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"Keiner wage mir zu sagen: Du sollst!:" Thea Sternheim und ihre Welt.

"Keiner wage mir zu sagen: Du sollst!:" Thea Sternheim und ihre Welt. Hg. von Thomas Ehrsam und Regula Wyss. Gottingen: Wallstein Verlag, 2015.216 S. 24,90 [euro] (hardcover).

Der geistige Kosmos dieser Frau ist beeindruckend. Sie kannte in der Kunstszene ihrer Epoche alles, was Rang und Namen hatte, schrieb fast sieben Jahrzehnte lang Tagebuch und portratierte darin bedeutende Schriftsteller und Maler, ist Autorin eines Romans und als Fotografin eine bemerkenswerte Portratistin: Thea Sternheim, geb. Bauer (1883-1971), Ehefrau und Muse des Dramatikers Carl Sternheim. Und dennoch war sie eine beinahe Vergessene, bis 2002 im Wallstein Verlag die grosse, funf Bande im Schuber umfassende Ausgabe ihrer Tagebucher erschien, hervorragend ediert und kommentiert von den beiden Schweizer Herausgebern Thomas Ehrsam und Regula Wyss. Seitdem ist sie zumindest den an der Zeit von Weimarer Republik und Exil Interessierten ein Begriff. Ihr einziger Roman "Sackgassen," 1952 mit Unterstutzung ihres lebenslangen Freundes Gottfried Benn zur Veroffentlichung gebracht (2005 neu herausgegeben von Monika Melchert in der Reihe "Spurensuche. Vergessene Autorinnen wiederentdeckt"), fand kaum je die Aufmerksamkeit, die ihm gebuhrte. Umso verdienstvoller der jetzt vorliegende Band, reich bebildert, der der Autorin Thea Sternheim in den verschiedenen Bereichen ihres Wirkens nachforscht. Thomas Ehrsam und Regula Wyss haben ihn und die gleichnamige Ausstellung (bis November 2015 in Basel zu sehen gewesen) konzipiert.

Vier thematisch orientierte Aufsatze dringen tief in die geistige Welt der Thea Sternheim ein; hinzu kommt eine Dokumentation der Sammlung Sternheim, denn das Ehepaar Sternheim gehorte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu den ersten und bedeutendsten Sammlern moderner expressionistischer Kunstler in Deutschland (van Gogh, Picasso, Gauguin, Matisse u.a.), sowie eine ausserordentlich akribische Chronik ihres Lebens 1883-1971.

Regula Wyss stellt sie eingehend als Erzahlerin und Diaristin vor ("Schaffen durfen! Schaffen konnen!" Die Autorin Thea Sternheim). Besonders jenes umfassende, aus 34000 handschriftlichen Seiten bestehende Werk, das ein Dreivierteljahrhundert deutscher und europaischer Geschichte beleuchtet, ist staunenswert. Das Tagebuch wird zum Protokoll der Katastrophen ihres Zeitalters, aber auch der begluckenden Begegnungen mit grossen deutschen, franzosischen und belgischen Kunstlern. Detailliert vollzieht Wyss nach, wie Thea Sternheim an der Seite ihres beruhmten Mannes, nicht ohne schmerzhafte Ruckschlage, selbst zur Schriftstellerin wird.

Thomas Ehrsam folgt Thea Sternheims Positionen zu Religion und Literatur mit analytischem Blick auf ihre Bindung an den Katholizismus und die lebenslange kritische Auseinandersetzung mit der Institution Kirche. Er zeigt, wie die Lekture Lew Tolstois schon fruh die pazifistische Grundeinstellung der Thea Sternheim begrundet und spater ihre antifaschistische Uberzeugung bestarkt. Dies ist fur die Forschung besonders relevant, reiht es sie doch in die Gemeinschaft der Emigranten ein, obgleich Thea Sternheim bereits 1932 die "Gefangniszelle Deutschland" aus Abscheu vor den Nationalsozialisten verlasst. Krieg, Verfolgung und Terror hat sie in jeglicher Form gehasst.

In einem (auch sprachlich sehr uberzeugenden) Essay uber "Thea Sternheim und die bildende Kunst" geht Dorothea Zwirner der profunden kunsthistorischen Bildung der aus dem Rheinland stammenden und auf einem Internat in Brussel erzogenen Fabrikantentochter nach, fragt nach den Ursachen ihrer Vorlieben einerseits fur die Gotik, etwa den kostbaren Stundenbuchern des Spatmittelalters, und der europaischen Moderne andererseits. Das wird sich unmittelbar im Aufbau ihrer Kunstsammlung niederschlagen, die die Sternheims mit dem betrachtlichen ererbten Vermogen Theas aufbauen.

Marion Beckers und Elisabeth Moortgat schliesslich widmen sich der Fotografierleidenschaft. Als junge Ehefrau sucht sie sich ein Feld kunstlerischen Ausdrucks, in dem sie nicht mit Sternheim konkurrieren muss und in dem ihr intensiver und sehr personlicher Blick auf die Welt sichtbar wird. Prononciert arbeiten die beiden Autorinnen hier die spezifische Leistung einer Frau auf einem bis dahin von Mannern dominierten Gebiet heraus.

Gekront wird der Band durch zahlreiche Abbildungen in Duotontechnik, die erstmals in dieser Fulle einen Uberblick uber das fotografische Schaffen der Thea Sternheim seit 1905 geben. Darin finden sich Portrats ihres Mannes Carl Sternheim und der Kinder Dorothea (genannt Mopsa) und Klaus sowie bedeutender Kunsder, mit denen sie befreundet war, darunter Frans Masereel, Andre Gide, Annette Kolb, Gottfried Benn, Max Ernst, Julien Green oder Klaus Mann. Thea Sternheims ungeheure Vitalitat wird auch deutlich in ihrem Vermogen, immer wieder neue freundschafdiche Beziehungen einzugehen, insbesondere auch in der Zeit ihres Pariser Exils und den Nachkriegsjahren, und diese Freunde zu portratieren.

Damit fullt dieses geistige Portrat eine Lucke in der Reihe eindrucksvoller deutscher Kunstlerpersonlichkeiten der ersten Halfte des 20. Jahrhunderts, die erst jetzt richtig bemerkt werden kann, wenn man sich der faszinierenden Personlichkeit dieser Frau bewusst wird.

MONIKA MELCHERT

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Author:Melchert, Monika
Publication:The German Quarterly
Article Type:Book review
Date:Mar 22, 2016
Words:717
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