekannt ist, eine grobere Beachtung, auch weil der Themenbereich wie "Totung auf Verlangen" (51) bis heute im Zusammenhang mit dem Euthanasiediskurs uber "lebensunwertes Leben" noch aktuell und umstritten ist. (52)

[Received 18 May 2012; accepted 12 June 2012]

Anmerkungen

* Zitat aus dem Brief von Storm an Paul Heyse, datiert von 15. Juli 1887, Briefwechsel 156.

(1) Paul Heyses Novelle Auf Tod und Leben, in Paul Heyse. Novellen. 22. Bd. Auf Tod und Leben und andere Novellen. Stuttgart und Berlin: Cotta'she Buchhandlung Nachfolger, 1909. 1-61; Marie von Ebner-Eschenbachs Die Reisegefahrten, in M. v. E-E. Die schonsten Erzahlungen. Neue Folge. Munchen: Nymphenburger Verlagsbuchhandlungen, 1960. 160-191. Erst 1895 erschien Adolf Josts Das Recht auf den Tod. Sociale Studie. Gottingen: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung. 1922 hat Prof. Dr. Jur. et. phil. Karl Binding und Dr. med. Alfred Hoche die heutige Diskussion eroffnet. Unter dem Einfluss der Beiden erreichte die Diskussion uber die Euthanasie im 20. Jahrhundert ihren eigentlichen Hohepunkt. K. Binding u. A. Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Mab und ihre Form. Leipzig: Felix Meiner, 1920.

(2) Auber in Peter Sprengels Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870-1900 wird die Novelle nicht in den Geschichten deutschsprachiger Literatur erwahnt, wie z.B. von Lerke von Saalfeld u.a.; Grabert-Mulot-Nurnberger; Hans Gerd Rotzer und B. Baumann / B. Oberle.

(3) Elisabeth Pfeil, "Das Problem der Sterbehilfe bei Theodor Storm, Paul Heyse und Marie von Ebner-Eschenbach". Archiv fur Bevolkerungspolitik, Sexualethik und Familienkunde 2 (1931): 94-101.

(4) Ingeborg Welp, Das Problem der Schicksalsgebundenheit in den Novellen Theodor Storms. Diss. Univ. Frankfurt am Main. 1952; zu Bekenntnis, siehe III. 93f.

(5) Jan U. Terpstra, "Die Motivik des Visionaren und Marchenhaften in Storms Novelle Ein Bekenntnis als archetypischer Ausdruck des Unbewubten". Literaturpsychologische Studien und Analysen hg. v. Walter Schonau, 131-168.

(6) Marianne Wunsch, "Experimente Storms an den Grenzen des Realismus: neue Realitaten in ,Schweigen' und ,Ein Bekenntnis'". Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 41 (1992): 13-23 und Lynne Tatlock: "Theodor Storm's ,Ein Bekenntnis': Knowledge as ,masculine' credo." Seminar 31 (1995) 4: 300-313.

(7) Man denke in diesem Zusammenhang an Susan Sontags Illness as Metaphor and Aids and it's Metaphors, erschien erstmals 1978 in New York. Rene Martin stellt in seinem Buch Eine Krankheit zum Tode. Aids in der deutschsprachigen Literatur dar, dass die erste deutschsprachige Autobiographie, die Aids zentral thematisiert, 1987 erschien Verbluhender Mohn v. Joseph Gabriel Martin, ebd., 10. Nach Martin erschienen zahlreiche Autobiographien oder Tagebuchauszeichnungen in den 90er Jahren, die Aids thematisieren. Ein Beispiel fur die Auseinandersetzung mit der Aidskrankheit in den Medien ware der Hollywood-Film Philadelphia, Darsteller sind Tom Hanks und Denzel Washington. Es war ein aufsehenerregender Film, weil er Aids und Homosexuelle behandelt und dabei sehr eindringlich das aktuelle Thema darstellt.

(8) Marion Moamai, Krebs schreiben. Deutschsprachige Literatur der siebziger und achtziger Jahre. Diss. Montreal Univ, 1993; Rudolf Kaser, Arzt, Tod und Text: Grenzen der Medizin im Spiegel deutschsprachiger Literatur. Munchen: Fink, 1998, insbesondere Kap. V. (Habilitationsschrift Univ. Zurich, 1996/1997).

