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Uber den 5. Kongress der finnisch-ugrischen Volker in Chanty-Mansijsk.

Die Tradition der Weltkongresse der finnisch-ugrischen Volker begann im Jahre 1992, als sich nach dem Zerfall der Sowjetunion freiere Bedingungen fur eine Entwicklung der Muttersprache und Kultur der innerhalb der Russischen Forderation lebenden Volker abzeichneten. Der Familie der eigenstandigen finnisch-ugrischen Volker schloss sich auch das 1991 seine staatliche Unabhangigkeit wiedererlangte Estland an.

Der erste Kongress fand in Syktyvkar, der zu Russland gehorenden Hauptstadt der Republik Komi statt. Die sich anschliessenden Kongresse wurde aller vier Jahre in verschiedenen Landern ausgerichtet: der zweite 1996 in Helsinki, der dritte 2000 in Budapest, der vierte 2004 in Tallinn. Vom 28. Juni bis 1. Juli 2008 war Chanty-Mansijsk, das Zentrum des Autonomen Kreises der Chanten und Mansen, Gastgeber des funften Kongresses. In der Zeit zwischen den Kongressen koordiniert ein Konsultativkomitee mit Sitz in Helsinki die Zusammenarbeit dieser Volker, wobei der Prasident dieses Komitees in Moskau residiert.

Auf dem diesjahrigen Kongress waren Vertreter von 24 finnisch-ugrischen und samojedischen Volkern anwesend. Neben den offiziellen Delegierten hatten sich auch Beobachter und Reprasentanten von Parlamenten und staatlichen Institutionen eingefunden. Der Einladung zum Kongress waren ebenso die Prasidenten von vier Staaten (Russische Foderation, Finnland, Ungarn, Estland) gefolgt, die bei den Eroffnungsfeierlichkeiten eine Rede hielten.

Der Kongress selbst fand in den Raumlichkeiten des Konzert- und Theaterzentrums "Jugra-Klassik" statt.

Der Kongress startete am 27. Juni nach der Registrierung der Teilnehmer mit einer Plenarsitzung, auf der das Arbeitsprasidium, der Redaktionsausschuss und dessen Vorsitzender sowie die Vorsitzenden der Arbeitssektionen bestatigt wurden. In das Prasidium wurden gewahlt: Valerij Markov (Russland), Janos Pusztay (Ungarn), Tonu Seilenthal (Estland) ja Merja Hannus (Finnland).

Der Rest dieses Tages war fur die Arbeit in den funf Sektionen verplant: 1. ethnische Politik und Recht, 2. Kultur, 3. Sprache und Bildung, 4. Medien und 5. Gesundheit, Demografie und Familie. In jeder Sektion wurden zu den zwei Plenarvortrage eine Vielzahl weiterer Reden gehalten. Abgesehen von der Sektion fur Medien waren die Vorsitzenden der anderen Sektionen den Teilnehmern bis zur letzten Minute unbekannt.

An der Arbeit der Sektion fur ethnische Politik und Recht beteiligten sich Angehorige von 22 Volkern, denen 73 Diskussionsbeitrage zu Gehor gebracht wurden. Vortrage hielten Viktor Rycckov (Komi-Permjake), Lidija Vello (Nenzin), Zinaida Strogal scikova (Wepsin) und Valerij Markov (Komi-Syrjane). Diese Sektion unterbreitete unter anderem den Vorschlag, in Russland ein Ministerium fur Nationalitatenpolitik einzurichten und dem Begriff (nationale) Minderheit einen genau definierten Inhalt zu geben.

In der Sektion fur Kultur hatte sich 150 Teilnehmer versammelt, 15 traten mit Vortragen auf, so Ildiko Lehtinen aus Finnland und Pjotr Tultajev aus der Mordvinischen Republik. Einige Anwarter gelangten jedoch gar nicht ans Rednerpult, weil die Arbeit der Sektion in dem Saal stattfand, der noch fur die feierliche Kongresseroffnung hergerichtet werden musste. Fur die Schlussresolution unterbreitete diese Sektion 15 Vorschlage, von denen die Einrichtung eines TV-Kanals fur die Entwicklung des so genannten kulturellen Tourismus hervorgehoben werden sollte.

In der Sektion fur Sprache und Bildungwaren 120 Teilnehmer vereint, 28 hielten Vortrage und 17 Vorschlage wurden fur die Resolution eingereicht. Unter den Vortagenden waren der Este Mart Rannut und die Mansin Svetlana Popova. Von der Sektion ging der Appell aus, dass eine muttersprachliche Grundschulbildung zu den Menschenrechten gehort. Die Verehrung der Muttersprache musse den Kindern anerzogen werden, der Unterricht in der Muttersprache bedurfe der Modernisierung (Computerspiele) und die Methodologie musse abwechslungsreicher gestaltet werden (Methode des Sprachnestes). Die Vertreter der in Russland lebenden finnisch-ugrischen Sprachen machen sich ernsthaft Sorgen um die Verringerung des Anteils der nationalen Komponente in den foderalen Lehrprogrammen. Grosse Bedeutung komme dem Vorhandensein ethnischer Schulen und der Erschaffung einer muttersprachlichen Terminologie zu.

Die Sektion fur Medien, die von dem Esten Rein Sikk geleitet wurde, umfasste eine geringe Personenzahl und so hatte sich diese bereits im Mai 2008 in Tartu (Estland) zu einem Treffen eingefunden. Und so war sie auch die einzige Sektion mit deren Vorschlagen man sich schon vor dem Kongress vertraut machen konnte. Vortrage hielten Aleksandr Abdulov (Republik Mari El) und Jurij Micsanin (Mordvinische Republik). Zur Hervorhebung kamen die Fortbildung von Journalisten aus den in Russland ansassigen finnisch-ugrischen Volkern in Estland und Finnland sowie das Recht auf den Gebrauch der nationalen Sprachen in Behorden und im Alltagsleben, ebenso das Verfassen von Diplomarbeiten in der Muttersprache.

In der Sektion fur Gesundheit, Demografie und Familie horte man insgesamt 17 Vortrage und Diskussionsbeitrage von Vertretern aus vier Landern, darunter von dem Ungarn Gyorgy Vukovics und dem Udmurten Nikolaj Strelkov. Zu den thematischen Eckpfeilern zahlten die demografische Situatiom der finnisch-ugrischen Volker, der Klimawandel, Volksmedizin und Suchtkrankheiten.

Die Verteilung der Kongressteilnehmer auf die einzelnen Sektionen war schon mit der Anmeldung zum Kongress einhergegangen. Trotzdem bestand die Moglichkeit, sich Vortrage und Wortmeldungen auch in anderen Sektionen anzuhoren. Fur Redner gab es Probleme mit der Bereitstellung von notwendigen technischen Geraten, so musste man in der Sektion fur Sprache und Bildung am Vormittag des ersten Arbeitstages lediglich mit einem Mikrofon zurechtkommen. Personen, die mit dem Vorhandensein von verschiedenen Projektoren bzw. mit dem Einsatz von Power Point gerechnet hatten, mussten sich vor Ort rasch umorientieren oder ganz auf ihren Auftritt verzichten. Am Nachmittag konnten die im Saal Anwesenden eine Power-Point-Prasentation schon auf einem kleinen Fernsehbildschirm verfolgen.

Der Abend war der feierlichen Kongresseroffnung vorbehalten, wo der Prasident des Gastgeberlandes, Dmitrij Medvedev, das Wort ergriff, ihm folgten der ungarische Prasident Laszlo Solyom, die finnische Prasidentin Tarja Halonen und der estnische Prasident Toomas Hendrik Ilves. Danach waren die auslandischen Prasidenten zum festlichen Empfang des russischen Prasidenten geladen und konnten dort ihre Gedanken mit Teilnehmern des Kongresses austauschen.

Der 28. Juni wurde mit einer Plenarsitzung eingeleitet, auf der auch die Prasidenten von Ungarn, Finnland und Estland zugegen waren. Vertreter von staatlichen russischen Institutionen und von internationalen Organisationen uberbrachten ihre Grussworte aus. Der Auftritt des Vorsitzenden des Ausschusses fur auswartige Angelegenheiten der Russischen Staatsduma, Konstantin Kosaccov, veranlasste den estnischen Prasidenten T. H. Ilves den Saal zu verlassen. Ein wenig spater gingen auch die Prasidenten T. Halonen und L. Solyom.