(9) Es war zwischen Oktober 1886 bis Ende Februar 1887; siehe Stroms Brief an Erich Schmidt, datiert vom 24. 5. 1887; vgl. auch Gertrud Storms Bericht, dass ihr Vater "schon im Februar 1887, noch im Bette liegend <...>die ersten Szenen seiner Novelle" diktiert habe, in: G. S., Theodor Storm. Ein Bild seines Lebens, Bd. 2: Mannesalter. Berlin: Verlag von Karl Curtius, 1913, 227.

(10) 63 (1887):1-28.

(11) "Gedruckte Todesanzeige Dezember 1886," Stormlekturen, 120.

(12) Siehe Theodor Storm-Wilhelm Petersen, Briefwechsel hg. v. Brian Coghlan. Berlin: E. Schmidt, 1984; es waren fast wortwortliche Ausfuhrungen aus den Publikationen uber diesen Gegenstand, z.B. uber das Operationsverfahren. Auch in dem Begleitbrief an den Verlag vom 12. Juli 1887 wurde die Auskunft von Dr. Ludwig Glaevecke erwahnt: " [...] Durch Correspondenz mit dem ausgezeichneten ersten Assistenten der Frauenklinik in Kiel erhielt ich nun letzten Sonnabend die erfo(r)derliche Auskunft (...)", Samtliche Werke, Bd. 3, Entstehung zu Bekenntnis 1031; auch Quellen zu Bekenntnis, Samtliche Werke, Bd. 3, 1035.

(13) Storm, ebd., 1035. Der genaue Titel lautet: Wilh. Alex. Freund, "Eine neue Methode der Exstirpation des ganzen Uterus". Sammlung klinischer Vortrage in Verbindung mit deutschen Klinikern hrsg. v. Richard Volkmann. No.133. Dreizehntes Heft der funften Serie. Leipzig: Druck und Verlag von Breitkopf und Hartel, 1878; zwar unter Nr. 133 (Gynakologie No. 41) klinischer Vortrage. 911-924. Die Verfasserin vorliegender Arbeit hat in der medizinischen Fakultat der Univ. Bonn diesen Artikel nachgesehen.

(14) In dem Brief Freunds an Geheimrat R. Frommel, der im Handbuch fur Gynakologie abgedruckt ist; siehe Storm, Samtliche Werke, Band 3: Novellen, Quellen zu Bekenntnis, 1035-36.

(15) Aufgenommen in Paul Heyse, Himmlische und irdische Liebe. Berlin: Hertz Verlag, 1886.

(16) Storms Antwortbrief an Heyse, datiert vom 4. Dez. 1885, 122-23; siehe auch Th. Storm, Samtliche Werke, Band 3: Novellen, 1881-1888, Entstehung zu Bekenntnis, 1029.

(17) Storm. Samtliche Werke, Band 3: Novellen, Entstehung zu Bekenntnis, 1032.

(18) Paul Heyses Briefe an Storm, 27. 10. 1885 und Storms Antwortbrief, datiert vom 4. 12. 1885; zit. n. Th. Storm, Samtliche Werke, Band 3: Novellen, 1881-1888, Entstehung zu Bekenntnis, 1029.

(19) Ein Bekenntnis, 631, nach folgender Ausgabe zitiert: Th. Storm, Samtliche Werke, Band 3: Novellen, 1881-1888, hg. v. Karl Ernst Laage, Sonderausgabe. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1998 (Die in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe, wird mit B vermerkt).

(20) Ein Bekenntnis, ebd. Yahya Elsaghe weist auf Storms Novelle im zeit-und rechtsgeschichtlichen Kontext hin. Es ist nach ihrer Meinung bemerkenswert, dass diese Novelle in dem Jahr erschien, "in dem sich der Deutschen Kolonialverein und die Gesellschaft fur deutsche Kolonisation zur Deutschen Kolonialgesellschaft zusammenschlossen"; und dass die Novelle zwei Jahre nach der Berliner Kongo-Konferenz erschien, die als der "Einstieg des Deutschen Reichs in den europaischen Kolonialimperialismus" gelten konne. Y. E. Krankheit und Matriarchat. Thomas Manns "Betrogene" im Kontext, 70-85; hier 71 und Kap. 2.1 Theodor Storm: Ein Bekenntnis. Auch fugt sie hinzu, dass die Novelle in einem Kommunikationszusammenhang zur deutschen Kolonisierung Ostafrikas, zu ihrer moralischen Legitimation als hier medizinische-Entwicklungshilfe und zur Verschleierung ihrer-hier hygienisch -schlimmen Folgen" stehe. Y. E., ebd., 73.