Valerij Makarov, der Prasident des Internationalen Finnisch-ugrischen Konsultativkomitees, verlas den Rechenschaftsbericht, der durch die Versammelten bestatigt wurde.

Der uberwiegende Teil des Tages war den Wortmeldungen der Vertreter der finnisch-ugrichen und samojedischen Volker (insgesamt 24) vorbehalten. Diese Vortrage wurden entweder in der jeweiligen Muttersprache oder auf Russisch dargeboten. Die ersten drei Redner waren die Estin Ivi Eenmaa, der Vertreter des livischen Volkes, Aldis Ermanbriks, und die Vertreterin der Setu, Oie Sarv. Die ubrigen 21 Vertreter der finnisch-ugrischen und samojedischen Volker waren: Zoja Bolina (Enzen), Michail Mosin (Ersa-Mordvinen), Seppo Lallukka (Finnen), Jeremej Ajpin (Chanten), Gyorgy Nanovfszky (Ungarn), Aleksanteri Kirjanen (ingermanlandische Finnen), Olga KoEnkova (Ishoren), Viktor Bogdanov (Karelier), Bjornar Seppola (Kvanen), Sergej Gabov (Komi-Syrjanen), Viktor Rycckov (Komi-Permjaken), Tat'jana Gogoleva (Mansen), Larisa Jakovleva (Mari), Nikolaj Merkuc skin (Mokscha-Mordvinen), Aleksandr Jevaj (Nenzen), Frau CSolnitskaja (Nganassanen), Klemetti Nakkalajarvi (Samen), Anastassija Kalina (Selkupen), Anatolij Golovkin (Tver-Karelier), Valentin Tubylov (Udmurten), Zinaida Strogal'scikova (Wepsen).

Themen, die von den kleinen finnisch-ugrischen Volkern immer wieder angesprochen wurden, waren die Urbanisierung, die Industrialisierung und die skrupellose Ausnutzung von Naturschatzen sowie die daraus resultierende Vernichtung ihres ursprunglichen Lebensraumes, ebenso das Fehlen einer muttersprachlichen Grundschulbildung und die zu geringen Moglichkeiten fur eine praktische Anwendung der Muttersprache. Ein Punkt der noch hervorgehoben wurde, war die Tatsache, dass die angestammten Volker in zu geringem Masse in den regierenden Institutionen und staatlichen Behorden vertreten sind. In einigen Beitragen wurden Angaben zur demografischen Situation und den Lebensbedingungen des jeweiligen Volkes offengelegt. Zur Sprache kamen auch Probleme uber die Lage der finnisch-ugrischen Diaspora, Volksgruppen die ausserhalb der eigentlichen Republik leben: dieser Bevolkerungsteil wird oft weder von der Administration ihres standigen Wohnsitzes noch von der eigentlichen Republik ihrer Volkszugehorigkeit unterstutzt.

Einige Redner griffen den von Prasident D. Medvedev in seiner am Vortag gehaltenen Eroffnungsrede gemachten Vorschlag--den Sitz des Konsultativkomitees von Helsinki nach Russland zu verlegen--auf. So ausserten die Vertreter aus verschiedenen Regionen Russlands die Absicht, den Hauptsitz in ihrem administrativen Gebiet (z. B. in Saransk, Syktyvkar, Petrozavodsk, Chanty-Mansjisk) oder irgendwo in Russland einrichten zu wollen.

Alle Vortrage wurden synchron in die englische und russische Sprache ubersetzt. Leider nahm man es bei den Ubersetzungen nicht ganz so genau, so war in einigen Fallen zu bemerken--wie namlich beim Setu-Vertreter--wo ganze Satze nicht in die Fremdsprache ubertragen worden waren. Offensichtlich ging man davon aus, dass die Zuhorer im Saal nicht gleichzeitig den Text des Redners und dessen Ubersetzung verfolgen.