(21) Storm. Samtliche Werke, Bd. 3, Quellen zu Bekenntnis, 1035.

(22) Ebd., 1034.

(23) Wie z. B. Die Reisegefahrten von Marie v. Ebner-Eschenbach. Es ist die einzige Novelle der Autorin, in der sie eingehend das damals viel erorterte Thema "Euthanasie" in Verbindung mit der Ethik der Gesellschaft sowie der arztlichen Pflicht dargestellt hat; siehe auch den Aufsatz der Verfasserin der vorliegenden Arbeit: "'Tod und Sterben': Death Education und bewusstes Leben anhand literarischer Beispiele". Journal of Applied Foreign Languages, 6 (2006): 149-169; insbesondere Kap. 4.2.: Arztliche Pflicht und Euthanasie: Ebner-Eschenbachs Die Reisegefahrten.

(24) Adolf Jost, Das Recht auf den Tod. Sociale Studie. Gottingen: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, 1895.

(25) Gemeint ist das Buch Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Mab und ihre Form von Karl Binding und Alfred Hoche; siehe Anm. 1 vorliegender Arbeit. Es verlangte namlich die Legitimitat arztlicher Euthanasie, dass man "dem Unrettbaren mitleidlos die Fortdauer seiner Qualen bis zum Ende und seinen Angehorigen oder seinem Arzt trotz ihres Mitleids volle Passivitat" zumute; vgl. Binding/Hoche, ebd., 38.

(26) Stephan Hontsch, Aktive Sterbehilfe als Verfassungsproblem, 3; insbesondere Kap. 1: "Grundsetzliches zum Begriff Sterbehilfe".

(27) In dem medizinischen Artikel von Freund empfiehlt er eine, ganz gleich ob die Geschwulste bosartig oder nicht, "totale Uterus-Exstirpationen", da sie die rationellste Behandlung sei. Er habe in dem Artikel die Falle von gelungenen Operationen dargelegt-man konne staunen, "was hin und wieder einem menschlichen Organismus an heilkunstlerischen Bemuhungen geboten werden kann, ohne dass er zu Grunde geht". Freund, "Eine neue Methode der Exstirpation des ganzen Uterus". Sammlung Klinischer Vortrage, 921.

(28) "Passages from the Diary of a Late Physician". Blackwood's Edinburgh Magazine 28 (1830): 474-476, hier 474; zit. n. M. Moamai: Krebs schreiben. Deutschsprachige Literatur der siebziger und achtziger Jahre, 50. Moamai hat auber Storms Ein Bekenntnis noch Leo Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch als Beispiel genannt.

(29) Vgl. Pirre Darmon: Les cellules folles. L'homme face au cancer de l'Antiquite a nos jours. Paris: Plon, 1993, 113f.; zit. n. Marion Moamai, ebd.

(30) Blackwood's Edinburgh Magazine 28 (1830): 474-476; hier 475; zit. n. Marion Moamai, ebd.

(31) Peter Sprengel weist auf die Auseinandersetzung von Storm mit den "Hauptfragen der Zeit" hin, insbesondere mit "Werten und Strukturen der burgerlichen Gesellschaft, mit der Rolle der Sexualitat sowie mit Leistung und Grenzen der wissenschaftlichen Rationalitat", z. B. Medizin und Technik; Sprengel, Geschichte deutschsprachiger Literatur, 310.

(32) Ludwig Edelstein, Der Hippokratische Eid. Zurich und Stuttgart: Artemis, 1969. 7-8; zit. n. Udo Benzenhofer, Der gute Tod? Euthanasie und Sterbehilfe in Geschichte und Gegenwart, 208.

(33) Siehe C. Lichtenthaeler, Der Eid des Hippokrates. Ursprung und Bedeutung. XII. Hippokratische Studie. Koln: Deutscher Arzte-Verlag. 1984. 257-260; zit. n. Klaus Bergdolt, Das Gewissen der Medizin. Arztliche Moral von der Antike bis heute, 48.

(34) C. Lichtenthaeler, ebd., Einleitung; zit. n. Klaus Bergdolt, Das Gewissen der Medizin, ebd.

(35) Ludwig Edelstein, Der Hippokratische Eid. Zurich und Stuttgart: Artemis, 1969. 7-8; zit. n. Udo Benzenhofer, Der gute Tod? Euthanasie und Sterbehilfe in Geschichte und Gegenwart, 208.

(36) Josef De Cort, "Die Rolle der Ethik in Storms epischem Werk", 107. Cort hat jedoch Storms Novelle Ein Bekenntnis vernachlassigt.

(37) Kaser, Arzt, Tod und Text: Grenzen der Medizin im Spiegel deutschsprachiger Literatur 165. Nach dem Strafgesetzbuch fur die Preubischen Staaten wird der Mord "mit dem Tode bestraft. Neben der Todesstrafe ist zugleich auf Verlust der burgerlichen Ehre zu erkennen, wenn der Mord an einem leiblichen Verwandten der aufsteigenden Linie oder an dem Ehegatten begangen wird." Berlin: Martens, 1857; zit. n. Yahya Elsaghe, Krankheit und Matriarchat, 75.

(38) Ein Bekenntnis, 581; Peter Sprengel, Geschichte deutschsprachiger Literatur, 96.

(39) Leipzig und Heidelberg: C. F. Winter, 1861.

(40) 2 Bande. Dresden: Verlag von Woldemar Turk, 1867; vgl. Peter Sprengel, Geschichte deutschsprachiger Literatur, 323; Sprengel weist noch auf Elsis Geburtsnamen "Fubl" hin, der an das beruhmte Bild "Der Nachtmahr" von Johann Heinrich Fubli denken lasst, das schon in der Goethezeit als "Inbegriff des Schauerlichen" galt; Sprengel, ebd.

(41) Der Begriff Parapsychologie geht auf Max Dessoir (1867-1947) zuruck, versteht sich selbst als wissenschaftlicher Forschungszweig, der angebliche psychische Fahigkeiten und ihre Ursachen sowie ein mogliches Leben nach dem Tod untersucht. Parapsychologie befasst sich auch mit den Erscheinungen, die "aus dem normalen Verlauf des Seelenlebens" heraustreten. Max Dessoir, "Die Parapsychologie. Eine Entgegnng auf den Artikel 'Der Prophet'". In: Sphinx. Monatsschrift fur die geschichtliche und experimentale Begrundung der ubersinnlichen Weltanschauung auf monistischer Grundlage. IV. 7, 1889. 341-344; hier 342; zit. n. Priska Pytlik, Okkultismus und Moderne, 70.

(42) Okkultismus, einfach gesagt, ist ein Sammelbegriff fur alle Geheimwissenschaften, die sich mit "ubersinnlichen', "ubernaturlichen' Kraften, die naturwissenschaftlich nicht erklarbaren bzw. noch nicht naturwissenschaftlich erklarten Phanomenen befassen; siehe Werner F. Bonin. Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Bern/Munchen: Scherz, 1976, 366; zit. n. Priska Pytlik, Okkultismus und Moderne, 24.

(43) In Bekenntnis schilderte Franz dem Erzahler sein Gluck mit Else: "o, ein Gluck!-Ich hatte einst den Fouqueschen Ritter Huldbrand beneidet, wie er mit einer Undine seine Brautnacht feiert; ich hatte nicht gedacht, dab dergleichen unter Menschen moglich sei", Storm, Ein Bekenntnis, 594.

(44) Z.B. auber Fouques Einwirkung finden sich noch Anklange an E.T.A. Hoffmann und Eichendorff; Terpstra. "Die Motivik des Visionaren und Marchenhaften in Storms Novelle Ein Bekenntnis als archetypischer Ausdruck des Unbewubten", 133.

(45) Ingeborg Welp untersucht in ihrer Dissertation die Schicksalsgebundenheit in Storms Novellen. Sie konstatiert, es hange jedoch von der Haltung des Erzahlers ab, ob er sich der Einsicht offnen konne, "das Leben sei von geheimnisvollen Machten abhangig", oder er konne dieser Einsicht verschlieben, wie z.B. in Auf dem Staatshof und Eekenhof klang der Distanz von allem Unerklarlichen an; wahrend in den Novellen Sonnenschein, Renate und Wasserfreude die "Moglichkeit einer schicksalhaften Verstrickung im menschlichen Dasein einfach ubersehen und zugunsten anderer Probleme in den Hintergrund gedrangt" wurde; Welp, Das Problem der Schicksalsgebundenheit in den Novellen Theodor Storms, 93.