Der dritte Kongresstag (30. Juni) wurde mit einer Planarsitzung eingeleitet, auf der die Vorsitzenden von funf Sektionen eine Zusammenfassung der in den vorangegangenen zwei Tagen geleisteten Arbeit vorlegten und dem Kongress daraus resultierende Vorschlage unterbreiteten. Anschliessend fiel die Entscheidung uber zwei sehr wichtige Fragen: Und zwar als erstes die Festlegung des Ortes fur den zukunfigen Hauptsitzes des Konsultativkomitees, wobei hierzu im Saal eine sehr lebhafte und stellenweise hitzige Diskussion entbrannte. Denn bereits am Vortag hatten Vertreter von einigen in Russland lebenden finnisch-ugrischen Volkern ihr administratives Zentrum als neues Zuhause fur das Komitee angeboten, so mancher russischer Vertreter sah es einfach als notwendig an, den Hauptsitz von Helsinki nach Russland zu verlegen. Andere hingegen --so wie die Vertreter Ungarns, Finnlands, Estlands und auch mehrere in Russland ansassige finnisch-ugrische Volker erhoben ihr Stimme fur ein Verbleiben in Helsinki. Bei der Abstimmung waren die Esten, Liven, Setu, Enzen, Finnen, ingermanlandischen Finnen, Ungarn, Tver-Karelier, Kvanen, Nganassanen, Samen, Selkupen und Wepsen fur Helsinki. Die Ersa- und Mokscha-Mordvinen boten ihr Saransk an, so wie die aus der Karelischen Republik stammenden Karelier ihr Petrosavodsk und die Komi-Syrjanen und Chanten die Stadt Syktyvkar. Der Rest der Stimmberechtigten hatte keine richtige Meinung uber einen neuen Standort und sprach sich allgemein fur Russland aus. Ein Kongressgast schlug sogar Moskau vor. Da kein Konsens erzielt werden konnte, blieb der am 12.02.2008 vom Konsultativkomitee verabschiedete Beschluss --der Hauptsitz des Konsultativkomitees befindet sich in Helsinki--in Kraft.

Fur die Ausrichtung des fur 2012 vorgesehenen 6. Kongresses der finnisch-ugrischen Volker schlugen die Ungarn ihre Stadt Komarom (Komom) vor.

Danach wurde uber die Deklaration des Kongresses, zu der eine vorbereitete Textfassung vorlag, diskutiert. Da der Redaktionsauschuss konstruktive Arbeit geleistet hatte, gab es bei der Verabschiedung des Dokuments keine grosseren Probleme. Die Resolution des Kongresses besteht aus einer Praambel und funf Punkten: ethnische Politik und Recht, sprachliche Rechte und Bildung, Kultur, Massenmedien sowie Demografie, Gesundheit und Okologie. In Abweichung von der Tradition sprach man in der Schlussresolution dem Veranstalterland, d. h. Russland, seinen Dank aus.

Neben den Sitzungen gehorten eine ganze Reihe Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen zum Kongressprogramm. Um aber diese besuchen zu konnen, musste man auf die Teilnahme an Kongresssitzungen verzichten.

Der Abschluss des Kongresses fand in dem reprasantativen Hotelkomplex "Jugorskaja Dolina" statt. Die eigentlich zu erwarten gewesene chantisch-mansische Kultur fehlte leider auf dem Programm.

Obwohl die Delegationen untereinander Geschenke austauschten, hatte man auch wie tradionellerweise ublich mit dem Verkauf von Buchern, CDs und Souvenirs aufwarten konnen. Der Kongress in Chanty-Mansijsk fiel durch Anonymitat seiner Teilnehmer auf: So fehlten auf den Namenschildern die Volkszugehorigkeit und/oder das Herkunftsland des Tragers. An keiner Stelle wehten weder nationale Flaggen noch gab es andere nationale Symbolik. Man wunschte sich all dies ware auf dem nachsten Kongress wieder zu sehen.

JAAN OISPUU (Tallinn)

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Jaan Oispuu

Oismae Humanitaargumnaasium

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Publication:Linguistica Uralica
Date:Dec 1, 2008
Words:1812
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