(46) "Geh' nicht hinein", Th. Storm, Samtliche Werke in vier Banden. Band 1. Gedichte, Novellen. 1848-1867 hg. v. Dieter Lohmeier, 93-94.

(47) "Beginn des Endes", Th. Storm, ebd., 86.

(48) "Gedruckte Todesanzeige, Dezember 1886"; Dieter Lohmeier, "Der Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Ferdinand Tonnies", Stormlekturen, 120.

(49) Peter Sprengel weist darauf hin, dass neben dem Postulat "sozialer Gemeinschaftsgeist" die "familiare Geborgenheit" bei Storm als Bedingung des Uberlebens erscheint und zwar unter dem Einfluss des mit Storm befreundeten Soziologen Ferdinand Tonnies, der 1887 das Buch Gemeinschaft und Gesellschaft veroffentlicht hat; vgl. Sprengel, Geschichte deutschsprachiger Literatur, 321.

(50) Mit dem Wort "will ruhren, nicht erschuttern" versucht Erich Schmidt Storms Dichtung zu charakterisieren; Theodor Storm-Erich Schmidt. Briefwechsel. Kritische Ausgabe. Zweiter Band: 1880-1888, 180, Anmerkung 40.

(51) Nach Udo Benzenhofer sind verwandte Themen, wie z.B. "Legitimitat der Fremdtotung bzw. Selbstotung oder Umgang mit Schwerkranken" -jeweils so etwas wie eine "Grundeinstellung" zur "Euthanasie' schon in fruherer Zeit zu erschlieben, U. Benzenhofer, Der gute Tod, 43.

(52) Man denke an den HBO Film von 2011 You don't know Jack mit Al Pacino als Hauptdarsteller, in dem der 61 jahrige Arzt Jack Kevorkian auch "Dr. Death" genannt--in den 90er Jahren nach eigenen Angaben fast 130 unheilbar kranke Menschen dabei unterstutzt hat, sich das Leben zu nehmen, obwohl Sterbehilfe gesetzlich verboten ist. Diese Patienten glauben namlich, sie wurden ein lebensunwertes Leben fuhren. Trotz seiner auf das Recht auf den eigenen Tod pochenden Rechtfertigung wurde Dr. Jack angeklagt und ins Gefangnis gebracht.

Benutzte Literatur

Benzenhofer, Udo. Der gute Tod? Euthanasie und Sterbehilfe in Geschichte und Gegenwart. Beck'sche Reihe; 1328. Munchen: Beck, 1999.

Bergdolt, Klaus. Das Gewissen der Medizin. Arztliche Moral von der Antike bis heute. Munchen: Beck, 2004.

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Fruhwald, Wolfgang. "Der Enthusiasmus des Lebens. Individuation und Psychologisierung in Theodor Storms spaten Erzahlungen". Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft. Schrift 33 (1984): 9-18.

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Martin, Rene. Eine Krankheit zum Tode. Aids in der deutschsprachigen Literatur. Mannheimer Studien zur Literatur-und Kulturwissenschaft; Band 4. St. Ingbert: Rohrig Universitatsverlag, 1995 (Diss. Univ. Mannheim, 1994).

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--. Theodor Storm-Paul Heyse. Briefwechsel. Kritische Ausgabe. Dritter Band: 1882-1888. Hg. v. Clifford Albrecht Bernd. Berlin: Erich Schmidt, 1974.

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Storm, Gertrud (Hg.). Theodor Storm. Ein Bild seines Lebens, Bd. 2: Mannesalter. Berlin: Verlag von Karl Curtius, 1913.

Terpstra, Jan U. "Die Motivik des Visionaren und Marchenhaften in Storms Novelle Ein Bekenntnis als archetyischer Ausdruck des Unbewubten". Literaturpsychologische Studien und Analysen hg. v. Walter Schonau. Amsterdamer Beitrage zur neueren Germanistik; Band 17. Amsterdam: Rodopi, 1983. 131-168.

Welp, Ingeborg. Das Problem der Schicksalsgebundenheit in den Novellen Theodor Storms. Diss. Univ. Frankfurt am Main. 1952.

Wunsch, Marianne. "Experimente Storms an den Grenzen des Realismus: neue Realitaten in "Schweigen' und "Ein Bekenntnis'". Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 41 (1992): 13-23.
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Author:Mei-ling Wang, Luzia
Publication:Fu Jen Studies: literature & linguistics
Article Type:Critical essay
Date:Sep 1, 2012
Words:7851
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